Kapitel 12

Im Penthouse angekommen legte Tony die immer noch bewusstlose Pepper vorsichtig auf dem Sofa ab, um die Iron Man-Rüstung ausziehen zu können. Dann trug er sie ins Schlafzimmer und setzte sie auf dem Bett ab. Er zog Pepper die Reste ihrer versengten Kleidung aus und deckte sie behutsam zu.

„Jarvis, überprüfe Peppers Vitalwerte", befahl Tony leise, während er sich neben sie aufs Bett setzte.

„Herzschlag leicht beschleunigt, Temperatur normal. Mehr Informationen kann ich erst nach Analyse der Blutwerte geben."

„Schon gut, J. Ich werde gleich eine Probe nehmen." Tony strich Pepper eine Haarsträhne von der Stirn, ehe er zur Werkstatt hinüberging, um eine Injektionsnadel für die Blutprobe zu holen. Nachdem er Pepper wieder einige Tropfen Blut entnommen hatte, legte er Jarvis diese zur Analyse vor.

„Und Kumpel, wie sieht es?" fragte er erwartungsvoll.

„Das Serum tut seine Wirkung. Die Anzahl der Extremis-Viren hat sich bereits um 32,6% verringert. Bei gleichbleibender Geschwindigkeit müsste eine 100%ige Genesung in 45 Minuten erreicht sein."

„Okay, also 45 Minuten", murmelte Tony, der wieder neben Pepper auf dem Bett Platz genommen hatte. „Du hast es in Kürze geschafft, Baby", lächelte er auf sie herab und nahm ihre Hand in seine. Pepper lag immer noch regungslos auf dem Bett, somit konnte Tony außer warten nicht viel tun, denn er wollte sie um keinen Preis allein lassen. Er wollte bei ihr sein, wenn sie aufwachte. Aber er konnte ein paar längst überfällige Telefonate führen, während er darauf wartete, dass Pepper aufwachte. Er angelte mit der freien Hand sein Handy aus der Hosentasche und wählte die Nummer des Krankenhauses in Los Angeles, in dem Happy auf der Intensivstation lag. Man wollte ihn zwar benachrichtigen, wenn sich etwas an seinem Zustand änderte, aber vielleicht hatte man das vergessen. Und immerhin war seit der Bombenexplosion schon fast eine Woche vergangen.

„Ja, Tony Stark hier", meldete er sich, als die Stationsschwester ans Telefon ging. „Ich wollte mich nach Mr. Hogan auf Zimmer 311 erkundigen. Ist er inzwischen aus dem Koma erwacht?"

„Sekunde, ich schaue nach… Mr. Hogan hat das Bewusstsein noch nicht wiedererlangt, Mr. Stark. Aber sein Zustand ist stabil und die Brandverletzungen verheilen gut."

„Danke Schwester." Tony legte auf und wählte als nächstes Rhodeys Nummer. Nach mehrmaligem Klingeln meldete sich seine Mailbox. „Hey Kumpel, ich bin's, Tony. Ich wollte mich nur mal melden. Pepper und ich sind in New York, und ich habe das Gegenmittel fertig bekommen. Ich hoffe, es wirkt wie geplant… Und du? Hast du alle Bösewichte erwischt? Naja, du weißt, wie du mich erreichst." Ein letztes Telefonat stand Tony noch bevor. Er wählte die Nummer des Leiters der Rechtsabteilung. Es war zwar Sonntag, aber bei dem Jahresgehalt musste auch mal eine Extra-Schicht drin sein.

„Mr. Stark! Welche Überraschung", meldet sich Bob Miller nach kurzem Klingeln.

„Hallo Bob, lassen wir die Nettigkeiten, es gibt Arbeit für Sie." Er erklärte dem Anwalt kurz, was in dem Kaufhaus geschehen war, ohne näher auf Peppers gesundheitlichen Zustand einzugehen.

„Ich will, dass Sie in Erfahrung bringen, ob es Verletzte gegeben hat oder nur Sachschäden. Ob jemand Anzeige erstatten will. Bieten Sie großzügige Schadensersatzregelungen an, Hauptsache es kommt zu keiner Verhandlung oder ähnlichem."

„Ich verstehe, Sir. Ich werde mich umgehend mit der Geschäftsleitung von Bloomingdale's und dem zuständigen Polizeipräsidium in Verbindung setzen."

„Danke, Bob."

Tony legte sein Mobiltelefon auf den Nachttisch neben das Bett und fuhr sich dann mit der Hand müde über das Gesicht. Er sah auf seine Uhr. 2o Minuten waren vergangen. Plötzlich bemerkte er eine Veränderung bei Pepper. Ihre Pupillen zuckten unter den Augenlidern, als würde sie schlecht träumen. Und auf ihrer Stirn bildeten sich Schweißperlen.

„Sir, Miss Potts Zustand scheint sich zu verändern", meldete sich Jarvis im selben Moment.

„Das sehe ich. Was ist los?"

„Ich registriere einen Anstieg der Körpertemperatur auf 38,5° Celsius, und der Herzschlag hat sich ebenfalls beschleunigt."

„Verdammt, ist das jetzt gut oder schlecht?"

„Für diese Diagnose ist es noch zu früh, Sir."

„Das war auch eine rhetorische Frage, J. Die Berechnung hatte doch ergeben, dass keine Nebenwirkungen zu erwarten seien?"

„Das ist korrekt, Sir. Allerdings bleibt immer die Möglichkeit einer nichtkalkulierbaren Reaktion des Körpers auf ein Gegenmittel."

„Ich weiß schon, warum ich keine Medikamente mag", seufzte Tony. „Irgendwelche Vorschläge?"

„Im Allgemeinen gilt Fieber als normale Reaktion des Körpers auf eine Infektion, um sie zu bekämpfen. In diesem Fall wird das Gegenmittel vermutlich als Eindringling gewertet, da das Extremis-Virus sich bereits mit Teilen des Körpers verbunden hat."

„Du meinst, es wehrt sich gegen das Gegenmittel?"

„So könnte man es ausdrücken, Sir. Ich schlage vorerst keine Medikation vor, solange die Temperatur sich in diesem Rahmen bewegt."

„Na schön. Sag Bescheid, wenn sich etwas ändert."

Da Tony außer Warten nicht viel tun konnte, beschloss er, sich neben Pepper ein wenig auszuruhen. Er entledigte sich seiner Schuhe und Hose und schlüpfte mit T-Shirt und Shorts bekleidet neben Pepper unter die Decke. Vorsichtig schob er seinen Arm unter ihren Nacken, so dass er ihren Kopf auf seine Schulter betten konnte, und drückte ihren warmen Körper sanft an sich. Ihre Haut fühlte sich heiß und trocken an. Mit dem anderen freien Arm rückte er sich das Kopfkissen so zurecht, dass sein Kopf eine leicht aufrechte Position hatte.

„J, sei so gut und schalte den Fernseher an. Irgendeinen Nachrichtensender."

Augenblicklich erhellte sich der große Flachbildfernseher an der gegenüberliegenden Wand. Zum Glück war zur Abwechslung mal nicht er selbst in den Nachrichten, stattdessen liefen Sportergebnisse. Tony bekam aber ohnehin nicht viel davon mit, denn nach ein paar Minuten der visuellen Berieselung fielen ihm die Augen zu, und er schlief tief und fest.

Irgendwann in der Nacht…

Von irgendwoher hörte Tony ein Geräusch. Er war schrill und durchdringend, gepaart mit einem tiefen Brummen. Langsam wurde er wach und versuchte, das Geräusch zu lokalisieren. Es kam vom Nachttisch neben ihm, denn was da klingelte und vibrierte, war sein Handy. Immer noch schlaftrunken langte er nach dem Telefon. Statt eines Anrufs signalisierte ihm das Gerät jedoch einen Weckruf.

„Endlich sind Sie wach, Sir", meldete sich Jarvis zu Wort. Wenn Tony es nicht besser wüsste, würde er sagen, Jarvis klang besorgt.

„Ja, bin ich. Ist etwas mit Pepper?" Er setzte sich auf und sah zu ihr hinüber, die immer noch bewusstlos neben ihm lag. Ihr Gesicht war jetzt rot und ihre Haut feucht, als würde sie stark schwitzen.

„Miss Potts' Körpertemperatur ist in den letzten 30 Minuten auf ein gefährliches Niveau gestiegen. Sie beträgt jetzt 41,7° Celsius."

„Und da weckst du mich erst jetzt?" polterte Tony los.

„Sir, ich habe seit einer halben Stunde versucht, Sie zu wecken. Aber Sie haben zu fest geschlafen."

„Entschuldige… was kann ich tun, um das Fieber zu senken?" beruhigte er sich wieder.

„Unter den gegebenen Umständen schlage ich vor, Miss Potts in ein Krankenhaus zu bringen."

„Du weißt, dass das nicht geht. Sie würden nicht verstehen, was mit ihr los ist, und nur unsinnige Tests an ihr ausführen. Es muss etwas geben, was ich hier für Sie tun kann. Hilf mir, Jarvis!" Tony klang jetzt zunehmend verzweifelt und wütend zugleich.

„Ich habe meine Datenbanken nach Hausmitteln bei hohem Fieber durchsucht. Sie könnten es mit einem kalten Bad versuchen. Wichtig dabei ist, dass Sie erst körperwarmes Wasser in die Wanne laufen lassen, sonst kann Miss Potts einen Herz-Kreislauf-Stillstand erleiden. Erst wenn sie sich im Wasser befindet, lassen Sie kaltes Wasser nachfließen, bis es eine Temperatur von ca. 25° erreicht hat."

Das ließ sich Tony nicht zweimal sagen. Er sprang aus dem Bett und lief ins Bad, wo er warmes Wasser in die Wanne einließ. Als die Wanne etwa halb voll war, ging er zurück ins Schlafzimmer, um Pepper zu holen. Vorsichtig hob er sie vom Bett und trug sie ins Bad, wo er sie sacht in die Wanne hinab gleiten ließ, die inzwischen zu zwei Dritteln gefüllt war. Dann drehte es das warme Wasser zu und ließ nur kaltes Wasser hinzulaufen. Er kniete sich neben die Wanne und passte auf, dass Pepper nicht versehentlich mit dem Kopf unter Wasser rutschte.

„Jarvis, sag mir Bescheid, wenn die richtige Temperatur erreicht ist." Zum Glück waren seine Sensoren einfach überall.

„Natürlich", kam die prompte Antwort.

Nach sieben Minuten meldete Jarvis, dass die gewünschte Wassertemperatur erreicht war.

„Und was nun?"

„Bringen Sie Miss Potts zurück ins Bett und decken Sie sie gut zu, damit der Körper sich wieder aufheizt. Dabei sollte ein Schwitzeffekt erzielt werden, der den Körper dazu bringt, sich selbst abzukühlen."

„Was immer du meinst, J."

Tony zog den Wannenstöpsel, um das Wasser abzulassen, und nahm einige Badetücher mit ins Schlafzimmer, von denen er eins über das Bettlaken legte. Zurück im Bad nahm er ein weiteres großes Handtuch und schlug es um Peppers abgekühlten nassen Körper. Dann hob er sie aus der inzwischen leeren Badewanne. Er brachte sie zurück ins Schlafzimmer und legte sie auf das Handtuch, das er zuvor auf dem Bett ausgebreitet hatte. Er trocknete sie sorgfältig ab und wickelte sie in das zweite bereitliegende Badetuch. Dann deckte er sie mit der Bettdecke bis unters Kinn zu. Tony legte Pepper seine Hand auf die Stirn. Sie fühlte sich heiß und klamm an. Wieder konnte er nur warten.