Kapitel 13

Noch nie hatten Anjia und Kazit'ra Carsaib je so wütend gesehen. Er überragte den von ihm als „Onkel" angesprochenen Mann um fast eine Kopflänge, obwohl der Nomade nicht von kleiner Statur war, und drängte ihn in einen Torbogen, abseits der Blicke neugieriger Passanten.

„Carsaib?", fragte der Nomade ungläubig und schaute sich gehetzt um, „Du weißt, daß ich nicht mit dir sprechen darf!"

„Sicher... Deine Ehre steht auf dem Spiel!" In seinen Augen funkelte der blanke Hass. „Wo war nur deine Ehre, als es darum ging, meinen Vater, deinen Bruder, zu entlasten?" Als hätte er etwas schleimiges und glitschiges berührt, ließ er den Arm des Nomaden los und trat einen Schritt zurück.

„Du konntest das damals noch nicht verstehen!", flehte dieser und sah bittend zwischen Carsaib und Kazit'ra/Anjia hin und her. „Tarak hatte gedroht, uns alle zu verfluchen, falls jemand für deinen Vater sprechen würde!"

„Und was du nicht verstehst ist, daß dein Bruder und seine Frau, meine Eltern, jetzt tot sind! Weil ihr zugelassen habt, daß sie verbannt wurden!" Er spuckte aus und trat noch einen Schritt zurück. „Was ist dagegen der lächerliche Fluch eines angeblichen Zauberers?"

Kazit'ra legte den Kopf schräg und lächelte schmal. Carsaib wirkte zum ersten Mal seit sie ihn kannte stolz und unbeugsam. „Was hast du jetzt mit ihm vor?", fragte sie und weidete sich an der Angst und dem Unbehagen, die von dem Nomaden ausgingen.

„Onkel Enian schuldet mir etwas, das mein Vater mir nicht mehr geben kann. Und das fordere ich nun ein!" Carsaib deutete auf sein Gesicht: „Du weißt, was du zu tun hast!"

Erschrocken und verwirrt schaute der Nomade seinen Neffen an und stammelte: „D-das kann ich nicht tun! Du gehörst nicht mehr zu unserem Stamm!"

Mit einem schnellen Satz sprang Carsaib zu ihm und drückte ihm seinen Ellenbogen in die Kehle: „Wen interessiert das noch? Meinetwegen kannst du die Stammeszeichen weglassen, du Feigling!"

Nun war Kazit'ra verwirrt und fragte: „Worum geht es eigentlich?"

Carsaib ließ von seinem Onkel ab und rückte sein Oberhemd gerade. „Erkläre du es ihr, Onkel..."

Einige Stunden später saßen Anjia und Carsaib wieder in Heraks Küche, wo ihre Gastgeberin wütend vor sich hin fluchte und kalte Umschläge bereitete. „Barbarische Sitten! Wie konntest du nur zulassen, daß dieser Holzkopf sich so verstümmeln lässt!"

Anjia seufzte und zuckte mit den Achseln. „Er wollte es so, was hätte ich tun können?"

Herak schlug mit der Faust auf die Tischplatte und zischte: „Ihm einen Tritt geben und wegzerren, DAS hättest du tun können!"

Carsaib grinste, obwohl ihm die frischen Wunden dabei schmerzten. Manel kam mit den Armen voller Heiltränke und Pulverchen in die Küche. „Andere betrinken sich nur, aber er lässt sich natürlich glühende Messer ins Gesicht drücken!" Zu dem jungen Mann gewandt sagte er: „Du kannst froh sein, wenn sich die Schnitte nicht entzünden!" Er ließ seine Fracht auf dem Tisch nieder und schüttelte den Kopf. „Schmucknarben... so ein Unsinn..."

„Für mich war das wichtig!", protestierte Carsaib und bekam von Anjia einen Schlag auf den Oberarm. Er sollte nicht reden, dazu hatte Manel ihn ermahnt. Als ihm schließlich das halbe Gesicht mit Kräuterumschlägen und Verbänden umwickelt worden war, konnte er gerade noch ungehindert sehen, alles weitere war vorläufig unmöglich. „Bis morgen früh bleiben die Binden drauf! Kein Essen, keine Bewegungen mit dem Kiefer, dummer Junge!", schalt Manel ihn und Haeg schaute so finster drein, als hätte sein Lehrling ihn bitter enttäuscht.

Dabei hatte Carsaib nur das getan, was ihm richtig erschien: von einem Familienmitglied zum Erwachsenen gezeichnet werden. Und das war bei den Nomaden der Tiefebenen nun einmal mit Schmucknarben im Gesicht. Haeg verstand zwar einerseits, daß sein Schüler seine Vergangenheit nicht völlig aufgeben konnte, aber er hätte sich gewünscht, daß dieser in den letzten Jahren vielleicht doch etwas mehr von den Sesshaften übernommen hätte um auf die rituellen Verstümmelungen verzichten zu können. Zur „Strafe" sollte Carsaib in einem Buch über die frühen Jahre der Besiedlung Alagaësias lesen und lernen bis es Zeit wurde, die Lichter zu löschen und zu Bett zu gehen. Mit Begeisterung verzog sich der Zauberlehrling in Manels Arbeitszimmer und war den ganzen Abend nicht mehr gesehen.

Nach dem Abendessen saßen die anderen in der Stube zusammen. Herak besserte Mäntel aus und die Männer rauchten schweigend. Anjia hatte begonnen, eine Kleiderborte zu knüpfen, ließ aber bald die Handarbeit sinken und seufzte: „Es tut mir Leid, ich hätte ihn wirklich davon abhalten sollen!" Eigentlich hatte sie das auch tun wollen, aber Kazit'ra hatte sich durchgesetzt, eine Erfahrung, die Anjia ziemlich erschreckt hatte, sie aber nicht ihrem Vater berichten wollte.

„Mach dir keine Vorwürfe. Er wurde so erzogen und wenn er der Meinung ist, er bräuchte diese Narben unbedingt um sich erwachsen zu fühlen, dann wollen wir nur hoffen, daß sich nichts entzündet.", beruhigte Haeg seine Tochter und legte die Pfeife beiseite. „Viel mehr mache ich mir Sorgen um König Angrenost und das Reich. Der kleine Krieg zwischen den Drachenreitern ufert immer weiter aus." Er seufzte und blickte hinüber zu Manel, der bestätigend nickte. „Angeblich sind es schon über ein Dutzend Abtrünnige und das Fest hier könnte sie anziehen wie Honig die Fliegen..."

„Als ihr vorhin in der Stadt wart, kamen einige Kaufleute und Krämer durch dieses Viertel. Was sie erzählt haben, ist doch ziemlich beunruhigend!", erklärte Manel und stieß einen blauen Rauchkringel zur Decke empor. „Galbatorix soll gedroht haben, nach den Drachenreitern auch die Elfen und Zwerge zu vernichten, falls sie in den Krieg eingreifen sollten."

„Ich glaube nicht, daß es so wenigen Abtrünnigen gelingen kann, die ganzen Drachenreiter zu schlagen. Es muß doch hunderte, wenn nicht sogar tausende von ihnen geben!", rief Herak entsetzt aus.

Haeg nickte andächtig, dann sagte er: „Ja. Es gibt viele Drachenreiter. Und niemand hatte es je gewagt, sie in den vergangenen Jahrhunderten zu überwachen. Wer weiß, wie verrottet ihre Machtstrukturen mittlerweile sind. Manchmal benötigt es nur einer einzigen Termite um ein ganzes Haus zum Einsturz zu bringen..."

TBC

A/N: Entschuldigt, wenn dieses Kapitel etwas wirr geworden sein sollte. Wir haben die Handwerker im Haus und ich bin froh, wenn ich meine eigenen Gedanken hören kann. Konzentration ist da nicht wirklich drin, sorry...