Der Zug machte gut Strecke, Snape und Hermine wurde in ihrem Abteil die Fahrt nicht lang. Jedes Mal, wenn sich ein Muggel näherte – sei es um ihre Fahrkarten oder Zollpapiere zu prüfen oder ihnen Speisen und Getränke zu verkaufen – griff Snape eiskalt zu seinem Zauberstab und der Muggel vergaß plötzlich, was er wollte und kehrte unverrichteter Dinge um. So blieben sie weitgehend unbehelligt. Zwischen den kleinen improvisierten Mahlzeiten lasen beide stundenlang, ohne auch nur ein einziges Wort zu wechseln. Sie dachten beide über die neue Situation nach. Ab und zu sah einer von ihnen nachdenklich von seinem Buch auf zum anderen. Hermine lächelte dann milde über die Veränderung, die Snape durchgemacht hatte. Der wiederum überlegte, warum er Miss Granger immer wieder gewinnen ließ. Nüchtern betrachtet, wusste er überhaupt nicht mehr, wer er war. Der Severus Snape, der er immer gewesen war, hatte nie eine solche Lust zu Lachen gehabt. Und er hatte nicht einmal mit den Schülerinnen seines Hauses Slytherin diese Art von Gesprächen geführt. Wenn er es genau nahm, hatte er überhaupt nur sehr wenige Gespräche geführt, die nichts mit seinen Aufgaben als Spitzel oder Lehrer zu tun hatten. In letzter Zeit jedoch, schien sich ein Teil seiner Persönlichkeit immer mehr in den Vordergrund zu spielen, den er, seit sich Lily von ihm abgewandt hatte, nicht mehr zugelassen hatte. Ein Teil, der Freude empfinden konnte. Ein Teil, der Freude nicht nur empfinden, sondern auch geben wollte. Es machte ihm beinahe Angst, dass er sich binnen weniger Wochen so gewandelt hatte. Sein sonst alles durchschauender Verstand kam mit diesem Wechsel nicht mit. Aufhalten konnte er ihn jedoch nicht. Zu lange hatte er seinen Körper mit Verzicht und Gleichmut gestraft. Die nun wiederholt ausgeschütteten, glücklich machenden Hormone wirkten bei ihm wie Wasser bei einem Halbverdursteten.
Irgendwann brach die Dunkelheit über Kasachstan herein und im Zug gingen die Lichter an. Einige Minuten später kramte Hermine nach dem Essen, das noch übrig war und Snape packte sein Buch weg, um ebenfalls etwas zum Abendessen beizutragen. Sie aßen Blinis mit Lachs – dazu schmeckte sogar Schmand – und tranken einen fruchtigen Tee, den Severus in einem kleinen Kessel über einem tragbaren Feuer gekocht hatte. „So, Miss Granger. Dann erzählen Sie mal: was für ein Buch lesen Sie da?", Snape wusste nicht so recht mit der frisch besiegelten Freundschaft umzugehen. Diese Unsicherheit wollte er überspielen, indem er das unbehagliche Schweigen brach. „Ach…das ist ein Muggel-Survival-Ratgeber…aber er ist ziemlich unhilfreich.", Hermine war froh, dass er mal von sich aus ein Gespräch begonnen hatte und wollte es möglichst aufrechterhalten. „Die schreiben viel über die ganzen Reiseimpfungen, die man haben sollte und da ich nicht eine davon besitze, wird mir davon langsam übel! Die übrigen Tipps sind auch alle Pillepalle, wenn man halbwegs zaubern kann…Ich fand es nur so lieb, dass die Verkäuferin es mir noch empfohlen hat, als ich das Wörterbuch und das Zeigebuch bei ihr kaufte und meinte, ich wollte mit dem Rucksack um die Welt reisen…Genauso sinnlos ist das Buch über die Hundert Orte, die man unbedingt gesehen haben sollte…da wir ohnehin keine Zeit für kulturelle Ausflüge haben oder der Kneipenführer für Studenten…", betreten suchte sie Snapes Blick. „Sie können schlecht ‚Nein' sagen, was?" meinte er schmunzelnd. Getroffen ließ Hermine den Kopf hängen. „Scheint so…Jedenfalls, sind die meisten Muggelbücher unnützer Ballast gewesen. Ich hätte stattdessen ein Radio mitnehmen sollen…Wissen Sie, mir fehlt manchmal ein wenig Musik…Bei dem MP3-Player ist der Saft alle…Was für Musik hören Sie eigentlich so?" Snape legte den Kopf leicht schief. „Die einzige Musik, der ich etwas abgewinnen kann, ist das Brodeln und Zischen meiner Kessel, Miss Granger.",
„Ha! Gute Antwort…Aber was ist, wenn Sie Feierabend haben? Wenn Sie sich entspannen und runterkommen wollen?"
„Für einen Zaubertrankmeister gibt es keinen Feierabend. Zutatenschränke füllen sich nicht von allein und einige Tränke sind anspruchsvoll in der Zubereitung, da kann man nicht einfach den Rührlöffel fallen lassen und sagen ‚Bis morgen'…", jetzt war er wieder ganz der Professor in seinem Element und so schritt der Abend voran – wieder einmal in Debatten über Zaubertränke. Hermine war fasziniert vom reichen Wissensschatz um diese Kunst, den Snape stets auch außerhalb des Unterrichts gepflegt und erweitert hatte. Nach einer Weile konnte sie sich ihr Gähnen trotzdem nicht mehr verdrücken. Die letzte Nacht hatte nicht viel erholsamen Schlafs ergeben und so forderte ihr Körper ihn jetzt ein. Snape erkannte das wohl und lenkte schließlich ein: „Bevor Sie einschlafen, Miss Granger, würde ich gern noch den Plan erörtern, wie es nach dieser Zugfahrt weiter gehen könnte. Mein Bedarf an Zügen dürfte für die nächsten zwanzig Jahre gedeckt sein und bedenkt man die Vorkommnisse der letzten Tage, halte ich es für angebracht, wenn wir uns wieder auf weniger offensichtliche Reisearten verlegen.", sein Ton war sachlich, aber nicht unfreundlich. Hermine errötete leicht, als sie daran dachte, wie sie ihretwegen stundenlang auf einen Zug gewartet hatten, der sie dann nur etwa einhundert Kilometer weiter befördert hatte. Auf den schweren Rucksack zur Tarnung konnte sie auch gern verzichten, also meinte sie: „Ich stimme Ihnen zu. Ich vermisse mein Zeltbett langsam und gegen ein schönes Bad hätte ich auch nichts einzuwenden…bei der Zugtoilette hier möchte man ja nur das Nötigste verrichten und dann fliehen.". Sie verzog den Mund angewidert und schüttelte sich vor Ekel. „Jah…Wir sollten schauen, dass wir uns nach Süden orientieren. Und dann werden wir sehen, wie wetterfest Sie sind, denn wir kommen genau in die Regenzeit.", Snape grinste hämisch und seine Augen huschten ganz kurz zu Hermines buschigem Haar. Für einen Moment versuchte er, sie sich mit nassen Haaren vorzustellen, vertrieb den Gedanken aber gleich wieder. „Dann brauchen Sie sich ja keine Sorgen zu machen, mit Ihrem fe…-", schnell brach Hermine ab und verkniff sich halbherzig ein Lachen. Plötzlich wieder hellwach, strahlte sie verschlagen in seine Richtung. „Ja, Miss Granger?", sagte er ganz in seiner Professormanier. „Nichts, nichts…", sie schüttelte glucksend ihre Mähne. „Miss Granger!", die Stimme war drohend, doch Hermine spürte, dass er es nicht ernst meinte. „Nö!", sie verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust und sah übertrieben weg. „Miss Granger! Ich finde es ohnehin heraus! Das wissen Sie genau…", und dann tat er etwas Überraschendes: er rutschte auf den Platz neben sich, sodass er Hermine nun unmittelbar gegenüber saß. Seine Knie stießen beinahe an ihre. Er lehnte sich, mit den Händen auf seinen Oberschenkeln abgestützt, nach vorn, hielt so nur noch weniger als einen halben Meter Abstand zu ihr und sah sie unheimlich durchdringend an. Er hatte das bewusste Unterschreiten der Intimdistanz schon immer gern als Einschüchterungswerkzeug benutzt. Hermine starrte verblüfft in sein so nahes Gesicht. Sie wusste natürlich, was er meinte. Aber würde er es tatsächlich tun? Und was könnte sie ihm dann entgegensetzen? Wollte sie ihm überhaupt noch etwas entgegensetzen? Seine Nähe, sein anregender Geruch und das Schwarz seiner Augen machten sie ganz wuschig, doch nicht vor Angst. Schließlich beschloss sie, alles auf eine Karte zu setzen: „Das würden Sie nicht tun! Dann könnte ich Ihnen nämlich nicht mehr vertrauen!", sie verengte berechnend ihre Augen und hielt seinem Blick fest stand. „Woher wollen Sie wissen, dass ich es nicht schon getan habe?", er sprach jetzt sehr leise und bewegte die Lippen kaum. Hermine schluckte, ihre Atmung war unbewusst flacher geworden und etwas in ihr wartete nur auf seinen nächsten Schritt. Sie war leicht verunsichert, denn es stimmte natürlich – sie hatte keine Ahnung, wie es sich anfühlen würde, wenn er in ihrem Kopf wäre. Harry hatte es zwar immer als ziemlich unangenehm beschrieben, aber da war es meist um Voldemort gegangen, oder er hatte sich versucht gegen Snape zu wehren. Vielleicht konnte er aber auch völlig unbemerkt in jemandes Geist eindringen, vor allem, wenn er auf keinerlei Gegenwehr stieß. Augenkontakt hatte es wohl genug gegeben. Doch Hermine wollte nicht daran glauben. Sie vertraute ihm vollkommen, egal wie töricht das erschien. „Weil Sie ein ehrenwerter Mann sind, Mr. Snape! Abgesehen davon, gibt es nichts, was ich vor Ihnen verbergen müsste…wenn Sie es unbedingt wollen, lesen Sie meine Gedanken! Aber beschweren Sie sich hinterher nicht, dass ich unverschämt wäre!"
Severus ließ seine Augen kurz zu Miss Grangers leicht offenen Mund gleiten, ehe er sie wieder in ihre haselnussbraunen Augen bohrte. Er witterte förmlich ihren Aufruhr, sah die geweiteten Pupillen und wie sie versuchte ihre Atmung zu beruhigen. Als Spion hatte er jahrelange Erfahrung im Lesen der subtilen Signale des menschlichen Körpers. Aber dieses Spiel hier konnte und wollte er nicht weiterspielen – nicht mit ihr.
Er riss sich zusammen und lehnte sich nach hinten in den Sitz. „Das wäre keine neue Erkenntnis, nicht wahr? Ihre Gedanken muss ich nicht kennen, um zu wissen, dass Sie ein frühreifes, besserwisserisches und rotzfreches Gör sind, Miss Granger!", er verschränkte nun seinerseits die Arme vor der Brust und grinste hinterlistig. Hermine atmete erleichtert aus und die Glut, die in ihr zu entfachen gedroht hatte, erlosch augenblicklich. „Nur so kann man es ja mit Ihnen aushalten!", erwiderte sie widerspenstig. Sie hoffte inständig, dass er ihre Schwäche nicht bemerkt hatte und wollte dringend etwas Abstand zwischen ihn und sich selbst bringen. Schnell suchte sie ihre Kulturtasche, stand auf und ging zur Abteiltür. „Ich geh Zähneputzen…", schon war sie aus dem Abteil geschlüpft. Snape zog vielsagend die Brauen nach oben und schüttelte leicht den Kopf. Dann rückte er wieder auf seinen Platz am Gang und griff sich nachdenklich an die Halsbandagen.
Als Hermine wiederkam, blieb sie wie erstarrt in der Abteiltür stehen und konnte die Augen nicht von Snape nehmen. Zuerst bemerkte sie nur, wie anders er ohne seinen ewig bauschenden Umhang aussah, denn den hatte er abgelegt. Darunter trug er offenbar ein langärmliges Henleyshirt, dessen obere Knöpfe jetzt geöffnet waren und seine Hochbundhose wurde von altmodischen Hosenträgern gehalten. Er wirkte schon fast ungesund hager. Als Snape dann fragend den Kopf zu Hermine hob, weil sie sich nicht rührte, erkannte sie, weshalb er sich plötzlich so freizügig gab: er hatte die Bandage von seinem Hals entfernt. Sie sah zum ersten Mal das ganze Ausmaß der Schlangenattacke. Ausgehend von, wie es schien, Hunderten dunkelster Zahnabdrücke war, soweit sie das beurteilen konnte, alles Gewebe zerstört. Es gab keine deutlichen Wundränder – nur ausgefranste, in einander übergehende Dellen und Krater. Das ganze glänzte wächsern und bot alle Farben von nekrotischem Schwarz bis thrombotischem Purpur. Nur erahnen konnte man, bis wohin Snapes Kleidung ihm minimalen Schutz geboten hatten. Die Eindrücke aus der Heulenden Hütte stürzten wieder auf sie ein: sein Röcheln, die Blutlache, in der er gelegen und die sich stetig ausgebreitet hatte, sowie der Übelkeit erregende Geruch und Tränen stiegen in ihr hoch. Wie hatte er das nur überleben können? Und wieso merkte man ihm diese Narben nicht an?
„Miss Granger, bitte entschuldigen Sie! Wenn es Sie so irritiert, verbinde ich es umgehend…Ich lasse nur für gewöhnlich nachts den Verband weg, damit die Haut – oder das, was davon übrig ist – atmen kann…", Severus drückte sogleich ein frisches Leinentuch auf seinen Hals, doch Hermine schluckte ihre Bestürzung runter und beschwichtigte: „Oh, Sir, bitte…es tut MIR leid! Eine Warnung wäre vielleicht hilfreich gewesen…aber bitte lassen Sie ruhig Luft daran…Kann ich vielleicht irgendetwas tun?"
„Verschonen Sie mich mit Ihren mitleidigen Blicken!", fuhr er sie an, dass sie erschrocken zusammenzuckte. Er hasste es, wenn man ihn für schwach hielt. Normalerweise hätte er Miss Granger niemals seine Wunden sehen lassen, doch hatte er es für kontraproduktiv gehalten, seinen Hals eine weitere Nacht unter Verband zu halten. Lieblos klatschte er inzwischen die Salbe auf seine Haut und knurrte: „Löschen Sie das Licht, Miss, wenn Sie fertig sind, dann müssen Sie es nicht sehen!" Hermine band ihre Haare zusammen, legte sich mit dem Kopf zum Fenster auf ihren Doppelsitz und knipste per Zauberstab das Licht in ihrem Abteil aus. Der Gang vor der Tür war ohnehin nur spärlich beleuchtet. Verwirrt und traurig über seine abweisende Antwort lag sie noch eine Weile wach. Sie konnte kaum glauben, dass der Mann mit dem übel zugerichteten Hals, der sie gerade so angefahren hatte, derselbe war, der ihr kurz zuvor so eigentümlich nahe gewesen war. Sachte rann eine Träne aus ihrem Auge, lief über ihren Nasenrücken und tropfte dann auf ihren Arm, den sie sich unter den Kopf geschoben hatte. „Gute Nacht, Mr. Snape…", sagte sie schließlich leise, doch sie erhielt keine Antwort.
