A/N: So, diesmal kommt die Fortsetzung sogar ungewohnt schnell für meine Verhältnisse. Naja wir nähern uns so langsam dem Ende denke ich. Vielleicht spornt mich das an :)
Isrial
Ein zunehmend unruhiger Isrial hockt am nächsten Morgen in einem kleinen Cafe. Von seinem Sitzlatz aus, hat er eine mehr oder minder gute Aussicht auf die große Eingangstür zu dem Haus, in dem sich Azraels Wohnung befindet. Er umklammert das brandneue Handy, mit dem er Raphael anrufen soll, falls sich der Gefallene endlich dazu bequemt sein Domizil zu verlassen. Natürlich wird er das nicht tun, aber die Sorge Azrael könnte wirklich zu der von ihm angestrebten Stunde weg sein, lässt ihm keine Ruhe. Ganz abgesehen von der irrationalen Furcht der Gefallene könnte ihn entdeckt haben und sich fragen wieso er hier so lange herumsitzt.
Der junge Dämon versucht sich damit zu beruhigen, dass er sich alles wieder und wieder ausmalt. Zur rechten Zeit wird er Raphael benachrichtigen, der Engel wird herkommen und hinaufsteigen in die Wohnung, wo Azrael und Sariel sind. Luzifer wird rechtzeitig zur Stelle sein, um zu sehen wie Raphael seinen Schwur bricht und er wird sowohl Azrael als auch Raphael seine Wut darüber spüren lassen. Das einzige was Isrial bei diesem Szenario wirklich Sorgen bereitet, ist die Möglichkeit, dass Sariel dabei versehentlich zu Schaden kommen könnte. Er wird schnell handeln müssen, um ihn rechtzeitig von dort weg zu bringen.
Nachdem er nun etwas besser bescheid weiß, über diese seltsame Verbindung die zwischen ihm und dem kleinen Engel besteht, will Isrial auf keinen Fall das Risiko eingehen ihn vorzeitig zu verlieren. Eine permanente Verbannung in die Hölle entspricht nicht unbedingt seiner Vorstellung von einer angenehmen Zukunft. Es gibt dort noch weitaus schlimmere Orte als den Hof des Lichtbringers. Dann lieber die vage Chance darauf wirklich einmal den Himmel zu sehen. Auch wenn Isrial sich noch nicht ganz sicher ist, wie er zu dieser Möglichkeit stehen soll. Die Vorstellung dort von unzähligen Engeln umgeben zu sein lässt ihn instinktiv erschauern.
Einige Stunden und etliche Tassen Kaffee später, nähert sich schließlich der bang erwartete Zeitpunkt. Mit leicht zittrigen Fingern tippt Isrial eine kurze Sms. Es ist so weit, schreibt er. Werde ihm folgen. Schicke notfalls Warnung.
Dann legt der Dämon schnell etwas Geld auf den Tisch und eilt aus dem Cafe. Er geht nicht weit. Vom Eingang des Hauses neben dem Cafe wird er immer noch eine gute Sicht haben. Mit einem nervösen Blick über die schmale Schulter klingelt er solange wahllos, bis endlich jemand genervt den Türöffner betätigt und ihn hereinlässt. Einmal hinter der sicheren, dicken Holztür mit den schmalen, staubigen Glasscheiben verschwunden, konzentriert Isrial sich sofort darauf, so unauffällig wie möglich zu werden. Seine ganze Aura wird langsam durchscheinend und lässt ihn quasi mit seiner Umgebung verschmelzen, bis ihn niemand wahrnehmen würde, der nicht wirklich sehr gezielt nach ihm sucht. In dieser Art des Versteckens ist er sehr gut, denn es hat ihm bereits oft das Leben gerettet. Die einzigen, die sich kaum davon täuschen lassen, sind die Werwölfe, die sich hauptsächlich auf ihre Nasen verlassen, wenn es darum geht Leute ausfindig zu machen.
Isrial ist so darin versunken sich zu tarnen, dass er beinahe nicht die große, blonde Gestalt im Anzug bemerkt, die sich zielstrebig die Straße hinab bewegt. Raphaels ganze Erscheinung wirkt merkwürdig gedämpft. Offenbar macht auch er sich die Mühe möglichst unauffällig zu sein. Eine Welle nervöser Aufregung schwappt durch Isrials Bauch. Jetzt ist es soweit. Das Gesicht vorsichtig im Schatten haltend, beißt sich der junge Dämon unbewusst auf die Lippen und beobachtet durch die schmutzigen Glasscheiben der Tür, wie Raphael kurz eine Hand über dem Türgriff hin und her wedelt und daraufhin ohne weiteres eintritt. Unruhig wirft der Schwarzhaarige dann einen Blick auf die Uhr seines Handys. Der Engel war ein wenig schneller als er erwartet hatte. Isrial kann nur hoffen, dass er den Zeitrahmen nicht zu weit gesteckt hat. Mit wachsender Anspannung beobachtet er weiterhin den gegenüber liegenden Eingang, während er sich zwingt ruhig stehen zu bleiben, obwohl der Drang zu laufen immer stärker wird.
In dem Augenblick als Luzifer plötzlich auf dem Gehweg erscheint zuckt der Dämon erschrocken zusammen und verliert um ein Haar die Kontrolle über seine Tarnung. Dieser Anblick weckt schlechte Erinnerungen. Nie zuvor war er so froh aus der Nähe des Hofes entkommen zu sein. Der Lichtbringer schaut sich wie suchend um, bevor er mit konzentrierter Miene kurz die dunkelgrauen Augen schließt. Als er sie wieder öffnet haben sich die ebenmäßigen Gesichtszüge zu einer unverhohlen wütenden Grimasse verzerrt. Er starrt geradewegs hinauf zu Azraels Wohnung, als könne er direkt durch die dicken Mauern sehen.
Im Gegensatz zu Raphael dreht Luzifer lediglich mit einem ärgerlichen Ruck den Kopf in Richtung der Eingangstür, die daraufhin mit weitaus mehr Kraft aufschwingt als nötig und so laut gegen die Innenwand des Hauses schlägt, dass selbst Isrial es noch hören kann. Es sieht aus als wäre der Prinz der Hölle mehr als verärgert über die Situation. Auf einmal bekommt Isrial doch nachdrücklich Angst um Sariels Wohlergehen. Er hat eine so starke Reaktion von dem sonst zwar willkürlich grausamen, abernormalerweise immer eisig beherrschten Luzifer gar nicht erwartet. In dieser Stimmung könnte sich dessen Wut überall entladen.
Diese Sorge ist es auch, die ihn nur kurze Zeit später dazu treibt, trotz wachsender Furcht aus seinem Versteck zu schlüpfen und sich ebenfalls durch die inzwischen etwas lädierte Tür gegenüber zu begeben. Er muss so schnell es geht Sariel aus der Wohnung holen, das weiß er, aber dennoch ist jede einzelne Treppenstufe auf dem Weg hinauf zur Wohnung eine riesige Überwindung.
Sariel/Azrael/Raphael
„Also gut", beginnt Azrael und schaut den vor ihm knienden Sariel dabei genau an. „Wenn ich dir nun sagen würde, du solltest mir Freude bereiten. Was würdest du dann tun?"
Die beiden knien sich frontal gegenüber, auf dem großzügigen Haufen weicher Decken, der momentan Azraels Schlafstatt darstellt. Für eine raffiniertere Einrichtung hatte er bisher noch keine Zeit und Muße.
„Ich…", Sariel zögert unsicher und errötet voller Scham, weil er keine Ahnung hat was genau Azrael gerade wissen will. Von jedem Anderen hätte er angenommen lediglich um einen Gefallen gebeten zu werden, aber er kann sich bereits denken, dass Azrael nichts dergleichen im Sinn hat. Vielleicht will der Gefallene mit dem fortfahren was er zuvor begonnen hatte. Wieso hätte er sonst dafür gesorgt, dass sie beide noch unbekleidet sind. „Ich könnte… so wie du vorhin?" versucht Sariel vorsichtig seinen vagen Verdacht in Worte zu fassen. „Unter der Dusche?"
Erst nach dem zustimmenden Nicken des Gefallenen, wagt der Engel es zaghaft eine Hand auszustrecken und sie über dessen Oberschenkel gleiten zu lassen. Als statt Ärger ein kleines ermutigendes Lächeln folgt, beugt Sariel sich vorsichtig weiter vor, um mehr von der blassen, weichen Haut des Gefallenen in seine Reichweite zu bringen.
„Du kannst ruhig etwas näher herankommen", bemerkt Azrael nach einer Weile geduldig, als Sariel keine Anstalten macht dies von selbst zu tun. Innerlich langweilt er sich bereits jetzt, denn dieses zaghafte Herantasten entspricht so gar nicht seinem persönlichen Geschmack. Was er sich vorgenommen hat wird jedoch einfacher sein und vor allem schneller gehen, wenn er Sariel zuerst einmal die Scheu vor solch engem Kontakt nimmt. Im Himmel wird so etwas ab einem bestimmten Alter nicht mehr ermutigt. Indem er den Engel zu sehr überrumpelt, wird er also nicht ans Ziel kommen. Wenn er wirklich vorhat Sariel an Luzifer zu übergeben, so erinnert er sich immer wieder selbst, dann sollte er tunlichst dafür sorgen, dass der kleine Engel wenigstens die Grundlagen dessen kennt was man von ihm erwarten wird. Immer wieder ermuntert Azrael ihn Schritt für Schritt weiter zu gehen, neben den Händen auch Mund und Zunge zu gebrauchen. Aber es ist ein langsamer Prozess.
Azrael weiß zwar, dass Sariel sich Mühe gibt, aber schließlich ist seine Geduld auch am Ende. Durch die zunehmend anregenderen Streicheleien angefacht, gibt er schließlich dem Impuls nach, den Kopf des jungen Engels nah zu sich heran zu ziehen und ihn hart zu küssen. Sariels überraschtes Quieken geht in seinem fordernden Mund einfach verloren. Nach einer Weile scheint sich der kleine Blondschopf genug an die Situation gewöhnt zu haben, dass er sich wieder ein wenig entspannt und sogar selbst anfängt auf den Kuss einzugehen.
Erfreut von diesem Verhalten, konzentriert sich Azrael darauf ihn besser zu leiten und bemerkt die Anwesenheit eines Dritten erst, als die Dielen im Flur verräterisch knarren. Es besorgt ihn nicht sonderlich, denn hätte der Eindringling böse Absichten, dann hätte ihn einer der Schutzkreise warnen müssen, die er vorsorglich um die Wohnung gezogen hat. Sariel scheint nicht einmal das Knarren aufzufallen, denn er zeigt keine Reaktion darauf. Als der Gefallene den Blick hebt, um über die Schultern des jungen Engels zu schauen, hat er allerdings plötzlich sehr damit zu kämpfen, ebenfalls weiter eine solche Gelassenheit an den Tag zu legen.
Raphael! Eine Sekunde lang kann er nichts anderes denken, dann aber bricht ein wilder Widerstreit der Gefühle in dem Gefallenen los. Viel zu spät, ärgert er sich während gleichzeitig seine Augen den Anblick in sich aufsaugen wie Wasser in der Wüste. Mit dem unerwarteten Treffen von vor einigen Tagen sind seine Gefühle wieder schmerzhaft heftig geworden und er hat Mühe nicht einfach sofort aufzuspringen und sich die blonde Gestalt im Anzug zu greifen um ihn auf ewig festzuhalten. Abgelenkt von seinem Ringen um Beherrschung, bemerkt Azrael erst verspätet den Ausdruck tiefen Schreckens in den hellen, blauen Augen seines ehemaligen Geliebten.
„Oh nein!" flüstert Raphael voller Entsetzen, als ihm klar wird, dass Isrial ihn betrogen hat. Automatisch macht er einen Schritt zurück. Alles in dem Gefallenen protestiert bei diesem Anblick. Er lässt Sariel los, der bei den leisen Worten auch endlich bemerkt hat, dass sie nicht allein sind und gerade versucht sich umzudrehen. Ohne weiter auf den jungen Engel zu achten, springt Azrael auf und setzt Raphael nach, der bereits hastig den Flur hinunter flieht. Diese Flucht wird jäh unterbrochen, als Azrael ihn mit einer gezielten Energiewelle zu Boden wirft, nur um ihn gleich darauf unter seinen nackten, blasshäutigen Gliedern zu begraben und dort festzunageln.
Raphael windet sich in beginnender Verzweiflung, merkt aber sehr schnell, dass er auf diese Weise nicht weiter kommen wird, denn der Gefallene hält ihn unbarmherzig fest. Azrael ist schwerer als er auf den ersten Blick aussieht.
Raphael kämpft gegen die schreckliche Sehnsucht an, die diese plötzliche Nähe unwillkürlich in ihm auslöst und verlegt sich darauf den anderen anzuflehen. Schreckensvisionen von Luzifers Rache flackern hektisch durch seinen Kopf und geben ihm die Kraft, diese Sehnsucht wenigstens zeitweise zu unterdrücken. Nicht dass der völlig unbekleidete Körper über ihm diese Aufgabe leichter machen würde. Der vertraute Geruch macht ihn schon jetzt halb wahnsinnig. Ob Azrael es merken würde wenn er nur einmal kurz… nein, das kann er sich nicht erlauben. Vor allem jetzt nicht.
„Azrael, du muss mich gehen lassen!" beschwört er ihn nachdrücklich und versucht sich dabei wenigstens den Anschein von Ruhe zu geben. Dies scheint aber genau die falsche Taktik zu sein, denn es führt nur dazu, dass die tannengrünen Augen in plötzlicher Wut aufblitzen und sich die Hände des Gefallenen fester um seine Arme schließen.
„Oh nein! Das muss ich nicht! Jetzt wo ich dich endlich hier habe, wirst du mir alle Fragen beantworten vor denen du dich immer gedrückt hast."
Raphael schüttelt in stummem Widerstand heftig den Kopf.
„Lass mich gehen, bitte!" verlangt er wieder, doch seine aufgesetzte Gelassenheit bröckelt zusehends. Wenn Isrial ihn so verraten hat, muss Luzifer bereits auf dem Weg sein. Der Lichtbringer darf ihn auf keinen Fall hier finden!
„Und wenn nicht dass", fährt Azrael fort als hätte er die Forderung gar nicht gehört, „dann werde ich wenigstens deinen Körper haben."
Da bricht Raphael ansatzlos in Tränen aus. Diese Drohung ist einfach zu viel für ihn. So oft hat er sich gewünscht den blassen Gefallenen noch einmal in den Armen halten zu können, wenn Azrael dies versucht wird er das Schauspiel seiner Ablehnung nicht mehr aufrechterhalten können, das weiß er genau. Panik überkommt ihn und er versucht den Anderen mit einer Energiewelle von sich zu stoßen. Doch auch dies bleibt größtenteils erfolglos. Azrael stöhnt zwar leise auf, behält aber seinen schraubstockartigen Griff stur bei. Diesmal wird er sich nicht so einfach mit irgendwelchen Ausflüchten abspeisen lassen.
„Bitte lass mich einfach gehen", fleht der Engel schließlich verzweifelt, in sehr uncharakteristischer Weise. Die Zeit wird nicht reichen um irgendetwas zu erklären! „Du weißt nicht worum es hier geht!"
„Was soll das bitte heißen?" will Azrael erbost wissen. Er ist äußerst irritiert von diesem ungewöhnlich weinerlichen Verhalten. Irgendetwas ist ihm entgangen, das wird ihm langsam klar, aber er kann nicht sagen was es ist und dieser Umstand facht seine Wut nur noch mehr an.
„Bitte lass mich gehen!" fleht Raphael nur ein weiteres Mal. Nicht sonderlich hilfreich.
„Sag mir was hier wirklich los ist!" verlangt der Gefallene verärgert. Am liebsten würde er den Anderen kräftig durchschütteln, aber er wagt es nicht seinen Griff um dessen Arme zu lockern.
„Das kann ich nicht", schluchzt der Engel unter ihm, dessen innerer Tumult nun mehr und mehr auch äußerlich sichtbar wird. Und er ist dabei immer noch so schön! Nachdrücklich begräbt der Gefallene diesen Gedanken. Zuerst muss er ergründen weshalb der Andere auf einmal ohne ersichtlichen Grund so aufgelöst ist. Angst vor ihm kann es kaum sein. Er hat bisher noch nie erlebt dass Raphael so panisch auf etwas reagiert. Und so sehr kann er sich gar nicht verändert haben!
„Wieso!" knirscht Azrael halsstarrig zurück und beugt sich herunter, bis sich ihre Nasen fast berühren. Er kann die Dringlichkeit von Raphaels Auffuhr praktisch auf der eigenen Haut prickeln spüren und sucht in dessen Gesicht nach den Antworten die der Engel ihm nicht geben will. Er ist sich allerdings nicht ganz sicher was er dort gerade sieht. Es wirkt wie eine seltsame Mischung aus Verlangen und Angst, aber das kann eigentlich nicht sein. Schließlich war es doch Raphael der sich von ihm abgewandt hat.
Bevor der Gefallene allerdings weiter darüber nachdenken kann lenkt ihn etwas ab. Es fühlt sich für seine feineren Sinne beinahe an wie ein schwarzer Wirbelsturm und es kommt schnell näher. Raphael muss es auch gespürt haben, denn er beginnt erneut sich zu winden.
„Es tut mir leid", haucht er leise als schließlich die Tür der Wohnung krachend auffliegt und ein sichtlich wütender Luzifer hindurch stürmt. Azrael hat gerade noch genug Zeit um erschrocken die Augen aufzureißen, da fliegt er auch schon auf eine ruppige Handbewegung des Lichtbringers hin krachend gegen die nächste Wand.
Das erschrockene Quietschen Sariels, aus dem Nebenzimmer, nimmt keiner der drei Mächtigen wirklich wahr. Mit einem Aufschrei springt Raphael auf und stellt sich zwischen die beiden. In seiner Stimme liegt pure Panik als er ruft: „Nein, Stopp! Warte doch, es ist nicht wie es aussieht. Ich wurde hereingelegt!"
„Und was kümmert mich das?" fragt der Lichtbringer eisig, seine Stimme vibrierend vor kaum gezügelter Macht, die dunklen Augen beinahe schwarz vor schäumender Wut. Sogar seine Haare peitschen wild um seinen Kopf, bewegt durch den Auffuhr in seinem Inneren.
„Ich habe dich gewarnt und du wusstest um die Konsequenzen. Diesmal werde ich keine Entschuldigungen gelten lassen. Wenn dir dieser dumme, kleine Junge wichtiger ist als Azraels Leben, dann ist das deine eigene Entscheidung. Aber wie es scheint geht es dir ja nicht einmal mehr darum! Geh mir aus dem Weg Raphael!"
Azrael kann, durch das laute Klingeln in seinen Ohren, nur leise hören was die beiden sagen, aber es erhellt einiges über das er in den langen Jahren seit der schmerzlichen Trennung endlos gegrübelt hat. Er liebt mich doch, zuckt es wie ein gleißend heller Blitz durch das Herz des Gefallenen! Doch dieses kurze Hochgefühl weicht schon bald der nächsten Emotion. Ein plötzlicher, heftiger Hass auf den Lichtbringer schwillt in seiner Brust. Luzifer war für alles verantwortlich!? Für all diese Jahre in denen er so gelitten hat? Natürlich weiß Azrael wie eifersüchtig der Lichtbringer sein kann, doch von alleine wäre er niemals auf die Idee gekommen er könne etwas mit Raphaels plötzlicher Kälte zu tun haben. Auf einmal macht jedoch alles einen Sinn. Ein feiner roter Nebel scheint sich über die Augen des Gefallenen zu legen, während die pure Rage ihn mit den Zähnen knirschen lässt.
„Nein warte! Du verstehst das völlig falsch! Ich…"
Raphaels Bitten werden abrupt unterbrochen, als er plötzlich von hinten zur Seite geschubst wird und ein nach wie vor nackter Azrael an ihm vorbei springt, der mindestens eben so wütend ist wie Luzifer selbst. Diese unbeherrschte Attacke endet jedoch, bevor sie wirklich begonnen hat, denn Luzifer, der schon lange an ein Leben gewöhnt ist, in dem man ständig auf der Hut sein muss, hat blitzschnell reagiert und den Gefallenen am Hals zu packen bekommen. Ohne große Mühe hält er den röchelnden und strampelnden Azrael mit einer Hand in der Luft fest.
„Lass das gefälligst", zischt er und schüttelt sein Opfer einmal nachdrücklich.
„Nein! Bitte tu es nicht!" kreischt Raphael entsetzt und hält plötzlich ein schimmerndes Schwert in der Hand. In seinem feinen Anzug gibt er damit ein wahrhaft skurriles Bild ab, aber solche Feinheiten berühren ihn gerade nicht im Geringsten.
Luzifer lacht, beschwört mit einer knappen Geste seiner freien Hand ein eigenes Schwert und hält es Azrael an die Kehle, der augenblicklich sehr still wird. Nur in seinen Augen kann man noch deutlich den überschäumenden Hass und den Zorn sehen. Mit jeder Sekunde wird ihm klarer was der Lichtbringer getan haben muss. Die Vorstellung, dass sein Herz völlig umsonst gebrochen wurde, lässt Azrael beinahe zerspringen. Und das von Luzifer, dem er einmal bereitwillig gefolgt ist, dem er vor ewigen Zeiten voller Überzeugung die Treue schwor! Nie zuvor hat er seinen Fall bereut, aber jetzt erscheint ihm sein Schwur auf den Lichtbringer auf einmal wie ein Käfig statt wie eine Befreiung von den einengenden himmlischen Regeln.
„Und was willst du dagegen machen?" höhnt der Prinz der Hölle gerade in Richtung des aufgelösten Engels vor ihm, während er die scharfe Klinge des Schwertes langsam über die dünne Haut am Hals des Gefallenen zieht, bis eine schmale Blutspur erscheint. Es ist Raphael, nicht Azrael, der bei diesem Anblick ein leises gequältes Stöhnen von sich gibt. Der Gefallene bemerkt den Schmerz kaum, zu sehr in Anspruch genommen von seinem plötzlich erblühten Hass und dem Wunsch blind auf Luzifer einzustechen, bis seine Hände nass sind von Blut und seine heimlich vergossenen Tränen weggewaschen werden von der roten Flut. Er muss nur irgendwie aus dem eisenharten Griff um seinen Hals entkommen, ein wenig Raum und Bewegungsfreiheit gewinnen.
„Alles! Ich tue alles was du willst", beschwört Raphael eindringlich. „Nur verschone sein Leben."
Einen Augenblick lang herrscht Stille, dann durchbricht das herablassende Lachen des Lichtbringers das Schweigen.
„Alles?" wiederholt er schneidend. „Wie rührend. Mehr fällt dir nicht ein? Du hast doch gar keine Ahnung was ich alles von dir verlangen könnte. Wer sagt dir denn, dass ich überhaupt einen Handel einhalten würde?"
Auf diese lauernde Frage hin erblasst Raphael. Trotzdem zwingt er sich zu antworten.
„Du würdest ihn einhalten", behauptet er mit mehr Überzeugung als er gerade wirklich fühlt. „Bisher hast du das auch getan."
Luzifers folgendes Lachen ist in keiner Weise beruhigend.
„Also dann", zischt er mit raubtierhaft gebleckten Zähnen und wirft Azrael so hart vor sich auf den Boden, dass dessen dumpfer Aufprall die alten Holzplanken splittern lässt. Schneller als einer der beiden anderen reagieren kann, hat er einen Fuß auf Azraels schlankem Handgelenk platziert und sein Schwert rücksichtslos durch dessen Hand in den Boden gerammt. „Lass uns verhandeln", schlägt der Lichtbringer, auf einmal wieder äußerlich ungerührt, über Azraels kurzen Aufschrei hinweg vor.
