Die Macht des Steines

Kapitel XIII

Surrey, England

Die Faust war wie aus dem Nichts gekommen. Laras Körper segelte bereits zum Boden, als ihr Geist noch gar nicht verarbeitet hatte, was genau geschehen war. Sie schlug hart auf, dass erkannte sie auch ohne zu realisieren, von wo die Faust gekommen war. Die Pumpgun löste sich aus der Verankerung und rutschte klappernd über die Fliesen. Die Wachen im Erdgeschoss würden des zweifellos hören und das war gar nicht gut.

Wie durch ein Wunder hielt der Knoten ihres Morgenmantels und bewahrte sie somit vor einer erniedrigenden Szene. Mit der linken Hand tastete sie nach ihrer Lippe. Die geschwollene Stelle war wieder aufgeplatzt und frisches, rotes Blut quoll aus der Wunde. Schmerzverzerrt sog sie die Luft zwischen den Zähnen ein. Dann wand sie den Kopf um und blickte in das Gesicht des Angreifers.

Wie der Rest der Attentäter trug auch er diese schwarze Gasmaske, die ihn nach einer Mischung aus Ninja und Insekt aussehen ließ. Allerdings war da ein gravierender Unterschied zwischen dem Mann und den restlichen. Sein Haar war weiß wie Schnee. Ein Albino, wie Lara erkennen musste.

Um die Augenpartie erkannte Lara Fältchen im Gesicht des Angreifers. Fältchen, die keineswegs schon immer dort waren, sondern dadurch entstand, dass er sie angrinste. Es war ein kühles, berechnetes Grinsen. Er wusste genau, dass er nun die Oberhand hatte und Lara ließ diese Erkenntnis nicht gerade in Hochstimmung verfallen.

Die befürchteten Schritte halten bereits wenige Sekunden später über die Treppe. Lara versuchte sich aufzurichten. Doch es gelang ihr nicht. Noch immer kreiste das Blickfeld vor ihren Augen. Er hatte genau bei ihrer Schläfe angesetzt und hatte einmal durch ihr Gesichtsfeld gezogen. Aua...

Der Albino kam nun direkt auf sie zu. Aus dem Augenwinkel erkannte Lara zwei Söldner die Galerie entlang eilend, die Waffen im Anschlag. Nun ging es wohl zu Ende. Die Waffe war viel zu weit entfernt, der Kopf hämmerte vor Schmerz, als hätte man ihr einen Hammer übergezogen und die Gelenke gaben auch nach.

Doch der Albino schnitt mit einer einzigen Bewegung, den Männern das Wort ab. Sie blieben stehen und sahen ihren Kollegen, nein wohl eher Vorgesetzten, verdutzt an. Gemächlich trat er neben Lara und packte sie am Kragen ihres Morgenmantels, hievte sie ohne Schwierigkeiten in die Höhe und blickte ihr nun von Angesicht zu Angesicht in die Augen. Lara wollte provokativ Lächeln, aber der Schmerz in ihrer Lippe untersagte ihr solche Aktionen.

Laras Augen weiteten sich, als ein heftiger Schmerz in ihrer Magengegend explodierte. Die Faust des Widersachers war vor gezuckt und hatte sie dort getroffen. Die Luft wurde aus ihrem Körper gedrückt und sie keuchte vor Schmerz auf. Blitzschnell breitete sich der Schmerz auf Laras gesamten Körper aus. Sie taumelte, machte einige, unbeholfene Schritte nach hinten und spürte das Geländer der Galerie in ihrem Rücken.

Dann geschah etwas unvorstellbares. Laras Gleichgewicht verlagerte sich etwas zu weit nach hinten und sie spürte, wie sie Kopf über in die Tiefe fiel. In der Luft überschlug sie sich ein mal und...

...knallte direkt auf den Beistelltisch neben dem Kamin. Gut, dass Winston immer für Ordnung sorgte, sonst hätten sich irgendwelche Kaffeekannen in ihre Rippen gebohrt und sie womöglich sogar umgebracht. So aber landete sie nur auf dem Holztisch. Dieser gab unter ihrem Gewicht nach und zerbrach in Einzelteilen.

Lara keuchte, aber da die Höhe, die sie gefallen war, nicht sonderlich tief gewesen war, lebte sie noch. Allein dieser Gedanke und der Wille zu erfahren, was aus Winston, Allister und Sara wurde brachte sie dazu, bei Sinnen zu bleiben.

Schwer atmend erhob sie sich langsam. Sie sah die Söldner, die eben noch hinauf gerannt waren, die Stufen wieder hinabeilen. Lara hob ihre Arme, wollte sich wehren aber sie wusste, dass es Zwecklos war. Der Albino duckte sich unter ihren Armen her, griff einen davon und verdrehte ihn auf ihrem Rücken. Lara schrie leise auf und ließ die nächste Prozedur über sich ergehen. Sie wurde gefesselt.

Benommen saß sie schließlich auf ihrer eigenen Couch, flankiert von zwei Söldnern, die mit ihren Schalgedämpften Waffen auf sie zielten. Wenn die Welt da draußen nur ahnen würde, was gerade im Croft Manor geschah. Vielleicht würden sie dann ja die Polizei rufen. Aber so lange der Strom nicht da war und Winston und Allister nicht wie durch Zufall, das Notfalltelefon in dem Panic Room gefunden hatten, würde hier niemand ankommen und sie retten können.

Die Sorge um Sara brachte sie wieder zu klarem Verstand. Sie versuchte sich zu entspannen und lockerte ihre Muskeln, um keine Krämpfe zu bekommen. Lara war vollkommen fertig, aber sie wusste, dass sie weiter machen musste. Immerhin ging es hier um das Leben ihrer Freunde. Die Archäologin sondierte die Umgebung, während sie so viel Kraft zu speichern versuchte, wie sie finden konnte.

Vier Männer und der Albino. Das waren fünf Gegner, von denen einer zwar unbewaffnet dafür aber ziemlich schnell und wendig war und Lara hatte die Arme auf dem Rücken gebunden. „Hey!", rief sie dem Albino zu. Der Mann reagierte zwar, blickte sie aber nur an, antwortete nicht.

„Was wollt ihr von mir?!", wollte die Abenteurerin wissen. Doch erneut bekam sie keine Antwort. Der Albino wand sich einfach ab. Arrogantes Schwein, dachte Lara sich abfällig und vergaß vollkommen ihre guten Manieren. Doch als sie sah, wie er einem der Männer in Gebärdensprache Anweisungen gab, woraufhin dieser sich entfernte, war Lara klar, wieso er ihr nicht geantwortet hatte.

Was der Albino scheinbar nicht wusste, war das Lara von den Lippen lesen konnte. Und außerdem beherrschte sie die Gebärdensprache und da der Mann nun mal eine Maske trug, bleib ihr nichts anderes übrig, als die Zeichen zu verfolgen und sich selbst ein Bild von der Lage zu machen.

Findet den Briten und den Butler!

Der angesprochene nickte und entfernte sich von dem Rest der Gruppe. Ein Widersacher weniger, Punkt für Lara. Dennoch blieb das unüberwindbare Problem, dass man ihre Hände mit einem Strick gebunden hatte. Das raue Material der Fessel zerschnitt Laras oberste Hautschicht und ließ die Gelenke schmerzen. Aber sie blieb tapfer und schwieg weiter. Sie musste möglichst unauffällig sein, vielleicht gelang es ihr zu entkommen.

Ein Trostpflaster in der ganzen Situation war, dass sie Allister, Winston und Sara noch nicht gefasst hatten. In dem Moment, in dem sie den Gedanken dachte, hörte sie eine vertraute Stimme links von ihr. „Hallo Lara.", sie erkannte Winston und Allister, ebenfalls gefesselt, wie sie gerade in den Raum herein geführt wurden.

Lara verdrehte die Augen und blickte weg. „'tschuldige.", nuschelte Allister: „Die Männer waren echt gut vorbereitet. Sie wussten wo der Panic Room war und wie man den aufbekommt." Lara nickte als Zeichen, dass sie diese Information aufgenommen hatte. Die beiden Männer wurden links und rechts neben sie gesetzt. Winston wirkte trotz der brenzligen Situation, in der sie gerade steckten eigentlich ziemlich ruhig.

Das war erstaunlich...

...und beeindruckend ebenso. Gerade, als sie ansetzen wollte, um Winston zu fragen, wieso er denn so ruhig sei, vernahm Lara ein komisches Geräusch. Es war ähnlich, wie wenn der Wind durch Gänge pfiff. Erinnerte einwenig an das Heulen eines Wolfes. Im nächsten Moment wurde die Eingangstür, eigentlich fest verschlossen, brutal aufgestoßen und ein heftiger Wind pfiff durch die Eingangshalle. Einige Papiere, die noch auf der Couchgarnitur lagen, wurden davon geweht und die kalte Asche stob ebenfalls in die Luft.

Lara kniff bei der Stärke des Windes die Augen zusammen und blickte in die Richtung, aus der der Wind kam. In der Tür standen zwei Gestalten, dahinter war die regnerische Nacht zu erkennen. Ein Blitz schlug ein und erhellte das Szenario für einen kurzen Moment. Alexia Foster und Corban Frys waren eingeflogen.

„Also zeigen sich die Verursacher doch persönlich.", murmelte sie in ihren nicht vorhandenen Bart. An Alexias Hals hing der Diamant in einer Fassung aus Gold und Lara zweifelte keinen Moment, dass die Energie eben aus dem Diamanten gekommen war. Kein schöner Gedanke. Gar nicht schön.

Saras Augen durchschnitten die absolute Finsternis nicht. Also musste sie, sobald die Witchblade sich wieder beruhigt hatte, auf „Beleuchtung" schalten. Das war eigentlich ziemlich simpel. Sie konzentrierte die Energie in ihren Fingerspitzen und ließ einen Blitz loslodern. Aber sie feuerte ihn nicht ab. Das war besser, als die meisten Fackeln. Und hielt deutlich länger.

Nach einem kurzen Stück Pfad, kam eine kleine Treppe. Sie war alt und dicke Staubschichten sammelten sich hier. Falls Lara diesen Geheimgang im Croft Manor je gefunden hatte, so sorgte sie hier keineswegs für Ordnung. Spinnweben hingen von der Decke, überall waren dicke Staubschwaden. Sara hörte irgendwo im verborgenen einige Ratten quieken, die noch immer darauf warteten, dass irgendwer mal eine Tür öffnete und sie in die Küche huschen konnten.

Der Weg endete nur wenige Meter und zwei Treppen später. Vor ihr befand sich eine massive Steinwand. Sara legte ihre Handfläche auf die Wand und wie erwartet, schob sich diese bei Berührung zur Seite. Sie befand sich tatsächlich im Kellergewölbe des Anwesens. Sie erkannte den Garagenkeller und sie war direkt vor dem Aston Martin herausgekommen. Ein schneller Blick nach links und rechts versicherte ihr, dass keine Wächter in der Nähe waren. Dann trat sie hinaus.

Wenige Schritte später traf sie aber befürchtete Wachen. Diese waren aber damit beschäftigt, die schönen Fahrzeuge zu sondieren. „Sie dir das an.", sprach der Eine zum Anderen. Sie trugen beide die Standardkleidung dieser kleinen Gruppe und begutachteten den Bugatti Veyron.

So ein teures und edles Fahrzeug hatten sie wohl noch nie gesehen. Sara duckte sich unter dem Aston und robbte zur Seite. Die Energie in ihrer Hand lud sie noch einwenig weiter auf, dann sprang sie schnell aus ihrer Deckung hervor und ließ den Blitz zucken. Dieser verfehlte um wenige Zentimeter sein Ziel und schlug weiter hinten in einen Porsche Cayenne ein. In einem Feuerball explodierte das Fahrzeug und Sara verfluchte sich selbst dafür.

„Mist.", entfuhr es ihr leise und sie entließ noch eine Reihe anderer, unschöner Flüche. Erschrocken rissen die beiden Wachmänner ihre Waffen hoch und feuerten eine Salve in die Finsternis. Sara war unterdessen wieder hinter dem Aston Martin verschwunden.

Erneut wollte sie die Energie in den Handschuh laden, dann aber entschied sie sich für die Schwertklinge als Waffe. An der Vorderseite des Wagens ging sie nun geduckt entlang und schlich sich zu den Gegnern, die mit ihren Nachtsichtgläsern die Finsternis durchsuchten. Aber sie fanden Sara nicht.

Blitzschnell sprang sie aus der Deckung hervor und hieb mit dem Schwert an ihrem Arm nach dem ersten Gegner. Dieser bezahlte es mit einer Wunde in der Bauchgegend und brach keuchend zusammen. Den zweiten Söldner trat Sara zwischen die Beine, obwohl das ja eigentlich besonders unsportlich war. Aber für Frauen galten da andere Regeln.

Dann stieß sie die Klinge durch sein Herz, um ihm das Sterben nicht unnötig qualvoll zu machen. Seufzend wand sie sich ab und eilte zu der Tür, von der sie wusste, dass diese sie wieder ins Haus bringen würde. Sie musste Lara beistehen. Gerade, als sie die Tür, die das Treppenhaus mit der Empfangshalle verband, öffnen wollte, hörte sie Stimmen auf der anderen Seite. Leise schob sie die Tür einige Zentimeter auf.

Sie erkannte sofort was los war. Lara und die beiden Männer saßen gefesselt auf der Couch. Vier Söldner standen im Raum und außerdem kam gerade Alexia Foster dicht gefolgt von Corban Frys durch die Tür. An Alexias Dekoletté hing der Diamant eingefasst in echtes Gold. „Lady Croft, schön Sie wieder zu sehen.", Alexia Foster machte eine provokative Verbeugung vor der Kollegin und ging auf sie zu: „Sie wissen wohl schon längst, weshalb ich hier bin, oder?!"

„Ja.", zischte Lara finster.

„Dann geben Sie es uns und wir verlassen sofort Croft Manor.", erklärte die blonde Frau mit ernster Stimme. Sie spielte nicht, dass ahnte Sara. „Lieber würde ich einem Rhinozeros die Schuhe binden, als Ihnen die Papiere zu geben.", erwiderte Lara.

Die beiden Frauen blickten sich finster an. Obwohl Alexia auf alle Fälle die besseren Karten in der Hand hatte, blieb Lara hart. Das bewunderte Sara sehr an ihrer Freundin. Die Frau wusste was sie wollte und wusste, wie sie es zu verteidigen hatte. „Wenn Sie mir nicht entgegen kommen, wird ihnen das Schuhe binden noch wie ein Spaß vorkommen, Lady Croft.", funkelte die fiese Alexia.

Lara versuchte zu Lächeln, aber das Blut an ihrem Kinn sprach für sich. „Wissen Sie, was ich meine?!", wollte Alexia wissen.

„Lassen Sie mich raten, Sie bedrohen meine Freunde, wenn ich Ihnen nicht verrate, wo die Unterlagen sind, richtig?!", antwortete Lara. Alexia gab dem Albino blitzschnell ein Zeichen, woraufhin dieser aus seinem Rücken einen Revolver zog und Allister eine Kugel in die Schulter schoss.

Der Wissenschaftler zuckte erschrocken auf, als der Schmerz in seiner Schulter explodierte und wimmerte. Es war ein Durchschuss also nichts besonders tragisches aber dennoch blutete die Wunde stark. Er brauchte ärztliche Hilfe.

„In Fachkreisen heißt das: Ein Warnschuss!", gab Alexia kühl zurück und beachtete den sich vor Schmerz windenden Allister gar nicht. Sara hatte genug gesehen. Bevor Lara den Mund aufmachen konnte, stürmte sie aus der Tür, die Witchblade erhoben und mit einem Kampfschrei auf den Lippen.

Doch sie kam nicht weit. Alexia blickte zur Seite, realisierte schnell die Situation und riss ihren Arm hoch. Für einen kurzen Moment schien es so, als würden sich ihre Fingerspitzen auflösen. Dann schoss eine mächtige Druckwelle hervor und hieb Sara von den Beinen. Ihr Körper wurde wie eine Puppe durch die Luft geschleudert und sie knallte mit voller Wucht gegen das Panzerglas des Computerterminals.

Mit Erschrecken musste Lara feststellen, dass Sprünge in dem Glas waren. Das war also die Macht dieses Artefaktes, fuhr es ihr durch den Kopf. Alexia blickte sie an: „Nun?! Oder soll ich noch einwenig mehr Ihrer Freunde verletzen?!" Lara kochte vor Wut, am liebsten würde sie Alexia an die Kehle springen und sie mit bloßen Händen zerreißen. Aber die Chancen standen nicht gut für sie.

„Hinter dem Kamin gibt es eine Geheimkammer. Dort liegen sie.", gab sie resigniert zu. Alexia klatschte sich auf den Oberschenkel und lächelte, so als wäre nichts gewesen: „Geht doch!", sie gab einem ihrer Männer den Befehl diese Kammer zu öffnen. Lächelnd blickte sie auf die geschlagene Lara. Das würde ihr eine Lehre sein. Doch sie ahnte nicht, welchen Hass sie da in der Archäologin geweckt hatte.

Fortsetzung folgt:

Nicht Beta-Lesen lassen...sorry, wegen der Rechtschreibfehler.