Daaanke an Danbo31 und SevMine! xx


In Kapitel 13: Der Streich um Snapes größte Abscheu schlug fehl, nicht die Mädchen, sondern ein Voldemort aus Rauch erschien im Klassenzimmer. Aus der Bahn geworfen und vom schlechten Gewissen geplagt, machte sich Hermione auf den Weg in die Kerker, um mit dem Tränkemeister zu reden.


Kapitel 14 - Nächtliche Aussprache


Hermione fuhr herum.
„Nur keine Panik, Miss Granger, ich werde Ihnen nichts antun."
„Severus", flüsterte sie eindringlich.
„Gefällt es Dir so gut hier unten, dass Du schon wieder freiwillig herkommst?", fragte Severus ironisch, doch sein Gesicht war ernst.
„Ich wollte mir Dir reden."
„Ja, warum sonst solltest Du hier herkommen, wenn nicht zum Reden?" Fließender Sarkasmus.

„Herrgott, lass das!", fuhr sie ihn an. „Ich komme her, um mit Dir zu reden, weil ich ein verdammt schlechtes Gewissen habe, weil es mir total beschissen geht und weil ich weiß, dass es Dir genauso geht. Wo liegt also Dein Problem? Kannst Du bitte noch mal rausgehen, dort Deinen Sarkasmus ablegen, dann wieder reinkommen und wir beginnen das Gespräch noch einmal?"
Er runzelte die Stirn und machte mit hochgezogener Augenbraue bedrohlich einen Schritt auf sie zu. „Versuchen Sie gerade, mich aus meinem eigenen Klassenzimmer zu werfen, Miss Granger?"
„Wer sitzt denn hier auf dem Chefsitz?", grinste sie und sah, wie auch seine Mundwinkel zuckten, als er bemerkte, dass sie auf seinem Stuhl am Pult saß.
„Du wolltest reden", bemerkte er dann unvermittelt.
„Ja. Ich wollte mit Dir über heute Mittag reden und – eigentlich über das ganze Schuljahr. Ginny und ich... Du kennst die Geschichte, Du weißt von der Wette -"
„Das war nicht sehr schwer herauszubekommen."
„- und mit ihren Folgen bist Du ebenso vertraut."
„Könnte man so sagen." Einen ironischen Unterton konnte er sich nicht verkneifen. „Diese ganzen Sachen, die ihr verwendet habt–?"
„...sind aus Weasleys Zauberhafte Zauberscherze", vollendete Hermione seinen Satz.
„Typisch Weasley!", fauchte er.
„Verdammt noch mal, setz Dich jetzt hin und halt den Rand!"

Severus zog eine Augenbraue hoch, nahm sich jedoch einen Stuhl von den Schülertischen und setzte sich ihr gegenüber. „Rede."
„Danke – wehe, Du sagst jetzt ‚bitte'!"
„Hatte ich nicht vor." Wieder schlich sich ein sanftes Grinsen auf beide Gesichter.
„Severus, was war damals?"
„Wann?"
„Hör auf mir auszuweichen und sag mir, was war."
„Im Gegenzug dafür, dass Du mich monatelang drangsaliert hast? Na gut", sagte er schnell, als er Hermiones schmerzvoll verzogenes Gesicht bemerkte. „Was willst Du wissen? Wieso ich mich in sie verliebt habe? Und wieso nun nicht ich der Vater von Potter bin?"
„Bitte."

Und Severus erzählte. Wie er aufgewachsen war, wie sein Vater ihn und seine Mutter misshandelt hatte, wie oft es Streit gegeben hatte und wie traurig seine Mutter oft gewesen war. Wie oft er ihr eingeredet hatte, sie solle fliehen, sie habe etwas Besseres verdient, er werde schon mit seinem Vater klarkommen. Wenn sie wollte, würde er ihn umbringen. Hermione hielt an dieser Stelle den Atem an. Nein, das habe er nicht getan, beruhigte er sie, seine Mutter hatte es nicht gewollt.
„Wenn sie es gewollt hätte, hättest Du Deinen Vater getötet?", fragte Hermione bestürzt.
„Du weißt nicht, wie er war, was er ihr angetan hat. Täglich. Ich habe es irgendwann nicht mehr ertragen. Meine Mutter wollte nicht, dass ich eingreife, also bin ich raus aus dem Haus, wann immer ich die Möglichkeit hatte. Und auf diesen Streifzügen habe ich Lily kennengelernt. Nun ja, vorerst nur gesehen, und dann habe ich erkannt, dass sie eine Hexe war. Aber ich habe mich nie getraut, es ihr zu sagen; sie war immer mit ihrer schrecklichen Schwester unterwegs und die beiden hatten von Zauberei noch nie etwas gehört, sie stammten aus einer Muggelfamilie. Sie hätten ohnehin nur Angst vor mir gehabt, deshalb beließ ich es dabei, sie heimlich zu beobachten. Und dann passierte etwas Merkwürdiges." Er machte eine kurze Pause. „Ich fand eine Kraft, von der ich nicht gewusst hatte, dass ich sie habe, und ich habe es damit geschafft, meine Mutter zu überzeugen, dass sie sich wehren sollte. Auch wenn wir meinen Vater dadurch nicht loswurden und es immer noch Streit gab, war es doch besser als vorher, weil sie nicht mehr so sehr gelitten hat. Und ich hatte die Kraft, Lily anzusprechen."

„Du warst verliebt", stellte Hermione fest und beugte sich nach vorn, um Severus' Arm zu erreichen und sanft darüberzustreichen.
Er fuhr fort. Er war Lilys bester Freund geworden, Petunia war sogar manchmal eifersüchtig auf ihn gewesen. Als Lily schließlich ihren Brief aus Hogwarts bekommen hatte, hatte es sie noch weiter zu ihm hingezogen und sie waren oft stundenlang beieinander gesessen und er hatte ihr von Hogwarts und der Zauberei erzählt. Das hatte sogar Petunia interessiert, doch je mehr sie erfahren hatte, desto eifersüchtiger wurde sie. Er und Lily hatten in ihrem Zimmer einen Brief von Dumbledore gefunden; er war ganz offensichtlich eine Antwort gewesen auf einen Brief von ihr, in dem sie ihn gefragt hatte, ob sie nicht auch die Schule besuchen dürfe, in die ihre Schwester einberufen worden war. Nein, natürlich durfte sie das nicht – und von diesem Tag an hatte sie ihn und ihre eigene Schwester gehasst. Doch er und Lily waren beste Freunde geblieben, auch wenn er sich während ihrer Schulzeit so einiges erlaubt hatte. Lily war nicht mit seinem Freundeskreis einverstanden gewesen, und während für ihn klar war, dass er nach der Schule zu den Todessern gehen würde, tat sie im Gegenzug ihr Bestes, um ihn eben davon abzuhalten. Er erzählte, was sie alles erlebt hatten; dass er ihr seine Liebe nie gestanden hatte; erzählte von dem Tag, an dem er sie Schlammblut genannt und wie er um Vergebung gebettelt hatte; wie sich ihre Wege nach der Schule getrennt hatten, als er zu den Todessern gegangen war. Dass er sie die ganze Zeit über geliebt hatte, dass sie der Grund war, weshalb er Spion geworden war. Dass er sie hatte retten wollen, als er erkannt hatte, auf wen Voldemort die Prophezeiung bezogen hatte.
Und schließlich, dass er gescheitert war.

„War das zu viel auf einmal?", fragte Severus schließlich mit ernstem Gesichtsausdruck. Nichts ließ darauf schließen, wie er sich fühlte.
Hermione schüttelte unsicher den Kopf. „Es war schockierend. Du hast sie die ganze Zeit über geliebt?" Sie war unsicher. Er hatte verneint, als sie zuvor gefragt hatte, ob er sie noch liebe, und sie war sich so unsicher wie nie zuvor, ob sie ihm das glaubte.
„Ich liebe sie–", er stockte, „ich liebe sie nicht mehr, denke ich." Er entzog seinen Arm ihrer Hand, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und legte den Kopf in den Nacken.
„Severus. Severus, sieh mich an."
Er sah in ihre warmen braunen Augen. Nach wenigen Augenblicken schien er es jedoch nicht mehr zu ertragen und wandte sich ab. Hermione sah Tränen in seinen tiefschwarzen Augen. Ohne ein Wort zu sagen erhob er sich und stürmte in großen Schritten hinaus. Hermione liefen nun ebenfalls die Tränen übers Gesicht und sie versuchte ihn aufzuhalten. Sie packte ihn am Umhang, als er an ihr vorbeilief, doch er riss sich los.
„Severus!", flehte sie. Er blieb nicht stehen, sondern war im nächsten Moment durch die Tür verschwunden. Hermione wollte ihm nachstürmen, doch sie war wie an ihren Stuhl gefesselt.
„Severus!", schrie sie, doch er kam nicht zurück.
Verzweifelt krallte sie sich an der Stuhllehne fest und verzog das Gesicht in Schmerzen und Anstrengung, Tränen liefen über ihr Gesicht.
SEVERUS!"

Sie saß noch eine ganze Weile so da, unfähig, sich zu bewegen, immer noch starr vor Schreck. Severus' plötzlicher Abgang und die damit verbundenen Emotionen hatten sie erschüttert. Sie hatte gerade ein Stück hinter die Fassade geblickt, die er sich in all den Jahren aufgebaut hatte.
Die Erinnerungen an damals hatten ihn eingeholt, er hatte den alten Zeiten nachgetrauert, er hatte Lily nachgetrauert. Er hatte sich seinen Gefühlen hingegeben, wahrscheinlich hatte er sie zum ersten Mal seit Langem überhaupt wieder zugelassen. Als er gespürt hatte, dass er nicht mehr dagegen ankämpfen konnte, war er gegangen, weil er nicht gewollt hatte, dass sie etwas davon mitbekam.
Doch natürlich war dieser Plan nicht ganz aufgegangen, sie hatte sehr wohl etwas davon mitbekommen. Und deshalb war es ihre moralische Pflicht, ihm nachzulaufen und Trost zu spenden.

Mit einem Sprung war Hermione auf den Beinen und rannte los. Raus aus dem Klassenzimmer, nach links den dunklen Gang entlang in der Hoffnung, sich nicht zu verirren und überdies Severus zu finden. Plan- und orientierungslos stürmte sie durch die Kerker, wieder und wieder heisere Schreie ausstoßend. Erneut bog sie ab, tränenblind und voller Verzweiflung stürzte sie um die nächste Ecke.
Schließlich blieb sie stehen, lehnte sich schluchzend an die Wand und ließ sich an ihr nach unten sinken. Dort blieb sie sitzen, vergrub das Gesicht in den Händen und wartete.
Worauf? Auf Severus? Dass er die Kerker durchsuchte, in der vagen Vermutung, dass sie überstürzt losgerannt war um ihn zu suchen, nachdem sie ihre Versteinerung überwunden hatte? Wohl kaum. Hermione schätzte, dass er ihr eher einen Fluch aufgehetzt hätte, wenn sie ihn noch rechtzeitig eingeholt hätte.
Sie erkannte, wie dumm es gewesen war, ihm nachzulaufen, und zwar in jeder Hinsicht. Sie war immer noch seine Schülerin, egal, was vorher schon zwischen ihnen gewesen war und egal, wie viel sie über ihn wusste. Gerade deshalb sollten sie sich jetzt aus dem Weg gehen. Sie hatte alte Wunden wieder aufgerissen und hätte einsehen müssen, dass er jetzt allein sein wollte. Aber wie ein kleines Kind war sie ihm nachgerannt. Was hätte sie gesagt, wenn sie ihn gefunden hätte? Sich entschuldigt? Ihr Beileid ausgesprochen? Oder hätte sie ihn wortlos umarmt und gek–

„Miss Granger."
Hermione wurde von einer sanften Stimme aus ihren Gedanken gerissen und erschrak. „Prof-Professor!", stammelte sie.
„Was ist denn passiert, meine Liebe? Seit wann sitzen Sie hier?"
Hermione schluchzte und sah in Albus Dumbledores freundliches Gesicht. „Ich hatte meine Hausaufgaben für Zaubertränke vergessen und... und alle waren auf dieser Party und... ich bin noch nach unten gegangen, um Professor Snape danach zu fragen, und ich habe ihn nicht gefunden und dann... dann habe ich mich verirrt." Sie fand ihre Geschichte erstaunlich glaubwürdig, wenn sie ihren geistigen Zustand bedachte.
Tatsächlich schaute der Schulleiter sie mitleidig an, nickte und hielt ihr eine ausgestreckte Hand hin. Sie nahm sie dankbar und ließ sich von ihm auf die Beine ziehen.

„Kommen Sie, Miss Granger, ich bringe Sie nach oben."
Hermione ging bereitwillig hinter ihm her. „Wie haben Sie mich gefunden?"
„Zwei Vertrauensschüler haben berichtet, in den Kerkern Schreie gehört zu haben, daraufhin habe ich mich auf die Suche gemacht."
„Ich habe Angst bekommen, als ich bemerkt habe, dass ich mich verirrt hatte", erwiderte Hermione schnell, „es war so dunkel und kalt, und ich war alleine."
„Schon gut, schon gut. Ganz ruhig, wir sind gleich oben." Dumbledore drehte sich zu ihr um und lächelte beruhigend.
Hermione zwang sich ebenfalls zu einem Lächeln und war froh, als sie am Fuß der nächsten Treppe endlich einen Lichtschein sah.
„Soll ich Sie noch bis zum Gemeinschaftsraum begleiten?", fragte der Schulleiter, als sie in der Eingangshalle angekommen waren. Ein neuer Gedanke schien ihm zu kommen, denn er zwinkerte plötzlich. „Oder soll ich mir die Augen zuhalten und bis zehn zählen, während Sie sich auf den Weg zur Party machen?"
„Danke, ich finde den Gemeinschaftsraum allein und bin wahrhaftig nicht in Partystimmung nach diesem Abenteuer. Danke, dass Sie mich rausgeholt haben, Sir." Sie atmete erleichtert auf und schenkte ihm einen dankbaren Blick.
Dumbledore lächelte wieder, wünschte ihr eine gute Nacht und sah ihr nach, als sie in Richtung Gryffindorturm davoneilte.

~x~


In ihrem Schlafsaal angekommen, stellte sie erleichtert fest, dass Ginny noch nicht da war, denn diese hätte sicher eine Erklärung für ihre Abwesenheit verlangt. Oder vielleicht war sie schon auf der Suche nach ihr? Doch Hermione kam nicht umhin in Frage zu stellen, dass Ginny dazu überhaupt noch in der Lage sein würde...
Die Antwort – NEIN – erhielt sie knappe zwei Stunden später. Dann kam die Rothaarige nämlich zur Tür hinein gewankt. Hermione hatte nicht einmal den Versuch unternommen einzuschlafen. Sie hatte nachgedacht, über das Gespräch und seine Folgen.

„Johooo trinkt aus, Hexen, tr- hey, Hermy!"
„Guten Abend, Gin", antwortete Hermione ruhig, stand auf und fing die Freundin gerade noch rechtzeitig auf, als sie über ihre eigenen Füße stolperte. „Was hast Du getrunken?" Sie zog die Kleinere zu deren Bett und schubste sie sanft darauf. Sie bekam keine Antwort. „Ginny! Was und wie viel hast Du getrunken?" Hermione schüttelte die Andere leicht.
„Feuaaaawhisky", lallte Ginny und verzog dann das Gesicht. Sie versuchte, etwas an den Fingern abzuzählen, doch es gelang ihr nicht. „Viel!", meinte sie stattdessen und beließ es dabei.
Erneut ließ sie sich in Hermiones Arme fallen. Diese hielt sie fest und legte sie auf ihr Bett. Ginny noch umzuziehen wäre kompliziert geworden.
„Wennu ma aufs Klo musst, geh zu den Ravenclaws, die ham Raben da!", ereiferte sich die Betrunkene und nickte heftig, um die enorme Bedeutsamkeit ihrer Aussage für Hermiones Leben zu unterstreichen. Ihre Augen verengten sich; die ruckartige Bewegung hatte ihr ganz offensichtlich nicht gut getan. Sie blinzelte und blieb nun ruhig liegen.
Hermione warf die Decke über sie und blieb noch still bei ihr sitzen, bis sie kurz darauf gleichmäßige Atemzüge hörte, bevor sie selbst ins Bett ging. Schließlich fiel sie in einen unruhigen Schlaf.

In ihren Träumen wurde sie von den Ereignissen des Tages verfolgt; sie ging dunkle Gänge entlang und erkannte in ihnen die Kerker, durch die sie geirrt war. Sie sah sich selbst dort, am Boden zusammengekauert und weinend. Sie sah Voldemort, der durch das Klassenzimmer für Zaubertränke schwebte; Severus, der Tränen in den Augen hatte, als er sie direkt ansah. Der schrie, sie solle ihn in Ruhe lassen, sich nicht in seine Angelegenheiten einmischen. An solchen Stellen erwachte sie mit Schrecken aus dem Schlaf. Dann lag sie eine Weile wach und redete sich ein, dass es nur ein Traum gewesen war, ehe sie wieder einschlief – allerdings nicht ohne die Angst, dass der Traum in naher Zukunft Realität werden könnte.

~x~


Am nächsten Morgen erwachte Hermione mit den Gefühl, die halbe Nacht nicht geschlafen zu haben, und als sie wach genug war um nachzudenken stellte sie fest, dass dies nicht ganz zutraf.
Tatsächlich hatte sie sogar weniger als die halbe Nacht geschlafen.
Sie blickte sich im Schlafsaal um und stellte nicht sehr überrascht fest, dass Ginny im Bett neben ihr noch schlief. Hermione wollte sie nicht wecken, und außerdem war ihr selbst nicht nach Aufstehen. Nein, am liebsten wollte sie das ganze Wochenende verschlafen und Severus nie wieder in die Augen sehen müssen. Niemandem würde sie vom gestrigen Gespräch erzählen, nicht einmal ihren besten Freunden. Nicht einmal Ginny.

Kaum eine Stunde später wurde dieser Entschluss bereits auf die Probe gestellt: Ginny erwachte.
„Hermione?", flüsterte sie heiser.
Hermione erschrak. Sie hatte nicht bemerkt, dass die Freundin aufgewacht war.
„Guten Morgen, Gin. Wie geht's Dir?"
Die Rothaarige tastete ihren Kopf ab und konnte die Augen kaum offen halten. „Soweit ganz gut. Aber wie zum Teufel hab ich heute Nacht noch hierher gefunden?"
„Diese Frage stellt sich mir allerdings auch..." Sie musste grinsen
„Oh mein Gott, Hermione, war es arg schlimm?", fragte Ginny besorgt.
Hermione lachte. „Nein, Du hast nur ein bisschen gesungen und mich davon in Kenntnis gesetzt, dass die Toilette bei den Ravenclaws mit Raben verziert ist. Dann hast Du Dich ganz brav ins Bettchen legen lassen und bist sofort eingeschlafen."
Ginny wirkte erleichtert. „Und ich bin allein hergekommen?"
„Zumindest in den Schlafsaal, ja. Und ich habe niemand Anderes gehört. Sieht ganz danach aus als hätte Dein Orientierungssinn nicht komplett ausgesetzt."
„Hast Du zufällig Lust aufzustehen?"
Hermione schüttelte den Kopf und seufzte.

„Was ist los mit Dir? Du wirkst so niedergeschlagen", stellte die Jüngere fest, die Augen vom grellen Licht noch immer zusammengekniffen.
„Nein, ich- es ist nichts. Ich bin... g-gestern... Ich bin nur... müde!"
Ginny schaute ihre Freundin ungläubig an. „Hermione, was ist los?"
„Ach, ich bin ewig an den Hausaufgaben gesessen und konnte einfach nicht schlafen."
„Ohje, und dann kam ich auch noch und hab Dich vom Schlafen abgehalten!" Ginny schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn.
Hermione zuckte mit den Schultern. „Nein, das war der Anstoß dafür, dass ich dann doch endlich eingeschlafen bin", lächelte sie, froh darüber, den Kopf aus der Schlinge gezogen zu haben.
„Was musst Du aber auch Deine Hausaufgaben freitagabends machen! Das hätte doch am Sonntag noch gereicht! Wärst Du mal mit auf die Party gekommen, da wäre die Zeit besser genutzt gewesen!"
Ginny streckte der Anderen frech die Zunge raus.

„Erzähl mal, wie war's denn so? Mit Chris, meine ich hauptsächlich, alles andere war recht offensichtlich, wenn ich bedenke, wie Du heute Nacht ausgesehen hast."
„Er war so süß!", schwärmte Ginny. „Er saß den ganzen Abend bei mir, und irgendwann hat er angefangen mich zu küssen. Immer wieder. Und als es gerade richtig schön wurde... na ja, da hab ich auf ihn draufgekotzt. Allerdings kann ich mich an seine Reaktion nicht mehr erinnern. Das Letzte was ich weiß ist, dass Padma mich gepackt und aufs Klo gezerrt hat. Ach ja, und alle haben mich ausgelacht."
Hermione gab sich geschlagen. „Wahrscheinlich hast Du recht und ich wäre auf der Party besser aufgehoben gewesen. Wenn auch nur, um Dir zur Seite zu stehen. Wann ist die nächste?"
Der Rotschopf lachte. „Heute Abend, wenn Du willst!"
„Ich bin dabei. Sorg für reichlich Feuerwhisky!"

Es war schon später Vormittag, als Hermione diese Entscheidung getroffen hatte. Ginny grinste breit, schälte sich mit einem langen Seufzer aus den Laken und suchte den Umhang, den sie in der letzten Nacht getragen hatte. Sie holte etwas Kleines, Schimmerndes aus dessen Tasche, verzog sich zurück auf ihr Bett und machte sich an dem Gegenstand zu schaffen.
„Was machst Du da?", wollte Hermione wissen.
„Ich teile den anderen mit, dass wir heute eine Party geben."
„Was? Wie denn d-" Es dämmerte ihr und sie keuchte auf. „Ihr verwendet die alten DA-Galleonen, um illegal zu feiern!", empörte sie sich.
„Na ja, Du hast sie damals erfunden, um Regeln zu brechen, warum sollten wir diesen altbewährten Nutzen aufgeben?", meinte Ginny verschmitzt.
„Es gibt einen Unterschied zwischen Kröten-Regeln und Dumbledore-Regeln, liebe Ginny!"
Die Rothaarige wägte das Argument gespielt ab, bevor sie entgegnete: „Du musst das so sehen: Kröte Umbridge hätte diese Partys auch verboten. Also könnte es genauso gut eine Kröten-Regel sein."
Darauf hatte Hermione nichts zu erwidern; sie zuckte mit den Schultern und murmelte: „Na Hauptsache es funktioniert."
„Das ist mein Mädchen!", strahlte die Andere und kletterte zu ihrer besten Freundin ins Bett. „Weißt Du, ich glaube, wir werden das Ding ganz schön rocken heute Abend. Immerhin -"
Sie kam nicht dazu, ihre Vermutung weiter auszuführen, denn in diesem Moment klopfte es an der Tür.

„Herein", rief sie.
Harry streckte den Kopf durch die Tür und schien nicht erstaunt, die Mädchen noch im Bett vorzufinden. „Guten Morgen, ihr Nachteulen." Seine Stimme klang merkwürdig, doch das nahmen die beiden nur unbewusst wahr.
„Morgen", murmelten sie zurück.
Hermione realisierte erst, wie sehr ihr Magen grummelte, als sie die Sandwiches in Harrys Hand sah, und war ihrem Freund dafür unendlich dankbar.
„Ich dachte mir, Ginny könnte nach der Nacht etwas zu essen gut vertragen. Und Du warst auch nicht beim Frühstück", er nickte Hermione zu, „deshalb dachte ich, ich bringe euch etwas vorbei."
Die Ältere erhob sich, wenn auch etwas schwerfällig, und umarmte Harry, der ungewöhnlich steif stehenblieb.
„Woher weißt Du, wo ich letzte Nacht war?", fragte Ginny ungläubig.
Der Dunkelhaarige lachte ein hohles Lachen. „Oh man, Du erinnerst Dich wirklich an gar nichts mehr, oder? Ich war kurz dort, Kleine."
„Du machst Witze. Das wüsste ich doch!" Ginny begann an ihrem Verstand zu zweifeln und kramte in den Tiefen ihrer Erinnerung. Tatsächlich, sie hatte kurz mit Harry geredet; oder gelallt. „Oh, stimmt. Da war was. Ab wann und wie lange warst Du da? Ich wusste nicht, dass Du kommen würdest."
„Ich habe gegen zwei die Karte des Rumtreibers durchstöbert und Dich im Ravenclawturm rumwanken sehen; sah aus als könntest Du eine Gehhilfe gebrauchen", er zwinkerte. „Ron hat nichts mitbekommen, ich habe mich alleine rausgeschlichen und Dich zurück hierhergeholt."
Hermione atmete erleichtert auf; Ginny war also nicht alleine durchs Schloss geirrt oder gar von jemand Unzuverlässigem begleitet worden. „Ich habe Dich gar nicht gesehen, Ginny kam alleine rein", fiel ihr dann jedoch auf und sie legte die Stirn in Falten.
„Ginny hat die Tür aufgemacht und ist quasi reingefallen", antwortete Harry langsam. „Ich war immer noch unter dem Tarnumhang und habe sie gehalten, dann habe ich aber gesehen, dass Du noch wach warst. Als Du sie aufgefangen hast, dachte ich, sie ist jetzt in guten Händen."
Harry wand sich unter Hermiones prüfendem Blick, während Ginny sich bereits ihrem Sandwich gewidmet hatte und nun herzhaft hineinbiss. Wortkarg verabschiedete er sich und verschwand.

Harry hatte Ginny also in der Nacht aus dem Ravenclawturm „gerettet" und in ihren Schlafsaal gebracht? Einfach so, und ohne sich Hermione zu zeigen? War Ginny so alkoholisiert gewesen, dass sie womöglich etwas verwechselt hatte – war es gar nicht Chris gewesen, der sie geküsst hatte? War dies der Grund für Harrys merkwürdiges Verhalten?
Dieser Verdacht sollte ihr die Eingeweide zusammenziehen, sollte sie verletzen und beunruhigen.

Sollte.

Ginny riss sie aus ihren Gedanken. „Was ist mit Deinem Sandwich?"
Hermione schüttelte abwesend den Kopf. „Iss Du es, ich hab jetzt keine Lust darauf; ich warte bis zum Mittagessen."

Ja, sie würde warten. Und nicht hingehen.

~x~


A/N: Ich weiß, dass die Jungs nicht zu den Mädels in die Schlafsäle können...aber er ist Harry Potter. Er kann quasi alles. :b Spaß beiseite, ich denke, da es die Schulsprecherräume sind, haben dort durchaus auch Jungs Zutritt. ;)