14. Draco Lucius Malfoy III.
Wie verabredet, sass Lucius bereits in den "drei Besen" als Severus eintrat. Er hatte den Tisch gewählt, der zwar in eine Ecke stand, jedoch abhörsicher war und außerdem einen guten Blick auf die Tür hatte. Madam Rosmerta kam sofort, um ihre Bestellungen aufzunehmen. Sie entschieden sich nach einigem Hin und Her für Muggelbier Marke Guinness und Roastbeef mit Yorkshire Pudding. Es war eines dieser Hogsmeade-Wochenenden, an denen die Kneipe bald mit pubertierenden Hogwarts-Zöglingen gefüllt sein würde. Lucius hielt Kontakt zu einige Siebtklässlern, die später einmal brave Todesser werden wollten. Severus hatte in der vorhergehenden Woche die Bekanntschaft von zwei talentierten Hufflepuffs gemacht, die für ein paar Galleonen bei ihm ausgeholfen hatten. Dadurch hatte er ganz nebenbei allerhand Neuigkeiten über Hogwarts erfahren.
Gerade als das Bier kam, öffnete sich die Tür und vier Slytherin-Mädchen kamen herein. Sie schauten sich um und wählten einen Tisch. Dianne Mulciber war unter ihnen, die kleine Schwester des Imperius-Spezialisten. Sie winkte den beiden in der Ecke zu. Severus und Lucius winkten zurück. Die Mädchen flüsterten aufgeregt miteinander. "Sie gehören alle dir, mein Lieber." flüsterte Lucius seinem Freund zu. "Wenn du nur willst." Severus lachte leise: "Du irrst dich gewaltig. Ich bin ziemlich frauenblind zur Zeit und sehe nur noch eine einzige und auch die nur schemenhaft, deshalb muss ich auch dauernd nach ihr tasten, um festzustellen, ob sie real ist."
Lucius schüttelte den Kopf. "Ich wage zu raten, was du willst, du intellektueller Sack. Wahrscheinlich einen kleinen grauen Bücherwurm mit Ringelsöckchen und Brille, mit der du das perfekte Paarungsverhalten von Flubberwürmern bei Glatteis diskutieren kannst." Severus kicherte und nahm einen Schluck Bier. "Ich werde sie dir vorstellen, dann kannst du dir selbst ein Bild machen."
Dianne kam herüber und setzte sich kurz zu ihnen. "Hi Lucius, Hi Severus, ihr habt einen guten Tag gewählt, heute kommen fast alle hierher. Ich habe zwei Jungs eingeladen, sich mit euch zu unterhalten, ich denke sie entsprechen unseren Anforderungen." Dianne war eine fanatische Anhängerin des dunklen Lords und es war fast sicher, dass sie nach ihrem Abschluss als zweite Todesserin mit Hogwarts-Diplom in ihre Reihen aufgenommen werden würde. Sie stand ihrem Bruder in Skrupellosigkeit in nichts nach.
"Und übrigens, Juliette da drüben läßt fragen, ob du verheiratet bist." Severus hob den Blick, um das Mädchen anzusehen. Sie hatte eine südländische Ausstrahlung und erinnerte ein wenig an Josette. Sie lächelte verlegen, wurde rot und schaute weg. "Sag ihr, ich bin so gut wie vergeben." flüsterte er Dianne zu. "Aber Mittwochs hat er frei." ergänzte Lucius und lachte unverschämt.
Dianne grinste verschwörerisch und ging zurück zu ihren Freundinnen. Im selben Moment enterten weitere Studenten den Schankraum. Diesmal vorwiegend Gryffindors und ein paar Hufflepuffs. Severus' zwei Bekannte waren darunter, sie grüßte ihn höflich und gingen dann an ihren Tisch. "Sie haben Potenzial." sagte Severus zu Lucius, "sie dürfen nur nicht in schlechte Gesellschaft geraten."
Lucius grinste und meinte "Wir werden schon dafür sorgen, dass sie die rechten Bekannten finden." Schließlich öffnete sich die Tür und ein gutes Dutzend Slytherin-Sechst- und Siebtklässler betraten den Schankraum. Ohne viel Getue nahmen sie den Tisch neben Malfoy und Snape und schickten zwei zum Bierholen. Steven Montague und Raoul Warrington waren dabei, die nächsten Kandidaten für die Reihen des dunklen Lords. Die Beiden sollten zum nächsten Einsatz schon mitgenommen werden. Warrington begrüßte die beiden Todesser mit Handschlag, was ihm ein gewisses Raunen seiner Mitschüler einbrachte. "Meister Snape" sagte er, "ich hörte von ihrer - Beförderung neulich. Ich möchte gratulieren. Sie sind mein Vorbild, wissen sie." Severus war geschmeichelt. "Danke Warrington, ich freue mich auf eine Zusammenarbeit."
Lucius hatte eine Idee. "Die Jungs könnten sich mit uns doch bei dir treffen. Das ist an einem Hogsmeade-Wochenende leicht zu bewerkstelligen. Wir wären unter uns." Severus war nicht direkt begeistert, sah aber die ungeheuren Möglichkeiten eines solchen Treffs ein. "Okay" sagte er. "Aber keine Saufgelage! Und nichts, was sonst die Aufmerksamkeit der Fakultät erregen könnte." Montague war begeistert. "Yeah!" sagte er, "wir könnten unsere Hausaufgaben mitbringen. Wir können jede Anregung gebrauchen." lächelte er unschuldig. "Gut, abgemacht. Sonnabends von 3 bis 5." willigte Severus ein.
Wenigstens der dunkle Lord würde das Arrangement gutheißen.
"Schau mal." sagte Lucius. "Da drüben einer der rothaarigen Weasleys. Weißt du warum die unangreifbar sind? Die Mutter von Mr. Weasley hat dem dunklen Lord einmal Obdach gegeben. Im harten Winter 1944. Deshalb werden die immer verschont. Und dabei denken sie, sie sind Helden! Und geben sich natürlich auch so. Unverbesserliche Großmäuler." Severus war überrascht. Er kannte zwar die Weasley-Doktrin des Lords, wusste aber nicht, woher sie stammte. Solche Sentimentalitäten traute er dem dunklen Lord einfach nicht zu. Natürlich war es ein Treppenwitz, denn allenthalben wurden die Weasleys als aufrechte und tapfere Gegner von Lord Voldemort dargestellt. Es ist aber wesentlich leichter tapfer zu sein, wenn einem nichts passieren kann.
Lily hatte sich von Remus' guter Laune anstecken lassen und half ihm bei der Einrichtung seiner neuen Wohnung. Viel Möbel hatte er nicht, nur einige alte Stücke, die er von seiner Mutter geerbt hatte. Sie waren jedoch am Morgen auf einem Muggel-Flohmarkt gewesen und hatten ein paar Einrichtungsgegenstände ergattert, die für Zauberer zwar unendlich exotisch waren, doch Remus fand das alles sehr originell. Auch er war selten bei Muggeln unterwegs, wie er unumwunden zugab.
Sogar Kassettentonband mit Batterien, welche sicherstellten, dass es auch in der Winkelgasse lief, hatten sie erworben, zusammen mit einer Handvoll bespielter Bänder. Diese liefen nun während die beiden die Wohnung immer wieder umräumten und begutachteten. Lily hörte nur mit halbem Ohr der Musik zu und plötzlich hielt sie mitten in der Bewegung inne.
Das Tonband spielte unermüdlich Muggelmusik. Lily wandte sich an Remus. "Du wolltest mich neulich was fragen. Ich glaube, ich weiss, worum es geht. Ich - Severus, ich denke immer ich bin schuld." "Schuld an was?" fragte Remus verdutzt und konnte sich keinen Reim auf dieses Geständnis machen. "Er war der erste Zauberer, den ich je getroffen habe." sagte Lily und seufzte. "In der Winkelgasse, als ich meine ersten Bücher geholt habe, bin ich faktisch über ihn gestolpert. Er war nicht so, wie wir ihn heute kennen. Er war sehr offen und unglaublich wissbegierig. Und neugierig. Oh mein Gott. Wir haben uns unterhalten und ich habe über meine Angst geredet, wegen der neuen Schule und dass ich gar nicht weiß, ob ich überhaupt zaubern könnte. Er erzählte mir, wie es ungefähr da zugehen wird und dass ich auf alle Fälle zaubern könnte, sonst hätte ich ja keine Einladung. Im Gegenzug fragte er mich über die Muggelwelt aus. Er hatte seltsame Ansichten darüber. Wir haben viel gelacht. Er war neugieriger über das Muggelzeug als Arthur Weasley." Remus lachte. "Das will was heißen. Allerdings kann ich mir das bei Snape überhaupt nicht vorstellen. Was ist dann passiert?"
"Wir haben uns verabredet, dass wir uns im Zug treffen. Das haben wir auch getan. Wir hatten eine Menge Spaß auf der Fahrt. Getrennt wurden wir erst durch den sprechenden Hut." Daran konnte sich Remus nicht mehr erinnern. Er hatte da mit sich zu tun gehabt. Er hatte das Abteil mit Peter geteilt und war zufällig auf James und Sirius gestoßen, als diese sich am Schokowagen eindeckten.
"Du weisst nichts mehr über die Sache mit dem sprechenden Hut?" fragte Lily ungläubig, "er war doch der Junge, wo sich der Hut nochmal korrigiert hat!" Remus erinnerte sich plötzlich. Irgendwas war da gewesen. Der Hut hatte 'Ravenclaw' gerufen und der Junge wollte schon gehen als er plötzlich durch irgendwas zurückgehalten wurde und der Hut plötzlich 'Korrektur!' rief und 'Slytherin'. "Das war Snape?" fragte er verwundert. "Ja" sagte Lily nur.
"Wir waren auch in der ersten Klasse noch viel zusammen. Er hat mich in Little Whinging besucht in den Ferien." Remus war überrascht. "Tatsächlich! Frage mich, wie er die Erlaubnis bekommen hat." "Gar nicht." antwortete Lily, "seine Großvater hat ihn grün und blau geschlagen. Aber das habe ich erst sehr viel später erfahren. Jedenfalls waren wir den ganzen Tag in London unterwegs und haben Blödsinn veranstaltet. Rolltreppen fahren in Kaufhäusern. Wir waren im Zoo und was nicht alles. Ich habe sogar ein Foto davon irgendwo."
Lily blickte düster. "Dann kam das zweite Schuljahr und ich wurde mit James besser bekannt. Dadurch auch mit Sirius. Dann kamen diese Gerüchte auf, Snape sei der Sohn des Teufels und all das. Du weißt ja, was Sirius immer so von sich gibt." Remus seufzte. "Ich wette, nicht mal die Hälfte davon stimmt. Ich empfand Snape immer als ziemlich normal, wenn er in der Bibliothek war oder so. Nur wenn er geärgert wurde, war er echt unheimlich. Und die Sache mit mir, ach du Scheiße. Ein echter Aussetzer von Sirius damals. Wir könnten alle in Askaban sein deswegen." Sie schwiegen eine Weile.
"Ich werde noch zu Alastor gehen, was er weiß. Wenn ich alles zusammen habe, setzen wir uns nochmal zusammen. Ich möchte das ganze Bild sehen, schließlich bin ich hartnäckig." erklärte Remus abschließend. Er erzählte Lily von seinen Forschungen im Krankenhausarchiv. "Au Backe." sagte Lily, "ich komme immer mehr zu dem Schluß, dass die Zauberwelt auch nicht hält, was sie verspricht." Dem hatte Remus nichts hinzuzufügen.
Severus erwachte am Montag morgen gegen fünf Uhr als ein großer Uhu vehement an die Fensterscheibe hämmerte. Verschlafen löste er sich aus Maries Umarmung und ging ans Fenster. Der Uhu hüpfte mit vorwurfsvollem Blick auf die nahe Kommode und hielt ihm seinen Fuß plus Pergament hin. Severus wühlte in der Kommode nach ein paar Eulenkeksen, nahm das Pergament und ging ans Fenster, um besser lesen zu können. Die Nachricht war kurz aber eindeutig. 'St. Mungos Zimmer 73, sofort! LM' Severus nickte und war plötzlich aufgeregt. Die Idee 'Keine Emotionen' war plötzlich wie weggewischt. Der Uhu hatte sich schon wieder auf und davon gemacht.
Severus beeilte sich, aus dem Haus zu kommen. Er hinterließ Blinker eine Nachricht und apparierte. Lucius lief im Vorraum von Zimmer 73, eher eine prachtvolle Suite denn ein Krankenzimmer auf und ab. Er hatte eine Flasche Feuerwhisky unter dem kleinen Tisch neben dem Sofa stationiert und wie es schien, hatte er schon mehrmals diese Nervenhilfe in Anspruch genommen.
"Wie sieht's aus?" fragte Snape als er das Zimmer betrat. "Dauert nicht mehr lange." sagte Malfoy heiser, "höchstens noch zwei Stunden sagt die Schwester." "Willst du nicht reingehen?" fragte Severus. Malfoy schüttelte entsetzt den Kopf. "Ich habe jetzt schon genug." Sie setzten sich nebeneinander auf das Sofa. "Hoffentlich geht alles gut." sagte Lucius besorgt, "ich habe da Sachen gehört. Er schauderte." Severus klopfte ihm auf die Schulter. "Jetzt mach mal einen Punkt, Malfoy. Die Medihexen sind erfahrene weise Frauen und St. Mungos ist ein erstklassiges Krankenhaus. Denk doch mal wie es bei uns noch war." Lucius nickte. "Die Zeit der magischen Steinkreise ist wohl ein für allemal vorbei." sagte er. "Ein magisches Krankenhaus tuts auch."
Die beiden warteten eine Weile schweigend gemeinsam. Nachdem Severus alle ausliegenden Zeitungen gelesen hatte - er verwünschte sich, dass er kein Buch mitgenommen hatte - schauten sie gemeinsam aus dem Fenster. "Viel gibt's nicht zu sehen." stellte Lucius nach einer Weile fest. "Wir hätten Karten mitnehmen sollen oder ein Schachspiel." Severus lachte bitter auf. "Das nächste Mal." sagte er. Lucius schaute ihn prüfend an. "Wenn es ein Junge ist, wird es kein nächstes Mal geben, mein Lieber." antwortete er. "Weißt du eigentlich, wie schwierig es ist, so ein Kind zu erziehen? Ich habe in den letzten Wochen an die dreißig Bücher darüber gelesen." Severus war beeindruckt. "Und - hat es was genützt?" fragte er spitz. "Nein." antwortete Lucius ehrlich. "Ich hoffe, dass Narcissa besser zurechtkommt als ihre Schwester Andromeda. Deren Tochter hat sich als Metamorphmagus herausgestellt. Stell dir vor, das Kind sind jede paar Stunden anders aus. Ich würde wahnsinnig werden!"
Severus konnte sich gut vorstellen, dass Lucius nicht allzu viel Geduld mit Kindern hatte. Schließlich war er als Einzelkind sehr behütet aufgewachsen, stets in dem Bewusstsein, dass den Malfoy so ziemlich die ganze Welt gehörte. Er erinnerte sich selbst nur bruchstückhaft an die Begegnungen mit den etwa Gleichaltrigen der reinblütigen Gesellschaft. Die meisten Kontakte hatte er mit Lucius' Schwägerin Bellatrix und ihrem dreimal verfluchten Cousin Sirius gehabt. Sein Goßvater war nicht sehr erpicht darauf gewesen, seinen Enkel zu den anderen mitzunehmen. Er hatte immer in der Angst gelebt, das Kind würde auf irgendwelchen Anlässen nicht englisch sprechen. Diese Angst war unbegründet gewesen, aber Prince ließ sich von dieser fixen Idee niemals abbringen.
Eine Medihexe kam aus dem Zimmer gehuscht und informierte die Beiden, dass es nicht mehr lange dauern könne. "Gut" sagte Lucius und schenkte sich sofort noch einen Whisky ein. Severus blätterte wieder durch einen älteren Quibbler. In dieser Ausgabe war noch einmal ein ausführlicher Artikel über den Vorfall im Ministerium, der mit allen gängigen Verschwörungstheorien ausgeschmückt war.
Severus grinste über die Vemutungen, die da angestellt wurden. "Die sogenannten unabhängigen Blätter sind auch nicht gerade der Wahrheit auf der Spur" mutmaßte er. "Der Quibbler ist noch verblödeter als der Prophet." Lucius schaute ihm über die Schulter und erkannte den Artikel. "Das war ein Meisterstück im Ministerium. Ich wollte, ich würde den Typ kennen, der da gewirkt hat."
Severus hütete sich, etwas dazu zu sagen. Das sollte ein Geheimnis bleiben. Je mehr die Todesser voneinander wussten, desto schwieriger würde es sein, die Organisation sauber zu halten. Das jedenfalls predigte Voldemort jedesmal, wenn sie bei ihm am Tisch saßen. Er las die Leserbriefe des Blattes und erkannte, dass sich mehrere Zauberer, die er für neutral gehalten hatte, auf die Seite Voldemorts schlugen. Das schien ihm ein Ergebnis der Squib-Diskussion zu sein, die immer noch in vollem Gange war. Frederic erzählte ihm hin und wieder über gewisse Vorfälle, die Squibs passierten, die er kannte. Es ließ den Schluss zu, dass sich die Squibs im Ernstfall auf die Seite Voldemorts schlagen würden.
Er wollte gerade mit Lucius eine Diskussion darüber anfangen, als die Medihexe wieder auftauchte und stolz verkündete: "Ihr Sohn ist geboren Sir!" Lucius stellte hastig sein Glas ab und ging in das Zimmer nebenan, aus dem man die dünnen Schreie des Neugeborenen hörte. Severus ließ sich auf den Stuhl fallen. Bis jetzt hatte er erfolgreich den Grund seiner Anwesenheit verdrängt, das leise Weinen traf ihn jedoch wie ein Schlag. 'Ich hätte niemals einwilligen sollen.' dachte er, 'Was wenn er jetzt doch nicht Lucius ähnlich sieht. Oh, Merlin, hilf mir dieses eine Mal!' Eine halbe Stunde verstrich noch, dann kam Lucius zurück und winkte ihn herbei. "Komm rein." sagte er, "du musst ihn sehen, er ist einfach - perfekt!"
Severus holte tief Luft und betrat die Wochenstube. Narcissa lag schon wieder tipptopp zurechtgemacht im Bett und versuchte ein mattes Lächeln. Neben ihr lag das kleine Bündel Mensch, unglaublich fragil - aber mit blondem Flaum auf dem Kopf. Severus lächelte erleichtert. "Darf ich vorstellen; Draco Lucius Malfoy der Dritte." sagte Narcissa. Severus ging auf sie zu und küsste ihre Hand. Natürlich würde das zu Irritationen führen, aber er konnte jetzt nicht anders. Narcissa ging jedoch nicht weiter darauf ein. "Ich hätte dich gerne als Paten für ihn." sagte sie, und fügte dann kryptisch hinzu: "Das bist du ihm schon schuldig."
Severus lächelte zufrieden. "Natürlich." sagte er, "das ist das Mindeste." Der Gedanke, dass Narcissa sehr wohl wusste, was hier gespielt wird, streifte ihn flüchtig. 'So wird es sein. Aber sie scheint es zu akzeptieren.' dachte er. Wie konnte er auch so naiv sein, Frauen sind um so vieles cleverer als Männer. Das wusste er leider erst, seit er mit Marie zusammen war. Nichtsdestotrotz war er von der Richtigkeit seines Tuns überzeugt. Klein Draco würde keine Nachteile haben und als Erbe des größten Vermögens der Zauberwelt seinen Weg machen. "Willst du ihn mal halten." fragte Narcissa. "Gern" erwiderte er und ließ sich das kleine Menschlein in den Arm legen. Draco öffnete seine babyblauen Augen. Sie schauten sich an. 'Er kennt mich.' dachte Severus irrational und fühlte tatsächlich einen kleinen Stich im Herz. Das Baby gähnte und zeigte seinen zahnlosen Gaumen. "Er ist wundervoll." stellte Severus fest. "Ja, das ist er." pflichtet Lucius bei und nahm ihm den Kleinen ab. "Würdest du bitte den dunklen Lord informieren, ich denke, diese Ehre sollte dir zustehen - als Pate." bat Lucius. Severus verabschiedete sich von den glücklichen Eltern und ließ sich per Eule bei Lord Voldemort melden.
Darius schickte ihm eine Eule zurück, der Lord sei im Moment nicht erreichbar, er solle jedoch trotzdem bei ihm vorbeikommen. Sekunden später stieg Severus beim Sekretär des Lords aus dem Kamin. Darius bot ihm eine Tasse Tee an und legte die Pergamente beiseite, an denen er gerade arbeitete. "Ich wollte schon lange mal mit dir sprechen, Severus." sagte er, "du hast doch von uns allen das meiste Wissen im Hinblick auf alle möglichen und unmöglichen Zaubertränke. Ich mache mir, ehrlich gesagt, Sorgen um den Lord. Er hat einen neuartigen Heiler aus dem Orient kommen lassen und ich vermute sie machen wieder Experimente."
Severus runzelte die Stirn "Ist der Lord etwa krank?" fragte er besorgt. "Nun, er ist nicht direkt krank. Er hat sich in den Kopf gesetzt" und hier senkte der Sekretär seine Stimme zu einen Wispern, "die Unsterblichkeit zu erreichen. Der Scharlatan aus dem Orient. " Darius machte eine unwirsche Geste, um anzuzeigen, was er von dem Mann hielt, "pumpt ihn mit irgendwelchen Tränken voll. Als ich ihn darauf ansprach, wurde er unglaublich wütend, der Lord. Er drohte mir sogar mit den Unverzeihlichen."
Darius wirkte ehrlich besorgt. "Kannst du ein paar Tropfen von den Tränken abzweigen? Dann könnte ich untersuchen, was das ist. Der sogenannte Heiler könnte doch auch ein Attentäter sein." meinte Severus. "Gib mir ein paar Tage Zeit." erwiderte Darius, "dann kann ich sicher was bringen. Lord Voldemort hat in letzter Zeit regelrechte Anfälle von Jähzorn. Ich habe Angst, Severus." Darius war der Getreueste der Getreuen, er und Lord Voldemort arbeiteten schon Jahrzehnte zusammen.
Wenn er sich Sorgen machte, dann war es für die Mitglieder des inneren Kreises auch gefährlich. So viel stand fest. Severus nahm sich ein Pergament und schrieb seine Nachricht auf. Der Lord würde wenigstens heute etwas freundlicher sein. Darius nahm die Nachricht entgegen und versprach, den Lord in Kürze zu informieren. "Er hat auch über dich gesprochen." sagte er abschließend. "Offenbar ist er mit deinem Mädchen nicht ganz einverstanden. Aber ich hoffe, das gibt sich." Severus nickte und verabschiedete sich. Er musste noch ein Geschenk für seinen Patensohn besorgen. Die Krankheit des dunklen Lords würde ihn noch genug beschäftigen, das ahnte er.
Nach vielen unnützen Versuchen hatte Lupin endlich eine Audienz bei Alastor Moody erhalten. Der alte Auror hatte in der letzten Zeit alle Hände voll zu tun gehabt, um die Schauplätze von Überfällen zu besuchen und Spuren und Hinweise zu sammeln. Leider war in den meisten Fällen nicht mehr viel zu sehen, nachdem die Toten weggeräumt waren. Die Todesser hinterließen nicht viele Hinweise, außer dem dunklen Mal über den entsprechenden Schauplätzen. Dementsprechend war auch die Laune von Auror Moody auf einem historischen Tiefpunkt.
"Komm rein" grummelte er. "Ich kann nicht viel zu diesen dunklen Bastarden sagen. Ich verabscheue die ganze Bagage. Früher, also richtig früher vor 10, 20 Jahren, war die Welt noch nicht so strikt zwischen Hell und Dunkel aufgeteilt." erzählte Moody weiter. "Da kam es schon mal vor, dass man Malfoy oder Nott in der Kneipe beim Bier traf und mit ihnen richtiggehend diskutieren konnte. Heute lassen sie sich kaum noch sehen und wenn, dann ist die Kacke am Dampfen. Ich wollte diese Idioten könnten ihre Probleme ohne Gewalt lösen. Früher haben sie doch auch nur gequasselt. Moody schenkte Tee ein und schob einen Teller mit seltsamen Keksen rüber. Lupin nahm schüchtern einen Keks und fragte weiter: "Was wissen sie über Snape?"
Moody schnaufte unwillig. "Snape. Kenn ich nicht. Aber seinen Großvater, guter Mann. Berater für's Ministerium, wenn es um unerklärliche Phänomene und Bannflüche ging. Eine Art Geisterjäger, wenn man so will. Hatte das Zeug zum Auror, konnte aber glaube ich die Studiengebühren nicht bezahlen. Da machte er sich selbständig. Das ging auch lange sehr gut, aber schließlich war er völlig pleite. Von da an arbeitete er für einen gewissen Tom Riddle, auch so ein Schwarzkünstler, dem man aber nichts nachweisen konnte. Völlig verschwunden seit langem, der Kerl. Wird auch steckbrieflich gesucht in mindestens 3 Ländern. Jedenfalls Prince arbeitete für den, machte Zaubertränke, Beschwörung von unbeweglichen Schutzschilden und all solche Sachen.
Ich habe ihn dann lange nicht mehr getroffen, erst Anfang der Sechziger stand ich ihm plötzlich wieder gegenüber. Es war im HogsHead drüben in Hogsmeade. Er hatte schon ziemlich einen in der Krone, war einkaufen gewesen. Ich erinnere mich, weil das alles so absurd war. Er hatte eines dieser Plüschtiere gekauft, ich konnte mir nicht erklären warum. Es war ein abstoßend häßliches Ding, wahrscheinlich total billig. Sah aus, als wäre es halb Hase und halb Bär. Ich wusste nicht, ob er Kinder hatte und fragte ihn danach. Er meinte ja, er habe jetzt einen Enkel von vier Jahren. Und dann fing er an zu reden. Wie er sich das alles ganz anders vorgestellt hätte, seine Frau würde sich einen Dreck um alles kümmern, die Tochter sei nicht recht ansprechbar und das Kind spräche nicht und sei ohnehin völlig renitent. Ich sagte ihm, weil ich ihn irgendwie bedauerte, vielleicht sei das Kind taub und spräche deshalb nicht, da schaute er mich ganz komisch an und erläuterte: 'Es spricht schon, nur kein Englisch. Er spricht die Hauselfensprache.' Ich war völlig baff, denn die Sprache der Hauselfen ist mit menschlicher Zunge eigentlich nicht sprechbar. Mann, war das ein absonderliches Gespräch. Und dann sagte er noch etwas, was mich beunruhigte; er meinte Tom wird's ihm schon zeigen. Naja, ich habe das verdrängt, aber mir wurde später bekannt, dass da durchaus was vorgefallen sei."
Lupin hatte eifrig mitgeschrieben und ein paar mal kichern müssen. So wie sich ihm das alles darstellte, würde er wohl nicht um ein Gespräch mit Snape selber herumkommen. Er freute sich nicht darauf. Kein bisschen. Aber er hatte schon eine Idee, unter welchem Vorwand er sich bei Snape umsehen würde.
Kurz bevor Lupins Schicht im St. Mungos begann, genauer gesagt pünktlich zum Abendessen schneite er bei Lily herein. Sie war froh, überhaupt Gesellschaft zu haben und ließ sich gerne bei den Vorbereitungen helfen. "James kommt heute nicht." sagte sie, "er hat außerhalb zu tun und übernachtet bei Sirius und Peter." Lupin war das neu. "Für den Orden?" fragte er. "Nee." meinte Lily verärgert, "Quidditch Halbfinale". "Oh." machte Lupin. "Er sollte dich nicht mehr solange alleine lassen." meinte er dann.
"Ich bin nicht aus Zucker und schließlich sind meine Schwiegereltern auch noch da. Allerdings Mr. Potter senior geht es sehr schlecht. Er rechnet damit, dass er bald zu Merlin geht." Lupin gab seinem Bedauern Ausdruck. Er kannte Mr. Potter nicht gut genug, um wirklich betroffen zu sein. Er hatte ihn nur ein paarmal erlebt, darunter zu Lilys Hochzeit und er konnte mit dem Mann nicht warm werden. Ehrlich gesagt, er vermutete, dass Potter Vorurteile gegen Werwölfe hatte.
Aber das spielte jetzt keine Rolle. Er erzählte Lily von Moody und seinen Nachforschungen im St. Mungos. "Von Severus Snape gibt es überhaupt keine Krankenakte. Sieht aus, als ob er woanders in Behandlung war. Oder sie ist irgendwo unter Verschluss." erklärte er, während er Salat mampfte. Lily schaute unglücklich drein. "Ich muss sagen, Moody's Erzählung ist ziemlich traurig, alles in allem. Er hat nie über seine Mutter geredet. Es hat für mich den Anschein, dass sie selber noch fast ein Kind war, als sie ihn hatte." Lupin kaute und erwiderte dann: "Ich denke der Muggel hat sie geschwängert und aus Rücksicht auf seinen guten Ruf heiraten müssen. Oder so. Kennen wir jemand, der so etwas weiß? Irgendein Klatschmaul?"
Lily wiegte nachdenklich den Kopf. "Sirius würde mir auf Anhieb einfallen. Der erzählt doch immer solche Schauergeschichten über Snape. Aber was davon stimmt und was nicht - keiner weiß es." Lupin griff nach dem Brot. "Du sagtest, er hat nie über seine Mutter gesprochen. Hast du ihn denn nach eurem Bruch in der zweiten Klasse überhaupt noch mal gesprochen? Vernünftig meine ich?" Lily druckste eine Weile herum und rückte dann mit der Sprache heraus. "Du erinnerst dich vielleicht, dass ich in der siebten Klasse einen ziemlich ernsten Streit mit James hatte, wo wir ein paar Wochen auseinander waren?"
Lupin nickte. "Das waren die zweitschrecklichsten 8 Wochen meines Lebens." erzählte er, "James war todunglücklich und wollte sich freiwillig zur Muggelarmee melden! Ich möchte sowas nicht nochmal durchmachen. Erst als Sirius behauptete, bei der Muggelarmee würden Zauberer gezwungen, nackt Wache zu stehen, kam er von der Idee ab." Lily kicherte. Dann wurde sie sofort wieder ernst. "Ich war in der Zeit - die meiste Zeit davon, mit Snape zusammen."
"Oh." machte Lupin wieder. Er begann zu vermuten, dass das alles ein bisschen viel sein würde. Wieso hatten sie nie etwas davon bemerkt? Er begann sich zu wundern, wie in einem Internat wie Hogwarts so etwas geheim bleiben könnte. Hatte Snape womöglich auch einen Unsichtbarkeitsmantel? "Nein, wir konnten uns nicht unsichtbar machen." erklärte Lily, als habe sie seine Gedanken erraten, "wir waren nur sehr diskret und er kannte eben Ecken in Hogwarts, die nicht mal die Rumtreiber gefunden hatten." Lupin fühlte sich persönlich beleidigt. "Was ist dann passiert?" fragte er neugierig.
Er wusste, dass sich James unglaublich angestrengt hatte, um Lily zurückzubekommen. Lily zuckte mit den Schultern. "Wir beschlossen, vernünftig zu sein und erstmal die UTZ-Prüfungen zu machen. Außerdem war uns klar, dass weder meine noch seine Eltern einer Verbindung zustimmen würden. Und letztendlich, das glaube ich, hat er James aus irgendwelchen Gründen den Vortritt gelassen. Ja, so muss es gewesen sein, er machte so eine kryptische Bemerkung, dass es besser so sei. Den wirklichen Grund, weshalb er sich plötzlich zurückzog, kann ich dir beim besten Willen nicht enträtseln. Na ja und dann war James wieder da, mit all den Blumen und Einladungen und es war wieder alles wie früher..."
Lily verstummte und sah die gegenüberliegende Wand an. 'Das ist vielleicht ein Hammer.' dachte Lupin, 'James hat Lily nur von Snapes Gnaden? Vielleicht gar wegen mir?' Er seufzte. "Ist ja Schnee von gestern." sagte er dann übertrieben fröhlich. "Ich schreibe jetzt bald meinen Bericht und dann vergesse ich das alles wieder." Lily sah ihn zweifelnd an. "Was glaubst du, ist er nun ein Todesser oder nicht?" Lupin seufzte wieder. "Wenn ich das wüsste, Lily, wenn ich das wüsste. Aber ich werde ihn aufsuchen, das ist meine letzte Chance."
"Sag mal Lily, weißt du zufällig, wie Snape zuerst hieß?" Lily drehte sich zu ihm um. "Wie bitte? Was willst du damit wieder sagen?" Lupin wackelte nachdenklich mit dem Kopf. "Molly Weasley sagte mir, sie sei mal bei seiner Mutter gewesen, also vor vielen Jahren, da habe er einen anderen Namen gehabt. Und schwer verletzt war er auch. Aber in St. Mungos gibt es keine Akte über ihn. Nichts." Lily zuckte mit den Schultern. "Ich glaube das nicht. Das klingt so absurd! Wieso soll er erst so und dann so geheißen haben? Pass auf, dass du nicht eines Tages solchen Quark erzählst wie Sirius, wenn du so weitermachst. Schreib' deinen Bericht und lass es gut sein, Remus. Es ist besser so." Lupin nickte vor sich hin und versprach Lily den fertigen Bericht vorab zum Lesen zu geben. Sie schien ohnehin die Expertin für Snape-Forschung zu sein.
