"Gegen eine Dummheit, die gerade in Mode ist, kommt keine Klugheit auf."
(Theodor Fontane)
Aus Tagen wurden Wochen und Severus erholte sich langsam. Sein körperlicher Zustand war nun besser als vor dem Krieg, und über seinen seelischen zustand machte er sich sowieso keine Gedanken. Lucius Malfoy hatte fünf Jahre bekommen, jedoch mußte er diese in Askaban absitzen. Draco verhielt sich glücklicherweise ruhig. Severus fand es höchst bedauernswert, daß der Junge verloren war, niemandem traute und ganz sicher davon überzeugt war, daß sich keiner darum scherte, wie er sich fühlte. Es sei denn, um es gegen ihn auszunutzen.
Severus war ganz und gar kein Mann für Gefühlsduselei, doch er sah, wenn es jemandem nicht gut ging.
Schnell und mit wehendem Umhang ging er zu seinem Büro. Es war ihm zu aller Zeit bewußt, daß er verwundbar war, sich mit seinem Zauberstab nicht wehren konnte. Plötzlich hörte er ein nicht zu verwechselndes Geräusch und spürte eine schleimige, unangenehme Nässe auf seiner Wange. Jemand hatte ihn vom oberen Treppengeländer angespuckt. In einem Satz war er oben und hatte die Übeltäterin gefangen. Ein etwa dreizehnjähriges Mädchen mit mausgrauem Haar und Blumenkohlohren, welches Severus noch nie gesehen hatte. Er rammte sie gegen die Wand. Wer um Himmels Willen war das? Definitiv keine Schülerin, wahrscheinlich handelte es sich um einen Todesser, der sich mit Vielsaft-Trank getarnt hatte.
'Wer sind Sie?' Sein Zauberstab war ganz nah an ihrem Hals. Das Mädchen reagierte gar nicht auf seine Anwesenheit, wich Augenkontakt aus. 'Schauen Sie mich an!' forderte er, um es mit Legilimentik zu versuchen. Sie sah an ihm vorbei und zog ihre Stirn in Falten, als müsse sie ein wichtiges mathematisches Problem lösen. Dann holte sie noch einmal aus und spuckte ihm direkt in sein rechtes Auge. Irgend etwas stimmte nicht. Er zerrte das Mädchen mit sich, wollte ins Büro der Schulleiterin, als er eine laute Stimme hinter einer offenen Tür vernahm.
'...alle anderen Operationen als die pädagogische Hermeneutik laufen auf unkritische Paraphrasen der Selbstbilder der Praxis selbst hinaus oder auf den subsumtionslogischen Illusionusmus einer operationalisierenden direkten Erfassung. Oh. Entschuldigen Sie bitte.'
Mrs Cochrane hastete aus dem Zimmer und hechtete auf Severus zu, als sie sah, wie er sie hinter sich herzerrte, mit mörderischem Ausdruck im Gesicht.
'Hey! Was tun Sie mit meinem Kind!'
Oh.
'Sie findet es wohl amüsant, Lehrpersonal zu bespucken?', fragte Severus wütend.
Nun nahm Cochranes Gesichtsausdruck einen ungläubigen Eindruck an. Ganz als ob sie mit einem zurückgebliebenen Fünfjährigen sprach, sagte sie: 'Er ist auf dem Spektrum, Professor Snape.'
Es war ein Junge. Von welchem verdammten Sprektrum redete diese Frau?
'Autismus, Professor Snape. Marcus ist autistisch.'
Oh.
Sie schüttelte den Kopf mißbilligend und ging zurück in den Klassenraum. Drinnen saßen McGonnagal, Trelawney, Procklington-Smythe. Dies waren die Pädagogikstunden, denen Severus sich so elegant entzogen hatte. Minerva sah etwas gehetzt aus. Als ob sie überhaupt nicht verstand worum es ging. Trelawney lächelte selig. Sie war nicht ganz da. Procklington-Smythe warf Severus einen neuerlichen bedeutungsvollen Blick zu und Severus ging weiter.
Damit er sich etwas schonte und nicht überarbeitete, hatte Minerva die Idee gehabt, Hermine als seine persönliche Assistentin arbeiten zu lassen. Sie braute nun auch, korrigierte und lernte nebenbei schon im voraus für die UTZs und nahm ihre Pflichten als Schulsprecherin ernst. Zusammengefaßt, Hermine Granger ernährte sich größtenteils von schwarzem Kaffee, so stark, daß selbst der Elderstab darin steckenbleiben würde.
Sie saßen in seinem Büro und korrigierten die letzten Tests der Zweitkläßler. Ihre Brauen zogen sich immer weiter zusammen, ab und zu konnte man ein leises Grummeln vernehmen. Sie fuhr sich so oft durch das Haar, bis ihre Hand sich vollkommen verheddert hatte. Amüsiert lehnte er sich zurück und betrachtete sie. Es sollte Schülerinnen nicht erlaubt sein, dermaßen einnehmend und begehrenswert auszusehen. Als sie bemerkte, daß sie angestarrt wurde, errötete sie leicht.
'Schau dir das an,' empörte sie sich. 'Das ist doch nicht zu fassen!' Es war ein Test einer Zweitkläßerlin aus Gryffindor namens Cecilia McKeeman.
1. Ordnen Sie zehn Zaubertränke nach Risikograd der Nebenwirkungen.
der liebes trank
der rede trank
der erinner trank
der verges trank
der schmerz trank
der pickelwegmach trank
der todes trank
2. Beschreiben Sie die Herstellung und Wirkungsweise von Diptam
erst schnippelt man die alraunen zu geschnätzeltes und macht sie rein in den kessel, dann macht man auch noch ein mondstein klein und der kommt auch dazu und dann kann man schon mal um rüren, und dann kann man noch so manche kräuter zu fügen und nochmal um rüren und dann kann man das diptam trinken und dann gehen die schmerzen auch bald weg so nach einer halben h vielleicht
Abgesehen davon, daß Diptam aufgetragen und nicht getrunken wurde, daß Alraunen weder geschnetzelt wurden noch Diptam überhaupt vorhanden sein sollten, es gab auch die Hälfte der aufgelisteten Tränke nicht unter diesem Namen. Und es waren noch nicht einmal zehn. Hermine kritzelte wütend ein T unter die Arbeit und verlangte, daß alles nachgeholt wurde.
'Wie hast du das denn so lange ausgehalten? Ich will nie Lehrer werden!'
'Das wollte ich auch nicht,' antwortete er, 'aber es gab ja eine große Anzahl überaus ablenkender Sensationen in den letzen Jahren.' Seine Stimme hatte ohne das er es wollte einen sarkastischen Ton angenommen.
'Professor Dumbledore muß ganz schön clever gewesen sein, dir das als Wiedergutmachung und Zweite Chance zu verkaufen.'
'Zweifellos,' sagte Severus tonlos und bevor er wieder hinter seinem Haar verschwinden konnte, hatte sie ihre kühlen, festen Lippen auf die seinen gepreßt. Er verkrampfte sich, stieß sie zurück, bevor er sich selbst vergaß. Zu spät. Eine gewaltige Reaktion schwappte über ihn wie eine Welle, die erst seinen ganzen Körper umspülte und sich dann auf seine Leistengegend konzentrierte.
Oh Merlin.
Es klopfte.
Hermine war in sekundenschnelle wieder an ihrem Platz, bis auf zwei kleine hektische Flecken auf ihren Wangen sah sie aus, als wäre nichts geschehen.
'Herein,' sagte sie mit fester Stimme. Der Anblick der sich ihnen bot war, um es stark zu untertreiben, ernüchternd.
Das Kind, welches dort stand schien kaum am Leben zu sein. Das ist nicht Dennis Creevey, schoß es Severus irre durch den Kopf. Das ist sein Geist. Der Junge liegt in irgend einem Badezimmer mit aufgeschlitzten Pulsadern und aufgerissenen Augen.
Blaß, klein, schmal und unendlich langsam bewegte der Junge sich auf den Schreibtisch zu und sank auf einen Stuhl. Er war zum Nachsitzen hier, hatte in den letzten sechs Wochen nicht eine einzige Hausaufgabe erledigt, keine Feder oder seinen Zauberstab angerührt, keinen Trank gebraut.
'Ich sollte Nachsitzen,' sagte er mit piepsiger Sopranstimme, obwohl er fünfzehn Jahre alt war. Severus glaubte fast, durch ihn hindurchsehen zu können.
'Setz dich,' sagte Hermine sanft. Severus kannte diesen Ton nur zu gut.
Severus gab vor, sich wieder in seine Korrekturen zu vertiefen, er hatte alles im Rahmen der (legalen) Möglichkeiten versucht, um Creevey wieder zum Lernen zu bewegen. Sollte sie es versuchen. Hermine schob ihm wortlos ein Blatt unter die Nase, Creevey ignorierte es. Warum war überhaupt gekommen?
Der Kinderkopf ruhte auf einer Hand mit Rissen und Schwielen. Creevey hatte seinen Bruder selbst begraben und sich seine Hände fast zerstört. Das Gesicht war traurig und ohne Tränen, mit zwei sehr großen Augen, einem blauen und einem braunen. Der Mund war breit, mit kantigen, weißen Zähnen. An den Schläfen saßen je drei kleine Fältchen, die Dennis Creevey das Gesicht eines fröhlichen, frechen Jungens verliehen. WEnn er aber traurig war, war er recht seltsam anzusehen. Das Lachen war in sein Gesicht hineingeboren und es wollte sich nicht mit Gewalt verdrängen lassen. Und doch war es lange her, seit der Junge zum letzten Mal gelacht hatte.
Er saß regungslos und starrte auf die Steinwand des Büros. Dennis Creevey war zum Sorgenkind von Hogwarts geworden.
Severus wußte wenig über ihn, nur daß seine Mutter in irgend einer Muggelklinik lag und nicht ansprechbar war.
'Weißt du noch, wie Colin immer das Gesicht verzogen hat, wenn er beleidigt war?' Was tat sie?
'Er besaß ein Mienenspiel wie kein Zweiter,' fuhr sie unbeirrt fort. 'Zu jeder auch noch so kleinen Veränderung seines Gemüts konnte er das passende Gesicht machen.'
Etwas Leben kehrte in das bleiche Jungengesicht zurück. Er nickte und seine Lippen zuckten ein wenig.
'Schlimm wurde es, wenn er sich nicht entscheiden konnte, ob er zum Beispiel empört oder zutiefst beleidigt war. Dann mußte man ihm aus der Klemme helfen...'
Creevey lächelte jetzt abwesend. Ihre Worte verfehlten nicht ihre Wirkung.
'Er hat gern Fremdwörter benutzt,' flüsterte er heiser, 'und sie oft verstümmelt.' Tränen lösten sich von den verschiedenfarbigen Augen und sickerten in das Pergament.
'Colin hat viele Photos gemacht von der Schlacht. Er war sehr tapfer, Dennis.'
'Ich weiß.'
Sie hatten wohl beide vergessen, daß Snape anwesend war. Dies war eine andere Gabe von ihm. Sich ohne Magie unsichtbar zu machen.
'Mama erkennt micht nicht mehr. Sie wird denken, daß ich es hätte sein sollen. Colin war immer ihr...'
'Pscht. Das denkt sie nicht. Mütter denken nicht so. Es wird ihr irgendwann besser gehen. Das dauert. Und Colin hätte nicht gewollt, daß du aufgibst. Stell dir seine Miene vor, wenn er es wüßte.'
Er wischte sich über die Augen und schien zum ersten Mal wirklich anwesend zu sein. 'Colin hat gesagt, Photographen werden nicht getötet! Er hat es mir versprochen. Ich bin eigentlich hergekommen, um herauszufinden, wer ihn umgebracht hat.'
'Crabbe senior,' sagte sie etwas widerwillig.
Severus sah auf, als er Creeveys Blick auf sich spürte.
'Er wird zum Kuß der Dementoren verurteilt werden,' sagte er, sicherer als er es wirklich war.
'Sie werden gegen ihn aussagen, Professor?'
Severus neigte seinen Kopf berechnend. In diesem Moment sah er so sehr wie ein Slytherin aus.
'Sie werden Ihren Stoff nachholen, Mr Creevey?'
Dennis Creevey krallte sich für ein paar Sekunden am Schreibtisch fest, man konnte spüren, wie es in ihm tobte. Dann nickte er. Langsam und nachdenklich. 'Okay. Deal.'
Der Junge stand auf, unerlaubt, aber das spielte keine Rolle und verließ das Büro. Er schien seinen Kopf etwas höher zu tragen als die gesamten letzten Wochen.
'Paß auf dich auf, Dennis,' rief Hermine ihm nach.
Hermine blickte ihm nachdenklich nach, vergrub plötzlich das Gesicht in den Händen und brach in Tränen aus. Ohne einen Gedanken zu verschwenden, war er bei ihr, zog sie fest an sich bis er ihr Herz hörte und wisperte sinnloses Zeug, das beruhigen sollte in ihr Ohr. Sie ließ es geschehen, krallte sich an ihm fest wie eine Ertrinkende, aber beruhigte sich nicht.
'Ach verdammt. Es ist spät.' Müde erhob sie sich und überließ ihn seiner eigenen kleinen persönlichen Hölle.
