Gendo Ikari
(The Beginning and the End)

[Vorspann: Cruel Angel's Thesis]

Kapitel 51 - Rei-III

Obwohl sie immer noch über die Synchronverbindung mit EVA-00 verbunden war, spürte Rei Ayanami kaum etwas von den Schmerzen des EVANGELIONs, während dieser von EVA-01 bei lebendigem Leibe in Stücke gerissen wurde.

Längst lag Einheit-00 auf dem Rücken und befand sich im Todeskampf, einer der Arme war aus dem Gelenk gerissen worden, beide Beine waren zerschmettert, Brust und Bauchbereich aufgerissen.

Das Bewusstsein des EVAs heulte vor Pein und Wut, raste in den Ketten, welche seine Existenz banden, forderte Rei auf, sich endlich zu wehren, flehte sie an, den Kampf gegen den verräterischen anderen EVA aufzunehmen.

Sie konnte es nicht.

Sie konnte nicht gegen Shin-chan kämpfen, egal weshalb dieser sie angriff. Sie könnte ihn niemals verletzen... selbst wenn dies umgekehrt nicht mehr zu gelten schien...

Das konnte unmöglich ihr Shin-chan sein, welcher da EVA-01 dazu brachte, ihren EVA zu massakrieren!

Doch was sie durch die langsam erblindenden Augen des EVAs sah, widersprach dem, was sie gerne glauben würde...

Es war der Engel, Armisael, der wie ein Bollwerk zwischen ihr und dem EVA-Bewusstsein in der Synchronverbindung stand und die meisten Schmerzimpulse herausfilterte. Ohne ihn wäre sie wahrscheinlich bereits bewusstlos geworden, so hockte sie nur im Pilotensitz und konzentrierte sich darauf, die restlichen Schmerzen aus ihrem Denken zu verbannen, ganz wie es ihr beigebracht worden war.

Die Sinne des EVAs erloschen, als ein Hagel von Faustschlägen des purpur-grünen Testmodells die Schädelschale knackten und graue Gehirnmasse sowie elektronische Bauteile in die Umgegend spritzten.

„Du musst... gehen..." flüsterte Rei. „Es wäre unlogisch zu bleiben."

„Ich bleibe. Ich werde dich beschützen."

„Warum?"

„Damit du mir glaubst..."

„Dein AT-Feld kann ihn nicht stoppen. Rette wenigstens dich selbst."

In diesem Augenblick durchdrang die Präsenz des Engels sie vollkommen.

Einen Augenblick lang teilten sie dieselbe Position im Universum.

„Ich mache dich zu einem Teil von mir... kurzfristig..."

EVA-01 riss den Leib von EVA-00 der Länge nach auf, griff dann nach dem EntryPlug.

Kurz leistete ihm das AT-Feld des Engels noch Widerstand, doch die zupackenden Finger des Giganten durchstießen es bereits im zweiten Anlauf.

Armisael keuchte auf.

„AT-Feld fast völlig... Wie ertragt ihr Lilim das nur? Schmerz... Meine Macht... zu entstofflichen... Geh, kleine Schwester! Geh!"

Rei spürte ein Brennen in ihrer Magengegend, welches jedes andere Gefühl überlagerte.

Dann erkannt sie, dass sie durch den Pilotensitz hindurchsank!

„Wie..."

„Geh!"

Armisael gab ihr einen Stoß!

Plötzlich jagte sie mit halsbrecherischer Geschwindigkeit durch den EntryPlug, auf die Rückwand zu.

Sie würde an dem Metall zerschmettert werden...

Wenigstens würde es schnell gehen...

Wenigstens würde sie nicht durch die Hand ihres Geliebten sterben...

Hinter ihr verfestigte sich der Engel erneut in einem Wirbel aus LCL, nahm ihre Gestalt an, ließ sich langsam in den Pilotensitz sinken.

Der EntryPlug gab bereits unter dem Druck nach, den EVA-01 auf ihn ausübte, verformte sich, riss auf.

Rei jagte durch die Wand hindurch! Nicht, weil diese bereits zerstört war, sondern als wäre sie gar nicht existent. Einen Sekundenbruchteil lang sah sie nur Schwärze, dann ein geordnetes, dreidimensionales engmaschiges Gitter, durch welches sie einfach hindurchschlüpfte.

Plötzlich war sie draußen, flog weiter.

Da vernahm sie den lauten Schrei in ihrem Verstand, den Todesschrei des Engels...

Und sie verstand... Armisael... ihr Bruder... hatte sich für sie geopfert und ihren Platz eingenommen...

Ihr Flug endete, der Schwung, der sie aus dem EntryPlug hinausgetragen hatte, war aufgebraucht. Sie hatte die Stadtgrenze fast erreicht...

Kurz bevor Rei den Boden berührte, wurde sie wieder stofflich, es geschah ohne nennenswerten Übergang oder gar eine Warnung. Hart schlug sie der Länge nach auf den trümmerübersäten Beton, drehte sich stöhnend unter Schmerzen auf die Seite, blickte schräg nach oben.

Der Himmel wurde von EVA-01 dominiert, welcher immer noch den zerquetschten EntryPlug in der Hand hielt. Durch den EVANGELION schien ein Ruck zu gehen, das Glühen der Augen ließ nach. Langsam ging er in die Knie, legte den Plug ab, gab dabei ein leises Wimmern von sich.

„Shin-chan..." wisperte Rei.

Ihre Rippen schmerzten, doch das war nichts gegen das Brennen in ihren Eingeweiden.

Mühsam kam sie auf die Beine, registrierte, dass sie sich nicht lange auf selbigen würde halten können, stolperte in den Schutz eines Mauerrestes und brach dort zusammen...

*** NGE ***

Zwei Sicherheitskräfte brachten Ritsuko in Gendo Ikaris Büro.

Akagi zitterte am ganzen Körper.

Ein grausames Lächeln huschte über das Gesicht des bärtigen Mannes.

In den Arrestzellen herrschten Temperaturen nahe dem Nullpunkt, damit die Delinquenten ihre Strafe auch zu schätzen wussten.

„Lassen Sie uns allein." sagte er ruhig zu den Wachen.

Die beiden Männer verließen wortlos das Büro.

Stille senkte sich über den Raum.

Ritsuko verschränkte die Arme vor der Brust, rieb sich die Oberarme.

Mit der rechten Hand griff Ikari in die oberste Schublade seines Schreibtisches und legte eine Pistole vor sich auf die Tischplatte, hielt die linke dabei unter dem Tisch verborgen.

„Und jetzt, Gendo? Willst du mich erschießen?"

„Nein, noch nicht."

„Oh, wie gnädig."

„Zieh dich aus."

„Was?"

„Hast du mich nicht verstanden? Leg die Kleider ab."

Ritsuko begann zu lachen.

„Hat es dich so scharf gemacht, das Mädchen abschlachten zu lassen?"

„Dein Sarkasmus ist fehl am Platz."

Er hob die Waffe.

„Ausziehen."

Akagi warf ihm einen tödlichen Blick zu, zog dann ihren Laborkittel aus, griff zögern nach dem Reißverschluss ihres Oberteiles, zog ihn nach unten. Der Rock folgte, dann BH und Slip.

„Bist du jetzt zufrieden?" flüsterte sie voller Bitterkeit.

In Ikaris Gesicht rührte sich kein Muskel.

Sein kalter Blick wanderte über ihren Körper, den er schon so oft besessen hatte. Akagi war keine echte Blondine, ihr Körper hatte ihm oft dazu gedient, seine Lust zu befriedigen, ihr Genie war da ein willkommener Bonus gewesen. Aber alles in allem war sie nur eine Schlampe, nur ein Körper.

Und dennoch wagte sie es, sich ihm zu widersetzen, wie LILITH...

Gendo stockte.

ADAM rührte sich wieder... der Engel versuchte, in seine Gedanken einzudringen...

Er presste die Lippen zusammen, sog scharf den Atem ein.

„Dreht dich um."

Langsam befolgte Ritsuko die Aufforderung, lachte dabei leise.

Doch in ihren Augen schimmerten Tränen.

„Auf die Knie."

„Bekomme ich eine Kugel in den Kopf? Sollen meine Sachen nichts abbekommen? Ich könnte dir sagen, wo ich sie gekauft habe, wenn du so darauf stehst..."

„Knie nieder!"

Gendo stand auf, die Waffe in der Hand, die monströse linke hinter dem Rücken.

Der Anblick von Akagis nacktem Rücken erregte ihn ungemein, ebenso die Tatsache, dass sie ihm völlig ausgeliefert war - und dass sie es wusste...

Er trat von hinten an sie heran, strich mit dem kühlen Waffenlauf über ihre Schulter, ihren Hals entlang und über ihre Wange, ergötzte sich an ihrem Zittern, ihren Versuchen, ihre Furcht zu verbergen...

„Du wirst dich mir niemals wieder widersetzen, verstehst du?"

Ritsukos Antwort bestand aus einem unterdrückten Schluchzen.

„Bring es doch endlich zu Ende..."

„Nur Geduld, meine Liebe. Ich habe noch eine Aufgabe für dich, eine Chance dich zu bewähren. Die Überreste von EVA-00 sind über die halbe Stadt verteilt, du wirst die Säuberungsaktion leiten."

„Du brauchst eine Putzfrau?"

Ritsuko versuchte zu lachen, schaffte aber nur ein paar seltsame Laute.

„Es gilt, alle vom Ziel: Armisael kontaminierte organische Materie zu beseitigen. Dir stehen alle nötigen Ressourcen zur Verfügung. Du hast die ganze Nacht."

„Für die ganze Stadt?"

„Immer noch Widerworte, Ritsuko? Ich habe keine Zeit dafür, ich muss einen neuen Klon vorbereiten."

„Eine... neue... Rei...? Was für eine Bestie bist du nur? Aber... sie wird dir nicht gehorchen..."

„Deine kleine Intrige, Ritsuko, sie geht nicht auf. Ich weiß schon seit einiger Zeit davon, dass du Reis Daten mit... Gefühlen... verseucht hast. Diese Daten existieren nicht mehr."

Ritsuko zuckte zusammen.

Gendo hatte Rei vollends zerstört... ohne die aktuellen Daten gab es keine Hoffnung mehr, das Mädchen zurückzuholen...

„Der nächste Klon wird wieder ganz von vorn anfangen, völlig leer, eine Leere, die ich füllen werde, ohne dass mir jemand dazwischen kommen wird - und das schließt dich mit ein. Andernfalls... Ritsuko, noch ein Fehltritt, noch ein einziges Mal, dass du mein Missfallen erregst... und ich töte dich. Aber zuvor wirst du zusehen, wie ich deine Katzen töte, deine arme, alte Großmutter und jeden, der dir nahesteht. Und Maya Ibuki wird dich ersetzen... in jeder Weise… wenn ich mit dir fertig bin. Aber es ist deine Wahl."

„Ich... ich tue, was du willst..."

„Gut. Gut, Ritsuko, sehr gut. Aber Strafe muss sein..."

Und damit presste er die entstellte linke Hand gegen Akagis rechtes Schulterblatt.

Ritsuko schrie auf...

Es knisterte. Der Geruch von verbranntem Fleisch stieg auf.

Ritsuko kippte wimmernd nach vorn, rollte sich auf dem blanken Boden zusammen.

Ein schwarzer Handabdruck prangte auf ihrer Schulter, ADAMs Brandmal...

Ohne Hast kehrte Gendo hinter seinen Schreibtisch zurück, nahm Platz, warf einen gefühlslosen Blick auf den Häuflein Mensch vor dem Schreibtisch. Dann betätigte er einen Schalter unter dem Tisch. Die Doppeltür seines Büros schwang auf.

„Kommen Sie herein."

Die beiden Sicherheitskräfte, die draußen gewartet hatten, betraten das Büro, betrachteten die schluchzende Ritsuko Akagi nervös.

„Nehmen Sie sie mit, nehmen Sie auch ihre Sachen mit. Bringen Sie Doktor Akagi in ihr Büro, sie hat heute noch etwas zu tun."

Er lehnte sich zurück, beobachtete genüsslich, wie die beiden Männer die nackte Wissenschaftlerin in die Höhe zerrten und zwischen sich hinausschleppten. Sie würden Akagi so durch das halbe Hauptquartier bringen...

Die Doppeltür glitt wieder zu.

Ikari legte die Waffe in die Schublade zurück, holte stattdessen eine Spritze und eine neue Ampulle mit der auf ADAM zugeschnittenen Droge hervor...

*** NGE ***

Shinji fror erbärmlich.

Die Kälte war der erste Eindruck, der seine Sinne erreichte. Er öffnete die Augen.

Er war nicht mehr im EntryPlug von EVA-01, sondern befand sich in einer kargen Zelle. Und er war nackt, man hatte ihm die PlugSuit ausgezogen.

Bibbernd setzte er sich auf.

Auf dem Boden neben der Zellentür lagen seine Sachen.

Shinji rutschte von der Pritsche, auf der er erwacht war, und griff hastig nach seinen Kleidern.

Etwas fiel zu Boden...

Ganz oben auf dem Stapel hatte die Halskette mit dem halben Herzen gelegen, dessen Gegenstück er Rei-chan geschenkt hatte...

Rei-chan...

Während er sich seine Sachen anzog, kamen die Tränen.

Rei-chan...

Er würde nie wieder ihr Lächeln sehen, würde nie wieder ihre Lippen küssen, nie wieder ihre zarte Hand streicheln, würde nie wieder neben ihr aufwachen, nie wieder ihren warmen Atem auf der Haut spüren...

Die Zellentür wurde geöffnet, ein Wachmann deutete ihm mit dem Lauf seiner Maschinenpistole, die Zelle zu verlassen.

Draußen standen Misato, Kaji und drei weitere bewaffnete Männer.

Misato blickte ihn traurig an, Kaji schüttelte nur schwach den Kopf, wirkte niedergeschlagen.

„So stehenbleiben", befahl der Mann mit der Waffe. „Hände vorstrecken!"

Jemand legte ihm Handfesseln an, dann wurden auch noch seine Füße aneinander gekettet.

„Das ist doch nicht nötig!" protestierte Misato.

„Bedaure, Colonel, Anweisung vom Kommandanten." antwortete der NERV-Soldat lakonisch.

„Shinji, es tut mir so leid..." flüsterte Misato.

Er nickte nur, folgte dann den Bewaffneten.

*** NGE ***

Wie ein Schwerverbrecher wurde Shinji in das riesige Büro geführt, blieb vor dem Schreibtisch stehen. Er war zum ersten Mal im Büro des Kommandanten, doch es beeindruckte ihn nicht im Geringsten, er verspürte nur Hass...

Gendo Ikari musterte den Jungen wortlos.

Shinji erwiderte den Blick des anderen Ikaris, ohne zu blinzeln.

„Du weißt, weshalb du hier bist."

„Nein, erzähl´s mir."

„Befehlsverweigerung, Drohungen gegen einen vorgesetzten Offizier, Missbrauch von NERV-Eigentum."

„Du hast Rei ermordet!"

„Irrelevant. Sind dir deine Vergehen bewusst?"

„Vergehen? Ich werde dich vernichten... und wenn es das Letzte ist, was ich tue..."

„Leere Drohungen. Gut, ich sehe, dass dir jede Einsicht und Reue fehlt. Mit einem derartigen Piloten kann NERV nichts anfangen. Du bist draußen."

„Darauf habe ich seit über einem halben Jahr gewartet. Jetzt bin ich frei. Aber du solltest in Zukunft immer über deine Schulter blicken..."

„Deine NERV-ID-Karte ist bereits gesperrt. Du hast im Hauptquartier nichts mehr verloren, ebenso wenig in der Geofront. Du wirst Tokio-3 nicht verlassen. Ob Colonel Katsuragi dich weiterhin bei sich wohnen lässt, bleibt ihr überlassen, allerdings wird NERV keinen Yen mehr für dich aufwenden."

„Ich verstehe. Damit ist wohl alles gesagt..."

Shinji drehte sich um, schleppte sich mit den schweren Ketten in Richtung der Tür.

Gendo überlegte kurz, ob er den Bengel nicht einfach niederschießen sollte für sein respektloses Verhalten, unterließ es jedoch.

„Die Ketten werden ihm erst abgenommen, wenn er die Geofront verlässt." knurrte er.

*** NGE ***

Große Scheinwerfer erhellten die Nacht.

Jeder entbehrliche NERV-Mitarbeiter war für die Aufräumarbeiten eingeteilt worden, insgesamt waren vier Hundertschaften unterwegs. Ständig fuhren Transporter geborgene Biomasse in die Geofront, wo die Reste von EVA-00 beseitigt werden würden.

Mit ausdruckslosem Blick verfolgte Ritsuko die Vorgänge. Sie wurde an der Oberfläche nicht benötigt, Hyuga hatte alles bestens im Griff. Makoto hatte sie schuldbewusst angesehen und sich dann abgewandt.

Ihre rechte Schulter war völlig taub, doch sie hatte im Spiegel den Handabdruck gesehen, der sich in ihre ansonsten makellose Haut eingebrannt hatte. - Ikari hatte sie gebrandmarkt...

Man hatte sie nackt durch die Korridore des Hauptquartiers geschleift... nahezu jeder hatte sie so gesehen...

Ritsuko war nahe daran, nach einem Gebäude Ausschau zu halten, das hoch genug war, um sich davon herabzustürzen. Allerdings hätte sie das auch leichter haben können, schließlich trug sie ihre Waffe in der Tasche ihres Laborkittels.

Ihr einziges Interesse hatte dem EntryPlug gegolten und der abstrusen Hoffnung, dort könnte noch etwas am Leben sein... doch sicher hatte Gendo auch in diesem Fall Vorsorge getroffen... sicher war irgendeiner der NERV-Sicherheitskräfte beauftragt, in diesem Fall das First Child zu beseitigen...

Was sie im Plug gefunden hatten, waren ein abgerissener Arm und ein Stück eines Kopfes mit blauen Haaren gewesen...

Für Ritsuko stand fest, dass Rei tot war. Und dadurch, dass Gendo auf die alten Daten zurückgreifen würde, würde noch in dieser Nacht ein weiterer Klon den Tank verlassen. Doch dieser Klon würde mit Rei Ayanami nicht mehr als das Äußere gemeinsam haben...

Akagi wanderte ziellos in die Nacht hinaus. Niemand hielt sie auf, niemand beachtete sie wirklich und jene, die es taten, blickten schamvoll zu Boden. Ritsuko weinte um Rei-II, die menschlicher gewesen war, als mancher Mensch, weinte um das Mädchen, das in den letzten Wochen in ihrem Denken beinahe wie eine Tochter für sie geworden war...

Schließlich ließ sie sich fernab von den Arbeiten auf ein kniehohes Stück einer Mauer sinken, die einmal die Außenwand eines Gebäudes gewesen war, das nur noch teilweise stand.

Ritsuko verbarg ihr Gesicht in den Händen und ließ den Tränen freien Lauf...

„Ritsuko-san..."

Es war nur ein Flüstern, wie der Nachtwind, der zwischen den Ruinen umherstrich.

Ritsuko schniefte.

Die arme Rei... ein solches Ende verdiente niemand...

„Ritsuko-san..."

Da war es wieder, eine schwache leise Stimme... die Stimme Rei Ayanamis...

Akagi presste die Hände auf ihr Gesicht.

Was das die Strafe?

Hörte sie die Stimme des toten Mädchens, weil sie an der Konstruktion des DummyPlugs mitgewirkt hatte?

„Bitte..."

Ritsuko lief es eiskalt den Rücken hinab.

Langsam hob sie den Kopf, blickte in das Dunkel der Ruine, blickte in zwei scharlachrote Augen, die leicht in der Schwärze zu leuchten schienen.

„Rei...?"

„Ritsuko-san..." flüsterte die Gestalt in den Schatten.

Akagi konnte ihre Umrisse erkennen, glaubte, Schrammen und eine zerfetzte PlugSuit zu sehen. Rasch blickte sie sich um, ehe sie über die Mauer kletterte und neben Rei in die Knie ging.

„Wie ist das möglich?"

„Der Engel... Armisael hat meine Stelle eingenommen..." wisperte das Mädchen.

„Rei..."

Ritsuko zog sie an sich.

„Du lebst... du lebst..."

„Ich fühle mich so schwach."

Besorgt ließ Akagi Rei los, berührte ihre Stirn.

„Du bist glühend heiß... du brauchst einen Arzt..."

Sie fluchte lautlos. Rei zu einem Arzt zu bringen, bedeutete, sie zugleich Gendo auszuliefern - und der hatte bereits klar gemacht, welchen Stellenwert der Klon für ihn noch hatte...

„Rei, ich kann dich zu keinem Arzt bringen... niemand darf erfahren, dass du noch lebst..."

„Ja, Ritsuko-san... Warum... warum hat Shinji das getan? Warum hat er EVA-00 angegriffen?"

„Rei, das war nicht Shinji-kun. Der Kommandant hat den DummyPlug aktiviert und die Vernichtung von Einheit-00 befohlen."

„Der Kommandant... ja... nicht Shin-chan... nicht meine Liebe... Ich bin krank, nicht wahr?"

„Ja."

„Ich war noch nie krank."

„Du... dein Körper kuriert das sicher wieder aus."

„Mein Magen schmerzt."

Ritsuko tastete Reis Bauch ab.

„Ich spüre nichts."

„Ja. Warum... Der Engel wollte kommunizieren... er war kein Feind. LILITH... sie muss freigelassen werden... Älterer Bruder..."

Sie klang dösig, wurde leiser.

„Rei! Rei, konzentriere dich auf meine Stimme!"

„Ja, Ritsuko-san."

„Rei, du bist hier nicht sicher. Ich..."

Akagis Gedanken rasten.

Was konnte sie nur tun?

Wenn sie Rei von hier fortbrachte, würde man sie bemerken...

Schnell zog sie ihren Kittel aus, deckte ihn über Rei.

„Hier, das... das wird dich etwas wärmen... Du musst Tokio-3 verlassen, du bist hier nicht sicher."

„Ja."

„Geh auf den Stadtrand zu. Geh immer geradeaus, du wirst an eine Straße kommen, die von Bussen frequentiert wird. Du musst durchhalten, verstehst du?"

„Durchhalten..."

„Das ist ein Befehl."

„Ja. Durchhalten."

„Gut. Und..."

Sie holte ihre Brieftasche hervor, entnahm ihr ein Bündel Yen-Noten, drückte es dem Mädchen in die Hand.

„Das sollte genügen, um in die nächste Stadt zu kommen und ein, zwei Wochen zu überstehen."

„Ja... Ritsuko-san, was ist mit Shinji?"

„Ich... ah... er hat NERV verlassen."

„Würden Sie ihm etwas von mir ausrichten? Bitte, sagen Sie ihm, dass ich ihn liebe..."

„Das werde ich. Und wenn alles vorbei ist, werden wir kommen und dich suchen. Aber du musst solange durchhalten."

„Das werde ich. Ich habe Hoffnung."

„Rei... ich... ich muss dich noch etwas fragen... es geht um meine Mutter..."

„Ja. Doktor Naoko Akagi. Ich erinnere mich an sie... aber es sind nicht meine Erinnerungen..."

„Ich weiß. Du warst anwesend, ehe sie sich das Leben nahm."

„Ja."

„Was... was hast... was hat Rei-I zu ihr gesagt? Warum hat sie so gehandelt?"

„Ich... die Erinnerung ist verschwommen... ich... Der Kommandant, er wies meine Vorgängerin an, Ihrer Mutter etwas zu sagen..."

„Ich weiß. Was?"

„Alte Hexe."

„Alte Hexe?"

„Ja. Er sagte ´nenne sie eine alte Hexe und sage ihr, dass ich sie immer so bezeichne´."

„Deswegen hat sie Rei-I erwürgt und sich das Leben genommen?"

„Ja. Sie hat ihn geliebt."

„Sie auch? Meine Mutter hat er auch... Mein Gott..."

„Es tut mir leid."

„Es ist gut, dass ich endlich den Grund kenne. Rei, ich muss gehen... ich... ich wünschte, ich könnte dir helfen, aber allein bist du besser dran. Du musst durchhalten."

„Ja. Ich habe verstanden."

*** NGE ***

Rei hatte Doktor Akagis Anweisungen befolgt, nachdem diese sie verlassen hatte und es in der Nähe still geworden war, und war zum Stadtrand gegangen. Nein, eigentlich hatte sie sich vorangeschleppt. Jeder Schritt war eine Qual gewesen.

Schließlich hatte sie die Häuser hinter sich gelassen und war querfeldein in die bewaldeten Hügel gegangen. Und irgendwann hatte sie eine Lichtung mit einem klaren See erreicht, an dessen Ufer ein Zelt stand.

Mit schwindenden Kräften kroch sie unter die Zeltplanen, rollte sich schweratmend zusammen und schloss die Augen.

Ihr war, als würde sie innerlich verbrennen...

*** NGE ***

Schweigend saß Shinji neben Misato im Wagen, die Hände derart zu Fäusten geballte, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten und seine kurzen Nägel sich in die Haut bohrten.

Schweigend folgte er ihr die Treppenstufen hinauf in die Wohnung.

Misato verspürte einen dicken Kloß im Hals.

Was sollte sie nur zu ihm sagen, wie konnte sie ihn nur trösten, wie ihm ein wenig über seinen Schmerz hinweg helfen... Rei war seine erste Liebe gewesen, und dieses vielleicht reinste aller Gefühle war durch die Tat seines Vaters zerstört worden...

Unschlüssig sah Shinji sich im kombinierten Wohn- und Esszimmer um.

Der Ort erschien ihm so leblos und kalt. Alles erschien ihm leblos und kalt, so als hätte sich die Sonne selbst verdunkelt.

Er spürte Misatos teilnahmsvollen Blick, doch gerade jetzt fühlte er sich außerstande, sich einem anderen Menschen zu öffnen.

„Shinji-kun... wenn ich irgendwie..."

Er schüttelte den Kopf.

„Ich bin im Bad..."

Schlurfend ging er auf die Badezimmertür zu.

Misato wandte sich mit traurigem Blick ab und betrat ihr Zimmer, um sich umzuziehen.

Schon mehrfach hatte es so ausgesehen, als hätte das Pilotenteam ein Mitglied verloren, doch dieses Mal würde es wohl kein Wunder geben, keinen EVANGELION, der sich aus eigener Kraft aus dem Inneren eines Engels befreite, keine wissenschaftliche Methode, den zu LCL aufgelösten Piloten zu bergen, kein geheimnisvoller Speer, mit dem ein EVA aus der Tiefe des Dogmas auftauchte, um ein ansonsten undurchdringliches AT-Feld zu durchbrechen...

Als Misato aus ihrem Raum kam, holte sie sich zuerst ein Bier aus dem Kühlschrank. Sie wollte die Dose öffnen, verharrte jedoch in der Bewegung.

Es war so still...

Sie hörte kein laufendes Wasser, auch ansonsten war es in ihrer Wohnung völlig ruhig.

Und in der Küchennische fehlte eines der langen Messer im Messerblock...

Misato riss die Augen auf.

„Shinji!"

Mit zwei Schritten war sie an der Badezimmertür, stieß sie mit der Schulter auf.

„Shinji..."

Der Junge saß auf dem hinuntergeklappten Toilettendeckel, das Gesicht in den Händen verborgen und weinte leise. Neben ihm auf dem Rand der Badewanne lag das vermisste Messer.

Rasch griff Misato zu und zog die Waffe aus seiner Reichweite. Dann ging sie neben ihm in die Knie und nahm ihn in die Arme.

„Mein armer Kleiner..."

„Misato... es tut so weh..."

Er nahm die Hände hinunter und legte die rechte auf sein Herz.

„Ich weiß, Shinji-kun, ich weiß... Aber du darfst nicht... das Messer... Das hätte Rei nicht gewollt."

„Aber es ist so schwer... ich hatte die Klinge bereits an meinem Handgelenk... nur... mir ist, als wäre Rei immer noch da, als könnte ich sie spüren... irgendwo in der Ferne... Misato, warum hat er das getan? Warum hat er EVA-01 gezwungen, sie zu töten? Die Synchronverbindung... es war, als würde ich EVA-00 mit meinem eigenen Händen zerfetzen... ich habe sie getötet... ich habe Rei-chan auf dem Gewissen..."

„Nein, Shinji... es ist nicht deine Schuld. Du darfst das nicht glauben... dann hätte dein Vater gewonnen. Ich weiß nicht, weshalb er diesen Befehl gegeben hat. Aber er wird sich dafür verantworten müssen, das verspreche ich dir... ich werde einen Bericht an den UN-Sicherheitsrat schreiben... Kaji und Ritsuko werden sicher auch unterschreiben. Gendo Ikari muss als Kommandant von NERV abberufen werden... und er muss vor ein Gericht gestellt werden... wegen Mordes!"

„Er ist nicht mein Vater..."

„Oh, Shinji-kun, ich verstehe, dass du nichts mehr mit ihm zu tun haben willst..."

„Nein, er ist wirklich nicht mein Vater. Mutter hat es mir gesagt... als ich in EVA-01 feststeckte. Sie war auch da."

„Deine Mutter? Ach, mein armer Shinji... du brauchst Ruhe..."

„Du glaubst mir nicht..." murmelte Shinji. „Ja... Rei-chan..."

Wieder begann er zu schluchzen.

Eine Ewigkeit später klingelte das Telefon. Es war bereits mitten in der Nacht.

Misato ließ Shinji zögernd los.

„Ich gehe kurz ran."

„Hm..."

Sie nahm das Messer mit und trat in den Korridor, nahm den Hörer ab.

„Ja?"

Das Messer fiel zu Boden.

„Wir kommen!"

Misato warf den Hörer auf die Gabel.

„Shinji!"

*** NGE ***

Mit quietschenden Reifen kam Misatos Wagen in der Garage des Hauptquartiers zum Stehen.

Misato und Shinji sprangen heraus, rannten zum Eingang.

Der dort postierte Wachmann hob die Hand.

„Der Junge hat keine Berechtigung mehr, das Hauptquartier zu betreten, Colonel!"

Misato schob ihn einfach beiseite.

„Schwärzen Sie mich doch beim Kommandanten an!"

*** NGE ***

Shinji riss die Tür des Krankenzimmers auf.

Tatsächlich...

Auf dem Bett saß ein zerbrechlich wirkendes Mädchen mit blauem Haar und roten Augen, es trug ein Nachthemd und war am halben Körper bandagiert.

„Rei-chan!"

Shinji stürmte in das Zimmer, wollte sie kräftig umarmen, bremste sich aber im letzten Moment aus Rücksicht auf ihre Verletzungen, so dass seine Umarmung nur sehr leicht ausfiel.

„Rei-chan, du lebst..."

Das Mädchen in seinen Armen versteifte sich, schob ihn zurück.

„Warum tust du das?"

„Ah? Was? Ich... uh..."

„Wer bist du?"

Die Stimme war völlig emotionslos, ebenso das Gesicht und die Augen.

Emotionslos und... leblos...

Shinji wich einen kurzen Schritt zurück.

„Rei-chan, ich bin es doch, Shinji... dein Shin-chan..."

„Ich kenne dich nicht."

„Urgh... aber... wir... wir kennen uns doch schon seit... seit Monaten... Rei-chan, erinnerst du dich nicht?"

„Ich kenne dich nicht." wiederholte sie.

„Nein... das kann doch nicht... Rei-chan, wir haben zusammen gewohnt... wir haben... uh... wir haben uns ein Bett geteilt... und... daran musst du dich doch erinnern...!"

„Nein. Ich bin wohl die Dritte."

„Agh... agh... agh..."

Langsam wich Shinji zur Tür zurück. Seine Knie zitterten unkontrolliert.

Was auch immer dieses Wesen auf dem Bett war, es war nicht seine Rei-chan... es hatte ihr Gesicht und ihren Körper, aber nicht ihre Seele...

Er warf sich herum und rannte aus dem Raum.

Erst an der Tür am Ende des Korridors hielt er inne, als er beinahe Misato über den Haufen rannte.

„Shinji, du siehst aus, als ob du einen Geist gesehen hättest..." flüsterte Misato verständnislos.

„Misato, das... das ist nicht Rei..."

„Aber... sie sieht doch aus wie sie und..."

Neben ihnen wurde eine Tür geöffnet.

Ritsuko Akagi winkte sie in den dahinterliegenden Raum.

„Ritsuko, was..."

Akagi nahm einige Einstellungen mit ihrer Fernsteuerung vor.

„Ikari hat meine Befugnisse zwar sehr stark beschnitten, aber die hier hat er vergessen, mir wegzunehmen... zum Glück gibt es für das Überwachungssystem ein paar blinde Flecken..."

Sie sah Shinji mit Bedauern in den Augen an.

„Du hast sie schon gesehen, nicht wahr?"

„Agh... ja... das... das kann unmöglich..."

„Es tut mir leid, Shinji-kun. Ich bin zu spät gekommen, eigentlich wollte ich das vermeiden..."

„Ritsuko, was ist hier los?" fragte Misato mit schneidender Stimme. „Was ist mit Rei?"

Ritsuko schloss kurz die Augen und atmete tief durch.

„Um das zu verstehen, musst ihr mir ins TerminalDogma folgen... allerdings könnte es sein, dass die Antwort euch nicht gefällt... besonders dir nicht, Shinji-kun."

„Doktor Akagi... ich muss wissen..."

„Gut. Kommt mit..."

In der Rückwand des Raumes befand sich eine weitere Tür, die von Regalen verstellt war. Akagi riss eines der Regale einfach um, öffnete dann die Tür. Dahinter lag ein spärlich beleuchteter Korridor mit einem Panzerschott am Ende.

Und hinter diesem Schott war ein Aufzug.

„Ikari hat das ganze Hauptquartier als riesiges Labyrinth gestaltet... und wir sind wie ein Rudel Versuchsratten..." murmelte Ritsuko, während sie weitere Einstellungen vornahm und die Lifttüren aufgleiten ließ.

Es ging abwärts.

„Shinji-kun, das Wesen, das du im Krankenzimmer gesehen hast, ist Rei - und es ist sie nicht."

„Wie... wie..."

„Es ist die Dritte... wie soll ich dir das nur erklären... Du erinnerst dich, dass Rei immer wieder gesagt hat, sie sei ersetzbar?"

„Ja."

Die Aufzugtüren sprangen auf.

Akagi gab ihren Begleitern Zeichen, sie sollten sich beeilen.

Es ging einen schmalen Korridor hinunter, dann durch eine Reihe von Laboratorien.

Und schließlich betraten sie einen Raum, dessen markantestes Einrichtungsmerkmal eine Stahlsäule war.

„Das ist der DummyPlug, oder besser, das Herzstück der Anlage. Die Fernsteuerung der EVAs... aber nicht mehr lange..."

Sie tippte eine Reihe von Befehlen in ihren Palmtop ein, doch ohne dass etwas Sichtbares geschah. Im Inneren der Säule jedoch zerfiel Rei-00 und löste sich in LCL auf...

„Kommt weiter. Im nächsten Raum warten alle Antworten..."

Der nächste Raum hatte ein Sichtfenster, welches sich über eine ganze Wand hinzog, allerdings war das Glas undurchsichtig.

Ritsuko blickte Misato und Shinji an.

„Shinji-kun, ich kann die Verspiegelung aufheben und dir zeigen, was dahinter liegt. Aber es ist auch die Wahrheit über Rei."

„Die Wahrheit?"

„Ja. Die Wahrheit darüber, was mit ihr passiert ist, die Wahrheit, woher das Wesen im CentralDogma kommt, die Wahrheit über ihre Abstammung."

„Uh..."

„Ritsuko, jetzt erzähl doch endlich..."

„Der DummyPlug basiert auf Rei... wir haben ihre Erinnerungen, ihre Erfahrungen, alles was sie ist, alles was sie ausmacht, in regelmäßigen Abständen kopiert und auf das System übertragen."

„Dann... Ritsuko, das darf doch nicht wahr sein... wenn der DummyPlug gewissermaßen Rei ist, dann..."

„Dann hat sie sich selbst vernichtet? - Ja. Kaum zu glauben, dass auch Maschinen zu Eifersucht fähig sind, nicht wahr?"

„Und... aber... Doktor Akagi, was ist dann mit... uh... mit der... ah... Rei oben?"

Akagi drückte einen Knopf auf ihrer Fernbedienung.

Und die Scheibe des Beobachtungsfensters wurde durchsichtig...

Hinter der Scheibe schwammen zahllose nackte Körper in klarem LCL.

Jeder Körper war weiblich, hatte blasse Haut, blaues Haar und scharlachrote Augen...

„Rei..." flüsterte Shinji gleichsam überrascht und schockiert.

Die zahllosen Reis öffneten die Augen, sahen Shinji an, fixierten ganz allein ihn und lächelten.

Doch ihr Lächeln war ohne jedes Gefühl, war nur eine Muskelbewegung...

Misato stützte sich auf die Schaltapparaturen an der Seite.

„Was ist das für ein Ort?"

„Hier wurde Rei geboren, in diesem Tank."

„Agh..." gurgelte Shinji.

Ritsuko blinzelte.

Dann ließ sie das Sichtfenster wieder undurchsichtig werden.

„Projekt R... Projekt Rei. Begonnen von Yui Ikari, um auf künstlichem Wege mittels Cloning Piloten für die EVAs zu erschaffen. Grundlage war die DNA des Engels, welcher sich ebenfalls im TerminalDogma befindet, sowie ein wenig menschliche DNA zur Stabilisierung des Äußeren. Allerdings war nur eine Handvoll der Klone zur Erfüllung ihrer Aufgaben fähig... und der beste von ihnen..."

Sie senkte den Blick.

Doch sie musste es Shinji erzählen, er musste es wissen, sonst würde die Existenz einer weiteren Rei für immer zwischen ihm und Rei-II stehen. Doch wenn er dieses Wissen verkraftete, dann war er Reis Liebe würdig...

„Rei-chan ist ein Engel?" stieß Shinji hervor.

„Größtenteils."

Plötzlich lachte der Junge.

„Ich kann das nicht glauben... ich kann einfach nicht... nicht meine Rei-chan..."

Abrupt brach er ab, starrte Ritsuko an.

„Ich trage ein S2-Organ in der Brust... aus der DNA eines Engels... macht mich das nicht auch zu einem Engel?"

„Gewisserweise."

„Gut... es gibt also mehrere... Rei-chan hatte also viele Zwillingsschwestern... warum leben sie in diesem Tank?"

In seinen Augen flackerte es unstet.

„Außerhalb des LCL können sie nicht existieren - sie haben keine Seelen. Es gibt für Rei nur eine Seele, die von einem Klon zum nächsten wandert, wenn der aktive Klon stirbt."

„Aber... die Rei oben im Krankenflügel... das ist nicht Rei... niemals..."

„Nein, du hast Recht. Rei-III hat nicht dieselbe Seele wie Rei-II. Dein Vater musste improvisieren, er glaubt im Moment noch, dass die Rei-Seele verloren gegangen sei, deshalb hat er ein weiteres Seelenfragment aus dem Engel extrahiert und auf Rei-III übertragen."

„Uh..."

„Er glaubt, dass der Engel das Tor zur Kammer von Gaf darstellt, den Ursprung aller unschuldigen Seelen."

Misato blickte Ritsuko an, als wäre dieser ein zweiter Kopf gewachsen.

„Das ist doch nicht dein Ernst!"

„Doch. Hier siehst du das Kernstück von Ikaris Plänen. Ein Wesen, geschaffen aus einer Verbindung von Mensch und Engel... ein Nephilim... nur deshalb akzeptierte EVA-00 Rei als Piloten, weil sie aus derselben Urmaterie geschaffen wurde, wie er selbst."

„Doktor Akagi... was heißt das? Was bedeutet das alles? Was ist mit Rei-chan? Sie hat doch Gefühle... ich..."

„Die besaß Rei-II. Und ich hatte dafür gesorgt, dass ihre Erinnerungen und Gefühle konserviert werden, allerdings ist Ikari dahintergekommen... Rei-III befindet sich auf dem Stand von vor über einem Jahr. Sie kennt dich nicht, Shinji, und sie kennt auch dich nicht, Misato. Eigentlich kennt sie nur Ikari; er hat sie entsprechend konditioniert."

„Aber... wenn Sie ihre Erinnerungen haben... können Sie die dann nicht einfach..."

Shinji verstummte, schüttelte den Kopf.

„Es wäre nicht dasselbe, nicht wahr? Ohne ihre Seele..."

Plötzlich trugen ihn seine Beine nicht mehr.

Die Kraft, welche er aus der Hoffnung, Rei-chan wäre lebend gefunden worden, geschöpft hatte, war aufgebraucht. Er ging einfach zu Boden, stürzte sich auf Hände und Knie ab und ließ den Kopf hängen, gab schluchzende Laute von sich.

„Ich kann ohne sie nicht weiterleben... aber... Vater... darf nicht damit davonkommen..."

„Ja, Shinji-kun, ist es dir denn egal, was ich dir gerade berichtet habe? Dass Rei kein Mensch war, dass sie nicht als solcher geboren wurde?"

„Sie war ein Mensch!" brüllte Shinji. „Sie hatte eine Seele... ich habe sie geliebt! Ich würde mit Freuden sterben, wenn ich dadurch die Zeit zurückdrehen könnte! Es ist mir egal, als was sie geboren wurde... sie hatte eine Seele... sie hatte Gefühle... sie konnte lieben..."

Er hämmerte mit den Fäusten gegen den Boden.

Ritsuko nickte knapp.

„So sehr hast du sie geliebt?"

„Ja...!"

„Ritsuko..." setzte Misato an, die nicht einsah, weshalb ihre älteste Freundin Shinji derart quälte.

Doch Ritsuko ignorierte sie.

„Sie wird die Stärke deiner Liebe brauchen."

„Was?"

Shinji blickte mit geröteten Augen auf.

„Shinji-kun, Rei, deine Rei, lebt. Sie hat die Vernichtung des EVAs überstanden. Ich bin ihr vor etwas mehr als einer Stunde begegnet."

„Sie... sie lebt?"

„Ja. Ich konnte sie nicht mitnehmen... dein Vater hätte sie beseitigen lassen... deshalb habe ich sie in Richtung Yasakamwa geschickt, das ist ein Dorf nördlich von Tokio-3."

„Sie lebt? Sie ist am Leben?"

„Wenn ich es dir doch sage."

Shinji sprang auf.

„Misato, wir müssen..."

„Ja!"

Katsuragi sah Ritsuko finster an.

„Warum hast du das nicht oben gesagt?"

Ritsuko seufzte.

„Er musste es erfahren."

„Darüber sprechen wir noch..."

Damit eilte sie Shinji nach, der bereits in Richtung des Aufzuges lief.

„Wartet auf mich, ich muss euch den Lift öffnen!"

*** NGE ***

Die Fahrt an die Oberfläche schien endlos gewesen zu sein.

Mehr als eine knappe Wegbeschreibung hatte Ritsuko ihnen nicht mit auf den Weg gegeben, weshalb Misato ihren Wagen am Stadtrand stehenließ und Shinji folgte, der mitten in den nächtlichen Wald hineinlief.

Shinji konnte vor lauter Tränen kaum etwas sehen.

Rei lebte... seine Rei-chan war am Leben!

Erst der Schock, einer leeren Kopie von Rei-chan zu begegnen, dann Doktor Akagis Enthüllungen und schließlich die Nachricht, dass sie noch lebte...

Fast blind stolperte er durchs Unterholz, dabei in sich hineinhorchend, versuchend, ihre Gegenwart wahrzunehmen... er hatte es doch insgeheim gewusst, hatte ihre Präsenz doch die ganze Zeit über gespürt... und nie war sie ihm ferner erschienen, als er dem anderen Mädchen begegnet war... Rei-III... welche Teufelei seines Vaters steckte nur dahinter... Rei-III... Rei-II... Rei-00 - der DummyPlug, deshalb also die seltsame Bezeichnung... - und Rei-I? Gab es irgendwo noch ein weiteres Abbild?

Aber eigentlich war ihm das völlig egal, er wurde nur von der Hoffnung, seine geliebte Rei wiederzusehen, vorangetrieben.

Doktor Akagi hatte jetzt vor etwa anderthalb Stunden mit ihr gesprochen... fast neunzig Minuten, die Rei-chan Vorsprung hatte... wie sollten sie sie nur einholen...

Misato schien denselben Gedanken gehabt zu haben, vielleicht lag es auch daran, dass die zahlreichen Äste blutige Schrammen auf ihren Beinen hinterlassen hatten.

„Wir sollten zum Wagen zurückgehen und bis zum Morgen warten, dann suchen wir sie auf der Landstraße..."

„Nein... Misato, nein... Ich kann sie fühlen..."

„Du kannst?"

„Ja... Sie ist irgendwo dort vorn..."

Wie ein Licht in der Finsternis...

Sein S2-Fragment pulsierte stärker, versorgte ihn mit neuer Kraft, die ihn vorantrieb. Und mit dem Kraftschub ging eine Schärfung seiner Sinne einher, plötzlich war er imstande, im schwachen Licht der Sterne beinahe so gut zu sehen wie an einem wolkenverhangenen Tag.

Rei-chan war irgendwo in der Nähe... er musste weiter, konnte jetzt nicht umkehren...

Ohne es zu bemerken, hängte er Misato ab, während er sich seinen Weg durch den Wald bahnte.

Trotz seiner Nachtsicht stolperte er völlig unerwartet auf die Lichtung mit dem See.

Shinji sah sich kurz um. Er kannte diesen Ort, hier war er bereits zwei Mal gewesen, damals, als er nach seinem zweiten Kampf gegen einen Engel ziellos umhergewandert war, und noch einmal während der Ferien – am Seeufer hatten Kensuke und er geangelt...

Und Kensukes Zelt stand immer noch am Seeufer, anscheinend hatten Aidas bei ihrer Abreise es entweder vergessen oder nicht mehr holen wollen...

Engel... er hatte gegen so viele von ihnen gekämpft und sie vernichtet.

Und dann begann er nicht nur, einem von ihnen - Nagisa-kun - zu vertrauen, nein, jetzt erfuhr er auch noch, dass Rei-chan selbst ein Engel war... oder zum Teil ein Engel war... aber durch das S2-Organ, welches ansonsten nur die Engel besaßen, wurde er doch auch zu einem teilweisen Engel... wenn das herauskam, stand er wohl auch auf der Liste der Feinde...

Rei-chan...

Sie war nahe, ganz nahe...

Shinji glaubte, das Pochen ihres Herzens hören zu können, vermeinte, den Duft ihres Haares riechen zu können, so sehr konzentrierte er sich auf sie.

„Rei-chan..." flüsterte er.

Nur wo war sie...

Das Zelt!

War es Zufall oder eine Fügung des Schicksals, dass Kensuke sein Zelt zurückgelassen hatte?

Eilig lief Shinji hinüber, schlug die Zeltbahnen zurück.

Tatsächlich...

Auf dem Boden, auf einem Haufen zusammengeschobener Blätter, lag Rei Ayanami zu einem Ball zusammengerollt und am ganzen Leib zitternd.

Shinji kroch zu ihr in das Zelt, zog sie in seine Arme.

„Rei-chan..."

Sie hing so seltsam kraftlos in seinen Armen...

„Rei? Rei-chan, wach auf... bitte..."

Er streichelte ihre Wange.

So heiß...

Shinji zuckte zusammen, legte die Hand auf ihre Stirn.

Rei-chan glühte regelrecht!

„Rei-chan..."

Ihre Augenlider hoben sich flatternd.

Rei hatte Schwierigkeiten, ihren Blick zu fokussieren, ihr Kopf war wie in dicke Watte verpackt.

„Shinji?" flüsterte sie schwach.

Er drückte sie fester an sich.

„Ja, ich bin es. Rei-chan, ich habe dich wiedergefunden... ich dachte, ich hätte dich verloren..."

„Shin-chan…"

Kraftlos hob sie eine Hand, berührte sacht sein Gesicht, strich mit den Fingerspitzen über seine Lippen.

„Wahrheit... du bist kein Traum..."

„Rei-chan, wieso sollte ich ein Traum sein... ich bringe dich nach Hause..."

„Doktor Akagi sagte... ich solle die Straße suchen... und Tokio-3 verlassen..."

„Du bist krank..."

„Ja."

Von draußen konnten sie Misato rufen hören: „Shinji-kun, wo bist du?"

„Siehst du, Rei-chan? Misato ist auch hier, alles wird gut."

„Shin-chan... so schwach..."

„Ja... - Misato, wir sind hier! – Rei-chan, der EVA..."

„Ich weiß... der DummyPlug..."

„Uh... ja..."

Misato blickte in das Zelt hinein, konnte nur zwei schemenhafte Umrisse sehen.

„Shinji, hast du sie gefunden?"

„Ja, Misato. Rei-chan ist krank, wir müssen uns beeilen... - Rei-chan, überlass alles mir, ja?"

„Ich vertraue dir... mit meinem Herzen..." kam die schwache Antwort.

Shinji hob sie auf die Arme, rutschte aus dem Zelt, trug sie zurück zum Wagen...

*** NGE ***

„Sie sieht nicht gut aus..." sagte Misato und blickte in den Rückspiegel.

Rei lag unter einer Decke, die sich in Misatos Kofferraum befunden hatte, auf der Rückbank, ihr Kopf ruhte auf Shinjis Schoß. Shinji saß hinter Misato, hatte aber nur Augen für Rei, strich immer wieder über ihre Stirn.

„Sie braucht einen Arzt, Misato."

„Ich bringe sie ins Krankenhaus."

„Kein Krankenhaus... kein Arzt... Doktor Akagi sagte... der Kommandant..."

Misatos Blick wurde hart wie Stirn.

„Gut, kein Arzt. Ikari erfährt sonst, dass sie noch am Leben ist. Wir bringen sie nach Hause und pflegen sie da... wie konnte Ritsuko sie nur in diesem Zustand..."

„Ritsuko-san konnte nicht anders..." flüsterte Rei.

Shinji wiederholte die Worte laut.

„Okay, wir sind gleich da..."

Misato trat das Gaspedal durch.

Kapitel 52 - Ikaris Fall

Misato half Shinji, Rei aus dem Wagen zu heben, allerdings ließ der Junge es sich nicht nehmen, Rei selbst auf den Armen zu tragen.

Sie war so leicht... wie eine Feder...

Shinji war sich nicht sicher, ob dies an den zusätzlichen Kräften lag, welche ihm das S2-Organ verlieh, an dem Adrenalinschub oder nicht doch an ihrer Krankheit.

Die ganze Zeit über, die er sie bereits kannte, war sie nie krank gewesen, verletzt, ja, aber nie krank. Sie hatte nie gehustet oder geniest - außer wenn er das Essen etwas zu kräftig gewürzt hatte oder wenn beim Putzen Staub aufgewirbelt worden war... und jetzt schien sie vor Fieber zu glühen...

Eilig hastete er Misato durch die kühle Nachtluft hinterher zum Hauseingang, dachte nur an das Mädchen auf seinen Armen...

*** NGE ***

„Wir müssen sie erst einmal aus der PlugSuit herausholen..." sagte Misato, als sie Shinji in die Wohnung ließ, und eilte sogleich ins Bad, um heißes Wasser in die Wanne laufen zu lassen.

„Bring sie her, schnell..."

Reis PlugSuit war an verschiedenen Stellen aufgerissen und an den entsprechenden Rändern mit bereits verkrustetem Blut verschmiert, allerdings wies Rei keine Kratzer oder Schrammen auf, ihre Haut war unversehrt, wie die beiden feststellten, als sie das Mädchen ins Wasser ließen.

Rei bewegte mit geschlossenen Augen die Lippen, sagte aber kein hörbares Wort.

Shinji legte die Hand auf ihre Wange.

„Sie fühlt sich so heiß an... Misato, was können wir nur tun?"

„Erst mal den Dreck von ihr ´runterwaschen... dann packen wir sie warm ein und flößen ihr Tee und Brühe ein. So kann sie ihre Krankheit ausschwitzen. Und wenn ich morgen zur Schicht gehe, sorge ich dafür, dass Ritsuko hier vorbeikommt... oder wenigstens Maya..."

„Ich werde über sie wachen."

Misato nickte mit schwachem Lächeln.

Shinji griff nach einem Lappen, tauchte ihn ins Wasser und begann sacht, Reis Gesicht zu waschen, dann ihren Hals und nach kurzem Zögern ihre Brust.

Im Wissen, dass das Mädchen bei Shinji in den besten Händen war, verließ Misato das Bad und wechselte in die Küche über, um Tee aufzusetzen.

„Rei-chan, du musst gesund werden", murmelte Shinji, während er Schmutzstreifen von ihrem rechten Arm abwusch.

Seltsam, die PlugSuit war zerrissen und sicher hatte Rei bei ihrem Marsch durchs Unterholz Kratzer davongetragen - doch davon war nichts zu sehen, ihre Haut war glatt und makellos. Ihre Regenerationskräfte wirkten also noch und heilten ihre Wunden binnen kurzer Zeit, aber warum hatte sie dann immer noch Fieber?

Waren ihre Selbstheilungskräfte vielleicht überlastet? Dann war sie kränker, als es aussah, dann benötigte sie unbedingt Hilfe von Doktor Akagi oder jemandem mit gleichen Qualifikationen...

„Ich rufe Doktor Akagi an, sicher kann sie gleich kommen..."

Shinji wollte sich aus der hockenden Position neben der Wanne aufrichten, als sie kraftlos sein Handgelenk umfasste.

„Nicht... Ritsuko-san hat gesagt... kein Arzt... der Kommandant darf nicht erfahren, dass ich noch lebe..."

Shinji blickte in ihre müden Augen.

„Aber sie kann dir vielleicht helfen!"

„Kommandant Ikari... Augen und Ohren überall... Shin-chan, ich bin... Armisael... großer Bruder... ich gehöre zu ihnen... ich bin ein Engel..."

„Ich weiß", flüsterte er und strich sanft über ihren Handrücken. „Aber es macht nichts. Du bist Rei-chan... du bist einzigartig..."

„Es macht dir nichts aus?"

„Nein. Ich weiß auch von... uh... den anderen... ahm... denen, die so aussehen wie du..."

„Du weißt... meine Schwestern..."

„Ja. Da war eine andere... uh... Rei im Hauptquartier... Die... uhm... die Dritte..."

„Ja..."

„Aber... ich wusste gleich, dass du es nicht warst... sie ist nicht einmal... uhm... ein Schatten von dir..."

„Du hast mich gefunden..."

„Ich wusste, wo ich suchen musste. Ich habe dich gespürt."

„Shin-chan, ich glaube an dich..."

Rei schloss die Augen, ihre Mundwinkel formten ein dünnes Lächeln.

„Ahm..."

„Ich fühle mich so schwach... so schwach habe ich mich nicht einmal gefühlt, nachdem EVA-00 amokgelaufen war..."

„Als du so schwer verletzt wurdest..."

„Ja. Jetzt ist es, als würde ich innerlich verbrennen..."

Sie übte einen leichten Zug auf seine Hand aus, legte sie auf ihren Bauch.

„Spürst du es?"

„Uh... nein, Rei-chan... ich... ah... es fühlt sich ganz normal an..."

„Es ist, als hätte ich einen Brennofen verschluckt... Armisael war... einen kurzen Augenblick lang waren wir eins..."

Einen langen Moment fragte er sich, ob der Engel nicht etwa Rei geschwängert hatte, verneinte diesen seltsam beängstigenden Gedanken aber sogleich - Rei-chan hatte ihm doch selbst gesagt, dass sie nicht fähig war, Kinder zu bekommen. Also musste der Engel etwas anderes in ihr zurückgelassen haben... Sicher würde Doktor Akagi die Antwort kennen, wenn Misato sie am Morgen herbeiholen konnte. Und bis dahin würde er über Rei-chan wachen...

„Ahm, Rei-chan, ich lasse jetzt das Wasser ab... um... uh... um dich abzutrocknen... und dann bringe ich dich ins Bett... ahm..."

„Wirst du mich halten?"

„Uh... ja."

„So schwach... ich war noch nie so schwach... es ist... furchteinflößend..."

„Furcht? Rei-chan, bitte, du darfst keine Angst haben... du wirst wieder gesund werden..."

„Aber so kann ich dich nicht beschützen..."

„Ich werde auf uns beide aufpassen."

Methodisch begann er damit, sie abzutrocknen, dann hob er sie in das Badetuch gewickelt aus der Wanne.

„Du bist stark, Shin-chan..." wisperte sie, die Stirn gegen seine Wange gepresst.

„Das... ahm... das kommt von dem S2-Organ... uhm..."

„Nein, es ist deine Stärke."

Shinji trug sie aus dem Bad, in der Wohnung roch es nach Tee und Hühnerbrühe.

„Shinji-kun, setz sie gleich an den Tisch, ich bin gerade fertig geworden."

„Was... uh... was hast du denn gekocht?"

„Hühnerbrühe, die verleiht neue Kräfte."

„Uhm, Misato..."

„Misato-san, ich kann kein Fleisch essen."

„Oh... also dann..."

Misato seufzte.

„Daran hätte ich denken müssen... Wartet mal, ich müsste doch noch... ja, da habe ich ja noch Gemüsebrühe... instant... ich koche sie sofort auf."

„Ich bringe Rei-chan ins Bett", erklärte Shinji.

„Shin-chan, du brauchst mich nicht die ganze Zeit zu tragen."

„Du musst deine Kräfte schonen", erwiderte er leise und trug sie in den hinteren Raum, wo Misato bereits die Bettdecke zurückgeschlagen und zwei weitere Decken bereitgelegt hatte.

Als er Rei aus dem Handtuch rollte, hatte ihr Anblick nichts Erregendes für ihn, er verspürte nur den Wunsch, sie möge so schnell wie möglich wieder genesen.

Rasch deckte er sie zu.

Misato kam mit der Teekanne und einem Becher.

„Hier."

*** NGE ***

Wütend blickte Ikari auf seine veränderte Hand. Bisher waren alle seine Versuche, ADAM unter Kontrolle zu bekommen, gescheitert. Aber er benötigte diese Kontrolle über den Ersten Engel, um sein Ziel zu erreichen, es genügte nicht, ADAM mit immer größeren Mengen der Droge einzuschläfern... Akagi musste eine Variante des Mittels entwickeln, die auch den Willen des Engels lähmte...
Ganz leise im hintersten Winkel war da zugleich diese zweifelnde Stimme, die fragte, wie viel Boden der Engel wohl bereits gewonnen hatte – wo Gendo Ikari aufhörte und ADAM begann…

Und dann war da noch das Problem mit dem Rei-Klon.

Anders als erwartet war die Rei-Seele nicht beim Tod von Rei-II in der eigens dafür vorbereiteten Auffangvorrichtung gelandet, anders als berechnet hatte das PROPHET-Interface der MAGI die Seele nicht angelockt wie Zuckerlösung eine Ameise.

Das Seelenfragment, das er mit Hilfe der MAGI aus LILITH extrahiert hatte, war alles andere als stabil, die Stärke des AT-Feldes des dritten Klons war Schwankungen unterworfen. Auf der anderen Seite war dieser Klon imstande gewesen, ein Fragment des S2-Organes des vierten Engels, Shamshiel, in sich aufzunehmen. Jetzt musste der Klon nur noch lange genug dem Drang widerstehen, sich in eine LCL-Pfütze aufzulösen, aber in dieser Beziehung hatte Ikari keine Bedenken - die Version von Reis Persönlichkeit, welche er benutzt hatte, um den Klon zu prägen, war frei von fremden Einflüssen, für Rei-III war er Gott. Und das Privileg, in seiner Gegenwart existieren zu dürfen, war alles, wonach sie sich sehnte... die Klone waren erschaffen worden, um zu dienen... und diese Närrin Yui hatte gedacht, er verfolge die Interessen der Menschheit, wollte die Welt retten. Ebenso wie NERV sollten die Klone ausschließlich ihm dienen, ihrem Gott... und wenn es gelungen wäre, mehr als eine stabile Seele aus LILITH zu extrahieren, hätte er der anderen Piloten nicht bedurft, so jedoch hatte er auf den Ausweichplan zurückgreifen müssen... 100 Ungeborene, die noch im Fötusstadium mit der DNA LILITHs infiziert worden waren, einer von ihnen Yuis Sohn... er hatte dadurch eine neue Unterart des Menschen erschaffen, hatten den legendären Nephilim der Bibel neues Leben eingehaucht - war dies nicht mit dem Werk eines Gottes gleichzusetzen?

Und dennoch begehrten seine Schöpfungen gegen ihn auf...

Zuerst Yuis Sohn - was anderes hätte er auch von dem Bengel erwarten können, schon seine Mutter hatte sich ihm nicht unterordnen wollen, als sie ihn zu durchschauen begann -, dann der zweite lebensfähige Rei-Klon, der jemals den Tank verlassen hatte, natürlich war das die Schuld des Third Child gewesen, aber allein die Tatsache, dass der Klon sich von jemand anderem hatte beeinflussen lassen, sprach bereits Bände. Doch mit Rei-III würde sich das nicht wiederholen...

Die Reaktion des Klons auf die erste Begegnung mit Yuis Sohn war für Ikari höchst befriedigend gewesen. Der Klon hatte den liebestollen Bengel kalt zurückgestoßen, hatte ihn an seinen korrekten Platz verwiesen...

Jetzt blieb noch der letzte Engel abzuwarten, dann war die Bahn frei für seinen - Ikaris - Aufstieg. Der Thron Gottes war in Griffweite.

Und auch die alten Narren von SEELE würden ihn nicht aufhalten können, egal wie viele Spione sie im Hauptquartier hatten, wenn er mit ADAMs Hilfe über den Rei-Klon LILITH ihre Macht raubte und die Kräfte der Urmutter und des Urvaters in sich vereinte, würde nichts ihn aufhalten können, dann würde er die Welt nach seinen Vorstellungen neu formen, dann würde eine neue Menschheit aus der Asche der Third Impact entsteigen, die seiner Vorstellung von Perfektion entsprach...

Er musste nur ADAM unter Kontrolle bringen, aber wie alles, das er sich bisher vorgenommen hatte, würde er auch das schaffen.

„Mein Wille geschehe..." flüsterte Ikari rau. Die Worte klangen gut. Bald würden alle vor ihm knien, so wie die schuppigen Kinder der Ersten Menschheit vor ihren Götzen, den Kindern LILITHs, gekniet hatten...

Mein Wille geschehe..."

Dennoch blieb die Frage, was mit der Rei-Seele geschehen war. Als der Klon das erste Mal gestorben war, als die alte Hexe Naoko Akagi Rei-I erwürgt hatte, war die Seele von den MAGI aufgefangen worden. Rei-II zu aktivieren, war in gewisser Weise die Feuerprobe der Supercomputer gewesen, hatte ihm gezeigt, dass es richtig gewesen war, die alte Akagi die ganze Zeit zu ertragen, ihr vorzuspielen, dass sie ihm etwas bedeutete, genau wie er es mit Yui und jedem anderen Menschen, den er bisher manipuliert hatte, getan hatte.

Warum also hatte es dieses Mal nicht funktioniert?

An der Entfernung konnte es nicht liegen, bei Seelen galten andere Maßstäbe, außerdem hätte die Rei-Seele versuchen müssen, durch LILITH in die Kammer von Gaf zurückzukehren...

In den Resten des EntryPlugs hatte die Seele sich nicht verfangen, auch an den gefundenen organischen Resten hatte sie nicht geklebt - Ikari glaubte auch nicht daran, dass Seelen bei ihren Körpern verweilten...

Und endlich kam er dazu, Schlüsse zu ziehen...

Was, wenn die Seele sich nicht in Richtung LILITHs gewandt hatte, als der Körper des Klons zerquetscht wurde?

Wohin konnte sie gegangen sein?

Die Antwort gefiel ihm gar nicht, implizierte sie doch, dass es so etwas närrisches wie Liebe tatsächlich gab - demnach müsste die Rei-Seele bei Yuis Sohn sein und ihm wie ein Schutzengel folgen... nein, das konnte nun wirklich nicht sein.

Ihm fiel ein, dass die Analyse der im EntryPlug von EVA-00 gefundenen organischen Reste sehr kurz und wenig aussagekräftig gewesen war. Akagi hatte lediglich festgestellt, dass die Überreste zu Rei-II gehörten... glücklicherweise befanden sich die Daten in den Speichern der MAGI...

Ikari ließ die Untersuchungsergebnisse erneut analysieren.

Das Ergebnis war sehr überraschend - die Analyse der DNA ergab, dass ihre Zusammensetzung exakt der eines Engels entsprach, bei den Rei-Klonen war aber noch reine menschliche DNA hinzugemischt, so dass das Verhältnis leicht anders war.

Und das hieß, dass die DNA von dem Engel Armisael stammte...

Ikari gab ein wütendes Knurren von sich.

Das konnte doch nicht wahr sein...

Akagi hatte es tatsächlich gewagt, ihn noch einmal zu belügen... dafür würde er ihr die Zunge herausreißen, ehe er seine Drohung wahrmachte, und alle eigenhändig auslöschte, die ihr etwas bedeuteten, bevor er sie selbst exekutierte... diese verdammte Hure...

Wenn die DNA-Reste nicht von dem Klon stammten, hatte dieser wahrscheinlich die Vernichtung von EVA-00 überlebt und befand sich irgendwo an der Oberfläche. Damit waren auch alle Überlegungen bezüglich des Verbleibens der Seele hinfällig.

Wohin mochte sich Rei-II gewandt haben... eigentlich gab es nur eine Antwort - Yuis Sohn...

Ruckartig stand Ikari auf, die Monsterhand, mit der er sich an der Tischkante abgestützt hatte, brach ein Stück des Holzes heraus, es zerbröselte, noch ehe es den Boden berührte.

Mit weitausholenden Schritten ging er auf die Tür seines Büros zu, riss sie auf, stoppte.

Vor der Tür stand Kozo Fuyutsuki, der gerade die Hand gehoben hatte, um zu klopfen, und jetzt überrascht einen halben Schritt zurückwich.

„Ikari..."

„Geh mir aus dem Weg, Fuyutsuki!" knurrte der bärtige Mann.

Fuyutsuki zuckte zusammen, kam dem Befehl aber nicht nach.

„Ich muss mit dir sprechen... was du heute getan hast, war falsch! Auch wenn Rei den Einsatz des DummyPlugs überlebt hat, hättest du niemals..."

Ikari griff zu, packte den älteren Mann an den Jackenaufschlägen.

„Du weißt, wo sie ist?"

„Verdammt, Ikari... sie ist doch immer noch auf der Krankenstation..."

„Du sprichst von Rei-III..."

„Rei-III? Was zum..."

Entsetzen trat in Fuyutsukis Augen. Und das lag nur teilweise daran, dass er einen Blick auf die mittlerweile dickschuppige linke Hand Ikaris erhascht hatte, welche wieder eine erstaunliche Beweglichkeit erlangt hatte.

„Wo steckt Rei-II? Bei Yuis Bastard?"

„Ikari... wovon... bist du verrückt geworden?"

„Ich werde sie umbringen, den Bengel und den wertlosen Klon."

Ruckartig hob er Fuyutsuki mit der entstellten Hand in die Höhe.

Der Subkommandant röchelte, als ihm die Luft abgedrückt wurde und das ätzende Sekret auf der Schuppenhaut der Monsterhand seinen Hals berührte.

Ikari blickte ihn mitleidslos an.

„Du weißt gar nichts, alter Narr... nicht einmal, dass der Bengel dein Sohn ist... oder war..."

Kozo verdrehte die Augen, hing schlaff in Ikaris Würgegriff.

Gendo Ikari schleuderte den alten Mann wie eine Puppe zur Seite, marschierte dann den Gang zum nächsten Fahrstuhl entlang.

*** NGE ***

Schwer atmend setzte Fuyutsuki sich auf, eine Hand gegen seinen wunden Hals gepresst, es fühlte sich an, als hätte etwas sehr Heißes seine Haut berührt. Und außerdem schmerzte sein Rücken, dass er befürchtete, seine Wirbelsäule könnte verletzt worden sein...

Was war das gewesen... was war mit Ikaris Hand geschehen...

Ein Schatten fiel auf den alten Mann.

Sicher war Ikari zurückgekommen, um sein Werk zu beenden...

„Fuyutsuki, was ist passiert?" fragte Kaji und packte den Stellvertretenden Kommandanten an den Schultern, zog ihn auf die Beine.

„Sie, Kaji? Gottseidank... Ikari... er will die Kinder töten..." keuchte Fuyutsuki.

„Ikari? Wo ist er?"

„Den Gang hinunter... Privater Aufzug..."

„Ja..."

Kaji zog seine Waffe und hastete den Gang hinunter, stand jedoch vor einer geschlossenen Aufzugtür, deren Anzeige verkündete, dass der Aufzug bereits den halben Weg an die Oberfläche zurückgelegt hatte.

„Verdammt..."

Fuyutsuki kam herangeschwankt, musste sich immer wieder an der Wand abstützen.

„Haben Sie ihn... wohl nicht..."

„Nein. Und bis der Aufzug wieder hier ist, vergehen noch über sieben Minuten... mit einem anderen Lift werden wir wohl ebenfalls kein Glück haben..."

„Sieben Minuten... plus die fünf, die wir selbst für die Fahrt benötigen werden... das sind zwölf Minuten Vorsprung."

„Wo will er hin?"

„Er sagte nur... dass er die Kinder töten wolle."

Fuyutsuki hustete.

„Professor, wie geht es Ihnen?"

„Als hätte mich ein Bus überrollt. Wahrscheinlich eine Gehirnerschütterung... Prellung der Wirbelsäule und..."

Er zog die Hand von der Kehle.

„Was..."

Entsetzt starrte Kaji auf den schwarzen Abdruck auf Fuyutsukis Hals.

„Das war Ikari?"

„Ja. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Seine Hand... wie die eines Monsters..."

„Heilige... Gut, ich rufe Katsuragi an, sie weiß sicher, wo die Kinder sind, wenn sie nicht sogar bei ihr sind... Moment mal, Kinder? Welche Kinder?"

„Shinji und Rei."

„Aber das Mädchen ist noch auf der Krankenstation."

„Ich weiß es doch auch nicht."

„Ja..."

Kaji zog sein Handy aus der Tasche, tippte Misatos Nummer ein.

„Geh ran... Katsuragi, geh ran... Verdammt noch mal... Dann ihren Pieper..."

Er konnte ja nicht wissen, dass Misatos Handy wie auch ihr Pieper in der Tasche ihres Jacketts waren, welches unbeachtet auf ihrem Bett lag.

Kaji seufzte auf.

„Gut, es gibt noch jemanden... - Commander, ich habe Grund zur Annahme, dass wir Probleme haben..."

*** NGE ***

„Ja, Major, ich bin unterwegs. - Ja, ich werde niemanden zu den Kindern lassen, bis Sie vor Ort sind. - Der Kommandant? War... - Gut, wie Sie befehlen, Subkommandant. Dann schlage ich vor, die Kinder in Sicherheit zu bringen..."

Kaori Ishiren schaltete ihr Handy ab und trat das Gaspedal ihres Wagens durch.

*** NGE ***

Fuyutsuki lehnte gegen die Rückwand des Aufzuges. Er sah doppelt und hatte Probleme mit dem Gleichgewicht.

„Sie brauchen einen Arzt." stellte Kaji fest.

„Noch nicht... Ikari weiß es. Er weiß, dass Yui und ich..."

„Verstehe."

„Ich kann nicht zulassen, dass er meinen Sohn tötet…"

*** NGE ***

Ishiren rannte die Treppe des Apartmenthauses hinauf, in dem Colonel Katsuragi wohnte, nahm dabei drei Stufen auf einmal.

Vierter Stock...

Katsuragis Wohnung...

Sie hämmerte laut gegen die Wohnungstür.

Es dauerte eine Weile, bis die Tür von Shinji geöffnet wurde.

„Ishiren-san..."

„Ist Colonel Katsuragi da?"

„Sie ist zur Apotheke... uh..."

„Major Kaji schickt mich. Ihr musst sofort die Wohnung verlassen."

„Agh..."

Ishiren blickte über die Schulter.

Sie hatte etwas gehört... die Haustür...

„Los, Beeilung! Ich bringe euch in Sicherheit, mein Wagen steht vor dem Haus!"

„Ich... ich muss Rei holen..."

„Tu das."

Ishiren wandte sich der Treppe zu.

Shinji verschwand wieder in der Wohnung, eilte in das Zimmer, welches er und Rei sich teilten.

„Rei-chan, Ishiren-san sagt, wir müssten verschwinden."

Unter großen Anstrengungen versuchte das Mädchen sich aufzusetzen, fiel aber wieder zurück.

„Uh..."

Shinji riss die Schranktüren auf, suchte ein paar Sachen für sie heraus, zog dann die Decke fort und kleidete sie rasch, wenn auch sehr schlampig, an.

Plötzlich hörte er Schüsse, dann einen Schrei, zuckte heftig zusammen.

„Keine Angst, Rei-chan..."

„Das war... Ishiren-san..."

„Uh... sicher hat sie... ahm..."

Wieder erklangen Schreie.

Shinji hob Rei auf seine Arme, presste ihr Gesicht gegen seine Schulter.

„Keine Angst..."

„Ja..."

Er trug sie aus dem Zimmer in den Korridor - und blieb stehen...

*** NGE ***

„Ich kann Sie nicht vorbeilassen, Sir."

Ishiren war bemüht, ihrer Stimme Festigkeit zu verleihen, während Gendo Ikari sie mit seinem eiskalten Blick fixierte, die linke Hand in der Jackentasche verborgen.

Ikari stand am Fuße des Treppenabsatzes, doch irgendwie hatte Ishiren nicht das Gefühl, als blicke sie von ihrer erhöhten Position auf ihn hinab, sondern als wäre es vielmehr umgekehrt.

„Gehen Sie zur Seite."

„Nein, Sir, ich habe meine Anweisungen."

„Von wem? Fuyutsuki? Sollte es Ihnen noch nicht aufgefallen sein - der alte Mann ist mein Stellvertreter, nicht umgekehrt.""

Ishiren tastete nach ihrer Waffe.

„Sir, ich muss sie bitten zu bleiben, wo Sie sind. Subkommandant Fuyutsuki hat Ihre Urteilsbefähigung in Frage gestellt."

„So..."

Provozierend langsam setzte er den Fuß auf die erste Stufe.

Gedankenschnell zog der Leutnant ihre Waffe, richtete sie auf Ikaris Brust.

„Stehenbleiben."

Ikari hielt tatsächlich inne.

Ein dumpfes Lachen ließ ihn erbeben.

„Sie glauben tatsächlich, mich aufhalten zu können?"

Er zog die Hand aus der Tasche, breitete beide Arme aus.

„Versuchen Sie es!"

Ishiren starrte auf Ikaris von dunklen Schuppen überzogene linke Hand, starrte auf die gebogenen spitzen Fingernägel, starrte in das von mehreren kleineren Augen umgebene Hauptauge in der Handfläche.

Ihre Augen weiteten sich.

Das also hatte der Subkommandant gemeint, als er ihr am Telefon gesagt hatte, Ikari wäre nicht mehr Ikari...

In rascher Abfolge feuerte sie das Magazin ihrer Pistole leer.

Die Kugeln prallten von einem unsichtbaren Hindernis ab, die Aufschläge bremsten Ikari nur unwesentlich.

Ishiren betätigte auch dann noch den Abzug, als ein ständiges Klicken ihr mitteilte, dass das Magazin leer war...

*** NGE ***

Ohne Bedauern zu verspüren, stieg Ikari über die Überreste der Menschen hinweg, die er gerade eben mit der Macht ADAMs dahingeschlachtet hatte. Die Lilim trugen doch selbst Schuld an ihrem Tod - wenn die Leibwächterin ihm den Weg freigemacht hätte, hätte er sie nicht zu töten brauchen. Und wenn ihr Schrei nicht einen der Hausbewohner auf den Flur gelockt hätte, hätte er weder diesen, noch dessen Frau oder deren gemeinsame Kinder als unerwünschte Zeugen beseitigen müssen...

Er überwand die letzten beiden Treppenabsätze, stand dann vor Katsuragis Wohnungstür.

Das Morden hatte ADAMs Blutdurst geweckt, der Engel flüsterte ihm leise zu, noch mehr Blut zu vergießen...

Ikari verschloss sich gegenüber den Einflüsterungen,

Er war der Herr seines eigenen Willens, niemand sonst...

Die Tür war verschlossen...

Gendo hob die linke Hand auf Höhe der Klinke, konzentrierte sich.

Kurz war ADAMs AT-Feld sichtbar, als es sich durch das Material fraß, das Schloss sauber herausfräste.

Die Tür schwang auf.

Ikari trat ein, dabei blutrote Fußabdrücke hinterlassend.

Hinter ihm schloss sich die Tür wieder.

Er bemerkte weder die einzelne Person, die mit schweren Schritten die Treppe hinaufkam, noch die beiden anderen Männer, welche gerade die Haustür aufrissen und die Treppe hinaufstürmten, wobei der ältere stolperte und den jüngeren einen Moment lang aufhielt...

*** NGE ***

Shinji ließ Rei von seinen Armen herabgleiten, um eine Hand freizuhaben, stützte sie nur noch, um sie am Hinfallen zu hindern.

Vor ihnen im Wohnungsflur stand der Mann, den er die letzten fünfzehn Jahre lang für seinen Vater gehalten hatte - Gendo Ikari, gekleidet in beige Hosen und einen dunklen Rollkragenpullover, über dem er eine beige Jacke trug. Seine Schuhe sahen aus, als wäre er in roter Farbe gewatet - oder in Blut...

Doch noch furchterregender war seine linke Hand, die außer der Tatsache, dass sie fünf Finger aufwies, von denen einer den anderen vieren gegenüberlag, nichts menschliches mehr hatte...

Sofort stellte Shinji sich so, dass er Rei mit seinem Körper verdeckte.

Was immer auch mit dem NERV-Kommandanten geschehen war, wie immer auch diese monströse Hand zu erklären war, er würde erst an ihm vorbei müssen, wenn er zu Rei-chan wollte...

Gendo Ikari lächelte.

Zum ersten Mal in seinem Leben sah Shinji den älteren Ikari lächeln. Es war ein grausames Lächeln, das es ihm kalt den Rücken hinablaufen ließ.

„Lasse den Klon los."

„Nein..."

Shinji schluckte.

„Du wirst Rei nichts antun!"

„Was macht dich so sicher? Gib sie mir und du wirst ein wenig länger leben als Rei-II."

„Niemals."

„Plötzlich zeigst du Rückgrat... vielleicht wäre für dich doch ein Platz in der neuen Weltordnung, Junge."

„In deiner Welt? Nein, ich verzichte... du wirst sie dir holen müssen!"

„Bedauerlich. Aber zu erwarten."

Ikari spreizte die Finger seiner Monsterhand.

Wind kam auf, zuerst nur ein sanfter Luftzug, dann starke Brisen, schließlich wahre Sturmböen, die auf Shinji und Rei einschlugen, sie auf die Balkontür am Ende des Korridors zuschoben.

Shinji hob eine Hand vor die Augen, stemmte die Füße in den Teppich, hielt mit der anderen Hand Rei fest.

Von dem Schränkchen im Flur löste sich das Telefon, flog haarscharf an Shinjis Kopf vorbei, krachte durch das Glas der Tür in seinem Rücken.

„Ich lasse euch sogar noch einmal die Wahl... ihr könnt sterben, indem ihr vier Stockwerke tiefer auf dem Asphalt zerschellt, oder ich kann es mit meinen eigenen Händen tun..."

Die Ruhe in Gendo Ikaris Stimme war genauso furchtbar wie die lockenden Bewegungen seiner linken Hand, welche ein Eigenleben entwickelt zu haben schien.

Shinji stemmte sich weiterhin gegen den Wind, biss die Zähne zusammen.

„Wir werden dir nie wieder nachgeben..."

Er spürte, wie Rei sich bewegte, wie sie die Arme um ihn schlang.

Plötzlich verstummte der Sturm, der eben noch um ihn und Rei herum getobt hatte... nein, das stimmte nicht, die Winde bliesen immer noch so heftig wie zuvor, nur erreichten sie sie nicht, sondern wurden von einer schwach erkennbaren Barriere gebrochen.

Und hinter Shinji erstrahlte ein Licht, als hätte jemand draußen auf dem Balkon einen starken Scheinwerfer eingeschaltet.

*** NGE ***

Ikari ballte die Faust.

Der verfluchte Klon... offensichtlich hatte Rei-II ihr Engelerbe erkannt und begonnen, es zu nutzen... anders war es kaum zu erklären, dass der Klon plötzlich von innen heraus zu leuchten begonnen hatte. Das reine Licht tat seinen Augen weh. Auch ADAM schloss seine Augen, zwang ihn, die Handinnenfläche von dem Licht abzuwenden.

Der Klon hielt Yuis Sohn umschlungen, beschützte ihn dadurch mit seinem eigenen AT-Feld. Nur war dieses viel stärker, als es hätte sein dürfen, ohne Training - und ohne S2-Organ!

Und nicht nur das, der Engel in Rei-II hatte sich fast vollständig manifestiert in einer Art und Weise, dass es Gendo Tränen in die Augen trieb. Aus dem Rücken des Klons wuchsen zwei mächtige Schwingen, teils aus Federn, teils aus reinstem Licht, welche nur von den Wänden des Apartments daran gehindert wurden, sich völlig auszubreiten. Der Blick aus den scharlachroten Augen des Wesens schien sich direkt in seine Seele zu bohren.

Ikari knurrte, verstärkte seine Anstrengungen.

ADAM mochte noch immer geschwächt sein, er mochte über kein S2-Organ verfügen - doch der Urvater dürfte doch wohl immer noch stärker sein als so ein neugeborenes Engelsküken!

Kräftig stieß er die Hand vor, machte eine zerfetzende Geste.

Reis AT-Feld brach auseinander.

Mit einem leisen seufzenden Stöhnen verdrehte sie die Augen und ging zu Boden. Das strahlende Licht erlosch.

Shinji keuchte auf, widerstand dem Impuls, sich neben ihr hinzukauern - dann würde der andere leichtes Spiel haben...

Er presste die Lippen zusammen und beugte den Oberkörper nach vorn.

Wenn er loslief und den Kommandanten wuchtig mit der Schulter erwischte, konnte er ihn vielleicht von den Beinen holen...

Da wurde die Tür aufgestoßen, schlug laut krachend gegen die Wand.

Kaji stürmte mit gezogener Waffe herein, richtete die Mündung sofort auf Ikari.

„Fort von den Kindern!"

Gendo drehte sich um.

„So, Kaji... und Fuyutsuki... wie es scheint, muss ich mir nicht erst die Mühe machen und Sie suchen..."

Kaji schoss… - Die Kugel prallte an Ikaris/ADAMs AT-Feld ab.

Gendo grinste, präsentierte weiße Zähne, die leicht zugespitzt schienen.

„Sie sind doch immer so neugierig, Kaji... sicher möchten Sie wissen, woher meine neue Macht stammt..."

Er hob die linke Hand.

„Das hier ist ADAM, der Erste Engel. Sein AT-Feld schützt mich..."

Ohne mit der Wimper zu zucken nahm er die nächsten zwei Treffer hin, die von seinem AT-Feld abgelenkt wurden, so dass die Kugeln sich in die Wände bohrten.

„Ihre Bemühungen sind völlig aussichtslos. Der menschliche Wille könnte das Feld durchbrechen, aber nicht so simple Werkzeuge."

Er richtete die Fingerspitzen der linken Hand auf Kaji.

Der Major fasste sich an die Kehle, schien mit einer unsichtbaren Hand zu kämpfen, während er langsam blau anlief und vergeblich nach Luft schnappte. Er spürte, wie ihn etwas anzuheben begann, wie seine Füße langsam den Bodenkontakt verloren.

Und dann brach unter Ikaris Füßen der Boden ein und zogen ihn zwei Arme in die Tiefe...

*** NGE ***

Gendos Sturz dauerte nur einen Herzschlag, dann fand er sich auch schon auf dem Boden des Apartments unter der Katsuragi-Wohnung auf einem Schutthaufen wieder.

Mit gefletschten Zähnen sprang er auf - direkt in drei parallel verlaufende Stahlklingen hinein, die problemlos sein AT-Feld durchdrangen.

Er verspürte keinen Schmerz, als die Klingen sich in seinen Leib bohrten und sich durch seine Eingeweide schnitten - ADAM sorgte dafür, dass Schmerzimpulse sein Gehirn nicht mehr erreichten.

Verwundert blickte er nach unten auf die Wunde in seinem Bauchraum, spürte bereits, wie ADAMs Macht damit begann, die Verletzung zu heilen.

Die Klingen, die in seinem Leib steckten, wuchsen aus dem Handrücken einer Person, die vor ihm stand.

Wütend schlug Ikari mit der linken in das Gesicht seines Angreifers, dabei ein dumpfes Knurren von sich gebend. Doch wo bei einem Menschen der Hieb den halben Kopf weggefetzt hätte, rissen die festen Nägel nur gummiartige Haut herab und hinterließen tiefe Kratzer in einem stählernen Schädelknochen, aus dem ihm ein rotglühendes Augenpaar entgegenblickte - keine menschlichen Augen, sondern Augen ohne Pupillen, einfach nur zwei dunkelrote Flächen...

Wolf Larsen zog seine Hand zur Seite, riss die Bauchwunde, die er Ikari zugefügt hatte, weiter auf.

In seinem Kopf hämmerte der letzte Befehl, den er erhalten hatte - Ikari zu töten...

Und er tat nichts, um dagegen anzukämpfen. Es gab keinen Grund... Ikari hatte Kinder bedroht, in seinen Augen eine der verabscheuungswürdigsten Taten überhaupt.

Ikaris Verletzungen begannen sich zu schließen. Er vermutete, dass dies mit dem fremden Organismus in Verbindung stand, der sich in Ikaris linker Hand befand.

Kräftig schlug er mit der anderen Hand zu, fuhr in der Bewegung die Krallen aus. Als er mit dem Kraftfeld in Kontakt kam, welches Ikari schützte, pellte die Kunsthaut von seinen kybernetischen Armen, doch neben einer leichten Verlangsamung seiner Bewegung trat kein weiterer Effekt ein.

Dieses Mal schlug er quer über Ikaris Brustkorb, zersägte dabei Rippen, Herz und Lunge.

Er empfand nichts dabei, vollzog die Handlung wortlos, ohne einen einzigen Laut von sich zu geben.

Dem bärtigen Mann quollen die Augen aus dem Kopf. Ein Ächzen drang über seine Lippen, begleitet von einem dünnen Blutfaden, der in seinem Bart versickerte.

Noch einmal wollte er die entstellte Hand heben, doch diese fiel kraftlos zurück.

Larsen schlug zur Sicherheit noch zweimal nach, ließ Ikari dann von seinen Klingen gleiten, wartete…

Die Verletzungen blieben offen...

Gut...

Sollten sich andere darum kümmern, die Leiche zu beseitigen...

Auftrag ausgeführt...

Langsam hob er den Blick zu dem Loch in der Decke, sah direkt in das Gesicht Shinji Ikaris.

*** NGE ***

Der Anblick der grausig zugerichteten Leiche des NERV-Oberkommandierenden erzeugte bei Shinji weder Genugtuung, noch Trauer oder Ekel. Er nahm einfach zur Kenntnis, dass die Gefahr abgewendet worden war.

Jetzt traf sein Blick den desjenigen, der dafür verantwortlich war.

Im Halbdunkel der Wohnung unter ihm konnte er nur Umrisse erkennen, der andere stand größtenteils im Schatten. Was Shinji sehen konnte, waren Hände aus Stahl, aus deren Rücken dünne Metallklingen wuchsen, von denen noch Blut tropfte. Und er konnte einen ebenfalls stählernen Schädel sehen, von dem Hautfetzen herabhingen.

Zwei rotglühende Augen sahen zu ihm auf, nicht Augen wie Rei-chans, sondern viel eher Kameraobjektive, hinter denen er dennoch Leben wahrzunehmen glaubte.

„EVA..." flüsterte Shinji.

Wäre der Metallmann mit einer purpur-grünen Lackierung versehen gewesen und hätte ein einzelnes Horn aus seiner Stirn geragt, er hätte jeden Eid geschworen, dass das Bewusstsein von EVA-01 ihnen zu Hilfe geeilt war.

Der andere wandte den Blick ab, stieß Gendo Ikaris Leiche mit dem Fuß an.

Oben trat Kaji an das Loch im Boden.

„Commander?"

„Die Bedrohung wurde neutralisiert."

„Ja... sehe ich... Sir."

Kaji schluckte. Ikaris Leiche war denen, über die sie auf der Treppe gestolpert waren, beinahe viel zu ähnlich...

Auf Händen und Knien schob Rei sich an die Öffnung, blickte hinunter, ehe jemand es bemerkte.

Ihr Schöpfer... also war er schlussendlich doch nur ein gewöhnlicher Mensch gewesen...

Shinji ging neben ihr in die Knie, zog sie an sich und nach oben.

„Sieh nicht hin... es ist vorbei..."

Kozo Fuyutsuki lehnte in der offenen Tür.

„Ist Ikari..."

Kaji nickte.

„Mausetot. Sieht so aus, als wären Sie jetzt der Chef von NERV."

Fuyutsuki wirkte darüber alles andere als erfreut.

„Gehen wir... ich würde mich gern etwas hinlegen..."

Sein Blick ruhte lange auf Shinji - oder auf den beiden Shinjis, da er immer noch doppelt sah.

Sein Sohn...

- Nein, jetzt war nicht die Zeit für solche Enthüllungen...

Kaji wandte sich Shinji zu, der gerade Rei hochhob.

„Brauchst du Hilfe?"

„Nein, Kaji-san, sie ist nicht schwer."

„Hm, schade, dann muss ich doch den alten Mann tragen..."

„Das habe ich gehört, Major Kaji."

Ryoji Kaji grinste breit.

„Noch ´mal gutgegangen..."

Sie verließen die Wohnung, Kaji bestand darauf, den Aufzug zu nehmen und Larsen unten zu treffen, den Grund dafür konnte Shinji rechtzeitig sehen, um sich im letzten Moment so zu drehen, dass Rei ihn nicht ebenfalls zu Gesicht bekam - auf dem Zwischenabsatz der Treppe lag Kaori Ishiren, jedenfalls der größte Teil von ihr, die Hand mit der Waffe lag ein paar Stufen weiter unten, ebenso ihr Kopf...

Shinji kämpfte mit der Übelkeit.

Die Frau hatte sie eben noch gewarnt - ohne Ishiren-sans Auftauchen, hätte der Kommandant ihn und Rei-chan völlig überrascht...

Kaji wusste Shinjis Blick zu deuten.

„Sie hat uns die nötige Zeit verschafft", murmelte er dumpf. „Was ist mit Rei?"

„Uh..."

Er blickte in ihr Gesicht, ihre Stirn und Wangen glänzten wieder fiebrig, doch mittlerweile glaubte er zu wissen, dass Doktor Akagi ihr nicht würde helfen können, dies fiel eher in Nagisa-kuns Ressort...

*** NGE ***

Vor dem Aufzug wartete der Metallmann auf sie, fixierte die Kinder mit seinen roten Kameraaugen.

„Uh... Kaji-san... ein Roboter?" flüsterte Shinji.

„Nein..."

Der Metallmann versuchte zu lächeln, was von der Tatsache, dass er nur noch einen intakten Mundwinkel hatte, doch arg beeinträchtigt wurde.

„Cyborg träfe es eher."

„Ahm... äh... tut mir leid..."

„Ein Roboter ist ein künstliches Wesen mit einem künstlichen Gehirn, während ein Cyborg eine Verschmelzung aus Mensch und Maschine darstellt", dozierte Fuyutsuki schläfrig.

Kaji schüttelte ihn.

„Nicht einschlafen, Professor! Das wäre ja noch schöner, wenn ich Sie den ganzen Weg in die Geofront schleppen müsste! - Tja, Shinji, man könnte sagen, das ist mein Boss."

„Sie haben nicht zufällig eine Kanne Synthohaut dabei, Kaji, oder?" fragte der Cyborg.

„Bedaure, Commander."

In diesem Moment betrat Misato das Haus, mit sich führte sie eine Tüte mit Medikamenten aus der nächsten Apotheke.

„Was ist denn hier los..."

Als sie die Gestalt mit dem Stahlschädel erblickte, von dem das halbe Gesicht in Fetzen herabhing, griff sie unwillkürlich nach der Waffe.

„Katsuragi, nicht!" rief Kaji.

„Was zur Hölle geht hier vor?" flüsterte sie mit weitaufgerissenen Augen.

„Ich bin Commander Wolf Larsen von ODIN, UN-Geheimdienst, Abteilung für SpecialOperations. Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Colonel Katsuragi."

„Uh...äh... Hi!" murmelte Misato.

„Der Kommandant ist tot, er wollte zu den Kindern und hat hier ein Blutbad angerichtet - ich würde nicht die Treppe benutzen, wenn ich du wäre."

„Ja, Kaji, ja..."

„Colonel Katsuragi, wir wollten gerade ins Hauptquartier zurückkehren... vielleicht schließen Sie sich uns an?" sagte Fuyutsuki.

„Das wäre wohl... das Beste..." erklärte sie, warf dabei nervöse Seitenblicke in Richtung des Cyborgs.

„Ich sage auch nichts über Ihre Haarfarbe", brummte Larsen.

„Ähh..."

*** NGE ***

Ikaris Körper lag völlig still... noch...

Plötzlich zuckten die Finger der linken Hand, wirbelten Staub auf.

ADAM öffnete seine zahlreichen Augen.

Nichts mehr, das ihn davon abhielt, die Kontrolle über den Körper des Lilim vollends zu erringen...

Kapitel 53 - Dämmerung

Doktor Ritsuko Akagi, ihres Zeichens beim NERV-Oberkommandierenden in Ungnade gefallender Leitender Wissenschaftlicher Offizier mit eingeschränkter Kommandogewalt, staunte nicht schlecht, als sie auf Bitte ihrer alten Freundin, Misato Katsuragi, dem Taktischen Offizier des NERV-Hauptquartiers und Kommandantin des EVANGELION-Pilotenkorps, auf die Krankenstation kam.

Schon vor dem Warteraum drängten sich die Ärzte, Pfleger und Schwestern und tuschelten leise.

Akagi bahnte sich mit ausdrucksloser Miene einen Weg durch den Kordon, vermied es, irgendjemandem direkt ins Gesicht zu blicken. Noch zu frisch war die Erinnerung an die letzte Erniedrigung, die sie durch NERV-Kommandanten Gendo Ikari erlitten hatte, welcher sie in bewusstlosem Zustand von zwei Wachen nackt durch das halbe Hauptquartier hatte schleifen lassen, weil sie seine Pläne sabotiert hatte.

Ihr folgte Leutnant Maya Ibuki, ihre Assistentin, deren Blick unsicher hin- und her irrte.

Die wahre Überraschung aber erwartete sie hinter der Tür des Warteraumes - dieser war auf den ersten Blick proppenvoll mit Menschen.

Auf einem der wenigen Stühle saß Kozo Fuyutsuki, der grauhaarige Stellvertretende Kommandant, den Kopf auf beide Hände gestützt und die Augen geschlossen.

Hinter ihm stand Major Ryoji Kaji, Leiter der Strategischen Planungsabteilung, wie immer unrasiert, doch ungewöhnlicherweise ohne sein ansonsten ständiges jungenhaftes Grinsen, gegen die Wand gelehnt.

Neben Fuyutsuki stand Shinji Ikari, der fünfzehnjährige Sohn Gendo Ikaris, bis vor kurzem noch Mitglied des Pilotenkorps und Pilot von EVANGELION-Einheit-01, von seinem Vater verachtet und ungeliebt.

Auf seinen Armen trug der Junge die zerbrechlich wirkende Gestalt Rei Ayanamis, ebenfalls fünfzehn Jahre alt und ebenfalls bis vor kurzem Pilotin eines EVANGELIONs - EVA-00, welcher vor mittlerweile anderthalb Tagen durch EVA-01 unter Einfluss der DummyPlug-Fernsteuerung vernichtet worden war. Die Anwesenheit des Mädchens im CentralDogma konnte nur größte Schwierigkeiten bedeuten, hatte Gendo Ikari doch versucht, die ihm unbequem gewordene Rei mittels des DummyPlugs zu eliminieren. Wenn er erfuhr, dass sie jetzt im Hauptquartier - auf der Krankenstation - war, würde er sie nicht wieder lebend entkommen lassen...

Rei hatte die Arme um Shinjis Hals gelegt und schmiegte sich dicht an ihn, ihr schien es besser zu gehen, als Ritsuko sie in Erinnerung hatte - als sie ihr in der Mitte der letzten Nacht begegnet war, hatte Rei vor Fieber regelrecht geglüht, ohne dass die Wissenschaftlerin etwas hätte tun können, das nicht Ikaris Schergen auf den Plan gerufen hätte.

Akagi war nur froh, dass die andere Rei nicht mehr im Hauptquartier war - sie war sich nicht sicher, was bei einer Begegnung von Rei-III und ihrer Vorgängerin geschehen könnte...

Neben Shinji Ikari stand Misato Katsuragi, wie auch die anderen wirkte sie sehr erschöpft und übernächtigt. Ihre rechte Hand befand sich ständig in der Nähe ihres Schulterhalfters, während sie nervös die letzte Person im Raum beäugte.

- Aber war es überhaupt eine Person?

Ritsuko selbst musste schlucken, als sie des Wesens in der Ecke gewahr wurde, jetzt wurde ihr auch klar, weshalb sich die ganze Belegschaft der Abteilung auf dem Korridor versammelt hatte...

Groß, breit, kantig, so ließ sich die Kreatur vielleicht am besten beschreiben. Humanoid, menschenähnlich - zwei Beine, zwei Arme, ein Kopf, dazwischen natürlich ein Torso, alles in menschlichen Proportionen. Nur saß auf dem Hals ein Stahlschädel mit zwei rotglühenden Kameraaugen, von dem noch in Fetzen künstliche Haut herabhing. Auf dem Boden lagen weitere Hautfetzen, gerade zog der Metallmann - Akagi entschied sich aufgrund der breiten Schultern dafür, dass es sich wahrscheinlich um einen ´er´ handelte - einen weiteren Hautstreifen an seinem Kinn ab.

„Ritsuko, na endlich", seufzte Misato.

Akagi sah sich vorsichtig um, ob sie nicht vielleicht noch jemanden übersehen hatte, es hätte sie kaum gewundert, hätte ein Riesengorilla hinter der Tür gestanden oder wenn ein kleines graues Männchen mit großen Facettenaugen ihr eine selbstgedrehte Zigarette angeboten hätte.

„EVA?" stieß Maya flüsternd hervor, die beinahe gegen den Rücken ihrer Mentorin gestoßen war, als diese abrupt stehengeblieben war.

Ritsuko sah sie fragend an, folgte dann Mayas Blick zu dem Metallmann.

Ja, wenn sie ihn unter diesem Aspekt betrachtete... die Ähnlichkeit des Schädels mit dem Schädel eines seiner Panzerung beraubten EVANGELIONs war offensichtlich...

Sie holte tief Luft, zwang sich zur Ruhe.

„In Ordnung, was ist hier los? Benötigt jemand ärztliche Hilfe?"

Mit Ausnahme Shinjis hob jeder die Hand, und dieser wahrscheinlich auf nur deshalb nicht, weil er dann das Mädchen auf seinen Armen fallengelassen hätte.

„Okaaaaay..." sagte Akagi gedehnt. „Subkommandant?"

„Gehirnerschütterung und wahrscheinlich einige Prellungen im Rückenbereich", erklärte Fuyutsuki mit dozierendem Tonfall, als befände er sich wieder in einem Hörsaal und sprach zu seinen Studenten. Aufgrund seines doch leicht glasigen Blickes kam diese Möglichkeit sogar in Betracht.

„Maya, bring ihn nach draußen, die Leute vor der Tür sollen sich nützlich machen!"

„Ja, Sempai."

„Gut. Rei?"

„Ritsuko-san, ich glaube, Shinji-kun könnte Tee und etwas Schlaf benötigen." sagte das Mädchen schwach.

„Uh..." setzte Shinji an.

Ritsuko verdrehte die Augen.

„Und du?"

„Ich glaube... ich benötige Ihre Hilfe derzeit nicht."

„Ah ja... - Kaji?"

„Ein Aufräumteam in Katsuragis Apartmenthaus, wir haben ein paar Leichen zurückgelassen - ah, nein, die gingen nicht alle auf unser Konto."

„So... Bist du verletzt?"

„Nee."

Er ließ sich auf den freigewordenen Stuhl sinken, nachdem Maya den Stellvertretenden Kommandanten hinausgebracht hatte.

„Misato?"

„Ich könnte ein Bier gebrauchen. Und vielleicht irgendwas, um etwas wacher zu werden."

„Und... ahm..."

Ritsuko warf dem Metallmann einen unsicheren Blick zu.

Kaji machte eine abwinkende Handbewegung.

„Der gehört zu uns, kein Grund zur Sorge."

„Hätten Sie vielleicht einen Kanister Synthohaut für mich?" fragte der Metallmann höflich mit wohlmodulierter Stimme.

„Ich müsste mal..."

Akagi blinzelte.

Was kam wohl als nächstes? Baten die EVAs in Zukunft vielleicht um Schmierölbäder? Oder wollten die MAGI Scheibenwischer auf ihren Kamerasensoren? Oder Designer-Lüfter auf den Prozessoren?

„Ritsuko, darf ich vorstellen - das ist mein Chef, Commander Wolf Larsen von ODIN. – Commander, Doktor Ritsuko Akagi."

„Angenehm, Doktor."

„Äh... ja... also..."

„Commander Larsen hat gerade Kommandant Ikari zerlegt."

„Wie, Kaji?"

„Er ist tot." sagte Shinji. Seine Stimme klang völlig ruhig, doch wenn man genau hinhörte, konnte man einen schwachen, zufriedenen Unterton feststellen.

„Gendo Ikari?"

„Hm-m", nickte Kaji.

„Tot?"

„Hm-m", nickten Kaji und Shinji.

„Er ist wirklich..."

Sie fuhr sich mit dem Zeigefinger über die Kehle.

„Er sah jedenfalls ziemlich so aus mit den heraushängenden Gedärmen und dem aufgebrochenen Brustkorb. ´Habe noch niemanden gesehen, der so etwas überlebt hat." bestätigte Kaji.

Ritsukos Augen leuchteten auf.

„Ich werde sofort sehen, was ich für Sie tun kann, Commander Larsen. Benötigen Sie sonst noch etwas? Vielleicht Wartung oder ein Schmierölbad oder eine Reinigung der Oberfläche mittels eines Sandstrahlgebläses?"

„Ähm, Ritsuko..." setzte Kaji an.

„Lassen Sie nur, Ryoji. - Vielen Dank, Doktor, aber ich wäre mit einem neuen Gesicht völlig zufrieden. Allerdings... ich habe gehört, Sie hätte Asuka hier unten..."

„Ja..."

Der Cyborg fand sich plötzlich im Mittelpunkt des Interesses.

Misato öffnete den Mund.

„Meine Güte... der Name... Sie sind..."

Ritsuko Akagi schüttelte den Kopf.

Kaum glaubte man, die Realität wieder einigermaßen im Griff zu haben, da kam der nächste Schock.

„Wolf Larsen - Asukas Patenonkel..."

Shinji wich einen Schritt zur Seite aus. Viel mehr Platz hatte er auch nicht.

Wenn in Asukas Familie alle so aussahen, dann waren ihre psychotischen Tendenzen vielleicht wirklich nicht ihr Verschulden...

„Ich würde sie gerne sehen."

„Ja... Das... sollte möglich sein..."

„Danke."

„Uh, Doktor Akagi..."

„Shinji-kun?"

„Ist Nagisa-kun in seinem Quartier?"

„Denke schon... Moment mal... - Maya!"

„Sempai?"

Akagi zuckte zusammen. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass ihre Assistentin wieder in den Warteraum zurückkehrt war und hinter ihr stand.

„Wenn Kommandant Ikari tot ist, dann ist Fuyutsuki jetzt hier der Chef. Geh zu ihm und bitte ihn von mir, er möge meine Zugangsbeschränkungen zu den MAGI aufheben – und am besten auch Shinjis Zugangsrechte wieder aktivieren."

„Kommandant Ikari ist tot, Sempai?"

„Ja." antwortete Ritsuko.

„Wirklich?"

„Ja." antworteten Ritsuko, Kaji, Shinji, Misato und - ganz leise - Rei.

„Wow. Wann wird gefeiert?"

„Maya..."

„Ja, Sempai?"

„Fuyutsuki..."

„´Bin schon unterwegs!"

„Gut."

Sie holte ihren Palmtop hervor, drückte ein paar Tasten.

„Oh, Shinji-kun, doch nicht. Kaworu ist im EVA-Hangar!"

Shinjis Augen wurden groß.

„Wir müssen ganz dringend zu ihm!"

Er lief an Ritsuko vorbei durch die Tür, welche sich hinter Maya noch nicht wieder geschlossen hatte, Rei dabei immer noch tragend, als hätte er völlig vergessen, dass sie ein eigenständiges Lebewesen und nicht mit ihm zusammengewachsen war.

„Das ist ja hier wie im Hühnerstall..." seufzte Akagi. „Okay, Aufräumtrupp rückt aus, sobald meine Kommandocodes wiederhergestellt sind. Wie viele Tote?"

„Wenigstens vier. - Und Ikari, natürlich." sagte Kaji.

„Ich empfehle Dekontaminationsmaßnahmen bei letzterem", erklärte Larsen.

„Ikari schien von einem fremden Organismus befallen zu sein. Ich tippe auf einen Engel."

„Ikari?"

Ritsuko schüttelte ungläubig wieder den Kopf.

Andererseits... das geschah dem Mistkerl recht...

*** NGE ***

Kaworu stand auf einem der Laufstege in Brusthöhe von EVA-02 und betrachtete den roten EVA. Die Verbrennungen an seinen Händen waren bereits verheilt - nachdem er am vorherigen Morgen den EntryPlug verlassen hatte, waren die noch übel zugerichteten Handflächen bandagiert worden, danach hatte man ihn mehr oder weniger vergessen, so dass er seiner Verpflichtung gegenüber dem ausgeliehenen Körper hatte nachkommen und die Verletzungen regenerieren können.

Zudem befand er sich seit über einem Tag in einem Zustand der Verwirrung, in seinem Umfeld hatte sich einfach zu viel geändert. Engel waren nicht für Veränderungen geschaffen, es fiel ihnen schwer sich anzupassen, ebenso wie sie eigentlich nur zu eigenen Entscheidungen imstande waren, wenn sich die Bedingungen änderten. Deshalb wäre er auch nicht fähig gewesen, das Shinji-kun gegebene Versprechen zu brechen, solange er nicht über bedeutende Veränderungen Kenntnis erhielt.

Die Ursache seiner Verwirrung lag einerseits darin, dass Shinji-kun nicht mehr zum Pilotenteam gehören sollte, andererseits darin, dass er zwar den Todesschrei seines älteren Zwillingsbruders Armisael wahrgenommen hatte wie eine Messerklinge, die sich in seine Brust bohrte, seine Gegenwart war dennoch immer noch irgendwie spüren konnte.

Und irgendwie war wohl auch Ayanami mit Armisael gestorben, obwohl er ihr kurz darauf im Krankenflügel begegnet war und eine zuvor nichtwahrnehmbare Ähnlichkeit gespürt hatte... aber wenn Lilims starben, dann endete für sie die Existenz, wie konnte Ayanami dann mit EVA-00 gestorben sein und dennoch leben? - Außer natürlich, es war eine andere, als jene, die er kennengelernt hatte...

Das waren wohl ausreichende Gründe, die Situation neu zu bewerten, selbst für einen Engel...

Also war es wohl soweit...

Kaworu holte tief Atem.

- Und Tabris hob die Hand...

Erwache!"

Die Augen von Einheit-02 glühten auf.

Der EVA richtete sich in seinen Fesseln auf.

Tabris drehte sich um 120 Grad, blickte in Richtung des Panzerschottes, hinter dem der Gang zum Zentralen Schacht lag. EVA-02 würde sein Leibwächter während des Abstieges sein.

Alarmsirenen heulten auf.

Noch einmal hielt Tabris inne, zögerte auf für seine Art völlig uncharakteristische Weise.

Dann begann er zu schweben, erhob sich mit jedem Herzschlag einen weiteren Zentimeter in die Luft, genoss es, seinen Kräften freien Lauf zu lassen.

„Nagisa-kun, nicht!"

Tabris sah zur Seite.

Ikari-kun kam über einen der tieferen Stege herangehastet, auf den Armen Ayanami tragend. Und zugleich nahm er Armisaels Nähe wahr... wo war sein Bruder? Und Ayanami... das war nicht jene Ayanami, die er zuletzt getroffen hatte...

Erneut spürte er tiefste Verwirrung, ließ sich auf den Steg zurücksinken, verbarg den Gutteil seines wahren Wesens wieder hinter der Maske des Lilimkörpers.

Noch mehr Lilim stürmten in den Hangar, größtenteils Techniker und Ingenieure, darunter aber auch ein paar Wissenschaftler und Sicherheitskräfte. Ihre Aufmerksamkeit galt aber nicht Kaworu Nagisa, sondern dem EVA, der immer noch aufgerichtet in seinem Käfig stand und auf weitere Anweisungen wartete.

Langsam wanderte Kaworu Shinji-kun entgegen, nahm dabei Armisaels Gegenwart stärker und stärker wahr... die Quelle war Ayanami...

Einen endlos langen Moment verspürte er Trauer.

Sein Bruder war nicht mehr, sein Bewusstsein in der Unendlichkeit verweht...

Und zugleich empfand er Freude.

Zum ersten Mal seit Ewigkeiten war ein neuer Engel geboren worden...

*** NGE ***

Röchelnd sogen Gendo Ikaris Lungen nach über einer Viertelstunde erstmals wieder Luft ein, nachdem sein Brustkorb sich wieder geschlossen hatte. Geschlossen hatten sich auch die übrigen Verletzungen, jene tiefen Schnitte, die ihm sein Gegner zugefügt hatte, dieses Wesen halb Lilim halb Maschine, für das sein AT-Feld kein nennenswertes Hindernis dargestellt hatte...

Die neugebildete Haut über den zuvor weit klaffenden Wunden war von feinen weichen Schuppen bedeckt, ebenso wie mittlerweile sein Hals und ein Teil seines Gesichtes. Sein linkes Auge trat leicht aus der Höhle, die Pupille hatte eine ovale Form angenommen.

Er war nicht mehr Gendo Ikari, aber auch noch nicht gänzlich ADAM...

Der Lilimkörper war schwach und verletzlich, wie konnten Lilim derart existieren? Musste ihnen der Tod da nicht wie eine Erlösung vorkommen?

Sie waren so schwach wie alle Werke LILITHs. Sie verdienten es, zerstört zu werden, nur um LILITH zu zeigen, wie vergänglich ihr Werk war...

Ruckartig setzte er sich auf, zog die Beine an.

So viele Knochen und Gelenke, so zerbrechlich...

Aus dem Sitzen stand er auf, spürte im nächsten Moment, dass der Körper Gendo Ikaris für derartige Bewegungen nicht geschaffen war, als er gezwungen wurde, Muskelzerrungen zu regenerieren.

Steifbeinig setzte er sich in Bewegung...

*** NGE ***

Mit völligem Desinteresse sah Rei Ayanami sich in der ihr zugewiesenen Wohnung um.

Sie war die Dritte...

Die Schranktüren und Schubladen standen offen, verrieten leere Schrankfächer und Schubladen. Das Bett war nicht bezogen.

Es war ihr egal.

Sie benötigte keine weiteren Sachen, als jene, die sie am Leib trug.

Und sie benötigte keinen Schlaf.

Auf dem Boden war eine leichte Staubschicht, so als ob das Apartment ein paar Wochen leer gestanden hätte.

Es war ihr egal.

Methodisch begann sie, die Verbände zu entfernen, welche ohnehin nur gesunde Körperpartien verbargen, schließlich war sie nie verletzt worden. Achtlos ließ sie die Bandagen auf den Boden fallen.

Sie verstand den Grund für die Täuschung, doch es war ihr ohnehin egal.

Ihre Kleidung stammte aus dem Spind im Umkleideraum der Piloten.

Langsam griff sie in die Tasche, zog den einzigen Gegenstand hervor, der sich unter den Sachen befunden hatte, mit dem sie nichts anfangen konnte - eine Kette mit einem Anhänger in Form eines halben Herzens.

Sie betrachtete das Objekt.

Ein halbes Herz... worin lag der Nutzen?

Achtlos ließ sie den Anhänger zwischen die Verbände fallen.

*** NGE ***

Lächelnd trat Kaworu den anderen beiden Piloten, dem Nephilim und dem Neugeborenen, gegenüber.

Ihm wurde bewusst, dass er nicht wusste, wie er seine neue Schwester begrüßen sollte – schließlich war er bisher der jüngste unter den Engeln gewesen.

„Ich grüße dich, Ayanami." sagte er schließlich.

„Nagisa-kun... dein Versprechen..." flüsterte sie.

Sorge umwölkte Kaworus Züge.

Dies hätte ein Anlass zur Freude sein müssen, warum machte Ayanami dann einen derartigen geschwächten Eindruck?

„Ich dachte, ich wäre allein und sonst niemand mehr übrig..."

Er schluckte.

„Aber ich habe mich geirrt."

„Uh, Nagisa-kun... Rei geht es nicht gut."

„Ja, Shinji-kun, ich spüre es. - Ayanami, mein... unser Bruder Armisael hat dir ein großes Geschenk gemacht. Aber du musst es auch annehmen..."

„Wie?"

Kaworu seufzte.

„Du trägst eine Quelle der Kraft in dir."

„Ein S2-Organ..."

„Ahm... Rei-chan... das ist ja unglaublich. Wir haben beide..."

„Ja. Ist das der Grund?"

„Das denke ich. Du musst es zulassen, musst der Kraft erlauben, mit dir eins zu werden."

„Aber... Nagisa-kun, wie soll Rei-chan das tun?"

„Das... Shinji-kun, das weiß ich auch nicht. Bisher ist so etwas noch nie vorgekommen."

Automatisch hielt Shinji Rei fester.

Wenn er ehrlich war, störte ihn ihre Schwäche nicht sonderlich, so hatte er wenigstens einen Grund, sie ständig und überall hin zu tragen. Und irgendwie gefiel ihm auch die Tatsache, dass er es war, der sie jetzt beschützen musste. Allerdings besorgte ihn ihr schlechter Allgemeinzustand.

„Hast du gar keine..."

„Schwer... es ist wie eine zweite Geburt, Shinji-kun..."

„Das... uhm... das schaffen wir schon... nicht, Rei-chan?"

Rei nickte schwach...

„Nagisa-kun... Kaworu... kannst du ihr nicht so helfen, wie du mir geholfen hast? Uhm, so mit Handauflegen?"

„Nein, das war etwas ganz anderes. Das S2-Organ in deiner Brust brauchte nur einen kleinen Anstoß. Aber bei Ayanami liegen die Dinge anders... ihre beiden Hälften... Lilim und Mensch... liegen im Konflikt. - Ayanami, du musst deinen wahren Namen in Erfahrung bringen..."

*** NGE **

Larsen betrachtete sich im Spiegel.

Die neu aufgetragene Kunsthaut war heller als der Typ, den er gewöhnlich verwandte, auch war ihm das Nachmodellieren seiner Gesichtszüge weitaus weniger gut gelungen, als dies normalerweise bei den Spezialisten seines Dienstes der Fall war.

Es musste genügen...

Vor der Tür wartete Maya mit dem Auftrag, ihn zu Asuka zu bringen.

Sie wich von der Tür zurück, als sie durch die Milchglasscheibe den massiven Schatten des Cyborgs nahen sah.

„Können wir, Leutnant?"

„Ja..."

Ibuki war sich unsicher, wie sie den anderen ansprechen sollte, so dass sie bei knappen Antworten blieb. Die Synthohaut spannte sich über dem Metallschädel des Maschinenmannes. Wenigstens hatte er Kontaktlinsen eingesetzt, so dass er anstelle der roten Kameraaugen dunkelbraune Augen hatte.

„Ihre Hände, Sir..."

Larsen blickte kurz auf seine stählernen Hände, die aus den Ärmeln seines Hemdes schauten.

„Die Synthohaut ist nicht widerstandsfähig genug, sie würde an den Gelenken nur einreißen."

„Ah... äh, ja."

„Bringen Sie mich bitte zu meiner Nichte."

*** NGE ***

Asuka lag an mehrere Monitore angeschlossen in ihrem Bett auf der Krankenstation. Ihr Gesicht war blass, der obere Teil des Kopfes bandagiert.

Stumm musterte Larsen das ausdruckslose Gesicht des Mädchens, widmete sich dann den Anzeigen der Monitore.

„Lassen Sie uns bitte allein, Leutnant."

Maya nickte.

„Natürlich."

Es fiel ihr schwer, ihre Erleichterung zu verbergen.

Der Fremde war ihr unheimlich, egal wie sehr Major Kaji ihm vertraute, egal wie entgegenkommend Sempai Akagi ihm gegenüber war, weil er den Kommandanten getötet hatte. Ein Geschöpf aus Fleisch, Blut, Plastik und Stahl...

Sie verließ den Raum.

Der Cyborg kauerte sich neben das Bett, streckte die Hand aus, strich mit dem Handrücken sanft über Asukas Wange.

„Hallo... es ist eine Weile her, Asuka..."

Natürlich antwortete sie nicht...

Larsen schloss kurz die Augen, fragte sich nicht zum ersten Mal in den letzten elf Jahren, ob es Absicht, Unterlassen oder Gleichgültigkeit der Erbauer seiner kybernetischen Hälfte gewesen war, dass er nicht fähig war zu weinen.

Der Second Impact hatte ihn nicht nur seine Augen und die Tränendrüsen, sondern auch Geruchs- und Geschmacksinn gekostet, an deren Stelle waren analytische Sensoren und weitere Computer getreten. Selbst sein Tastsinn war nur noch rudimentär vorhanden, wirkliches Gefühl besaß er nur noch in seinem organischen Bein und der Bauchregion, der Rest seines Körpers reagierte zwar auf Druck, aber mit wahrem Tastsinn ließ sich das nicht vergleichen.

Seine kleine Familie war alles gewesen, das ihm noch die Reste seiner Menschlichkeit bewahrt hatte, ein Anker zwischen Schaltkreisen und Sensoren. Erst traf es Ann, jetzt Asuka.

Die Monitore zeigten stabile, wenn auch schwache Vitalfunktionen, sowie schwache Gehirnaktivitäten, wobei letztere allerdings nicht sonderlich aussagekräftig in der Beziehung waren, ob seine Patentochter jemals wieder aus ihrem tiefen Koma erwachen würde.

Er wusste, wie es unter dem Verband aussah - eine leere Augenhöhle, ein Stück fehlender Schädelknochen, mehrere Operationsnarben... die Kugel, welche Asuka getroffen hatte, hatte mehrere Haarrisse in ihrem Schädelknochen erzeugt, welche sorgfältig wieder zusammengeschweißt worden waren, allerdings hatte der Treffer sie auch ins Koma versetzt. Und es war höchst fraglich, ob sie nicht vielleicht schwerste Gehirnschäden davongetragen hatte...

„Asuka, was machst du nur für Dinge... ich mache mir solche Sorgen um dich..."

Sein Blick war auf die Monitore gerichtet.

Denen zufolge reagierte Asuka nicht auf seine Worte...

Er sprach weiter, redete Belanglosigkeiten, rief Erinnerungen an bessere Zeiten wach...

Nichts geschah...

Schließlich richtete er sich auf, wandte sich zur Tür, hielt inne.

Asuka lebte noch, aber war das nicht eher ein Dahinvegetieren?

Keine höhere Gehirnaktivität...

Hätte seine Patentochter ebenfalls über ein PROPHET-Interface verfügt, hätte er versucht, auf diesem Weg in ihren Geist einzutauchen und sie zu finden...

Aber es gab keine Hoffnung, er hatte schon zu viele Menschen gesehen, die sich in einem solchen Zustand befunden hatten, nach dem Impact hatte um ihn herum ein einziges Sterben stattgefunden...

Sie atmete noch, ihr Herz schlug noch, aber alle höheren Gehirnfunktionen schienen nicht mehr anzusprechen.

Langsam drehte er sich wieder um, trat wieder an das Bett, beugte sich nach vorn und berührte ihre Stirn mit den Lippen.

„Auf Wiedersehen..."

Er ballte die Faust, platzierte sie unter ihrem Kinn.

Ein Gedankenimpuls, eine kurze Bewegung, und die Klingen würden zwischen den Knöcheln hervorschießen und sich durch Kiefer und Gaumen in Asukas Gehirn bohren, um die Angelegenheit zu beenden...

*** NGE ***

Zum Beginn der Spätschicht hatte Kozo Fuyutsuki die Offiziere in die Kommandozentrale gerufen, um sie über den Stand der Dinge zu informieren.

Der Stellvertretende Kommandant saß in Hemdsärmeln an einem der Terminals, er hatte nie große Begeisterung für Ikaris Kommandostand empfunden, in dem man so weit von den anderen Offizieren entfernt war. Sein Kopf pochte immer noch, aber wenigstens sah er nicht mehr doppelt. Man hatte ihm eigentlich wegen seiner Gehirnerschütterung strenge Bettruhe verordnet, aber er wollte diese Ankündigung persönlich machen, ehe er sich wieder hinlegte.

Doch zuerst galt es, sich auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen.

„Doktor Akagi, mir wurde zugetragen, dass es im Hangar einen Zwischenfall gegeben hätte."

„EVA-02 hat sich bewegt."

„Der nicht auch noch... reicht es nicht, dass Einheit-01 mit ihren Zuckungen die Technikercrews in Panik versetzt?" murmelte Fuyutsuki.

„Sir?"

„Nichts. Und?"

„Nun, zu der fraglichen Zeit waren die Überwachungskameras offline, die MAGI gaben Alarm wegen eines Blauen Musters, widerriefen die Meldung aber kurz darauf."

„Könnte sich in EVA-02 etwas manifestiert haben, möglicherweise der letzte Engel?"

„Negativ, Sir."

„Hm... Lassen Sie EVA-02 weiter beobachten, ich möchte keine Überraschungen. Und legen Sie sich im Anschluss an meine Erklärung ein wenig hin, Sie sind doch mittlerweile schon wieder seit wenigstens drei Schichten auf den Beinen."

„Ich weiß nicht, ob ich mir etwas Ruhe gönnen kann, Subkommandant. Es gibt Komplikationen mit dem Aufräumtrupp."

„Berichten Sie."

„Das Apartmenthaus, in dem Colonel Katsuragi wohnt, wurde geräumt..."

„Das dachte ich mir schon." sagte Fuyutsuki mit einem Seitenblick zu Misato Katsuragi, welche einen Pinguin auf den Armen trug.

Nur nicht weiter darüber nachdenken, wo der Vogel eventuell herkam...

„...allerdings konnte das Säuberungsteam nicht Ikaris Leiche finden."

„Verdammt... Könnte die Leiche sich aufgelöst haben?"

„Major Kaji ist vor Ort, um sich ein Bild zu machen, ob eine Selbstzerstörung stattgefunden hat. Sind Sie sich denn wirklich sicher, dass er auch tot war?"

„Doktor Akagi, kein Mensch überlebt solche Verletzungen. Von Ikari haben Teile das Licht gesehen, welche dafür wirklich nicht vorgesehen waren."

„Ich... ich wollte nur sicher gehen."

„Ja. Natürlich... Hm... Aber das ändert nichts an dem, was ich erklären wollte. Doktor, würden Sie wohl..."

Akagi trat zur Seite.

Fuyutsuki drehte seinen Stuhl ein wenig, so dass er in die Runde der versammelten Offiziere und Abteilungsleiter blicken konnte.

„Vielleicht haben Sie es bereits gehört - auch bei NERV verbreiten sich Gerüchte mit der üblichen Geschwindigkeit... Kommandant Gendo Ikari lebt nicht mehr. Er ist denselben Mächten zum Opfer gefallen, gegen die er gekämpft hat. Kommandant Ikari wurde von einem Engel übernommen, ich habe seine Leiche gesehen. Damit bin ich wohl bis auf weiteres - das heißt, bis die Vereinten Nationen darüber entschieden haben, wer künftig NERV leiten soll – Oberbefehlshaber der Organisation. Geben diese Informationen bitte an Ihre Abteilungen weiter."

Er sah in die Gesichter der Männer und Frauen in der Zentrale. Einige von ihnen waren erschrocken über seine Bekanntmachung bezüglich des Schicksals Gendo Ikaris, doch bei den meisten überwog eine seltsame Erleichterung darüber, dass ein neuer Mann an der Spitze stand.

Colonel Katsuragi setzte PenPen ab und salutierte.

„Wir erwarten Ihre Anweisungen, Sir."

Ein einziges lautes Klacken lief durch die Kommandozentrale, als die anderen Offiziere es ihr nachtaten, die Hacken zusammenschlugen und strammstanden.

26. Zwischenspiel:

Von der Veranda seines Hauses blickte Chen Li-Tsu auf das offene Meer hinaus.

Jenseits des Wassers lagen die japanischen Inseln.

„Sie wirken nachdenklich."

Li-Tsu drehte sich um und begegnete dem Blick Lorenz Kiels.

„Der Plan tritt bald in die Endphase... ich gestehe, dass ich nervös bin."

„Das sind wir alle - oder, General?"

Aus der Terassentür trat Wilforth Cedrick, im Gegensatz zu beiden anderen alten Männern war er gekleidet, als wäre er eigentlich auf dem Weg zu einem Staatsempfang.

„Es ist der Zeitpunkt, den wir seit langem erwartet haben. Der Aufstieg ist nahe."

Zum ersten Mal seit langen Jahren hatten sich die ersten drei Mitglieder der Verschwörung namens SEELE wieder in Fleisch und Blut getroffen.

„Es bleibt bei dem geplanten Vorgehen, Vorsitzender?"

Kiel nickte.

„Cedricks Spione bei NERV haben uns von Fuyutsukis Ansprache berichtet - wenn Ikari aus dem Spiel ist, müssen wir zuschlagen, solange die Lage noch unsicher ist."

„Genau."

Cedrick deutete auf seinen Aktenkoffer, der neben ihm auf dem Boden stand.

„Ich habe bereits die nötigen Dokumente, denen zufolge die Vereinten Nationen das Kommando Eli Rabinowitz übertragen, seines Zeichens Mitglied des ODIN-Direktorats."

„Ja. - Nur weiß Ihr Kollege nichts davon..."

„Weil ich an seine Stelle trete. Die Mittel der modernen Wissenschaft sind erstaunlich, diese lebensechten Masken aus Synthohaut hätte die CIA vor fünfzig Jahren gut gebrauchen können, ebenso wie die falschen Fingerabdrücke und die Spezialkontaktlinsen für die Retina-Scans."

„Sie riskieren viel, Cedrick." murmelte der Chinese.

„Tun wir das nicht alle? Ich betrete nur als erster die Höhle des Löwen, um Ihnen den Weg zu ebnen."

„Ja, und das rechnen wir Ihnen hoch an." erklärte Kiel. „Aber falls es Ihnen nicht gelingen sollte, in der Geofront die Kontrolle zu übernehmen, treten die Alternativpläne in Kraft."

„Bekannt... schließlich habe ich sie selbst entwickelt. Zunächst ein Hackerangriff von Seiten der unter unserer Kontrolle stehenden Reserve-MAGI-Systeme, die über den ganzen Erdball verteilt sind, und wenn das nicht funktioniert, Einsatz der JSSDF, der japanischen Streitkräfte unter dem Vorwand, NERV versuche, sich der UN-Kontrolle zu entziehen. Die JSSDF werden die Verteidigungsanlagen von Tokio-3 lahmlegen und der letzten Welle den Weg öffnen - den EVANGELION-Massenproduktionseinheiten. Neun Einheiten... damit sollte es ein Leichtes sein, die NERV zur Verfügung stehenden EVAs auszuschalten und das Dogma zu übernehmen. Aber natürlich wird das nicht nötig sein, da ich Erfolg haben werde."

„Zu große Zuversicht kann manchmal schaden!"

„Ja, Li-Tsu. Ebenso wie zu große Vorsicht. Ich werde das TerminalDogma für unsere Pläne öffnen!"

Cedrick griff nach seinem Koffer und wandte sich ab.

Natürlich würden die anderen Mitglieder der Verschwörung dann nicht mehr am Leben sein, dafür würden die Attentäter sorgen, welche Wolf Larsen ausgeschickt hatte - und welche ihre Befehle jetzt unwissentlich von ihm bekamen...

*** NGE ***

Auf der anderen Seite des Meeres und einige Kilometer landeinwärts navigierte Hikari Horaki gerade um einen Stapel Umzugskisten im neuen Heim ihrer Familie herum. Das Apartment, das ihr Vater auf die Schnelle für sich und seine drei Töchter in der Landeshauptstadt Tokio-2 gefunden hatte, war nicht so groß wie ihr altes Haus in Tokio-3. Hikari musste sich mit ihrer jüngeren Schwester Nozomi ein Zimmer teilen, während Kodama als Älteste ein eigenes Zimmer hatte. Bisher waren sie auch nicht wirklich zum Auspacken gekommen, da ihr Vater sie angewiesen hatte, nur die nötigen Dinge des alltäglichen Gebrauches aus den Kisten, Koffern und Taschen zu holen – er betrachtete die Wohnung als Übergang und wollte sich nach Jahresende nach einer anderen, geräumigeren Unterkunft umsehen, um seinen Töchtern den gewohnten Platz bieten zu können. Doch zuerst musste er warten, wo man ihn einzusetzen gedachte – in Tokio-3 war er in der zivilen Stadtverwaltung tätig gewesen und nachdem klargeworden war, dass NERV die Zivilbevölkerung nicht würde beschützen können, hatte man ihn nach Tokio-2 versetzt.

„Ich bin zu Hause!" verkündete Hikari ihre Ankunft. Den Schuhen am Eingang nach waren ihr Vater und Nozomi ebenfalls daheim.

Nozomi kam aus dem gemeinsamen Zimmer geschossen, äußerlich eine jüngere Ausgabe Hikaris mit derselben Frisur und denselben Sommersprossen.
„Willkommen zuhause, große Schwester!"

Die Tür des Wohnzimmers stand offen, Hikari blickte kurz hinein, sah ihren Vater am Tisch über Papieren hocken. Er nickte ihr mit einem Lächeln zu.

„Ich mache dann Essen."

„Ah, warte, Hikari."
Er stand auf.
„Nozomi hat eine Überraschung."

Ihre jüngere Schwester warf sich in Positur wie eine Superheldin, die gerade ihren Erzfeind besiegt hatte.
„Ich habe gekocht!"

„Was, du?"
Sie sah ihren Vater fragend an.

Er grinste.
„Ich durfte ihr helfen."

„Du musst kosten! Du musst kosten!"

Hikari lachte, auch wenn sie eine gewisse Unsicherheit verspürte, dass in ihren Tagesrhythmus eingegriffen worden war – schließlich war es eigentlich ihre Aufgabe, sich um das Abendessen zu kümmern. Da ergriff Nozomi bereits ihre Hand und zog sie in die Küche, wo auf dem gedeckten Tisch ein großer Topf mit Reis stand.

Ihr Vater folgte ihr und holte vom Herd warmgestelltes gedünstetes Fleisch und Gemüse.
„Wir haben es wohl etwas übertrieben, aber wir dachten uns: Du kochst jeden Tag und kümmerst uns so gut um uns, da müssen wir auch endlich etwas tun."

„Mein Lieblingsessen…" stellte Hikari staunend fest.

„Ah, Hikari-chan, du darfst dich nicht mehr für uns so aufreiben. Nozomi hat mir versprochen, jetzt auch im Haushalt zu helfen und zumindest bis die Verwaltung weiß, wo sie mich einsetzen will, habe ich auch genug Zeit. Ich kann dir nicht versprechen, wie lange es dauern wird, aber du sollst etwas Zeit für dich haben, um dich einleben zu können in der neuen Stadt."

„Das ist… danke, Papa. – Aber ich tue auf, ja?"

„Ja!" krähte ihre jüngere Schwester und hielt ihr den Teller entgegen.

„Hast du heute schon mit deinem Freund telefoniert?"

Auf die plötzliche Frage ihres Vaters hin hätte sie fast die Reiskelle fallengelassen
„Ja, Papa." antwortete Hikari leise.

„Hoffentlich können er und seine Leute bald aus Tokio-3 weg. Ich habe schon die ganze Zeit so ein Gefühl, als wären wir dem Schicksal gerade noch einmal von der Schippe gesprungen."

„Bitte, sag so etwas nicht."

„Du machst dir schon genug Sorgen, nicht wahr? Und dann erzählt dein alter Vater noch so ein Zeug…"

„Schon gut, Papa. Scharfe Soße oder lieber milde Soße?"

Ehe ihr Vater antworten konnte, gab es einen lauten Knall und flog die Wohnungstür ins Innere des Apartments. Zugleich wurde es taghell, als draußen grelle Scheinwerfer aufblendeten. Männer in schwarzen Kampfanzügen stürmten die Wohnung, warfen den Kistenstapel um, standen plötzlich in der Küche und richteten ihre Waffen auf sie.

„Was tun Sie in meiner Wohnung?" rief Herr Horaki, der aufgesprungen war und sich schützend vor seine Töchter gestellt hatte.

Es gab ein dumpfes ‚Plop'. Hikaris Vater griff sich schwankend an die Brust und kippte dann zur Seite.

„Papa!" schrien Hikari und Nozomi gleichzeitig.

Kräftige Hände packten die Mädchen und zwangen ihre Gesichter in Richtung des Lichts.

„Identität bestätigt!" kam es dumpf unter einer Sturmhaube hervor. „Hikari Horaki, Fifth Child."

Kapitel 54 - Geburt eines Engels

Die Sicherheitskamera in Asukas Zimmer fokussierte sich auf den Rücken des neben dem Bett des Mädchens knienden Cyborg.

Das Bewusstsein, welches die Kontrolle über die MAGI und die mit ihnen verbundenen Kontrolleinrichtungen mittlerweile erlangt hatte, zögerte.

Naoko Akagi erkannte ihr Werk...

*** NGE ***

Larsen schloss die Augen.

Ein kurzer Gedankenbefehl an seine kybernetische Hand, ein knapper Impuls, die Klauen aus dem Handrücken hervorschießen zu lassen, und für seine Patentochter war es ausgestanden.

Aber er konnte es nicht... er konnte kein Kind töten...

Ein Beben durchlief seine massive Gestalt, als er zu lachen begann...

*** NGE ***

Ryoji Kaji kniete in einem Schutthaufen in einem ansonsten makellosen Apartment.

Der Schutt war noch einen halben Tag zuvor die Decke des Raumes gewesen. Und ebenfalls noch einen halben Tag zuvor hatte hier die Leiche Gendo Ikaris gelegen, furchtbar zugerichtet von den Stahlklauen seines Mentors...

Jetzt war die Leiche fort.

Schleifspuren gab es keine, auch keine Spuren einer Explosion, ebenso wenig wie biologische Rückstände, nur Blutspitzer überall und eine eingetrocknete Blutlache auf dem Boden.

Ikari war von einem Engel übernommen worden, allerdings schloss Kaji eine Selbstzerstörung des Engels aus, das hätte das Apartment wahrscheinlich völlig vernichtet. Und wenn auch niemand die Leiche entfernt hatte, hieß das wohl, dass irgendwo in Tokio-3 ein Wesen mit dem Aussehen des NERV-Kommandanten unterwegs war.

„Schöne Bescherung..."

Kaji richtete sich auf.

Zeit, eine Treibjagd zu organisieren...

*** NGE ***

Rei Ayanami drehte sich nicht um, als in ihrem Rücken die Tür ihres Apartments aufschwang. Sie hatte nicht abgeschlossen, wozu auch, niemand würde es wagen, sich an ihr zu vergreifen. Und Wertsachen besaß sie keine.

Sie wusste, wer gekommen war. Der andere maskierte seine Aura zwar hinter dem Gesicht des Kommandanten, doch sie konnte ihn dennoch erkennen, ohne ihn anzusehen.

Es war ihr Schöpfer...

„Komm, Rei, es ist Zeit."

ADAM benutzte keine Sprache der Menschen, überhaupt hatten die Laute, die er krächzend hervorstieß, keine Ähnlichkeit mit menschlichen Lauten, doch Rei-III konnte ihn problemlos verstehen.

Ihr Gott brauchte sie...

Wortlos drehte sie sich ihm zu, folgte ihm aus der Wohnung.

*** NGE ***

„Du willst das wirklich tun?" flüsterte Shinji Ikari.

Rei Ayanami, welche sich auf seine Schulter stützte, nickte.

„Es gibt keinen anderen Weg."

Kaworu Nagisa nickte ebenfalls. Seine Miene war traurig.

„Wenn sie keine Einigung zwischen ihrer menschlichen und ihrer anderen Hälfte erzielt, wird sie ständig mehr Kraft verlieren, weil sie nicht die Energien ihres S2-Organs anzapfen kann und ihr normales Herz nicht imstande ist, mit dem veränderten Zustand ihres Leibes klarzukommen."

„Du meinst, uh... Rei-chan würde sonst... sterben?"

Panik stand in Shinjis Gesicht geschrieben.

Alles, nur das nicht...

Lieber starb er selbst tausend Tode, als dass er mit ansah, wie Rei-chan zugrunde ging...

„Ja, Shinji-kun. Wenn du die Welt so sehen könntest wie ich... Ayanamis Lilimkörper verströmt seine Kräfte in einem immer schneller werdenden Maße. Ihre Substanz zerfließt, ihr AT-Feld löst sich auf."

„Kaworu... wieso?"

„Jedes Wesen verfügt über ein AT-Feld, es ist das Kraftfeld der Seele, welches die Existenz physischer Wesen und ihre Grenzen definiert."

„Äh..."

„Shin-chan... ich glaube, ich habe nicht mehr viel Zeit..."

Schwach hob Rei die Hand und streichelte seine Wange.

Shinji presste die Lippen zusammen und kämpfte gegen die Tränen.

„Ich kann dich immer tragen... ich nehme dir alles ab, du wirst dich nie wieder anstrengen müssen... ahm... das müsste doch genügen, um deine Kraft zu bewahren..."

„Es würde das Kommende nur hinausschieben."

„Ah... Rei-chan... ich habe Angst..."

„Du brauchst dich nicht um mich zu sorgen. Ich werde dich nie verlassen, ein Teil von mir wird immer bei dir sein."

„Rei-chan..."

Ihre Worte machten es ihm nicht einfacher. Dabei hätte er es doch sein müssen, der sie tröstete, nicht umgekehrt.

Er hatte Angst, entsetzliche Angst. - Angst sie zu verlieren, Angst, dass sie nach ihrer Metamorphose in einen Engel ihn nicht mehr lieben würde... reine egoistische Furcht...

Aber es war nötig, dass sie diesen Schritt tat, denn sie auf andere Weise zu verlieren, war ebenfalls keine akzeptable Alternative...

Sie standen vor dem Eingang zum Dampfbad.

Rei hatte sich diesen Ort für ihren Versuch, mit ihrer Engelshälfte zu verschmelzen, ausgesucht. Und sie hatte darauf bestanden, ihre vielleicht letzten Schritte als menschliches Wesen auf ihren eigenen Füßen zurückzulegen, hatte sich dabei auf Shinji und Kaworu gestützt.

„Und... du meinst, dieser Ort..." setzte Shinji an.

„Ja. Er ist so gut wie die meisten anderen. Hier werde ich ungestört sein."

Keuchend drückte sie die Tür auf.

Sie konnte selbst spüren, wie ihre Kraft stetig nachließ. Als der Kommandant in Misato-sans Wohnung aufgetaucht war, hatte sie noch einmal ihre Reserven aktiviert, hatte sie kurzfristig Kontakt mit dem S2-Organ bekommen, welches Armisael ihr überlassen hatte, doch diese Reste waren mittlerweile beinahe aufgebraucht.

Selbst wenn sie keinen Finger mehr rührte, wenn sie sich nur noch aufs Atmen konzentrierte, würden ihre Kräfte mit der Zeit aufgebraucht werden. Sie wusste nicht, wie viel Zeit sie so vielleicht hätte herausschlagen können, aber es hätte das Ende nur verzögert.

Nein, wenn sie weiterleben wollte, dann musste sie es jetzt tun, musste sie jetzt versuchen, auf ihr S2-Organ Zugriff zu bekommen, solange sie dazu noch die nötige Kraft besaß... sie hatte nur einen Versuch...

Shinji beeilte sich, die Tür offenzuhalten und Rei-chan zugleich unter die Arme zu greifen, um ihre schwachen Beine zu entlasten.

Im Dampfbad war es heiß, dichte Schwaden trieben durch die Luft.

Der Raum war menschenleer, natürlich, die NERV-Angehörigen hatten wichtigeres zu tun, als es sich gutgehen zu lassen...

Mit einem Seufzen ließ Rei sich auf die Bank neben der Tür sinken und begann ihre Schuhe abzustreifen.

„Nein", flüsterte Shinji, „das mache ich schon..."

Er kniete sich vor sie und zog ihr erst die Schuhe, dann die Socken aus, blickte dann auf in ihr Gesicht, schluckte.

Rei-chan wirkte gezeichnet, tiefe Falten hatten sich in ihre Züge gegraben, ihre schönen scharlachroten Augen schienen stumpf, die Wangen eingefallen.

„Rei..."

Er hob eine Hand, bewegte sie vor ihrem Gesicht hin und her.

„Ich kann dich kaum noch sehen, Shin-chan." gestand sie ihm.

Sein Herz begann zu rasen.

Hastig löste er die Schleife ihrer Uniform, knöpfte dann ihre Bluse auf.

Kaworu räusperte sich.

„Ähm..."

Er schluckte.

Sein Lilimkörper reagierte verdächtig auf dem Anblick Ayanamis in ihrem BH...

„Ich warte besser auf dem Gang und passe auf, dass euch niemand stört..."

Die beiden nahmen es kaum zur Kenntnis.

Shinji hakte Reis Büstenhalter auf, schälte sie dann auch aus ihren anderen Sachen und führte sie zum Beckenrand.

Mit quälender Langsamkeit ließ Rei sich ins Becken gleiten, sank auf die Knie, so dass das heiße Wasser über ihren Brüsten wieder zusammenschlug.

Sie schloss die Augen.

Wasser...

Das Wasser war ihr Element...

Aus Wasser war sie erschaffen worden, in Wasser war sie geboren worden...

Wenn es ihr irgendwo gelingen konnte, mit der anderen Hälfte ihres Wesens in Kontakt zu treten, dann an einem Ort wie diesem.

Ihr Atem ging flach und stoßweise. Jeder Atemzug kostete sie große Kraft.

Ihr Herzschlag ging träge.

Ihr Körper war nicht dazu geschaffen worden, viel älter zu werden. Beinahe fünf Jahre waren vergangen, seit sie erstmals den LCL-Tank verlassen hatte. Fünf Jahre... was auch geschah, sie bereute nichts...

Sie spürte eine Bewegung neben sich im Wasser, öffnete die Augen, nahm undeutlich die nackte Gestalt neben sich im Wasser wahr.

„Shinji..."

„Ja."

Shinji hockte neben ihr im Wasser, das Gesicht verzogen, weil er ohne Vorbereitungen in das hochtemperierte Wasser gestiegen war.

„Ich bin an deiner Seite. Ich werde immer an deiner Seite sein."

Sie nickte, Schloss wieder die Augen.

Es war gut, ihn nahe zu wissen.

Ihr Shin-chan, der ihr mehr bedeutete, als alles andere auf der Welt...

Es war, als teilten sie eine Seele. Sie spürte seine Sorge um sie, nahm seine Angst und seine Furcht wahr. - Und seine Liebe...

Ihr Atem ging immer flacher, während sie sich konzentrierte.

Ihre Hände glitten über ihren Körper, von den Schultern über ihre Brust, verblieben auf Höhe ihres Bauches, während sie versuchte, ihre Gedanken zu ihrem S2-Organ zu lenken.

Ihre Kraft war beinahe aufgebraucht...

Röchelnd öffnete sie die Augen, streckte die Hand nach Shinji aus, verdrehte die Augen und kippte zur Seite...

Shinji hechtete vorwärts, zog Reis Kopf wieder über Wasser.

Er schüttelte sie leicht, flüsterte ihre Namen, wiederholte ihn lauter, nannte ihn erneut, schrie schließlich...

*** NGE ***

Rei blickte vom Beckenrand auf ihren Körper hinab, der in Shin-chans Armen trieb.

Dann sah sie an sich selbst herab.

Sie trug ihre PlugSuit, doch ihr Körper schien ihr seltsam feinstofflich zu sein.

„Shin-chan... ich bin hier..."

Ihre Worte verwehten, kaum dass sie über ihre Lippen gekommen waren.

„Shinji..."

Er hörte sie nicht, drehte sich nicht um, hatte nur Augen und Tränen für den leblosen Körper in seinen Armen.

„Shinji..."

Rei sprang ins Wasser, war überrascht, dass sie gar nichts spürte, weder Wärme noch Widerstand. Erschrocken nahm sie zur Kenntnis, dass sie und das Wasser denselben Raum einnahmen, dass es einfach träge durch sie hindurchfloss.

Sie streckte die Hand nach Shinji aus, doch ihre Finger glitten durch ihn hindurch.

Sofort zog sie die Hand wieder zurück, starrte auf ihre Finger.

Shinjis Kopf flog herum, er drehte sich mit dem Körper in seinen Armen um die eigene Achse, blickte dann wieder in das totenblasse Gesicht des Mädchens. Eine Träne fiel auf Reis Wange.

„Ich bin ein Geist", flüsterte Rei. Ihr Körper war tot...

Zögernd streckte sie wieder die Hand nach Shinji aus, versuchte seine Tränen zu trocken.

Wie elektrisiert sah er auf, blickte genau dorthin, wo sie stand, ohne sie zu sehen.

„Shin-chan..."

Sie bewegte ihre Hand in einer streichelnden Geste über seine Wange.

Shinji spürte zum wiederholten Mal einen kalten Hauch.

Rei in seinen Armen atmete nicht mehr... aber er nahm dennoch ihre Gegenwart wahr, als wäre sie ihm immer noch ganz nahe...

„Rei-chan...?"

„Shin-chan, ich bin hier!" rief sie. „Direkt vor dir!"

Er senkte den Blick, als er keine Antwort bekam. Womit hatte er auch gerechnet...

Schluchzend presste er Rei an sich, wollte ihren Körper solange wie möglich warm halten, wollte die Illusion aufrechterhalten, sie würde nur schlafen und könnte jeden Moment wieder erwachen...

*Erstaunlich.* erklang es in Reis Rücken.

Sie fuhr herum, ohne dass das Wasser Widerstand leistete.

Am Beckenrand stand Armisael in der menschlichen Gestalt, in welcher er sich ihr zuvor schon gezeigt hatte...

„Du?"

Er war ebenso feinstofflich wie sie, sie glaubte durch ihn hindurchblicken zu können

*Bisher kannte ich ihn nur so, wie du dich an ihn erinnert hast.*

„Was machst du hier? Ich habe..."

*Das hier ist nur noch ein Schatten, kaum mehr als eine Erinnerung.*

„Du hast mir dein S2-Organ übertragen."

*Ja, meine Quelle der Kraft.*

„Es tötet mich."

*Dein eigener Körper lässt dich im Stich... oder du ihn... deinem ganzen Wesen verlangt es danach, die Kräfte der Quelle zu benutzen.*

„Nein, das stimmt nicht."

*Nicht?*

„Ich will kein Engel sein. Ich will an Shinjis Seite bleiben können."

*Warum sollte das eine das andere ausschließen? Dein Körper ist erdengeboren.*

„Dann muss ich ihn nicht verlassen?"

*Ist das deine Furcht? Wehrst du dich deshalb gegen dein Schicksal?*

„Ja. Wahrheit."

*Ich verstehe. Folge mir.*

„Wohin?"

*Ich zeige dir, was geschehen ist und was geschehen wird...*

Die Umgebung wechselte schlagartig und vollkommen.

Verschwunden war das Dampfbad, verschwunden war das Becken mit dem heißen Wasser, verschwunden waren auch Shin-chan und ihr Körper.

Stattdessen schwebte sie eine Handbreit über einer verschneiten Ebene.

Das Weiß reichte soweit sie blicken konnte, der Himmel war von einem Blau, dass es in den Augen wehtat.

Eigentlich hätte sie frieren müssen, doch sie spürte rein gar nichts.

*Dort drüben.*

Armisael deutete nach vorn. Er schwebte neben ihr.

Sie setzten sich in Bewegung, oder vielleicht setzte sich auch der Boden unter ihnen in Bewegung und rotierte die Erde einfach unter ihnen hinweg, es machte keinen Unterschied...

Eine einsame Gestalt marschierte über das Schneefeld, dick eingepackt in Parka und Fellmantel, die Schneeschuhe sanken zentimetertief in den lockeren Schnee ein, ehe sie auf tieferliegende Eisschichten stießen.

Der Atem stieg in hellen Wölkchen von den Lippen der Gestalt, Eiskristalle hatten sich in seinem Bart angesammelt.

Rei riss die Augen auf.

Das war der Kommandant!

Und er war es nicht...

Der Mann, dem sie zusah, wie er sie durch den Schnee kämpfte, war viele Jahre jünger...

*Die Lilims schreiben das Jahr 1999. Viele von ihnen glauben, mit dem Jahrtausendwechsel würde der Teufel die Macht über die Erde an sich reißen, andere gehen davon aus, dass der Wechsel der Zeitalter großes Unheil bringen wird. Aber es ist nicht an mir zu urteilen. Sieh genau hin!*

Ikari blieb schweratmend stehen.

Vor ihm ragte ein Hügel aus dem Schnee.

Er ließ seinen Blick an der Flanke des Hügels hinaufwandern, sah dann zum Himmel empor.

Wind kam auf...

Der Himmel verdunkelte sich.

Aus einer leichten Brise wurde ein Sturm, welcher den Schnee aufwirbelte.

Ikari machte keine Anstalten die Flucht zu ergreifen, stand nur da, während um ihn herum der Schnee zu tanzen begann.

„Warum versucht er nicht, dem Sturm zu entkommen?"

*Er befindet sich am Ziel seiner Suche.*

Der Wind trug den Hügel Schneeschicht für Schneeschicht ab.

Und darunter kam ein liegender Gigant zum Vorschein, in dessen Brust ein langer Speer steckte.

„ADAM."

*Ja. Der Urvater. Er hat den Lilim hierhergeführt. ADAM hat lange auf jemanden gewartet, der über solche Ambitionen verfügte wie dieser Lilim.*

„Dann war der Kommandant nur ein Werkzeug?"

*Nein. Die Lilim schmieden sich ihr Schicksal selbst. So wie ADAM ihn zu kontrollieren versucht, wird er versuchen, ADAM zu beherrschen. Dieser Lilim ist stark im Geiste.*

Ikari ging auf den freigelegten Giganten zu.

Aus ADAMs Brustwunde quoll immer noch eine durchsichtige Flüssigkeit - reines LCL.

*Beschleunigen wir das etwas, ja?*

Plötzlich hastete Ikari über die Ebene, kletterte auf den Leib des Engels.

Sein Atem pumpte in dichten Schwaden über seine Lippen, während er sich im Zeitraffer der Wunde näherte.

„Warum zeigst du mir das?"

*Er nimmt etwas vom Herzblut des Urvaters an sich. Daraus wird er etwas erschaffen, das die Lilim einen Virus nennen, mit dem er einhundert schwangere Lilim infizieren wird. Jene Kinder, welche überleben, werden halb Mensch, halb Engel sein - Nephilim...*

„Shinji..."

*Ja. Er trägt ADAMs Erbe in sich, wie auch der Wirtskörper unseres Bruders Tabris. Der Lilim Yui Ikari wird in einem Jahr eine eigene Versuchsreihe starten, dabei aber die... DNA... von LILITH verwenden.*

„Dann ist Shinji ADAM und ich..."

*Ihr seid vielleicht das, was ursprünglich beabsichtigt wurde.*

„..."

*Wir haben hier alles gesehen. Ich möchte dir noch einiges zeigen...*

Wieder veränderte sich die Umgebung von einem Augenblick zum nächsten.

Sie standen in einem Schlafraum, er war karg möbliert und wies keinerlei persönliche Note auf.

Auf einem schmalen Schreibtisch lagen Schulbücher.

Die Zimmertür wurde aufgestoßen, eine Frau stieß einen Jungen in einem Pyjama in das Zimmer.

„Kein Abendessen. Nichts als Ärger mit dir! Dass du ein Fahrrad stehlen würdest... diese Schande!"

„Ich habe es nicht gestohlen..."

Die Stimme des Jungen klang resignierend, so als ob er schon unzählige Male seine Unschuld beteuert hatte.

„Tante, glaub mir doch!"

Die Antwort der Frau bestand aus einem schnippischen „Ha!", dann zog sie die Tür zu.

Rei erkannte den Jungen.

Sie würde ihm in etwa sechs Jahren zum ersten Mal wirklich begegnen...

„Shinji...?"

*Ja.*

Der jüngere Shinji schlurfte zu seinem Bett, ließ sich auf die Bettkante sinken und verbarg das Gesicht, dessen Wangen noch tiefrote Handabdrücke zeigten, in den Händen.

Sein Schluchzen ging Rei durch Mark und Bein. Sofort wollte sie sich neben ihn setzen und ihn tröstend in den Arm nehmen, musste aber feststellen, dass sie durch das Bett hindurchsank.

„Armisael, warum zeigst mir das?"

*Ich weiß nicht. Du bestimmst den Kurs unserer Reise.*

„Ich?"

*Es ist deine Suche nach deinem wahren Namen, nicht die meine. Ich bin nur ein Anhängsel, das dich begleitet, ein Gesprächspartner, nicht mehr.*

„Aber warum sind wir dann hier?"

*Er ist in deinem Herzen.*

„Das hast du schon einmal gesagt. Und es ist Wahrheit."

*Wegen ihm willst du dich nicht von der Existenz als Lilim lösen.*

„Könnte ich ihn denn als Engel lieben?"

*Es ist dein Herz.*

„Ja... Sein Blick wirkt so leer..."

*Das ist das Fehlen jeder Hoffnung. Jeder Traum, den er jemals hatte, wurde abgetötet.*

Erneut standen sie unvermittelt in einer neuen Umgebung.

Dieses Mal war es der EVA-Hangar. Schwere Erschütterungen schienen durch das Hauptquartiertier zu laufen.

EVA-01 steckte bis zur Brust in einem LCL-Bad, vor ihm standen Doktor Akagi, Misato Katsuragi und Shinji Ikari. Auf dem Beobachtungsdeck weiter oben stand Gendo Ikari und blickte auf Shinji hinunter.

Eine Rollliege wurde hereingebracht, darauf sah Rei... sich selbst...

„Der Tag, an dem der Engel Satchiel Tokio-3 angriff."

*Mein... unser älterer Bruder. Der ungestümste von allen. Hätten er und Zeruel zusammengearbeitet, wahrscheinlich hätte es schon an diesem Tag geendet.*

Die Liege stürzte um.

Die andere Rei versuchte sich aufzusetzen, musste aber den Schmerzen nachgeben.

„Die Verletzungen waren zu stark."

*Ja.*

Shinji rannte auf sie zu, warf sich schützend über sie, als plötzlich ein Teil der Deckenkonstruktion einbrach.

„Er kannte mich nicht und hat mich dennoch beschützt..."

Ein weiterer Wechsel.

Ein Standbild, wieder sah Rei sich selbst, die Erinnerung war noch recht frisch - sie hatte sich bei Shinji eingehakt, während sie über den Wochenmarkt geschlendert waren. Shin-chan trug den Einkaufskorb... das war kurz vor der Übernahme von EVA-03 durch Bardiel gewesen...

*Kannst du es sehen? - Das Band zwischen euch?*

„Ja... Gold und silbern..."

*Wahrheit.*

„Wie soll ich das deuten?"

*Nicht vielen Wesen wird ein solches Schicksal beschert. Deshalb konnte er deine Gegenwart spüren, deshalb wusste er, wo er nach dir suchen musste. Es verbindet eure Seelen.*

„Ja."

*Aber da ist noch etwas, das du sehen solltest.*

„Du sagtest, ich würde die Stationen unserer Reise vorgeben."

*Das tust du auch.*

Es wurde dunkel.

„Was..."

*Die Zukunft ist keine feste Größe. Um entscheiden zu können, musst du dich deinen Ängsten stellen.*

„Was..."

Es wurde hell.

Freier Himmel...

Grabpfeiler... zahllos, ein Feld von Gräbern...

Ein Friedhof...

Eine kleine Gruppe von Menschen umstand eine kleine Grube, in welche gerade eine Urne herabgelassen wurde.

Rei kannte sie alle...

Ritsuko-san trug einen dunklen Mantel, ihr Make-up war zerlaufen.

Neben ihr stand Maya und heulte ohne jede Hemmungen.

Kaji-san blickte mit betretener Miene zu Boden, einen Arm um Misato-san gelegt, welche sich die Augen mit einem Taschentuch trocknete.

Neben der kleinen Grube stand Subkommandant Fuyutsuki und sprach etwas, Rei konnte seine Worte nicht hören, sah nur, dass er die Lippen bewegte.

Direkt vor der Grube stand Shinji mit ausdruckslosem Gesicht. Seine Augen waren leblos.

Der Subkommandant beendete seine Ansprache, trat zurück.

Jeder der Anwesenden warf eine Schaufel Erde auf die Urne, als letzter Shinji, der vor dem Grabpfeiler verweilte, während die anderen sich langsam entfernten und nur Misato- und Kaji-san in einiger Entfernung stehenblieben.

Gegen den Pfeiler lehnte ein Bilderrahmen, darin befand sich ein Foto von ihr, Rei...

„Es ist mein Grab."

*Das könnte es sein, wenn du dich weiterhin deiner Engelhälfte verschließt.*

„Ich verschließe mich nicht..."

*Wirklich?*

„Ich versuche, sie zu erreichen..."

*Das hast du längst. Aber du musst sie auch annehmen.*

Shinji ging vor dem Grabpfeiler in die Knie, grub die Finger in die lockere Erde. Plötzlich konnte Rei seine Stimme hören, sie klang geisterhaft hohl.

„Rei-chan, du warst alles, was ich brauchte. Du warst meine Wünsche und meine Hoffnungen. Jetzt habe ich nichts mehr..."

Die Sonne wanderte über den Himmel, wurde vom Mond abgelöst, löste dann diesen wieder am Firmament ab.

Und Shinjis toter Körper lag auf Reis Grab, in der Hand noch Misato-sans Dienstwaffe, mit der er sich in den Kopf geschossen hatte...

Rei schloss die Augen, verbarg ihr Gesicht in den Händen, wandte sich von dem Anblick ab.

„Das darf nicht geschehen..."

*Wenn er dich verliert, wird er dir folgen.*

„Was... was würde geschehen?"

*Die Lilim selbst entscheiden, was mit ihnen nach dem Ende der physischen Existenz geschieht. Ich schätze, er wird sich der Verdammnis ausliefern.*

„Nein..."

*Wenn er dich verliert, verliert er alle Hoffnung.*

„Alle Hoffnung... nein... das darf nicht geschehen... alle Hoffnung... sehe ich deshalb diese Bilder? Befinde ich mich deshalb auf dieser Reise? Ist das mein wahrer Name? Hoffnung?"

Armisael lächelte.

*Du musst es selbst wissen.*

Hoffnung..."

*** NGE ***

Shinji hielt den leblosen Körper seiner Geliebten immer noch in den Armen, hielt Reis Leib so, dass er ihr Gesicht gegen seine Schulter presste und sein eigenes Gesicht in ihrem Haar vergrub, während er leise weinte.

Warum war das Schicksal so grausam... warum hatte er sie im Wald gefunden, warum hatten sie die Begegnung mit dem Kommandanten überlebt? - Nur damit Rei-chan dennoch starb?

Das war nicht fair! Das...

Nichts war fair...

Wie grausam...

Plötzlich spürte er eisige Kälte, wie vor wenigen Augenblick schon einmal, als er geglaubt hatte, Reis Präsenz direkt vor sich zu spüren.

Ein Beben ging durch den Körper in seinen Armen.

Reis Arme, die eben noch kraftlos an den Seiten herabgebaumelt hatten, schlossen sich um ihn.

Eine unsichtbare Macht drückte das Wasser zurück, so dass die beiden unvermittelt auf trockenem Boden standen, während das Wasser des Beckens wie von einer unsichtbaren Mauer zurückgehalten wurde.

„Rei...? Rei-chan!"

Er spürte, wie ihr Herz schlug!

Rei begann zu leuchten, so hell, dass Shinji sich zwingen musste, nicht den Blick abzuwenden.

„Ich lebe", flüsterte sie.

Das Licht formte zwei prächtige Schwingen, zwei Engelsflügel, mit denen sie ihn umschloss.

„Ich werde dich nie verlassen, solange das Band zwischen uns Bestand hat."

„Rei-chan..."

Ihre Blicke trafen sich.

„In guten wie in schlechten Zeiten, in Wohlstand und in der Not werde ich an deiner Seite stehen."

Wieder weinte er, doch dieses Mal nicht aus Trauer.

Dann hob sie den Kopf, brachte ihre Lippen an sein Ohr und flüsterte ihm ihren wahren Namen zu, legte ihr Schicksal in seine Hände.

Ich bin die Hoffnung."

*** NGE ***

In den Tiefen des TerminalDogmas ging ein Zucken durch den Körper des gekreuzigten Engels LILITH.

Normalerweise hätte dies zur Folge gehabt, dass dem Engel automatisch eine starke Dosis des einschläfernden Medikamentes verabreicht worden wäre, doch nicht dieses Mal. Überhaupt hatte LILITH bereits den ganzen Tag noch keine Medikamente bekommen.

Ebenso waren die Sicherheitssysteme inaktiv, welche das Lasergitter steuerten, das eigentlich dafür sorgen sollte, dass LILITH ihre Beine nicht regenerierte. Als Folge war der Körper des Engels fast vollständig wiederhergestellt.

Die stumme Beobachterin, welche die MAGI kontrollierte, ging volles Risiko ein. Aus Gesprächsfetzen der EVA-Piloten, den jüngsten Vorgängen im Dampfbad und nicht zuletzt Gendo Ikaris persönlichen, in den MAGI abgelegten Aufzeichnungen hatte Naoko ihre eigenen Schlüsse gezogen.

Ikari-ADAM war irgendwo in der Nähe, die Sensoren der MAGI konnten ihn spüren, aber nicht seine Position feststellen. Aber er schien sich auf das Dogma zuzubewegen.

Wenn er es erreicht, sollte die Urmutter nicht wehrlos sein. Und aus demselben Grund verbarg sie die Mustererkennung bezüglich Kaworu Nagisa, Shinji Ikari und Rei Ayanami. Sie hatte das Leben der letzteren bereits einmal zerstört, das sollte sich nicht wiederholen...

*** NGE ***

Ryoji Kaji fand Wolf Larsen in Asukas Krankenzimmer.

„Schlechte Nachrichten, Commander."

„Noch schlechter?"

„Nun, Ikari scheint noch unter den Lebenden zu weilen, sofern man sich nicht auf eine theologische Diskussion einlassen will. Meine Leute durchkämmen die Stadt und die Geofront, aber das wird dauern."

„Ich schließe mich der Suche gleich an."

„Deswegen bin ich nicht gekommen. Ich war gerade in der Zentrale, meinen Bericht abgeben, als die Nachricht hereinkam, dass der UN-Sicherheitsrat in einer Krisensitzung einen Übergangskommandanten bestimmt hat, bis Fuyutsuki wieder fit ist."

„Das ging schnell."

„Ja, man scheint in Neo-New York ziemliches Muffensausen zu haben. Der neue Chef ist Eli Rabinowitz."

„Was? Wirklich?"

„Ich habe es selbst gelesen. Er trifft in Bälde ein, um das Kommando zu übernehmen. Ich dachte, Sie wollten vielleicht mit ihm über die Dinge reden, die man mit Ihnen angestellt hat, wäre doch zu übel, wenn Cedrick allein in ASGARD schalten und walten könnte, wie es ihm beliebt."

„Rabinowitz ist integer, ich habe ihn gleich zu Anfang überprüft... gut, ich werde mich bereithalten."

Kapitel 55 – Asukas Herz

LILITH hob den Kopf.

Hinter der siebenäugigen Maske funkelte es auf.

Weit über ihr geschah etwas...

ADAM war erwacht. Und er kam näher.

Auch ihre beiden jüngsten Kinder waren nahe. Vielleicht konnten sie gegen ADAM bestehen... vielleicht...

Der Moment der Entscheidung rückte näher.

Jahrelang hatte sie darauf gewartet, fast eine Generation der Lilim, doch für sie nicht mehr als ein Wimpernschlag. Die Lilim hatten sie gefangen, als sie vom Kampf gegen ADAM geschwächt gewesen war. Sie hatten sie gebunden und betäubt, hatten aus ihrem Körper andere geschaffen, um ihre Kinder zu bekämpfen.

Doch nun nahte der Augenblick, an dem die Ereignisse eine Wendung erfahren würden.

Ihr Befreier war da, jener, der den Kreis schließen würde...

*** NGE ***

„Ich glaube, ich könnte ihr helfen."

Wolf Larsen blickte auf.

Gerade hatte er Asukas Zimmer verlassen. Auf dem Gang stand Doktor Akagi.

„Wie meinen Sie das?"

„Wenn... Ich denke, es gibt eine Möglichkeit, sie aus dem Koma zu holen."

„Glauben Sie? Bei der Schwere ihrer Verletzung... eigentlich hätte sie den Kopftreffer nicht überleben dürfen..."

„Unten im TerminalDogma gibt es eine Einrichtung - das DummyPlug-Interface. Bisher haben wir es benutzt, um das DummyPlug-System, die Fernsteuerung der EVAs, mit strategischen Daten aus dem Bewusstsein des First Child zu versorgen. Allerdings müsste auch der umgekehrte Weg möglich sein, das DummyPlug-Interface ähnelt vom Aufbau her dem PROPHET-Interface. Wenn sie noch... wenn noch etwas von ihr da ist, dann müsste es möglich sein, sie so zu erreichen."

„Wann können Sie damit beginnen?"

„Ich müsste das System neu konfigurieren. Aber es müsste möglich sein."

„Gut. Bitte, tun Sie, was in Ihrer Macht steht, Doktor."

*** NGE ***

Vier Personen betraten den Aufzug, welcher das CentralDogma mit der untersten Ebene des Hauptquartiers, dem TerminalDogma verband - Ritsuko Akagi, Maya Ibuki, Wolf Larsen und Asuka Soryu Langley, welche von dem Cyborg getragen wurde.

Es ging abwärts.

„Ein riskanter Plan, Sempai", murmelte Maya.

*** NGE ***

Die LCL-Röhre des DummyPlug-Interfaces wurde von Akagi leergepumpt.

Früher hatte Rei sich in der Röhre aufgehalten, wenn es die Daten des DummyPlug-Systems zu aktualisieren galt.

„Ich öffne jetzt das System."

Asuka lag ausgestreckt auf einem Tisch, Maya zog ihr gerade das Nachthemd aus.

„Ist das wirklich nötig?" fragte der Cyborg.

„Anorganische Substanzen erzeugen Interferenzen", erklärte Akagi knapp.

„Ja..."

Larsen hob Asuka an, trug sie zu der Röhre hinüber, welche bis auf Kniehöhe im Boden versunken war, setzte sie hinein, trat zurück.

„Hoffentlich funktioniert das."

„Es wurde noch nie zuvor auf diese Weise erprobt."

Akagi nahm weitere Schaltungen vor.

Der DummyPlug war einer der Eckpfeiler des Klonprojektes gewesen, ohne ihn hätte jeder Rei-Klon direkt bei Null anfangen müssen. Ohne das DummyPlug-System hätten Reis Erinnerungen und Fähigkeiten nicht konserviert werden können...

Die Frage war nur, ob das System auch von Nutzen war, wenn es nicht mit einem der Klone kooperierte. Rei-00, die organische Komponente des Dummy-Systems, existierte nicht mehr, konnte also auch nicht störend intervenieren.

„Maya, System schließen!"

„Interface wird geschlossen", krächzte Ibuki.

Das konnte doch nicht gutgehen...

Die Röhre schob sich wieder aus dem Boden, schraubte sich langsam bis zur Decke hinauf.

Mit ausdruckslosen künstlichen Augen beobachtete der Cyborg, wie die Röhre unter der Decke einrastete, hörte, wie die Verriegelungen einrasteten. Klares LCL lief in die Röhre hinein, der Spiegel der Flüssigkeit stieg rasch an.

Asukas rotes Haar wirbelte auf, der Druck, mit dem das LCL anstieg, hob sie in die Höhe.

„Systeme klar. DummyPlug online."

„Danke, Maya."

Ritsukos Finger flogen über die Tastatur.

„Datenfluss umkehren... Aktivierungsimpulse senden..."

„Sie sprechen von ihr wie von einer Maschine, Doktor."

„Mehr ist der menschliche Körper nicht... eine organische Maschine mit beschränkter Befähigung zur Selbstreparatur. Die Frage ist, ob Asukas Geist Schaden jenseits der Hayflick-Grenze genommen hat, oder ob eine Rekonstruktion noch möglich ist."

„Sind das wir? Nur Maschinen? Was ist mit der Seele?"

„Sehen Sie sich selbst an... ein Körper aus Stahl, ein teilweise künstliches Gehirn... Ja, ich weiß über das Werk meiner Mutter Bescheid. Die Existenz der Seele ist nur Theorie, vielleicht berufen wir uns nur auf ihre Existenz, um unsere Überlegenheit gegenüber anderen Wesen zu begründen."

Im LCL zeigten sich Farbreflexe.

„DummyPlug-System hat Kontakt, Sempai!"

„Doktor Akagi?"

„Der Plug hat Kontakt zu ihrem Nervensystem. Lebenszeichen stabil... ich versuche, Zugriff auf die höheren Gehirnfunktionen zu nehmen."

„So einfach ist das? Ein Fernsteuerung für EVANGELIONs... und auch für Menschen...?"

„Das..."

Akagi hielt inne, las die Mitteilungen auf ihrem Bildschirm. In einem kleinen Feld waren die aktuellsten Nachrichten erschienen.

„Der Interimskommandant trifft in einer Stunde in Tokio-3 ein. Ihre Anwesenheit auf dem Landedeck wird erwünscht."

„Hm... Rabinowitz war einer meiner Vorgesetzten beim UN-Geheimdienst, wahrscheinlich will er meinen Bericht."

„Anzunehmen."

„Wie geht es hier weiter?"

„Ich mache so etwas zum ersten Mal, es kann Tage dauern, bis erste Resultate zur Hand sind. Mit Hilfe der MAGI werde ich ganz langsam vorgehen müssen, um keine Hirnschäden zu provozieren."

„Seien Sie vorsichtig, Doktor."

„Natürlich."

„Mir wurde berichtet, dass Asuka eine... Plage... war..."

„Ich kenne ihre Akte, mit einem solchen Verhaltensmuster war zu rechnen."

„Nur ich habe die Anzeichen anscheinend übersehen."

„Wir setzen andere Maßstäbe für jene, die uns am Herzen liegen."

„Vielleicht..."

*** NGE ***

Ein dunkler Treppenschacht führte scheinbar endlos in die Tiefe.

Einem Menschen wäre vielleicht der Gedanken gekommen, die Treppe könnte direkt in die Hölle führen, doch weder das rotäugige Mädchen, noch der bärtige Mann, die beide am obersten Treppenabsatz standen, waren noch Menschen.

„Dort unten wartet dein Schicksal, Rei." sagte Gendo Ikari mit grollender Stimme.

*** NGE ***

Engumschlungen standen Shinji und Rei im warmen Wasser des Beckens im Dampfbad des Hauptquartiers. Allerdings hatte sich das Wasser von ihnen zurückgezogen und schien von unsichtbaren Händen aufgestaut.

Shinji spürte die Fliesen unter seinen nackten Füßen und Reis Körper an den seinen gepresst.

Und er spürte ihre fedrigen Flügel, die sie um ihn gelegt hatte, Flügel, welche plötzlich aus ihren Schulterblättern gewachsen waren. Ein sanftes Leuchten umgab ihren Körper, er blickte auf seine Hände, die noch auf ihrem nackten Rücken lagen. Das Licht schimmerte durch seine Haut, er konnte deutlich die Knochen seiner Finger erkennen.

Sie hatte ihm etwas ins Ohr geflüstert, ein einziges Wort: Hoffnung...

„Rei-chan, bist du..."

„Ja. Ich habe meinen wahren Namen gefunden."

„Das... uh... das ist großartig. Und... uhm... jetzt?"

„Shinji, ich kann es spüren... ich kann die Gegenwart meines Bruders Tabris spüren... Nagisa-kun... und ich spüre meine Mutter..."

„Deine Mutter?"

„LILITH, der im TerminalDogma gekreuzigte Engel. LILITH, die Urmutter... meine Mutter..."

„Natürlich... ahm... wenn du zur Hälfte Engel bist... uh... ähm... ändert es etwas?"

„Was meinst du?"

Sie blickte ihn fragend an.

„Wir beide... du und ich... uhm... wie..."

Sie faltete ihre Schwingen auseinander, löste sich von ihm, brachte jedoch nur ein paar Zentimeter zwischen sich und ihn, hob die Hand und berührte seine Wange.

„Ich bin dieselbe."

Kurz bewegte sie den Kopf vorwärts, berührte seine Lippen mit den ihren.

Shinji zog sie an sich, presste seine Lippen auf die ihren, küsste sie hungrig.

„Ich dachte, ich hätte dich zum zweiten Mal verloren..."

Seine Hände wanderten über ihren Rücken, berührten zögernd ihre Flügel.

„Wie schön... Rei-chan, du bist wunderschön."

Rei erwiderte seine Küsse, spürte zugleich, dass sein Körper auf ihre Nacktheit und Nähe reagierte.

„Das ist nicht der Ort... und die Zeit..."

„Ja..."

Dennoch ließ er sie nicht los.

Ihr Atem ging schneller, als seine Erregung auf sie übergriff.

Ihre Schwingen bildeten sich zurück, schrumpften, verschwanden.

Das sie umgebende Licht wurde schwächer

Die Barrieren, welche das Wasser zurückhielten, erloschen.

Das heiße Wasser schwappte auf die beiden zu.

„Ieep!" schrie Shinji auf, als er unvermittelt bis zur Brust wieder im Wasser stand.

Rei hauchte ihm einen letzten Kuss auf die Lippen, zog sich dann rückwärtsgehend zum Beckenrand zurück.

„Später, Shin-chan."

„Uh..."

Schnell folgte er ihr, kletterte aus dem Wasser.

Rei war bereits dabei, ihre Sachen anzuziehen.

„Und es geht dir wirklich gut?"

„Ja. Mein S2-Organ verleiht mir Kraft. Und durch deine Hilfe konnte ich es erreichen."

„Meine Hilfe?"

„Du hast mir geholfen zu verstehen, Geliebter."

„Uhm..."

Shinji keuchte, als er sich in seine Unterhose hineinzwängte.

Verfluchte thermische Ausdehnung...

„Das... uh... würde ich jederzeit wieder tun..."

„Ich weiß." erklärte sie voller Ernst. „Und du wirst deine Belohnung erhalten..."

„Ahm... Rei-chan..."

„Wenn wir das alles hinter uns haben", flüsterte sie mit einem seltsamen Lächeln.

„Uh..."

Dieser Blick...

Reis Lächeln vertiefte sich.

„Sollte Soryu Recht behalten, dass Jungs sich mit Sex ködern lassen?"

Shinji schluckte.

„Nein, das... ahm... das ist doch ganz anders... ich würde nur..."

„Das war wohl... Misato-san würde wohl sagen, ich hätte dich geneckt."

„Ahm..."

„Aber wenn du nicht... ich wollte dir nicht..."

„Das... uh... Rei-chan... du kannst mich jederzeit... uh... necken..."

„..."

Noch einmal legte sie ihm die Arme um den Hals und zog ihn an sich.

„Shin-chan... wahrscheinlich haben die MAGI meine... Veränderung registriert."

„Uhm... das klingt nicht gut..."

„Tabris hätte uns gewarnt."

„Ja... ahm... dein Bruder..."

„Mein Bruder."

„Es ist seltsam, mir vorzustellen, dass du plötzlich Familie hast... uhm... ich meine, ich freue mich für dich, aber... ahm... nicht jedes Mädchen hat wohl eine Horde Engel als Geschwister... und dann noch die anderen Reis... uh... du hattest sie als deine Schwestern bezeichnet... du hast eine wirklich große Familie, Rei-chan... äh, ja..."

„Nicht jedes Mädchen hat einen Freund wie dich."

„Uh..."

Ein Teil von ihm stellte sich vor, wie es wohl sein würde, wenn er eines Tages, sobald er alt genug war, um Reis Hand anhalten würde... gewissermaßen war sie ein Scheidungskind... und die Urmutter LILITH als Schwiegermutter... uh... und erst der voraussichtliche Ärger mit ihren Brüdern, die er ja im Zuge der Kampfhandlungen verprügelt hatte...

„Rei-chan, du bist so viel mehr als ich..."

„Wie meinst du das?"

„Ich... uh... ich bin nur ein Mensch..."

„Nur? Das verstehe ich nicht. Ich musste erst mit meiner Engelshälfte in Einklang kommen, um zu verstehen, was es bedeutet, Mensch zu sein."

„Du weißt, was es bedeutet? Was bedeutet es, Mensch zu sein?"

„Lieben zu können... Shin-chan, ich brauche dich."

„Ah... Rei-chan, ich brauche dich auch... dringender als Luft zum Atmen... uh..."

Shinji schielte zur Tür.

Vielleicht warteten dahinter bereits die NERV-Streitkräfte, um sie festzusetzen... dann würde er kämpfen... für Rei-chan.

„Schhh."

Sie legte ihm den Finger auf die Lippen.

„Ich weiß. Mir geht es doch ebenso. Ich fühle mich, als würde ich schweben, als ob ich früher gefesselt gewesen war, ohne es bemerkt zu haben."

„Wenn sie uns draußen erwarten sollten... falls sie Nagisa-kun überwältigt haben..."

„Was tun wir dann, Shin-chan? Ich überlasse dir die Wahl."

„Dann... uh... dann brechen wir durch... deine Mutter wird immer noch im TerminalDogma gefangen gehalten, wir... ahm... wir müssen sie befreien..."

„Wir? Es ist gefährlich, Shin-chan. Ich weiß nicht, ob mein AT-Feld gegen die Abwehrmechanismen ankommt."

„Wir gehen zusammen."

Shinji ergriff ihre Hand, drückte sie.

„Ich erinnere mich an unsere Begegnung... damals im Hangar, als der erste Angriff erfolgte... ich erinnere mich an die Einsamkeit in deinem Blick..."

„Ja."

„Ja. Ich... ah... ich werde alles tun, um diesen Blick niemals wiederzusehen... du... du musst nie wieder einsam sein."

„Ja. Das wäre schön."

„Dann... lass uns gehen..."

*** NGE ***

Ritsuko schaltete den Monitor ihres Terminals ab.

„Maya, wir machen hier für heute Schluss."

„Ja, Sempai."

„Ich hatte mir mehr erhofft."

„So etwas wurde bisher noch nie versucht, Sempai."

„Aber gar keine Resultate... als ob Asukas Kopf völlig leer ist... die Signale des Dummy-Systems kommen völlig unverzerrt zurück, wie ein klares Echo."

Maya betrachtete das rothaarige Mädchen, das in der LCL-gefüllten Röhre schwamm.

„Wenn jemand es schaffen kann, dann Sie, Sempai."

„Danke, Maya, was würde ich nur ohne dich machen... Fahr nach oben, der neue Kommandant trifft in Bälde ein, es ist zwar nur übergangsweise, bis der Professor wieder auf den Beinen ist, aber wir sollten vielleicht besser dabei sein."

„Ja, Sempai."

„Der Aufzug ist für dich freigeschaltet. Ich mache hier unten nur noch meine Runde und komme dann nach."

Maya nickte, froh, ihre Mentorin nicht auf ihrer Tour durch das TerminalDogma begleiten zu müssen - der EVA-Friedhof flößte ihr regelrecht Panik ein und die Gen-Schmiede weckte in ihr Assoziationen mit Frankensteins Labor. Und die große Höhle, in der sich die LCL-Produktionsstätten befanden, durfte sie ohnehin nicht betreten.

Die beiden Frauen verließen den Raum in entgegengesetzte Richtungen, während Maya mit dem Aufzug nach oben fuhr, überprüfte Ritsuko den Klontank, verweilte mehrere Minuten vor der Sichtscheibe, hinter der sich die lachenden Klone befanden, fragte sich zum wiederholten Mal, was wohl geschehen würde, wenn sie die Klone aus dem LCL holte - angeblich waren sie außerhalb der Flüssigkeit nicht lebensfähig, aber was, wenn auch das nur eine Lüge Gendo Ikaris gewesen war?

Mit einem tiefen Aufseufzen verdunkelte Akagi die Sichtscheibe wieder, wechselte in den Trakt der Gen-Schmiede über, wo sich immer noch die Reste von EVA-03 und -04 befanden.
Einheit-03 mit der aufgesprengten Brustsektion war bestenfalls noch als Ersatzteillager zu gebrauchen, doch wie sie bereits festgestellt hatte, gab es auch bei dem in Japan und dem in den USA gefertigten Einheiten störende Unterschiede. EVA-04 benötigte neue Beine, einen neuen Unterleib und einen neuen Arm – und ob Kern und S2-Organ wirklich funktionsfähig waren, ließ sich noch nicht sagen.
Im Becken befand sich jedenfalls ein Konglomerat der ihr zur Verfügung stehenden Ersatzteile, die weder farblich, noch von der Form letztendlich zueinander passten.
Bisher hatte sie keine Anweisungen erhalten, was mit den Resten geschehen sollte. Angesichts der Tatsache, dass die Pilotensituation unklar war, konnte sie bestenfalls spekulieren, ob sie, wie Maya es bezeichnen würde, Doktor Frankenstein spielen musste, oder ob die Überreste der beiden EVAs auf dem Friedhof bei den Fehlschlägen landen würden.
Gegenwärtig jedoch überraschte sie wieder einmal die Regenerationsfähigkeiten der EVAs, wenn diese erst einmal durch das LCL angeregt wurde.
Der EVA hatte auf der linken Seite einen langen, knochenlos wirkenden Arm, der bis zum Boden reichen würde – der Arm stammte von Einheit-03. Auf der rechten Seite dagegen wuchs ein normaler Arme aus dem Schultersegment. Das Brustelement war beulig und der EVA hatte einen Buckel im Rückenbereich, wo sich das S2-Organ befand. Der Kopf besaß keinen Mund, sondern nur drei Augen, die wie ein gleichwinkeliges Dreieck anordnet waren.

Akagi seufzte.

„Du bist wirklich keine Schönheit… eher ein richtiger Gremlin…" murmelte sie.
„ Aber ich bekomme dich in Gang. Und die von deinem S2-Organ gewonnenen Daten dürften Gold wert sein."
Schräg über dem Kopf hing der EntryPlug der Einheit, an einem anderen Kran der Plug von EVA-03.

„Ich komme wieder – nicht weglaufen", sagte sie in Richtung des EVAs, doch eigentlich wollte sie nur eine menschliche Stimme hören – und wenn es ihre eigene war…

Ein wenig unheimlich war ihr schon zumute, sie war ganz allein im TerminalDogma, die Gen-Schmiede war seit Tagen praktisch inaktiv, seitdem sie den Kern von EVA-03 zerstört hatte...

Aus der Richtung des Friedhofes kam ein leises Heulen, es war nur der Wind, der durch die überdimensionalen Gänge und Hallen wehte, aber trotz aller Logik konnte sie sich nicht des Gedankens erwehren, die Skelette der ersten Versuchs-EVAs könnten sich erheben und durch das Dogma wandeln.

All das war letztendlich Ikaris Werk, sie würde es wahrscheinlich niemals alles in voller Breite verstehen. Die Existenz der menschlichen Seele war mit Logik nicht nachweisbar, ebenso wenig wie mit Wissenschaft. Sie war nicht greifbar, nicht messbar, konnte nicht gesehen oder gespürt werden. Durch das von ihrer Mutter entwickelte PROPHET-Interface war es möglich, Persönlichkeiten zu digitalisieren... Erfahrungen, Erinnerungen, Charakterzüge, Reaktionen... aber war das mit der Seele gleichzusetzen?

„Was tue ich hier..." murmelte Ritsuko Akagi.

Mit ihrer Fernbedienung schaltete sie die eben zu Prüfungszwecken aktivierten Gerätschaften wieder aus, wanderte weiter in die nächste Halle.

*** NGE ***

Der Zentrale Schacht, welcher von der Oberfläche in die Geofront hinabführte, war breit genug, um einem Helikopter den Einflug zu ermöglichen.

Wolf Larsen stand auf dem Landedeck des Hauptquartiers und erwartete die Ankunft des Interimskommandanten. Er war allein, ganz wie Rabinowitz es gewünscht hatte.

Der Hubschrauber setzte zur Landung an, die Rotoren liefen aus, ein einzelner Mann stieg aus der Maschine, ODIN-Direktor Rabinowitz, gekleidet in einen dunklen Anzug, einen Aktenkoffer in der Hand.

Larsen nahm Haltung an.

- Und kippte nach vorn. Rauch quoll aus seinen Ohren. Die Synthohaut über seiner Stirn verfärbte sich dunkel, begann erst zu schmoren, löste sich dann in großen Stücken ab. Scheppernd löste sich auch das Stirnelement seines künstlichen Schädels. Noch mehr Rauch trat hervor.

„Erstaunlich... wirklich erstaunlich... Ich hätte nicht gedacht, dass der Stahlmantel die Explosion derart eindämmen könnte..." murmelte Wilforth F. Cedrick, der Mann unter der Maske aus Kunsthaut, während er den Fernzünder wieder einsteckte.

Dann winkte er seinen Piloten zu sich, damit dieser die Leiche in der Maschine verstaute...

*** NGE ***

Licht...

Schmerz...

Dunkelheit...

*** NGE ***

Naoko Akagi registrierte, dass die Auffangvorrichtung des PROPHET-Interfaces der MAGI-Rechner ansprach. Eine weitere Präsenz befand sich im Rechnersystem...
Sie wandte sich von dem dreidimensionalen Modell eines menschlichen Gehirnes ab, einem Puzzle, das sie weitestgehend bereits zusammengesetzt hatte – nur ein paar schwarze, faulige Brocken lagen noch auf der transparenten Unterlage -, und wandte sich dem Neuankömmling zu.

*** NGE ***

Vorsichtig öffnete Shinji die Tür, spähte auf den Gang.

Der Korridor vor dem Dampfbad war leer bis auf Kaworu Nagisa, der ihm breit grinsend entgegensah.

„Uh... niemand sonst hier?"

„Nein, Shinji-kun, obwohl das wohl ein Grund zum Feiern wäre."

„Ahm... ist vielleicht besser so..."

Shinji zog die Tür ganz auf, ließ Rei den Vortritt.

Kaworu breitete die Arme aus.

„Ich habe deine Ankunft gespürt, kleine Schwester."

Im nächsten Moment umarmte er sie bereits.

„Nagisa-kun, würdest du bitte deine Hände von meinem Hintern nehmen?"

„Ah… Entschuldigung, Entschuldigung!"

Er wurde puterrot und riss die Hände in die Höhe, als hätte er sich verbrannt.

„Das liegt an den Reaktionen des Körpers. Und… völlig andere Anatomie."

„Ich verzeihe dir."

Im nächsten Moment rang sie nach Atem und sackte leicht in die Knie.

„Rei-chan!" stieß Shinji hervor, der geistesgegenwärtig zugegriffen und sie aufgefangen hatte. „Was ist?"

„Eine… vorübergehende Schwäche… Ich glaube, ich muss mich erst noch an alles gewöhnen."

„Sie braucht Ruhe. Als ich diesen Körper übernommen habe, hat es auch etwas gedauert, bis er und mein Geist in Einklang waren."

„Kaworu…" setzte Shinji an.

„Verzeih, ich klinge sicher nicht wirklich vertrauenserweckend."

„Nicht wirklich."

„Tut mir Leid."

Rei schien wieder genug Kraft gesammelt zu haben, um auf ihren eigenen Beinen stehen zu können.

„Ich muss mich darauf konzentrieren, mich abzuschirmen… Wir sollten einen der Bereitschaftsräume aufsuchen und dort einen Plan schmieden."

*** NGE ***

Shinji, Rei und Kaworu saßen kurz darauf in einem der Bereitschaftsräume um einen Tisch herum. Nachdem sie während der ersten Minuten noch mit einem ständigen Alarm gerechnet hatten und damit, dass plötzlich Einsatztruppen den Raum stürmen könnten, hatten sie sich entspannt, den Automaten mit Getränken und Süßigkeiten in der Ecke geplündert und sich zum Planen an den Tisch zurückgezogen.
Faszinierenderweise türmte sich der größte Berg an Abfällen und Einwickelpapier vor Rei auf, die wie eine Halbverhungerte nur knappe Blicke auf die Verpackungen warf, ob sie den Inhalt auch problemlos vertrug, diese dann aufriss und den Inhalt regelrecht in sich hineinstopfte. Mit jedem Bissen, mit jedem Schlucken spürte sie, dass sich die Temperatur des Brennofens, den sie noch vor kurzem in ihren Eingeweiden gespürt hatte, normalisierte, dass die Zufuhr an Nahrung ihrem S2-Organ half, zusätzliche Energie zu gewinnen, um den Raubbau auszugleichen, den sie in den letzten Tagen unwissentlich mit ihrem Körper getrieben hatte.

Kaworu grinste.
„Ja, das erinnert mich auch an meinen ersten Tag in diesem Tag. Und dann habe ich über der Toilette gehangen, das war nicht mehr schön…"

„Uh…"

„Keine Sorge, Shinji-kun, shisu-chan kaut um einiges sorgfältiger als ich damals."
shisu– Schwester. Tabris war sich nicht sicher, ob Rei nun seine ältere oder jüngere Schwester war, einerseits trug sie einen Teil seines älteren Zwillings in sich, andererseits war sie doch gerade erst erwacht… - und zudem beschäftigten ihn schon genug Dinge, die ihm Kopfschmerzen verursachten…

„Rei-chan, ist… ahm…"

„Wenn du kochst, schmeckt es viel besser", erklärte sie zwischen zwei Bissen von einem vegetarischen Sandwich, dann deutete sie auf den groben Plan der Hauptebene des TerminalDogmas, den sie aus dem Kopf gezeichnet hatte.
„Hier endet der Hauptschacht. Und hier, am Ende dieses Verbindungsganges, liegt die Himmelspforte. Dahinter wird LILITH festgehalten."

„Gut, wie kommen wir nach unten?"

„Im… *schmatz* … Zweifelsfall über die Nottreppe. *schmatz* 600 Stufen von der Hangarebene aus."

„Uh, okay. Und die Sicherheitssensoren?"

„Müssen wir mit unseren AT-Feldern stören", warf Kaworu ein. „Je schneller wir vorgehen, umso besser."

„Dann… *schmatz* … können wir auch gleich unsere AT-Felder benutzen, um… *schmatz* … nach unten zu kommen."

„Gibt es dort unten keine Wachen?" wollte Shinji sicherstellen. Er erinnerte sich zwar, während seiner beiden Aufenthalte im TerminalDogma niemanden gesehen zu haben, aber sicher war sicher.

Rei öffnete eine Tüte mit Reisgebäck.
„Keine Wachen. *crunch* Der Kommandant hat vollständig auf das Sicherheitssystem und die MAGI vertraut. Genaugenommen *crunch* werden die Systeme gegen jeden Eindringling aktiv, der nicht über eine passende Legitimation verfügt. *crunch*"

„Legitimation." wiederholte Shinji. „Du besitzt eine, oder?"

„Ja." bestätigte sie nur und leerte eine Dose Limonade in einem Zug aus. Dann atmete sie tief durch, schloss dabei die Augen.
„Besser."

Kaworu lachte und schnappte sich eine Tüte mit Schokolade.
„Ich dachte schon, für mich bleibt gar nichts über."

*** NGE ***

Das von einem Lichtblitz überschattete Gesicht Eli Rabinowitz´ war das letzte, woran er sich erinnerte, danach folgten nur ein kurzer Schmerz und ein scheinbar endloser Sturz in die Finsternis.

Der nächste Eindruck, welche das Gefühl zu fallen ablöste, war der Kontakt mit hartem kaltem Metall. Metall, welches ihn umgab, durch welches er atmete... ein gewaltiger unförmiger Metallleib mit zahllosen Verästelungen und Ablegern.

Das war nicht mehr sein Körper, auch wenn eine gewisse Vertrautheit bestand.

Er war gelähmt, bewegungsunfähig...

Sie können sich nicht bewegen."

Was?

Eine andere Stimme...

Eine Frauenstimme...

Woher...?

Dieser Körper verfügt über keine nennenswerte Mobilität. Willkommen in meinem Exil."

Was?

Wer...

Seine Wahrnehmung verschwamm, aus allgegenwärtigem Grau wurde der freie Himmel, über welchen Lichtpunkte in unfassbarer Zahl huschten, die meisten so schnell, dass sie eher wie Streifen schienen, andere wiederum mit quälender Langsamkeit.

Er versuchte, an sich herabzusehen.

Auch er war nur ein Lichtpunkt, allerdings schwebte er über einer unregelmäßigen Fläche, in welcher verschiedene Elemente in diversen Farben aufflackerten und wieder verloschen.

Das ist nur eine Assoziation."

Wieder diese Stimme...

Er rotierte um seine Achse, sah sich einem zweiten schwebenden Lichtpunkt gegenüber. Und obwohl dieser Lichtfleck sich in nichts von den anderen unterschied, ordnete er ihm automatisch das Attribut ´weiblich´ zu.

Was ist das hier?"

Das ist das Innere der MAGI-Rechner. Jeder Lichtpunkt steht für ein Informationspaket. Ihrer zum Beispiel trägt die Bezeichnung ´EVANGELION-Grundkommandoprogramm V2.0´."

Er reagierte mit Verwirrung.

Ich verstehe Ihr Dilemma. Lassen Sie es mich Ihnen erklären..."

Am Himmel entstand ein Fenster.

Automatisch wusste er, dass es sich um die Übertragung von Sicherheitskamera C-47 über der Landeplattform handelte. Das Bild zoomte sich auf den Hubschrauber heran, mit dem Direktor Rabinowitz eingetroffen war. Gerade liefen die Rotoren wieder an.

Auf der Rückbank saß eine zusammengesunkene Gestalt...

Das bin ich."

Das waren Sie, Commander Wolf Larsen... oder darf ich Wolf sagen? Es ist eine Weile her, seitdem ich zum letzten Mal direkt mit jemandem kommuniziert habe."

Was wollen Sie mir damit sagen? Dass ich... tot bin?"

Ja. Ich bedaure. So ist es. Nach über zehn Jahren wurden Sie schließlich doch noch von Ihrem Schicksal eingeholt."

Schicksal... Sie sind Naoko Akagi."

Ja."

Sie sagten etwas Derartiges zu mir, bevor Sie mit der Operation an meinem Schädel begonnen hatten... sie könnten mir Zeit verschaffen, aber mein Schicksal nicht gänzlich abwenden..."

Ja. Es ist lange her."

Wie ist das möglich?"

Damals pflanzte ich Ihnen das von mir entwickelte PROPHET-Interface ein, um eine Kommunikation zwischen dem intakten Teil ihres Gehirns und den kybernetischen Prothesen zu ermöglichen."

Ja..."

Sie sind damals auf dem Operationstisch gestorben."

Äh... ich erinnere mich da doch anders..."

Bitte, lassen Sie es mich erklären... Ihre Verletzungen waren zu schwer, wir verloren Sie direkt nach Beginn der OP, allerdings war es mir möglich, ihre Seele mittels des Interfaces an Ihren Körper zu binden."

Und das soll ich Ihnen glauben? Was ist das für ein Unfug? Versucht SEELE erneut, mich zu manipulieren?"

Nein. Zuvor hatte ich Ihre Persönlichkeit digitalisiert, um sie als Grundlage für das Steuerungsprogramm der EVAs zu verwenden. Als Ihr Körper starb... ich glaube, in ihrem Schädel ist eine Cortexbombe explodiert... wurde Ihre Seele freigesetzt, verfing sich jedoch im PROPHET-Interface der MAGI. Vielleicht lag nur ein Irrtum vor... Seelen neigen dazu, an ihren Körpern festzuhalten, vielleicht war das Interface der MAGI dem Ihren ähnlich genug... Der Kontakt führte jedenfalls dazu, dass das alte Datenpaket der Grundsteuerung ein Update erhielt. Verstehen Sie, Wolf, Sie befinden sich in einem Computer... Ihr Bewusstsein ist jetzt Teil der MAGI."

Ich... wieso? Warum kann ich nicht sterben wie jeder andere Mensch auch? Sie haben es mir bereits einmal verweigert!"

Ja."

Und... und warum hat niemand bemerkt, was mit mir geschehen ist?"

Jener, der mit dem Hubschrauber gekommen ist, wünschte die Abschaltung der Kameras. Da das Sicherheitssystem ein Teil der MAGI ist, können wir es dennoch benutzen."

Das kann einfach nicht wahr sein..."

Würden Sie sich mit einem Körper wohler fühlen? Es ist alles eine Frage der Repräsentation."

Akagis Lichtpunkt wuchs, dehnte sich aus, bekam Stacheln, die zu Armen und Beinen wurden, formte einen Ableger aus, der zu einem Kopf wurde...

Schon bald hatte sich der Lichtpunkt in eine menschliche Gestalt verwandelt, einen unbekleideten, äußerst attraktiven Frauenkörper mit silbriger Haut, um den zahlreiche kleine Lichter wirbelten.

Gut... ah... ich befinde mich also im Inneren eines Computers... okay... okay... ich hatte jahrelang einen Haufen Chips im Kopf, also komme ich auch damit klar... und was jetzt?"

Ich habe berechtigten Grund zur Annahme, dass Ihr... Mörder... nicht das Wohl der Menschheit im Sinn hat. Jemand muss ihn aufhalten. Die MAGI kontrollieren sämtliche Einrichtungen des Hauptquartiers. Sie kontrollieren die Geofront und auch die meisten öffentlichen Einrichtungen von Tokio-3 und die Abwehrsysteme. Helfen Sie mir, sie richtig einzusetzen. Sie sind Soldat, ich bin nur Wissenschaftlerin. Helfen Sie - oder Unschuldige werden zu Schaden kommen!"

„Unschuldige… Vor langer Zeit habe ich einen Eid geleistet, zu Dienen und zu Schützen, egal was dafür nötig ist."

„Ich weiß. Und ich bin beeindruckt, welch gute Arbeit Doktor Soryu auf der Basis dieser Grundeinstellung geleistet hat."

„Was meinen Sie?"

„Doktor Soryu hat mir bei der Programmierung des Interfaces in ihrem Schädel geholfen. Ich kann die Befehlszeile, die sie eingeschmuggelt hat, direkt sehen… faszinierend…"
Naoko Akagi streckte eine silberne Hand aus, berührte Larsens Stirn. Die Finger drangen in den Schädel ein, wurden gleich wieder zurückgezogen.

„Was tun Sie?"

„Hier."
Zwischen ihren Fingern befand sich ein Papierstreifen.
„Natürlich nur eine Repräsentation – wie auf einem Bildschirm."

Er nahm den Papierstreifen entgegen, las.

*Beschützen Sie meine Tochter.*
Las noch einmal, starrte Akagi an.
„Sie hat…"

„Sie hat Sie zum Leibwächter Ihrer Tochter gemacht… und indirekt damit auch EVANGELION-Einheit-02. Ich empfinde nur Respekt für ein solches Können."

„Dann habe ich mich all die Jahre nur um Asuka gekümmert, weil mir ein Befehl gegeben wurde?"

„Hm… Bedeutet Ihnen das Mädchen etwas?"

„Ja, sie ist die Tochter, die ich und meine Frau nie…"

„Warum zweifeln Sie dann an Ihren Motiven?"

„Ah…"

„Außerdem habe ich die letzten Stunden… es ist seltsam, in so einschränkenden Zeitbegriffen zu denken… hier ist Zeit relativ… ich habe mein Bestes getan, um den Geist des Mädchens wieder zusammen zu setzen."
Sie deutete auf das Gehirnmodell.
„Voilà, Asukas Verstand. Fast wieder vollständig und zusammengekittet. – Und ehe Sie fragen: Ja, das habe ich getan, während Sie, meine Tochter und ihre Assistentin die Monitore angestarrt haben. Ja, ich habe die Signale gefälscht, um ungestört arbeiten zu können, zu derartigem hat man ja sonst nie Gelegenheit."

„Sie haben…"

„Ich habe den zerbrochenen Geist Ihrer Patentochter wieder zusammengesetzt – bis auf diese unschönen Erinnerungen."
Damit ergriff sie die tumorösen Gewebeknoten und hielt sie auf der flachen Hand unter seine Nase.
„Die belastendsten Erinnerungen – das Dahinvegetieren ihrer Mutter und Doktor Soryus Selbstmord… was dieser… Fresenhark ihr angetan hat… Erinnerungen an Fehlschläge und Misserfolge…"

„Wenn Sie ihr diese Erinnerungen nehmen, was hat das für Folgen? Diese Dinge sind geschehen."

„Was Sie hier sehen, ist eine Repräsentation der Folgen. Schon einer dieser Datenknoten reicht eigentlich aus, um einen Menschen in den Wahnsinn zu stürzen – und ich habe davon über ein Dutzend extrahiert. Natürlich kann ich ihr nicht diese grundlegenden Erinnerungen vollständig nehmen, dafür sind sie mit zu vielen anderen verknüpft, das wäre, als wollte man die unterste Karte eines Kartenhauses entfernen, ohne es zum Einsturz zu bringen. Aber ich habe die Erinnerung abgeschwächt, die verbundenen Emotionen gemindert. Ich brauchte doch schon ein wenig Zeit, aber ich denke, ich konnte Asuka Soryu ins Gleichgewicht bringen und diese dunklen Erinnerungen durch andere, positive ausgleichen."

Einen langen Augenblick lang war Stille.
Die Datenpakete umwirbelten die beiden, bildeten rasch wieder vergehende Muster.

„Wie kann ich Ihnen behilflich sein?" fragte Larsen schließlich. „Wie kann mich dafür erkenntlich zeigen?"

*** NGE ***

Ikari-ADAM und Rei-III erreichten das Ende der Treppe nach stundenlangem Abstieg.

Der bärtige Mann hatte das seinem Lilimkörper höchstmögliche Tempo vorgelegt, dennoch hatte der Abstieg Stunden gedauert, nicht zuletzt weil er auf seine Begleiterin Rücksicht hatte nehmen müssen.

Etwas war in der Geofront geschehen...

Eines seiner Kinder hatte sich manifestiert, dem Echo nach Armisael - obwohl dieser bereits eine Niederlage erlitten hatte...

*** NGE ***

Asuka saß vor der Spiegelkommode ihrer Mutter, die Hände im Schoß gefaltet, den Blick in den Spiegel gerichtet. Ihre Mutter saß hinter ihr und kämmte Asukas rote Haarpracht mit gleichmäßigen Bewegungen.

Asuka war vier Jahre alt.

Das Bild ihrer Mutter im Spiegel war seltsam verschwommen, die Hand, welche den Kamm führte, merkwürdig dürr und bleich.

Mama, geht es dir nicht gut?"

Es ist nichts, Asuka."

Die Stimme ihrer Mutter klang krächzend und leblos.

Asuka drehte sich um - und begann zu schreien...

Das Gesicht ihrer Mutter war eingefallen, die Haut grün-gelblich verfärbt, an einigen Stellen aufgerissen. Die Lippen hatten sich zurückgezogen und entblößten weiße Zähne, die Augen traten glubschig aus den Höhlen.

Um ihren Hals trug Kyoko Soryu immer noch die Schlinge, mit der sie sich aufgehängt hatte.

Warum bist du damals nicht mit mir gestorben?"

Asuka sprang auf, wich den Händen ihrer Mutter aus, nahm jetzt auch den schweren Verwesungsgeruch wahr, der im Zimmer hing.

Sie lief zur Tür, stellte sich auf die Zehenspitzen, um die Klinke zu erreichen, öffnete sie.

Mit langsamen schleifenden Bewegungen stand ihre Mutter auf.

Asuka, wo willst du denn hin? Wir sind doch noch gar nicht fertig..."

Asuka rannte aus dem Zimmer, stolperte die Treppe ins Erdgeschoß hinunter.

Warum?"

Sie fuhr herum.

Aus dem Wohnzimmer kam eine weitere Gestalt, der man ansah, dass sie schon lange kein Leben mehr in ihrem Körper hatte, ein junger Mann, dem der halbe Schädel fehlte. Zudem trug er keine Hosen, doch sein Unterleib war eine einzige klaffende Wunde.

Pietter... bleib weg... komm mir nicht zu nahe..."

Panisch sah sie sich nach einer Waffe um.

Er war so viel größer als sie...

Warum musste ich sterben? Du hattest mir doch schöne Augen gemacht... ich konnte einfach nicht mehr länger widerstehen..."

Warum bist du nicht mit mir in den Himmel gekommen?" kam von oben die Stimme ihrer Mutter.

Asuka warf sich herum, rannte zur Haustür, riss diese auf.

Vor der Tür stand Hikari, das Gesicht unnatürlich bleich, ihre Lippen waren dafür von einem satten kräftigen Rot... Blutrot...

Asuka, warum hast du mir das angetan?"

Asuka schlug die Haustür zu, sah sich um.

Ihre Mutter kam langsam die Treppe hinunter, sie trug nur an einem Fuß einen Schuh... der andere lag sicher noch neben dem Hocker, von dem sie hinuntergesprungen war... oben, auf dem Dachboden...

Pietter schlurfte ebenso langsam auf sie zu.

Und hinter ihr wurde die Tür von außen geöffnet.

Geduckt und um sich schlagend rannte Asuka auf Pietter zu, stieß ihn zur Seite, spürte Brechreiz in sich aufsteigen, als sie seine schlaffe klebrige Haut berührte, war dann an ihm vorbei, rannte durch das Wohnzimmer zur Terassentür. Die Glastür stand offen. Heftig atmend stürmte Asuka in den Garten, stolperte in einen Sandkasten hinein, an dessen Existenz sie sich gar nicht erinnern konnte.

Im Sandkasten hockte ein gleichaltriger Junge mit dunkelbraunem Haar und formte den Sand gerade zu einer Burg.

Der Junge sah auf.

Spielst du mit mir?" gurgelte Shinji Ikari.

Asuka zuckte zurück.

Aus dem Bauch des Jungen ragte ein Messer, seine Kleidung war voller Blut.

Nein... nein... bitte... nicht mehr..."

Asuka, warum hast du mich im Stich gelassen?" hörte sie ihre Mutter direkt hinter sich.

Asuka, weshalb hast du mir das angetan?" fragte Hikari leise von der Seite.

Asuka, ich wollte es nicht... warum musste ich sterben?" flüsterte Pietter von der anderen Seite her.

Möchtest du mit mir spielen?"

Asuka wich zurück, Schritt für Schritt, während die anderen näherkamen; sogar Shinji erhob sich und kam mit ausgestreckten Armen auf sie zu.

Schließlich stieß Asuka mit dem Rücken gegen ein Hindernis.

Zitternd blickte sie auf, sah nur einen großen Schatten.

Aber... der Schatten war ihr vertraut...

Onkel Wolf..."

Jetzt konnte sie genauer sehen. Ja, es war ihr Patenonkel, der ihr gerade beruhigend die Hand auf die Schulter legte... eine Hand aus Stahl... und anstelle eines Gesichtes war da nur ein metallener Totenschädel...

Asuka brüllte auf, warf sich herum und rannte weiter.
Die Gestalten folgten ihr.
An den Garten schloss sich übergangslos eine lange Halle an, wurde aus der vierjährigen die fünfzehnjährige Asuka. In einem riesigen Becken lag Einheit-02 auf dem Rücken.
„Hilfe, ich brauche Hilfe!" brüllte sie aus vollem Leib.

Über ihr erklangen schnelle Schritte auf einem Laufsteg, Schuhe gegen Metall.
Dort rannte ein kleines rothaariges Mädchen in einem roten Kleidchen.
Auf einem anderen Steg erschien ein älteres Mädchen, vielleicht zwölf Jahre alt, in einer PlugSuit – Asuka erkannte ihr eigenes jüngeres Selbst.

„Ihr… ihr müsst hier weg… sie kommen…"
Das war sie selbst… sie selbst im Alter von vielleicht vier Jahren… sie erinnerte sich, dieses Kleid hatte sie damals getragen am Tag, als ihre Mutter starb. Und ihr zwölfjähriges Ich… die PlugSuit hatte sie damals erstmals zwei Tage vor… der Sache… mit Pietter getragen…

„Was ist denn?" fragte die kleine Asuka. „Ich muss nach Hause, Mama wartet."

„Nein, du darfst nicht gehen… du…" schrie Asuka panisch.
Vielleicht konnte sie es verhindern, vielleicht konnte sie sich selbst den Anblick ersparen…
Sie blickte zu der anderen, der zwölfjährigen Asuka hinauf.
„Und du auch nicht, du darfst dich heute nicht mit Pietter treffen."

„Wieso?"

„Weil… weil etwas Furchtbares passieren wird… Bitte, ihr dürft nicht…"

„Aber sie haben doch mich, um sie zu beschützen." warf eine weitere Mädchenstimme ein, verzerrt und voller Wut. Neben dem EVA stand eine weitere Asuka, diese in ein gelbes Sommerkleid gekleidet, einem Kleid voller Blut, in der Hand ein machetenartiges Messer, von dem frisches Blut tropfte.
„Wer sie verletzt…"
Sie hob demonstrativ die Klinge.
„Onkel Wolf hat mich gut ausgebildet."

Asuka blickte über die Schulter.
Der Mob kam!
„Wir müssen weg, alle zusammen!"

Die zwölfjährige Asuka deutete auf den EVA.
„Er kann uns beschützen."

„Nervenverbindungen werden hergestellt", schallte es durch die Halle. „Alle Nervenverbindung geschlossen! Verbindung zum Zentralnerv steht. Check 1 bis 2590 klar! Noch 2,5 bis zur absoluten Grenzlinie! 1,7! 1,2! 0,9! 0,2… 0,1… Borderline klar! EVA-02 aktiviert und einsatzbereit!"

Sie kannte die Stimme! Asuka sah sich um, entdeckte weiter oben das große Beobachtungsfenster, hinter dem der Kontrollraum liegen musste. Und sie sah den vertrauten Schatten, einen Umriss, der immer dagewesen war, wenn sie einen Synchrontest mit EVA-02 gehabt hatte. Sie wusste, dass dort oben Doktor Müller, Frau Professor Doktor Myers und Jörg Peters sein mussten, die sie durch jeden Test geleitet hatten. Dort musste es Hilfe geben!
„Schnell, schnell, kommt…"
Sie rannte eine Treppe hinauf, schob ihr vierjähriges Ich vor sich her, packte ihr zwölfjähriges Ich und zerrte es mit. Die letzte Asuka, das Mädchen mit dem Messer, folgte ihnen ohne weitere Aufforderungen. Die Messerklinge schlug wieder und wieder hohl scheppernd gegen das Geländer des Steges.
Noch eine Ebene hinauf und noch eine…
Asuka riss die Tür zum Kontrollraum auf… dahinter war nur Leere. Der Raum war verlassen und völlig nackt, bar von Möbeln und Einrichtung, ohne die erwarteten Terminals und Personen.
„Ah…"
Eine der aus dem Raum führenden Türen schwang langsam zu.
„Dorthin…"

Und hinter dieser Tür fand sie endlich die Gesuchten – Doktor Müller, der alte Glatzkopf mit dem strengen Blick, hinter dessen steinerner Fassade sich ein Herz aus Gold verbarg. Frau Professor Doktor Myers, die sie immer und immer wieder zu Höchstleistungen und Leistungsverbesserungen angetrieben hatte. Und der Techniker Peters, ein wahrer Zauberer an den Computern, dessen Stimme ihr so manches Mal den Weg gewiesen hatte, wenn es Schwierigkeiten mit der Synchronisation gegeben und sie gedroht hatte, sich im Chaos zu verlieren. Die drei umstanden eine Konsole und schienen Messergebnisse zu studieren.
„Ich brauche Ihre Hilfe!" brüllte Asuka atemlos.

Die drei Älteren blickten auf.

„Du bist zu spät zu deinen Tests", erklärte Myers streng.

„Wenn du dich nicht bemühst, wirst du nie eine vollwertige EVA-Pilotin!" schlug Doktor Müller in dieselbe Kerbe, während Jörg Peters nur bedauernd mit den Schultern zuckte und sie mitfühlend ansah.

„Bitte… da draußen… Monster…"

„Monster? – Ach, Asuka, das ist die dümmste Ausrede…" setzte Müller an, brach aber in einem Gurgeln ab, als die andere Asuka, das Mädchen in dem blutigen Kleid, ihm das Messer in den Leib rammte – wieder und wieder, dabei ein hohes, irres Lachen ausstoßend.

„Nein!" brüllte Asuka. „Warum…"

„Er hat uns nicht geglaubt… niemand darf uns der Lüge bezichtigen, niemand! – Und er ist das wahre Monster hier… hast du nie seinen Blick bemerkt, wie er uns angesehen hat? – ebenso gierig wie Pietter…"
Das Mädchen mit dem Messer wandte sich Doktor Myers zu, während die vierjährige und die zwölfjährige Asuka hinter Asuka Schutz suchten.
„Und Sie, gute, lieber Frau Doktor Myers… Ihnen hat es doch eine besondere Freude gemacht, uns zu quälen. Wir konnten es Ihnen nie Recht machen. Immer nur ‚Du musst besser werden, Asuka, sonst schaffst du es nicht, sonst wird nie eine Pilotin aus dir'. Immer nur Druck und noch mehr Druck… immer nur Schuldzuweisungen und ein Abschieben der Verantwortung auf andere… Sie waren ja immer unfehlbar – und alle anderen waren schuld…"

Die seltsam gesichtslose Wissenschaftlerin wich mit abwehrend erhobenen Händen zurück.

„Tu das nicht", bettelte Asuka, die sich bemühte, ihr vierjähriges Ich abzuwenden, damit die Kleine nicht sah, was geschah.

„Warum nicht? Sie ist doch auch nur eine falsche Schlange. Hat sie uns nicht mit Pietter bekannt gemacht, ihrem Neffen? Vielleicht hat sie ja alles von Anfang an geplant…"
Und damit stach sie Professor Doktor Myers nieder.
„Bleibt nur noch einer… na, Jörgi…"

Der Angesprochene stolperte rückwärts, verlor das Gleichgewicht. Seine Krücke rutschte weg und er schlug hart zu Boden, als er das Gleichgewicht verlor und sein linkes Bein ihn nicht mehr trug.

„Wo warst du, als wir dich gebraucht haben? Du hättest uns leiten müssen! Du hättest verhindern müssen, dass der Engel unseren Geist durchwühlt. Du warst immer für uns da, doch als wir dich wirklich brauchten, da…"

„Hör auf! Er kann nichts dafür!"
Asuka stürzte nach vorn und fing den herabsausenden Arm mit dem Messer ab.
„Nur ich kann etwas dafür, ich ganz allein!"

„Er hätte uns warnen müssen, dass wir die Pilotin von EVA-03 verletzen würden… er kennt die System von EVA-02 besser als alle anderen… er hätte uns aufhalten müssen, ehe wir zu Pietter gingen…"

„Er kann nichts dafür! Wenn du jemanden töten willst, dann töte mich und bring es zu Ende! Ich will nicht so werden wie du! Ich bin keine Mörderin!"
Sie sah in das angstverzerrte und zugleich unwirkliche Gesicht des jungen Technikers.
„Keine Angst, sie wird dir nichts tun. Ich beschütze dich…"
Asuka stieß ihr Ebenbild zurück, baute sich vor ihm auf.
„Stich zu und beende es. Keine weiteren Lügen, keine Schuldzuweisungen mehr. Ich habe Dinge getan, furchtbare Dinge… aber ich bin nicht du!"

Das Mädchen mit dem Messer heulte auf wie ein Tier, stürmte mit vorgestreckter Klinge nach vorn.
Asuka antrainierte Reflexe sprachen an, ließen sie unwillkürlich zur Seite ausweichen.
Ihr Ebenbild stolperte weiter, auf die große Glasscheibe zu, brach scheppernd hindurch, stürzte wie in Zeitlupe aus dem Fenster und in die Halle hinab.
Mit aufgerissenen Augen wankte Asuka zu dem Fenster hinüber, blickte nach unten.
Dort waren sie… ihre Mutter, den Strick noch um den Hals, die leichenblasse Hikari, der ausgeweidete Pietter und der kleine Shinji, aus dessen Bauch noch das Messer ragte. Sie waren gerade dabei, ihr Ebenbild in Stücke zu reißen.
Asuka ließ sich an der Wand zu Boden sinken.
„Oh, Gott…"
Ihr vierjähriges Ich und ihr zwölfjähriges Ich krochen zu ihr, suchten Schutz in einer Umarmung, während ihre Sünden unten in der Halle den dunklen Teil ihres Wesens verschlangen. Beide Gestalten lösten sich auf und verschmolzen mit ihr, als ihre verlorengeglaubte Unschuld die Leere füllte, die Wut und Hass hinterlassen hatten. Dann sah sie zwei Gestalten in der Türöffnung stehen, die sie nur umrisshaft erkennen konnte ob des starken Lichteinfalls aus dem Nebenraum.

„Asuka, wir sind stolz auf dich, wir lieben dich. Wir könnten nicht stolzer sein und dich mehr lieben, wenn du uns leibliches Kind wärst. Das darfst du nie vergessen. In Gedanken werden wir immer bei dir sein."

Ihr Blick verschleierte sich unter Tränen.
„Tante Ann… Onkel Wolf… ihr wart immer für mich da, doch ich wusste es nicht zu schätzen. Seit Mamas Tod glaubte ich, ich wäre allein und im Stich gelassen, dabei habt ihr immer über mich gewacht und mich beschützt… danke…"
Sie sah zu der verblassenden Gestalt auf dem Boden hinüber.
„Du wolltest mich warnen, hast mir damals gesagt, dass Pietter ein Casanova und Playboy sei, der den Namen seines Vaters zu nutzen wusste, doch ich habe dich nicht verstanden, wollte dich nicht verstehen… danke…"
Dann blickte sie zur Decke.
„Kaji… noch jemand, der auf mich aufgepasst hat… Misato… du hast es gut gemeint und ich war nicht in der Lage, es zu erkennen… Hikari… Suzuhara… Aida… ich habe euch verletzt und übel mitgespielt… wenn ich doch nur um Vergebung bitten könnte… First… wir sind uns wahrscheinlich ähnlicher, als ich mir eingestehen wollte, doch in Wirklichkeit war ich die Puppe, die noch dazu zu den Fäden eines Wahnsinnigen tanzte… Shinji, ich habe dich getötet… es tut mir Leid!"
Mit einer Hand tastete sie nach dem Fensterrahmen, zog sie in die Höhe.
Unten standen sie immer noch, ihre Opfer… nur von ihrem wahnsinnigen Ebenbild war nichts mehr zu sehen.

„Hört ihr? – Es tut mir Leid!" brüllte sie

und erwachte...

*** NGE ***

Asuka schlug ihr verbliebenes Auge auf, registrierte, dass sie gefangen war.

Panisch schlug sie um sich.

Das konzentrierte LCL, in dem sie schwamm, raubte ihren Bewegungen die Energie, verlangsamte sie.

Nur langsam kam Asuka wirklich zu sich, erkannte sie ihre Umgebung.

Sie befand sich in einem Glaszylinder, der mit LCL gefüllt war. Und dieser Zylinder stand in einem abgedunkelten Labor. Und sie war nackt... irgendjemand hatte sie ausgezogen...

Das Mädchen begann am ganzen Leib unkontrolliert zu zittern, als es von der Befürchtung übermannt wurde, dass die letzten zwei Jahre vielleicht nur ein Traum gewesen waren und dass Pietter Fresenhark gleich auftauchen würde, um sein Werk fortzuführen...

Ihr Auge... was war mit ihrem Auge...

Sie konnte auf dem linken Auge nichts sehen, auch konnte sie das Auge nicht bewegen oder das Lid öffnen, überhaupt spürte sie in der Region ihres linken Auges gar nichts...

Vorsichtig tastete sie über ihren Kopf, spürte vernarbte Haut, spürte eine lange Delle in ihrem Schädel, ertastete eine leere Augenhöhle...

Das Zittern verstärkte sich noch.

Was hatte man ihr angetan?

Ihre letzte Erinnerung bestand daraus, dass sie jemanden mit ihrem Messer attackiert hatte... ja, genau, sie hatte auf den Feind gewartet... Rei Ayanami, das First Child... stattdessen war Shinji direkt in die Klinge gelaufen... und dann... nichts mehr...

„Mein Gott..."

Sie hatte getötet... sie hatte einen Menschen getötet... natürlich war sie während ihrer Ausbildung auch auf eine solche Situation vorbereitet worden, allerdings nur in der Theorie. Sie hatte tatsächlich einen anderen Menschen mit dem Messer angegriffen... und nicht, um sich zu verteidigen, sondern in kaltblütiger berechnender Wut... hatte gegen alles verstoßen, das ihr Onkel ihr beigebracht hatte…

Ich habe ihn enttäuscht… ich habe jeden enttäuscht, der an mich geglaubt hat… wie soll ich Onkel Wolf und Tante Ann jemals wieder ins Gesicht blicken können… wie soll ich jemals wieder in den Spiegel blicken können, ohne Shinjis Gesicht zu sehen…

Ihr Atem ging schwer.

Sie musste aus dieser Röhre... sie konnte es nicht ertragen, eingesperrt zu sein... sie musste irgendwem erklären, dass sie Shinji nicht hatte töten wollen...

Kräftig hämmerte sie mit den Fäusten gegen die Innenwandung des Zylinders, stemmte sich mit den Füßen und dem Rücken gegen das Glas.

„Ich will hier raus... hört mich denn niemand..."

Der LCL-Spiegel begann zu sinken. Schon ließ der Druck nach, sank sie in der Röhre zu Boden.

„Hallo!"

Niemand antwortete ihr, doch als das LCL im Boden versickert war, öffnete sich die Röhre.

Unsicher kam Asuka auf die Beine, stolperte aus dem Bereich des Zylinders zum nächsten Computerterminal.

Ihr Gesicht spiegelte sich im Monitor...

Sie schrie vor Entsetzen auf.

Was sie gefühlt hatte, war Wirklichkeit - und noch schlimmer, als sie es sich vorgestellt hatte. Fast ein Viertel ihres Gesichts fehlte...

Sie schlug die Hände vor das Gesicht und rutschte langsam zu Boden, rollte sich weinend zu einem Ball zusammen...

*** NGE ***

In der NERV-Kommandozentrale hatte sich der Kommandostab versammelt, um Direktor Eli Rabinowitz zu empfangen, den Übergangskommandeur von NERV, bis der Stellvertretende Kommandant Kozo Fuyutsuki sich von seinen Verletzungen, darunter eine schwere Gehirnerschütterung, erholt oder der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen einen neuen Kommandanten bestellt hatte.

Nur Ritsuko Akagi, der Wissenschaftliche Offizier, fehlte. Sie hielt sich immer noch im TerminalDogma auf und war mit einem Check der Anlagen beschäftigt.

Im höhergelegenen Kommandostand saß Ryoji Kaji und blickte dumpf brütend nach unten, bei ihm war Kozo Fuyutsuki, der mit geschlossenen Augen in einem Sessel saß und hoffte, dass seine bohrenden Kopfschmerzen bald aussetzten.

Die Tür des Kommandostandes glitt auf.

Shigeru Aoba führte den Europäer Rabinowitz hinein.

„Bitte, Sir."

Der andere nickte, reichte dann erst Fuyutsuki und schließlich Kaji die Hand.

„Meine Herren... Es freut mich, Sie bei bester Gesundheit zu sehen, Major Kaji."

„Sir."

Kaji salutierte, während der Subkommandant sitzenblieb.

„Verzeihen Sie, dass ich nicht aufstehe, aber im Augenblick dreht sich alles vor meinen Augen."

„Kein Problem", murmelte Rabinowitz. Er trat an die Brüstung, blickte nach unten in die Kommandozentrale.

„Meine Damen und Herren... werte Offiziere von NERV. Ich bin Eli Rabinowitz. Bis auf weiteres übernehme ich das Kommando über die Operation auf Anweisung des Sicherheitsrates. Ich hoffe auf gute Zusammenarbeit."

Vereinzelt wurde applaudiert, aber nur kurz und verhältnismäßig leise.

Rabinowitz wandte sich den beiden anderen Männern im Kommandostand zu.

„Wo kam ich meine Befehlscodes eingeben, um die Kommandodateien der MAGI auf mich zu verschlüsseln?"

Kaji deutete auf das Terminal.

„Dort, Sir. Sie haben es recht eilig."

„Commander Larsen hat mich über eine Verschwörung in Kenntnis gesetzt, die ihre Hände bis in unsere Organisation ausgestreckt hat. Ich halte es für ratsam, keine Zeit zu verlieren."

„Warten Sie, ich schalte die Kommandodateien frei", murmelte Fuyutsuki und wandte sich ächzend der Tastatur zu.

Wenn das nur bald vorbei war, dann konnte er sich wieder hinlegen...

Kaji runzelte die Stirn.

Etwas an Rabinowitz kam ihm merkwürdig vor, ohne dass er es genau definieren konnte. Seine Stimme hatte einen seltsamen Beiklang...

„Wo befindet sich Commander Larsen eigentlich? Ich dachte, er würde mit Ihnen..."

„Commander Larsen ist mit meinem Hubschrauber abgeflogen. Ich habe bereits seinen Transport zurück nach Europa organisiert. Er wird sich um das Vipernnest in der Chefetage von ODIN kümmern, es gibt keinen geeigneteren Mann dafür."

„Ja..."

Kaji blickte auf die Hände des ODIN-Direktors, während dieser seine Codes eingab.

Rabinowitz benutzte die rechte Hand...

Kaji griff nach seinem Schulterhalfter, zog seine Waffe.

„Halt! Weg von der Tastatur! Die Hände hoch!"

Der andere hielt inne. Es fehlten noch zu viele Zeichen, als dass er ein Risiko eingehen und einfach weitermachen konnte...

„Major Kaji, haben Sie den Verstand verloren?"

„Ich hege Zweifel an Ihrer Identität", knurrte Kaji.

Rabinowitz war Linkshänder...

„Kaji?" fragte Fuyutsuki.

„Professor, dieser Mann ist möglicherweise ein Betrüger. Eli Rabinowitz ist kein Rechtshänder!"

Mißtrauen war gut... das hatte ihm sein Lehrer immer eingeschärft...

„Was..." setzte Fuyutsuki an, kam aber nicht weiter.

Rabinowitz stieß ihn zur Seite, hatte plötzlich eine Waffe in der Hand und richtete diese auf Kaji, während er mit der anderen Hand Fuyutsuki als menschlichen Schild benutzte.

„Lassen Sie mich an die Tastatur!"

Kaji schüttelte den Kopf und spannte den Hahn seiner Pistole...

„Wer sind Sie?"

Der andere stieß Fuyutsuki auf Kaji zu, der Professor stolperte, wurde von Kaji aufgefangen.

Zwei Schüsse fielen...

*** NGE ***

Wären in der Zentrale nicht alle Blicke auf das Geschehen im Kommandostand gerichtet gewesen, hätte wahrscheinlich irgendjemand bemerkt, dass im Bereich des Haupteinganges die Kameras kurzfristig ausfielen. Ebenso wäre aufgefallen, dass die Störung der Übertragung quasi mit Schrittgeschwindigkeit durch das CentralDogma wanderte und schließlich an einem der wenigen Zugänge zum TerminalDogma endete.

Und ebenso hätte irgendjemand die toten Wachen bemerkt, welche sich nach Beendigung der Störungen in den verschiedenen Sektionen befanden...

*** NGE ***

Rabinowitz prallte gegen Aoba, dieser hob abwehrend die Hände, griff dem anderen direkt ins Gesicht, riss ihm die Maske herunter.

„Cedrick..." keuchte Kaji und taumelte dem falschen Rabinowitz hinterher auf den Gang, dabei die freie Hand auf die Wunde pressend, welche die Kugel in seinen Bauch gerissen hatte.

Blind feuerte er mehrere Schüsse ab, ohne zu treffen, ehe er besinnungslos auf den Boden schlug...

Cedrick rannte den Gang hinunter, verfluchte dabei Ryoji Kaji, der seine Maske durchschaut hatte. Und alles nur, weil er die Codes mit der falschen Hand eingegeben hatte...

Verflucht noch eins...

Er tastete in seiner Tasche nach seinem Funkgerät, es war ein einfacher Signalgeber, der jedoch stark genug war, um den Felsmantel zu durchdringen, unter dem die Geofront lag.

Lächelnd drückte er die Taste, löste damit eine Reihe von Vorgängen aus. In Kürze würde Plan B in Kraft treten - der Sturm auf das NERV-Hauptquartier, angeführt von einem Hackerangriff der anderen MAGI-Rechner. Und zugleich würden die RABEN ODINs den Befehl erhalten, ihre Anweisungen auszuführen... entweder würde es ihm, Wilforth F. Cedrick, gelingen, die Geofront zu verlassen und im Anschluss die Trümmer aufzusammeln, oder es würde niemandem gelingen...

Krachend fuhr direkt vor ihm ein Panzerschott zu.

Cedrick stoppte, warf sich herum, lief auf die letzte Abzweigung zu.

Auch hier schloss sich ein Sicherheitsschott.

Er saß in der Falle...

Cedrick verbiss sich einen Fluch.

Gut, sie hatten ihn - aber er konnte sich immer noch seine Freiheit erpressen, indem er einfach mit den Streitkräften der JSSDF drohte, die marschbereit auf seinen Befehl warteten...

Kontamination in Sektor 44/21-D. Gegenmaßnahmen eingeleitet. Dekontamination eingeleitet. Bakelit-Einleitung beginnt!" drang eine kalte Computerstimme aus verborgenen Lautsprechern.

Cedrick riss die Augen auf.

„Halt! Ich bin Beauftragter der UN! Ich befehle..."

Aus Öffnungen im Boden und in den Wänden drang feiner weißer Nebel, der sich rasch verfestigte.

Cedrick, spürte, wie der Nebel sich auf seiner Haut niederschlug und hart wurde, spürte, wie er gleich darauf völlig eingeschlossen war, konnte nicht mehr sehen, konnte nicht mehr atmen...

27. Zwischenspiel

Es ist vorbei, ich kann keinen Widerstand mehr leisten. Ich bin nur noch ein Gefangener in meinem eigenen Körper. Nur noch ein Werkzeug des Racheplanes ADAMs.
LILITH ist meine Gefangene. Eines Tages wird sie mir ermöglichen, heimzukehren und Rache zu üben – an unserer Brut und unseren Schöpfern. Die Kraft von Milliarden Seelen wird es mir ermöglichen, sie hinwegzufegen und Gottes Platz einzunehmen.
Die EVANGELIONs werden meine Schildwachen sein. Die Kinder der Versuchsgruppe werden sie steuern. Die MAGI gehorchen mir, nachdem ich mich ihrer Schöpferin entledigt habe. Kyoko Soryu hat versucht, Yuis Experiment zu wiederholen und ist gescheitert – wer die falschen Engel nicht beherrscht, wird von ihnen zerschmettert. Ich bündle Projekt-E, GEHIRN und all die anderen Unternehmungen der letzten Jahre unter einem Dach. NERV wird mir Schwert und Schild sein in den kommenden Jahren, finanziert von den Vereinten Nationen auf den Rat von SEELE hin, die Führer der Welt geben sich der Illusion hin, mich und die Waffen, die ich erschaffen werde, unter Kontrolle zu haben.
Der Klon wird dereinst als Mittler dienen, über den ich LILITHs die Kraft an mich reißen werde. Alles fügt sich genau vor meinem geistigen Auge zusammen. Ich ummantle mein Herz mit Kälte wie mit tausend Panzerschichten, die keinen Sonnenstrahl hindurchlassen. Ich reiße den letzten Rest an Menschlichkeit heraus, um der Dunkelheit die Stirn zu bieten.
ADAM darf nicht siegen. Dieser Plan darf keinen Erfolg haben.
Nicht ADAM wird die Tore des Himmels stürmen, sondern ich, Gendo Ikari! Ich werde Gottes Platz einnehmen! Ich werde ADAM als Werkzeug nutzen und die Welt neugestalten nach meinem Willen! Der Schüler wird der Meister sein am Tag des Jüngsten Gerichts.
Vielleicht bin ich dann frei von diesem Wahn. Vielleicht kann ich dann alles rückgängig machen und die Wunden heilen, die ich Mutter Erde gerissen habe. Und vielleicht sehe ich dann Yui wieder… vielleicht kann sie mir ein letztes Mal vergeben… verzeiht mir…
Gendo Ikari, Persönliche Aufzeichnungen, Ende 2005, letzte Eintragung

Überleitung:
Ein leiser, langsam verhallender Herzschlag.

Vorschau:
*Das Bild teilt sich, teilt sich wieder. Und wieder. Und wieder… scheint in tausende von Splittern zu zerfallen, die tanzend herumwirbeln. Einzelne ziehen im Vordergrund vorbei – Ryoji Kaji lehnt mit gebrochenem Blick an einer Wand. Kozo Fuyutsuki wird von grellem Licht verschlungen. Soldaten in schwarzen Tarnzügen stürmen das NERV-Hauptquartier. EVA-02 richtet sich auf. EVA-01 stampft über eine endlose verschneite Ebene. Misato Katsuragi richtet ihre Waffe auf ein Ziel außerhalb des Bildes. Rei wird von einer Explosion zerrissen. Gendo/ADAM streckt die Hand aus und flüstert: „Nimm deines Vaters Platz ein…". Toji Suzuhara rennt mit zwischen die Schultern eingezogenem Kopf einen Korridor hinunter. Hunderte von Rei Ayanamis marschieren einen Korridor hinunter. Ritsuko Akagi, die ihre Hand gegen die Schulter presst, unter ihren Fingern breitet sich ein Blutfleck aus und Blut tropft von den Fingern ihres ausgestreckten Armes. Großaufnahme von Shinji Ikaris Gesicht, dazu die Worte: „Dann soll die Welt brennen!". Großaufnahme von Asuka Soryu-Langley mit Augenklappe in einer NERV-Uniform mit dem Longinusspeer in beiden Händen. Bild eines unbekannten weiblichen Charakters mit braunen Haaren und Pferdeschwanz in einer NERV-Uniform, eine gewisse Ähnlichkeit mit Shinji ist offensichtlich. LILITH, die sich von ihrem Kreuz löst. Neun totenbleiche, ungepanzerte EVANGELIONs, die von verkrüppelten Schwingen getragen vom Himmel herabstürzen. Ansicht der Erde aus dem Orbit, im Zentrum die Japanischen Inseln – eine rote Lichtexplosion entfaltet sich langsam im Süden und breitet sich über die Inseln und das Festland aus, eine kreuzförmige Lichtsäule schießt in den Himmel; Heranzoomen: zahllose weitere Lichtkreuze bilden sich auf einem Meer aus Blut. Schließlich Schwärze. Aus dem Dunkel schält sich ein hellgrauer Pfad, zu dessen beiden Seiten das Nichts zu existieren scheint. Der Pfad gabelt sich, in der Ferne sind undeutliche Schatten zu erkennen…*

Abspann:
(Give Me Wings)
Ima watashi no negai goto ga

Kanau naraba tsubasa ga hoshii

Kono senaka ni tori no youni

Shiroi tsubasa tsukete kudasai

Kono oozora ni tsubasa wo hiroge

Tonde yukitai yo

Kanashimi no nai jyuna sora e

Tsubasa hatamekase yukitai

Ima tomitoka meiyo naraba

Iranai kedo tsubasa ga hoshii

Kodo monotoki yume mita koto

Ima mo onaji yume ni mite iru

Kono oozora ni tsubasa wo hiroge

Tonde yukitai yo

Kanashimi no nai jyuna sora e

Tsubasa hatamekase yukitai

(If my wish were to come true right now

I'd wish for wings

Please put white wings

On my back like a bird's

I want to spread my wings

And fly in this sky

I want to make my wings flutter

In a free sky without sorrow

That thing I dreamt of as a child

I still dream of it, unchanged, now

I want to spread my wings

And fly in this sky

I want to make my wings flutter

In a free sky without sorrow)

Anmerkungen des Autors:
Es ist fast getan.
Mit dem vorliegenden Block verlässt Reis Leibwächterin Ishiren die Handlung. Und Gendo Ikari ist tot – lang lebe ADAM… Wolf Larsen hat damit im Grunde seine Pflicht und Schuldigkeit getan und könnte ebenfalls abtreten, wenn ich nicht noch eine kleine Aufgabe für ihn hätte. Und Asuka… Asuka ist wieder da…
Der nächste Block ist meine Version von END OF EVANGELION – oder besser: Die nächsten beiden Blöcke, denn es gibt zwei alternative Versionen des Endes, Finale 1 und Finale 2. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als das Überleben der gesamten Menschheit im Allgemeinen und Ryoji Kaji und Kaworu Nagisa im Besonderen.