Harrys Freunde
Als Harry am nächsten Morgen aufwachte, fühlte er sich vollkommen leer und kraftlos. Mit geschlossenen Augen blieb er liegen und horchte seiner eigenen Atmung zu. Als er sich auf seinen Rücken drehte, bemerkte Harry immer noch ein leichtes Prickeln. Die Nachwirkung der Strafe.
Harry seufzte, als ihm bewusst wurde, was er am Vortag getan hatte. Irgendwie musste er wirklich den Verstand verloren haben. In Menschenform neben dem Fenster zum Jungenschlafsaal zu kauern. Was hätte er wohl seinen Freunden gesagt, wenn sie ihn so gesehen hätten?
Ein verstimmtes Knurren entkam seine Kehle. „Das alles war Dracos Schuld!" sagte Harry zu sich, „Er hat mir vorgeschlagen, zum Gryffindorturm zu fliegen. Und er hat meine Freunde geärgert und zusätzlich in Sorge versetzt."
Und dann wanderten Harrys Gedanken wieder zurück zu Snape. Es war für Harry so verwirrend, wie der Mann eine Hand aus Stahl haben konnte und hinterher plötzlich einfühlsam und vorsichtig sein konnte. Es tat so gut sich in diese starken Arme zu schmiegen, es gab ihm ein Gefühl der vollkommenen Sicherheit.
Sicherheit. Das war Snape wohl am wichtigsten. Die Sicherheit der Schüler, die Sicherheit seiner Schützlinge. „Ich habe Angst um dich gehabt!" diese Worte fielen Harry eben wieder ein und sie gaben ihm erneut einen Stich, gleichzeitig fragte er sich warum Snape sich so um ihn sorgte.
Er war doch den ganzen Aufwand gar nicht wert. Niemand hat sich bisher die Mühe gemacht Harry auf dem Weg zu halten. Wieso jetzt? Und wieso Snape? Hatte Professor Snape nicht zwei Jahre vorgehalten, wie arrogant und unnütz er war? Unnütz, das haben ihm auch die Dursleys immer wieder eingebläut.
Harry seufzte erneut. Es hatte wenig Sinn weiter im Bett zu hocken und nach dem Sinn des Lebens zu fragen. Sein Magen knurrte laut. Also glitt er aus dem Bett. Kurz darauf sog er die Luft zischend zwischen seinen Zähnen ein. Im Sitzen brannte sein Allerwerterster noch stärker. Und rutschen war keine gute Idee gewesen.
Mit grummelnder Miene ging er in die Küche.
„Snape?" rief er schließlich, da er von seinem Aufpasser immer noch nichts gesehen hatte. Aber es kam keine Antwort.
Sich wundernd machte sich Harry daran ein Frühstück zu richten. Vorsichtig nahm er Platz und begann zu essen. Nach einer Weile rief er wieder „Snape?" aber es kam keine Antwort. Schließlich nahm Harry all seinen Mut zusammen. Er hatte bisher nie von sich aus mit Professor Snape über den Bund Kontakt auf genommen, aber er wollte wirklich wissen, wo der Professor gerade war.
Snape? Fragte er via Gedanken und konzentrierte sich auf den Professor.
Ooo
„Severus, ich kann verstehen, dass Harry nicht einfach ist, aber so etwas, wie gestern sollte nicht passieren. Heute Morgen, kam Ms Granger zu mir und bat mich, ihr zu sagen, wo Harry sei und was mit ihm geschehen war. Sie war fest davon überzeugt, Harrys Stimme gestern Abend vor dem Fenster gehört zu haben. Du weißt genau so gut wie ich, dass Ms Granger einen scharfen Verstand hat und wenn ihr nicht besser aufpasst, wird sie das Geheimnis lüften!"
„Was haben sie dem Mädchen gesagt?"
„Ich habe ihr, wie schon die Male davor, gesagt, sie würde es zu gegebener Zeit erfahren, aber um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, was ich dem Mädchen sagen soll. Sie wird jede Lüge durchschauen. Vielleicht kannst du mit ihr reden, Severus. Ich bin sicher, du kannst am besten abschätzen, was du dem Mädchen sagen kannst."
„Ich weiß nicht-" Severus unterbrach seinen Satz plötzlich.
Dumbledore runzelte die Stirn „Severus?"
Snape?
Severus war verblüfft, als er Harrys Stimme in seinem Kopf hörte. Doch schnell hatte er sich wieder gefasst und deutete dem Direktor einen Moment zu warten.
Harry was gibt es? Ich bin ein einer Besprechung mit Professor Dumbledore.
Wegen gestern?
Ja.
Es tut mir Leid.
Ich weiß, wir reden später darüber. Beschäftige dich sinnvoll, bis ich wieder da bin.
Okay.
Auch wenn Severus Harrys Gesicht nicht sehen konnte, wusste er ganz genau, wie enttäuscht es eben aussah. Nachdem er seine Aufmerksamkeit, wieder auf die Person direkt vor ihm richtete, sagte er.
„Ich werde mit Ms Granger und auch mit Mr Weasley sprechen. Sie beide wurden durch Draco unnütz in zusätzliche Sorge um Harry versetzt. Vielleicht sollten die beiden wirklich die Wahrheit erfahren, voraus gesetzt, sie stimmen einer Schweigepflicht zu. Wenn sie es auf anderem Wege heraus finden, ist es gefährlicher für alle."
„Ich denke, da hast du Recht, Severus!" der alte Mann nickte mit seinem Kopf, „Wahrscheinlich ist es das Beste. So können wir es kontrollieren, dass sie diesen Wissen nicht weitergeben können!"
„Gut, aber ich bestehe darauf, dass du ihnen den Schwur abnimmst. Ich denke zu dir haben die Kinder mehr Vertrauen, als zu mir!"
„Einverstanden. Rufe mich, wenn du mich brauchst!"
Severus stand auf und nickte mit dem Kopf, „Einen schönen Tag noch!" Und mit diesen Worten drehte er um und verließ mit wehendem Umhang das Büro des Direktors.
Ooo
„Beschäftige dich sinnvoll!" maulte Harry nachdem er den Kontakt zu Snape wieder abgebrochen hatte. „Sinnvoll!"
Grummelnd verzog sich Harry in die Bibliothek. Zuerst überlegte er im Prince Buch weiter zu lesen, doch dann erinnerte er sich daran, dass er immer noch nicht mit dem Aufsatz angefangen hatte, den Snape ihn vor fast schon drei Tagen aufgegeben hatte.
Das war wohl genau das, was Snape unter sinnvoll verstand, dessen war sich Harry sicher. Doch das Thema war sehr kompliziert.
Warum fiel es ihm so schwer, sich an Regeln zu halten? Meistens war er zu wütend, um darüber nachzudenken. Oder er war zu sehr von etwas anderem ergriffen. Er neigte dazu, es einfach zu vergessen, dass es auch Regeln gab. Er dachte nicht an seine eigene Sicherheit und schon gar nicht an die Konsequenzen irgendwelcher Handlungen. Er reagierte auf Impuls. Aber das war alles nicht sehr hilfreich für den Aufsatz.
Was hatte Snape noch gesagt? Er solle aufschreiben, an was für Regeln er sich bisher halten musste. Vermutlich meinte er damit die Dursleys. Aber bei den Dursleys war es unmöglich sich an irgendwelche Regeln zu halten. Zum Teil ergaben sie keinen Sinn und zum Teil waren sie absichtlich so ausgelegt, um Harry in Schwierigkeiten zu bringen. Letztendlich war es also egal, ob Harry die Regeln befolgte, oder nicht.
Die einzig sinnvollen Regeln, die Harry kannte, waren jene, auf die er selber gekommen war. Regeln wie, berühre keine von Dudleys Spielsachen, sage nie ein böses Wort über Dudley in der Schule, komme nie später nach Hause als Dudley, und so weiter. Harry hatte sie selber erkannt und versucht danach zu leben. Sie halfen ihm wirklich Schwierigkeiten zu vermeiden. Es waren seine Regeln. Die einzig sinnvollen, die er kannte.
Harrys Hand hatte während seiner Überlegungen selbstständig angefangen zu schreiben und als Snape die Bibliothek betrat, war der Junge völlig in seinem Aufsatz vertieft. Snape schnappte sich ein Buch und begann darin zu lesen, während er wartete, dass Harry fertig wurde.
Als Harry nachdenklich aufsah entdeckte er Snape und zuckte erschrocken zusammen.
„Wie… wie lange bist du schon hier?" fragte er verwundert. War ihm Snapes Gegenwart schon so vertraut, dass er ihn nicht mehr bemerkte?
„Schon eine Weile!" offenbarte Snape.
„Ich habe dich gar nicht gehört!"
„Ich wollte dich auch nicht aus deinen Gedanken reißen, mir schien, du arbeitest an etwas sehr Wichtigem!"
Harry blickte zu seinem Aufsatz hinunter und war überrascht, wie viel er schon geschrieben hatte. Verwundert sah er wieder auf. „Es ist der Aufsatz!"
Nun zog Snape überrascht eine Augenbraue hoch.
„Du hast gesagt, ich soll etwas Sinnvolles machen!" verteidigte sich Harry sofort.
„Ich weiß, was ich gesagt habe. Es ist mir nur neu, dass du auf mich hörst!"
Harry wurde rot im Gesicht. „Na ja, ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte und irgendwie ist es auch… ähm… interessant."
„Soll ich dich lieber alleine lassen?" fragte nun Snape.
Harry lächelte zaghaft. „Nein. Ist schon Okay. Ich denke, ich bin ohne hin fertig."
Nun klappte Snape das Buch zu und stellte es ins Regal zurück. „Dann lass mal sehen!"
Harry nahm den Aufsatz, gab ihn Snape und setzte sich dann auf das Sofa, wo er nervös an seinen Nägeln zu kauen anfing. Snape folgte Harry, zog dem Jungen die Hand aus dem Mund und begann schließlich zu lesen.
Harry beobachtet Snapes Mienenspiel, um sich schon darauf vorzubereiten, wie Snape auf den Aufsatz reagieren würde. Als sich Snapes Augenbrauen immer mehr zusammen schoben, bekam Harry Panik. Vielleicht war er doch zu offen mit dem Thema umgegangen? Vielleicht dachte Snape, er habe den Aufsatz nicht ernst genug genommen.
Nach einer schier endlosen Zeit, ließ Snape den Aufsatz sinken und sah ein wenig traurig zu Harry.
„Es tut mir Leid. Ich schreibe ihn nochmal!" rief Harry aufgebracht und ängstlich.
Doch Snape schüttelte seinen Kopf. „Ich denke, dazu gibt es keinen Grund. Du hast alles Wesentliche beschrieben und ich verstehe langsam, wo das Problem liegt. Was ich nicht verstehe ist, wie Dumbledore das übersehen konnte!"
Harry war so nervös und panisch, dass er keine Ahnung hatte, wie Snape das meinte. Snape bemerkte Harrys Gesicht und sagte schnell, „Ich meine, ich hätte dich nie in die Klauen dieser Muggeln gegeben. Sie haben vollkommen versagt dich aufzuziehen!"
Nur langsam verstand Harry, dass Snape nicht auf ihn böse war, aber zu Sicherheit fragte er nach, „Sie… sie sind nicht böse auf mich?"
„Auf dich? Wieso sollte ich? Dieser Aufsatz ist genau das, was ich befürchtet habe. Du hast zehn Jahre und mehr nur nach deinen eigenen Regeln gelebt, weil es die einzigen waren, die dich weitgehend von Problemen fern hielten. Ich denke das…" Snape tippte mit den Finger auf Harrys Aufsatz „…erklärt ganz gut deinen Mangel an Vertrauen in andere Regeln. Und es bestätigt mich darin, dich an der Aufstellung neuer, sinnvoller Regeln Teil haben zu lassen."
Harry ließ den Kopf hängen. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Er war irgendwie berührt, dass Snape so offen mit ihm war.
„Aber wie sollen die Regeln aussehen?" fragte Harry schließlich.
„Mach einen Vorschlag!" sagte Snape und sah Harry auffordernd an. „Es gibt ein paar Eckdaten, die du beachten musst. Als Vampir musst du deine wahre Identität immer versteckt halten. Niemand darf erfahren was du bist, außer natürlich Verbündete und Vertraute, wie der Club zum Beispiel. Dein Verhalten in der Öffentlichkeit, darf keinen Verdacht erregen. Dir muss stets bewusst sein, dass ein Fehltritt, bereits dein letzter sein kann.
Das allgemeine Zauberervolk versteht den Unterschied, zwischen harmlosen und wilden Vampiren nicht. Sie sind unbarmherzig. Du magst vielleicht den einen oder anderen finden, der dein Geheimnis kennt und dich nicht verrät. Aber jeder der es weiß, stellt ein gewisses Risiko dar. Da es immer zu Streit kommen kann und im Zorn, tut man manchmal etwas, dass man später bereut, aber nicht mehr rückgängig machen kann."
„Sie reden von Hermine und Ron?" fragte Harry schließlich.
Snape nickte, „Ich denke, wenn du es jemanden verraten möchtest, dann sollten es deine Freunde sein. Aber du musst verstehen, dass jede Freundschaft, dadurch auch zu Bruch gehen kann."
„Das heißt, ich darf es ihnen sagen?" fragte Harry erneut nach.
„Um ehrlich zu sein, befürchte ich, dass Ms Granger dein Geheimnis ohnehin lüften wird."
Harry schmunzelte. Ja, Hermine war eben ein sehr schlauer Kopf.
„In diesen Fall würde ich jedoch von den beiden einen Schwur fordern. Um dein Geheimnis zu schützen, auch wenn ihr in einen Streit geratet."
Harry nickte nachdenklich. „Bedeutet das für Ron oder Hermine eine Art von Gefahr, wenn sie es wissen? Ich möchte sie nicht in Gefahr bringen!"
„Mit dem Schwur würde es keine Gefahr bedeuten, da Sie durch ihn, nie in Verlegenheit kommen würden, es einer weiteren Person zu erzählen."
„Das heißt aber im gewissen Sinne, dass ihr freier Wille durch Magie geblockt wird, oder?"
„Harry, das ist Auslegungssache. Wenn sie sich aus freien Stücken auf den Schwur einlassen, dann liegt die Entscheidung doch bei ihnen."
Harry dachte eine Weile darüber nach, doch dann fragte er „Wann kann ich mit ihnen reden?"
„Heute nach dem Unterricht?" schlug Snape vor.
Harry begann wie wild zu grinsen. Schon heute, konnte er seine Freunde sehen?
„Aber Harry…" begann Snape vorsichtig, „Ich will dir die Freude nicht nehmen, aber es kann sein, dass Sie länger brauchen, um die Neuigkeiten zu verarbeiten. Die Vorstellung an Vampire löst Angst aus. Versuche dich auch in deine Freunde hinein zu versetzen!"
Harrys Grinsen erstarb wieder. Snape hatte Recht, Hermine, würde es vielleicht besser aufnehmen, aber Ron? Er würde es entweder total cool finden, oder Harry für immer hassen.
„Okay, Harry. Ich habe auch einiges noch zu erledigen. Überlege dir bis morgen ein paar Regeln und wir besprechen sie gemeinsam."
Harry nickte nur abwesend. Zu sehr überlegte er, wie er Ron dazu bringen konnte, die Sache cool zu finden, obwohl Harry selbst sein Vampirsleben nur schwer akzeptieren konnte. Er brauchte die Unterstützung seiner Freunde. Wenn sie ihn beide nur fürchten und meiden würden in Zukunft, dann würde er daran zerbrechen.
Ooooo
Harry atmete tief durch, ehe er die Bibliothek betrat. Er wusste Ron und Hermine waren da drinnen. Doch so sehr er sich nach ihnen sehnte, genauso große Angst hatte er, wie sie wohl auf die Neuigkeiten reagieren würden.
Schließlich trat er durch die Tür. Ron und Hermine saßen ziemlich nervös auf dem Sofa und sahen sofort auf, als Harry eintrat.
„Harry!" rief Hermine aufgeregt, erleichtert und ängstlich zugleich. Sie wollte auf stehen und zu ihm laufen, doch Ron packte sie am Ärmel und hielt sie zurück. Er sah Harry sehr skeptisch an.
„Hi!" sagte Harry verlegen.
„Was wird hier gespielt? Was macht du bei Snape?" fragte Ron sofort.
Hermine setzte sich wieder, als Harry näher kam. Harry kaute nervös an seiner Unterlippe und setzte sich dann in den Lehnstuhl gegenüber von seinen Freunden.
„Was hat Snape euch gesagt?" fragte Harry.
„Nichts. Er hat nur gesagt, dass wir nach diesem Gespräch zwei Möglichkeiten haben. Entweder er löscht unser Gedächtnis an das Gespräch, oder Dumbledore wird uns einen Schwur abnehmen." Erklärte Ron, „Und ehrlich, Mann. Ich verstehe diese ganze Geheimniskrämerei überhaupt nicht. Wieso ist es so kompliziert einfach mit dir zu reden?"
Harry erkannte an der Stimme seines Freundes, dass er sauer war. Das machte ihm das, was er als nächstes sagen musste nicht gerade leicht.
„Na ja, ich denke, das hängt mit meinem Zustand zusammen!"
„Was für einen Zustand?" fragte Ron entnervt.
Harry sah gequält drein. „Ihr könnt euch noch daran erinnern, wie ich ausgesehen habe, als wir uns im Tropfenden Kessel getroffen haben?"
Ron runzelte die Stirn doch diesmal sprach Hermine, „Du hast müde ausgesehen und du hast gesagt, du schläfst sehr viel."
„Ja, und ich war hungrig, obwohl ich viel aß. Meinen peinlichen Auftritt in der großen Halle, habt ihr sicher auch nicht vergessen!"
„Du hast gegessen wie ein Raubtier!" sagte Hermine und verzog das Gesicht.
„Ja, genau!"
„Aber du bist kein Raubtier!" protestierte Ron.
„Nein, jetzt nicht mehr. Aber auf eine gewisse Weise war ich es wohl damals, denn ich brauchte etwas, dass ich im normalen Essen nicht finden konnte!"
Nun runzelte aus Ron die Stirn. „Was soll das gewesen sein?"
Harry atmete tief durch ehe er leise sagte: „Blut!"
Hermine verzog das Gesicht noch mehr, während Ron nur Bahnhof verstand. „Blut?" fragte er verwirrt.
„Ich wurde auf der Flucht von meinen Verwandten von etwas angegriffen und gebissen! Ich brauchte fast eine Woche, um wieder auf die Beine zu kommen. Deswegen war ich für eine Woche vermisst. In mir ging einen Art Verwandlung von statten, die ich nicht verstand, bzw. nicht verstehen wollte. Im Nachhinein betrachtet, habe ich wohl schon kapiert, was mit mir passierte, aber ich wollte es damals einfach nicht wahrhaben."
„Harry!" sagte Hermine und sah Harry erschütterte an. Offensichtlich hatte sie das Puzzle bereits zusammen gesetzt.
Ron war noch nicht ganz so weit, aber auch er hatte schon eine Idee, wo das Gespräch hinführen würde.
„Du wurdest von etwas angegriffen und dann hast du dich verwandelt und brauchtest Blut? Hast du zu viel verloren bei dem Angriff?"
Harry schüttelte den Kopf.
„Ja, aber du bist doch kein Vampir oder so?"
Harry schwieg. Hermine schlug die Hände vor den Mund und nun verstand es auch Ron. Er starrte Harry ungläubig an.
„Das ist jetzt ein Scherz, ja? Du kannst kein Vampir sein!"
„Das habe ich auch bis zu letzt versucht mir einzureden. Aber egal, wie sehr ich versucht habe es zu ignorieren. Mein Körper war nicht mehr unter meiner Kontrolle. Mir völlig fremde Instinkte haben ihn immer öfter übernommen. Erst als ich gelernt habe, zu verstehen und zu akzeptieren, habe ich ihn wieder mehr unter Kontrolle."
„Aber was soll das heißen? Wirst du uns beißen?"
„Nein!" Harry schüttelte den Kopf. „Das ist nicht notwendig. Snape hat einen Aufputschtrank, der meinen Durst nach Blut stillen kann. Ich muss ihn jedoch einmal in Monat zu mir nehmen!"
„Und Snape… ist er auch… du weißt schon?"
Harry nickte. „Es gibt einen ganzen Club von Gleichgesinnten. Es gibt einmal im Monat ein Treffen. Wir sind ungefährlich für unsere Mitmenschen."
„Ungefährlich? Und wieso bist du dann seit zwei Wochen hier unten weggesperrt?"
„Weil es viel zu lernen gibt und weil ich mich anfangs nicht unter Kontrolle hatte."
„Und Snape? Was macht er da unten mit dir?" fragte Ron immer noch zweifelnd.
„Er trainiert mich. Er zeigt mir, was ich kann und was ich unter allen Umständen lassen soll."
„Seid ihr jetzt dicke Freunde, oder was?"
Harry lachte kurz auf. „Also ich weiß nicht, ob man das so sagen kann, aber wir raufen uns langsam zusammen."
„Raufen? Beißt ihr euch gegenseitig?"
„Nein. Snape würde das nicht ohne meinem Einverständnis tun."
„Oh wie nett!" meinte Ron ironisch.
„Nett, ist nicht das richtige Wort. Aber rücksichtsvoll. Vor allem wenn man bedenkt, das ich ihn gebissen habe."
„Du hast… und du lebst noch… cool!" sagte Ron und sah zum ersten Mal etwas beeindruckt und weniger skeptisch aus.
„Harry, wirst du wieder zum Unterricht gehen?" fragte Hermine schließlich.
„Ja, ich denke schon. Snape will noch den nächsten Neumond abwarten, aber ich denke, ich bin jetzt so weit."
„In was genau, trainiert dich Professor Snape?" fragte das Mädchen weiter.
„Na ja, er hat mir beigebracht, wie man sich in eine Fledermaus verwandelt und fliegen kann!"
„In eine Fledermaus?" fragte Ron und dann tauschte er mit Hermine bedeutungsvolle Blicke aus.
„Ja" sagte Harry verlegen.
„Neulich, bei uns am Fenster, das warst du?" fragte Ron schließlich.
Harry nickte nur.
„Wer war der zweite? Snape?" wollte Ron sofort wissen.
„Nein. Snape hat uns eigentlich verboten in die Nähe von Schülern zu fliegen. Es war jemand aus dem Club."
„Club? Wie viele sind da in dem Club?"
„Sieben oder acht, ich weiß nicht genau, ich habe selber noch nicht alle kennen gelernt."
„Ist Malfoy auch einer von dem Club?" fragte Hermine schließlich.
Überrascht sah Ron von dem Mädchen zu Harry. Dieser nickte.
„Deswegen hat er neulich so einen Müll geredet. Er hatte wirklich gewusst, wo du warst!"
„Er ist ein Idiot!" bestätigte Harry und stimmte Ron damit wieder etwas milder.
„Was genau wird der Schwur umfassen, den Dumbledore von uns verlangt?" fragt Hermine wieder.
„Ich weiß nicht genau, aber er soll verhindern, dass ihr jemand dritten von mir und dem Club erzählen könnt. Wir müssen im Verborgenen bleiben, weil das Ministerium da ziemlich kaltblütig ist. Es unterschiedet nicht zwischen den Vampiren, die wahllos zu schlagen, oder jenen, die sich über Blutsbunde mit einander verbünden und ihren Durst gegenseitig stillen und somit ungefährlich für Außenstehende sind."
„Blutsbunde? Du hast dich mit jemanden verbündet?"
„Noch nicht so richtig. Aber durch den Biss habe ich mich mit Snape unfreiwillig verbündet. Aber der Bund ich nicht komplett, solange er nur einseitig ist. Und Snape wird mich nicht beißen. Er sagte ich solle mich lieber mit einem Schüler binden."
„Aber es muss einer aus dem Club sein, nicht wahr?" fragte Hermine.
„Ja"
„Harry, ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich verstehe nicht, was das für uns jetzt heißt? Können wir noch Freunde sein?"
Harry biss sich erneut auf die Unterlippe. „Ich hoffe inständig, dass wir Freunde bleiben können. Ich habe mir dieses Leben nicht ausgesucht. Ich dachte, es wäre durch die Dursleys schon verpfuscht genug. Aber nein, ich musste zu einem Blutsaugenden Monster werden. Ich vermisse mein altes Leben. Ich vermisse euch. Und es bedeutet mir viel, dass ich euch das alles erzählen durfte. Es würde mir sehr helfen, wenn ihr akzeptieren könnt, was aus mir geworden ist. Wenn ihr mir jedoch nicht mehr in die Augen sehen könnt, oder Angst habt. Ich
könnte es auch nicht verübeln, aber es würde… ich weiß nicht… ich weiß nicht, ob ich damit umgehen könnte. Ich brauche euch!"
„Oh Harry, ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich habe keine Angst, aber ich denke, ich brauche einfach nur ein bisschen Zeit. Du warst jetzt so lange verschwunden und dann kommt diese… diese Neuigkeit. Verstehe mich nicht falsch. Du bleibst weiter hin mein Freund. Aber ich muss mich erst an dem Gedanken gewöhnen, dass du jetzt ein Vampir bist."
„Ja, Kumpel. Du bleibst natürlich unser Freund!"
Harry sah seine Freunde erleichtert an. „Danke!" hauchte er glücklich.
„Hast du jetzt so lange Eckzähne, wie in den Gesichtsbüchern immer abgebildet?" fragte Ron.
„Nur wenn ich Blut trinke!"
„Und stirbst du im Sonnenlicht?"
„Nein!"
„Hält dich ein Kreuz, oder ein Rosenkranz oder Knoblauch fern?"
„Also ich bezweifle das religiösen Abzeichen irgendeine Wirkung auch mich haben und was den Knoblauch angeht. Ich habe schon einen feineren Geruchsinn. Aber wenn man keine Abneigung gegen Knoblauch hat, wird einem das wohl kaum stören."
Schließlich schüttelte Ron den Kopf.
„Was?" fragte Harry.
„Du siehst nicht aus wie ein Vampir, du scheinst so normal zu sein."
Harry lächelte schließlich. „Danke!"
„Bis auf die langen Haare. Was hat es damit auf sich?"
Harry fuhr sich durch seine Schulterlangen Haare. „Ich weiß nicht. Ich denke, wir haben einfach nur stärkeren Haarwuchs. Ich werde Snape fragen, wie man das unter Kontrolle bringt"
„Snape?" fragte Ron mit angeekeltem Blick.
Harry wurde wieder ernst. „An das wirst du dich gewöhnen müssen. Snape und ich, wir sind uns näher gekommen. Er ist jetzt anderes zu mir. Mehr wie ein… na ja… eigentlich schon fast wie ein Vater!"
Ron starrte Harry entgeistert an.
„Ist das ein Problem für euch?" fragte Harry verunsichert.
„Solange du nicht zu einem Slytherin wirst!" sagte Ron schließlich und grinste wieder.
„Nicht mehr, als ich nicht schon von Anfang an war."
„Wie meinst du das?"
„Der Hut hat damals mit dem Gedanken gespielt mich nach Sytherin zu stecken, aber ich habe es ihm ausgeredet!"
„Und das war gut so. Du bist ein Gryffindor!" sagte Ron bestimmend.
Harry grinste. „Ja, das bin ich!"
Schließlich lächelten sie sich alle an. Für Harry war es, als wenn er eben sein altes Leben teilweise wieder zurück bekommen hätte. Wie hatte er nur seine Freunde vermisst! Und jetzt waren sie wieder da. Sie wussten alles und sie waren immer noch da.
