Ihr Lieben,

Es ist keine Besserung in Sicht an der Update-Front. Das wahre Leben hält mich in seinen Klauen, und vom Schreiben ab. Eine Entschuldigung auch an diejenigen, die mir zwischendurch geschrieben haben und aus demselben Grund noch keine Antwort haben. Keine böse Absicht, versprochen, im Gegenteil, ich freu mich wie doof über Mails – ich komm halt bloß nicht dazu, sie zu beantworten.

Nach dem dies gesagt ist, viel Spaß mit dem neuen Kapitel, und wenn ihr Lust habt, erzählt mir doch wie's war :D

Disclaimer: Nicht meins, laberlaber.

Soundtrack: Guns'n'Roses – Welcome to the Jungle

(Oh, das es dieses Kapitel "schon" heute gibt, habt ihr übrigens Lea aka Mondfee zu verdanken, die mich gezwungen hat, ein Update noch für diese Woche zu versprechen. Sagt danke. ;))

Vierzehntes Kapitel

Zeit ist eine komische Sache.

Mal vergeht sie ruhig, gleichmäßig, und eine Stunde ist 60 Minuten lang. Und wenn man Pech hat, länger. Und dann wieder gibt es diese Zeiten, in denen man eines Morgens aufwacht und sich fragt, wo zum Teufel die letzten Stunden/Tage/Wochen geblieben sind. Das einzige Gesetzt, das für die Zeit wirklich gilt, ist dieses: Egal welches Verhalten sie an den Tag legt – es ist garantiert jenes, dass man nicht gebrauchen kann.

So zum Beispiel an jenem Morgen, an dem ich in meinen Koffer biss.

(Ja, richtig – Koffer. Wie in großer, schwerer Hogwarts-Schrankkoffer. Die Sorte, die in einem Kampf „Koffer vs. Gebiss" normalerweise gewinnt.)

Nun wache ich zwar morgens meistens einigermaßen hungrig auf, aber bis zum Frühstück und damit einem frischen Brötchen kann ich mich meistens gedulden. Vor allem, wenn die Alternative zu diesem Brötchen Koffer heißt.

Warum also an diesem Morgen das Abweichen von der Regel?

Weil es kurz vor den Weihnachtsferien war. Weil da wie immer 6 Tests in 5 Tagen geschrieben werden mussten, natürlich in der ersten Stunde, und weil ich für den heute schon wieder fast zu spät und wahnsinnig im Stress war. Und jetzt lag ich auf dem Boden, den einen Fuß im Riemen einer Tasche, die jemand dort hatte liegen lassen, und hielt mir den Kiefer, der sich mehr anfühlte wie zwei halbe Kiefer.

So eine gottverdammte… [an dieser Stelle ist es aus Gründen des Jugendschutzes sinnvoller, nicht wörtlich zu zitieren.

Jedenfalls war ich verständlicherweise in eher suboptimaler Stimmung als ich es schließlich doch noch zum Frühstück schaffte.

„Guten Morgen, welcher Sonnenschein blendet uns denn da", grüßte James grinsend.

„Es ist Dezember. Sonnenschein steht erst in drei Monaten wieder auf dem Terminplan."

„Ah. Und ich dachte schon, du hättest schlechte Laune oder so."

Ich schnitt ihm eine Grimasse.

„Na ja, es ist ja nicht so, als ob es für schlechte Laune keinen Grund gäbe", meinte Peter mit zweifelnder Stimme, die Nase im Tränkebuch, während er ein Messer sein Brötchen schmieren ließ.

„Ach, stellt euch nicht so an, so schlimm ist es auch wieder nicht. Bisschen Zeug in einen Topf werfen und umrühren, das werden wir ja wohl noch schaffen", sagte Sirius und ließ das fertig geschmierte Brötchen zu sich hinüber schweben, ohne dass Peter es merkte.

„Welche Weisheit so früh am Morgen", sagte Remus und legte das Brötchen auf Peters Teller zurück, „warum hast du uns das nicht schon früher gesagt? Wieviel Zeit haben wir all die Jahre mit dem lernen von Golpalott's Regeln und der Schleichhorn-Smyth-Technik verschwendet, wo es doch so einfach ist!"

„Sinnlos", mischte ich mich ein, „vor zehn Uhr morgens ist er sarkasmus-resistent." Sirius streckte mir die Zunge heraus, und ich grinste und nahm mir das Brötchen.

(Armes Ding, so oft hin und her gegeben. Komm zu Mama. Und bring deine Freunde mit.)

„Das ist faszinierend", sagte James, und ich sah an seinem Gesichtsausdruck, dass ich nicht mögen würde, was nun kam. „Kaum macht er den Mund auf, lacht sie."

Hat ich's doch gewusst. Na warte.

„Bloß weil ihr alle unlustig seid. Und überhaupt, du hast dich über meine schlechte Laune beschwert. Ich wollte nett sein und der Allgemeinheit einen Gefallen tun, das hat nichts mit Sirius zu tun."

„Na vielen Dank!"

„Nimm's nicht persönlich."

„Weil du's bist."

„Danke, ich fühle mich geehrt."

„Da, sie grinst schon wieder!"

„James, nimm den Finger runter, das ist unhöflich. Sirius, hör auf ihn zu treten, der Tisch wackelt. Peter, mach den Mund zu. Mandalay…", Remus grinste und senkte die Stimme, „bin ich froh das deine Laune nichts mit Sirius zu tun hat. Am Ende würde er sich noch schuldig fühlen wegen London."

Ich brauchte einen Moment, bis ich die Sprache wieder gefunden hatte.

„Ich habe keine Ahnung wovon du sprichst."

„Umso schlimmer."

„London hatte überhaupt nichts mit - ach verdammt, du glaubst mir eh nicht, oder?"

„Gut erkannt."

Und damit stand er auf und ging, und ich blieb sitzen versuchte mich davon zu überzeugen, dass Remus nicht immer recht hatte.

o O o

Ob diese Versuche nun den Erfolg hatten, den sie hätten haben sollen, ist Ansichtssache. Was sie aber auf jeden Fall hatten, waren Folgen.

Mir reichte es. Ich ging mir selbst auf die Nerven, ich hatte für mich atypische Kurzschlussreaktionen, und, Hölle, ich musste mich von Remus mit der Nase auf all das stoßen lassen. Zeit, der Sache auf den Grund zu gehen.

Ich beschloss, mir ein Beispiel zu nehmen an Leuten, die ihr Leben besser im Griff hatten. Aber wer?

Niemand aus Hogwarts (seien wir ehrlich, ein paar hundert magische Teenager auf engem Raum, hier hat niemand sein Leben im Griff.)

Gut. Wen kannte ich außerhalb der Schule, der sein Leben im Griff hatte?

Mum?

Haha. Nie im Leben.

Lucy?

Hahahahaha. Wenn die Hölle zufror vielleicht. Ach was, nicht mal dann. Obwohl ich zugeben musste, dass sie ihren - größtenteils hausgemachten – Katastrophen ein gutes Stück gelassener und gutaussehender entgegentrat als ich meinen, aber andererseits handelte es sich bei denen meistens um Trivialitäten wie Ärger mit dem Ministerium oder ungewollte Schwangerschaften in ihrem Bekanntenkreis äquatorialen Ausmaßes. Der Bekanntenkreis, versteht sich, nicht die Schwangerschaften.

Obwohl es da auch schon Geschichten gab, gütiger Merlin, was man mit Magie alles an Blödsinn so…

Egal! Konzentration war gefragt. Ha, schon die erste Lektion um mehr Ordnung in mein Leben zu bringen. Ich schnappte mir ein Stück Pergament (das etwas den Eindruck machte, als ob es das Maul eines Großen Tieres Mit Spitzen Zähnen schon mal von innen gesehen hätte) und einen Federkiel (dem besagtes Maul wahrscheinlich auch nicht unbekannt war), und schrieb schwungvoll:

Konzentration! Abschweifen führt nur zu Unfällen!

(Wie dieses eine Mal, als ich mir hatte Tee machen wollen, und dann schwappte der über und ich wollte ihn wegputzen und es hat geklingelt und das Tuch hat Feuer gefangen und… ahh, Alarm, Abschweifung, Alarm!)

Und jetzt? Ich sah auf die Uhr. Ich war schon ganze zwei Minuten produktiv gewesen. Aber ich war ja schließlich anspruchsvoll, da reichte das nicht. Also, weiter.

Nach weiteren zwei Minuten sah ich das nächste Mal auf die Uhr, und kurz darauf noch mal, und dann fand ich mich damit ab, dass ich, wenn das hier keine verschwendeten vier Minuten gewesen sein sollten, mir etwas überlegen musste.

Puhh. Das versprach mehr Arbeit zu werden, als ich erwartet hatte. Und nicht ein vernünftiges Vorbild, an dem ich mich hätte orientieren können.

Was also musste ich noch tun, um mein Leben in den Griff zu bekommen? Ich hätte gern an meinem Federkiel geknabbert - erleichterte den Teil mit der Konzentration – aber der Gedanke daran, wo der schon wohl überall gewesen sein mochte, hielt mich davon ab.

Hm. Es hieß immer, behandle andere so, wie du behandelt werden wolltest… nee, auf keinen Fall. Am Ende musste ich noch zu Andy höflich sein, und, neues Image oder nicht, ich hatte meine Grenzen. Sechs Jahre Feindschaft sind schließlich nichts, was man einfach so wegwirft. Und überhaupt, wo kämen wir da hin, wenn ich anfinge, Sirius Freundin zu behandeln, wie ich behandelt werden will! Müsste er sich dann auch daran halten? Müsste er mich dann auch…– ahh, Abschweifung! Das waren keine Bilder, die ich in meinem Kopf brauchte, oh nein. Ich sah meine Konzentration in höchster Gefahr (und das hatte nichts mit Sirius' freiem Oberkörper zu tun, den ich gerade vor Augen hatte, besten Dank!) und richtete Augen und Aufmerksamkeit wieder auf das Pergament vor mir.

Ich starrte auf die fast leere Seite.

Ich starrte noch ein bisschen mehr.

Ich strich durch, was ich geschrieben hatte, und drehte das Pergament herum.

An die Sache musste ich anders heran gehen. Mein Leben hatte eine ganze Weile auch ungeordnet nicht so schlecht funktioniert, im Moment hatte ich bloß ein paar mehr Probleme als mir lieb war. Na und? Kein Grund, Panik zu schieben. (Und was ist der Versuch, ein Leben nach Regeln zu ordnen, wenn nicht eine Panikattacke?) Alles was ich tun musste, war, meinen Problemen auf den Grund zu gehen und sie zu beseitigen.

Meine Mutter hatte massenweise diese Selbsthilfe- und Motivationsbücher zu hause rumstehen, auf denen erfolgreiche, schlanke, schlecht frisierte Menschen von den Covern grinsten und winkten, und die einem immer empfahlen, auf seine eigenen Stärken zu vertrauen. Und Haar Des Grauens oder nicht – das war nicht der schlechteste Rat.

Entschlossen schob ich die Zunge zwischen die Zähne und packte den Federkiel fester. Ich hatte meine Familie überlebt, ich war Animagus geworden, Hölle, ich schlug mich täglich in einer Schule mit hunderten magischen Teenagern durch. So ein winziger, unmotivierter Freak-Out würde mich nicht klein kriegen.

o O o

Remus runzelte die Stirn. Ich verdrehte die Augen.

„Stell dich nicht so an, so schlimm ist meine Schrift nun auch wieder nicht. Konzentrier dich lieber auf den Inhalt und sag mir, was ich davon halten soll."

„Ein Hoch auf die eigene Meinung."

„Lustig." Meine Finger trommelten auf den Bibliothekstisch, an dem ich Remus gefunden hatte, ohne dass ich sie hätte stoppen können. Neben dem Ticken der Uhr machten sie das einzige Geräusch. Die gespenstische Stille einer Bibliothek, wenn alle draußen sind und eine riesige Schneeballschlacht veranstalten. Halb sehnsüchtig, halb verängstigt sah ich nach draußen.

(Das ist übrigens der Punkt, an dem Leute, die mich kennen, eine Braue heben und denken „Verängstigt? Wegen einer Schneeballschlacht? Da stimmt doch etwas nicht!"

Gut erkannt.)

„Und?", erkundigte ich mich ungeduldig bei Remus.

„Was soll ich dazu sagen, da steht nichts Neues."

Ich war verwirrt. „Ist ja schön und gut, aber das hilft mir nichts, wenn ich nicht weiß, was da steht!"

„Du hast das doch schon ganz gut erfasst", sagte Remus und bestätigte meine Befürchtung, „wenn man mal genauer drüber nachdenkt, haben alle deine Probleme genau eine Wurzel, nämlich…"

o O o

„Sirius! Hey!" Bis zur Nasenspitze verpackt rannte ich durch den Schnee, der die Ländereien halbmetertief unter sich begraben hatte, bemüht, trocken zu halten, was in meiner Jacke verborgen war, und winkte mit beiden Armen, um Sirius Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Keine Reaktion. Was möglicherweise damit zusammenhing, dass James gerade damit beschäftigt, ihn möglichst vollständig mit Schnee zu bedecken, und Sirius alle Hände voll zu tun hatte, wenigstens einige wenige Quadratzentimeter seiner Haut über dem Gefrierpunkt zu halten.

Grinsend beschloss ich, zunächst mal die Show zu genießen.

Von mitmachen war wohlgemerkt zu keinem Zeitpunkt die Rede gewesen, aber das hätte ich den Jungs wahrscheinlich schriftlich geben müssen. Da Notar und Schreibzeug aber dummerweise grade nicht zur Hand waren, fand ich mich Sekunden später ebenfalls mit dem Kopf voran im Schnee wieder.

Als ich hustend und spuckend wieder auftauchte, war mein Spieltrieb geweckt (hallo-o, Animagus, bei uns ist der halt ausgeprägter!), und ich schwor eiskalte Rache. Mit Gebrüll stürzte ich mich in die Schlacht, und der Grund meines Kommens war vergessen.

Erst als die Dämmerung das strahlende Winterblau des Himmels in undurchdringliche Dezemberschwärze verwandelt hatte, tropften wir erschöpft aber glücklich unseren Weg durch die Flure zurück zum Turm. Ich war ziemlich sicher, dass ich es optisch mit jeder nassen Ratte aufnehmen konnte, und auch der Rest sah nicht viel besser aus. Die Ausnahme bildete wie immer Sirius, der mit geröteten Wangen auf Porzellanhaut und rabenschwarzen Haaren eher aussah wie Schneewittchens großer Bruder, der sich mit Modeljobs seinen Unterhalt verdiente. Das Leben war einfach nicht fair.

„Das ist doch eine Leistung", sagte Sirius und drehte sich eine meiner nassen Haarsträhnen um den Finger, „du hast so viel Wasser aufgesogen, du könntest Badewannen füllen."

„Was soll ich sagen, ich habe Talent", gab ich lächelnd zurück.

„Zum Wasser aufsaugen? Ich bin beeindruckt!"

„Ja klar, lach du nur. Wenn ihr eines Tages mal droht in einer überdimensionalen Badewanne zu ertrinken, und ich euch retten muss, dann werdet ihr mir für meine außergewöhnlichen Fähigkeiten danken."

Sirius lachte. Ich hatte ihn schon immer gern zum Lachen gebracht (ich brachte Leute generell oft zum Lachen, wenn auch nicht immer freiwillig.) Der Grund war schlicht und einfach, dass ich ihn gern lachen hörte. Er hatte ein schönes, melodiöses Lachen, warm. Man konnte gar nicht anders, als sich gut zu fühlen, wenn Sirius lachte.

„Erzählst du mir auch noch, was genau wir in einer überdimensionalen Badewanne machen? Und, noch wichtiger, warum du nicht dabei bist?"

„Oh, irgendjemand hat euch erzählt, auf dem Grund gäbe es nackte Meerjungfrauen. Und weil die mich nicht interessieren, bin ich draußen geblieben. Was ja auch gut war, sonst hätte ich euch nicht retten können." Ich musste mich mittlerweile selbst zusammenreißen, um die Geschichte fertig erzählen zu können, und Sirius ging es nicht viel besser.

James, Peter und Remus, die nicht bekommen hatten, worum es ging, drehten sich um, sahen uns an, zuckten die Schultern und gingen weiter. Nichts Ungewöhnliches.

Wir beruhigten uns schließlich wieder genug, um weiter gehen zu können, hin und wieder unterbrochen von kleineren Rückfällen in völlig unmotiviertes Kichern. Alles in allem brauchten wir wahrscheinlich länger zum Turm, als wir es normalerweise taten. Aber es störte nicht wirklich, zumindest nicht, bis mir auffiel, dass ich bereits zehn Minuten zu spät war für ein verabredetes Treffen mit Lily in der Bibliothek (ich brauchte eine zweite Meinung zu meiner hochprofessionellen Problemanalyse. Oder viel mehr, zu deren Ergebnis.)

„Ah, verdammt, Lily macht mich tot, sie hat extra McGoogles versetzt!"

„Sowas macht die für dich? James wäre neidisch." Sirius grinste, doch dann schmolzen seine Züge zu etwas zwischen seltenem Ernst und einem (fast noch seltenerem) echten Lächeln.

„Was ich noch sagen wollte – bevor ich leider nicht mehr atmen konnte vor lachen – wegen der Badewanne. Ob sie dich jetzt interessieren oder nicht, sollte so etwas mal vorkommen, bist du dabei. Ohne dich machen nämlich nicht mal nackte Meerjungfrauen Spaß. Und auch sonst nichts."

Und damit stieg er durch das Portraitloch und war weg.

Wisst ihr noch, was ich gesagt habe, mit der Zeit? Dass sie komische Dinge macht, die man selten gebrauchen kann, dass sie langsamer laufen kann, oder seltsam bruchstückhaft,

oder dass sie rennen kann wie James, wenn Lily wütend ist?

Tja, es gibt noch etwas, das die Zeit kann. Es passiert nur manchmal, ziemlich selten eigentlich. Aber wenn etwas wirklich Überraschendes, ja Atemberaubendes, geschieht – dann kann es vorkommen, dass die Zeit einfach stehen bleibt.

o O o

Zum zweiten Mal in 24 Stunden geschah dies, als mir, mit einem klitzekleinen Herzstillstand, am nächsten Morgen wieder einfiel, was ich vor lauter Schneeballschlacht vergessen hatte.