Kapitel 14
„Oromis ist also heute Nacht schon geflüchtet, ja?" Galbatorix sog scharf die Luft ein, als Durza die reinigende Wundsalbe auf dessen Verletzungen auftrug und verband. „Dann wird es Zeit, diese Festung aufzugeben und uns in Ilirea zum Kampf zu stellen..."
Der Schatten nickte mürrisch und zog den Knoten am letzten Verband fest. Sein ‚Herr' brauchte nicht zu wissen, in welcher Form er nachgeholfen hatte bei der Flucht. Und was der Preis für die Freiheit des Elfen war, den Durza irgendwann in der Zukunft einfordern würde. Mühsam unterdrückte er alle Gedanken, die ihm nicht passend für Galbatorix erschienen, der anscheinend unbemerkt in seinem Geist ein- und ausgehen konnte. Trotzdem konnte er nicht umhin, sich über seine Sanitätertätigkeit zu ärgern. Gut, die Wunden heilten schlecht und die Drachenreiter hatten nur rudimentäre Kenntnisse über die Heilkunst, aber das war eindeutig unter Durzas Würde! Er fragte sich, was noch alles auf ihn zukommen würde. Küchendienst? Wie gut, dass er noch nie ein guter Koch gewesen war, vielleicht würde dieser Kelch ja an ihm vorüber gehen... Er seufzte und räumte Salben, Tinkturen und Verbände zusammen.
„Du redest nicht sehr viel, nein?", fragte Galbatorix und zog seine Kleider über die frischen Verbände. Als Durza nicht antwortete, setzte er hinzu: „Pamuk war immer recht gesprächig gewesen..."
Der Schatten hob nur verärgert die Augenbrauen und blieb mit den Verbandssachen auf dem Arm stehen. Sein Gegenüber wollte doch wohl jetzt nicht auch noch ein Gespräch anfangen?
„Ja, dein Humor gefällt mir, mein Freund..." Galbatorix lachte amüsiert. „Aber zur Sache: was, außer uneingeschränktem Zugang zu allen Bibliotheken des Reiches, kannst du dir als Belohnung für deine, zugegeben nicht ganz freiwillige, Mithilfe vorstellen?" Er ließ sich schwer auf einen gepolsterten Stuhl fallen und legte das verletzte Bein hoch. „Nun?"
„Ihr vergesst, dass Ihr mir ein Refugium versprochen habt, in dem ich unbehelligt bleiben würde, sobald Ihr König seid, Mylord."
„Ach ja... Aber sonst, was wünschst du dir sonst?"
Sein Leben? Seine Freiheit? „Nichts, Mylord."
„Jeder wünscht sich irgendetwas, auch ein Schatten! Also lüg mich nicht an!", brauste Galbatorix auf, nur um sich gleich darauf wieder zu fangen. „Reichtum? Ländereien? Frauen? Macht?"
Durza schüttelte den Kopf und ein amüsiertes Zischen entrang sich seiner Kehle. „Ich bin kein Mensch, also was sollen Reichtum und Ländereien mir bedeuten?"
„Keine Ahnung... ich bin kein Schatten!" Galbatorix grinste breit. „Pamuk hatte da deutlichere Ziele..."
„ICH BIN ABER NICHT PAMUK!", schrie Durza auf, ließ die Verbände fallen und ballte die Fäuste.
„Aha. Ein wunder Punkt, wie ich bemerke. Sage mir, Durza, woher kommt dein Hass auf meinen früheren Freund?"
„Es ist einfach so. Akzeptiert es... bitte. Mylord.", presste der Schatten zwischen den Zähnen hervor und kniete sich nieder, um die heruntergefallenen Sachen wieder einzusammeln.
Breit und überlegen lächelnd fuhr Galbatorix ungerührt fort: „Nun gut, ein andern Mal. Aber was ist nun mit Frauen und Macht? Sind das nicht Dinge, mit denen du etwas anfangen könntest?"
Durza hielt in der Bewegung inne. Zum ersten Mal spürte er den bohrenden Fühler, der sich in seinen Geist grub. Entweder wollte Galbatorix, dass er es spürte oder...
„Oh, es gibt da schon jemanden... gut, gut. Bleibt noch Macht offen, wie steht es damit? Einfluss, etwas bewegen können, ändern... ja, das sind die Dinge, die dich interessieren, nicht wahr? Macht und Wissen. Das perfekte Paar." Der Drachenreiter runzelte die Stirn. „Was wäre, wenn ich dir das beides bieten könnte? Würdest du dann vertrauensvoller sein?"
Vertrauensvoller oder vertrauenswürdiger? „Ihr habt mein Leben in der Hand, wieso wollt Ihr mich noch enger an Euch binden, Mylord?"
„Weil du es mir wert zu sein scheinst", lautete die schlichte Antwort.
Verblüfft legte der Schatten den Kopf leicht schräg und versuchte, das Gehörte zu verarbeiten.
„Und nun darfst du dich entfernen. Einige der Anderen benötigen auch noch deine Dienste." Damit winkte Galbatorix ihn hinaus.
Bis zum Abend war Durza wirklich hauptsächlich mit Krankenpflege beschäftigt – sowohl bei den Reitern wie auch ihren Drachen. Allerdings fühlte er sich versöhnter, als er es noch am Morgen gewesen war. Erst als er ein weiteres Mal mit Torwec auf Jura reiten sollte, verfinsterte sich seine Stimmung wieder: „Was ist gegen Pferde einzuwenden?"
„Sie sind zu langsam", entgegnete Torwec nur knapp und schnallte ihr Gepäck am Sattel des Drachen fest.
„Warum fliegt ihr nicht vor und ich komme auf einem Pferd nach?"
„Weil Galbatorix möchte, dass du mit mir reist. Und jetzt steig endlich auf, sonst sind wir die letzten, die von hier wegkommen!"
„Vielleicht sollte ich ihm das mit dem Pferd noch einmal selbst vorschlagen...", druckste Durza herum. Er traute dem Drachen nicht und mochte noch viel weniger auf dessen Dienste angewiesen sein.
Torwec schnaubte und suchte in seinen Hosentaschen nach dem schwarzen Stein, der den Schatten schon einmal betäubt hatte. Als er ihn gefunden hatte, saß Durza schon schmollend auf dem Rücken des Drachen. Zufrieden grinsend stieg nun auch der junge Wyrdfell auf. Sein Begleiter war zwar mies gelaunt, dafür aber an der vorgesehenen Stelle. Jura kicherte in sich hinein, als er sich in die Lüfte erhob und flog absichtlich einige scharfe Kurven, um den Schatten zu erschrecken. ‚Lass das, Durza ist im Moment zwar handzahm aber sobald er wieder festen Boden unter den Füßen spürt, könnte er sich bei dir bedanken wollen...', teilte Torwec seinem Drachen nach einer Weile mit.
‚Du gönnst mir einfach keinen Spaß! Außerdem wird er ganz andere Dinge zu tun haben, wenn wir wieder landen, schau nur mal nach vorn!', entgegnete Jura.
„Oh, oh...", stöhnten Schatten und Reiter gleichzeitig auf.
In der Steppe vor Ilirea wimmelte es vor kämpferischen Zwergen und rebellischen Südmenschen, die dort ihr Lager aufgeschlagen hatten.
TBC
