Kapitel 14

Die ersten paar hundert Meter gingen sie schweigend nebeneinander her, bis sie an einem asphaltierten Wanderweg ankamen, der am Bow River entlang führte. Außer ein paar Joggern und Inlineskatern war niemand zu Fuß unterwegs und sie waren ungestört.

Darcy verschränkte die Arme hinter seinem Rücken und begann.

„Ich kenne George, seit wir angefangen haben, Eishockey zu spielen. Wir spielten gemeinsam bei den Calgary Chinooks, praktisch dem Unterbau der Flames. Mein Vater hat sich für das Team sehr engagiert, vor allem finanziell. Er hat in jeder Saison eine Art Stipendium für ein besonders talentiertes Kind aus armen Verhältnissen ausgesetzt. Das beinhaltete die Eishockeyausrüstung und noch viel wichtiger, eine Schulausbildung. George stammt aus sehr armen Verhältnissen, und da er den Sport sehr liebte und überdurchschnittliches Talent hatte, war er natürlich ein erstklassiger Kandidat für das Stipendium. Dad mochte seine offene, freundliche Art von Anfang an und sah ihm vieles nach, was er anderen Stipendiaten nicht so schnell verziehen hätte. Er war auch für mich fast wie ein Bruder.

Im Eishockey war er top, die Schule vernachlässigte er sträflich. Mein Vater war ärgerlich deswegen, aber er konnte nichts daran ändern. George blieb trotzdem in der Mannschaft.

Man muß ihm zugutehalten, daß er seinen Sport in diesen Jahren wirklich ernsthaft betrieb. Er arbeitete hart und sein Ziel war die NHL. Ich war in dieser Zeit immer an seiner Seite und unterstützte ihn, da mir klar war, würde er nicht mit Eishockey Geld verdienen können, hätte er sonst keine großen Möglichkeiten.

Ich fürchte nur, er sah in mir keinen Freund, sondern eher einen Konkurrenten. Als er das erste Jahr dann tatsächlich für die Flames spielte und das gar nicht mal so schlecht, hob er ab. Er kaufte sich einen Mercedes von seinem ersten Gehalt und verbrachte die Abende nach dem Training damit, die Diskotheken und Clubs der Stadt unsicher zu machen. Es fiel ihm nicht schwer, Frauenbekanntschaften zu machen – er war jung, sah gut aus und auf dem besten Weg, ein Star zu werden."

Lizzy unterbrach ihn. „Und du warst immun gegen diese Art Abwechslung? Hast wie ein Mönch gelebt?"

Darcy lächelte sie an, was sie erstaunte. „Es ist sicherlich nicht einfach für einen jungen Mann, mit diesen Verlockungen umzugehen, das ist richtig. Ich bestreite auch nicht, daß wir in dieser Zeit viel Spaß hatten. Und ich beantworte dir später gerne jede Frage zu meinem eigenen wilden Leben, die du wissen möchtest."

Er machte eine Pause und zeigte auf eine Bank. Lizzy nickte und sie setzten sich.

„George hingegen hatte das Problem, daß er seine Prioriäten falsch setzte. Professionell Eishockeyspielen und sich die Nächte um die Ohren schlagen, das ging nur kurze Zeit gut. Er konnte es eine zeitlang mit seinem außergewöhnlichen Talent kompensieren, aber irgendwann kam es zur Eskalation."

Darcy holte tief Luft und starrte nachdenklich auf den Bow River, der vor ihnen träge dahin floß.

„Er wurde von allen Seiten aufgefordert, sich etwas zusammenzureißen und seinen Sport, ja seinen Beruf wieder ernst zu nehmen. Mein Dad hat dann offenbar die richtigen Worte gefunden, höchstwahrscheinlich in Verbindung mit einer gravierenden Drohung, jedenfalls war die Verwandlung nicht zu übersehen. George war anscheinend wieder mit vollstem Herzen dabei, aber er zog sich von allen Leuten zurück. Keine Eskapaden, keine Sauftouren, keine Frauen. Von heute auf morgen änderte er seinen Lebensstil.

Dann bekam ich eines Tages einen Anruf aus New York. Die Rangers waren aus irgendwelchen Gründen auf mich aufmerksam geworden und luden mich zu einem Probetraining ein. Ich war natürlich furchtbar aufgeregt und am Tag bevor ich nach New York fliegen sollte, bot George mir an, noch ein paar Pucks auf dem zugefrorenen Teich zu schlagen, so als kleine Einstimmung."

Darcy stoppte wieder und rieb sich die Augen. Was nun kam, fiel ihm schwer zu erzählen, aber er sammelte sich und fuhr fort.

„Ich dachte mir nichts dabei und stimmte zu, im Gegenteil, ich war froh, daß er wieder freundschaftlich mit mir umgehen wollte. Wir sind aufs Eis gegangen und knüppelten die Pucks durch die Gegend wie in alten Zeiten. Wir kämpften aus Spaß um jede Scheibe und ich kann mich dann nur noch daran erinnern, daß George dicht an mich heranfuhr, mich von hinten aus ungebremst mit dem Stock checkte und ich, da unvorbereitet, mit voller Wucht aufs Eis fiel. Ich spürte noch einen harten Schlag an den Beinen und wurde bewußtlos. Danach weiß ich nur noch, daß ich auf dem Eis lag, einen Arm und beide Beine nicht mehr bewegen konnte und eine blutende Wunde an der Stirn hatte."

Lizzy hatte entsetzt leise aufgeschrien. Sie griff nach Darcys Hand. „Du hattest den Unfall wegen ihm? Er ist daran schuld, er hat das vorsätzlich getan?" Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Unfall ist wahrscheinlich das falsche Wort. Vorsätzliche Körperverletzung trifft es wohl eher. Nur leider konnte ich ihm nichts beweisen. Er sagte später aus, ich wäre unglücklich gefallen und er hätte mir nur helfen wollen. Seltsamerweise hatte ich mir dabei beide Beine gebrochen, eine Gehirnerschütterung geholt, eine klaffende Wunde am Kopf, an der ein Puck schuld war sowieso gefährliche Unterkühlungen und Erfrierungen, da ich so lange auf dem Eis gelegen hatte. Und das angeblich alles von einem harmlosen Sturz."

Lizzy konnte es nicht glauben. Dazu war Wickham fähig? Sie hielt Darcys Hand fest gedrückt und er erzählte weiter.

„Ich denke, das hat er dir nicht unbedingt so erzählt," sagte er bitter. „Ich lag danach lange Zeit im Krankenhaus. Die Ärzte haben ein wahres Wunder vollbracht, es mußte nichts amputiert werden. Alles andere heilte mit der Zeit, bis auf die Beine. Ich kann heute wieder ganz normal laufen und spüre auch nichts mehr, aber damals bedeutete es das Ende meiner professionellen Eishockeykarriere. Wickham war mittlerweile ein Liebling der Fans geworden. Es sah zum ersten Mal nach Jahren wieder so aus, als hätten die Flames die Chance, in die Play-Offs zu kommen. Nicht nur das, sie kamen ins Endspiel und holten den Cup. Ich bestreite nicht, daß Wickham großen Anteil am Sieg hatte. Einmal im Leben hatte er sich tatsächlich zusammengerissen und etwas gutes getan.

Ich verfolgte das alles aus der Ferne. Ich hatte mich schließlich damit abgefunden, daß ich niemals den Stanleycup würde mit ins Bett nehmen dürfen. Du kannst mir glauben, daß es mir nicht leicht fiel, das zu akzeptieren. Ich legte meine ganze Kraft und Energie in mein Studium, schließlich gab es ja noch Darcy Pro Hockey und die Firma lag mir am Herzen. Dad war zwar traurig, daß auch er den Cup nicht in seinem Haus sehen würde, aber zumindest tröstete ihn, daß sein einziger Sohn sein Interesse an seinem Lebenswerk teilte."

Darcy warf Lizzy einen Blick zu, er lächelte, daß sie immer noch seine Hand festhielt und gedankenverloren mit ihrem Daumen streichelte.

„Aber das erklärt noch nicht, warum Wickham nach seiner erfolgreichen Saison gehen mußte, nicht wahr. Er hat dir erzählt, ich wäre nicht ganz unschuldig daran und er hat recht. Ich habe alles in meiner Macht stehende getan, damit er den Verein verlassen mußte.

Die Flames hatten endlich den Cup nach Hause geholt und die Stadt war eine einzige Feier. Natürlich gab es auch einen offiziellen Empfang und eine große Gala für die Spieler, deren Angehörige, Funktionäre und was da sonst noch so zu finden ist. Meine Familie war natürlich auch eingeladen. Georgie, meine kleine Schwester, war ganz aufgeregt. Sie war knapp 15 Jahre alt und es war die erste größere Veranstaltung, an der sie teilnehmen durfte. Ich bin später ein bißchen mit ihr herumgelaufen, hab ihr ein paar von den Spielern vorgestellt – die meisten kannte ich ja noch persönlich. Wie es nun mal so ist, geriet ich mit ein paar von den alten Kumpels ins Gespräch, Georgie langweilte sich etwas und irgendwann verlor ich sie aus den Augen. Ich dachte, sie wäre an unseren Tisch zurückgegangen, aber dort war sie nicht aufgetaucht. Ich bin wieder losgegangen um sie zu suchen, als ich hinter einer Tür eine Stimme hörte. Wickhams Stimme."

Wieder mußte er eine Pause machen. Es war so schmerzhaft für ihn, sich daran zu erinnern, aber er konnte es weder sich noch Lizzy ersparen. Über Lizzys Gesicht lief eine Träne, die er gedankenverloren abwischte. „Soll ich den Rest noch erzählen? Es ist keine nette Geschichte." Sie nickte, seine Hand fest an sich gepreßt.

„Ich war mir sicher, daß es Wickham war. Er sagte etwas wie ‚Los, stell dich nicht so an.' und ich Idiot hab zuerst wirklich angenommen, er hätte eine seiner Affären da drinnen. Aber dann hörte ich ein leises Weinen und definitiv Georgies Stimme, die ‚ich will nicht' sagte. Als ich die Tür aufstieß, saß Georgie auf einem Stuhl, ihre Bluse zerrissen, tränenüberströmt und Wickham stand mit offener Hose vor ihr."

Darcy schloß gequält die Augen und Lizzy konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Darcy gab ihr schweigend sein Taschentuch und legte seinen Arm um sie. Lizzy sank an seine Brust, immer noch fassungslos über das, was sie da hörte. Sie fühlte sich getröstet, als er sie sanft an sich zog und über ihr Haar strich.

„Glücklicherweise ist es nicht zum Äußersten gekommen. Wickham konnte nicht so schnell reagieren, wie er auch schon meine Faust im Gesicht hatte. Am liebsten hätte ich ihn in diesem Moment umgebracht, glaube ich, aber Georgie hat so geweint, da war ich froh, daß ich es überhaupt geschafft habe, sie unbeobachtet ins Auto zu schaffen und nach Hause zu fahren.

Tja, und danach habe ich alle Hebel in Bewegung gesetzt, daß er den Verein verlassen mußte. Ich wollte Georgie zuliebe nicht riskieren, daß etwas davon an die Öffentlichkeit geriet, wollte jedes Aufsehen, den Skandal vermeiden. Um ihretwillen, nicht um diesen Kerl zu schützen. Es konnte aber glücklicherweise vermieden werden, daß meine Eltern je davon erfahren haben. Der Rest ist bekannt. Er wurde nach Edmonton transferiert und ist dort über Mittelmaß nie mehr hinausgekommen."

Lizzy blickte zu ihm hoch, ihr Gesicht tränenüberströmt. Sie hatte keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Wer würde sich so etwas schreckliches ausdenken? Wenn sie daran dachte, was er und seine Familie schon alles mitgemacht hatte, und nur wegen eines einzelnen Mannes… und sie, Elizabeth Bennet, hatte diesem Abschaum Glauben geschenkt, sich sogar eingebildet, daß er in sie verliebt war. Sie war über die Maßen beschämt über sich selbst und ihr Verhalten Darcy gegenüber und sein warmer, liebevoller Blick war mehr, als sie ertragen konnte.

Er hielt sie immer noch im Arm, mit einer Hand ihre Tränen trocknend. Wie konnte er jetzt noch so freundlich zu ihr sein? Sie fühlte sich elend.

„Elizabeth," sagte er leise, als ihre Tränen immer noch weiterliefen. Sie schniefte.

„Elizabeth, bist du in Ordnung?" Er zog sie noch einmal kurz an sich und drückte ihr einen sanften Kuß auf die Stirn. „Schhh…bitte nicht weinen. Bitte nicht."

Lizzys Tränen durchnäßten einmal mehr seinen maßgeschneiderten Anzug und als ihr das bewußt wurde, setzte sie sich auf, verlegen grinsend. „Entschuldige, irgendwie stehen deine Anzüge in meiner Gesellschaft unter keinem guten Stern."

Darcy mußte lachen. „Soll ich dir versprechen, in Zukunft keine mehr zu tragen, wenn wir uns sehen?"

Lizzy schaute ihn überrascht an. „Du willst mich weiterhin sehen? Nachdem ich dich so unglaublich unfair behandelt habe?"

„Ja. Ich möchte dich sehr gerne wiedersehen. Es sei denn, du willst keinen Kontakt mehr mit mir haben." Er wandte scheu die Augen ab und blickte auf seine Schuhe.

Schüchtern griff sie nach seiner Hand. „Ich möchte dich furchtbar gerne wiedersehen, William."

Darcy hatte Elizabeth nach diesem sehr schmerzhaften, aber wichtigen Gespräch wieder zurück zu ihrem Wagen in die Tiefgarage begleitet. Er hatte sich nicht gestattet, sie in irgendeiner Art und Weise zu berühren und war um so überraschter, daß sie ihm beim Abschied kurz die Arme um die Hüften legte, sich auf die Zehenspitzen stellte und ihm einen zarten Kuß auf die Lippen hauchte.

„Möchtest du mich anrufen, William?" fragte sie leise und er nickte.

Darcy schaute ihrem Wagen nach, dann betrat er den Aufzug, um in der Stille seines Büros noch einmal über den vergangenen Abend nachzudenken. Bei einer Tasse Guatemala Hochland Irish Cream.

Darcy hatte Lizzy gebeten, seinen Bericht vertraulich zu behandeln und auch selbst Jane nichts davon zu erzählen. Natürlich kam sie seinem Wunsch nach, aber sie verbrachte den nächsten Tag trotzdem fast ausschließlich damit, über ihn und seine Beziehung mit Wickham nachzugrübeln. Sie war froh, daß sie seine Version gehört hatte und glücklich, daß er sie wiedersehen wollte. Über sich selbst konnte sie nur den Kopf schütteln. Als sie gerade mit Schrecken daran dachte, daß sie ja noch ein Date mit Wickham ausstehen hatte, wurde auch dieses Problem zunächst von selbst gelöst.

Lizzy war aus den Ställen zum Mittagessen gekommen, hatte sich den Calgary Herald geschnappt – den heute irgendwie noch gar niemand gelesen hatte – und starrte wie gebannt auf die Titelseite, wo ihr eine fette Überschrift entgegenschlug, zusammen mit einem Foto von George Wickham, der in Handschellen abgeführt wurde:

Ex-Flames Star wegen Wettbetrugs verhaftet!

Sie überflog kurz den Text und wunderte sich irgendwie nicht sonderlich, was geschehen war, nach allem, was sie von Darcy gehört hatte. Wickham hatte tatsächlich versucht, Eishockeyspiele und Pferdewetten zu manipulieren und war aufgeflogen. Es war ein Schaden von mehreren hunderttausend Dollar entstanden.

Lizzy schüttelte den Kopf. Gefährliche Körperverletzung, versuchte Vergewaltigung, Wettbetrug – zu was war dieser Kerl noch fähig? Einmal mehr fragte sie sich beschämt, wie sie auf diesen Kerl hereinfallen konnte. Als sie einen Polizeiwagen auf das Haus zufahren sah und zwei große, sehr ernst aussehende Herren in zivil ausstiegen, erfuhr sie am eigenen Leib, zu was er sonst noch alles fähig war.

„Miss Elizabeth Bennet?"

„Ja, das bin ich."

„Miss Bennet, sie stehen laut Aussage von Mr. George Wickham im Verdacht der Mittäterschaft beim Manipulieren von Sportwetten. Sie sind vorläufig festgenommen."

Elizabeth fiel aus allen Wolken. Ihr war schlecht, und ihre Knie gaben nach. Das konnte nur ein schlechter Scherz sein. Einer der Polizisten verlas ihre Rechte und Lizzy schüttelte nur fassungslos den Kopf. Mittäterschaft? Sie? War hier die versteckte Kamera?

„Ich bin festgenommen?" flüsterte sie. „Aber wieso?"

„Bitte Miss Bennet, kommen sie jetzt mit. Wir reden auf dem Revier weiter."

Zu Lizzys Glück kam ihr Vater dazu und begehrte zu wissen, was los war. Die Herren wiederholten es noch einmal und drängten Lizzy dann, in den Wagen zu steigen. Tom Bennet wollte mitfahren, was ihm verwehrt wurde, da seine Tochter volljährig war. Er könne ihr ja einen Anwalt schicken.

Lizzy war gerade zehn Minuten unterwegs, als auf der Farm das Telefon klingelte. Tom Bennet nahm das Gespräch an und erklärte einem – irgendwie gar nicht so überraschten – William Darcy, wohin seine Tochter gerade gebracht wurde. Darcy, ganz kühler Geschäftsmann in diesem Augenblick, versicherte einem aufgelösten Tom, daß er sich keine Sorgen machen sollte, Lizzy würde bald wieder zuhause sein.

Darcy war in der Tat nicht verwundert, daß Wickham Elizabeth mit in seine Machenschaften zu ziehen versuchte. Er drückte einen Knopf auf seiner Telefonanlage. „Michelle? Hast du mal fünf Minuten Zeit für mich?"

Elizabeth kam sich weiterhin vor, als würde sie einen Alptraum erleben und gleich schweißgebadet wieder daraus aufwachen. Der Alptraum dauerte an, aber von Aufwachen konnte keine Rede sein. Sie wurde auf der Polizeistation in einen Raum gebracht, der mit einem wackligen Tisch und vier Stühlen möbliert war und mußte dort warten, bis jemand kam, um sie zu verhören.

Eine Polizeibeamtin mit ihrem jüngeren Kollegen kam einige Zeit später und die beiden fingen an, ihr Fragen zu George Wickham zu stellen, zu irgendwelchen Sportwetten, Kontonummern, Leuten, von denen sie noch nie im Leben gehört hatte und so weiter. Lizzy konnte zu keiner Frage Auskunft geben. Über eine Stunde lang wurde sie immer wieder gelöchert, immer wieder wurden ihr die gleichen Fragen gestellt.

Lizzy war den Tränen nahe und fragte sich, ob ihr Dad ihr keinen Anwalt geschickt hatte. Unerfahren wie sie in solchen Fällen natürlich war, dachte sie, es würde sicherlich eine zeitlang dauern, bis Hilfe kam.

Endlich öffnete sich die Tür des kleinen Raumes und ein weiterer Beamter trat ein.

„Miss Bennet, sie können gehen. Kommen sie bitte mit."

Lizzy konnte es nicht fassen. Sie war tatsächlich frei? Sie hatte doch keinerlei vernünftige Aussage machen können!

Der Beamte führte sie in ein weiteres Zimmer, das sie zögernd betrat. Sie dachte, sie konnte gehen? In dem kleinen Raum stand zu ihrem Erstaunen eine großgewachsene, sehr elegante Dame mit langen, roten Haaren, die sie erst aufmerksam musterte, ihr dann lächelnd die Hand hinhielt.

„Miss Bennet! Mein Name ist Michelle Weston, Rechtsanwältin. Lassen sie uns von hier verschwinden, ich bringe sie nach Hause. Unterwegs können wir reden."

Ms. Weston verließ energisch das Zimmer, eine mehr als verwirrte Lizzy im Schlepp.

„Es war alles nur ein unglückliches Mißverständnis, Miss Bennet," sagte Ms. Weston, als sie Lizzy zu deren Erstaunen auf den Rücksitz einer schwarzen Limousine schob, dem Fahrer zunickte und sie in Richtung Sherwood Oak fuhren. „Es war relativ schnell zu beweisen, daß Mr. Wickham ihren Namen nur als Ablenkungsmanöver ins Spiel gebracht hatte, sie können mit seinen Machenschaften absolut nicht in Verbindung gebracht werden."

„Wieso hat er das dann getan?"

„Rache, vermute ich. Eine alberne Art der Rache. Er mußte wissen, daß man ihnen nichts anhängen kann in der Sache."

„Hat mein Vater sie beauftragt?"

Ms. Weston zögerte nur eine Sekunde. „Äh…ja."

Genau. Und Dad kennt selbstverständlich Anwälte, die in Lagerfeld Kostümen mit großen, deutschen, panzerverglasten Limousinen und Chauffeuren durch die Stadt fahren…

Lizzy bedankte sich höflich bei Ms. Weston, als sie sie auf der Farm absetzte und blickte dem großen Wagen, einem schwarzen Audi A8, nachdenklich hinterher. Das Nummernschild WD2 sollte ihr höchstwahrscheinlich auch nichts sagen, oder?

Zuhause waren alle überglücklich, Lizzy wieder zurück zu haben. Selbst Jane war herbeigeeilt um ihr beizustehen. Lizzy steckte der Schock immer noch in den Knochen, aber alle waren bemüht, es ihr so behaglich wie möglich zu machen. Kitty brachte ihr eine dampfende Tasse ihres geliebten Kakaos und Lizzy wurde bei dieser Gelegenheit daran erinnert, daß sie heute noch ein Telefonat führen mußte. Nachdem sie ein bißchen geschlafen hatte und sich danach etwas besser fühlte, zog sie sich in ihr Zimmer zurück und rief William an.

Zuerst war sie natürlich wie immer enttäuscht, daß er in einer Besprechung war. Allerdings hätte sie beinahe Katies zweiten Satz verpaßt: „Aber er erwartet ihren Anruf, er hat gebeten, aus seiner Sitzung geholt zu werden, wenn sie anrufen. Bitte bleiben sie am Apparat, Miss Bennet."

Lizzy war so geschockt, daß sie sich erst einmal setzen mußte. Sie holte ihn aus einer Sitzung? Wegen ihr? Wow!

Zwei Minuten später hörte sie ein besorgtes „Elizabeth! Bist du wieder zuhause? Wie geht es dir?" an ihrem Ohr.

„William," flüsterte sie, plötzlich um Worte verlegen. „Hast…hast du mich da rausgeholt? Woher wußtest du…."

„Es war Zufall, daß ich auf der Farm angerufen hatte, kurz nachdem diese Typen zu dir kamen. Dein Vater hat mir alles erzählt und da er so konfus war, hab ich ihm angeboten, meine Anwältin zu schicken. Sie ist außerdem mit unserem gemeinsamen Freund vertraut, es war kein großer Deal, die Polizei zu überzeugen, daß du nichts damit zu tun hattest. Wickham wollte sich nur rächen, aber der Schuß ist Gott sei Dank nach hinten losgegangen."

Lizzy schwieg, überwältigt von dem, was er ihr gesagt hatte. Er hatte seine Firmenanwältin geschickt!

„Bist du in Ordnung, Liebes? Es tut mir so leid, daß du das mitmachen mußtest."

Liebes?

Lizzys Gedanken fuhren Achterbahn.

„Elizabeth, bist du noch dran?"

„Äh…oh ja, natürlich," krächzte sie und schalt sich eine alberne Gans. „William, ich… ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll. Ich…"

„Schhhh…du brauchst mir nicht zu danken. Ich bin sehr froh, daß ich es zufällig mitbekommen habe. Du wärst sowieso wieder freigelassen worden, es hätte vielleicht nur etwas länger gedauert. Und ich wollte auch nicht, daß du erfährst, daß Michelle von Darcy Pro Hockey ist, aber ich fürchte, ich habe mich vorhin selbst verraten…" Sie hörte sein Lächeln in der Stimme.

„Trotzdem möchte ich mich bedanken," sagte Lizzy leise.

Darcy überlegte schnell. Er wollte nicht auflegen, ohne ein neues Date mit ihr auszumachen. Natürlich wollte er sie wiedersehen. Unverfänglich, tagsüber und vor allem nicht in Pemberley mußte es sein. Abendessen und Ausreiten fielen damit schon mal aus. Kaffeetrinken war langweilig. Verdammt… Moment mal…natürlich, das war die Lösung…

„Elizabeth, zählt die Einladung mit der Privatführung noch?"

„Du meinst, durch die Farm? Natürlich."

„Dann möchte ich meinen Gutschein hiermit einlösen."

„Was, heute noch?" Aaaaargh…ernsthaft!

Oh Süße, sofort, wenns nur möglich wäre…

Er seufzte bedauernd. „Nein, heute geht es leider nicht mehr und morgen fliege ich für ein paar Tage nach Montreal. Wie wärs mit kommendem Samstag?"

„Samstag? Ja, sehr gerne." Sie machte eine kurze Pause und lächelte vor sich hin. „Ich freue mich sehr."

„Perfekt. Dann Samstag. Später vormittag?"

Oh ja, je früher, je besser…

„Ja, prima."

„Dann sehen wir uns. Bis dann, Elizabeth."

„Bis dann. Und William…danke."