Kapitel 14: Heilig Abend

Hermine wachte auf, als das Wetter draußen beschloss, Weihnachten alle Ehre zu machen und einen netten Schneesturm fabrizierte, der danach aussah, als wolle es heute nicht mehr hell werden.

Sie starrte eine Weile aus dem Fenster und normalerweise hatte das Flockengewirbel immer einen einschläfernden Effekt auf sie, aber diesmal konnte sie sich bemühen wie sie wollte, es passierte einfach nichts, was ihre Augenlider zu einem Abwärtstrend hätte bewegen können.

Seufzend schwang Hermine die Beine auf den kalten Boden und spürte, wie eine Gänsehaut ihre Beine hinauf kroch. Ein Blick auf den Wecker bestätigte ihr, dass es gerade mal halb sieben war und sie noch Stunden Zeit hätte, bis es Frühstück gäbe und sie durch die anderen ein bisschen Ablenkung bekommen könnte.

Außerhalb ihres kuscheligen Bettes war es kalt und so entschloss sie sich, wieder ins Bett zu krabbeln und sich in ein Buch zu vertiefen. Gesagt getan, aber kaum hatte Hermine den ersten Satz gelesen, machte sich ein Kribbeln in ihrem Bauch bemerkbar, was sie viel zu sehr von ihrer Lektüre ablenkte. Hermine stöhnte genervt – der Tag begann ja ganz wundervoll. Wenn das so weiterging, müsste sie ihren Beruhigungstrank anbrechen, der eigentlich für die Klausuren gedacht war.

Also lag Hermine mit offenen Augen im Bett, starrte an die Decke und grübelte über ihren Tag nach. Plötzlich spürte sie, dass jemand im Zimmer war. Sie setzte sich ruckartig auf und sah einem Hauselfen in die riesigen Augen. Die Arme hatte das kleine Wesen voller Geschenke, die es eigentlich heimlich am Bettende deponieren wollte. Beide erschraken fürchterlich und Hermine konnte gerade noch einen Aufschrei unterdrücken, aber der Elf war nicht so glücklich – ihm purzelten die Geschenke aus den Händen.

Sofort sprang Hermine auf und half, die Päckchen an ihren Bestimmungsort zu befördern. Als sie fertig waren, sah sie dem Elfen ins Gesicht und bemerkte, dass er fürchterlich weinte.

„Na na, das war doch kein Beinbruch!", versuchte sie zu trösten – ohne Erfolg.

„Wiggy ist entdeckt worden!", schluchzte der Elf, „und Wiggy sollte nicht entdeckt werden!"

„Ihr solltet die Geschenke unentdeckt auf die Betten legen?", fragte Hermine nach und der Elf nickte todunglücklich.

„Aber das ist doch gar nicht schlimm!" Hermine sprang auf und ging zu ihrem Nachttisch. In einer der Schubladen lagen immer einige Süßigkeiten und sie winkte den Elf heran: „Na komm, Wiggy, es ist Weihnachten – such' Dir was aus und es bleibt unser kleines Geheimnis, dass ich dich entdeckt habe", Hermine zwinkerte dem Elf zu und der strahlte bei dem Anblick der Schokofrösche und angelte sich einen aus dem Durcheinander, um sich dann unter vielen Dankesbekundungen zurückzuziehen.

Nachdem der Elf verschwunden war, wandte sich Hermine dem Stapel an Geschenken zu, um nicht länger über die Details des Tags nachdenken zu müssen. Sie griff wahllos nach dem ersten Päckchen und zerpflückte gedankenverloren das Geschenkpapier.

Sie hielt eine neue Schachtel Schokofrösche und einen Beutel mit Schokotrüffeln in der Hand, die ihren Geschmack singen konnten. Hermine lächelte zufrieden und ahnte, dass Harry im wahrsten Sinne des Wortes ihren Geschmack getroffen hatte.

Das nächste Päckchen musste dran glauben – es war in ganz schlichtes Geschenkpapier verpackt, das Hermine auf Anhieb niemanden aus ihrem Bekanntenkreis zuordnen könnte. Für einen Moment wog sie es in den Händen und riss dann kurzerhand das Papier ab.

Zum Vorschein kam ein Buch über die Ausbildungsmöglichkeiten in der magischen Welt. Hermines Augenbrauen machten sich auf den Weg Richtung Haaransatz und sie grübelte kurz, wer ihr ein so wohl überlegtes Geschenk gemacht haben konnte, bevor sie nicht widerstehen konnte und wenigstens einen Blick ins Inhaltsverzeichnis werfen wollte. Aber sie verweilte auf der ersten Seite und ein glückliches Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus:

Damit Sie Ihr Talent nicht verschwenden!

Frohe Weihnachten!

Keine Unterschrift, aber die Handschrift war ihr nur zu vertraut – ihr ganz persönlicher Kerkerbewohner! Am liebsten wollte Hermine sich in das Buch vertiefen und erst dann wieder auftauchen, wenn sie die letzte Seite umgeblättert hätte, aber heute war schließlich Weihnachten und ihr Geschenke-Stapel sah einfach noch zu verlockend aus. Bedauernd legte sie das Buch zur Seite und tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie später noch genug Zeit dazu haben würde, sich darin zu vergraben.

Das nächste Geschenk war leicht und klein – Hermine kannte das Geschenkpapier nur zu gut; so viel Kitsch konnten nur ihre Eltern ertragen – na gut, und vielleicht Dumbledore.

Vorsichtig entfernte sie die Verpackung und hielt ein kleines Schächtelchen und einen Umschlag in der Hand. Zuerst öffnete sie den Umschlag und fand einen Brief ihrer Eltern:

Liebes Minchen!

Eigentlich wollten wir ja schmollen, weil Du dieses Jahr in Hogwarts bleibst und wir alleine in den Ski-Urlaub fahren müssen, aber dann dachten wir uns, dass wir Dir das nicht antun können. Zwei Kleinigkeiten von uns – hoffentlich auch beides zur sinnvollen Verwendung!

Wir haben Dich lieb

Mum & Dad

Hermine lächelte liebevoll und stellte wieder einmal fest, dass sie die besten Eltern der Welt hatte. Sie sah noch einmal in den Briefumschlag und ihr fiel der Umschlag von Flourish und Blotts entgegen. Das sah nach einem sehr praktischen Gutschein aus und sie rupfte ihn erwartungsvoll auf und versuchte, nicht allzu erschrocken auszusehen, als sie den Betrag sah: 100 Galleonen – ihre Eltern mussten völlig den Verstand verloren haben!

Fast hätte sie das kleine Schächtelchen vergessen, aber als sie es auf ihrem Bett liegen sah, stürzte sie sich darauf und machte es auf. Zuerst sah sie einen Zettel von ihrer Mutter:

Minchen!

Noch von Deiner Oma – vielleicht gibt es ja jemanden, den Du beeindrucken möchtest?

In Liebe

Mum

Hermine sah unter den Zettel und erstarrte. Auf weißer Watte lag eine silberne Halskette, die mit drei wunderschönen blauen Steinen besetzt war. Hermines Augen wurden noch größer – die Kette würde perfekt zu ihrem Kleid passen… als hätte ihre Mutter das geahnt.

Sorgsam verpackte sie das wertvolle Geschenk wieder bevor sie sich wieder zu ihrem Stapel umdrehte und das nächste Geschenk in die Hand nahm.

Nach dem zerknitterten Papier zu urteilen war es von Ron und als sie es aufmachte, wusste sie, dass sie richtig geraten hatte. Aber sie war überrascht, wie sorgfältig er das Geschenk ausgewählt hatte: 100 ungewöhnliche Zaubertrankzutaten – ein längst vergriffenes Exemplar. Als sie es durchblätterte und sich zwang, nicht gleich anzufangen zu lesen, flatterte ein Zettel aus den Seiten, auf dem er erklärte, dass es auch gleichzeitig als Entschuldigung für sein ungeschicktes Verhalten war und es im Fuchsbau schon viele Jahre unbenutzt im Regal gestanden habe. Hermine atmete auf, denn sie hatte Angst gehabt, dass Ron sich wegen ihr in Unkosten gestürzt habe.

Jetzt blieb noch der übliche Weasley-Pulli, der im letzten Jahr von einem warmen und weichen Schal ergänzt wurde und ein kleines Päckchen von Ginny, das sie sofort aufriss und ihr fiel eine Grundausstattung an Make-up entgegen, was für den heutigen Abend sehr gelegen kam, denn gerade gestern hatte sie festgestellt, dass ihre Wimperntusche knapp vor dem Eintrocknen war.

Hermine schaute ihr Bett an und lächelte breit – ihre Freunde und Eltern hatten sie allesamt mit wunderbaren Geschenken bedacht, die davon zeugten, dass sie sich wirklich Gedanken gemacht hatten.

Fröhlich hüpfte sie ins Bad und unter die Dusche, um danach mit ihrer morgendlichen Routine fort zu fahren und dann in den Gemeinschaftsraum zu gehen – die beiden Bücher fest unter den Arm geklemmt. Es war mittlerweile kurz nach acht Uhr, aber in den Ferien ließ sich niemand zu dieser unchristlichen Uhrzeit hier unten blicken und so setzte sie sich ruhig in einen der Sessel vor dem Kamin und begann zu lesen. Dieses Mal konnte sie sich gut konzentrieren und war bald völlig vertieft.

Einige Stockwerke unter Hermine wachte der Meister des Toxischen gerade zum zweiten Male auf. Das erste Mal hatte er einen Blick auf die Uhr riskiert und sich sofort wieder schlafend gestellt und war tatsächlich wieder eingeschlafen, denn er hatte vor einigen Jahren die gleiche Erfahrung gemacht wie Hermine und musste sich am Heiligen Abend morgens früh mit einer untröstlichen Elfe herumschlagen, die er beim Geschenke-Verteilen überrascht hatte. Seitdem hielt er bis acht Uhr krampfhaft die Augen geschlossen.

Langsam stand er auf, angelte nach seinem Zauberstab und entzündete mit einem Schlenker den Kamin. Über Nacht war es empfindlich kühl und so wollte er die Geschenke lieber unter der warmen Decke auspacken.

Mit einem lässigen Accio hatte er sich seinen kleinen Stapel geholt und betrachtete halb neugierig halb verächtlich die Pakete. Zuerst machte er das mit dem schillerndsten Papier auf, weil er um sein Augenlicht fürchtete, wenn er es noch ein paar Sekunden länger anschauen müsste. Wie erwartet war es von Albus und es gab dieses Jahr keine albernen Socken, was seinen Mundwinkeln schon mal einen Aufwärtstrend verlieh.

Überrascht sog er die Luft ein, als er den Karton geöffnet hatte und las dann die beigefügte Karte:

Ich hoffe, Du hast bald etwas zu feiern!

Typisch Albus, so kryptisch wie möglich, dachte Severus belustigt und starrte dann erneut die beiden Flaschen an: Elfenwein aus dem 16. Jahrhundert und ein Champagner, bei dem es ihm die Sprache verschlug, aus einer der Veela-Keltereien.

Das nächste Päckchen musste von Minerva sein. Er wog es in seiner Hand und war froh, dass es das richtige Gewicht und die richtige Größe für ein Buch hatte – nur welches? Schnell war das Papier entfernt und er schaute auf den Titel: Gar mahtige Gougelunge – ein sehr seltenes, aber nicht minder schwieriges Buch, allein schon deshalb, weil es auf Mittelenglisch geschrieben war und jeder Übersetzungszauber zwecklos war. Aber trotzdem ein sehr faszinierendes Geschenk.

Und es blieb noch ein Päckchen übrig, es war flach und weder leicht noch schwer. Behutsam entfernte Severus das Papier und ihm segelte ein Umschlag entgegen. Er öffnete das Kuvert:

Sehr geehrter Professor Snape!

Als kleines Dankeschön für die Mühe, die Sie sich mit mir gemacht haben während unseren Tanzstunden.

H.G.

Überrascht sah er auf den Zettel und lächelte dann kurz. Typisch Hermine. Sie musste sich unbedingt bedanken. Dann schaute er sich den Kasten an, den er in den Händen hielt. Es war in viele kleine Fächer unterteilt und diese hatte sie sorgfältig beschriftet. Jedes Fach enthielt eine Zaubertrankzutat aus der Muggelwelt, stellte Severus nach kurzer Inspektion fest – und nicht nur einfach eine Zutat sondern sehr schwierig zu besorgende und deshalb kostbare Zutaten. Er war begeistert. Ungeachtet der Kälte sprang er aus dem Bett und machte eine Liste über die Zutaten. Sofort ging er danach in sein Büro und fischte das Buch aus dem Regal, in dem beschrieben war, was man damit brauen konnte.

Hermine war schon im dritten Kapitel des Buchs von Severus angekommen, als sie aus dem Jungenschlafsaal Geräusche hörte und eine Viertel Stunde später polterten Harry und Ron die Treppe herunter, beide mit strahlenden Gesichtern und Hermine wurde von beiden gleichzeitig umarmt. Offensichtlich hatte ihre Mischung aus Nützlichem und Vergnüglichem bei den Jungs Anklang gefunden. Beide bedankten sich überschwänglich für die Zusammenfassungen aus allen Fächern, die eigentlich garantierten, dass sie gut durch die Prüfungen kamen und Harry hatte schon einen Zuckerfederkiel im Mund.

Zu dritt gingen sie in die Große Halle zum Frühstücken und nach und nach trafen die anderen Gryffindors ein. Am Frühstückstisch schmiedeten sie Pläne, was sie heute unternehmen wollten, aber Hermine und Ginny waren ab fünf Uhr am Nachmittag für die Vorbereitungen für den Ball verplant und draußen schneite es so sehr, dass Dumbledore verboten hatte, das Schloss zu verlassen aus Angst, dass sich ein Schüler in dem Schneegestöber verlaufen könnte und nicht mehr zum Schloss zurückzufinden.

Hermine, Ginny, Harry, Ron und Neville machten es sich im Gemeinschaftsraum gemütlich und während Hermine sich in ihre Bücher vertiefte, bildeten die anderen vier zwei Mannschaften und spielten eine Runde Schach. Danach wanderten sie träge zum Mittagessen und stürzten sich dann sofort in andere Spiele – Hermine hatte von zu Hause ein Monopoly-Spiel mitgebracht und sie und Harry erklärten kurz die Spielregeln, bevor sie sich alle über das Brett beugten und es mit ein paar Zaubern aufpeppten. Der Nachmittag verging wie im Flug und gegen fünf Uhr verabschiedeten sich Hermine und Ginny von den Jungs und gingen die Ball-Routine durch: Zuerst duschen, Haare waschen und dann das Kleid anziehen. Danach wurden die Haare magisch in Form gezaubert und der letzte Schliff kam durch Make-up und Parfüm. Ginny zeigte Hermine noch so einige Tricks, an die sie nie gedacht hätte und die beiden Freundinnen lachten oftmals albern und giggelten vor sich hin, als sie sich den Abend ausmalten.

Schließlich waren sie fertig und beide kamen zusammen die Treppe herunter, wo die Jungs schon auf sie warteten.

„Wow!", entfuhr es allen dreien gleichzeitig, als sie die beiden jungen Hexen sahen. Beide waren einfach umwerfend: Hermine wirkte mit ihrem blau-silbernen Kleid mit der passenden Kette und dem abgestimmten Make-up wie eine Eisprinzessin, auch wenn das warme Funkeln in ihren Augen den Eindruck wieder relativierte und Ginny sah aus wie eine Waldfee mit ihrem Kleid in grün und braun. Beide liefen normalerweise ja nur in Schuluniform durch die Gänge und deshalb war der Effekt umso erstaunlicher, auch wenn Hermine vor einigen Tagen schon mal eine Kostprobe gegeben hatte.

Harry ging sofort auf Ginny zu und bot ihr den Arm an, während Hermine sich ungezwungen bei Ron und Neville unterhakte und beide Jungs sofort rot wurden, als sie ihnen zulächelte.

Sie wollten sich gerade auf den Weg machen, als Ron noch etwas einfiel. Er sauste in den Schlafsaal und war in Sekunden zurück mit einer Flasche Sekt in der Hand. Alle schauten ihn überrascht und er lächelte zufrieden: „Wir wollen den Abend doch mit Stil begehen, oder?", fragte er in die Runde und Hermine und Ginny lachten und schnell waren entsprechende Gläser heraufbeschworen und die fünf stießen miteinander an – ein bisschen beneidet von den jüngeren Schülern, die noch keinen Alkohol trinken durften.

„Gehen wir!", beschloss Harry und führte Ginny zum Porträtloch. Sie blickte zum dem Dreiergespann hinter sich und prostete Hermine mit dem letzten Rest in ihrem Glas zu: „Auf einen erfolgreichen Abend!"

Bei ihren Worten spürte Hermine, wie ihre Knie weich wurden und sich kleine Schmetterlinge der Aufregung und Erwartung sich in ihren Händen einnisteten.

Jetzt gab es kein Zurück mehr – die Freunde gingen zur Großen Halle.

so, jetzt hoffentlich definitiv das letzte Kapitel vor dem Ball. Aber wer weiß, wann ich wieder zum Schreiben komme – da wollte ich euch mit einem kleinen Einschub noch erfreuen