Kapitel vierzehn

Der Morgen brach an. Die Sonne war noch nicht ganz aufgegangen. Hauchdünne Nebelschwaden hingen über der dicken Schneedecke des Vortages. Am Tag zuvor hatte es angefangen zu schneien und während der ganzen Nacht hatte es nicht wieder aufgehört. Vielleicht würden sie ja trotz allem noch eine weiße Weihnacht bekommen, dachte John. In den letzten 15 Minuten hatte er Sherlocks Schlaf beobachtet. Er saß auf dem Schreibtisch in ihrem Schlafzimmer, nippte an seinem Kaffee und dachte über die Ereignisse der vergangenen Nacht nach. Glücklicherweise gab es Tee und Kaffee auf jedem Schlafzimmer. Einen Morgen ohne Kaffee zu beginnen war ein absolutes No-Go. Besonders an diesem Morgen brauchte er das Koffein dringend. Er fühlte sich absolut gerädert. John hatte in dieser Nacht nur knapp vier Stunden geschlafen, was in Anbetracht seiner letzten Offenbarung auch kaum verwunderlich war. Auf der anderen Seite fühlte er sich auch erleichtert. Er hatte endlich eine Entscheidung getroffen.

Allerdings war er noch nicht so ganz davon überzeugt, dass er diese neue Situation begrüßte. Die Aussicht auf eine romantische Beziehung, mit Sherlock Holmes notabene, war für John von Zeit zu Zeit noch immer erschreckend, weil sie neu und unbekannt war. Er kannte die attraktiven Merkmale von Sherlocks exzentrischem Charakter, und er wusste auch um die dunklen Aspekte davon.

Er hatte keine Ahnung, wie Sherlock eine ernsthafte romantische Beziehung bewältigen würde. Auf der anderen Seite war John gut darin, mit ihm zusammen zu sein. Er konnte mit ihm umgehen, egal ob er sich sehr charmant oder extrem nervig benahm. Doch warum jemand wie Sherlock jemanden wie John jemanden wie Victor Trevor vorziehen würde, blieb ein Rätsel für ihn.

Aber John war ein Mann, der zu seinem Wort stand, auch wenn er es sich nur selbst gegeben hatte, und er war kein Feigling. Er hatte sich noch nie für einen anderen Mann interessiert. Er hatte sich selbst sein ganzes Leben lang als strikt Hetero gesehen. Sherlock war jedoch einzigartig – die Ausnahme. Er musste zugeben, dass er eventuell sehr heimlich und sehr unbewusst seit einiger Zeit Angst gehabt hatte, dass dies am Ende dabei herauskommen würde. Er war Sherlocks Charme wirklich vom Moment an erlegen, in dem er ihn zum ersten Mal getroffen hatte, und Sherlock selbst hatte sofort positiv auf ihn reagiert. Nein, es war keine Liebe auf den ersten Blick gewesen, aber es hatte genau dort angefangen, und das war für jedermann sichtbar gewesen. Natürlich hatte Mycroft als Erster die kleinen Veränderungen im Verhalten seines Bruders bemerkt, dann Greg Lestrade, die Mitglieder des Yard ... Mrs. Hudson hatte sie sowieso nie für etwas anderes als ein Paar gehalten. Es gab wohl keinen Menschen in ganz London mehr, der sie für etwas anderes hielt - sicherlich nicht unter ihren Bekannten.

Die meisten waren ganz sicher keiner anderen Meinung mehr zugetan, seitdem sie Verlobungsringe trugen und sein lieber zukünftiger Schwager aus Mangel an etwas anderem nichts Besseres zu tun gehabt hatte als der Königin und der Regierung davon zu erzählen. Was natürlich ein kluger Schachzug von seiner Seite gewesen war, wie John zugeben musste. Von diesem Moment an hatte John gewusst, dass er so gut wie schachmatt gesetzt war. Doch der Ring warf auch eine andere Frage auf: Was sollte er nach der Lösung des Falls damit tun? Eine Beziehung mit Sherlock Holmes war eine Sache - wohl etwas, das mit einer Selbstmord-Mission gleichzusetzen war - eine Verlobung war etwas ganz anderes. Er war sich nicht sicher, ob er schon jetzt bereit war, einen solchen Schritt zu wagen.

Nun ja, kam Zeit, kam Rat, dachte John. Ein Schritt nach dem anderen. Er würde mit dem Ausdruck von Zuneigung beginnen.

Dann berührte er vorsichtig die lockigen Harre seines Freundes, die den einzigen Teil von Sherlock darstellten, der unter den Laken, in die er sich eingerollte hatte, hervorlugten. „Sherlock?", flüsterte John leise.

Keine Reaktion.

Er streichelte Sherlocks Haare zärtlich. "Sherlock?", flüsterte er erneut.

Es dauerte mehrere Minuten, bevor der Detektiv langsam wieder ins Reich der Lebenden zurückkehrte und sich reckte. Schläfrig, tauchte er aus den Laken auf und hob den Kopf weit genug, um John sehen zu können, und stützte sich dabei auf seine Ellbogen. „Jawn?"

John räusperte sich und lächelte scheu. "Guten Morgen, Sherlock."

„Wasislos?", lallte Sherlock und hatte überdeutliche Schwierigkeiten, die Augen offen zu halten. „Iswaspassiert?"

John konnte angesichts von Sherlocks undeutlicher Sprechweise und verschlafenem Gesicht ein Lächeln nicht unterdrücken. Es war wirklich merkwürdig! Sherlock konnte tagelang ohne Schlaf auskommen, aber wenn er dann endlich schlief, hatte er einen gesunden Schlaf und konnte man ihn kaum aufwecken. Jetzt sah er wieder aus wie ein kleines, verlorenes Kind. Dieser auffällige Aspekt seines Charakters war so anders als die einfallsreiche, arrogante und anmaßende Seite von Sherlock, dass John sich schon oft gefragt hatte, wie sein Freund überlebt hatte, bevor sie einander kennen gelernt hatten - ohne den Anker, der ihm half nicht davon zu treiben, ihn an seine basalen Lebensbedürfnisse wie essen und schlafen erinnerte, und dafür sorgte, dass er sich benahm.

„Nein, Schatz. Nichts", antwortete John amüsiert. „Ich werde ein paar Runden im Schwimmbad schwimmen. Ich habe Muskelkater von unserem nächtlichen Abenteuer und du weißt ja, das aktive Erholung hilft."

Er hätte natürlich auch einen post-it zurücklassen können, aber das hätte den Zweck natürlich nicht erfüllt. John plante ihm von diesem Zeitpunkt an einen Grund für Deduktionen zu liefern. Mal sehen, was er daraus machen konnte.

„Die medizinische Bezeichnung für diesen Zustand ist DOMS, und es wird angenommen, dass es durch Mikrorisse der Muskelfasern zu einer Entzündung des Muskels kommt. Behandlung von Muskelkater nach dem Training konzentriert sich auf die Verringerung der Entzündung und darauf den Muskelkater richtig zu heilen. Die einfachste und zuverlässigste Behandlung bei Muskelkater ist Ruhe. Die meisten Menschen mit Muskelkater werden sich ohne spezifische Behandlung innerhalb von fünf bis sieben Tagen wieder besser fühlen. Einige einfache Tätigkeiten, die als "aktive Erholung" bekannt sind, können während dieser Phase der Behandlung hilfreich sein. Aktive Erholung regt die Durchblutung der Muskeln an, verbessert die Durchblutung in den Muskeln und hilft bei der Reduzierung der Muskelschmerzen", ratterte Sherlock automatisch herunter.

Er sah jedoch nicht viel wacher als vorher aus. Wahrscheinlich hatte er diese Tatsachen gesammelt und in seinem Gedächtnispalast zur weiteren Verwendung abgespeichert.
John konnte nicht umhin seinen Freund erstaunt anzusehen, was eigentlich überflüssig war, denn John war Sherlocks Brillanz gewöhnt. Aber so nun und dann überrumpelte er ihn doch wieder, und John verfiel in die Art von Bewunderung, die er in den frühen Tagen ihrer Bekanntschaft empfunden hatte. Die, die ihn ein wenig aus dem Gleichgewicht brachte.

„Richtig, Genie. Versuch noch ein bisschen zu schlafen. Ich werde dich beim Frühstück sehen", antwortete er. John beugte sich schnell vor und küsste ihn auf die Stirn. Dabei zerzauste er erst Sherlocks Haar und fuhr sanft mit den Fingerspitzen seine Wangenknochen entlang als er seine Hand zurückzog. Dann verließ er schnell das Zimmer Richtung Schwimmbad mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen.

Er ließ einen verwirrt aussehenden Beratenden Detektiv zurück.

Das war ganz und gar nicht schlecht gegangen.


Der Pool war in einem großen und hellen Raum im Erdgeschoss gelegen. Der Boden war mit kleinen, hellblau und weiß Mosaiksteinchen gefliest. Ein stetiges, gedämpftes Licht erhellte den Raum. Drei der Wände waren mit großen Panoramafenstern versehen, die bei Tageslicht wahrscheinlich einen herrlichen Blick über den formalen Garten boten. Nun in der Dämmerung wurde das künstliche Licht des Raumes in ihnen reflektiert und auch das Wasser reflektierte das weiche Licht. Selbst innerhalb des Pools, hatte man Lichter in den Boden und die Beckenwände eingebettet. Der ganze Raum war in weiches Licht getaucht und die Variationen von Licht und Schatten zauberten eine entspannte und sogar etwas romantische Atmosphäre. Die Einrichtung des Bades war wiederum elegant und erlesen, aber irgendwie zog John doch die intime Atmosphäre des türkischen Bades in London vor, das Sherlock und er regelmäßig besuchten. Sherlock hatte ihn darauf hingewiesen, dass das türkische Bad in der Klinik so exquisit sei wie das Schwimmbad auch, aber auch er bevorzugte ihren normalen Londoner Ort.

„Du bist ein Frühaufsteher."

John wurde aus seinen Gedanken gerissen.

Oh, um Gottes willen. Nicht er schon wieder.

Howard Präsenz war John ganz offenbar entgangen, während er den Raum auf sich hatte einwirken lassen. Howard stützte sich mit den Ellbogen am Beckenrand ab und plätscherte nonchalant mit den Händen im Wasser.

„Ich könnte das gleiche von dir sagen", antwortete John. Für einen Moment war er im Zweifel, ob er sich umdrehen und das Bad wieder verlassen sollte.

Howard beobachtete John genau, der nur in seine Badehose gekleidet vor ihm stand und sich entblößt fühlte.

„Du siehst ja ganz schrecklich aus. Hat er dich denn die ganze Nacht wachgehalten?", fragte Howard schließlich spielerisch.

So oder so ähnlich, dachte John.

Statt zu antworten entschied John sich dafür, weder Howard noch seinen anzüglichen Bemerkungen weiter Aufmerksamkeit zu schenken. Er sprang vom Rand des Beckens und tat, wofür er gekommen war - schwimmen. Auf der anderen Seite des Pools ließ Howard ihn jedoch keinen Moment aus den Augen. Während John stoisch seine Runden schwamm, was noch eine Routine aus seiner Armeezeit darstellte, kam ihm eine Idee. Er konnte sich diese Chance nicht entgehen lassen. Obwohl er ein wenig an seinem eigenen Plan zweifelte und ziemlich überzeugt davon war, dass Sherlock ihn nicht gutheißen würde, entschied er sich seiner Intuition zu folgen.

Er überbrückte die letzten fünfzehn Meter unter Wasser und tauchte dann neben Howard am Beckenrand auf. Dabei achtete er dennoch sorgfältig darauf, einen gewissen Sicherheitsabstand einzuhalten. Nur für den Fall.

„Und was führt dich so früh am Morgen aus dem Bett?", fragte John so beiläufig wie möglich.

„Ich schwimme immer vor dem Frühstück. Außerdem war Grace letzte Nacht besonders anspruchsvoll. Sie hat mich ganz schön wach gehalten", sagte Howard und lachte eines seiner entsetzlichen Lachen.

Zähne zusammenbeißen, dachte John. „Du trainierst jeden Morgen? Bemerkenswert. Na ja, du siehst natürlich auch sehr gesund und sportlich aus."

„Das ist dir also aufgefallen", unterstellte Howard ihm.

„Ich benutze meine Augen", antwortete John. Obwohl Sherlock seiner Aussage wahrscheinlich nicht zustimmen würde. Er konnte förmlich hören, wie er höhnisch "Du siehst, aber beobachtest nicht, John" zu ihm sagte.

„Nun, ich reise viel und die Hotels haben heutzutage eine ziemlich gute Ausstattung. Also ist es kein Problem, sich fit zu halten", sagte Howard achselzuckend und schaute John intensiv an. „Du bist auch ziemlich gut in Form."

Howard war kein Idiot, aber John wusste, dass er eigennützig und glatt war. Er war eine Art Womanizer, nur dass er keine Frauen jagte. Howard wollte das Zentrum der Aufmerksamkeit sein, und er war auf der Suche nach Männern, die modisch, sympathisch und willig waren. Er mochte sie aufgeweckt. Nicht die Art von Klugheit, die charakteristisch für Sherlock war, aber die fröhliche und witzige Sorte Mann. John konnte ihm das bieten und er verfügte sicherlich über das Aussehen, das Howard bei Männern suchte. Was ihm ganz sicher dabei helfen würde, ihn unauffällig zu befragen und ihm die Antworten zu entlocken.

„Ich ... ja. Man tut, was man kann", gab John zurück. „So du bist also regelmäßig auf Achse? Nur in Großbritannien oder auch international?"

„Ausschließlich international. Europa, Asien und Latein-Amerika. Dort gibt's übrigens wunderschöne Männer. Ich habe eigentlich schon seit drei Jahren nicht mehr innerhalb von Großbritannien gereist. Bist du oft unterwegs?", fragte Howard.

Wenn das wahr war, war er nicht der Mann, den sie suchten.

„Immer häufiger, ja. Sherlock hat ein profitables Geschäft."

„Ach ja, ihr arbeitet natürlich zusammen. Er lässt dich keine Sekunde aus den Augen, oder? Ich kann's ihm nicht verübeln. Ich würde dich auch wie meinen Augapfel hüten, wenn ich dein Freund wäre."

„Verlobter", antwortete John automatisch. Wo er in der Regel immer wieder jedem gesagt hatte, dass er eigentlich nicht homosexuell war, erzählte er nun allen, dass sie tatsächlich was miteinander hatten. Manchmal schrieb das Leben wirklich die besten Geschichten!

„Kein Mensch sollte den Fehler begehen zu heiraten. Die Ehe wird im Himmel geschlossen, aber auf Erden vollzogen", zitierte Howard.

John lächelte schwach. „Das Komisch ist, ich war schon einmal verheiratet. Sie hatte wirklich das süßeste Gemüt. Sie war perfekt. Aber wir waren nicht füreinander geschaffen. Sherlock hat mich wirklich erstaunt. Es ist nicht das offizielle Zertifikat, das mich an ihn bindet. Ich bin bereits mit ihm verbunden. "

„Ach, ich vergaß, dass es sich um wahre Liebe handelt. Verzeih mir", sagte Howard und lächelte ironisch. „Ich war auch schon einmal verheiratet. Vor fünf Jahren habe ich mich scheiden lassen. In meinem Geschäft ist es allerdings leider hinderlich, Single zu sein. Es geht um den Schein. Am Ende fand ich eine Frau in Grace, die klug genug ist weg zu schauen, wenn ich ... lass es mich so formulieren, wenn ich anderweitig beschäftigt bin." Howard drehte den Kopf und sah ihn aufmerksam. „Ich versuche nicht, dich davon abzubringen ihn zu heiraten, weißt du. Ich habe dir bereits gesagt, dass ich finde, dass er auf seine eigene Art und Weise sehr attraktiv ist. Ich biete dir lediglich eine andere Perspektive."

„Du bietest mir Sex an", antwortete John unverblümt.

Howard grinste. „Du würdest es nicht bereuen."

„Ich bin immer noch geschmeichelt, aber ich bin auch noch immer nicht interessiert", sagte John, höflich, aber bestimmt.

„Schade", antwortete Howard ohne sich die Mühe zu machen, seine Enttäuschung zu verbergen. „Nun, deine Darbietung gestern sah sicherlich sehr vielversprechend aus."

John konnte dem nicht widersprechen, und er würde die Angelegenheit auf jeden Fall überprüfen, wenn sie wieder zu Hause. Alles zu seiner Zeit. „Ich versichere dir, mit ihm langweile ich mich nie", sagte er absichtlich mehrdeutig.

„Nun, ich gebe die Hoffnung noch nicht auf, John. Denk darüber nach."

"Mach dir keine Hoffnungen, Howard", antwortete John und zog sich am Beckenrand hoch. „Wir sehen uns später."


Als John den Frühstücksraum betrat, fühlte er sich wie ein neuer Mensch. Die frühe Bewegung und eine lange, heiße Dusche hatten Wunder bewirkt. Er entdeckte Sherlock an ihrem üblichen Tisch. Ben und Anne hatten sich ihm angeschlossen. Sie saßen nebeneinander, aber redeten weder miteinander noch sahen sie einander an. Offenbar hatten sie sich gestritten. John kannte die Symptome nur allzu gut. Neben ihnen sah Sherlock aus wie die Personifizierung des Elends. Offensichtlich gelang es ihm nur mit größter Mühe an sich zu halten und seinen Tischnachbarn nicht seine Meinung über die ganze Angelegenheit mitzuteilen. Der Detektiv kaute lustlos auf einem Croissant herum, den Blick auf den Tisch gerichtet, um sich abzulenken. John lächelte liebevoll bei dem Anblick. Dies war Sherlocks zweites meisterhaftes Selbst - strenge Selbst-Kontrolle in sozial schwierigen Situationen. Er durchquerte den Raum rasch und ging hinüber zu ihrem Tisch, begrüßte Anne und Ben und setzte sich seinem Freund gegenüber.

Sherlocks Gesicht hellte sich auf als er John erblickte. „Gott sei Dank. Du bist meine letzte Rettung", flüsterte er und verdrehte die Augen.

John grinste, griff nach Sherlocks Hand und küsste sie sehr sanft. „Nochmal Guten Morgen."

Sherlock rührte sich nicht, sondern warf einen erstaunten Blick auf John. Der Moment der Verwirrung in seinem Gesicht war nicht erkennbar für den, der ihn nicht gut kannte. Aber John kannte ihn in-und auswendig und hatte gelernt, Sherlocks Gesicht zu lesen wie ein Buch, wenn er ihn unvorbereitet traf. Auch er hatte seine verräterischen Zeichen - das leichte Zucken seiner Mundwinkel, die schnelle Anhebung der Augenbrauen, das kurze Stirnrunzeln und das Aufblitzen in seinen Augen, die das Brennen schierer Neugierde verrieten.

Er blickte John untersuchend an. „Ich erinnere mich schemenhaft daran, dass du Schwimmen gehen wolltest. Ich sehe, dass es dir gut getan hat."

John ließ nicht seine Hand los, sondern streichelte sie vorsichtig mit dem Daumen. „Ja, das hat es. Leider hatte dein verhasster Rivale den gleichen Geistesblitz."

„Also wirklich, John. Was soll ich nur mit dir machen?", fragte Sherlock und schüttelte ungläubig den Kopf.

„Mich nicht aus den Augen lassen?", gab John zurück.

„Und du erzählst mir ständig, dass du mich nicht aus den Augen lassen kannst", sagte er in gespielter Entrüstung.

John grinste. "Offenbar färbst du auf mich ab."

Sherlock seufzte. „Ich wünschte ich würde."

John schüttelte den Kopf. „Nein, tust du nicht. Nicht wirklich. Denn dann wärst du nicht mehr der ‚einzige auf der Welt' und ich wäre nicht länger dein total begeistertes Publikum," konterte John geschickt. „Siehst du, lose-lose Situation."

Für einen Moment schien Sherlock nicht zu wissen, was er sagen sollte. Dann zuckten seine Mundwinkel leicht. „Du entwickelst einen gewissen Sinn für Humor, John. Ich muss lernen, mich dagegen zu schützen."

John Grinsen wurde breiter. „Ganz nebenbei bemerkt, ich habe ein Gespräch mit der betreffenden Person geführt", fuhr er mit leiser Stimme fort und beugte sich über den Tisch.

„Ich bin ganz Ohr", antwortete Sherlock mit einem eifrigen Gesicht.

„Nun, wir hatten das übliche Geplauder über mein umwerfendes Aussehen. Ich werde dich nicht mit den Details langweilen", begann John.

Sherlock sah ihn stirnrunzelnd an.

„Nun, das ist eine Tatsache und du weißt es," sagte John selbstbewusst und grinste ihn an. „Viel wichtiger ist, dass ich ihn über seine Reisegewohnheiten ausgefragt habe, und er mir erzählt hat, dass er seit drei Jahren nicht mehr innerhalb von Großbritannien reist. Er hat arbeitet nur noch international. Wenn Mycroft das bestätigen kann, und er zur Tatzeit nicht in der Nähe der Tatorte war, können wir ihn von unserer Liste von Verdächtigen löschen. "

Der Detektiv schüttelte den Kopf. „Du weißt, dass ich dir wirklich den Kopf dafür waschen sollte, dass du dich wegschleichst und auf eigene Faust ermittelst!", sagte Sherlock mit einem ernsten Gesicht.

John runzelte die Stirn. Nicht, dass Sherlock sich kontinuierlich wegschlich und auf eigene Faust ermittelte, was seine Familie und Freunde in ständig Sorgen stürzte.

Sherlock schaute John streng an. Sein Gesichtsausdruck wurde aber nach einem Moment weicher und er drückte die Hand seines Freundes. „Aber ich muss gestehen, dass du das hervorragend gemacht hast. Viele Menschen hätten es schlechter gemacht. Ehre, wem Ehre gebührt."

Johns Herz machte einen Sprung in Anbetracht der Wärme in Sherlocks Stimme. Es kam nicht oft vor, dass er jemanden lobte, und deshalb waren seine Worte auch umso wertvoller für John. „Danke."

„Keine Ursache." Sherlock hustete leicht. „So er hat dir also wieder Avancen gemacht?", fuhr er nach einem Moment fort. „Meine Erfahrung im Küssen hat ihn also nicht beeindruckt?"

„Oh, ich glaube, sie hat ihn beeindruckt. Nur mit einem anderen Effekt", antwortete John.

„Das scheint dich kalt zu lassen", sagte Sherlock.

„Deine Küsse oder Howards Avancen?", fragte John so unschuldig wie möglich, aber mit einem bewusst koketten Ton in seiner Stimme.

Sherlock Augen weiteten sich für einen Moment, aber er erholte sich schnell. John konnte sehen, dass er sich erst einmal an Johns Flirtmodus anpassen musste.

„Sag du es mir", forderte Sherlock.

Kluger Schachzug!

Sein Freund enttäuschte seine Erwartungen in diesem Spiel des gewitzten Flirtens nicht. Es war eigentlich ein großer Spaß, und John begann das mulmige Gefühl in seinem Magen zu schätzen, das er fühlte, wann immer es Sherlock betraf. Er hatte sich schon lange nicht mehr so gefühlt wie jetzt, und obwohl es unerwartet passiert war, hieß er es nun willkommen.

John lächelte. „Ach, aber das würde den Spaß verderben, nicht wahr?"

Sherlock runzelte die Stirn. „Den Spaß verderben?"

John nickte. „Ja, du liebst die Herausforderung Dinge herauszufinden. Wende deine Methoden an."

„Ich soll dich deduzieren?", fragte Sherlock verwirrt, weil er wusste, dass John es nicht mochte, wenn er ihn deduzierte – vor allem, wenn er es ungefragt tat.

„Nur wenn du es willst", gab John zurück.

„Du magst es nicht, wenn ich Dinge deduziere ohne dich vorher zu fragen", sagte Sherlock verwundert.

„Nun, aber dieses Mal ist es anders, nicht wahr? Denn wir haben uns nun darüber unterhalten und wenn du mich fragst, erlaube ich es dir vielleicht, mich zu deduzieren."

Sherlock schaute ihn mit einem neugierigen Ausdruck an. „Ich kann die Wirkung meines Kusses unmöglich deduzieren, indem ich dich nur anschaue. Du weißt, das würde bedeuten, ich müsste dich zunächst in Howards Gesellschaft beobachten, um danach ein Gegenexperiment durchzuführen. Du könntest von einem oder beiden Ereignissen beeinflusst sein – oder von keinem."

In anderen Worten, er müsste ihn noch einmal küssen.

John dachte, dass es ein kluger Schachzug von Sherlock war, um seine Erlaubnis zu bitten, ihn noch einmal so zu küssen, aber John kannte ihn gut genug, um sein Manöver zu durchschauen. Er würde nicht zulassen, dass Sherlock ihn mit einem Trick dazu bewegte, Ja oder Nein zu ihm zu sagen. "Ja", du kannst ein Gegenexperiment durchführen, also „Ja" du darfst mich noch einmal küssen.

„Du hast mich noch nicht gefragt, ob ich es dir erlaube. Ich habe nur gesagt, dass ich es dir vielleicht erlauben würde, wenn du mich darum bitten würdest", parierte John.

Sherlock stieß einen tiefen Seufzer aus. Normalerweise war er viel zu neugierig, um sich eine Chance etwas Herauszufinden entgehen zu lassen. „Wenn du nicht möchtest, dass ich erfahre, inwieweit Howards sexuelle Avancen dich beeinflussen, ist das in Ordnung", antwortete er ruhig.

Offenbar würde Sherlock nicht so leicht nachgeben, trotz seiner Versuche dem Geheimnis auf die Schliche zu kommen, welche Wirkung sein Kuss auf John hatte. John hatte es auch nicht anders von ihm erwartet. Es schien, sie würden noch eine Weile tanzen müssen. Das war für ihn in Ordnung. Seine eigenen Pläne, seinen Freund zu verführen, liefen ganz gut. Obwohl "Verführen" es nicht wirklich traf. Es ging ihm nicht allein um die physische Verführung, in der Sherlock so geschickt war. Es ging um das Erreichen wahrer Intimität und darum, herauszufinden, ob ihre Beziehung sich zu dem entwickeln könnte, was John hoffte.

Während des gesamten Frühstücks ließ er Sherlocks Hand nicht einmal los, und Sherlock versucht kein einziges Mal, ihm seine Hand zu entziehen.


Wie immer wartete Dr. Martin schon ungeduldig auf sie. Heute Morgen würden sie einander ihre Liebesbriefe vorlesen müssen und anschließend darüber diskutieren. Nach den Ereignissen der Nacht, hatte John in den frühen Stunden des Tages intuitiv entschieden, seinen Brief völlig umzuschreiben.

Dr. Martin sprach sie sofort an. „John, Sherlock, vielleicht möchten Sie heute anfangen?"

"Warum müssen wir schon wieder?" flüsterte John kläglich.

Sherlock stand auf und zog hoch. „Bei Anne und Ben hängt seit heute Morgen offensichtlich der Haussegen schief und Dr. Martin hat ihre Hoffnung für den Rest gegeben. Zu Recht, wie ich dir gesagt habe."

John verdrehte die Augen. „Toll, wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich heute Morgen auch 'nen Streit mit dir vom Zaun gerissen."

„Dafür ist es jetzt zu spät und zudem wäre das nicht sehr überzeugend. Sie hat uns auf der Treppe knutschen sehen und denkt, wir haben Wiedergutmachungssex gehabt."

„Richtig. Den Teil hatte ich vergessen", seufzte John.

Sherlock warf einen schnellen Blick auf John und lächelte wissend. „Nein, das hättest du ganz sicher nicht."

Wahrscheinlich nicht.

„Du auch nicht", entgegnete John.

„Ich zweifle nicht daran."

Dr. Martin winkte sie zu zwei Stühlen, die in der Mitte des Raumes standen und einander zugewandt waren.

John fasste sich ein Herz, anzufangen. Sherlock sah ihn mit scharfen Augen und einem neugierigen Ausdruck auf seinem Gesicht an. Er nahm sein Denkpose ein, die sitzende Variante - er beugte sich vor, legte die Ellbogen auf die Knie und die Fingerspitzen aneinander unter seinem Kinn, und widmete John seine ungeteilte Aufmerksamkeit.

John räusperte sich und warf einen letzten schnellen Blick auf Sherlock, der seinem Blick mit einem herausfordernden Ausdruck begegnete und ihn immer noch wissend anlächelte. Da war dieser Hauch von Arroganz in seiner Haltung, den John nicht gerade mochte, aber trotzdem sexy fand. Er errötete ein wenig, jedoch nicht so schlimm wie noch vor einigen Wochen. Er fand, dass er sich in Anbetracht der Umstände gar nicht so schlecht machte.

„Also, mal sehen", begann er. „Sherlock, zunächst einmal möchte ich mich vorab dafür entschuldigen, dass mein Schreibstil schrecklich wie immer ist. Mein Brief ist wahrscheinlich viel zu lang und viel zu inkohärent geworden. Ich habe vielleicht auch die Sünde begangen, sentimentalen Kram zu schreiben. Wahrscheinlich wirst du das alles sehr nervtötend finden und dich auf halber Strecke furchtbar langweilen." Er war wohl der einzige, der seinen Brief erst angekündigte.

Sherlock seufzte und verdrehte die Augen. „Mach weiter. Ich werde versuchen, es zu überleben."

„Dich zu treffen war Schicksal. Notwendigkeit hat uns zueinander geführt. Wenn ich so darüber nachdenke, ist die Tatsache, dass Mike überhaupt auf den Gedanken kam, wir würden ein gutes Paar abgeben, auf jeden Fall sehr bemerkenswert. Oberflächlich betrachtet gab es noch nie zwei Menschen, die so verschieden waren wie wir. Als ich dich zum ersten Mal traf warst du furchtbar arrogant und ziemlich unhöflich. Du sahst aus wie zwölf, hattest eindeutig das Flair einer Privatschule an dir hängen, und hast dich auf diese herrische und pompöse Weise benommen, die mich schon mehr als einmal wütend gemacht hat."

John hielt von Zeit zu Zeit inne und schielte zu Sherlock. Sherlock verzog das Gesicht, als er auf die Privatschule zu sprechen kam, während er bei Johns Kommentar über sein Verhalten lächeln musste.

„Und, ja, ich war auf jeden Fall davon überzeugt, dass du wahrscheinlich verrückt bist. Aber du warst auch merkwürdig sympathisch und faszinierend. In den frühen Tagen unserer Bekanntschaft dachte ich, du wärst ein seltsames Kind, das die gesellschaftliche Konventionen nicht verstand und sich nicht darum kümmerte, höflich zu sein. Deine Direktheit hat mich oft überrascht, aber du wolltest nicht beleidigend sein. Du hast nur gesagt, was du gedacht hast. Natürlich hat mich dein scharfer Verstand fasziniert. Deine Fähigkeit jeden und alles innerhalb von Sekunden zu durchschauen faszinierte mich ungemein. Mein Interesse an dir erhöhte und vertiefte sich, und es dauerte nicht lange, bevor ich dich besser kennenlernen und das Rätsel, das du bist, lösen wollte."

John räusperte sich. „Kurz gesagt, du warst charmant und ich war begeistert. Offenbar hat Mike eine bessere Kenntnis der menschlichen Natur, als ich ihm zugetraut habe. Erinnere mich daran, ihm für seine schrullige Idee uns zusammenzubringen eines Tages angemessen zu danken."

Sherlock lächelte schwach und nickte zustimmend.

„Obwohl das Schicksal die Weichen bereits richtig gestellt hatte, war es meine freie Wahl, dein Freund zu werden. Allerdings war es nicht wirklich eine sehr schwierige Entscheidung, und ich habe sie schnell getroffen. Wenn ich darüber nachdenke, wurden wir eigentlich innerhalb von 24 Stunden untrennbar und seitdem hat sich nichts daran verändert. Du simst und ich komme angerannt. Wir haben diese Chemie zwischen uns nicht immer umarmt. Bevor wir einander kannten, waren wir zwei unabhängige Menschen. Nachdem wir einander getroffen hatten, mussten wir lernen, dass wir einander plötzlich in vielerlei Hinsicht brauchten. Das war nicht immer einfach und nicht unbedingt das, was wir wollten. Auf wundersame Weise haben wir mit der Zeit den Dreh gefunden. Abgesehen von meiner offensichtlichen Bewunderung für Deine Fähigkeiten und Deine Brillanz, habe ich angefangen, deine Persönlichkeit umwerfend zu finden. In unseren frühen Tagen dachte ich, du fändest es einfach, dich nicht um andere zu kümmern. Ich musste allerdings lernen, dass der Schein trügen kann. Eines Tages wurdest du durch bestimmte Ereignisse dazu gezwungen, zu realisieren, dass du dich sehr wohl um andere sorgst und dass du fühlst. Es war schwierig für dich, das zu akzeptieren, aber am Ende hast du es akzeptierst. Gelegentlich öffnest du dich und zeigst mir, was sich hinter deiner kalten Maske verbirgt: Der beste Mann."

Es war eine Mischung aus Emotionen auf Sherlocks Gesicht abzulesen. Die Worte brachten Erinnerungen zurück. Anerkennung dessen, was wahr war, Stolz auf Johns kontinuierliche Bewunderung für ihn und vielleicht auch ein wenig Schmerz. Für einen Augenblick sah er aus als fühle er sich angesichts Johns Worte ein wenig unwohl, dann aber wurde sein Gesichtsausdruck wieder weicher.

John nahm einen tiefen Atemzug und versuchte, mit fester Stimme zu sprechen. „Mich in dich zu verlieben, lag jedoch außerhalb meiner Kontrolle. Die Zeit hat mein Herz zu dir gebracht."

Sherlock beugte sich vor, ein Zeichen von zunehmendem Interesse. Sein Gesichtsausdruck war angespannt.

„In der Vergangenheit haben andere dich glauben gemacht, dass du allein besser dran wärst. Du hast dich von deinen Gefühlen distanziert. Damals sind uns schmerzhafte Dinge widerfahren. Wir trieben auseinander. Es brauchte Zeit, um herauszufinden, dass Vergebung zwischen uns möglich war. Wir wussten, dass wir unsere Vergangenheit loslassen mussten, wenn wir eine gemeinsame Zukunft haben wollten. Manchmal realisieren zwei Menschen, die füreinander bestimmt sind, es als allerletzte. Wir wollten nie sagen, dass es Liebe ist, was uns verbindet, aber manchmal ist das, was man bekommt so viel besser als das, was man ursprünglich wollte. Wir wurden schließlich mehr als nur Freunde. Am Ende hat es uns nur stärker gemacht. Wir sind nicht daran zerbrochen und wir haben nicht gebrannt. Du hast mir das Herz gebrochen, und du warst derjenige, der es wieder geheilt hat." John war froh, dass seine Stimme nicht zitterte als er sprach.

Diese Worte brachten noch mehr Erinnerungen zurück - die schmerzhaftesten sogar. Ein Ausdruck von Schuld huschte über Sherlocks Gesicht, gefolgt von einer Spur des Schmerzes. Ein Spiegelbild der emotionalen Seite des Reichenbach Falls und seiner Folgen kurz zusammengefasst. Während John sprach wurden die Erinnerungen an die Stunden der Dunkelheit und des Schmerzes jedoch durch Erinnerungen an die Erleichterung und Dankbarkeit ersetzt.

John lächelte Sherlock beruhigend zu. „Ich weiß, dass es schwer für dich ist, meine Liebe zuzulassen, und es erfordert viel Mut von dir, aber ich möchte dir sagen, dass es nichts gibt, was du sagen oder tun könntest, das mich von dir davonjagen könnte. Wenn es überhaupt etwas gibt, dessen ich mir ganz sicher bin, dann ist es das, worauf ich mich mit dir einlasse. Ich liebe alles an dir: Dein verschmitztes Lächeln, den tiefen Klang deiner Stimme, deine stechenden Augen, so hypnotisch und faszinierend, so schön anzuschauen und doch geben sie mir nie alles preis. Ich liebe deine sanfte Berührung und die Wärme, die ich an deiner Seite spüre. Ich liebe die Art und Weise wie du einen Raum betrittst, hocherhobenen Hauptes in einem deiner perfekten, maßgeschneiderten Anzüge und dabei Selbstbewusstsein ausstrahlst, alles in dich aufnimmst und automatisch die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf dich ziehst. Ich liebe dich auch, wenn du wie zwölf benimmst. Ich liebe dich, wenn man dir die Privatschule ansieht. Ich liebe dein arrogantes und pompöses Verhalten. Ich liebe deine unhöfliche Direktheit. Ich liebe die Zeiten, in denen Langeweile dich verrückt macht und du nervös bist ... Ich liebe alle deine schlechten Angewohnheiten. Ich liebe deine schlechten Eigenschaften, weil ich auch dein besseres Selbst liebe – deine Verletzlichkeit, deine Unsicherheit, deine beste Höflichkeit. Wenn ich deine schlechten Seiten nicht liebe, dann verdiene ich deine besten auch nicht. So einfach ist das. Du kannst immer auf meine Liebe und Freundschaft bauen."

Der Ausdruck der Überraschung verweilte für einen Moment auf Sherlocks Gesicht. Er betrachtete John sogar noch aufmerksamer als zuvor falls das möglich war, zeigte ein offensichtliches Interesse an dem, was er zu sagen hatte, und kämpfte anscheinend darum den Anschein des ruhigen, emotionslosen und distanzierten Mannes zu wahren. Wieder waren Johns geschulte Augen in der Lage das alles zu erkennen, weil er wusste, wonach er suchen musste und auch nur, weil Johns Worte Sherlock unvorbereitet trafen. Eine Sekunde später war sein Gesicht wieder so unlesbar als zuvor und jede beliebige Person im Raum würde wahrscheinlich erklären, dass Sherlocks Herz nicht schnell emotionell berührt wurde. Mit Ausnahme vielleicht von Anne, die im Hintergrund wieder leise begonnen hatte, zu weinen.

„Du hast, mehr oder weniger, um meine Hand angehalten, und ich habe irgendwie ja gesagt", fuhr John fort.

Bei dem Gedanken daran setzte Sherlock ein süffisantes Grinsen auf.

Entgegen seiner Bemühungen musste auch John lächeln. „Wenn man heiratet, erzählt man seinem Partner:... Das ist wer ich bin. Ich bin von nun an dein Lebenspartner. Ich werde uns nicht aufgeben. Egal was passiert. Dieser Weg wird nicht leicht sein, aber ich bin bereit, alles zu tun, um dies, um „uns" hinzukriegen.

Ich werde mein Gehirn nähren, um meine eigene Weiterentwicklung als Person zu fördern. Ich entschuldige mich im Voraus dafür, dass ich zwar sehen, aber für deinen Geschmack niemals gut genug beobachten werde. Ich werde nicht aufhören meinen eigenen Weg zu gehen und die Verantwortung für mein eigenes Leben zu übernehmen. Ich habe dir gesagt, wenn ich das tun würde, würde ich meine Unabhängigkeit verlieren und du würdest anfangen, mich langweilig und öde zu finden. Aber ich werde meinen Job nie mehr als dich lieben. Ich werde dich weiterhin so unterstützen, wie ich es immer getan habe. In dieser Autonomie distanziere ich mich nicht von dir oder unserem Leben. Du bist die wichtigste Person in meinem Leben. Nichts wird das jemals ändern.

Manchmal frage ich mich, wie das Leben aussehen würde, wenn wir uns nicht begegnet wären. Es wäre sicherlich leichter gewesen ... vielleicht einfacher ... aber es wäre auch unvollständig gewesen - und schrecklich langweilig.

Also, wenn du nichts dagegen hast, habe ich vor, mindestens die nächsten 100 Jahre oder so mit dir zu verbringen."

John beendete seinen Brief und blickte Sherlock erwartungsvoll an. Sein Herz in seiner Brust raste. Seine Hände waren jedoch wie immer vollkommen ruhig.

„Nun, das war von Zeit zu Zeit ja richtig herzzerreißend", sagte Dr. Martin. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war es von Zeit zu Zeit ebenfalls sehr verwirrend gewesen. „Sherlock, was sagst du dazu?"

Alle Augen waren auf den Detektiv gerichtet, der eindeutig nicht in seinem Element war. „Äh ... na ja ..." Sherlock suchte nach Worten, die ihm scheinbar nicht einfallen wollten.

„Nur Mut!", ermutigte Dr. Martin ihn mit einem Anflug von Ungeduld in der Stimme.

„... Mir war nicht langweilig", sagte er schließlich.

Zehn Augenpaare blickte ihn ungläubig an. Nur Anne lächelte wissentlich.

Sherlock beugte sich zu John und fügte flüsternd hinzu, „Aber der letzte Satz macht keinen Sinn, John. Es ist technisch unmöglich für mich, die nächsten 100 Jahre bei dir zu bleiben. Außerdem ist es sehr wahrscheinlich, dass ich nicht an Altersschwäche sterbe. Ansonsten bin ich bereit zuzugeben, dass deine Poesie sich leicht verbessert hat, was zu erwarten war. Ich wusste ja, dass ich sehr viel inspirierender bin. "

John allerdings sah überdeutlich, dass Sherlock keinesfalls gleichgültig war. Er war tief bewegt und verwirrt, und flüchtete sich in den koketten Ton, um die Kontrolle über die Situation wieder zu erlangen, die ihm seit den frühen Morgenstunden zusehends entglitt. John ließ sich davon nicht einschüchtern. "Ich weiß, du wirst das abscheulich finden, aber ich werde dafür sorgen, dass du einen völlig langweiligen und schrecklich banalen, natürlichen Tod sterben wirst. Vorzugsweise nach einem sehr langen, gesunden Leben, wenn du sehr, sehr alt bist", antwortete er. „Und nur zu deiner Information. Der Tod beendet nur das Leben. Er ist nicht das Ende einer Beziehung. Ansonsten bin ich gern bereit zuzugeben, dass du wirklich überaus inspirierend bist. Ich finde dich sogar ganz außerordentlich inspirierend."

„So so, bin ich das? Nun, ich glaube mich vage daran zu erinnern, dass du mir heute Morgen einen Kosenamen gegeben hast", antwortete er spielerisch.

„So so, habe ich das? Muss der Schlafmangel gewesen sein."

„Das könnte auch die Nachwirkung von etwas anderem sein", konterte Sherlock lächelnd.

„Möglicherweise", antwortete John unschuldig und blickte ruhig in Sherlocks Augen.

Ihr Publikum blickte nervös von einem Mann zum anderen. Die elektrisierte Atmosphäre im Raum steigerte sich von Minute zu Minute. Insbesondere Howard rutschte unwohl auf seinem Stuhl hin und her. Sherlock betrachtete John mit dem kleinsten Hauch von Verwunderung. Seine Neugier war definitiv gestiegen.

Tatsächlich fand John, dass sich die ganze Sache außergewöhnlich gut entwickelte.

Dann war Sherlock an der Reihe, seinen Brief vor zu lesen. Unterdessen schien der Detektiv sein meisterhaftes Selbst einmal mehr zurückgewonnen zu haben. Er sah direkt in Johns Augen und lächelte spöttisch. „Nun, John. Keiner von uns ist der gesprächige Typ, wenn es um Gefühle geht, was zu den unvermeidlichen Spannungen zwischen uns führt. Du hast mir mal erzählt, dass du es zu schätzen weißt, wenn ich mir die Mühe mache und versuche mich dir zu erklären. Lass es mich jetzt versuchen."

Sherlock stand auf, holte seinen Brief aus seiner Hosentasche und schob seinen Stuhl mit einem seiner Füße zurück. Er wandte seinen Blick keine Sekunde von Johns Gesicht ab. Dann nahm er Johns Hand, an der sein Verlobungsring im Licht glitzerte, in seine eigene und kniete vor ihm nieder.

Und John hielt den Atem an.