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Als Kurts Handy gegen 3.10 Uhr in der Nacht klingelte und ihn aus einem tiefen Schlaf holte, war er sofort wach. Sein erster Gedanke galt seinem Vater, der vor einiger Zeit eine Krebserkrankung überstanden hatte und dem es im Moment recht gut ging. Trotzdem konnte ja immer etwas mit ihm sein. Kurt griff also müde nach seinem Handy und sah auf das Display. Erstaunt rieb er sich die Augen und dachte zuerst, er würde träumen, doch auch beim zweiten Hingucken blieb dort der Name stehen, mit dem er am wenigsten gerechnet hatte.
Es war Blaines Name und nicht nur das, denn Blaine benutzte für diesen Anruf scheinbar nicht sein neues iPhone, sondern das Handy, was er ihm geschenkt hatte. Kurt erkannte dies daran, da er diese Nummer mit einem entsprechenden Bild von Blaine und sich, das er mal im Café von ihnen gemacht hatte, hinterlegt hatte. Er überlegte ganz kurz grübelnd, warum Blaine ihn nachts um diese Uhrzeit anrufen würde und sofort machte sich Besorgnis in ihm breit. Es konnte eigentlich nur einen Grund geben, Blaine brauchte Hilfe.
Er meldete sich, doch er vernahm im ersten Moment keine Erwiderung. Er lauschte und hörte ganz leise jemanden im Hintergrund reden, aber es klang wie der Ton eines Fernsehers, doch dann hörte er jemanden atmen. Das Atmen klang nicht gut, ganz und gar nicht gut. „Blaine, bist du das?" fragte er voller Angst und nach ein paar Sekunden hörte er ihn, doch was er hörte, erschreckte ihn zutiefst.
„K..Kkurt!" flüsterte Blaine leise und seine Stimme klang so, als ob er Schmerzen hatte. „Hilf … hilf mir!"
„Oh, Gott, Blaine! Was ist passiert, wo bist du?" Kurt war plötzlich hellwach. Adrenalin schoss durch seinen Körper.
Er hörte Blaine keuchend Luftholen und er hörte auch, wie er vor Schmerzen leise aufstöhnte.
„Blaine, bitte sag mir, wo du bist!" bat Kurt verzweifelt.
„Im … im Ap..Apartment", brachte Blaine stockend hervor, was Kurts Verzweiflung nicht kleiner werden ließ.
„Blaine, sag mir die Adresse! Ich weiß nicht, wo du wohnst. Bitte sag mir die Adresse! Blaine! Blaine?" Kurt wartete auf eine Erwiderung, aber er hörte nur noch ein stockendes Atmen und dann brach die Verbindung ab.
„Nein!" schrie Kurt entsetzt und sah auf sein Handy. Fieberhaft überlegte er, was er tun konnte. Tausende von Gedanken schossen ihm gleichzeitig durch den Kopf. Wenn er die Polizei anrief, konnte er denen nicht einmal den Nachnamen von Blaines Freund sagen, auf dessen Namen mit Sicherheit das Apartment gemeldet war. Die Julliard hatte Blaines Adresse, doch mitten in der Nacht konnte er dort schwer jemanden erreichen, geschweige denn um Hilfe bitten. Doch plötzlich hatte Kurt eine Idee. Er suchte schnell im Adressbuch seines Handys nach Steves Nummer und er hoffte, dass dieser an den Apparat gehen würde.
Nach sechsmaligem Klingeln meldete sich Steve endlich mit fürchterlich müder und gereizter Stimme. „Wenn es nicht wichtig ist, mache ich dich einen Kopf kürzer, egal wer du bist!" Scheinbar hatte er nicht auf sein Display gesehen, bevor er abgenommen hatte.
„Steve, hier ist Kurt. Ich brauch dringend deine Hilfe! Du weiß doch wo Blaine wohnt, bitte sag es mir!" sprudelte es nur so aus ihm heraus.
„Kurt? Welcher Kurt?" Steve gähnte lautstark. „Ach so, du bist es! Bist du eigentlich irgend so ein gemeingefährlicher Stalker oder was bist du? Wie kommst du auf die bescheuerte Idee, mich mitten in der tiefsten Nacht aus dem Bett zu klingeln, um mich nach Blaines Adresse zu fragen? Sag mal tickst du eigentlich noch ganz sauber?" Steve schien wirklich nicht gut gelaunt zu sein.
„Ich denke, Blaine ist in großen Schwierigkeiten, Steve! Justin hat ihn offensichtlich wieder geschlagen, aber diesmal ist es schlimmer. Blaine braucht wirklich dringend Hilfe!"
„Was? Dieser Justin ist doch wirklich das größte Arschloch auf der ganzen Welt, wenn ich den …"
„Steve!" unterbrach ihn Kurt fast schon flehend.
„Was? Ach ja, Blaines Adresse. Warte, lass mich kurz nachdenken! Es ist schon verdammt lange her, dass ich da mal war. Er wohnt in der … in der Mott Street, das ist irgendwo in Little Italy oder auf jeden Fall in der Nähe. Die Hausnummer ist … Moment, gleich habe ich es… sie ist 294. Ja, genau, Mott Street 294. Sein Freund heißt übrigens mit Nachnamen Hess!"
„Danke, Steve!" rief Kurt und noch bevor Steve etwas erwidern konnte, legte er auf.
In diesem Moment steckte Rachel verschlafen ihren Kopf durch die Abtrennung. „Sag mal, Kurt, was ist eigentlich los bei dir? Was machst du für einen Krach mitten in der Nacht?"
„Oh Gott, Rachel! Blaine hat mich gerade angerufen und ich denke, dass sein Freund ihn schlimm verprügelt hat. Er klang so furchtbar! Ich weiß jetzt seine Adresse und werde die Polizei anrufen!" Er begann zu wählen.
„Warte!" rief Rachel. „Bist du sicher, dass du das Richtige tust, Kurt? Was ist, wenn du dich irrst?"
„Was habe ich denn noch zu verlieren, Rachel? Blaine hat sich doch bereits gegen mich entschieden. Er wollte doch sowieso nie wieder mit mir sprechen. Mehr als zum Deppen vor der Polizei kann ich mich nicht machen. Aber was ist, wenn Blaine wirklich Hilfe braucht und ich nichts unternehme?" Kurt schüttelte den Kopf und begann den Notruf zu wählen. „Das würde ich mir nie verzeihen!"
„Notruf, was kann ich für sie tun?" hörte er eine weibliche Stimme nach ein paar Sekunden.
„Ähm, mein Name ist Kurt Hummel und ich möchte jemanden melden, der verletzt ist und dringend Hilfe braucht."
„Um was für einen Notfall handelt es sich bitte?"
„Also ein Freund von mir wird gerade von seinem Freund verprügelt, doch er hat es geschafft mich anzurufen. Sein Name ist Blaine Anderson, er ist 21 und er wohnt in der Mott Street 294 bei einem Justin Hess. Bitte fahren sie dorthin und nehmen sie am besten gleich einen Krankenwagen mit. Er scheint verletzt zu sein!"
„Wir werden der Sache nachgehen. Danke für den Anruf!"
Kurt beendete das Gespräch und starrte auf sein Handy.
„Was haben sie gesagt, Kurt?" fragte Rachel daraufhin.
„Sie … sie werden sich darum kümmern!"
„Das ist doch gut, Kurt! Dann ist doch Hilfe für ihn unterwegs!"
„Aber was ist, wenn sie zu spät kommen oder wenn sie ihn nicht finden? Was, wenn die Adresse, die Steve mir gegeben hat, gar nicht mehr stimmt? Oh Gott, Rachel!" Kurt liefen die Tränen über die Wangen.
Rachel seufzte und fasste einen Plan. Leider war Santana in dieser Nacht nicht hier, da sie bei irgendeiner Freundin übernachtete. Rachel hätte sie gerne jetzt hier bei sich gehabt, doch so musste sie allein dafür sorgen, dass Kurt nicht völlig ausflippte. „Los, zieh dich an, Kurt! Wir nehmen uns ein Taxi und fahren zu der Adresse!"
Ungläubig starrte Kurt Rachel einen Moment lang an. Dann sprang er aus dem Bett und zog sich so schnell er konnte irgendetwas an. Er machte sich zum ersten Mal keinerlei Gedanken darum, was er anzog, denn das war im Moment nicht wichtig. Immer wieder ging ihm nur ein Gedanke durch den Kopf: „Halt durch Blaine! Bitte halt durch!"
Das Taxi brauchte nur 17 Minuten. Aufgrund der frühen Stunde war auf den Straßen von New York nicht allzu viel los. Trotzdem fühlten sich diese 17 Minuten wie Stunden für Kurt an. Er konnte die ganze Zeit an nichts anderes als an Blaines schmerzverzerrte Stimme denken und er bekam sein geflüstertes „Hilf mir!" nicht aus dem Kopf. Etliche Schreckensszenarien zogen vor seinem inneren Auge vorbei. Kurt zitterte vor Angst um Blaine und Rachel hielt die gesamte Fahrt seine Hand.
Als das Taxi anhielt, sah Kurt nach vorne aus dem Fenster und sah das flackernde Blaulicht eines Polizeiwagens, das in der Nacht gut zu erkennen war. Ihm stockte der Atem als er den dahinter parkenden Krankenwagen sah.
„Weiter komme ich nicht an die Adresse heran. Da vorne scheint irgendwas passiert zu sein!" sagte der Taxifahrer und drehte sich zu seinen beiden Fahrgästen um. Er sah das tränenüberströmte blasse Gesicht seines männlichen Fahrgastes und runzelte die Stirn. „Ist alles in Ordnung bei Ihnen?" fragte er besorgt, doch sein Fahrgast reagierte gar nicht auf seine Frage.
Kurt stieg langsam aus dem Taxi aus und während Rachel schnell den Fahrer bezahlte, ging er mit klopfendem Herzen auf das Gebäude zu, in dem Blaine wohnen musste. Als er noch ein paar Schritte von dem Krankenwagen entfernt war, ging die Tür des Gebäudes auf und drei Sanitäter, von denen zwei eine Trage bewegten, eilten auf den Krankenwagen zu. Kurt stockte entsetzt der Atem als er erkannte, wer auf der Trage lag. Es war Blaine, doch hätte er dies nicht bereits geahnt und gar erwartet, hätte er ihn niemals erkannt. Blaines Gesicht war angeschwollen und voller Blut. Was aber Kurt noch mehr entsetzte war, dass ein Sanitäter neben der Trage herlief und Blaine anscheinend mit einem Sauerstoffbeutel beatmete.
Bevor er es selbst richtig bemerkte, begann Kurt zu rennen. Er rannte auf die Trage zu und hatte sie nach ein paar Schritten erreicht. „Oh Gott, Blaine!" murmelte er fassungslos. Er lief neben der Trage her und griff nach Blaines Hand.
„Sir, bitte lassen Sie ihn los. Wir kümmern uns um ihn!" hörte er plötzlich einen der Sanitäter sagen und er sah, dass sie bereits am Krankenwagen angekommen waren.
Zögernd ließ Kurt Blaines Hand los. „Wie geht es ihm?" fragte er unter Tränen.
„Wir können noch nicht viel dazu sagen, aber wir müssen uns beeilen!" erwiderte der Sanitäter, der sofort hinter der Trage in den Krankenwagen stieg.
„Wo… wo bringen Sie ihn hin?" fragte Kurt und kurz bevor der Fahrer einstieg und der Krankenwagen davon fuhr, rief dieser ihm noch „Presbyterian-Hospital" zu.
Wie versteinert sah Kurt dem Krankenwagen nach. Er spürte, wie Rachel tröstend ihren Arm um ihn legte. Er fühlte sich kalt und taub. Blaines Anblick ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. „Er sah fürchterlich aus, Rachel!" flüsterte er.
„Aber er lebt!" erwiderte Rachel und drückte ihn trostspendend an sich.
Vom Eingang des Gebäudes erklang ein kleiner Tumult und Kurt und Rachel sahen sich um. Zwei Polizisten waren am Eingang erschienen und hatten einen sich wehrenden blonden Mann zwischen sich. Der Mann hatte Handschellen an den Händen und wurde von den Polizisten zum Streifenwagen geführt. Offenbar war dieser mit seiner Verhaftung nicht einverstanden, denn Kurt hörte Worte wie: „Was soll denn das? Wissen Sie eigentlich, wer ich bin? Was soll ich denn getan haben?"
Sofort wurde Kurt klar, wer der Verhaftete sein musste und ein furchtbarer Hass überkam ihn. Er hatte Justin noch nie zuvor gesehen und Blaine hatte ihn niemals beschrieben, doch dies musste er einfach sein. Rachel wollte Kurt zurückhalten, doch sie schaffte es nicht, da er sich ruckartig losriss und direkt auf die Polizisten und Justin zulief.
„Wie konntest du Blaine nur so etwas antun, du verdammtes Schwein?" schrie Kurt Justin an, der ihn völlig perplex ansah. Kurt konnte trotz seiner Wut sehen, dass Justin schwankte und er sah die glasigen Augen des blonden Mannes. Offensichtlich war er betrunken.
„Was willst du Penner denn von mir?" fragte Justin erstaunt und musterte ihn.
„Kurt, nicht!" Rachel versuchte ihren Freund wegzuziehen, doch er starrte Justin weiter hasserfüllt an.
„Kurt?" fragte Justin argwöhnisch. „Du bist also dieses Arschloch, mit dem Blaine mich betrogen hat."
„Blaine hat dich nicht betrogen! Wir sind nur Freunde! Verdammt, er liebt dich, aber du hast ihn überhaupt nicht verdient!" schrie Kurt ihn an. „Was hast du besoffenes Schwein ihm nur angetan?"
Die Polizisten zogen Justin weiter bevor dieser etwas erwidern konnte und verfrachteten ihn auf der Rückbank des Streifenwagens. Justin sah Kurt voller Hass durch die Scheibe hindurch an und Kurt starrte fassungslos zurück. Er konnte nicht begreifen, wie jemand zu dem fähig war, was er gerade gesehen hatte.
Einer der Polizisten trat auf ihn zu. „Sie kennen den Verletzten?"
Kurt sah ihn zuerst irritiert an, doch dann verstand er, wen der Polizist meinte. Er meinte Blaine. „Ja", nickte er. „Ich kenne ihn. Ich habe sie auch angerufen und hierher bestellt." Der Polizist hob eine Augenbraue und zog seinen Notizblock heraus. „Könnten Sie eine Zeugenaussage machen?"
Kurt nickte nur und begann zu erzählen, wie Blaine ihn angerufen und er daraufhin die Polizei verständigt hatte.
„Wie ist Ihr Verhältnis zu Mr. Anderson?" fragte der Polizist.
Kurt schluckte. „Wir … wir sind nur befreundet. Ich … ich habe ihn vor ein paar Monaten kennengelernt."
Der Polizist nickte und schrieb etwas auf. „Wussten Sie, dass Mr. Hess ihn schlägt?"
Zuerst war Kurt wieder irritiert, doch dann wurde ihm klar, dass dies ja Justins Nachname war. Der Polizist sprach von diesem Widerling und er nickte. „Vor ein paar Wochen hat er ihn bereits einmal geschlagen!"
„Hmh!" Der Polizist schrieb erneut etwas auf. „Die beiden sind ein Paar?" fragte er und Kurt sah auf. Er musterte den Polizisten, doch er konnte keine böse Verurteilung oder sonstiges homophobes hinter dieser Frage erkennen. Ihm wurde klar, dass der Polizist vor ihm nur seine Arbeit machte.
„Ja, sie sind seit über zwei Jahren zusammen!" bestätigte er leise.
Kurt musste noch Angaben zu seiner Person machen, damit die Polizei ihn, wenn nötig noch einmal vernehmen konnte und dann wandte sich der Polizist dem Streifenwagen zu.
„Was passiert jetzt mit ihm?" fragte Kurt.
Der Polizist blickte ihn an und sah dann zu Justin. „Ihm wird eine Blutprobe entnommen und dann wird er erst einmal seinen Rausch in einer Zelle ausschlafen. Wir werden ihn 24 Stunden in Haft behalten und anschließend einem Untersuchungsrichter vorführen. Was dann mit ihm geschieht, kommt auch darauf, wie schwer Mr. Andersons Verletzungen sind und ob er …."
Der Polizist sprach nicht weiter, doch Kurt wusste, was er meinte. Wenn Blaine sterben würde, würde Justin nicht so schnell wieder freikommen. Er schluckte und versuchte diesen fürchterlichen Gedanken zu verdrängen. Blaine würde nicht sterben, er durfte nicht sterben.
Mit einem Nicken verabschiedete sich der Polizist und stieg in den Streifenwagen. Kurt wandte sich ab, da er Justin nicht noch einmal ansehen wollte, denn er konnte seinen Anblick nicht mehr ertragen. Er musste an Blaine denken und ihm wurde schlecht. Als Rachel neben ihm merkte, wie er anfing zu zittern, nahm sie ihn fest in den Arm. „Komm, wir fahren nach Hause!"
„Nein, nein, auf keinen Fall!" Kurt schüttelte energisch mit dem Kopf und Tränen traten in seine Augen. „Ich muss zu Blaine. Er ist ganz allein und er braucht mich jetzt!"
„Okay!" Rachel seufzte, denn sie wusste, dass Kurt sich nicht umstimmen lassen würde. „Ich komme mit!" Sie beschloss, ihn auf keinen Fall allein zu lassen.
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Dies ist doch kein Cliffhanger, oder?
Okay, ihr wisst noch nicht, was mit Blaine ist, aber er ist nicht tot und er wird auch nicht sterben, so viel schon mal vorab, aber das wisst ihr doch alle! (Denkt an die Happy-End-Garantie!)
