13. Dezember

Manchmal begegnet man seinem Schicksal nicht nur an äusserst unerwarteten Orten, sondern auch in Form von äusserst unerwarteten Personen. Davon erzählt uns heute nbee, und wenn nebst dem Stichwort Aerobic auch die Wörter boshaft und Nervensäge eine Rolle spielen sollen, wird wohl der eine oder die andere schon erahnen, dass das für die Leser durchaus unterhaltsam werden könnte.

DISCLAIMER: Alle bekannten Figuren gehören natürlich nicht mir, sondern JKR. Ich habe sie mir nur ausgeliehen, um einen Kalenderbeitrag für das unvergleichliche Rudel zu verfassen!

Tee oder kein Tee, das ist hier die Frage

Für einen 24. Dezember war das Wetter ausgesprochen mild. Helles Sonnenlicht fiel durch die matten Fenster des alten Industriegebäudes und wärmte die Luft im Treppenhaus. Einmal mehr fragte sich Hermione, was sie hier eigentlich tat. Es war Weihnachten und sie war wahrscheinlich die einzige, die an einem Vormittag wie diesem zum Aerobicunterricht ging. Sie redete sich ein, das nur zu tun, um ihre Freundin Janet zu sehen, welche den Kurs leitete. Aber wenn sie ehrlich zu sich war, wollte sie sich viel eher von der Tatsache ablenken, dass sie die Feiertage zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht im Fuchsbau verbrachte. Natürlich hatte Ron sie eingeladen, obschon sie sich getrennt hatten. Aber sie hatte Molly erklärt, sich so ganz ohne Begleitung fehl am Platz zu fühlen.

Unbewusst war Hermione mitten auf der Treppe stehen geblieben. Sie hatte wirklich nichts gegen Rons Beziehung zu Lavender Brown! Die Gryffindor mit dem sonnigen Gemüt passte viel besser zu ihm, als Hermione es je getan hatte. Gerade deshalb konnte und wollte sie sich nicht wie früher in der von ihr so geschätzten Familie bewegen. Aber sie vermisste das alte Haus, die lieben Menschen, die Weasley'sche Weihnachtsdekoration und vor allem Mollys Kochkünste schmerzlich. Sie konnte den Duft frisch gebackener Plätzchen förmlich riechen und Wehmut schlich sich in ihr Herz.

Das energische Knallen einer Tür riss Hermione aus ihren Gedanken. Den neuen Mieter der Kellerräume hatte sie zwar noch nie zu Gesicht bekommen, aber Janet hatte sie vor dieser Person gewarnt. Er hatte sich schon mehrmals über die laute Musik beschwert und dabei den Eindruck hinterlassen, als sei er zu allem fähig. Wirklich zu allem! Hermione hatte keine Lust, ihm alleine im Treppenhaus zu begegnen. Sie war ohnehin spät dran und beeilte sich nun, zum Unterrichtsraum zu gelangen.

Die sportliche Betätigung brachte Hermione auf andere Gedanken. Janet nutzte die Tatsache, dass sie grade mal zu dritt am Unterricht teilnahmen, gnadenlos aus und verlangte ihnen alles ab. Hermione plauderte anschließend noch etwas mit ihrer Muggelfreundin, bis die nächste Gruppe eingetroffen war. Nach einer heißen Dusche verabschiedete sie sich endgültig und wünschte allen ein frohes Fest.

Mit einer Mischung aus körperlicher Erschöpfung und Beschwingtheit machte sich Hermione auf den Heimweg. Im lichtdurchfluteten Treppenhaus tanzte der Staub scheinbar zum Rhythmus der Musik, die im obersten Stockwerk wieder eingesetzt hatte. Der Lärmpegel war beträchtlich in dem ansonsten leerstehenden Gebäude. In dem Moment fiel ihr wieder der Mieter der Kellerräume ein und sie bereute es, ihren Zauberstab zu Hause gelassen zu haben. Sie konnte ihn weder zum Sport gebrauchen noch wollte sie ihn in ihrer Tasche in der Garderobe liegen lassen. Aber irgendwie hatte sie das ungute Gefühl, dass er ihr gerade an diesem Tag hätte von Nutzen sein können. Und sie irrte sich nicht.

Hermione hatte die schwere Tür im dunklen Eingangsbereich fast erreicht, als sich unvermittelt ein Schatten an ihr vorbeidrängte und ihr den Weg versperrte. Beinahe wäre Hermione ein Schrei entwichen, doch sie konnte sich gerade noch beherrschen und starrte den Mann an, der sich bedrohlich vor ihr aufgebaut hatte. Sie hörte, wie er Luft holte und sah, wie sich sein Mund öffnete, um etwas zu sagen. Doch während sich seine Lippen zu einem strengen Strich schlossen, ohne dass er einen Ton von sich gegeben hätte, fiel ihr die Kinnlade buchstäblich herunter. Sekundenlang starrten sie sich an. Dann wich der schwarz gekleidete Mann zur Seite und öffnete ihr die Tür.

Hermione blieb wie angewurzelt stehen. Die offene Tür ignorierte sie geflissentlich.

"Miss Granger …"

Es war eine klare Aufforderung, das Gebäude zu verlassen, doch Hermione dachte nicht daran. Energisch drückte sie die Tür wieder zu. Ihr Gegenüber war so überrumpelt, dass er es geschehen ließ.

"Professor Snape! Was tun Sie denn hier?", platzte es aus ihr heraus.

Ihr ehemaliger Lehrer, Schulleiter und Spion für den Orden des Phoenix, den sie seit Jahren für tot gehalten hatte, schien seine Fassung schnell wieder erlangt zu haben. "Ich versuche, zu arbeiten", blaffte er sie an.

"Sie arbeiten hier?", fragte Hermione erstaunt. "Wo?"

Snape ließ sich einen Moment Zeit, bevor er antwortete: "Im Grunde genommen geht Sie das überhaupt nichts an, aber ich habe hier in den Kellerräumen ein Labor eingerichtet."

Hermiones Augen weiteten sich begeistert. "Darf ich es sehen?"

"Nein, das dürfen Sie nicht! Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich habe noch zu tun." Es war eindeutig, dass er seine ehemalige Schülerin so schnell wie möglich loswerden wollte.

"Eine Sekunde noch, Sir! Ich hätte da ein paar Fragen!", rief sie ihm hinterher. Es war vielmehr die Tatsache, dass sie ihm nachlief als seine Bereitschaft, ihr zu antworten, die ihn dazu brachte, tatsächlich nochmals stehen zu bleiben.

"Wo haben Sie sich die ganzen Jahre versteckt, dass niemand von Ihrer Existenz wusste?", fragte sie unumwunden.

Er warf ihr einen finsteren Blick zu. "Früher haben Sie mir besser gefallen, als sie noch die Hand hoben, bevor sie eine Frage stellten."

"Damit Sie mich wie damals ignorieren? Keine Chance, Sir!" Hermione musste unweigerlich lächeln. Alles, was Harry ihr über Snapes Erinnerungen erzählte, hatte ihn zu einem Menschen gemacht, dem sie bedingungslos vertrauen konnte. Zu einer Person, die sie unendlich bewunderte und schätzte und die sie schmerzlich vermisst hatte, weil sie ihr noch so viel hätte sagen wollen. Bis zu eben diesem Tag. Und sie dachte nicht daran, diese Gelegenheit einfach vorüberziehen zu lassen. Er konnte sie nicht einschüchtern. Nicht mehr!

Snape wandte sich erneut ab und marschierte los. Sie folgte ihm unaufgefordert mit raschen Schritten, die er trotz der Musik, die nach wie vor das ganze Gebäude durchdrang, hören musste.

"Sie sind eine Nervensäge, das wissen Sie!", stellte er nüchtern fest, als sie vor einer leicht ramponierten, aber sehr stabil aussehenden Metalltür angekommen waren.

"Früher hielten Sie mich noch für eine Besserwisserin. Ich glaube, das hat mir mehr zugesagt", antwortete Hermione fröhlich und wartete, bis er die Tür aufgeschlossen hatte.

"Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen. Ich habe wie erwähnt noch zu arbeiten!" Die Tatsache, dass er ihr die Tür nicht längst vor der Nase zugeschlagen hatte, empfand Hermione als Einladung. Sie drückte sich flink an ihm vorbei und stand in einem nüchtern eingerichteten Raum, der sie sehr an sein Büro in Hogwarts erinnerte. Die eine Wand war von einem enormen Bücherregal eingenommen. Ansonsten gab es zwei Arbeitstische und diverse Glasschränke, in denen Trankzutaten aufbewahrt wurden. Unter einem einzelnen schmalen Fenster standen ein Sessel und daneben ein kleiner Holztisch, auf dem Zeitschriften ausgebreitet waren. Alles sehr zweckmäßig.

"Darf ich?", fragte Hermione beinahe ehrfürchtig, näherte sich aber bereits den Schränken mit den Trankzutaten. Snape zuckte nur die Schultern. Während sie sich beinahe die Nase an den Glasscheiben plattdrückte, kam sie zurück auf ihre ursprüngliche Frage. "Also, Professor. Wo waren Sie die ganze Zeit? Weiß überhaupt jemand, dass Sie noch am Leben sind?"

Snape räusperte sich. "Nun, da gibt es einige! Kingsley sowie verschiedene andere Ministeriumsmitarbeiter, ebenso wie Minerva und die Weasleys", gab er überraschend freimütig Auskunft.

"Die Weasleys wussten davon?", fragte Hermione fassungslos.

"Zumindest Molly und Arthur. Sie laden mich auch jedes Jahr zu Weihnachten ein, selbst als ich noch in Indien war", antwortete Snape lapidar.

"Oh!", hauchte Hermione erstaunt und unüberhörbar enttäuscht. "Sie haben mir nie etwas davon erzählt."

"Selbstverständlich nicht! Ich habe beiden das Versprechen abgenommen, niemandem etwas zu sagen."

"Und weshalb durfte ich es nicht wissen? Oder Harry?", bohrte Hermione weiter.

"Sie waren noch Kinder und sind bisher scheinbar sehr gut ohne dieses Wissen zu Recht gekommen, oder?", fragte Snape zynisch zurück.

"Aber wieso haben wir nie etwas von Ihnen gesehen oder gehört? Sind Sie denn gar nie in der magischen Welt unterwegs, seit Sie wieder hier sind?", bohrte Hermione weiter.

Snape schien keinen Anlass zu sehen, auf diese Frage zu antworten. Genauso wenig wie auf die Folgefrage: "Vermissen Sie es nicht?"

Sein Schweigen war Hermione Antwort genug und er ahnte, was sie über ihn dachte. So verging einige Zeit, in der niemand etwas sagte. Schließlich räusperte sich Snape. "Wie erwähnt, ich habe noch zu tun und bin nicht gewillt, Ihretwegen mein Mittagessen ausfallen zu lassen!"

Hermione musste wieder lächeln, während ihr Gesicht unweigerlich etwas Farbe annahm. "Ach kommen Sie, Sir! Es ist Weihnachten und bis auf die schmutzigen Kessel ist hier ist alles vorbildlich aufgeräumt! Ich helfe Ihnen beim Putzen und danach gehen wir gemeinsam Essen!"

Wahrscheinlich nützte Snape sie nur aus, um seine Kessel zu schrubben, während er seine Zeitschriften sortierte. Aber Hermione war es egal. Auch der Umstand, dass er kein Wort sprach. Sie musste erst einmal ihre Gedanken sortieren und die Neuigkeit verarbeiten, dass Snape noch lebte. Eine halbe Stunde später schloss er die Tür hinter sich und Hermione zu. Und er erwies ihr tatsächlich die Ehre, mit ihr zum Mittagessen zu gehen.

Die Sonne strahlte von einem makellos blauen Himmel und ließ gleichzeitig die matschigen, grauen Schneehaufen am Straßenrand schmelzen. Snape verhielt sich äußerst unbeteiligt, ließ sich von Hermione aber dennoch zu einem kleinen, italienischen Restaurant am Rande der tristen Industriezone führen. Allerdings hatte Hermione nicht mit der äußerst kitschigen Weihnachtsdekoration gerechnet, welche den Südländern offenbar ausgesprochen gut gefiel und sie deshalb auch Unmengen davon in den kleinen Raum gestopft hatten. Dumbledore hätte seine helle Freude daran gehabt.

Ein vorwurfsvoller Blick ihres Begleiters konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er selber hier regelmäßig Gast war. Die Wirtin begrüßte ihn jedenfalls ehrfürchtig mit Namen und wies ihnen den besten Platz am Fenster zu.

Obwohl sie schon vor Betreten des Lokals wusste, was sie bestellen würde, tat Hermione so, als studierte sie eingehend die Speisekarte. Dabei überlegte sie fieberhaft, wie sie am besten ein Gespräch mit dem wortkargen Magier begann. Schließlich fing sie behutsam an, ihn über seine Arbeit auszufragen. Vielleicht lag es am Rotwein, den sie bestellte, aber mit der Zeit kam tatsächlich so etwas wie ein Gespräch und spätestens beim Dessert sogar eine interessante Konversation zustande! Die einschläfernde Wirkung des um diese Zeit ungewohnten Konsums von Alkohol machten beide mit Espresso wett, und sie waren so sehr in ein Gespräch vertieft, dass sie kaum bemerkten, wie die Zeit verflog.

Erst, als sich die elektrische Weihnachtsbeleuchtung einschaltete, wurde Hermione mit Schrecken bewusst, dass es draußen dämmerte. Es war kaum auszuhalten neben dem bunten Rentierschlitten, der vor dem Fenster blinkte. Doch bis sie endlich bezahlt und die guten Weihnachtswünsche der ganzen Belegschaft entgegen genommen hatten, war es bereits dunkel.

Mit einem Glücksgefühl im Bauch verabschiedete sich Hermione vor dem Restaurant von Severus Snape. Sie wusste nun, wo er zu finden war, auch wenn er nicht den Eindruck erweckte, als wolle er sie demnächst wieder sehen. Also wandte sie sich um und machte sich im Dunkeln auf den Weg zur Bushaltestelle.

Hermione war noch nicht weit gekommen, als sie zum ersten Mal ausrutschte. Offenbar hatte sich die Luft stark abgekühlt und die nassen Stellen, die sich den Tag hindurch gebildet hatten, wurden zu eisigen Stolperfallen. Sie musste sich zwar beeilen, um ihren Bus noch zu erreichen und deshalb höllisch aufpassen, aber es war ihr einerlei. Es gab nur etwas, das sie jetzt noch aufhalten konnte, und das war die Stimme von Severus Snape. "Miss Granger, wollen Sie nicht lieber apparieren?", fragte er unerwartet nah hinter ihr.

Erstaunt blieb Hermione stehen und drehte sich noch einmal zu ihm um. Zum Glück konnte er nicht sehen, wie sie rot anlief, es war einfach zu dunkel. "Ich habe meinen Zauberstab nicht dabei, aber das ist kein Problem. Der Bus fährt praktisch bis vor meine Haustür!"

"Sie werden sich aber den Hals brechen, bevor sie bei der Haltestelle sind!", gab Snape zu bedenken. "Hier, nehmen Sie meinen Zauberstab. Ich werde Sie begleiten."

Erstaunt, aber hoch erfreut ergriff Hermione im Schutz der Dunkelheit den Zauberstab, nahm dann Snapes dargebotenen Arm und apparierte mit ihm direkt in ihr Wohnzimmer. Nach dem üblichen Moment einer kurzen Orientierungslosigkeit nahm Hermione ihren eigenen Zauberstab, der auf dem Sideboard lag, an sich und gab Snape seinen zurück. "Wo Sie schon einmal hier sind: Darf ich Ihnen einen Tee anbieten?"

Snape sah sie für einen Moment verwundert an, als würde er gerade von der Realität eingeholt. Dann antwortete er unerwartet schroff: "Ich habe noch anderes zu tun, als mich mit Ihnen zu unterhalten."

Hermione war etwas vor den Kopf gestoßen. Seine Worte klangen irgendwie boshaft. "Entschuldigen Sie, Sir. Ich werde Sie selbstverständlich nicht länger aufhalten. Vielen Dank, dass Sie mich nach Hause gebracht haben."

Er warf ihr nochmals einen Blick zu, den sie nicht zu deuten vermochte und schickte sich an, erneut zu apparieren. "Grüßen Sie die Weasleys von mir!", rief sie ihm zu, bevor er verschwinden konnte.

Snape hielt erneut inne. "Wie kommen Sie darauf, dass ich ausgerechnet in diesem Jahr der Einladung folgen werde? Ich begebe mich bestimmt nicht ganz alleine in die Höhle dieser Löwenfamilie. Und schon gar nicht zu Weihnachten!" Er schien richtiggehend empört.

Jetzt wurde selbst Hermione etwas ungehalten. "Bei allem Respekt, Sir. Aber die Weasleys sind die großherzigste Familie, die es überhaupt gibt. Sonst hätten sie ihre Versuche, Sie einzuladen, längst aufgegeben. Weihnachten im Fuchsbau ist das schönste, was man sich vorstellen kann."

Snape grinste gehässig und fragte lauernd: "Weshalb gehen Sie denn nicht hin?"

"Es geht Sie zwar nichts an, aber ich habe keine Lust, dort alleine aufzutauchen", entrüstete sich Hermione.

"Aber von mir erwarten Sie, dass ich genau das tue?", fragte Snape arrogant. Es war nicht davon auszugehen, dass er darauf wirklich eine Antwort erwartete.

Hermione seufzte. Am liebsten hätte sie ihm an den Kopf geworfen, dass er ja bisher auch immer und überall alleine gewesen war, ganz im Gegensatz zu ihr selbst. Doch das war natürlich völlig inakzeptabel, und sie fühlte sich plötzlich komplett ausgelaugt. "Sie haben natürlich Recht, Sir. Jeder soll die Feiertage so verbringen, wie es für ihn stimmt. Ich danke Ihnen nochmals für den schönen Nachmittag und wünsche Ihnen ein frohes Fest."

Snape drehte sich um, ohne ein Wort zu sagen und apparierte.

Hermione überlegte noch lange, wie es gekommen war, dass sich Snapes Stimmung so plötzlich gewandelt hatte. Er hatte ihr aus freien Stücken angeboten, sie nach Hause zu bringen. Da war es nur höflich gewesen, ihn zum Tee einzuladen. Daran konnte es unmöglich liegen. Wahrscheinlich war er sich bewusst geworden, dass er durch sie wieder mit einem Fuss in der magischen Welt seiner Heimat stand, und er schien keinen Wert darauf zu legen, einen Schritt weiter zu gehen. Schließlich resignierte sie. Er war und blieb halt einfach Severus Snape. Auch die Feiertage vermochten daran nichts zu ändern.

So saß sie den ganzen Abend am Fenster, eingehüllt in eine flauschige Wolldecke, eine Tasse Glühwein in der Hand und sah dem Schneetreiben zu, das irgendwann eingesetzt hatte. Es war ein friedliches Bild, wie es weihnachtlicher nicht hätte sein können. All die glitzernden Lichter des Londoner Vororts und dazu die winterliche Stimmung. Trotz allem fehlte ihr der Fuchsbau bereits jetzt ganz schrecklich. Vielleicht hätte sie doch ihre Eltern in Australien besuchen sollen.

Es war eindeutig ein Glühwein zu viel gewesen. Oder auch zwei … Am nächsten Morgen wachte Hermione ausgesprochen spät auf und brauchte unendlich lange, um richtig in die Gänge zu kommen. Erst der Anblick der unzähligen Geschenke, die offenbar mitten in der Nacht unbemerkt aus ihrem Kamin gepurzelt waren, vermochte ihre Lebensgeister zu wecken. Noch in ihrem kuscheligen Pyjama und mit dicken Socken an den Füssen setzte sie sich auf den Fußboden und sah sich glücklich um. Die Weasleys hatten sie nicht vergessen und natürlich auch all ihre anderen Freunde nicht. Zuerst öffnete sie aber ein Päckchen, das verdächtig nach Molly aussah. Es enthielt einen dicken, dunkelroten Wollschal, den sie sich sofort um den Hals schlang, bevor sie die Karte las. "Liebe Hermione. Wir wünschen dir von Herzen ein frohes Weihnachtsfest! Du wirst uns fehlen und falls du es dir doch noch anders überlegst, wir halten einen Platz für dich frei."

Hermione schniefte ein paar Tränen weg, die sich in ihren Augenwinkel gebildet hatten. Ganz egal, was passierte: Im nächsten Jahr würde sie wieder mit den Weasleys feiern.

Sie hatte sich gerade eines der unvergleichlichen Ingwerplätzchen in den Mund gesteckt, die Ginny ihr geschickt hatte, da klopfte es an der Tür. Ohne groß nachzudenken, stand Hermione auf und eilte noch kauend mit roter Nase und feuchten Augen zum Eingang. Als sie öffnete, verschluckte sich zuerst einmal. Anstelle des erwarteten Postboten stand da kein Geringerer als Severus Snape.

"Sie sind ja noch gar nicht fertig", stellte er lapidar fest und betrat unaufgefordert ihre Wohnung.

"Fertig? Wofür?", japste Hermione, die sich noch nicht ganz von ihrem Hustenanfall erholt hatte.

"Für die Einladung bei den Wasleys", erklärte Snape geduldig.

"Aber ich gehe da nicht hin! Nicht in diesem Jahr!", wehrte sich Hermione.

"Oh, dann habe ich Sie falsch verstanden. Ich glaubte, mich zu erinnern, dass Sie nicht ALLEINE da hin wollten." Snape sah sie abwartend an.

"Richtig!" Mehr fiel Hermione nicht ein. Sie hatte keine Ahnung, was Snape ihr sagen wollte. Also half er ihr auf die Sprünge.

"Nun, wenn ich Sie begleite, sind Sie nicht alleine …", erklärte er fast beiläufig und inspizierte scheinbar interessiert das Durcheinander aus Paketen auf ihrem Teppich.

"Das würden Sie für mich tun?", fragte Hermione ungläubig.

Snape wandte sich zu ihr um und musterte sie von oben bis unten, was Hermione unweigerlich so rot anlaufen ließ, dass sich ihre Gesichtsfarbe kaum mehr von Mollys Schal unterschied. "Nur, wenn Sie sich etwas anderes anziehen."

"Selbstverständlich, Sir. Ich beeile mich!" Mit diesen Worten wollte sie bereits im Badezimmer verschwinden.

"Könnte ich einen Tee bekommen?", fragte er leicht pikiert.

Hermione war peinlich berührt. Immerhin stand sie im Schlafanzug vor ihrem ehemaligen Lehrer. "Wie unhöflich von mir! Aber nach Ihrer Reaktion gestern auf meine Einladung habe ich mich nicht getraut, Sie noch einmal zu fragen."

"Ah, ich verstehe. Heute ist aber nicht gestern und ich hätte jetzt gerne einen Tee."

Damit war sehr viel mehr gesagt als nur, dass Snape Durst hatte. Hermione wusste, dass dies seine Art war, sich für sein Verhalten vom Vortag zu entschuldigen und Snape wusste, dass sie ihn verstand. Also bereitete sie einen Tee für ihren Gast zu und richtete sich dann endlich vorzeigbar her.

Pünktlich, wie es auf der Einladung stand, war Hermione bereit und trat zusammen mit Snape vor den Kamin. Sie hatte schon die Hand nach dem Flohpulver ausgestreckt, da zögerte sie. "Wieso haben Sie sich nochmals anders entschieden?", wollte Hermione wissen.

"Jemand hat nebenbei erwähnt, Weihnachten im Fuchsbau sei etwas, was man erlebt haben müsse. Nun reicht aber meine Vorstellungskraft nicht besonders weit", gab Snape zur Antwort.

"Soso, das hat jemand gesagt. Nun ist dieser Jemand aber nicht sicher, ob Sie dann auch tatsächlich in den Fuchsbau flohen. Vielleicht überlegen Sie es sich ja wieder anders?", gab Hermione zu bedenken.

Daraufhin gestand er ihr sogar zu, gemeinsam zu apparieren. Sie landeten ausgesprochen sanft vor dem Fuchsbau, mitten in einem großen Schneehaufen! Hermione musste herzlich lachen, während Snape leise fluchte. "Tut mir Leid, Sir. Das war bestimmt Georges Idee!" Mit einem Schlenker Ihres Zauberstabes waren sie beide wieder trocken und schneefrei.

Hermione strahlte über das ganze Gesicht, als sie vor der wohl bekannten Tür mit dem liebevoll dekorierten Kranz aus Tannenzweigen stand. "Nun, dann wollen wir mal. Das wird die Überraschung des Jahrtausends!"

Sie klopfte energisch an der Tür, öffnete und rief laut: "Frohe Weihnachten!"