14. Vertrauensvorschüsse

Ein tiefer Luftstoß entkam ihr, als sie wieder zu sich kam. Als sie aufsah, war sie überrascht zu sehen, dass es bereits dämmerte. Malfoy saß auf ihrem Schreibtischstuhl, den er dem Bett zugewandt hatte, und schien sie mit eisigen Blicken durchbohren zu wollen. Mione ignorierte sie und atmete ein paar Mal ruhig ein und aus. "Ich habe die ganze Nacht geschlafen?", fragte sie benommen.

"Hast du", sagte er kalt und ließ das Buch, in dem er gerade geblättert hatte, lautstark auf den Schreibtisch fallen. "Kein Wunder, bei der Dosis, die du dir gegönnt hast", sagte er schneidend.

"Der Neutralisator-", begann sie, einfach nur aus Neugierde.

"Wirkt nur bei kleinen Mengen und nicht bei einer vollen Dosis", raunte er.

Ja, das hatte sie geahnt. Aber, es war gut zu wissen. Für was auch immer … kommen mochte, wollte sie sagen. Allerdings war abzuwarten, ob überhaupt noch etwas in dieser Sache kommen würde. Der Lockenschopf richtete sich auf und sah sich um. Einen Moment fragte sie sich, ob sie für den Rest der Nacht traumlos in ihrem, oder doch aufgrund des Schlaftranks im Körper der anderen Frau geschlafen hatte. Das war eine Sache, der sie eventuell noch nachgehen würde, wenn sie die Gelegenheit dazu bekam. "Es war sehr wahrscheinlich ein defekter Zeitumkehrer", setzte sie alles auf eine Karte und sah ihn an. Er runzelte die Stirn, also sprach sie weiter. "Sie nutzte ihn und er zersplitterte sie. Sie konnten sie wieder zusammensetzen, doch eine offene Tür blieb vermutlich zurück. Bisher scheint niemand sonst in sie gesprungen zu sein. Nur ich", er sah sie skeptisch, aber durchaus interessiert an. "Und deine Mutter hatte eine Affäre mit deinem Onkel, was dir beinahe ein Geschwisterchen beschert hat. Ob es älter oder jünger als du gewesen wäre, weiß ich nicht. Möglich wäre, zeitlich gemessen, beides. Denn es begann vor und endete nach deiner Geburt, soweit ich im Bilde bin", sie sah ihn herausfordernd an und zuckte entschuldigend mit den Schultern, "ich hoffe, das wusstest du bereits. Beziehungsweise: Ich weiß nicht, ob ich hoffen soll, dass es auch in dieser Welt so passiert ist."

Wie gesagt, setzte sie alles auf eine Karte. Sie hatte keine andere Wahl. Sie stand auf, schwang sich aus dem Bett und taumelte aus dem Raum. Sein Gesichtsausdruck sagte ihr glücklicher und befriedigender Weise, dass sie genau ins Schwarze getroffen hatte. Das pure Entsetzen nahm Besitz von seinen sonst so blasierten Zügen. Und, kaum dass sie ins Bad verschwunden war, sprang er auf und folgte ihr. Vor der verschlossenen Tür schien er innezuhalten. Sie hörte seine Schritte stoppen, während sie sich das Gesicht wusch.

"Woher zur Hölle weißt du das, Granger?", fragte er heiser und gepresst. Das Holz der Tür dämpfte seine Stimme, die aber trotzdem hörbar bebte.

"Du hast es mir gesagt", wiederholte sie sich selbst und musste etwas selbstgefällig grinsen. Dann warf sie einen Seitenblick auf die Toilette, die sich direkt neben ihr befand. Sie musste … eigentlich sogar ziemlich dringend. Doch sie würde den Teufel tun und pinkeln gehen, während er vor der Tür herumlungerte. Wohlgemerkt direkt vor dieser verdammten Tür. Also öffnete sie diese und schob sich an ihm vorbei in den Flur. Ging langsam ins Wohnzimmer, ließ sich auf das Sofa fallen, und füllte beide Tassen mit kaltem Tee. "Genügt dir das, vorläufig?"

Aus den Augenwinkeln sah sie, wie er ebenfalls langsam ins Zimmer kam. "Welches Spiel spielst du hier?", fragte er leise und verschränkte die Arme vor der Brust. Erst jetzt fiel ihr auf, dass seine Haar etwas zerzauster als sonst und seine Mine bedeutend müder wirkte. Was wahrscheinlich kein Wunder war. Sie musste gegen 23 Uhr weggetreten sein. Jetzt war es 5.48 Uhr. Er hatte die Nacht ganz offensichtlich zum Tag gemacht.

"Ich spiele nicht", sagte sie fest, "wie gesagt, ich springe in eine andere Welt."

Er lachte bitter und holte tief Luft: "In der ich nonstop wie ein Wasserfall rede? Natürlich nicht über das Wetter, sondern über die dunkelsten Geheimnisse meiner verdammten Familie."

Mione musste lachen. "Vielleicht. Wollen wir es herausfinden?" Er wich etwas zurück, seine Miene überzog etwas Kampflustiges und sie wusste, dass sie etwas zu weit gegangen war. Also lenkte sie ein. "Keine Sorge, das war ein Scherz."

Offensichtlich beruhigte ihn das nicht im Geringsten. "In wen springst du da noch einmal angeblich?"

"In mich", sagte sie ehrlich und stirnrunzelnd.

Ein höhnisches Lachen. "In dich", rollte über seine zu einem ungläubigen Lächeln verzogenen Lippen. Noch bevor er es ausgesprochen hatte, wusste sie, was er sich fragte. Warum zur Hölle sollte er solch intime Details wie dieses mit ausgerechnet ihr teilen – außer, wenn sie sich mit Gewalt, Magie oder fiesen Tricks holte. Skepsis überzog gerade scheinbar nicht nur seine verspannte Miene, sondern auch seinen gesamten Körper. Er schien von Kopf bis Fuß angespannt zu sein. Gerade glaubte er ihr nicht nur kein einziges Wort mehr, er vertraute ihr auch noch weniger, als er es sonst für gewöhnlich tat. Er benötige Etwas, das er ihr glauben konnte. Da die Wahrheit nicht in Frage kam, brauchte sie jedoch eine halbwegs brauchbare Geschichte. "Malfoy, ich weiß, das wird absolut verrückt klingen. Und wahrscheinlich wirst du es ebenso wenig glauben, wie ich es zu Beginn geglaubt habe: Aber in dieser Welt bist du so etwas wie mein bester Freund", versuchte sie so leichtfertig und glaubhaft wie nur irgendwie möglich zu sagen. Dass es nur die halbe Wahrheit war, machte es unfassbar schwer. Jedoch in beide Richtungen. Sie sah ihn an. Fest. Beschämt, versuchte es sich aber nicht anmerken zu lassen. Das war nahe dran. Hoffentlich nicht zu nahe, dachte sie – so dass er ihr dennoch auf die Schliche kam. Gleichzeitig hoffte sie jedoch auch, dass er ihr ihre Geschichte abkaufte. Wenigstens so weit, dass er nicht einfach wortlos ihre Wohnung verlassen und sie an Harry ausliefern würde. "Dass mit deinem Onkel, also, dass ich davon wusste, war Zufall. Während einer meiner ersten Reisen hast du mir ganz beiläufig von ihm erzählt", fuhr sie fort, weil er sie einfach nur mit undeutbarer Miene ansah. "Um diese neue Information habe ich gebeten. Es musste Etwas sein, das ich unmöglich wissen konnte. Nicht?"

Malfoy Miene wurde blank, während er sich etwas abseits von ihr auf das Sofa fallen ließ und nach der zweite Tasse Tee griff. "Wir sind Freunde? Diesen Quatsch soll ich dir glauben?", fragte er sie schneidend und so offensichtlich ungläubig, dass sie beinahe verzweifelt lachen musste.

"Glaube es oder nicht, aber das sind wir." Sie verschränkte schräg grinsend zwei Finger, um anzudeuten, dass sie sogar ziemlich dicke waren. "Scheinbar seit der Schule. Harry gibt es in dieser Welt nicht und du bist bei deinem muggelfreundlichen Onkel, und ich vermute deiner Mutter, aufgewachsen. Wir sind uns teilweise gar nicht so unähnlich und das weißt du auch. Keine Rivalität, stattdessen eine Freundschaft. Wieso sollte das, in einer anderen Welt, in der du vollkommen anders erzogen wurdest, so unwahrscheinlich sein?" Oh Gott, das klang gruselig, schoss es ihr durch den Kopf. Also verdrehte sie kurz die Augen. Er schwieg also fügte sie leise hinzu: "Wahrscheinlich waren wir ein eingespieltes Streberteam." Ein kläglicher Versuch zu scherzen. Ein Stirnrunzeln, offensichtlich war ihm nicht einmal nach einem gehässigen Lachen zumute.

"Warum sollte ich dir auch nur ein einziges Wort glauben?", zischte er schließlich nach einer gefühlten Ewigkeit und sah sie forschend an.

Mione seufzte gequält. "Weil ich die verdammte Wahrheit spreche, Malfoy. Willst du wirklich, dass ich dein anderes Ich um weitere, intime Details aus deinem Leben bitte, damit du mir eventuell letzten Endes doch noch glaubst? Oder willst du mir vielleicht lieber einen Vertrauensvorschuss geben? Damit ich unsere Zeit nicht verschwenden muss. Dass hier ist nach wie vor dein Trank, der die Tür öffnet. Es bin nach wie vor ich, die betroffen ist."

"Nur du", knarrte er, "nur du bist betroffen. Niemand sonst. Hier jedenfalls nicht. Alles was du tun musst, ist ohne Hilfsmittel zu schlafen, Granger."

Einen Moment verkrampfte sie sich innerlich. Da hatte er recht. Sie war zu ehrlich gewesen. Aber, hätte sie ihn wirklich in die Irre führen sollen, wenn es um die Tür ging, die sie verschließen wollten? Das wäre kontraproduktiv gewesen. "Das stimmt. Nur ich und mein anderes Ich sind betroffen, das eventuell gerade für das ganze Universum sperrangelweit offen steht. Nötig ist eventuell nur eine Prise Perlengras, richtig?"

"Wen kümmert das? Sollte dieser Nonsens wirklich der Wahrheit entsprechen, wird sie schon einen Weg finden, diese verdammte Tür – die ich wohlgemerkt nicht geöffnet habe – wieder zu verschließen."

"Das werde ich nicht zulassen."

Ein verächtliches Schnaufen. "Was ist es? Die beißende Neugierde oder doch dein Heldenkomplex, Granger?"

Etwas zurückweichend überlegte sie einen Moment. "Beides", sagte sie dann ehrlich. "Malfoy, du hast diese Tür vielleicht nicht aufgeschlossen, aber du hast es geschafft sie für mich zu öffnen. Das ist beeindruckend. Das gelingt nicht jedem Magier. Das ist dir nach wie vor bewusst, oder? Willst du mir wirklich weismachen, du bist nicht ehrgeizig genug, dieser Sache nachzugehen? Wertvolle Erkenntnisse daraus zu ziehen? Dass ist eine Chance, die sich uns sicherlich niemals wieder bieten wird." Seine Hände verkrampften sich, während er sie beinahe emotionslos ansah. "Außerdem", fuhr sie ganz leise fort, während sie an ihrem Tee nippte, "würde ich diese Tür an deiner Stelle verschlossen wissen wollen." Sie sah ihn herausfordernd an, "wer weiß, was du mir da noch so alles erzählst. Immerhin muss ich einfach nur fragen."

"Wie, ohne Trank, der dir die Tür öffnet?"

Ein Schulterzucken. "Perlengras sagtest du, anstelle von … was war es noch mal? Nachtschatten?" Sie sah ihn an und er runzelte die Stirn. "Nein, es war Venezuela."

"Ich musste das Rezept anpassen, Granger. Es wird dich wahrscheinlich Jahre kosten herauszufinden, was in welcher Dosis vorhanden sein muss. Hinzu kommt eine abgeänderte Reihenfolge, in der die Zutaten hinzugefügt werden müssen. Die Braudauer. Die Temperatur des Feuers. Du bist ein schlaues Köpfen, aber überschätze dich nicht."

"Ich habe einen Vielsafttrank gebraut", sagte sie so beiläufig wie möglich, "im zweiten Schuljahr. Wusstest du das?" Wahrscheinlich tat er das. Das war eines der Dinge, das sich irgendwann mal herumgesprochen hatte. Er versteifte sich neben ihr. "Ich könnte natürlich auch zu Harry gehen", fuhr sie also leise fort, "ich würde mich damit selbst ausliefern, aber-"

"Drohst du mir nun oder erpresst du mich? Ich bin mir da nämlich gerade nicht mehr so wirklich sicher, Granger", unterbrach er sie schneidend in ihrem Redefluss. Sie lächelte ihn an. Schweigend. "Granger", sagte er entsetzlich leise. "Bist du dir sicher, dass du so", er deute einmal zwischen sich und ihr hin und her, "mit mir zusammenarbeiten willst? Ich meine, stelle es dir bitte kurz vor: Ich bin da, weil du mir keine andere Wahl lässt. Es bist aber nach wie vor du, die da liegt. Weil, komme was wolle, ich dir den verdammten Trank nicht überlassen werde. Du liegst also da. Vollkommen besinnungs- und schutzlos-"

"Drohst du jetzt also mir?", warf sie wütend ein.

"Nein", sagte er erstaunlich ruhig und gefasst, "so wird das aber nicht funktionieren, Granger. Ein Vertrauensvorschuss setzt schon ein gewisses Maß an Vertrauen voraus. Sei es auch nur minimal. Meinst du nicht?"

Beinahe wie von selbst presste sie ihre Lippen aufeinander. Er hatte recht. Er hatte verdammt noch einmal recht. Sie war zu weit gegangen. Viel zu weit. Um ihm das klar zu machen, nickte sie einlenkend und hob kurz beschwichtigend die Hände. "Es ist nur", flüsterte sie, während sie sich beiden noch etwas Tee einschenkte, "ich weiß sehr wohl, was alles dagegen spricht. Was auf dem Spiel steht. Es lässt mir aber einfach keine Ruhe."

"Ich weiß", entgegnete er und nahm die Tasse vorsichtig an sich. "Aber, du hast Glück, Granger", folgte vollkommen unerwartet ,"du hattest mich eigentlich schon beim fehlenden Ehrgeiz und der einmaligen Chance wieder an der Angel." Sie sah ihn überrascht an. Bedeutete das, dass er ihr doch Glauben schenkte? Sie musterte ihn. Fragte sich, ob sie ihn nun unter- oder überschätzt hatte. Er beobachtete sie aus den Augenwinkeln, nahm gleichzeitig einen großen Schluck. "Ich bin und bleibe skeptisch, Granger. Und wenn du mir Grund zum Zweifeln gibst, bleibt es dabei: Ich werde dich und deine Notizen Potter übergeben." Er nahm einen weiteren Schluck und pausierte kurz. Mione musterte ihn weiterhin überrascht und schweigend. Es war offensichtlich, dass noch etwas folgen würde. "Vorerst bleibe ich aber an dieser Sache dran. Weil ich mir sehr wohl bewusst bin, was es bedeutet, wenn wir tatsächlich eine dieser elenden Türen in eine andere Welt öffnen können. Und, weil ich diese verdammte Tür geschlossen wissen will, damit du sie niemals wieder durchschreitest", fügte er zähneknirschend hinzu.

Ein schwaches Lächeln umspielte ihre Lippen. "Keine intimen Fragen mehr. Ich schwöre es", sagte sie und bekreuzigte sich vor der Brust. Er musste ja nicht wissen, dass sie keine Katholikin war. Ebenso wenig musste er jedoch wissen, dass sie ganz sicher nicht alles mit ihm teilen würde.

Ein Blick in sein Gesicht sagte ihr jedoch, dass er sich dem bereits voll und ganz bewusst war. "Und eins noch: Wenn du, Potter und Weasley mich hier nur zum Narren haltet, bringe ich euch alle um", flüsterte er und setzte die Tasse wieder ab, "davon wird mich dann nicht einmal der Gedanke an Askaban abhalten."

"Ron?", hauchte sie überrascht, als er ein paar Stunden später vollkommen unerwartet vor ihrer Tür stand. Glücklicherweise war Malfoy bereits vor Stunden gegangen.

Nachdem sie sich darauf geeinigt hatten, dass sie weiterhin zusammen an dieser Sache arbeiten würden, hatte er es letztendlich doch sehr eilig gehabt, zu verschwinden. Was natürlich auf der einen Seite daran liegen konnte, dass sie ihm gerade ein paar zu intime und dunkle Details aus seiner Familiengeschichte hatte erzählen können – die sie natürlich, das hatte sie schwören müssen, für sich behalten musste. Verständlich, war es tatsächlich ein ziemlich übles Geheimnis, wenn man es genau betrachtete. Wie sicher war es überhaupt, dass Malfoy seines Vaters Sohn war? Sie würde es ihn ganz sicher nicht fragen. Aber, er sah seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten … und dieser Onkel hatte schwarzes Haar, wenn sie sich nun recht erinnerte. Dennoch war es einen Gedankengang wert. Sei es auch nur einen sehr kurzen. Ebenso konnte seine Flucht aber auch daran liegen, dass sie beide etwas Abstand und Ruhe brauchten, um ihre Gedanken und Kräfte zu sammeln. Es konnte aber auch daran liegen, dass sie es sich nicht hatte nehmen können, ihm eine heiße Dusche und etwas zum Frühstück anzubieten. Nicht, weil sie wirklich erwartet hatte, dass er auf eines ihrer Angebote eingehen würde. Eher, um sein Gesicht zu sehen, wenn sie es tat. Und es hatte sich gelohnt. Es hatte sich absolut gelohnt, denn es brachte seine Züge immer wieder zum Entgleisen, wenn sie so tat, als wäre ein ein anderer und willkommener Gast. Ein Freund, wie er es angeblich in dieser andere Welt war. Allerdings wusste sie, dass sie es nicht übertreiben sollte. Es schürte zum einen wahrscheinlich seine Zweifel an ihrem geistlichen Zustand und ihrer übergreifenden Zurechnungsfähigkeit. Zum anderen aber sicherlich ebenso sein Misstrauen. Und das sollte sie aus den verschiedensten Gründen im Auge behalten. Sie sollte und würde.

"Ja", zischte Ron und trat vor der Tür, deren Eingang sie nach wie vor versperrte, etwas ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, "hast du jemand anderen erwartet. Malfoy vielleicht?", brachte er mit den Zähnen knirschend hervor.

Blut schoss ihr so augenblicklich in die Wangen, dass sie hart schlucken musste. "Was?", japste sie, doch zum Glück war Ron jemand, dem so etwas leicht entging.

"Sie erzählen überall, dass du momentan ständig in seinem Büro abhängst. Warum auch immer du das tust, hör einfach damit auf. Das ist echt peinlich, das ständig geradestellen zu müssen", sagte er. Ganz offensichtlich vollkommen … nicht eifersüchtig. Gab es ein Wort, für nicht eifersüchtig? Ein Offizielles? Falls es das gab, wollte es ihr jedenfalls nicht einfallen.

"Wir arbeiten da an etwas zusammen", sagte sie leise und trat aus dem Türrahmen zurück, damit er reinkommen konnte, "das sind natürlich nur Gerüchte."

"Das war klar", schnarrte er, steuerte direkt auf ihr Wohnzimmer zu und schien sich dort niederzulassen. Sie hörte ihn stöhnen und das Sofa knarren, weil er sich wie immer mit Schwung in dieses hatte fallen lassen.

"Was genau musst du denn bitte klarstellen, was so peinlich war?" Sie verschloss die Tür und folgte ihm. Als sie zu ihm ins Wohnzimmer trat, hielt der die zweite Teetasse in der Hand. Sie war noch nicht dazu gekommen, sie wegzuräumen. Oder eher: Sie hatte es schlichtweg vergessen.

"Dass das nichts zu bedeuten hat natürlich", sagte er und es schien ihm tatsächlich unangenehm, darüber zu sprechen. "Irgendwie scheinen total viele Leute zu erwarten, dass da etwas zwischen euch sein könnte", flüsterte er, "Carla meinte, ihr würdet total gut zusammenpassen. Es würde sie absolut nicht überraschen, sagte sie." Er sah sie an und schien ihr total entgleistes Gesicht vollkommen falsch zu deuten, "unsere Aushilfe. Die Kleine, die ein wenig aussieht wie ein Kröter", erklärte er und sie wollte ihm über den Mund fahren, weil es absolut unhöflich war, sowas zu sagen. Selbst wenn es stimmen mochte, denn ja, sie kannte Carla. Ganz gut und eigentlich mochte sie sie. Eigentlich … Sie schluckte und er fuhr gedankenversunken fort: "Sie war auch in Slytherin, weißt du. Kannte ihn anscheinend recht gut und tut es noch. Sie meinte, ihr wärt euch ziemlich ähnlich. Charakterlich. Außerdem hat sie behauptet, dass er mal in dich verknallt gewesen sein soll. Dass all sein angeblicher Hass darauf beruhen soll oder wenigstens beruht haben soll." Er stellte die Tasse ab und sah sie mit angewidert gerunzelter Stirn an, "das ist doch totaler Schwachsinn und ekelhaft."

Ja, das war es. Sie sollte ihm also augenblicklich zustimmen. Vor rund zwei Monaten hätte sie das auch noch getan. Nur wusste sie es jetzt etwas besser. Wusste, dass es da draußen, irgendwo an andere Stelle des Universums eine Welt gab, in der sie nicht mit ihm, sondern mit Malfoy zusammen war. Und auch wenn sie nicht von sich schließen konnte, schien sie dieser Version von ihm viel zu bedeuten. Also schluckte sie und fragte stattdessen hohl: "Warum erzählt dir Carla sowas?"

Ron zuckte mit den Schultern. "Ich hab wohl einmal zu oft nachgefragt und sie redet gerne und viel. Da kam wohl eines zum anderen. Und natürlich hat George das gehört und macht sich jetzt ständig lustig über mich", fuhr er fort, "er sagte ich wäre ein Cockblock. Das wäre ein Wort der Muggel und würde bedeuten, dass-"

Mione hob die Hand und deutete ihm an, dass er nicht weitersprechen sollte: "Ich weiß, was das bedeutet. Und ich kann dich beruhigen: Wir arbeiten nur zusammen." 'Jedenfalls in dieser Welt', fügte sie gedanklich hinzu.

Er seufzte, es hatte tatsächlich einen Moment was Theatralisches. "Weißt du, wir haben es nicht leicht mit Malfoy. Das Ministerium muss immerhin alle unsere Tränke testen und abwiegeln und meistens muss er das machen. Und es gibt fast immer Probleme, weil er immer etwas findet, was angeblich nicht ganz zulässig ist oder über der zugelassenen Norm liegt. Zwei unserer Liebestränke hat er vom Markt nehmen lassen, einen hat er schlichtweg verboten, drei weitere Scherztränke hängen seit Monaten in der Schwebe, weil er immer wieder neue Dinge findet, die er bemängeln kann. Ich glaube, er macht das, weil er uns Weasleys nicht mag. Um uns eins auzuwischen, weil er es kann und weil es ihn stört, dass wir Erfolg haben", er sah sie an uns schien kurz zu überlegen, "das dachte ich jedenfalls bisher. Jetzt denke ich aber, da könnte mehr dran sein. Was ist, wenn es um dich und mich geht? Darum, dass ich etwas habe, was er nicht haben kann? Und nun reden diese Leute und denken alle-"

"Ron", hauchte sie und sah ihn fragend an, "ich fürchte, ich kann dir nicht mehr folgen." Sie unterbrach, weil sie es tatsächlich nicht mehr konnte. "Willst du nur über Malfoy schimpfen, wie so oft, oder ärgert es dich, dass er angeblich mal verknallt in mich war und jetzt dumm geredet wird, weil ich mit ihm zusammen arbeiten muss? Oder, glaubst du er macht das alles, weil er eifersüchtig auf dich ist? Wobei ich gerade nicht verstehe, inwieweit das mich einbezieht. Oder was das ändern würde", sie schüttelte etwas unschlüssig den Kopf. Vielleicht war sie aber auch nach wie vor noch zu groggy für Gespräche wieder diesem. Ron war manchmal sehr schwer zu verstehen. "Was genau ist der Grund, warum du mir das jetzt erzählst? Kannst du versuchen, dass mit möglichst wenigen Worten so zu erklären, dass ich es auch verstehe?"

Einen Moment schwieg er und schien zu überlegen. "Bist du auf ihn zugekommen, wegen dieser Zusammenarbeit, oder er auf dich?", fragte er dann, "ich meine, irgendwer muss diese Gerüchte ja in die Welt gesetzt haben. Ihm muss klar gewesen sein, dass ich das dann auch erfahre. Aber, vielleicht ging es genau darum. Ich bin sicher, dass unser nächster Trank allen Normen entsprechen wird. Den kann er nicht einfach so ablehnen. Er muss sich also was Neues einfallen lassen."

"Ich verstehe nicht ganz-", begann sie, doch während sie sprach, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Ihr entwischte ein ungläubiges Lachen: "Du glaubst, er macht das, weil er dich ärgern will? Indem er mich, dir ausspannt? Und du glaubst er ist es, der diese Gerüchte verbreitet. In der Hoffnung, dass sie dich erreichen? Ist es das, was in deinem Kopf vor sich geht?"

Er zuckte mit den Schultern. "Ich weiß nicht. Er war immerhin angeblich schon einmal verliebt in dich. Und ich ja auch. Ein komischer Zufall, meinst du nicht?"

"Weil du es auch warst? Geht es hier um dich und ihn oder mich und ihn?", wieder musste sie lachen … und das machte ihn sichtlich wütend. Er schnaufte und sie hob versucht beschwichtigend die Hände, was etwas schwer war, da sie nach wie vor lachen musste. "Komm schon, Ron. Das ist Schwachsinn, das muss doch selbst dir bewusst sein. Selbst wenn er verliebt in mich war oder sein sollte: Dann sollte es dich doch freuen, dass du hast, was er will und nicht haben kann. Oder etwa nicht?" Er schien ernsthaft darüber nachzudenken. Also lenkte sie ein, weil sie es nicht mehr ertragen konnte. Gespräche auf seinem Niveau waren einfach zu ermüdend. Umso mehr, wenn sie eine Nacht wie die vergangene hinter sich hatte. "Ich werde mit ihm reden und werde ihm sagen, er soll das lassen. Was immer er auch tut", sagte sie mit zuckenden Mundwinkeln. Sie konnte es nicht lassen.

"Nein", sagte Ron und errötete, "genau das sollst du eben nicht tun. Du sollt einfach nicht mehr mit im arbeiten."

"Das geht nicht, Ron", protestierte sie, "ich muss in dieser Sache mit ihm zusammenarbeiten. Eine Sache, an der ich arbeite wohlgemerkt und bei der er mir helfen kann. Ich habe nämlich ihn um Hilfe gebeten, falls es dich beruhigen sollte. Er macht das also nicht, um dich eifersüchtig zu machen", wieder musste sie viel zu breit grinsen. Seine Gedankengänge mochten absurd sein, aber sie waren auch süß. Also sah sie ihn an und flüsterte, "ich liebe dich, weißt du das?" Er schürzte die Lippen, was ihn zum Anbeißen aussehen ließ. "Und wenn er versucht, mich dir auszuspannen, um dich zu ärgern, dann kriegt er es mit mir zu tun", fügte sie hinzu, was ihn protestierend ihren Namen rufen ließ.

"Hör auf, dich über mich lustig zu machen. Ich will nur sagen: Sei vorsichtig mit ihm", schimpfte er errötend. Sie antwortet leise, dass sie genau das war. Allerdings war er mit den Gedanken bereits ganz woanders. Sei es auch nur augenscheinlich und gespielt, um das Thema zu wechseln. "War Char da?", fragte er und deutet auf die verwaiste Tasse. Eine Sekunde fürchtete sie, der Blonde konnte irgendwelche Spuren hinterlassen haben. Was natürlich absoluter Schwachsinn war. Wenn es nur um sichtbare Spuren ging, verstand sich.

Sie nickte und setzte sich zu ihm auf das Sofa. "Gut", flüsterte er und schien sich zu entspannen, "ich dachte schon, du bist schon wieder auf dem Zeug. Du warst die ganze Nacht nicht erreichbar. Ich habe es auf dem Handy versucht", sagte er und deutete auf das kleine elektronische Ding, das wie so oft verlassen neben dem Festnetztelefon auf dem Kaminsims lag. Wie so mancher moderne Magier besaß sie heute eines. Und auch wenn sie eine der wenigen Magierinnen war, die halbwegs damit umzugehen wusste, nutzte sie es dennoch nicht. Ron kam jedoch ganz nach Arthur. Er liebte den kleinen Technikkram der Muggel – was nicht bedeutete, dass er damit umzugehen wusste. Oft schrieb er sich selbst Notizen anstatt ihr Nachrichten und ärgerte sich dann, dass sie nicht antwortete. Man konnte an dieser Stelle also nicht ausschließen, dass er sagte er habe sie mehrfach angerufen – und er hatte stattdessen Memos an sich selbst aufgenommen. Allerdings mochte er es nicht, wenn man ihn auf seine Fehler hinwies.

"Mein Akku ist wahrscheinlich leer", sagte sie, weil das meistens zutraf, "wir haben einen Weiberabend gemacht", fügte sie hinzu. Da Ron praktisch niemals mit Char sprach, wenn sie nicht dabei war, war es nahezu ausgeschlossen, dass er ihre Lüge durchschauen würde. Denn er und Char sahen sich äußerst selten. Das letzte Mal war vor rund einem halben Jahr gewesen. Das nächste Mal konnte ebenso weit in der Zukunft liegen.

"Habe ich mir gedacht", gab er nickend zurück. Sah sie dann forschend an. So als suche er Zeichen dafür, dass sie log an ihr. Allerdings nicht darauf bezogen, ob sie heute Nacht wirklich allein oder in der Gesellschaft eines Mannes gewesen war. Eher daraufhin, ob sie log und wieder einem ungeliebten Laster nachgegangen war. Also zog sie milde lächelnd ihren Zauberstab, flüsterte "Accio Schlaftrank" und blickte ihn vielsagend an, während nichts passierte. Natürlich nicht, immerhin hatte Malfoy diesen wieder mitgenommen. Ron atmete kurz hörbar ein und ein paar Sekunden später wieder aus. "Und wenn ich jetzt suchen gehen würde, um zu schauen, ob er sich nicht in irgendeiner verschlossenen oder magisch verriegelten Schublade-"

"Das kannst du gerne tun", fuhr sie ihm entspannt und besänftigend dazwischen. "Du wirst nichts finden." Eine Tatsache, auch wenn die Info, die zwischen den Zeilen stand, eine glatte Lüge war. Er fragte sich nämlich in erster Linie nicht, ob sie hier irgendwo Trank versteckte. Er fragte sich, ob diesen weiterhin heimlich nahm. Da er allerdings dachte, sie tat dies, weil sie süchtig danach war, änderte das alles. Das redete sie sich jedenfalls ein. Mochte es auch bittersüß sein, war es dennoch irgendwie süß. Sei es auch nur für einen winzig kleinen Moment lang. Je nachdem, wie man es betrachtete.


Vorschau:

Schief grinsend zog sie besagten Vertrag an sich, überflog diesen, während sie ihn aus den Augenwinkeln beobachtete. "Wie war das nochmal: Du machst alles stets genau nach den Angaben oder Vorschriften?", hauchte sie spöttisch. Verdammt, er sah tatsächlich so aus, als wusste er, was er da tat. Was ohne Frage war, denn sonst wäre er nicht hier. Nicht in dieser Position, die ihm sein Name nach all dem, was hinter ihnen lag, ganz sicher nicht beschert hatte. Eher das Gegenteil war der Fall, was nur verschärft bestätigte, dass er verdammt gut sein musste.

Er erwiderte ihr Grinsen ohne sie anzusehen, räumte ein paar Zutaten weg, um weitere hervorzuholen – und mischte diese ebenfalls nach Augenmaß in den Mixer. "Das hier ist für mich, Granger. Da muss ich also nicht übergenau sein und kann mich voll und ganz auf mein Können und Wissen verlassen." Nachdem er gesprochen und alle Zutaten wieder beiseite gelegt hatte, verschloss er das Gefäß und begann es wieder zu schütteln.


Huhu ihr Lieben, hier sind wir wieder. :) Falls ihr euch gerade fragt, warum diese Story in den letzten Wochen mehrmals das Rating gewechselt hat: Ich war eine Weile nicht ganz sicher, ob sie nun eher ab 16 oder ab 18 sein wird. Jetzt steht es fest, sie wird definitiv nicht ganz jugendfrei sein. War sie nie, deshalb bisher ab 16 – allerdings legen wir nochmal etwas zu. Nicht drastisch denke ich, eher so als Würze zwischendurch, aber ja … sicher ist sicher und ihr könnt es euch denken. So bleibt es jetzt also.