Hier dann das erste neue Kapitel.


Kapitel 14

So manche Entscheidung bereut man sehr schnell.
Hermine Granger hatte es wieder gut machen wollen. Doch wie hoch der Preis dafür war, hatte sie nicht wirklich abschätzen können.
Nach ihrer erneuten und scheinbar immer wieder zu wiederholenden Bitte ihm zu helfen, hatte Snape kommentarlos das Zimmer verlassen. Ab diesem Zeitpunkt hatte sie auf der Lauer gelegen, in der festen Erwartung, irgendwann würde er einfach gehen. Doch er hatte es nicht getan.
Aus seinem Zimmer war lange nicht das geringste Geräusch zu hören gewesen.
Drei Stunden später hatte er dann erneut an ihre Tür geklopft.
Ohne Umschweife hatte er ihr aufgetragen eine Ausrüstung zusammen zu stellen. Für zwei. Ein Zelt, Proviant, einfach alles, was sie für bis zu sieben Tage würden gebrauchen können.
Sieben Tage?
Sie hatte sich nicht getraut näher nachzufragen und seinen Auftrag erfüllt.
Es gab in diesem Ort mehr als genug Geschäfte in denen man alles fand, was das Camperherz begehrte.
Und so war Hermine eben doch froh, über ihre Neigung immer alle Eventualitäten abzudecken. Welche Hexe trug schon stets ihr magisch verkleinertes Muggleportemonnaies mit sich herum? Ihr Girokonto war nun um einen erheblichen Pfundbetrag erleichtert.
Sie hatte befürchtet, Snapes Auftrag wäre nur ein Vorwand gewesen, genauso wie sie am nächsten Morgen befürchtet hatte, er wäre mit seiner Hälfte der Ausrüstung allein losgegangen.
Doch beide Male hatte sie sich getäuscht. Ohne es weiter zu kommentieren, schien er ihre Anwesenheit nun tatsächlich protestlos zu dulden.
Die Rücksäcke waren identisch, doch Hermine trug in ihrem die größere Last.
Sieben Tage?
Sie hoffte an alles gedacht zu haben. Ein Zelt, zwei Schlafsäcke, einen Gaskocher mit ausreichend Gaspatronen und Streichhölzern, dazu ein Topf. Snape hatte gesagt, Wasser würden sie finden, aber einen Vorrat von fünf Litern trug sie dennoch bei sich. Brot, Butter, Äpfel, Orangen. Fertiggerichte in Tütenform, was leichter wog als Konserven, etwas Tee und Zucker. An Kleidung je eine leichte Jacke, zwei Hose, zwei Pullover, drei T-Shirts, sie selbst hatte sich zudem ausreichend Unterwäsche gekauft. An Kosmetik für sich eine Bürste, einen Kamm und Taschentücher. Dann noch zwei leichte Decken, Handtücher.
Snape hatte die in seinen Augen wichtigsten Tränke, Tinkturen, Salben und Kräuter aus seiner Truhe genommen und in den Rucksäcken verteilt. Dazu Verbandsmaterial. Danach hatte er sie aufgefordert, die Truhe in einen unscheinbaren Koffer zu verwandeln und mit einem Zauber vor fremden Zugriff zu schützen. Den Koffer hatten sie dann an der Rezeption gegen zehn Pfund zur Verwahrung abgegeben.
Nach einem schlechten Frühstück waren sie los marschiert, in Richtung der Berge. Als sie den Wald erreicht hatten, war Snape stehen geblieben und hatte aus seinem Rucksack das Denkarium genommen. Hermine hatte nicht einmal bemerkt, dass er es darin verstaut hatte.

"Zerstören Sie es."

Er war der Einzige, der alle darin enthalten Erinnerungen kannte. Dennoch war sie seiner Förderung nur allzu gern nachgekommen.
Etwas abgrundtief Böses ging von diesem Steingefäß aus und sie wollte diesen Teil von Voldemort aus der Welt verschwinden lassen. Mit Genugtuung hatte sie ihre Arbeit betrachtet. Snape hatte die kleinen Trümmer mit den Füßen in alle Richtungen verteilt, so dass sie bald nichts anderes gewesen waren, als unbedeutende Steinchen. Unter seinen Schuhen hatte er Spuren der silbernen Erinnerungen gehabt, welche er mit einer angewiderten Miene am Moos abgewischt hatte.
Nur wenig später, waren diese dann verschwunden und sie hatten ihre Wanderung fortgesetzt.

Anfangs hatte Hermine tatsächlich noch Gedanken daran verschwendet, ihren Rücken zu bedauern, der es nicht gewohnt war, solche Lasten zu tragen. Inzwischen spürte sie das Gewicht schon gar nicht mehr, viel zu sehr war sie mit den beängstigenden Eindrücken ihrer Umgebung beschäftigt.
Ja, Hermine bereute ihre Entscheidung, ihr Drängen und Flehen.
War der lichte Wald am Anfang noch belebt gewesen, so erstarb er nach wenigen Meilen mehr und mehr. Zunächst fiel ihr auf, dass kein Vogel mehr sang. Dann erkannte sie die tote Szenerie aus der Erinnerung im Denkarium.

Kahle, fahle Bäume, der Boden grau, staubig, leer, frei von Nadeln und Blättern.
Snape hatte es ihr beschrieben, kein Wind, kein Hauch, kein Geräusch. Doch es zu erleben war unvorstellbar, noch viel beängstigender als sie es sich nach dem Einsehen von Voldemorts Erinnerung vorgestellt hatte. Es gab einfach nichts. Außer dieser unbestimmten Angst, die ihr im Nacken saß, die lauerte.
Selbst das Licht war fahl. Es gab weder Sonne noch Wolken, der Himmel war so grau wie alles andere.
Snape schärfte ihr ein, dass sie ihn nie aus den Augen verlieren durfte. Sie würde ihn niemals wieder finden. Er trug eine feste Schnur bei sich, ein langes Band, welches er an ihrer und seiner Jeans befestigt hatte. Es hing locker zwischen ihnen, eine große Länge in Schlaufen gelegt, am Schnurende des Zaubertrankprofessors. Hatte sie anfangs noch nur mit Mühe einen bissigen Kommentar unterdrücken können, war sie bald froh, über diese feste Verbindung.
Sie konnte förmlich spüren, wie sich die Angst ihrer mehr und mehr bemächtigte. Er hatte ihr die Banne erklärt, ihr gesagt, dass Voldemort sie genau so gewollt hatte, um Anhänger wie Opfer zusätzlich einzuschüchtern, eine ohnehin vorhandene Angst zu verstärken.
Aber das Rationale in ihr wurde mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt.
Sie folgten einem Bachlauf, immer bergauf, mal sanft, mal steil.
Die Fläche war frei, so dass sie möglichen Verfolgern weithin sichtbar sein würden. Immer öfter schaute sie über ihre Schulter. Die Stille war so erbarmungslos, dass sie zunehmend fest mit einem Geräusch als Vorbote der unvermeidlichn Gefahr rechnete.

"Ich habe einen Zauber gesprochen, Miss Granger."

Er sprach mit milder Stimme. Sie ahnte, dass er sehr genau wusste, was sie fühlte.

"Sollte ein Todesser sich uns auf eine Meile nähern, werden wir gewarnt."

Sie nickte unsicher, wusste sie doch genau, dass er gesundheitlich angeschlagen und magisch sicher nicht auf der Höhe war. Wie sicher konnte ein solcher Bann sein?
Warum hatte sie nur darauf bestanden ihn zu begleiten?
Sie wollte zurück. Sie wusste, dass sie ihrem Verderben entgegen lief, war sich sicher, dass es kein Entkommen gab. Keiner wusste wo sie war, niemand konnte sie hier finden. Zumindest niemand, der ihnen Helfen wollte. Bedingslos war sie seiner Forderung gefolgt, niemanden zu unterrichten, wo sie war. Wie dumm von ihr.
Es gab keine Rettung.
Die klaren Momente, in denen sie sich ihrer Beweggründe sicher war, in denen sie wusste, dass es richtig war hier zu sein, wurden immer kürzer und seltener. Jeder Gedanke schien von der allgegenwärtigen Furcht verdrängt zu werden.

"Wir machen eine Rast."

Sagte er irgendwann, später. Sie wusste nicht, ob es Zeit zum Mittag oder zum Abendessen war. Sie wusste aber, dass sie keinen Hunger verspürte. Er zwang sie zum Essen. Einen Apfel bekam sie mühevoll hinunter gewürgt.
Sie wollte sich nicht setzen, eine Flucht würde so schwerer fallen. Doch wohin sollte sie fliehen? Ein Stein sah wie der andere aus. Sie musste hier heraus.

"Setzen, Granger. "

Sagte er weit weniger mild.
Sie gehorchte, war sie doch auf sein Wohlwollen angewiesen.

"Sie verfügen über einen rationalen Verstand, nutzen Sie ihn. Alles was Sie fühlen ist das Produkt von Bannen und Zaubern. Die Angst ist nicht real."

Er sah sie ernst an.
Seine Worte sollten ihr Mantra werden, denn tatsächlich milderten sie die aufkeimende Panik. Nachdem sie sie sich selbst immer wieder zugeflüstert hatte, völlig gleichgültig der Tatsache gegenüber, dass Snape das sehr wohl sah und hörte, spürte sie auch die Anstrengung, die Schmerzen in Füßen, Beinen und Rücken.
Mit diesem Bewusstwerden kam auch der Moment, in dem sie einen weiteren Zweck ihrer Sicherheitsleine erkennen sollte.
Sie hatten beim Essen die ersten beiden Wasserflaschen geöffnet, je ein halber Liter. Hermine war sich erst beim Trinken bewusst geworden, wie durstig sie gewesen war. Doch so schnell sie das Wasser in sich hingeschüttet hatte, so schnell wollte es bald darauf auch wieder hinaus. Kaum das sie aufgegessen und die Wasserflaschen am Bach wieder aufgefüllt hatten, meldete sich ihre Blase.
Sie hielt Ausschau nach einem geschützten Ort und fand einen größeren Stein unweit von ihnen.
Sie wollte die Leine nur kurz lösen, doch Snape ergriff sofort ihre Hand.

"Was immer Sie vorhaben, Sie tun es innerhalb von 12 Metern."

Er klang unerbittlich.
Sie schaute entsetzt auf seine Hand, die ihr Gelenk fest umklammert hielt und dann zu ihm auf.

"Ich... Ich muss... "

Stotterte sie.

"12 Meter."

Sie blickte in Richtung des Felsens und er schien zu verstehen. Er folgte ihr einige Meter und ließ sie den Rest des Weges allein zurücklegen, in dem er einen Knoten löste und somit das Band in voller Länge zwischen ihnen lag.
Das war ihr nun wirklich peinlich.
Sie war nie dem Mädchenklischee entsprechend freiwillig gemeinsam mit anderen zur Toilette gegangen, im Gegenteil, es gab durchaus schöneres, als in der Kabine eines Geimeinschaftsklos zu sitzen und ihre Geschäfte zu erledigen. Ruhe und Privatsphäre beispielsweise.
Klar, sie war es gewohnt, dass andere Zeuge ihres Toilettengangs wurden, in Hogwarts hatte sie nur Gemeinschaftsklos gekannt.
Aber Snape war eben nicht Ginny oder Parvati. Augen zu und durch, galt nun wohl als Devise.
Doch fast konnte sie der Scham etwas Positives abgewinnen, denn für einige Sekunden verlor sich die Angst völlig.
Aber nur fast.
Sie nahm ein Taschentuch aus der Folienpackung um sich abzuwischen, als er rief.

"Lassen Sie das Tuch verschwinden. Wir wollen doch keine Spur in Form von Klopapier legen."

Sie erkannte zu ihrem Entsetzen an seiner Stimme, dass ihn die Situation scheinbar amüsierte. In jedem Fall gab er ihr genau das Gefühl.
Er war ein Sadist.
Sieben Tage! Worauf hatte sie sich nur eingelassen?