Der Vollmond warf ein gespenstisches Licht auf den finsteren Wald und die langen Schatten, die sein Schein auf den feuchten Waldboden malte, rief alte Geschichten über Trolle und Waldgeister wach.

Das Mondlicht durchbrach die Finsternis, welche die Welt wie ein Mantel umhüllte. Sie spendete den Menschen friedliche Ruhe nach einem mühevollen Tag.

Ein Waldkauz war erwacht und suchte im Mondschein nach Beute. Sein dumpfes Schuhu hallte einsam durch die Nacht und jagte ängstlichen Gemütern ein leichtes Unbehagen ein.

"Auf was hab ich mich nur eingelassen", seufzte das Mädchen flüsternd, das zu so später Stunde mit schwindendem Mut durch den Wald unterwegs war.

"Du wirst es nicht bereuen", antwortete der gleichaltrige Junge ebenso leise, "so etwas hast du in deinem ganzen Leben noch nicht gesehen."

"Aber wehe du hast mich angelogen", gab das Mädchen zurück, "und dein Geheimnis ist die ganze Aufregung nicht wert!"

Der enge Pfad war zu Ende und die beiden mussten sich durch dichtes Gestrüpp schlagen.

"Du wirst schon sehen, Kaitlin", antwortete Arminius, der den Wald wie seine Westentasche zu kennen schien. "Bleib immer dicht hinter mir, damit wir uns nicht verlieren."

"Darauf kannst du dich verlassen!" Kaitlin wurde zunehmend nervöser. "Ohne dich wäre ich hier sowieso verloren..."

"Psst", bedeutete Arminius dem Mädchen und blieb lauschend stehen. Kaitlin stellte sich dicht hinter ihn und ängstlich lauschten sie auf die Geräusche in der Dunkelheit.

Da drüben, nicht weit von ihnen, schien etwas unterwegs zu sein. Erst undeutlich, dann immer klarer waren Schritte zu hören, die langsam näher kamen. Ängstlich drückte sich Kaitlin von hinten an den Jungen, der nicht viel größer war als sie.

Sie fröstelte, obwohl sie die dicke gestrickte Jacke für den Winter über ihren Sachen trug. Warum nur hatte sie seinem Drängen nachgegeben und war ihm mitten in der Nacht in den finsteren Wald gefolgt?

Die Schritte kamen näher und näher und plötzlich durchbrach das laute Heulen eines Wolfes die Stille des Waldes.

Ein Wolf. Ganz in ihrer Nähe. Kaitlin wollte sich umdrehen, um zu fliehen, doch Arminius hielt sie zurück. "Bleib ruhig", zischte er ihr fast tonlos ins Ohr. Kaitlin schlang einen Arm um ihn und blieb starr vor Angst und mit pochendem Herzen stehen.

Die Schritte entfernten sich und sie hörten das leise Knacken von kleinen Zweigen und das Rascheln von Laub, als der Wolf in die Dunkelheit verschwand.

Kaitlin atmete auf. Doch ehe sie etwas sagen konnte, löste sich Arminius von ihr und gab ihr ein Zeichen, ihr weiter zu folgen.

Sie schlichen noch etwa zwanzig Minuten durch den Wald bis sie die Waldlichtung erreichten.

"Bleib dicht hinter mir", flüsterte Arminius dem Mädchen zu, "und mach keinen Mucks!" Kaitlin nickte stumm.

Als sie die Lichtung erreichten, zog Arminius Kaitlin hinter einen dichten Busch in Deckung. Mucksmäuschenstill kauerten sie in ihrem Versteck und beobachteten vorsichtig, was sich im Schutz der Nacht auf der Waldlichtung abspielte.

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Ringsum wurde der Platz mit magischen Fackeln erleuchtet, die alles in ein geheimnisvolles, bläuliches Licht tauchten. Einige schwarz gekleidete Gestalten liefen rege hin und her. Den Mittelpunkt des Geschehens bildete ein mannshoher Bretterverschlag, und Kaitlin war wirklich beeindruckt, als die schwarzen Gestalten schließlich das große Tor öffneten und sie einen Blick ins Innere werfen konnte.

Dort stand ein lebendiger Drache.

Er war etwa zehn Meter hoch und trampelte nervös mit seinen baumdicken Beinen auf dem Boden herum. Sein mit schuppigen Stacheln besetzter Schwanz wedelte unternehmungslustig hin und her, und seinen rot leuchtenden Augen entging keine Bewegung der Männer, die um ihn herum liefen. Kam ihm einer zu nahe, versuchte er nach ihm zu schnappen oder spie ihm eine Feuerfontäne entgegen.

Ehrfurchtsvoll betrachteten ihn Arminius und Kaitlin aus ihrem sicheren Versteck. Fast war die ganze Angst des beschwerlichen Weges auch bei Kaitlin vergessen.

Die Männer versuchten mit langen Stangen den Drachen in die gewünschte Richtung zu bugsieren, doch der hatte ganz andere Pläne. Einige Male zerbrach er die Stangen wie Streichhölzer und hätte um ein Haar zwei der Männer mit einem Fußtritt zertrampelt.

Auf der anderen Seite der Lichtung regten sich einige Männer. Man konnte eine kleine Gruppe ausmachen, die sich um einen kräftigen Mann in einem schwarzen Umhang scharten, um ihm die Lage zu berichten und seine Befehle entgegen zu nehmen.

Eine dunkle Kutsche, deren Fenster mit dicken Vorhängen verhängt war, fuhr vor. Zwei Diener sprangen vom Kutschbock und rissen dem hohen Herrn die Türe auf. Ehrfürchtig kam ihm die Gestalt in Schwarz entgegen und küsste den Ring an seiner Hand.

'Der Kardinal', dachte Kaitlin. 'Was hat denn der hier verloren?' Fassungslos betrachtete sie den geistlichen Herrn.

Doch dann stieg aus der Kutsche des Kardinals eine weitere, ebenfalls schwarz gekleidete Gestalt aus. Er hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, als fürchtete er, erkannt zu werden.

Er trug ein Gefäß, das in der Dunkelheit schwach silbrig schimmerte und das er so behutsam behandelte, als wäre es ein überaus wertvoller Schatz.

"Ihr habt es also tatsächlich geschafft, einen Drachen zu besorgen", sagte er anerkennend zu dem Kardinal und Arminius überlegte sich, warum ihm die Stimme so seltsam bekannt - und doch so fremd vorkam.

Der kräftig gebaute Zauberer antwortete nicht, sondern gab seinen Männern ein Signal. Diese trieben nun den Drachen an, um ihn durch das Tor in die äußere Umzäunung des Drachengeheges zu treiben. Endlich hatten sie den Drachen so weit, doch dieser war nun richtig wütend und spuckte Feuer in alle Richtungen.

Der Kardinal und sein Helfer zogen sich zurück und beobachteten das Geschehen aus sicherer Entfernung. Unter dem Schutz eines starken Abwehrzaubers und einem eisernen Schild ging der Kapuzenmann auf den Drachen zu und hielt ihm das Gefäß entgegen, dessen Deckel er in dem Moment öffnete. Als der Drachen seine Schnauze auf ihn richtete und einen Feuerstoß in seine Richtung blies, traf die Flamme das Gefäß nur knapp.

Dichter schwarzer Rauch stieg auf und verdunkelte das wenig vorhandene Licht.

Die Beobachter befürchteten schon das Schlimmste für den Magier, doch der hatte sich rechtzeitig geduckt und war dem Feuer ausgewichen.

Als sich der Rauch verzogen hatte, sahen sie das graue Wesen, das nun über dem Drachen schwebte. Wie ein dunkler Magier war es in einen dunklen Mantel gehüllt, der seinen Körper verbarg.

Die Männer in seiner Umgebung wichen zurück, als hätten sie einen furchtbaren Schrecken gekriegt, selbst der Drache wich dem Wesen aus.

Die ersten begannen wegzurennen, andere folgten und bald war das halbe Lager auf der Flucht vor dem neu erschaffenen Wesen.

"Halt, bleibt stehen", rief der Magier, der kein anderer als Baron Rupert war, und lief auf die in Panik geratenen Flüchtenden zu, doch die schienen ihn gar nicht zu hören..

Dann stand er vor dem Wesen und kaltes Grauen packte ihn. Zitternd sank er zu Boden. Gerade als das Wesen sich über ihn beugte, um ihm den Todeskuss zu geben, schoss der Zauberer mit dem Kapuzenmantel einen Schockzauber auf das Wesen, das von seinem Opfer abließ.

Der Magier, der am Waldboden stand, trat vor das Wesen.

Leise aber selbstsicher befahl er ihm: "Du hast allein mir zu gehorchen."

In seinen Worten lag unbeschreibliche Macht.

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Das Wesen wendete sich dem Zauberer zu und sah in prüfend an. Wohl wissend, dass er derjenige war, der es geschafft hatte, es in diese Welt zu bringen.

'Wir werden sehen, wer hier wessen Herr sein wird.' Der Zauberer hörte diese Worte nicht, spürte sie aber tief in seiner Seele. 'Noch werde ich mich Euren Willen beugen. Aber seid Euch meiner nicht zu lange sicher.'

Der Zauberer antwortete nicht direkt. Er nahm es zur Kenntnis und meinte nur leise

"Und so beginnt es..."

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Kaitlin zitterte vor Kälte und Angst. "Lass uns verschwinden", flüsterte Arminius ihr ins Ohr und nahm sie an der Hand. So schnell sie konnten rannten sie in die Nacht und durch den finsteren Wald nach Hause.

Wenig später standen sie vor den Türen zu ihren Schlafräumen. Kaitlin zögerte einen Moment, und Arminius wartete darauf, was sie ihm wohl noch sagen wollte.

"Ich denke, wir sollten das lieber für uns behalten", meinte sie zögernd, "ich meine, wir hätten niemals alleine da draußen sein dürfen..."

"Und wir sind Zeugen von schrecklichen Dingen geworden", antwortete Arminius. "Andererseits... wer weiß, was sie mit dem... diesem gespenstischen Wesen vorhaben."

"Das will ich mir lieber nicht ausmalen", flüsterte Kaitlin und fröstelte.

"Vielleicht können wir das verhindern", überlegte Arminius, "aber nur, wenn wir die Unterstützung von Godric und den anderen haben. Ich denke, ich werde ihm morgen alles erzählen. Keine Angst, ich werd schon nicht sagen, dass du dabei warst."

"Das macht mir nichts", gab sie zurück, "aber du hast vielleicht recht. Lass uns morgen mit den anderen darüber reden."

Sie wünschten sich eine gute Nacht und krochen in ihre Betten; an Schlaf war jedoch nicht zu denken. Kaitlin konnte immer nur an das geheimnisvolle Wesen denken, das nun in der Gewalt des Kapuzenmanns war. Und Arminius dachte immer wieder an seinen Traum. "Zeig ihm, welche Strafe auf ihn wartet!", hallte es in seinem Kopf wieder.

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Wie sie vereinbart hatten, trafen sie sich am nächsten Morgen und nahmen Godric beiseite. Gewissenhaft berichteten sie dem Zauberer von ihrem nächtlichen Erlebnis, und er hörte ihnen aufmerksam, aber sehr besorgt zu.

Als sie geendet hatten, sah Godric sie erst einmal nachdenklich an.

Schließlich begann er: "Ich brauche vermutlich nicht betonen, dass ich nicht sehr glücklich bin, zu erfahren, dass unsere Schüler nachts alleine durch den dunklen Wald schleichen. Ich denke jedoch, der Schrecken, den euch das Erlebnis eingejagt hat, ist Strafe genug. Ich hoffe für euch, dass ihr in der Lage seid, daraus die richtige Schlussfolgerung zu ziehen. Derartige Abenteuer sind nicht ohne Grund für Schüler nicht akzeptabel."

Er machte eine kurze Pause, in der Arminius und Kaitlin betroffen ihre Schuhe ansahen.

"Dennoch bin ich froh, dass ihr mit dieser Sache zu mir gekommen seid", fuhr er fort, "und ich bin euch dafür sehr dankbar, denn ich bin zutiefst alarmiert über das, was ihr mir geschildert habt. Kardinal von Wingham hat bereits deutlich gemacht, dass er der Zaubererwelt nicht freundlich gesonnen ist. Nun hat er sich durch die Unterstützung zweier magischer Helfershelfer in die Lage versetzt, einen Krieg gegen uns zu führen, um uns zu vernichten. Waren seine Hexenverbrennungen bisher nur sporadische Aktionen gegen unsere Art, so müssen wir jetzt womöglich mit einer systematischen Verfolgung rechnen."

Er überlegte einen Augenblick lang und Arminius war der erste, der den Mut fand, etwas zu sagen.

"Dann gibt es keine Möglichkeit, etwas gegen das... geheimnisvolle Wesen - was auch immer es ist - auszurichten?", fragte er seinen Lehrer.

"Ich habe nicht die geringste Ahnung", antwortete Godric nachdenklich, "aber wir werden es herausfinden müssen. Und wenn wir wissen, mit was wir es zu tun haben, können wir uns daran machen, einen geeigneten Gegenzauber zu entwickeln."