14. Dezember: So eine Schande

Leider hatte sich Dudley in seinem Optimismus etwas getäuscht. Die nächsten Monate mussten sie nur in dieser dämlichen Hütte bleiben und auch wenn er seine Eltern mochte, auf Dauer nervten sie einfach tierisch. Seine Mutter putzte andauernd, sein Vater beschwerte sich über alles, und sie konnten sich kaum jemals auf eine Sendung im Fernsehen einigen außer vielleicht auf die Nachrichten. Es hatte seinen Grund, warum Dudley einen eigenen Fernseher hatte. Der Scheiß, der seine Eltern interessierte, war einfach nur Müll.

Irgendwann hatte er seine ganzen Spielekonsolen so oft gespielt, dass sie auch langweilig wurden und er machte zur Ablenkung so viel Krafttraining, dass seine Shirts und Hemden ihm kaum noch passten, weil seine Muskeln so gewachsen waren. In der Dämmerung ging er häufig um die Hütte joggen, um seine Rastlosigkeit loszuwerden.

Am interessantesten waren tatsächlich die beiden Zauberer. Die Frau war immer noch sehr missbilligend ihnen gegenüber, aber wenn er genauer darüber nachdachte, dann konnte er es ihnen eigentlich nicht verübeln. Sie waren wirklich nicht sehr nett zu Harry gewesen. Aber der Mann war immer gut gelaunt und auch willig, seine Fragen zu beantworten. In den letzten Jahren hatte Dudley viele Fragen angesammelt, aber er hatte keinen, dem er sie stellen konnte. Seine Mutter wäre ausgeflippt und Harry konnte er auf keinen Fall Fragen über sein Leben und seine neue Welt stellen.

Aber der Mann mit dem komischen Namen, Dädalus, war immer hoch erfreut, wenn er Dudleys Fragen beantworten konnte.

„Und die ganzen Porträts können sich wirklich bewegen? Und mit einem sprechen? Und zwischen verschiedenen Bilderrahmen hin und her wechseln?", fragte er fasziniert, nachdem er Dädalus eine Stunde zugehört hatte, wie der die Schule beschrieb. Dädalus nickte grinsend.

„Ja, sicher. Aber sie müssen gemalt sein. Fotos können sich natürlich auch bewegen, aber sie bilden nur einen kurzen Moment ab und interagieren nicht mit dem Betrachter. Das sind so praktische Erinnerungen. Wie ihr Muggel mit diesen statischen Bildern zufrieden sein könnt, ist mir ein Rätsel."

„Aber wir haben Filme und Videokameras, unsere Bilder können sich auch bewegen", widersprach Dudley halbherzig. Diese Fotos und Porträts klangen schon ziemlich klasse.

„Ja sicher, und das ist wirklich faszinierend", bestätigte Dädalus. „Aber ihr braucht immer so einen Kasten und Strom, um euch diese Sachen anzuschauen, unsere Fotos funktionieren ganz ohne Hilfsmittel. Ihr tragt doch bestimmt nicht immer so einen Kasten mit euch herum." Er zeigte auf den Fernseher.

„Ne, das machen wir nicht." Das war schon etwas unpraktisch, das musste er zugeben. Allerdings würde er Fernseher auch für nichts in der Welt hergeben. Würde es hier in der Hütte keinen geben, würde er wirklich und wahrhaftig verrückt werden, selbst wenn er die stinklangweiligen Sendungen seines Vaters sehen musste.

Mit der Zeit bekam Dudley eine ziemlich gute Vorstellung von Hogwarts und wie es dort sein musste und er hätte das Schloss wirklich gerne mal gesehen, um zu sehen, wie es in echt ausschaute. Allerdings, wenn er so hörte, was in dem Schloss schon alles passiert war, dann vielleicht lieber doch nicht.

„Es gab wirklich eine Riesenschlange in einer geheimen Kammer, von der niemand etwas wusste und die Leute versteinert hat?!", fragte er ungläubig. Wie konnte einem so etwas entgehen? Dass man eine Ratte übersah, vielleicht, aber eine tödliche Riesenschlange?!

„Tja, Hogwarts ist ein mysteriöser Ort", erwiderte Hestia schulterzuckend. „Das Schloss ist riesig und kaum jemand kennt all seine Geheimnisse. Nicht einmal die Geister. Aber Harry hat die Schlange gefunden. Wahrscheinlich war er sogar der Einzige, der eine Chance gegen sie hatte. Letzten Endes war er immer Du-weißt-schon-wers unberechenbarster Gegner. Wir können nur hoffen, dass er auch dieses Mal erfolgreich sein wird."

Und so waren sie bei Harrys zahllosen Erlebnissen angekommen. Ungläubig hörte Dudley zu, was sein Cousin in den Jahren alles erlebt hatte, in denen er nicht bei ihnen im Ligusterweg gewesen war. Und was das alles für Geschichten waren! Sich an dreiköpfigen Hunden, Schlingpflanzen und einem riesigen Schachspiel vorbei zu kämpfen, um zu verhindern, dass dieser Voldemort wieder an die Macht kommt. Oder sich in eine Geheimkammer begeben, um eine Schlange zu töten und eine Mitschülerin zu retten. Und einmal hatte er sogar gegen hundert von diesen Dementoren gekämpft, nicht nur zwei! Wie er das aushalten konnte, würde Dudley nie verstehen. Ganz zu schweigen von diesem komischen Turnier, bei dem er an Drachen vorbeikommen und eine Stunde ohne richtige Ausrüstung unter Wasser sein musste. Und dann war er noch bei der Wiederauferstehung dieses Monsters dabei gewesen und hatte zugesehen, wie ein Mitschüler ermordet worden war.

Jetzt verstand Dudley auch den leeren Blick, mit dem Harry die ganze Zeit bei ihnen herumgelaufen war, bevor sie von den Dementoren angegriffen worden waren. Und Dudley hatte sich noch sehnlichst gewünscht, ihn zu verprügeln! Was war er nur für ein Mensch! Wie Recht hatten die Dementoren doch gehabt! Wenn Dudley auch nur ein Zehntel von alldem erlebt hätte, was die beiden Zauberer ihm erzählten, dann hätte Dudley nie mehr das Haus verlassen.

„Und was macht er jetzt?", wollte Dudley schließlich wissen, nachdem sie ihm von den letzten Bemühungen des Ordens berichtet hatten, diesem Voldemort Einhalt zu bieten. Aber nachdem der letzte Zaubereiminister (dass sie sowas hatten, Wahnsinn, das war ja wirklich eine ganz separate Gesellschaft, diese Zauberer) getötet worden war, waren sie viel pessimistischer geworden. Hestia sprach Voldemorts Namen nicht mehr aus, weil er jetzt buchstäblich verboten war und keiner wusste mehr, wo Harry und seine Freunde waren. Dudley fiel es schwer zu glauben, dass alle Hoffnungen der Zaubererwelt wirklich auf Harrys Schultern lagen, so wie Dädalus sich ausgedrückt hatte. Auch wenn er das eine oder andere Mal vielleicht entscheidend gewesen war, weil er zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen war und durch Zufall sogar das richtige gemacht hatte, konnte sich Dudley nicht vorstellen, dass ausgerechnet sein schmächtiger junger Cousin mehr ausrichten konnte als erfahrene Erwachsene wie Hestia und Dädalus, oder dieser Kingsley oder der bärtige alte Mann, dieser Dumbledore. Warum in aller Welt sollte Harry mehr Erfolg haben als sie?

„Es gibt eine Prophezeiung", erklärte Hestia ihm schließlich, als Dudley nicht aufhörte, Harrys Rolle anzuzweifeln. Das war auch das einzige Thema, zu dem sich sein Vater zu Wort meldete, wenn er nicht gerade mit bebendem Schnurrbart auf den Fernseher starrte. Seine Mutter sagte nie ein Wort, wenn Dudley sich mit Hestia und Dädalus unterhielt, aber er wusste genau, dass sie zuhörte. Wahrscheinlich wusste sie besser Bescheid als der Rest seiner Familie, sie war schließlich die Schwester von Harrys Mutter.

„Keiner weiß genau, was in der Prophezeiung gesagt wurde, außer Albus und vermutlich Harry. Albus hat gesagt, dass Harry über sein Schicksal Bescheid wissen muss, um effektiv handeln zu können, also gehen wir davon aus, dass er es weiß, aber er hat nichts bestätigt." Sie zuckte hilflos mit den Schultern. „Die Prophezeiung wurde kurz vor Harrys Geburt gemacht, deshalb hatten sich Lily und James auch versteckt, weil sie wussten, dass sie zur Zielscheibe von Du-weißt-schon-wem geworden sind."

„Und was war drin in dieser Prophezeiung?", fragte Dudley gespannt. „Irgendwas müsst ihr doch wissen."

„Soweit wir wissen, benennt die Prophezeiung denjenigen, der die Macht hat, Du-weißt-schon-wen endgültig zu besiegen. Alle Hinweise trafen auf Harry zu und mit seinem Angriff auf Lily, James und Harry hat er sie praktisch besiegelt. Deshalb hat er auch seine Eltern töten können, aber der Versuch, Harry selbst zu vernichten hat ihn beinahe zugrunde gerichtet."

„Wir hatten alle gehofft, dass er gestorben ist", fügte Dädalus hinzu. „Wir hatten alle so gelitten und waren so hoffnungslos und dann war es ein kleines unschuldiges Baby, das ihn zu Fall gebracht hat. Natürlich war es schrecklich, dass Lily und James sterben mussten, aber wir dachten, dass es endlich vorbei war, dass wir endlich Frieden hatten."

„Aber leider war dem nicht so", fuhr Hestia bedauernd fort. „Leider nicht. Doch Harry war jedes Mal entscheidend darin, Du-weißt-schon-wens Pläne zur Machtergreifung zu vereiteln, selbst bei seiner Wiederauferstehung ist Harry davon gekommen, vermutlich gerade weil die Prophezeiung ihn zu seinem gefährlichsten Gegner gemacht hatte. Wir wissen nicht, was er vorhat, aber Albus hat letztes Jahr viel Zeit mit Harry verbracht und wir hoffen und glauben, dass er ihm die Mittel gegeben hat, Du-weißt-schon-wen ein für alle Mal zu besiegen. Und weil es diese Prophezeiung gibt und wir bisher keinen Beweis gesehen haben, der ihr widerspricht, sind wir überzeugt, dass Harry der Schlüssel zu allem ist."

„Es kann einfach nicht sein, dass Du-weißt-schon-wer auf Dauer gewinnt. Das kann einfach nicht sein. Wir haben schon so viele Leute verloren, so oft unser Leben aufs Spiel gesetzt, wir können einfach nicht in einer Gesellschaft gefangen sein, in der ein Drittel seiner Mitglieder nicht akzeptiert wird, obwohl es ihr gutes Recht ist, dazu zu gehören", sagte Dädalus traurig und schluckte. „Lily zum Beispiel war eine wunderbare Hexe. Keiner hätte angezweifelt, dass ihr Platz bei uns nicht rechtmäßig war."

„Oder Hermine Granger, Harrys beste Freundin. Ohne sie wäre er vermutlich schon längst tot", fügte Hestia hinzu. „Jeder, der zaubern kann, gehört zu uns und es ist eine Frechheit und Beleidigung, wenn jemand das anders sieht. Ich kann es einfach nicht verstehen. Wie kann man Lilys unglaubliches Talent oder Hermines Können sehen und ihren rechtmäßigen Platz anzweifeln?" Ein Grinsen erschien auf ihrem Gesicht. „Es ist nur gerecht, dass gerade diese beiden einen entscheidenden Teil dazu beitragen werden, Du-weißt-schon-wen zu Fall zu bringen. Er hasst alle Muggel und Muggelstämmigen und gerade die werden sein Ende sein. Kein Wunder, dass er Angst vor ihnen hat! Zu Recht! Aber ohne sie wäre unsere Welt so viel ärmer."

„Also war Harrys Mutter wirklich wichtig?", fragte Dudley überrascht. Er hatte immer nur gehört, dass sie eine genauso große Missgeburt war wie ihr Sohn und dass seine Eltern sie verachteten und es ihr Recht geschah, gestorben zu sein. Er konnte sich nicht erinnern, jemals auch nur ein positives Wort über sie gehört zu haben. Erstaunt nahm er war, wie seine Mutter, die auf dem Sofa neben seinem Vater saß und in einer Zeitschrift blätterte, sich etwas aufrichtete.

„Deine Tante war eine wunderbare Frau. Herzensgut, begabt, fair. Sie hatte einen so ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, das hat sogar auf James abgefärbt. Der hat in der Schule ja einiges angestellt." Sie lächelte erinnerungsselig. „Sie war ein Sturkopf, aber sie wollte immer nur das Beste für alle. Es war ein sehr trauriger Tag, als wir sie verloren haben. Sehr traurig. Harrys Leben hat so viel verloren dadurch, dass er sie kaum kennen lernen durfte."

Dädalus lachte. „Und dir ist ein wirklich cooler Onkel entgangen, Dudley. Er konnte sich in einen Hirsch verwandeln. Und sein bester Freund hatte ein fliegendes Motorrad."

„Wirklich?", fragte Dudley mit großen Augen. Es war das erste Mal, dass ihm wirklich bewusst wurde, dass Harrys Eltern auch seine Tante und sein Onkel waren. Und die Beschreibung von den beiden klang tausendmal besser als alles, was Tante Magda jemals zu bieten gehabt hatte. Er hätte liebend gerne mal ein fliegendes Motorrad gesehen. Oder wie sich jemand in einen Hirschen verwandelt. „Kann das jeder, sich in ein Tier zu verwandeln?"

„Oh nein. Das braucht jahrelange Übung und sehr viel Talent und Entschlossenheit. Es sind schon einige bei dem Versuch gestorben. Ich hätte mich das nie getraut, und ich bin eine sehr gute Hexe. Und James und Sirius haben es geschafft, als sie fünfzehn waren." Sie schüttelte erneut den Kopf. „Eine Schande, dass es so enden musste mit ihnen. Einfach nur eine Schande. So viele gute Leute haben wir verloren wegen etwas so sinnlosem. So eine Schande."

Dudley nickte betreten. Das war es wirklich.

TBC…