Es war wie eine Zeitreise… Im Wohnzimmer hatte sich fast nichts verändert, ordentlicher war alles, ja. Ein paar neue Fotos hingen an den Wänden, einige neue Bücher standen in den Regalen. Wilsons Spuren waren deutlich aber nicht – entfremdend. Das Baby-Grand stand unangetastet in der Ecke, auf Hochglanz poliert und völlig staubfrei. House wurde beinahe schwindelig. All die Jahre, und hier schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Als sei nichts passiert; als sei er gerade aus dem PPTH gekommen, nach einem langen Tag.
„Ich … also ich habe ein Bettsofa bestellt, aber es ist nicht rechtzeitig gekommen…", Wilson deutete zum Schlafzimmer „Das Bett ist frisch bezogen. Ich habe meine Sachen in die eine Schrankhälfte geräumt. Du kannst die andere haben." House blickte auf die Tasche mit seinen wenigen Klamotten – er würde keinen halben Schrank brauchen! Er hinkte ins Schlafzimmer – es war wie eine Zeitreise und als er im Schlafzimmer angekommen war, schaffte er es gerade noch, die Tür hinter sich abzuschließen, bevor er schlotternd auf das Bett sank.
Als House wieder halbwegs klar denken konnte, war es schon dunkel. Er hatte da gesessen und versucht, zu verstehen, was das alles hier sollte. Gut, Wilson hatte das Apartment übernommen, weil er sowieso selbst eine Wohnung brauchte. Aber… warum hatte er nichts verändert? ER konnte sich auf all das keinen Reim machen. War zu müde dazu, hatte einfach keine Lust.
Viel drängender war das Bedürfnis, das Piano zu spielen! Er öffnete die Zimmertür so leise er konnte – House hatte keine Lust auf irgendwelche Gespräche mit Wilson! Die Wohnung war dunkel bis auf eine kleine Lampe im Wohnzimmer. Wilson schlief auf dem Sofa. Der Anblick verursachte bei House beinahe einen Flashback!
Er tappte zum Piano, klappte das teure, geliebte Instrument auf und setzte sich auf den Hocker. Legte die Hände auf die Tasten. Sie waren blank und glatt und kühl unter seinen Fingern. Ohne einen Ton zu erzeugen, ließ House seine Hände über die Tasten gleiten.
Seine Hände – jetzt vernarbt – wie anders sie aussahen als beim letzten Mal, als er hier gesessen hatte! Sachte drückte er die rechte Hand hinab – ein leiser, fragender Akkord. Gänsehaut lief seinen Rücken hinunter! Ein forschender Blick auf Wilson zeigte, dass der Mann wohl noch schlief. Noch ein Akkord. Ein langsamer Lauf. Trotz des kleinen Keyboards waren seine Hände nicht mehr so geübt wie früher.
Wilson konnte nicht sagen, was ihn geweckt hatte. Er hörte die Musik und glaubte zuerst an einen Traum. Dann wurde ihm klar, dass House spielte! Vor Furcht, den Mann zu verjagen, lag er ganz still. Hoffend, das House es nicht merkte, lag er da und spürte die Tränen sein Gesicht herablaufen.
Nach einer Weile hinkte House in die Küche. Er gab sich Mühe, Wilson möglichst zu ignorieren. Lag da und flennte! Ging's noch erbärmlicher? Das Licht aus dem Kühlschrank beleuchtete seine hagere Gestalt. Nichts drin außer Coke, Milch und 7up. Eine Schranktür nach der anderen wurde aufgerissen.
„Du wirst nichts finden." Sagte eine ruhige Stimme hinter ihm auf einmal.
„Ist das auch eine der Bewährungsauflagen?"
„Nein. Aber ich möchte nicht, dass Du Dich am ersten Abend haltlos besäufst." Wilson versuchte, ruhig zu bleiben.
Wortlos humpelte House an ihm vorbei ins Schlafzimmer, holte seine Jacke aus dem Schrank und marschierte zur Tür.
„Wo willst Du hin?" in Wilsons Stimme schwang so etwas wie leise Panik. Als der Andere nicht antwortete, hastete Wilson hinter House her und packte ihn am Ärmel. „House?"
Der riss sich los und starrte Wilson hasserfüllt an „Lass' mich in Ruhe!"
Die Tür fiel ins Schloss und Wilson stand alleine im Raum. Der Onkologe rieb seine Nasenwurzel. Nicht zu fassen! Er hatte sich das wirklich irgendwie anders vorgestellt. Wie genau, konnte er selbst nicht sagen. Einfach… anders.
Dann kam Leben in ihn. Wilson beeilte sich, Schuhe und Mantel anzuziehen, schnappte den Schlüssel und lief hinaus in die Nacht, House hinterher. Der Mann hatte kein Auto und war nicht gut zu Fuß, das einzige Ziel konnte nur die Bar einen Block weiter sein und Wilson rannte los. An der Kreuzung blieb er stehen und lugte um die Ecke. House war nicht zu sehen und so ging er die letzten Meter schnellen Schrittes in Richtung Bar.
Bis ein Angriff aus einem Hauseingang ihn brutal stoppte. Er bekam kaum noch Luft, harte Hände packten ihn am Hals und pressten ihm die Kehle zu. Wilson krächzte und krallte an den Händen.
„Lass mich in Ruhe! Ich habe nicht um Deine Hilfe gebeten, also hau ab!" knurrte eine Stimme, die Wilson zuerst gar nicht erkannte. Zu viel Hass schwang in dieser Stimme. Wilson hatte ernsthaft Angst und die verfolg auch nicht, als er erkannte, dass es House war, der ihn so unerbittlich würgte.
Er wurde grob gegen die Wand gestoßen und losgelassen. Drei, vier Mal holte Wilson fast verzweifelt Luft, bevor er reden konnte „Wohin willst Du? … Du hast nichtmal einen Schlüssel dabei!"
Wilson bekam keine Antwort: House war schon weg.
