Kapitel 12: Geschenke und Abweisungen II: Draco
Am Morgen nach dem Empfang erwachte Draco für seine Verhältnisse ausgesprochen spät. Der Duft nach frisch aufgebrühtem Kaffee zog durch seine Wohnung und im ersten Moment war sich Draco nicht ganz sicher, ob er nicht irgendwie in die Vergangenheit zurückversetzt worden war. Aber Harry hatte nie Kaffee für ihn gekocht. Noch etwas verschlafen stand Draco auf und tappte durch das Wohnzimmer in Richtung Bad. Der Empfang hatte am vorherigen Abend doch deutlich länger gedauert, als er es erwartet hätte und war vor allem deutlich angenehmer gewesen, als er es sich hätte vorstellen können. Seit dem Abend wusste er endgültig: Das Thema Harry war Vergangenheit. Er hatte es endlich geschafft abzuschliessen.
Der Anblick der sorgfältig gefalteten Decke auf dem Sofa im Wohnzimmer liess eine angenehme Wärme in ihm aufsteigen und sein Herz einen ungesunden Hüpfer machen. Theo hatte bei ihm übernachtet. Es war so spät geworden, dass er ihm spontan vorgeschlagen hatte, doch die Nacht bei ihm zu verbringen, da sie sowieso am nächsten Morgen zusammen hatten frühstücken wollen und Theo hatte eingewilligt. In seiner sanften, zurückhaltenden, ganz eigenen Art hatte er eingewilligt und gar keine Zweifel daran aufkommen lassen, dass er auf dem Sofa schlafen würde.
Nur wenig später kam Draco mit noch etwas feuchten Haaren im Hausmantel aus dem Bad. In der Küche hatte Theo bereits den Tisch gedeckt. Als er Draco hörte, drehte er sich um und lächelte ihn sanft an. „Guten Morgen. Willst du einen Kaffee?" Noch bevor ihm Draco einen Antwort geben oder ihm sagen konnte, dass Theo doch eigentlich wusste, dass er immer noch ein Teetrinker war, goss Theo schon den heissen, duftenden Kaffee in eine Tasse. „Ich weiss, dass du eigentlich Tee trinkst, Draco. Aber ich hatte irgendwie so den Verdacht, dass du heute einen Kaffee brauchen könntest."
Ein ungutes Gefühl überkam Draco. Er trank fast nie Kaffee. Kaffee war immer Harrys Gebiet gewesen. Er selber trank nur dann Kaffee, wenn irgendetwas vorgefallen war, irgendetwas mit seiner Familie zum Beispiel oder wenn er in Hogwarts zum Lernen hatte wachbleiben müssen und Theo wusste das. Wenn er den Eindruck gehabt hatte, dass Draco einen Kaffee brauchen würde, dann musste etwas vorgefallen sein. „Was ist los?", presste Draco zwischen den Zähnen hervor. Wenn er jetzt etwas genauer hinsah, dann fragte er sich, warum ihm das eigentlich nicht schon früher aufgefallen war. Theo wirkte irgendwie angespannt, irgendwie seltsam nervös.
Schweigend stellte Theo die Tasse mit dem Kaffee vor Draco auf den Tisch und ging dann zurück, um sich selber eine einzugiessen. Das Schweigen machte es nicht besser und Draco fühlte, wie ihm kalt wurde. „Ist irgendetwas mit meiner Familie?" Das war immer noch seine grösste Sorge. Seit dem Tag, an dem ihm der Dunkle Lord damit gedroht hatte, seine Familie umzubringen, wenn er Dumbledore nicht ermordete. Aber hätte Theo ihm das nicht sofort gesagt? Er wusste doch, wie wichtig Draco seine Eltern waren.
Mit einer zweiten Tasse Kaffee in der einen und einem seltsamen, länglichen Päckchen in der anderen Hand kehrte Theo an den Tisch zurück und setzte sich Draco gegenüber. Schweigend schob er das Päckchen über den Tisch. Draco schaute es einen Moment lang verwundert an. Es stand kein Absender darauf, kein Begleitbrief, nichts, was irgendwie auf die Herkunft des Päckchens hätte schliessen lassen können. Einfach nur eine schlichte, weisse Schachtel mit dem Logo des Blumenladens in der Winkelgasse. Fragend sah Draco Theo an.
„Das Päckchen kam heute Morgen per Eule. Die Eule hat so hartnäckig ans Fenster geklopft, dass ich schliesslich aufgestanden bin und das Päckchen in Empfang genommen habe. Es ist so spät geworden gestern Abend und ich wollte dich schlafen lassen." Hier lächelte Theo Draco liebevoll an und dieser spürte, wie ihn das Gefühl von Wärme und Geborgenheit umgab, wie ein schützender Kokon.
„Die Eule sah aus, wie die, welche Flora vom Blumenladen in der Winkelgasse für ihre Auslieferungen benutzt, aber ganz sicher bin ich nicht. Jedenfalls hat sie nur das Päckchen gebracht. Nur das Päckchen ohne Brief oder Absender und kaum hatte ich sie von ihrer Last befreit, ist sie auch schon wieder abgeflogen." Draco betrachtete das Päckchen nachdenklich. Wer schickte ihm Blumen? Eigentlich doch niemand, den er kannte und schon gar nicht ohne Absender. Seine Freunde wussten doch alle, wie misstrauisch er gegenüber von Paketen ohne Absender und Begleitbrief war. Da stellte sich doch schon fast eher die Frage, ob sich überhaupt eine Blume in dem Päckchen befand oder vielleicht nicht doch irgendetwas anderes? Irgendetwas, das ihm vielleicht einer seiner zahlreichen Feinde geschickt hatte, der immer noch nicht akzeptiert hatte, dass er vom Wizgamot freigesprochen worden war?
Jetzt war ihm auch klar, warum Theo Kaffee gekocht hatte. Das war definitiv eine der seltenen Situationen, in denen Draco Malfoy freiwillig Kaffee trank. Am liebsten hätte Draco das Päckchen zur Seite geschoben und vielleicht sogar nie geöffnet, aber er wusste auch, es würde ihm doch keine Ruhe lassen und an ein gemütliches Frühstück war jetzt sowieso nicht zu denken. Mit einem „Ich hole kurz meinen Zauberstab" stand er auf und ging ins Schlafzimmer, wo der Stab immer noch auf dem Nachttisch lag. Genau dort, wo er ihn am Abend zuvor hingelegt hatte.
Nur wenig später kam er in die Küche zurück und liess das Päckchen auf den grossen Tisch im Wohnzimmer schweben. Wenn sich darin tatsächlich irgendetwas potentiell Gefährliches befand, dann wollte er das Ding oder was auch immer es war, nicht in seiner Küche haben. Einer nach dem anderen sprach er die Zauber, die schwarzmagische Zauber und Gifte, aber auch einfache Flüche, die sich auf der Verpackung befanden und durch das Öffnen ausgelöst werden konnten, anzeigten. Nichts. Die Verpackung war schon einmal sauber. Aber das musste noch lange nicht für den Inhalt gelten.
Draco zögerte einen Moment. Er hatte ein ungutes Gefühl, was dieses Päckchen betraf. Irgendetwas sagte ihm, dass es noch Ärger machen würde. Eine Hand legte sich ihm auf die Schulter, schwer, beruhigend. Theo war ihm ins Wohnzimmer gefolgt und irgendwie hatte allein schon seine Anwesenheit eine beruhigende Wirkung auf Draco. Gleichzeitig wurde ihm aber auch mit einer erschreckenden Klarheit bewusst, dass er Theo nicht in seiner Nähe wissen wollte, wenn er ein Päckchen mit potentiell gefährlichem Inhalt öffnete. Theo mochte zwar ein guter Zauberer sein und sich auch mit schwarzmagischen Flüchen auskennen, aber er würde es sich niemals verzeihen können, wenn dem anderen Zauberer irgendetwas geschah. Dafür war er ihm in der kurzen Zeit schon viel zu wichtig geworden.
Doch da war noch die Hand auf seiner Schulter. Die Hand, die ihm ganz klar sagte, dass Theo sich durchaus bewusst war, dass der Inhalt des Päckchens gefährlich sein konnte und dass er trotzdem in Dracos Nähe bleiben würde, dass er bei ihm bleiben würde, wenn er das Päckchen öffnete. Theo würde sich nicht wegschicken lassen. Egal, was Draco davon hielt. Schliesslich beschwor Draco eine schützende Blase um das Päckchen und sich selber und zog vorsichtig die Laschen aus den Schlitzen, mit denen das Päckchen verschlossen war. Es geschah überhaupt nichts und so hob Draco den Deckel der kleinen Schachtel.
Erleichtert löste er schützende Blase, die ihn immer noch umgab und winkte Theo heran. Im Innern der Schachtel lag, auf weissem Seidenpapier, eine rote Rose. Eine Rose, wie sie Draco noch nie gesehen hatte. Die Blütenblätter schimmerten in allen Rottönen, während gleichzeitig magische Wassertropfen wie Tau funkelten und blitzten. Staunend hob er die Rose aus der Schachtel und hob sie empor. „Die ist wunderschön", war sein allererster Gedanke, nur um dann sofort von der Frage abgelöst zu werden: Wer schickte ihm eine solche Rose? Es musste sich um eine ganz besondere Züchtung handeln und die waren entsprechend teuer. Wer, also, schickte ihm eine solche Rose und dann auch noch komplett ohne Absender?
Unbemerkt hatte sich Theo neben ihn gestellt und da war sie wieder, die Hand auf seiner Schulter, die ihm Sicherheit schenkte und Geborgenheit. Mit einem letzten Blick auf die roten Blütenblätter legte Draco die Rose in ihre Schachtel zurück. So schön sie auch sein mochte, aber ohne Absender, ohne, dass er wusste, wer sie ihm geschickt hatte, konnte er nicht wirklich etwas damit anfangen. Eine solche Rose verschenkte man nicht einfach so. Da steckte eine Absicht dahinter. Entschlossen legte er den Deckel wieder auf die Schachtel zurück und erwiderte auf Theos fragenden Blick, dass sich seine Hauselfe darum kümmern würde. Sie beide würden jetzt erst einmal in aller Ruhe frühstücken.
Während des Frühstücks verdrängte Draco die Rose und die Frage, wer sie ihm geschickt haben könnte, vollständig aus seinem Gedächtnis. Stattdessen genoss er es einfach, gemeinsam mit Theo in seiner Küche am Tisch zu sitzen, sich mit diesem über die verschiedensten Themen zu unterhalten und ein wundervolles Frühstück zu essen. Da gab es frisch zubereitete Omeletten, gekochte Eier und noch vieles mehr.
Draco hatte gerade den letzten Schluck seines Tees getrunken, den er sich, nach dem Schock mit der Rose doch noch aufgebrüht hatte, als eine Eule ans Fenster klopfte. Mit einem unwilligen Brummen stand er auf, um das Fenster zu öffnen und sie hineinzulassen. Ein überraschter Laut von Theo liess ihn sich umdrehen und seinen Freund fragend anschauen. „So eine Eule hat die Rose heute Morgen gebracht, Draco. Das ist wieder eine Boteneule von Flora." Schon wieder? Draco betrachtete das Päckchen genauer und konnte, wie auch beim anderen, ausser dem Logo des Blumenladens keinen Absender finden.
Wie bereits beim anderen Päckchen überprüfte er erst die Verpackung auf mögliche Fallen und öffnete es anschliessend wieder innerhalt einer Schutzblase. Als er den Deckel abhob, kam ein wunderschönes, zierliches Orchideengesteck zum Vorschein. Wer, um alles in der Welt, machte sich die Mühe, ihm gleich zwei Mal Blumen zu schicken und dann doch seinen Namen nicht zu hinterlassen? Was für einen Sinn hatte es, ihm anonym teure Blumen zu schicken, wenn der Absender das dann doch nicht ausnutzen wollte?
Das erneute Klopfen einer Eule am Fenster holte Draco aus seinen Gedanken. Wie auch schon die andere Eule, trug auch diese ein kleines Päckchen am Bein. Ein Päckchen, wieder ohne Absender und Begleitbrief, diesmal aber mit dem Logo des Juweliers. So langsam wurde das immer seltsamer. Wer schickte ihm diese Päckchen? Mit einem ratlosen Schulterzucken nahm Draco auch dieser Eule ihre Last ab und überprüfte die Verpackung auf Fallen, ehe er vorsichtig die winzige Schachtel öffnete.
Drinnen lag auf einem schwarzen Samtkissen ein goldenes Armband. Unschuldig glitzerte es im Licht und doch hätte Draco es um keinen Preis der Welt angefasst, bevor er nicht wusste, wer es ihm geschickt hatte. Gerade er musste doch wissen, wie einfach es war, gerade Schmuck mit tödlichen Flüchen zu belegen. Neben ihm lehnte sich Theo über die Schatulle und betrachtete das Armband. „Das ist ein Bettelarmband", flüsterte er. Ein Bettelarmband? Irgendwo bei Draco fingen die Alarmglocken an zu schrillen. Das Bettelarmband erinnerte ihn an etwas, auch wenn er nicht mehr so genau wusste woran. „Ein Bettelarmband?", wiederholte er daher nur ungläubig.
Theo nickte. Vor nicht allzu langer Zeit, war es durchaus üblich gewesen, dass man seinen Freunden und vor allem seinen Geliebten so ein Bettelarmband schenkte und die zugehörigen Anhänger mit Schutzzaubern versah, welche die betreffende Person vor Angriffen schützen sollten. Nachdem es zu mehreren Fällen gekommen war, in denen die Anhänger zu ganz anderen Zwecken genutzt worden waren, war man wieder von den Armbändern abgekommen. Wenn jetzt jemand Draco so ein Armband geschickt hatte, dann konnte das eigentlich nur heissen, dass es einer seiner Freunde gewesen sein konnte oder aber ein Verehrer.
Draco verschloss die Schatulle wieder. Ein Bettelarmband. Wer würde ihm ein Bettelarmband schicken? Und wer wäre so arrogant, das anonym zu tun, einfach davon ausgehend, dass Draco dann schon wusste, wer es ihm geschickt hatte? Seine Freunde konnten es nicht sein, denn die hätten es ihm ganz sicher selber gegeben. Arrogant. Draco spürte wie er blass wurde und sich setzen musste. Er kannte nur eine Person, die arrogant genug war, um ihm ein Bettelarmband ohne Absender zu schicken und jetzt machten auch die Blumen einen Sinn. Natürlich. Anders konnte es gar nicht sein. Das Armband, die Blumen, alles deutete auf eine Person hin: Harry! Wie hatte er nur so blind sein können?
„Harry", murmelte er leise. Das machte doch alles überhaupt keinen Sinn. Harry hatte ihn doch verlassen? Warum sollte er ihm plötzlich Blumen schicken und Schmuck? Harry hatte doch gesagt, dass es keinen Sinn mehr mit ihnen hatte und Harry war doch mit diesem Damian an dem Empfang aufgetaucht, seinem neuen Freund. Das war doch alles völlig irrational. Theos Hände legten sich auf Dracos Schultern, beruhigten ihn, brachten ihn wieder auf den Boden zurück. „Was meinst du mit ‚Harry'?" Ganz leise nur hatte Theo gefragt und doch hätte er genauso gut schreien können.
Die Hände auf seinen Schultern hinderten Draco daran, aufzuspringen und im Zimmer hin und her zu tigern. „Was meinst du mit Harry?", fragte Theo noch einmal eindringlicher. Draco hatte das Bedürfnis wegzulaufen, irgendetwas zum Explodieren zu bringen, jemanden anzuschreien oder sonst irgendetwas völlig irrationales zu tun und doch tat er nichts von alle dem. Er blieb einfach nur auf seinem Stuhl sitzen und atmete tief durch, versuchte zur Ruhe zu kommen. Jetzt war also der Tag gekommen. Der Tag, von dem er immer gewusst hatte, dass er kommen würde und den er doch gefürchtet hatte.
Es war an der Zeit, Theo von seiner Beziehung zu Harry zu erzählen. Nicht nur, die Kurzfassung, die beinahe alle kannten, sondern das, was schiefgelaufen war, wie Harry ihn verlassen hatte, in dieser Nacht, die Dracos Leben vollständig verändert hatte.
Wenig später sassen sie zusammen auf dem grossen Sofa, auf dem Theo auch geschlafen hatte. Draco hatte sich an seine Brust gelehnt und Theo beschützend einen Arm um ihn gelegt. Die Schatulle stand immer noch unschuldig auf dem Tisch. Nur langsam begann Draco zu reden. Stockend, ohne Theo dabei ins Gesicht schauen zu können, berichtete er, wie Harry ihren Jahrestag vergessen hatte, ihm anschliessend aus dem Weg gegangen war und sich schliesslich, nur wenig später, von ihm getrennt hatte. Draco erzählte, wie er zu seinen Eltern geflohen war und wie sehr es ihn verletzt hatte, von Harrys Affären im Tagespropheten zu lesen. Theo sass einfach nur still da, hielt ihn fest und liess ihn reden. Einen Teil der Ereignisse kannte er, hatte von ihren gemeinsamen Freunden davon gehört und doch war es etwas ganz anderes, wenn ihm Draco selber davon erzählte.
„Aber ich verstehe einfach nicht, was er damit bezwecken will. Warum schickt er mir jetzt Blumen und Schmuck? Er war es doch, der die Trennung wollte und mir aus dem Weg gegangen ist", schloss Draco ratlos und liess sich noch ein wenig näher an Theo sacken. Eine Weile sassen sie schweigend so da. Draco genoss es, von Theo gehalten zu werden, zu wissen, dass Theo für ihn da war, wenn er ihn brauchte. Harry hatte ihn schon lange nicht mehr so gehalten. Nur ganz am Anfang ihrer Beziehung, als sie beide noch versuchten die Ereignisse im Krieg gegen Voldemort zu verarbeiten, damals hatte auch Harry ihn manchmal gehalten.
Für einen kurzen Moment gelang es Draco zu vergessen, gelang es ihm zu verdrängen, dass da eine Schatulle mit einem Bettelarmband auf dem Tisch stand, das ihm Harry geschickt hatte. Einfach so, ohne jeden Grund. Für einen kurzen Moment konnte er vergessen, dass er noch entscheiden musste, was er mit dem Armband tun wollte, was er tun würde, falls ihm Harry auch noch die dazugehörigen Anhänger schickte. Für einen kurzen Moment konnte er sich einfach in Theos Umarmung fallenlassen und die Welt um sich herum vergessen.
Das hartnäckige Klopfen einer Eule gegen die Fensterscheibe holte ihn wieder in die Wirklichkeit zurück. Unwillig befreite sich Draco aus Theos Umarmung und stand auf, um die Eule hineinzulassen. Als er den braunen Steinkauz erkannte, konnte er nicht verhindern, dass ihm für einen Augenblick der Atem stockte. Der Steinkauz, das war Harrys Eule. Das war die Eule, die er sich nachdem langem Zögern nach Hedwigs Tod gekauft hatte, einfach, weil er eine Eule brauchte, nicht, weil er eine neue Eule wollte. Der Steinkauz, von dem sie beide immer gewusst hatten, dass er Hedwig nie würde ersetzen können und der doch immer mehr Dracos Eule gewesen war, als Harrys.
Eine Augenblick lang spielte Draco mit dem Gedanken, den Kauz wieder wegzuschicken, unabhängig von dem grossen Paket, das er mit sich trug und das doch einen recht schweren Eindruck machte. Was ihn schlussendlich dazu bewogen haben mochte, den Kauz hineinzulassen, konnte Draco nicht so recht sagen, aber irgendetwas Bittendes hatte in den Augen des Vogels gelegen. Die Eule hüpfte durch das geöffnete Fenster auf die Fensterbank und wartete geduldig, bis Draco das Paket gelöst und auf den Tisch gelegt hatte. Erst dann sprang sie auf seine Schulter und begann zärtlich an seinem Ohr zu knabbern und leise in sein Ohr zu schuhuhen.
Mit einem kleinen Lächeln gab ihr Draco einen grossen Eulenkeks und streichelte sie mehrmals über den Kopf, bevor sie direkt von seiner Schulter aus abhob und davonflog. Während Draco sich noch von der Eule verabschiedet hatte, war ihm Theo in die Küche gefolgt und betrachtete nun neugierig das grosse Paket, das auf dem Tisch lag. Die Frage, ob Harry es geschickt hatte, war eigentlich überflüssig, aber er stellte sie trotzdem.
Draco nickte bestätigend und machte sich daran, vorsichtig das Papier zu entfernen und das Paket zu öffnen. Fast schon zärtlich strichen seine Finger über das alte Leder, das darunter zum Vorschein kam, während er Stück für Stück die Grosse Zaubertrankenzyklopädie in 2 Bänden A – L entblätterte. Vorsichtig fuhr er die goldenen Lettern, mit denen der Titel eingeprägt war, mit dem Finger nach und holte dann noch einmal Atem, bevor er das Buch aufschlug.
Auf der allerersten Seite, direkt nach dem Einband, fiel ihm ein handgeschriebener Absatz ins Auge.
Für meinen geliebten Drachen
Ich erinnere mich des wunderbaren Augenblicks:
Du erschienst vor mir
Wie eine flüchtige Erscheinung,
wie der Genius der reinen Schöpfung
Unter den Qualen hoffnungsloser Trauer,
in den Wirrnissen lärmender Eitelkeit
erklang mir lange deine zärtliche Stimme,
und ich träumte von deinen lieben Zügen.
Jahre vergingen. Eine wilde Sturmbö
Zerstreute die früheren Phantasien,
und ich vergass deine zärtliche Stimme,
deine himmlischen Züge.
In der Einöde, im Dunkel der Verbannung
Zogen sich still meine Tage hin,
ohne Gottheit, ohne Inspiration,
ohne Tränen, ohne Leben, ohne Liebe.
Die Seele erwachte:
Und da erschienst du wieder
Wie eine flüchtige Erscheinung,
wie der Genius der reinen Schönheit.
Das Herz schlägt in Ekstase,
und von neuem erstanden ihm
Gottheit, Inspiration,
Leben, Tränen, Liebe.*
In ewiger Liebe, Harry
Draco las das Gedicht einmal durch, dann noch einmal, bevor er das Buch heftiger als beabsichtigt zuschlug. Kalte Wut stieg in ihm auf. Wie konnte Harry das wagen? Wie konnte Harry es wagen, ihm etwas von ewiger Liebe zu erzählen, nachdem er ihn einfach so verlassen hatte, nachdem er ihrer Beziehung nicht einmal mehr eine Chance gegeben hatte? Wie konnte Harry es wagen, jetzt damit anzukommen? Jetzt, da Draco es endlich geschafft hatte, damit abzuschliessen?
Starke Arme umfingen Draco, hielten ihn fest, während er seine ganze Wut auf Harry hinausschrie, sein Unverständnis, warum er ausgerechnet jetzt anfangen musste, ihm Geschenke zu schicken. Jetzt, da es ihm endlich gelungen war, das Thema Harry als Vergangenheit zu akzeptieren.
Nur langsam gelang es Draco sich zu beruhigen, seine Wut in den Griff zu bekommen. Als er sich endlich aus Theos Armen löste, blitzten seine Augen entschlossen. Ohne zu zögern rief er nach seiner Hauselfe und trug ihr auf, das Buch, das Armband und die beiden Blumen sorgfältig eingepackt zu Harry Potter zu bringen und ihm dabei gleich auszurichten, dass er keine weiteren Geschenke mehr schicken sollte.
* Alexander Puschkin: An ***, übersetzt von Rudolf Pollach
