Eli sah zu dem Monitor neben den Steinen. Das Gesicht eines Mannes Anfang vierzig mit kurzen, dunklen Haaren und einer dicken Brille sah ihm entgegen. Er nahm die Brille ab und musste heftig blinzeln. Alles war verschwommen. Mit einem Seufzen setzte er sie wieder auf. Bei diesem Tausch fühlte er sich unwohler denn je. Zum Glück war es nur für ein paar Stunden.

Eine Bewegung an seiner Seite lenkte Eli ab und er wandte sich um.

„Eli Wallace. Ich werde erwartet", identifizierte er sich und der Mann nickte knapp.

„Ich bin Major Anderson und werde Sie begleiten, so lange sie hier sind. Ich habe die Information, dass sie Ihre Mutter besuchen wollen, sobald sie ihren Bericht abgeliefert haben."

„Kann ich den Bericht auch unterwegs schreiben?", fragte Eli direkt. Er hatte wenig Lust auf diesen Bericht, weil er immer noch nicht wusste, ob er tatsächlich alles erzählen sollte. Es war nur ein Vorwand gewesen, um vom Schiff zu kommen.

„Das müssen Sie Colonel Telford fragen. Dort soll ich Sie auch als erstes hinbringen."

„Okay." Eli stand auf und folgte Anderson durch die endlosen Korridore des Gebäudes.

Die Tür zum Büro des Colonels stand offen und als Eli nach kurzem Klopfen eintrat, legte Telford gerade den Telefonhörer auf. Anderson blieb an der Tür stehen.

„Mister Wallace, nehme ich an?" Telford lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

„Ja."

„Es freut mich zu hören, dass Sie scheinbar wohlbehalten zum Schiff zurückgekehrt sind. Ich bin schon auf Ihre Geschichte gespannt. Ich habe gehört, Sie haben einiges zu erzählen."

„Wie man es nimmt. Ich wollte fragen, ob ich das auch unterwegs im Auto machen kann. Die Fahrt zu meiner Mutter wird dauern und es würde mir so leichter fallen, als wenn ich hier irgendwo in einer dunklen Ecke sitze."

„Sicher, dass das nicht nur eine Aufschubtaktik ist?", fragte Telford mit gehobener Augenbraue.

Eli schüttelte den Kopf. „Nein, kein Aufschub", erwiderte er knapp. Telford war ihm noch immer unsympathisch. Das würde sich wohl nicht mehr ändern.

Der Mann sah ihn einige Augenblicke abschätzend an und nickte dann. „Also gut, meinetwegen. Lassen Sie sich von Major Anderson ein Notebook besorgen. Ich muss sie hoffentlich nicht noch einmal an Ihre Schweigepflicht erinnern."

„Nein, ich weiß Bescheid. Danke, Sir." Eli wandte sich ab, während Telford sich bereits wieder seinen Unterlagen widmete.

Eli war froh, dass das Gespräch nur so kurz gewesen war. Es dauerte nicht lange, bis Anderson tatsächlich ein Notebook für ihn aufgetrieben hatte. Dann machten Sie sich auf den Weg nach draußen.

Am Aufzug währe Eli beinahe über die Krücken eines anderen Mannes gestolpert. Überrascht stellte er fest, dass es der Typ von den Sternentor-Informationsvideos war. Doktor Jackson. Am linken Fuß trug er einen bunt beschrifteten Gips. Über einer Schulter hatte er eine Umhängetasche, die recht schwer wirkte.

„Tut mir Leid. Ich werde mich einfach nie an diese blöden Dinger gewöhnen", sagte Doktor Jackson hastig und sah dann an Eli vorbei. „Ah, Anderson, perfektes Timing. Ich nehme an, Sie sind heute wieder mein Chauffeur?"

„Leider nein, Doktor Jackson. Ich bin heute anders eingeteilt." Dabei deutete er auf Eli.

„Schade, dann muss ich mir wohl jemand anderes suchen."

„Wo müssen Sie denn hin?", fragte Eli verwirrt. Es war eigenartig, dem Mann, der förmlich eine Legende war, plötzlich gegenüber zu stehen.

„Ich muss zum Institut für Altertumsforschung."

„Liegt das auf unserem Weg?", fragte Eli an Anderson gewandt.

Der nickte knapp. „Nicht ganz, es wäre ein kleiner Umweg."

„Also, ich hätte nichts dagegen. Das wäre sicherlich interessant." Eli sah wieder zu Jackson.

„Ja? Wieso das?", fragte Jackson verdutzt.

„Naja, ich habe Ihre Videos über die Sternentorreisen gesehen und Sie haben sicherlich einiges zu erzählen."

„Hm, Sie wissen also schon, wer ich bin. Und mit wem habe ich das Vergnügen?"

„Uhm." Eli merkte, dass er etwas voreilig gewesen war. Er wusste nicht, wie viel er preisgeben durfte. Anderson löste das Problem für ihn.

„Doktor Jackson hat die nötige Freigabe. Sie dürfen ihm ruhig alles erzählen, Mister Wallace."

„Okay, danke." Eli atmete auf, während Jackson ihn neugierig betrachtete.

„Der Eli Wallace? Vom Ikarus-Projekt?", fragte er auch sofort, noch ehe Eli sich selbst vorstellen konnte.

„Ja, genau der. Ich benutze gerade die Steine", erklärte Eli das Offensichtliche.

„Ah, es freut mich, Sie mal zu treffen." Jackson schüttelte energisch seine Hand. „Ich habe schon einiges von ihnen gehört."

„Gleichfalls", erwiderte Eli ein wenig verlegen und wusste nicht, was er sonst noch sagen sollte.

„Dann sollten wir wohl am besten losfahren", sagte Jackson und deutete zum Fahrstuhl. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Parkplatz.

oOo

Ron legte das gereinigte Gewehr zu den anderen, die er schon kontrolliert hatte, und schnappte sich das nächste. Colonel Young hatte ihn dazu verdonnert, die gesamte militärische Ausrüstung zu überprüfen. Fürs erste. Im Vergleich zu dem Arrest, den er bekommen hatte, nachdem er Telford geschlagen hatte, war dies eine wirklich geringe Strafe. Wahrscheinlich hatte er sie verdient, denn er hätte sich wirklich nicht so gehen lassen sollen. Andererseits war Eli selbst schuld. Er hätte einfach nur den Mund halten sollen, statt ihn so zu provozieren.

Im Moment fiel es Ron wirklich nicht leicht, mit Eli umzugehen. Normalerweise konnte er die Menschen – und Außerirdischen – recht klar in Freund oder Feind einteilen. Und Rush. Aber Eli schien gerade weder das eine noch das andere zu sein. Ron konnte ihn nicht als Freund ansehen. Sein Misstrauen war berechtigt und allein stand er damit nicht. Doch als Feind durfte er Eli offenbar auch nicht einstufen. Ein Rush war er auch nicht. Noch nicht. Hoffentlich würde er das auch nie werden.

Ron rieb ein wenig zu heftig über einen Fleck am nächsten Gewehr. Diese Situation war ihm viel zu kompliziert.

Dass Eli Lisa geholfen hatte, die nun wirklich sauer auf Ron war, machte es auch nicht einfacher. Er war dankbar für die offene Freude, die seine Freundin endlich wieder zeigte, doch er würde sich deshalb sicherlich weder bei Eli für sein Verhalten entschuldigen noch für die Hilfe bedanken. Letztlich war er froh, dass Eli erst einmal auf der Erde war und dann würde er ihm wohl besser aus dem Weg gehen. Das Schiff war groß genug. Es blieb sowie so abzuwarten, ob der Colonel sich noch weitere Strafen ausdenken würde.

Ron arbeitete eine Weile stoisch konzentriert vor sich hin, bis er alle Waffen abgearbeitet hatte. Dann wechselte er zu den Rucksäcken. Das Material war neu gewesen, als sie auf Ikarus ihre Reise begonnen hatten, und obwohl sie so sorgsam wie nur möglich damit umgingen, sah man ihnen so langsam die lange Zeit an. Jeder Trip zu einem Planeten hinterließ seine Spuren.

Ron schnappte sich den ersten Rucksack, leerte ihn komplett aus und prüfte gewissenhaft jeden Zentimeter. Auch wenn das hier als Strafe gedacht war, es war eine Arbeit, die sowie so gemacht werden musste, und es vertrieb die Zeit besser als irgendwo Wache zu stehen. Als nächstes prüfte er die Grundausrüstung und verpackte sie dann wieder exakt an ihren angestammten Platz im Rucksack. Das machte er bei allen weiteren Rucksäcken ebenso. Auspacken, abtasten, wieder einpacken.

Beim vorletzten spürte er schließlich einen kleinen, harten Widerstand, den es an der gleichen Stelle bei allen anderen Rucksäcken nicht gegeben hatte. Ron drehte die Seitentasche auf links und zog den Gegenstand schließlich aus einer Falte, wo er sich verklemmt hatte. Es sah aus wie eine kleine Speicherkarte. Einer der Wissenschaftler musste ihn vergessen haben. Wenn keiner danach gesucht hatte, konnte er jedoch nicht wichtig sein. Ron legte ihn beiseite, um ihn später dem nächstbesten in die Hand zu drücken. Egal wie unwichtig das Teil schien, ihre Ressourcen waren begrenzt.

Dann setzte er seine Arbeit fort.

oOo

Eli saß auf dem Rücksitz des SUV, das Notebook auf dem Schoß und schrieb an seinem Bericht, während sich Jackson vom Beifahrersitz aus mit Anderson unterhielt. Er blendete ihr Gespräch aus und versuchte sich zu konzentrieren. Denen, die das hier lesen würden, musste er genug Details liefern, damit sie sich zufrieden gaben, ohne dabei seine Gedächtnislücke zu erwähnen. Damit wollte er sich im Moment nicht auseinandersetzen, geschweige denn mit dem Misstrauen, das er dafür wieder ernten würde. So lange niemand in Frage stellte, wie er auf den letzten Planeten gekommen war, würde es keine Probleme geben. Das war ein riskantes Spiel und er hatte keine Ahnung, ob das nicht doch irgendwann rauskommen würde. Es war wohl naiv zu denken, dass es ewig ein Geheimnis bleiben konnte.

Eli war schließlich so sehr in seine Formulierungen vertieft, dass er überrascht aufsah, als sie hielten und Jackson ausstieg. Sie hatten offenbar das Institut erreicht. Nachdem er die Tür geschlossen hatte, lehnte Jackson sich noch einmal durch das offene Fenster ins Innere.

„Ich denke, dass es nicht länger als eine Stunde dauern wird, aber Sie können gerne weiter fahren. Ich warte dann so lange oder finde eine andere Fahrgelegenheit."

„Wir können gerne warten", erwiderte Eli, bevor Anderson etwas sagen konnte. „Dann werde ich wenigstens mit dem Bericht fertig... wenn es Sie nicht stört, dann ein wenig bei mir zu warten", fügte Eli noch an.

„Oh nein, ich habe selber genug Literatur, um mir die Zeit zu vertreiben. Dann bis gleich." Jackson lächelte freudig und wandte sich auf seinen Krücken ab.

Anderson spielte am Autoradio herum, bis er zufrieden zu schien. Das Lied, das gerade gespielt wurde, kannte Eli nicht. Natürlich. Mittlerweile hatte er einige Jahre an Neuerscheinungen aufzuholen. Während er mit einem Ohr auf die eingängigen Beats lauschte, schrieb er weiter.

Beim Kontrolllesen glich er mental alles ab. Naniteninfektion, Treffen mit den Doppelgängern, Weg zu den Aza'an. Er war froh, dass er nicht zum Militär gehörte. Er hatte sicherlich gegen Dutzende von irgendwelchen Verhaltensregeln verstoßen.

Was auf dem Mond der Aza'an passiert war, fasste er am kürzesten zusammen, obwohl es wohl der Teil war, der alle am meisten interessierte.

Erwähnen, dass die Aza'an sich bei seiner Ankunft im Krieg befunden hatten, damit niemand auf die Idee kam, noch einmal Kontakt aufzunehmen.

Verschweigen, dass er ihnen bei der Evakuierung durch das Tor geholfen hatte und dass sie nun im Grunde das Wissen besaßen, durch die Tore bis zum Schiff zu gelangen.

Erwähnen, dass sie ihn komplett geheilt hatten und ihm als Dank für Informationsaustausch die Naniten für Lisa gegeben hatten.

Verschweigen, dass er noch viel mehr erhalten hatte, weil es eben nicht nur Informationen gewesen waren, für die sie sich bedankt hatten. Genauso wie er wegließ, dass er nicht die ganze Zeit dort gewesen war, sondern ihm drei Tage fehlten.

Dann schmückte er alles mit Beschreibungen der Planeten aus, sodass der Text gleich ein ganzes Stück länger wirkte. Sowas gehörte sonst nicht zu seinen Stärken, begann aber tatsächlich Spaß zu machen. Wenn er all die schrecklichen Vorfälle beiseiteschob, dann war alles was er gesehen hatte, einfach nur unglaublich und atemraubend.

Eli befand sich gerade im letzten Absatz, als sich die Autotür öffnete und Jackson wieder auf den Beifahrersitz glitt.

„Schon fertig?", begrüßte Eli ihn und bemerkte verspätet die steile Falte zwischen Jacksons Augenbrauen, als der sich kurz zu ihm umdrehte. Er wirkte nachdenklich.

„Alles in Ordnung?", fragte Anderson, dem das anscheinend auch aufgefallen war.

„Ja, alles bestens. Nur ein paar unerwartete Informationen. Meinetwegen kann es weitergehen", wiegelte Jackson ab und schnallte sich an.

„Gut, dann fahren wir jetzt zum Krankenhaus."

„Krankenhaus?", fragte Eli alarmiert.

„Ich habe die Information, dass Ihre Mutter auf Arbeit ist", erwiderte Anderson ruhig und fädelte in den Verkehr ein.

„Oh, natürlich." Eli kämpfte den Anflug von Panik herunter. Für einen Augenblick hatte er gedacht, ihr würde es wieder schlecht gehen, doch dann hätte man ihn auch schon längst darüber informiert. Er war gar nicht auf die Idee gekommen, danach zu fragen, ob seine Mutter zu Hause war oder arbeitete.

Sie fuhren eine Weile schweigend, während Eli seinen Bericht fertigstellte und Jackson in irgendwelchen Unterlagen las. Als der Wagen schließlich auf dem Parkplatz des hiesigen Krankenhauses hielt, hatte Eli zum dritten Mal über den ganzen Text gelesen, unsicher, ob er nicht doch noch etwas hinzufügen oder löschen sollte. Doch er beschloss, dass es so genügte.

„Perfektes Timing", stellte er fest und schloss das Notebook.

Jackson wandte sich im Sitz zu ihm um. „Sie sind in der Zwischenzeit fertig geworden?"

„Ja, das sollte erst einmal reichen. Am Ende werden sie trotzdem wieder tausend Fragen stellen."

„Das kenne ich. Darf ich den Bericht lesen während wir hier warten?"

„Uhm." Eli sah unsicher zu Anderson.

„Keine Sorge, auch dafür habe ich die Freigabe. Ikarus war mein Projekt als es noch nichts weiter als Recherche war. Ich kenne alle Berichte von der Destiny."

Anderson nickte zustimmend und Eli zuckte mit den Schultern. „Meinetwegen. Aber so spannend ist es wirklich nicht." Eli hielt Daniel das Notebook entgegen. Der nahm es mit einem Grinsen an und öffnete es wieder.

„Oh, ich glaube, da unterschätzen Sie sich. Nachdem, was ich bisher so kenne, sind Ihre Berichte immer recht kurzweilig."

Eli wurde verlegen und öffnete die Autotür. „Wenn Sie meinen. Ich denke, es wird nicht so lange dauern. Auf Arbeit kann ich nicht lange stören."

„Keine Sorge. Es dauert, so lange es eben dauert. Wir haben es nicht eilig", erwiderte Jackson, schien aber bereits zu lesen.

„Okay."

Eli ging über den Parkplatz zum Haupteingang und fragte sich dann an der Information bis zu seiner Mutter durch. Als er sie kurz darauf fand, beobachtete er sie, während sie sich mit einem Arzt unterhielt. Sie sah gut aus, von ihrer Krankheit war nichts zu sehen. Henry und Aaron schienen ihr wirklich gut zu tun. Verunsichert überlegte Eli, ob es gut war, überhaupt so dazwischen zu platzen, für ein kurzes Hallo, ohne wirkliche Neuigkeiten. Damit riss er sie schließlich immer wieder aus ihrem Alltag. Sie wusste, dass es ihm gut ging, solange die Air Force nicht vor ihrer Tür stand und seinen Tod verkündete. War es nicht besser, wenn er sie ihrem Glück überließ, jetzt da er wusste, dass sie in guten Händen war?

Bevor er sich abwenden konnte, bemerkte sie ihn und sah ihn offen an. Noch konnte Eli einen Rückzieher machen, sagen, dass er nur auf der Suche nach einem Patienten war oder sich verlaufen hatte. Er entschied sich dagegen.

Als sie näher kam, musste er unwillkürlich lächeln. „Hi Mom."

Sie zögerte und erwiderte sein Lächeln dann. „Eli?"

„Ja, sorry, dass ich dich hier störe. Ich hatte gehofft, dich zu Hause anzutreffen, aber dann habe ich erfahren, dass du Schicht hast."

„Du störst nie." Sie umarmte ihn kurz aber herzlich und deutete dann den Gang hinunter. „Ich kann kurz Pause machen, oder sollen wir uns später treffen?"

„Ich bin nicht lange da. Weiß nicht, wann ich zurückgerufen werde. Ich wollte mich nur mal wieder melden, die letzten Wochen waren recht... hektisch." Er durfte ihr auf keinen Fall Sorgen bereiten.

„Das ist lieb. Dann komm, lass uns eben raus gehen." Sie meldete sich bei einer Kollegin ab und ging mit ihm hinunter vor die Tür.

„Ich schätze, du kannst mir wie immer nichts darüber erzählen, was passiert ist."

Eli schüttelte zuerst den Kopf, froh um diese Ausrede, doch dann korrigierte er sich.

„Nicht direkt. Aber ich kann dir ein paar der Orte beschreiben, wo ich war. Nur wird eine kurze Pause dafür lange nicht ausreichen. Das müssen wir also auf das nächste Mal verschieben, wenn ich wieder mehr Zeit habe, und du nicht auf Arbeit bist."

„Ich freue mich schon darauf." Sie lächelte noch immer und Eli erwiderte es.

„Aber du siehst richtig gut aus. Henry und Aaron scheinen dir gut zu tun."

„Ja, das tun sie. Aber deshalb vergesse ich dich nicht, Eli. Du bist trotzdem jeden Tag in meinen Gedanken."

Eli biss sich auf die Unterlippe und zwang sich zu einem Lächeln. Ein Kloß hatte sich in seinem Hals gebildet, den er versuchte herunterzuschlucken. „Ich sollte zurück."

Er konnte die Enttäuschung in ihrem Blick sehen, doch er wusste nicht, was er noch sagen sollte. Sie nickte schließlich nur und umarmte ihn fest. „Komm bald wieder und dann musst du unbedingt länger bleiben, hörst du?"

„Ja, Mom, das werde ich." Er erwiderte die Umarmung genauso fest und wandte sich dann hastig ab. Als er über den Parkplatz lief, drehte er sich noch einmal um. Sie stand noch immer da und sah ihm nach. Er winkte kurz und stieg dann ins Auto.

„Alles erledigt?", fragte Anderson. Eli nickte stumm.

„Das ging ja schnell", fügte Jackson an, sah aber nicht auf. Er schien noch immer zu lesen. Eli war auch nur wenige Minuten weggewesen.

„Ja, sie hat viel zu tun. Da wollte ich nicht länger stören." Nun sah Jackson doch auf und Eli wich seinem bohrenden Blick aus, beschäftigte sich stattdessen umständlich mit seinem Gurt.

„Sind Sie durch?", fragte er dann, um vom Thema abzulenken.

„Ja, gleich." Jackson las weiter, während Anderson vom Parkplatz fuhr.

„Ganz schön beeindruckend", sagte Jackson, als er schließlich fertig war und Eli das Notebook zurückgab.

„Denken Sie? Sie haben doch schon viel mehr erlebt und sind sogar von den Toten zurückgekommen, wenn das wahr ist, was man so hört."

„Ich war nicht wirklich tot, nur aufgestiegen, und dabei hatte ich Hilfe", spielte Jackson seine Erlebnisse herunter. „Und sag ruhig Daniel." Er sah Eli nachdenklich an und sprach dann weiter. „Dafür, dass du ohne jegliche Vorbereitung in dieses Schlamassel geraten bist, bist du mit den Herausforderungen verdammt gut umgegangen."

„Danke." Es machte Eli erneut verlegen, das von Jackson zu hören. Wahrscheinlich weil er eine Berühmtheit war. Er war derjenige, der am Anfang der Reise gestanden hatte, auf der sie sich jetzt befanden.

„Wir haben beide erledigt, was wir wollten, wie es scheint. Willst du schon zurück ins Hauptquartier?", fragte Jackson und kramte dabei in seiner Tasche herum.

„Nicht wirklich, aber ich wüsste nicht, wohin sonst, wenn ich jederzeit wieder zurückgeholt werden könnte", gab Eli zu.

„Dann lass uns in die Stadt rein fahren. Für Abendessen ist es viel zu früh, aber ich kenne da ein großartiges Eiscafé. Ich lade dich ein und du erzählst mir etwas von deiner Reise. Etwas das nicht in den Berichten steht. Deal?"

Eli war so froh über diesen Aufschub, dass er ohne nachzudenken zustimmte. Und wer konnte schon zu Eiscreme nein sagen?

oOo

Nick hatte über das fliegende Auge aufmerksam den Tausch zwischen Eli und Doktor Bakewell verfolgt, doch dann war ihm das schnell langweilig geworden. Morrison hatte es übernommen, ihre bisherigen Erkenntnisse über die Kristalle weiterzugeben. Wenn es etwas Neues gab, würden die beiden Männer sich sofort melden. Für den Moment hatte Nick jedoch wenig Interesse daran, den beiden Geologen bei ihrer Fachsimpelei zuzuhören. Deshalb hatte er sich wieder anderen Aufgaben zugewendet.

Im Hintergrund war Park damit beschäftigt, die Anzeigen des Schiffs im Auge zu behalten. Bisher hatte das nie jemand mit solch einer Freude getan, aber es war offensichtlich, dass Parks unerwartete Heilung sie dazu brachte, ihr Augenlicht besonders wert zu schätzen.

Nick ließ sie gewähren, weil er ihr das wirklich gönnte und es ihn nicht weiter störte. Jeder arbeitete für sich in angenehmem Schweigen, doch lange blieb das nicht so.

Greer kam in Begleitung von Lieutenant James auf die Brücke. Nick behielt ihn misstrauisch im Auge, als er zu Park ging. Er hatte mittlerweile bis ins Detail erfahren, ungewollt, was am Morgen in Elis Quartier vorgefallen war und das machte den Sergeant nicht gerade sympathischer. Das war eigentlich ein Streit, der Nick nichts anging und in den er sich auch nicht einmischen würde, doch er stand definitiv auf Elis Seite. Nach allem was passiert war, brauchte der Junge nicht auch noch die Feindschaft der Crew, besonders, da er seiner Meinung nach nichts falsch gemacht hatte.

„Hallo Lisa, kommst du mit zum Abendessen? James löst dich ab", sagte Greer und Nick bemerkte, dass er nicht ganz so selbstsicher auftrat, wie er es sonst immer tat. Park hatte unmissverständlich klar gemacht, dass sie sauer auf ihn war, als sie die ganze Geschichte des Morgens nacherzählt hatte.

Auch jetzt ließ sie ihn zappeln und sprang nicht gleich auf. Doch schließlich nickte sie und gab ihren Platz für James frei. Als beide auf dem Weg nach draußen an Nick vorbeikamen, blieb Greer plötzlich stehen. Er kramte in seiner Hosentasche und legte einen kleinen Gegenstand auf die Konsole vor Nick. Der erkannte sofort, was es war. Die Speicherkarte eines fliegenden Auges. Er war dabei gewesen, als Eli einmal eines der Geräte auseinandergenommen hatte, um unteranderem herauszufinden, wie das Fliegen bei ihnen funktionierte.

„Wo haben sie den her?", fragte Nick und nahm den kleinen Chip an sich. Normalweise bauten sie die Teile nicht aus.

„Klemmte in einer Tasche von einem der Rucksäcke. Hat wahrscheinlich einer der Wissenschaftler beim letzten Planeteneinsatz vergessen. Ist das Teil wichtig?", fragte Greer, doch Nick wank ab.

„Nein, nicht wirklich. Ich werde es mir später anschauen." Nick ließ den Chip in seiner Hosentasche verschwinden und beachtete Greer nicht weiter. Der verstand den Wink schließlich und verließ gemeinsam mit Park die Brücke.

Nick sah erst wieder auf, als ihre Schritte verklungen waren. Er hatte einen vagen Verdacht, woher der Chip stammte. Wenn er Recht behielt, dann waren dort vielleicht ein paar wertvolle Informationen drauf. Es sah so aus, als würde er den Abend einmal wieder mit dem Ansehen von Aufnahmen des fliegenden Auges verbringen.

oOo

Eli hatte erwartet, dass sie irgendwo in einem überfüllten Einkaufszentrum landen würden, doch unter Daniels Anleitung hielt Anderson schließlich in einer ruhigen Seitenstraße, wo sich kleine Cafés mit Läden abwechselten.

Sie stiegen aus, nachdem Daniel Anderson die Anweisung gegeben hatte, Bericht zu erstatten und sich dann für eine Weile die Zeit zu vertreiben. Sie würden anrufen, sobald sie fertig waren.

„Nett hier. Kommst du öfter hier her?", fragte Eli, nachdem der SUV an der nächsten Straßenkreuzung verschwunden war.

„Manchmal. Ich habe bei weitem nicht genug Zeit dafür. Ich gehe zwar nicht mehr so oft durchs Tor, aber beschäftigt bin ich trotzdem noch immer mit Nachforschungen und Übersetzungen. Es sind noch lange nicht alle Geheimnisse entdeckt worden." Daniel zwinkerte ihm zu und gab auf seinen Krücken den Weg und das Tempo vor.

„Drinnen oder draußen?", fragte Daniel, als sie ihr Ziel kurz darauf erreicht hatten. Ein gemütlich wirkendes, kleines Eiscafé, mit Tischen und Sonnenschirmen davor. Es schien gut besucht zu sein.

Eli deutete auf eine schattige Ecke im Außenbereich, die etwas am Rand lag.

Daniel nickte zustimmend. „Natürlich, nach so langer Zeit auf dem Schiff wirst du jede Minute in der Sonne genießen."

„Das ist es nicht einmal", gestand Eli nach kurzem Zögern. Sie setzten sich und Eli griff nach der Karte. „Es sind wohl eher die geschlossenen Räume, das hat mich früher nie gestört."

„Das Gefühl kenne ich. Nach einigen Wochen auf einem Schiff, wird man schon leicht klaustrophobisch. Monatelang ist sicherlich nicht einfach."

„Naja, ganz so schlimm wie es klingt, ist es auch nicht. Immerhin haben wir die Torverbindungen und ich war jetzt einige Wochen unterwegs. Sie haben ja gesagt, dass sie die Berichte kennen. Langweilig ist es selten."

„Dasselbe ist es trotzdem nicht."

Eli zuckte mit den Schultern. Die Kellnerin rettete ihn vor einer direkten Antwort. Mit einem geübten Lächeln nahm sie ihre Bestellung entgegen und verschwand wieder. Die Unterbrechung zog ein kurzes Schweigen nach sich, das Daniel schließlich brach.

„Also, ich bin neugierig. Was steht alles nicht in dem Bericht? Für drei Wochen ist das eine verdammt kurze Zusammenfassung, wobei du zumindest von mir Punkte für die blumigen Umschreibungen bekommst." Daniel hatte die Ellenbogen vor sich auf den Tisch gestützt und die Finger unter seinem Kinn verschränkt, während er Eli aufmerksam ansah.

Der lehnte sich zurück und spielte mit einer Papierserviette. Er hatte zugestimmt, sich mit Daniel zu unterhalten, doch wie viel konnte er ihm erzählen? „Würden Sie... du mir erst ehrlich eine Frage beantworten, bevor ich mehr erzähle?", fragte Eli unsicher.

„Sicher, wenn ich kann."

„Es war kein Zufall, dass wir uns am Aufzug begegnet sind. Ich kenne die Strukturen mittlerweile gut genug, um das zu erkennen. Es hätte für dich weniger zeitraubende Möglichkeiten gegeben, zum Institut zu kommen und wieder zurück. Und Anderson war einfach nicht überrascht genug. Wer also hat dir den Auftrag gegeben, mit mir zu reden?" Eli wollte dieses Misstrauen, das schon die ganze Zeit an ihm nagte, nicht, doch er konnte es auch nicht länger ignorieren.

Daniel sah Eli einen Moment forschend an und lächelte dann. „Du bist fix. Ich habe gesagt, dass es eine blöde Idee ist", gab er ehrlich zu und Eli war dankbar, dass er ihn nicht mit Lügen abspeiste. Ungeduldig wartete er auf weitere Erklärungen.

„Ich habe der ganzen Sache zugestimmt, weil ich dich tatsächlich einmal persönlich kennenlernen wollte. Und ich dachte, besser ich, als irgendein anderer, der stumpf alles berichtet, denn leider konnte ich das Vorhaben auch keinem ausreden. So schnell wie du es bemerkt hast, habe ich allerdings meine Zweifel, dass es mit jemand anderem erfolgreich gewesen wäre."

„Und du würdest das nicht tun? Alles stumpf berichten, meine ich", fragte Eli misstrauisch.

„Nein, wenn du mich darum bittest und ich der Meinung bin, dass es keine Gefährdung der Crew darstellt, dann sage ich nichts weiter. Ich habe selbst meinen Teil an Geheimnissen."

„Wer hat den Auftrag gegeben?", wiederholte Eli seine anfängliche Frage. Es kamen für ihn eigentlich nur zwei Personen in Frage. „Young oder Telford?"

Daniel überlegte diesmal sichtlich, ob er antworten sollte, tat es dann aber. „Colonel Young."

„Das hab ich wohl verdient." Eli hatte damit gerechnet, fühlte aber trotzdem eine gewisse Enttäuschung. Resigniert sank er in den Stuhl zurück.

„Wieso denkst du das?", fragte Daniel direkt.

„Du weißt doch was passiert ist, aus den Berichten. Young hat kein Vertrauen mehr in mich. Obwohl er weiß, dass ich nichts tun würde, was die anderen oder das Schiff in Gefahr bringen würde, kann er nicht akzeptieren, dass ich Details von meinem Ausflug für mich behalte. Natürlich haben wir schlechte Erfahrungen gemacht, aber unter dem Einfluss der Naniten habe ich nicht ein einziges Mal aggressiv gehandelt oder irgendetwas sabotiert, und die Tests haben gezeigt, dass mein Blut sauber ist. Er nimmt es mir übel, dass ich ohne sein Wissen gegangen bin. Und dass ich Lisa mit Nanitentechnologie geheilt habe, hat es nur noch schlimmer gemacht statt besser."

„Du musst es aus Youngs Sicht sehen", entgegnet Daniel nachdenklich. „Als Anführer muss er die Kontrolle behalten. Deine Entscheidung mag dir nicht leicht gefallen sein, aber du hast sie trotzdem ohne ihn getroffen."

„Ja, aber mir lief die Zeit davon." Eli stockte abrupt und Daniel sah ihn fragend an. „Einer der Punkte, die ich nicht weiter im Bericht ausgeführt habe, ist der Krieg der Aza'an mit den Bewohnern ihres Heimatplaneten. Ich bin Mitten hineingeraten. Selbst wenn ich das Fieber noch länger überstanden hätte, die Aza'an, die mir geholfen haben, wären längst tot."

Die Kellnerin, die ihre Bestellung brachte, unterbrach ihn. Zwei große Eisbecher mit Früchten und Soße und zwei Espresso. Eli begann zu strahlen. Es war einfach zu lange er, dass er so etwas gegessen hatte.

Als die Bedienung wieder weg war, knüpfte Daniel an ihr Gespräch an. „Wie kommst du darauf? Worum ging es?"

„Ähnlich wie wir, haben die Aza'an diverse technische Entwicklungsstufen durchgemacht. Als sie die Naniten entwickelten, war das natürlich ein riesiger Fortschritt. Dass die Naniten sich mit den Zellen ihrer Träger verbinden und ihre eigene Evolution beginnen würden, war nie geplant oder vorhergesehen. Die Lita entstanden.

Es gab Diskussionen und Proteste. Die Lita wurden zu einer Krankheit, einer Gefahr ernannt und sollten ausgeschaltet werden, doch das war nicht so einfach aus verschiedenen Gründen.

Eine Minderheit der Aza'an spaltete sich schließlich ab; jene die die Lita in sich trugen und auch behalten wollten. Weil sie auf ihrem Planeten nicht mehr willkommen waren, bildeten sie eine Kolonie auf dem Mond, wo sich auch das Sternentor befand. Eine Zeit lang ging das gut, doch die Regierung auf dem Planeten erfuhr von dem Tor und diversen Ressourcen auf dem Mond.

Was anfänglich noch Verhandlungen und Handelsverträge waren, wurde zum kalten Krieg, bei dem die Bevölkerung des Heimatplaneten natürlich zahlenmäßig absolut überlegen war. Die Lita wiederum verschafften den Aza'an einen technischen Vorteil, der für lange Zeit ein fragiles Gleichgewicht brachte. Doch schließlich holten die Wissenschaftler des Heimatplaneten den technischen Vorsprung auf. Die Lita infizierten waren dabei zu verlieren." Eli rührte großzügig Zucker in seinen Espresso. Es so knapp zusammenzufassen, übermittelte nicht einmal im Ansatz, was die Aza'an durchgemacht hatten und was Eli dabei fühlte.

„Was ist passiert?", hakte Daniel nach, als Eli nicht weitersprach. Der trank seinen mittlerweile viel zu süßen Espresso, verzog angewidert das Gesicht und fuhr schließlich fort.

„Sie haben mich ohne Probleme geheilt, während sie von ihren Verbündeten in den feindlichen Reihen erfuhren, dass ein Großangriff geplant wurde. Ich habe daraufhin die gesamte Bevölkerung durch das Tor in eine neue Heimat geführt. Wir hatten nur wenige Tage um die nächstgelegenen Planeten zu erkunden und eine Entscheidung zu treffen. Dann mussten tausende Aza'an, und alles was sie tragen konnten, durch das Tor gebracht werden. Deshalb war ich so lange weg. So etwas geht nicht mal eben an einem Tag."

„Ja, das haben wir auch schon mitgemacht", fügte Daniel verstehend ein.

„Aber ich konnte trotzdem nicht alle retten. Als ich den Mond mit der letzten Einheit verlassen wollte, wurden wir von einem Luftangriff überrascht. Wir hatten nur gewusst, dass er kommen würde, nicht wann. Es gab überall in der Stadt Explosionen und ich musste mit ansehen, wie meine Freunde starben, bevor ich im letzten Moment durchs Tor gegangen bin."

Eli stocherte in seinem langsam schmelzenden Eisbecher herum. Es auszusprechen war nicht so einfach, wie er gedacht hatte. „Das Tor ist danach wahrscheinlich zerstört worden, denn die Adresse verschwand kurz darauf von der Fernbedienung."

„Wow, das habe ich nicht erwartet. Das ist hart."

„Was? Keine aufmunternden Worte? Kein ‚das wird schon wieder' oder ‚es waren nur hässliche Aliens'?"

Daniel lächelte und kippte Milch in seinen Espresso, der wahrscheinlich schon halb kalt war. „Du solltest wissen, dass ich in meiner Zeit bei SG1 mehr als einmal in Situationen gekommen bin, die deiner nicht unähnlich sind. Es ist auch für mich nicht immer einfach gewesen, aber nur wenn man sieht, was unter der Oberfläche liegt, kommt man weiter. Klingt, wie ein Spruch aus einem Glückskeks, ich weiß. Aber wenn dein Leben davon abhängt, dich mit einem fremden Wesen zu verbünden und zu kommunizieren, dann lernt man oft mehr, als man erwartet hat. Die Allianzen und Freundschaften, die dann entstehen, sind kostbar und ihr Verlust schmerzt mindestens genauso sehr wie der Verlust eines Menschen."

Eli spürte einen Kloß im Hals, stärker noch als zuvor bei seiner Mutter, und starrte stumm in sein Eis. Daniels Worte gaben genau das wieder, was er empfand, und es war angenehm zu wissen, dass da jemand war, der seine Situation ganz genau nachvollziehen konnte, sie verstand und nicht versuchte, sie zu analysieren und zu beurteilen, oder sogar klein zu reden.

„Erzähl mir mehr von deinen neuen Freunden", sagte Daniel schließlich und Eli genoss die Neugier und das ehrliche Interesse seines Gegenübers. Er räusperte sich, atmete einmal tief durch und kam Daniels Bitte nach.

„Auf den ersten Blick sind sie wirklich hässlich, aber wenn man das überwindet, ist da so viel mehr. Ihre Schuppenfarben variieren und schimmern im Licht." Eli sah sich kurz um und entdeckte eine freche Taube, die Krümel vom Asphalt pickte. Mit einem Nicken deutete er zu ihr.

„So wie bei ihrem Gefieder. Auch ihre Dornen sind unterschiedlich. So wie es bei uns Menschen Haut und Haare in den verschiedenen Farben gibt. Sie sind unglaublich begabt in allen Gebieten der Kunst und der Wissenschaft. Ihre Musik ist anders als unsere. Manche Klänge sind sehr gewöhnungsbedürftig, aber sie haben auch sehr komplexe und harmonische Kompositionen. Ich konnte ein wenig was davon aufnehmen, aber ich habe es noch keinem gezeigt. Und sie sind unglaublich detailverliebt, fast schon fixiert. Ich dachte, das wäre das Fieber oder die Lita, aber es sind tatsächlich die Aza'an selbst, die eine unglaubliche Fixierung auf Details haben. Ich erinnere mich an das erste Mal, als das Echo von Xavens Geist in mir wach wurde und wie fasziniert er von Youngs Haut war. Dem Zellaufbau und den Härchen. Es war unmöglich dieser Faszination zu widerstehen." Eli hielt inne und registrierte verspätet, dass er sich beim Erzählen verloren und viel zu viel Preis gegeben hatte.

„Was?", blaffte er Daniel an, als der begann auch noch so komisch zu lächeln.

„Es ist interessant, deinen Gesichtsausdruck zu beobachten. Eben ganz begeistert, dann versonnen und jetzt verlegen. Was ist dir so peinlich?"

„Ist das nicht offensichtlich?", fragte Eli düster.

„Nicht ganz. Meinst du diese Faszination für Everett?"

„Ja, was denn sonst?"

„Aber du hast doch selbst gesagt, es war das, wie nanntest du es, Echo von Xavens Geist?", fragte Daniel nach.

„Ja... nein, es ist das... verdammt." Frustriert rührte Eli in seinem Eisbecher herum. Da war bald nur noch eine einheitliche Soße übrig, wenn er weiter so machte.

Daniel grinste währenddessen nur noch mehr. „Erwischt!"

„Uncool, echt uncool", beschwerte Eli sich unbehaglich.

„Hey, kein Grund zu schmollen. Ich zieh dich nur auf. Wenn man so lange auf so engem Raum zusammenhockt, ist es normal, dass man sich irgendwann nicht mehr egal ist und besser so, als wenn ihr euch nicht ausstehen könntet."

„Ich glaube, du hast das Problem nicht verstanden."

„Ja? Dann erklär es mir."

„Nein", erwiderte Eli knapp, weil es ihm absolut peinlich war und er den anderen mann immerhin erst seit ein paar Stunden kannte. Das war privat.

Daniel nahm scheinbar ohne zu Zögern hin. „Okay, dann zurück zu den Aza'an. Erzähl mir mehr. Wie sah ihre Heimat aus?"

Eli nahm den Themenwechsel dankbar an. „Der Mond war ursprünglich für die Physiologie der Aza'an nicht als bewohnbar eingestuft worden, aber die Lita gaben ihnen die Möglichkeit die Atmosphäre so lange auszuhalten, bis sie Kuppeln mit künstlicher Luft errichten konnten. Man konnte ihren Heimatplaneten am Himmel sehen, so wie wir den Mond sehen, und die Tage waren weitaus länger als hier. Deshalb habe ich auch das Zeitgefühl verloren. Mir war nicht bewusst, wie lange ich tatsächlich von der Destiny weg war.

Ich hoffe, dass der neue Planet wirklich ihre Heimat sein kann. Wir hatten keine Zeit die langfristigen Bedingungen einzuschätzen. Wenige Stunden reichen dafür einfach nicht aus, selbst mit der besten Technik nicht. Doch jetzt gibt es kein Zurück mehr und ich kann nur hoffen, dass sie eine lange und friedliche Zukunft vor sich haben."

„Diese Aza'an scheinen sehr anpassungsfähig zu sein. Es liegt nicht mehr in deinen Händen, was passiert. Wenn es darum ging, die Schuld für den Toten zu begleichen, dann hast du die mit der Umsiedlung längst erfüllt."

„Aber es ging nie darum eine Schuld zu begleichen", erwiderte Eli fast ein wenig verzweifelt. „Es ging darum, nach Hause zu gehen und Freunde zu retten, meine Freunde." Eli ballte die Hände zu Fäusten, löste sie wieder und versuchte das drückende Gefühl in seiner Brust loszuwerden. Er konnte vielleicht andere belügen, aber nicht sich selbst. Xavens Empfindungen würden ihn niemals komplett verlassen.

„Hm, magst du ein paar von meinen Geschichten hören?", fragte Jackson abrupt.

Eli blinzelte verwirrt und nickte dann eilig. „Wenn sie ein Happy End haben, sicher", fügte er an. „Dann kann ich das hier beenden, bevor das Eis komplett geschmolzen ist." Er deutete auf seinen Becher und Daniel lachte.

„Okay, ich gebe mein Bestes."

Daniel begann von seinen Reisen zu erzählen, in dem Rahmen, den Eli mit seiner Freigabe eben erfahren durfte. Es dauerte nicht lange und Eli erkannte bei ihm die gleiche Begeisterung, die er selbst beim Erzählen hatte.

Als Eli das nächste Mal auf die Uhr sah, waren zwei Stunden vergangen und sie hatten jeder noch einen weiteren Kaffee getrunken.

„Wie lange sollte der Tausch eigentlich gehen?", fragte Eli unvermittelt. Sicherlich hatte Daniel eine Zeitvorgabe bekommen.

Daniel warf ebenfalls einen Blick auf seine Uhr. „Nicht so lange. Doktor Bakewell sollte nur eine erste Einschätzung der Steine abgeben. Vielleicht sollten wir langsam zurückkehren. Wir können uns noch im Auto und Büro ein wenig unterhalten, bis die Verbindung gelöst wird."

„Okay."

Daniel gab der Bedienung ein Zeichen und bezahlte dann bei ihr. Als sie aufstanden, sah er sich kurz um. „Ich werde Anderson anrufen und ihn bitten, dass er uns da abholt, wo er uns abgesetzt hat."

„Klar."

Sie liefen den Weg zurück, den sie gekommen waren, erneut ausgebremst durch Daniels Krücken, und warteten dann an der Straße auf Anderson, der würde wohl ein paar Minuten brauchen. Eli beobachtete die vorbeiziehenden Autos... und fand sich im nächsten Augenblick auf dem Schiff wieder. Sein Kopf schmerzte und als er sich verschwommen blinzelnd umsah, stellte er fest, dass er auf dem Boden lag. Etwas stach in seine Seite, Schmerz brannte durch seine Nervenbahnen, als er versuchte sich zu bewegen. Als er mit seiner Hand an die Stelle tastete und sie sich vor Augen hielt, war sie voller Blut. Young lag regungslos neben ihm. Irgendetwas war passiert! Doch bevor er mehr herausfinden konnte, befand er sich zurück auf der Erde. Er lehnte schwer gegen eine Straßenlaterne und Daniel war viel zu nah.

Er sah ihn besorgt an. „Doktor Bakewell?"

„Nein, ich bin es, Eli."

„Was ist passiert?"

„Ich weiß es nicht. Irgendetwas stimmt nicht. Wir sind aus dem FTL gefallen, was die Verbindung kurz unterbrochen hat. Ich muss sofort zurück zur Destiny."

„Wahrscheinlich habt ihr den nächsten Planeten erreicht", mutmaßte Daniel. „Es wird alles okay sein. Falls was sein sollte, dann werden die sich schon melden."

„Nichts ist okay!", erwiderte Eli und verspürte Panik. „Young war bewusstlos und ich habe eine Wunde, die viel zu stark blutet. Ich muss sofort zurück. Benutz das Notfallprotokoll. Wir können die Verbindung wieder herstellen, wenn alles in Ordnung ist, aber jetzt muss ich in meinen Körper, bitte", flehte Eli und hoffte, dass Daniel wusste, was er meinte.

Nach den Vorfällen mit Ginn und Mandy, sowie der Senatorin und Doktor Covel, war das Notfallprotokoll erstellt worden. Bestand während der Verbindung für eine Person Lebensgefahr, sollte die Verbindung wenn möglich unverzüglich getrennt werden, um nicht beide Leben zu verlieren, ungeachtet anderer Pläne für die jeweilige Verbindung.

Daniel nickte zum Glück und zog bereits sein Handy hervor. Es erschien Eli wie eine Ewigkeit, bis Daniel knappe Anweisungen weitergab.

„Danke", sagte Eli erleichtert. „Ich melde mich so schnell ich kann."

„Viel Erfolg und..."

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