14. Gleichstand?!
...zumindest bis zu dem Zeitpunkt, der alles entschied. Zu Beginn und auch noch Mitte des Wettkampfes waren Lily und James stets gleich auf gewesen, für manche Bohnen brauchten sie etwas länger, weil sie einfach abscheulich schmeckten, die leckeren aßen sie schnell, doch sie waren immer auf einer Höhe, manchmal lag James ein ganz klein bisschen vorne. Doch dann hatte er die Bohne erwischt, die seinen Sieg beinahe unmöglich machen sollte: Chilly! Natürlich hatte auch Lily eine Bohne mit Chilly-Geschmack, aber als leidenschaftliche Besucherin mexikanischer Restaurants vertrug sie diese ohne zu murren und damit weitaus besser, als James. Der begann nämlich zu husten. Scharfe Sachen hatte er noch nie sonderlich gemocht.
Zumindest lag er nach dieser Bohne hinten und wahrscheinlich hätte Lily auch gewonnen (wie gesagt wahrscheinlich; die Geschwindigkeit, in der James nämlich aufholte, war rasant)...wäre da nicht dieser Erstklässler gewesen. Der Erstklässler, der direkt neben Lily ins Stolpern geriet, mit den Armen in der Luft herum wirbelte und Lily die beinahe leere Schale mit Bertie Bott´s Bohnen aus der Hand schlug, die krachend auf dem Boden zerbrach. Entsetzt starrte Lily auf die Scherben, dann sah sie zu dem Erstklässler, dem sofort klar war, dass es momentan besser war, zu verschwinden. Der Kleine wurde rot und verschwand, aber James rief ihm noch ein "Danke, Kleiner!" hinterher.
"Was soll das heißen: Danke Kleiner?", zischte Lily, aber James grinste nur weiterhin selbstgefällig.
"Na ja... wir werden den Wettkampf wohl wiederholen müssen...", meinte James gespielt bedauernd.
"Aber... aber das ist nicht fair!", rief Lily empört. "Du weißt doch ganz genau, dass ich gewonnen hätte, Potter!" James zog nur skeptisch eine Augenbraue hoch.
"Aber es hätte trotz allem noch die Chance bestanden, dass ich gewinne, Evans, und deswegen muss das Ganze wiederholt werden... so ist das nun mal!" Gerade wollte Lily wutentbrannt etwas erwidern, als Remus ihr dazwischenkam.
"Ehrlich gesagt... muss ich ihm Recht geben, Lily.", meinte Remus entschuldigend. "Tut mir leid, aber wir müssen einen anderen Weg finden, einen Gewinner zwischen euch zu finden!"
"Oder", sagte Mary geradeheraus. "... ihr teilt euch die Tüte einfach."
"NIEMALS!", ertönte sowohl Lilys, als auch James Stimme. Lily würde zwar sowieso niemals etwas mit James Potter teilen, aber hier ging es um Lakritzschnapper, da war das noch weniger möglich. Und James, der normalerweise alles gerne mit Lily geteilt hätte, war auch der Meinung, dass er diese Tüte für sich ganz allein brauchte
"Aber... wie sollen wir denn sonst entscheiden?", fragte Mary und schien leicht verzweifelt.
"Keine Ahnung!", sagte Lily mit vor der Brust verschränkten Armen. "Aber wir MÜSSEN einen Weg finden... ich lasse doch nicht diesen Irren gewinnen!" Ihr verächtlicher Blick lag auf James, der nur genervt aufstöhnte.
"Ich habe eine Idee...", sagte Lily langsam und musterte James kurz abschätzend. Dann nickte sie leicht. Die anderen sahen sie fragend an.
"Wir duellieren uns, Potter!", sagte sie ruhig.
"Wir... wir tun WAS?!", fragte James entgeistert.
"Wir du-el-lie-ren uns, Potter! Das heißt, wir entscheiden, wer von uns beiden stärker ist, indem-", erklärte sie, als säße sie vor einem dummen kleinen Kind.
"Ich weiß, was ein Duell ist, Evans!", sagte James aufgebracht.
"Na dann ist es ja gut. Wann fangen wir an?" James starrte sie weiterhin perplex an.
"Du... du meinst das ernst? Du willst dich wirklich mit mir duellieren?", fragte er fassungslos. Sie verdrehte die Augen und stöhnte genervt.
"Sag mal, spreche ich so undeutlich, Potter, oder hast du was an den Ohren? JA, wir DUELLIEREN uns!"
Sirius sog scharf die Luft ein. Er wusste, dass James einer der besten Duellanten von Hogwarts war, aber immerhin hieß seine Gegnerin nun Lily Evans. Ausgerechnet Lily Evans. Sirius war sich sicher, dass James sie anders behandeln würde, als Snape. Ganz anders...
***
"Voilà, der Raum der Wünsche!", sagte Lily schwungvoll und öffnete die Tür, die soeben aus dem Nirgendwo an der Wand erschienen war. Die Rumtreiber bekamen den Mund gar nicht mehr zu. Woher, um Merlins Willen, wusste Lily Evans vom Raum der Wünsche? Aber bevor einer von ihnen diese Frage auch nur stellen konnte, hatte Lily sich schon in Position gebracht.
"Los, Potter! Besser, ich mache dich jetzt fertig, als wenn ich noch stundenlang auf meine Lakritzschnapper warten muss!", sagte Lily und funkelte ihn an. Irgendwie hatte sie es geschafft, die anderen von ihrem Vorschlag zu überzeugen (auch wenn James in etwa die gleichen Bedenken hatte, wie Sirius, konnte und wollte er nicht auf sich sitzen lassen, dass er zu feige war, sich mit einem Mädchen zu duellieren) und so waren sie alle hierher gekommen. Lily hatte nur gesagt, sie wisse schon, welches der rechte Platz für ein Duell wäre.
James seufzte leise. Es graute ihn vor diesem Duell. Würde er den Zauberstab überhaupt gegen sie erheben können?
Sie verbeugte sich und er tat es ihr nach. Sie wollte also das ganze Paket. Er würde nicht derjenige sein, der das hier beendete.
"1... 2... 3!" Kaum war die letzte Zahl ertönt, schoss ein roter Fluch auf James zu, ein Schockzauber. Mit einem lässigen Schlenker seines Zauberstabes hatte er ihn abgelenkt und schickte nun ebenfalls einen ab. Er hatte es also tatsächlich geschafft... er hatte versucht, sie zu verzaubern. Den Teil in ihm, der darauf hoffte, dass keiner von James Zaubern sie traf, verdrängte er für diesen Moment.
Auch Lily lenkte den Zauber ab. Und dann, ohne dass sie etwas gesagt hatte, konnte er seine Beine nicht mehr kontrollieren. Es schien, als wären sie aus Gummi. Der Wabbelbeinfluch! Anscheinend schien Lily es mit ungesagten Zaubern zu probieren. Aber was sie konnte, konnte er auch...
´Rictusempra`, dachte er und Lily brach in Gelächter aus, was etwas merkwürdig aussah, da ihre Augen gefährlich funkelten und überhaupt nicht mit lachten. Und dann, als hätten beide sich abgesprochen, schrieen sie gleichzeitig:
"EXPELLIARMUS!" Lilys Zauberstab flog zu James, James zu Lily.
"Das... KANN DOCH NICHT SEIN!", donnerte Lily wutentbrannt und stampfte mit dem Fuß auf dem Boden auf. "Wieso SCHON WIEDER UNENTSCHIEDEN?" Sirius hinter ihnen war in Gelächter ausgebrochen.
"Ähm... und jetzt?", fragte James leicht hilflos, konnte ein Grinsen beim Anblick seines besten Freundes allerdings nicht verkneifen. Auch schien er ein wenig erleichtert, dass beide Dinge, die er nicht gewollt hatte, nicht eingetreten waren: Er hatte weder verloren, noch Lily irgendwie verzaubern müssen.
"Typisch, Potter! Du grinst nur wieder dumm!", giftete Lily. Wenn sie schon so wütend war, konnte sie das doch gleich ganz bequem an ihrem Feind auslassen.
"Was soll ich denn sonst machen, Evans? Sag mir, wie wir entscheiden, dann mache ich auch gerne den nächsten Versuch mit.", meinte James nun, ebenfalls ziemlich aufgebracht. Mary grinste. Diese beiden Hitzköpfe passten ihrer Meinung nach doch prima zusammen. Ein merkwürdiges Geräusch ließ sie aufblicken. Remus brach in lautes Lachen aus.
Leicht verwirrt und immer angesäuerter drehten Lily und James sich um und sahen argwöhnisch zu Remus, der sich nun den Bauch hielt.
"Ihr... hättet eure Gesichter sehen müssen!", grinste er.
"Wisst ihr... ich habe eine gute Idee!", sagte er schließlich und setzte schon mal vorsichtshalber ein Engelsgesicht auf. "Die Verkäuferin im Honigtopf hat mir erzählt, dass morgen die nächste Lieferung Lakritzschnapper kommt..." Einen Moment brauchte es, bis es auf James Gesicht dämmerte.
"Du... MOONY!", rief er und stürzte sich auf ihn. Remus lachte nur.
"Na dann können wir uns die Tüte ja doch teilen, Evans!", meinte James, mittlerweile wieder fröhlich. Lily sah die beiden nur an, als hätte sie zwei Geistesgestörte vor sich.
„Ihr... seid doch alles Spinner... ", murmelte sie leise, dann schnappte sie nach der Lakritztüte in Remus Hand, riss sie auf und schob sich mit grimmigem Gesicht den ersten Lakritzschnapper in den Mund.
„Mh..."
Sie seufzte genüsslich und schloss die Augen. Dann öffnete sie sie
wieder und sah James genauso verächtlich an wie sonst auch.
"In
Ordnung, Potter: wir teilen. Aber nur, weil du so ein unverschämtes
Glück hattest, das meinen Sieg jedes Mal zu einem Unentschieden
gemacht hat-" James wollte protestieren, doch sie ließ ihn gar
nicht zu Wort kommen. „aber ich schwöre dir, dass das das letzte
Mal sein wird, dass ich irgendwas mit DIR teile!" Und mit diesen
Worten stieß sie die Tür auf und stapfte hinaus auf den Gang.
James grinste, dann ging er ihr hinterher. Kurz wandte er sich noch an seine Freund, die belustigt ebenfalls zum Gehen ansetzten.
„Seht ihr... sie mag mich!"
