Dora versuchte erneut sich langsam im Bett aufzusetzen und entschied, nachdem ihr Kreislauf diesmal offensichtlich nicht vorhatte sofort seinen Dienst zu kündigen, auch noch einen weiteren Versuch zu unternehmen ins Bad zu gelangen.
Langsam rutschte sie unter der Deckenflut Richtung Bettkante, schob vorsichtig die Beine aus dem Bett und stellte die Füße auf den Boden, wobei sie sich auch diesmal wieder Zeit ließ. Dann stand sie auf und benutzte erst den Sessel, dann die Türe zum Bad und schließlich das Waschbecken als Stütze, als sie sich langsam Schritt für Schritt, immer mit kleinen Pausen, auf den Weg machte.
Im Bad überlegte sie zunächst die Türe zu schließen, weil sie die Toilette benutzen wollte, entschied sich aber dann dagegen. Erstens war die Toilette in einer kleinen Nische angebracht, so dass man vom Wohnraum keine Sicht darauf hatte, und zweitens hatte sie Angst wieder umzukippen und wollte sich die Option Hilfe zu rufen nicht selber verbauen.
Nachdem sie ihr menschliches Bedürfnis erledigt hatte, kämpfte sie sich zum Waschbecken, wusch die Hände, schöpfte etwas Wasser in ihr Gesicht und besah sich dann im Spiegel. Der Anblick, der sich ihr bot, ließ sie zutiefst erschrecken. Ihr Haar war stumpf und struppig, unter ihren Augen hatte sie dunkle Ringe und ihre Wangen waren eingefallen. Ihre Haut sah fahl und ungesund aus und sie schien einiges an Gewicht verloren zu haben. Wieder einmal fragte sie sich, was nur mit ihr geschehen war. Sie sah nicht aus wie jemand, der nach einem Sturz etwas Fieber hatte und ein oder zwei Tage krank gewesen war.
Sie sah eher aus wie jemand, der zweimal zu Fuß in die Hölle und wieder zurückgelaufen, alternativ auch bereits mehrfach gestorben war.
Sie umklammerte die Kante des Waschbecken, als sie bemerkte, dass ihre Kräfte schnell wieder nachließen und überlegte, wie sie es zurück ins Bett schaffen konnte. Sie wollte es allein schaffen, ohne Hilfe, sie musste wieder auf die Beine kommen, endlich aus dem Krankenbett nach Hause und in ein geregeltes Leben.
Langsam ging sie in die Hocke und überlegte auf Händen und Knien zurück zu krabbeln. Am Bett konnte sie sich dann an der Armlehne des Sessels soweit hochziehen, um sich wieder hinein zu legen.
Sie kroch also los und heulte innerlich wie ein getretener Hund auf, als sie fast am Sessel angelangt war und hinter sich eine kalte arrogante Stimme, die sie diesmal sofort erkannte, spöttisch sagen hörte:
„Wie rührend. Üben wir schon die Dankesbezeugung? Sieht recht vielversprechend aus, ich würde es sogar als durchaus ausbaufähig bezeichen, geört dieser Part vor oder nach die Laudatio? Eventuell habe ich noch einige Vorschläge zu der Choreographie."
„Nein!" schrie alles in ihr, „nicht hier und nicht jetzt, ich bin solcher Konfrontation jetzt noch nicht gewachsen. Wie kommt der denn hierher? Wer in aller Welt hat ihn hier hereingelassen? Wo, zum Teufel, sind Hermine und Snape, wenn man sie wirklich einmal braucht? Wieso immer ich? Und warum, bei Merlin, ausgerechnet in diesem peinlichen Augenblick, wo ich wie ein Hund auf dem Boden herumkrieche? Das gefällt diesem Zivilisationsversager natürlich, wie ich hier vor ihm im Dreck herum robbe. Scheiße! Scheiße! Scheiße! Ich muss aussehen, als habe ich den Verstand verloren, wie eine durchgeknallte Irre."
Mit hochrotem Gesicht sah sie auf. Lucius stand lässig an den Türrahmen gelehnt, die Arme über der Brust verschränkt, entgegen seiner sonstigen Manier, nur mit einer schwarzen Hose und einem weißen Hemd bekleidet, dessen Ärmel bis zu den Ellbogen aufgekrempelt waren, und sah sie amüsiert an.
„Verschwinde Du Aushilfskellner! Such Dir einen anderen Kadaver über dem Du kreisen kannst! Ich habe noch nicht vor abzukratzen!" versuchte Dora ihm entgegen zuschleudern, aber es war mehr ein heiseres Krächzen.
Sie kroch weiter, ergriff die Sessellehne und versuchte sich hochzuziehen, sackte aber weg. Mit drei Schritten war er bei ihr, legte den Arm um ihre Taille und zog sie hoch, dann schob er sie zum Bett, wobei er nun mit ärgerlichem Ton fragte: „Was sollte diese dumme Aktion bezwecken. Warum rufst Du nicht, wenn Du was brauchst?"
Dora wartete mit ihrer Antwort, bis sie wieder sicher im Bett lag und fauchte leise: „Ich musste zum Klo, da hat man ungern Gesellschaft."
Sie sah ihn trotzig an, wobei sie drei lange, fast verheilte, Kratzspuren in seinem Gesicht feststellte, die sich fast von der Schläfe bis zum Kinn zogen, und wunderte sich, weil er nur eine Augenbraue hochzog und spöttisch fragte: „Wie mag das wohl in der letzten Woche funktioniert haben? Irgendeine Idee?"
„Was meinst Du damit?" fragte Dora, obwohl die Aussage an sich eigentlich unschwer zu deuten war.
„Ach nichts", antwortete er lapidar. „Ich schicke Dir jetzt Hermine rein, vielleicht kann sie Dir etwas Verstand eintrichtern." Damit drehte er sich um und verließ das Zimmer.
Keine zwei Minuten später kam Hermine in den Raum gestürmt und schimpfte sofort los: „Wieso bleibst Du nicht im Bett? Melde Dich doch, wenn Du etwas brauchst. Wir machen uns doch Sorgen! Du bist noch nicht so weit."
Dora hatte sich von dem kleinen Schwächeanfall langsam wieder erholt und begann nun leise zu meckern: „Wie nett, das zu erwähnen. Und warum lässt Du dann diesen Höllenhund auf mich los? Gehört das zur Therapie? Mal sehen wie weit sie ist? Oder bin ich Versuchskaninchen für ein neues Trankprojekt Deines Kurpfuschers, das Aggressionen unterdrücken soll?"
„Weder noch" kam die Antwort, „Malfoy kam offensichtlich zum richtigen Zeitpunkt. Und nun schläfst Du noch etwas, ich bereite Dir in der Zwischenzeit eine leichte Mahlzeit zu. Du wirkst, als könntest Du langsam feste Nahrung zu Dir nehmen."
Damit drehte auch sie sich um und rauschte ohne weitere Erläuterung aus dem Zimmer.
Dora fühlte sich, als sei sie in einem Irrenhaus gelandet. Hermine hatte nicht eine dämliche Bemerkung über das Auftauchen von Lucius abgelassen. Nein, im Gegenteil, sie schien es völlig normal zu finden. War sie, Dora, etwa gar nicht aus einer Bewusstlosigkeit aufgewacht, sondern irgendwie in einem Paralleluniversum gelandet?
Hier stimmte doch etwas ganz gewaltig nicht und das hatte nichts mit ihrer Wahrnehmung zu tun, wie sie bemerkte, nachdem sie sich kurz in den Arm gekniffen hatte. Sie war absolut wach und bei klarem Verstand. Ratlos blickte sie zur Tür.
Nach einer Weile wurde ihr langweilig ständig die Tür anzustarren und sie gedachte den Leuten den Gefallen zu tun, sich zu melden, wenn sie etwas wolle.
Also rief sie heiser mit nörgeliger Stimme: „Kann ich mal was zu lesen haben? Mir is langweilig. Durst hab ich auch. Und wieso leistet mir niemand Gesellschaft? Ich bin noch nicht tot."
„So!" dachte sie trotzig, „wenn sie einen jammernden Patienten wollen, können sie ihn haben." Dann verschränkte sie die Arme und sah wieder erwartungsvoll zur Tür.
