Kapitel 14 - Das zweite Zwielicht
Als er mit Genji im Esszimmer eintrat, war Shinichi kreidebleich. Er musste an Ran denken und wie sie ihm Jessica nur wenige Tage zuvor vorgestellt hatte und ihn mit der Conan-Karte dazu zwang, sich auf ihren irrwitzigen Plot einzulassen. Jessica... dieses aufgedrehte achtzehnjährige Mädchen, mit dem sie sich so gut verstand. Irgendwie konnte sich Shinichi nicht anders helfen, als Schuld dafür zu empfinden, was passiert war. Schließlich konnte es kein Zufall mehr sein. Wohin auch immer er hinging, der Tod folgte ihm. Anders war es nicht zu erklären, wie er an der Seite von Kogoro in derart viele Fälle verwickelt wurde. War seine Anwesenheit auf Rokkenjima der Grund für die Morde? Wäre dies eine völlig normale, langweilige Familienkonferenz geworden, hätte der Detektiv sich nicht entschlossen, mitzukommen? Wäre dann Jessica noch am Leben?
„Kudo-san? Was ist passiert?", fragte Eva entsetzt.
Shinichi schaute zu Boden.
„Das Studierzimmer...", war alles, was er hinauspressen konnte.
Nachdem er und Genji die Schmierereien in Jessicas Zimmer gefunden hatte, war er sofort dort hinunter gerannt. Die Art und Weise, wie das Schachbrett angeordnet war, ließ darauf schließen, dass der Täter ihnen einen erneuten Hinweis liefern würde. Und er wurde nicht enttäuscht. Drei weitere Spielsteine waren umgeworfen worden und ein weiterer Brief lag zwischen ihnen. Ein Brief, der an ihn gerichtet war. An ihn persönlich.
„Was... was ist mit Jessica-chan und Kanon-kun passiert?", fragte Battler zunächst verwirrt, bis es ihm dämmerte und er schluckte. „Sag nicht, dass sie..."
Wortlos führte er sie zu Kinzos Studierzimmer und so wurden sie Zeugen seines Versagens. Mitten im Raum lagen zwei weitere Körper in unnatürlich verrenkten Körperhaltungen. Beide hatten ähnlich schwere Kopfwunden wie die zuvor gefundenen Diener. Es waren George und Jessica. Sie waren tot. Der kurze Blick, den Shinichi auf die Blutzspritzer warf, offenbarte, dass Jessica in diesem Raum getötet wurde. Vermutlich passierte es, während sie auf dem Weg zum Esszimmer waren. Im Gegensatz dazu gingen keine Blutsprizer von Georges Wunde aus, weshalb er vermutete, dass er woanders getötet und hier her transportiert wurde. Da die Leichenstarre bereits einzusetzen begann, musste Shinichi davon ausgehen, dass er bereits seit einigen Stunden tot war und die Spielsteine damit eine Finte waren. Der Täter hatte gelogen. Für wen der dritte umgestoßene Spielstein jedoch stand, konnte er nicht sagen. Shannon und Kanon waren weiterhin beide vermisst. Jedoch hatte er das beunruhigende Gefühl, dass sie auf den Körper von einem der beiden stoßen würden, wenn sie nur lange genug suchten.
Verdammt, verdammt, verdammt...
Shinichi beobachtete niedergeschlagen, wie die sonst so kalte Eva weinend neben der Leiche ihres Sohnes zu Boden ging, während Battler die Decke anzubrüllen schien. Die anderen versammelten sich stumm um sie herum, allesamt mit Ausdrücken der Hilflosigkeit in ihren Gesichtern. Der Detektiv wendete sich ab und starrte aus dem Fenster. Sie durften nicht mitbekommen, wie sehr er sich über seine Niederlage ärgerte. Hätte er es geschafft, den ersten Mord zu aufzuklären oder Jessica und Kanon irgendwo in Sichtkontakt zu halten, dann hätte er diesen Mord verhindern können, der praktisch vor seiner Nase geschah. Der Serienkiller auf Rokkenjima war schneller gewesen, als er handeln konnte.
Komm schon... das darf es doch nicht gewesen sein... Wenn ich aufhöre zu denken, dann ist es vorbei. Ich muss ihn stoppen. Jetzt!
Shinichi schlug mit der Faust auf die Wand neben dem Fenster ein.
Denk, Shinichi. Ein Problem nach dem anderen. Problem 1: Wie wurde der geschlossene Raum erschaffen? Problem 2: Wer ist der Täter? Für letzteres gibt es nur noch drei Verdächtige, zumindest wenn ich annehme, dass es nur einen Mörder gibt. Das wären dann die beiden Vermissten und Rosa, die sich noch vor Jessica aus dem Studierzimmer begab und erst spät zu den restlichen Gästen im Esszimmer aufschloss.
Shinichi hoffte, dass wenn er in der Lage war, den verschlossenen Raum zu erklären, er in der Lage wäre, den Verdächtigenkreis noch weiter einzuschränken oder sogar handfeste Beweise in die Finger zu bekommen. Frustriert schloss er die Augen und öffnete sie wieder.
Das Fenster... Wenn sich der Täter die Tür versperrt hat, um uns einen magischen Trick vorzugaukeln, dann muss die Antwort beim Fenster liegen.
Er versuchte die Trauernden nicht zu stören, während er ein Taschentuch zückte und vorsichtig das Fenster entriegelte, ohne etwaige Fingerabdrücke zu verwischen. Doch bevor er das Fenster öffnete, bemerkte er dass sein Taschentuch beim Loslassen ein wenig Widerstand bot. Stutzend betrachtete er den Riegel und bemerkte einen feinen klebrigen Film mit sehr glatt abgeschnittenen Kanten.
Klebeband... wenn meine Vermutung richtig liegt, dann...
Er musterte noch eingehender dieses Fenster. Das Glas war unbeschädigt, doch zufrieden stellte er fest, dass es eine Kerbe am linken Rahmen gab, wo auch ein Stückchen der Abdichtung fehlte.
So wird mir einiges klarer...
Nun öffnete er das Fenster einen Spalt und streckte sich mit dem Kopf hinaus. Es gab einen schmalen Balkon und dieser war zu hoch, um zu springen. Neben dem Fenster gab es jedoch das Rohr einer Regenrinne und die umliegenden Kletterpflanzen wirkten arg angeschlagen, was nicht nur vom Wetter stammen konnte. Shinichi hatte gesehen, was er sehen wollte und schloss das Fenster wieder.
Möglicherweise ist der Täter auch nach dem Mord an Jessica auf diese Weise geflüchtet, um nicht das Risiko einzugehen, von den anderen im Erdgeschoss erwischt zu werden... wenn sie sich nicht sogar ihnen angeschlossen hatte, nachdem die Tat vollbracht wurde.
Ärgerlich stellte er fest, dass er noch immer keinen Beweis und kein Motiv hatte.
„Okay, Leute. Eines steht fest: Wir müssen uns bewaffnen und zusammenbleiben", erklärte Rudolf grimmig, während er und Kyrie mehrere Gewehre von der Schauwand abnahmen. „Jemand hat es ganz offensichtlich auf die Ushiromiyas abgesehen. Ob nun eine Hexe oder jemand, der es auf das Gold abgesehen hat... Ich weiß es nicht und es ist mir auch egal. Die Polizei wird sich morgen darum kümmern, wenn dieser Sturm abgeflaut ist. Bis dahin wird dieser Mistkerl uns aber von einer ganz anderen Seite kennen lernen!"
„Rudolf-san hat recht...", sagte Hideyoshi missmutig. „Wir dürfen niemanden von uns mehr aus den Augen lassen. Wer weiß, was dann mit denjenigen geschieht."
Er blickte hinab zu seiner Frau und massierte sanft ihre Schultern.
„Komm bitte... du musst ihn nicht so sehen... außerdem braucht die Polizei den Ort im unveränderten Zustand, damit sie denjenigen schnappen können, der ihm das angetan hat."
„Die Polizei wird uns nicht helfen können", fauchte sie zurück. „Bis die da sind, sind wir doch schon alle tot!"
Eva erhob sich und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Ohne noch ein weiteres Wort zu sagen, fixierte sie Shinichi und schritt etwas wackelig auf ihn zu. Ihr wutentbrannter Gesichtsausdruck bereitete ihm Bauchschmerzen.
„Nun, Meisterdetektiv. Was hast du zu sagen? Wer ist es gewesen? Sag schon, du musst es doch schon längst wissen!"
Shinichi schluckte und konnte den Drang nicht unterdrücken, vor der von Trauer gesteuerten Mutter zurückzuweichen.
„Ich... es... tut mir leid..."
„Heißt das, dass du es nicht weißt?", reagierte sie bissig. „Kann es sein, dass dieses Gerede von Battler-kun, dass du ein berühmter Detektiv bist, nur heiße Luft ist?"
„Das meinte ich nicht... ich... ich weiß, wie der Täter aus dem Raum kam, aber..."
„Aber was?"
„Es gibt nicht genug Beweise", verteidigte er sich verzweifelt. „Und ich werde niemanden verdächtigen, solange ich nicht mehr in den Händen halte."
„Noch mehr Beweise? Shannon-chan war mit meinem Sohn unterwegs, bevor er starb und Kanon-kun mit Jessica-chan. Die beiden müssen hierfür verantwortlich sein!"
„Wie kannst du das sagen, Obasan?", trat Battler auf einmal dazwischen. „Kanon-kun und Shannon-chan? Mörder?! Es muss noch jemanden geben, der hier auf der Insel herumschleicht. Und wenn wir anfangen, uns gegenseitig zu misstrauen, dann spielen wir dieser Beatrice direkt in die Hände."
„Und was schlägst du vor, sollen wir tun?", fragte Eva zurück. „Sollen wir uns auf die Suche nach den beiden machen und Gefahr laufen, in kleinere Gruppen getrennt zu werden, die ‚Beatrice' leichter umbringen kann?"
„So nicht... aber... wir können sie doch nicht einfach im Stich lassen. Wenn sie noch am Leben sind, müssen wir sie doch finden können."
Einen von ihnen, zumindest, raunte Shinichi innerlich mit einem knappen Blick zum Schachbrett. Und selbst das könnte eine Lüge sein. Möglicherweise hatte der Täter nur nicht genug Zeit, alle Leichen herzurichten, wie er wünschte.
Es war nun Eva, die auf einmal inne hielt. Es wirkte, als ob ihr plötzlich etwas eingefallen war, was sie im Schrecken des Augenblicks verdrängt hatte.
„Du musst begreifen, dass wir ihnen nicht mehr helfen können, ohne uns selbst zu gefährden... doch... wir...", sie schüttelte den Kopf. „Wir können es uns nicht leisten, hier zu bleiben. Das Haupthaus hat drei Eingänge und zahlreiche Fenster im Erdgeschoss. Wir werden uns hier nicht einigeln können."
„Ich bin ganz deiner Meinung, Neesan", sagte Rudolf. „Wir können uns für den Rest des Tages im Gästehaus verschanzen."
„Denkt an die Schlüssel... wir wollten doch noch die Schlüssel nehmen", sagte Rosa mit schwacher Stimme.
Sie war ebenso mit in das Studierzimmer gekommen, doch sie hielt sich mit Maria bei der Tür auf und versuchte ihr die Augen zuzuhalten, auch wenn sie die Situation für ihr Alter erstaunlich gut verkraftete.
„Richtig...", Rudolf trat vor und wirkte, als würde ihm schlecht werden, als er an die Leiche seines Bruders trat, um sie nach Schlüsseln zu durchsuchen. „Kyrie!"
„Bin schon dabei", antwortete diese und machte sich daran, Natsuhi durchsuchen.
„Das ist jetzt aber merkwürdig", sagte Rudolf schließlich, als er bei George angekommen war.
„Was denn?", fragte Shinichi, sich aus Evas Griff befreiend.
„George-kun trägt zwei Schlüssel mit sich. Den zu seinem Gästezimmer und einen Masterkey."
„Das gleiche gilt für Jessica-chan", bemerkte Kyrie stirnrunzelnd.
„Es scheint sich um die Schlüssel von Kanon-kun und Shannon-chan zu handeln", sagte Genji trocken.
Natürlich sind sie das, das sind die einzigen, die vermisst werden... Warum sollte der Täter uns diese auf dem Silbertablett servieren? Damit schränkt Beatrice doch nur ihre eigene Bewegungsfreiheit ein.
„Umso besser. Damit wissen wir, dass der Täter keinen weiteren Masterkey besitzt. Wenn wir uns ins Gästehaus zurückziehen, wird er uns nicht folgen können", erklärte Rudolf.
Zustimmendes Gemurmel kam von der gesamten Gruppe. Schließlich rafften sie sich auf und verließen den Saal, um sich auf zum Gästehaus zu machen.
„Kudo-san, Genji-san. Wartet bitte noch einen Moment", sagte Eva dabei noch im Treppenhaus.
„Hey, lasst euch nicht abhängen", meinte Rudolf, der ebenfalls stehen geblieben war.
„Nein, nein. Aber ihr könnt schon vorgehen. Wir können uns im Ernstfall verteidigen", antwortete sie und deute ihr und Hideyoshis Gewehr.
„Pass nur auf dich auf...", raunte Rudolf zurück und ging weiter mit den anderen nach unten.
Eva wartete, bis die anderen außer Sichtweite waren, bevor sie weiter sprach.
„Es... gibt einen Weg, den Täter aufzuhalten, Kudo-san. Auch wenn wir seine Identität noch nicht kennen", begann sie unsicher.
„Sie wollen das Epitaph lösen, nicht?"
Shinichi wusste nicht, ob er dazu ohne einen Ansatzpunkt in der Lage gewesen wäre. Abgesehen davon war nicht sicher, ob es den Täter aufhalten würde. Beatrice könnte auch gelogen haben. Ohne ein gesichertes Motiv konnte man nicht sagen, ob dieser Mörder sich an ein selbst auferlegtes Szenario halten würde.
„Ganz recht. Wirst du mir dabei helfen?", fragte Eva schließlich.
„Wir könnten in eine Falle laufen...", wich Shinichi aus, auch wenn es ihm missfiel, ein Rätsel ungelöst zu belassen.
„Es ist immer noch besser, als uns zu verstecken und darauf zu warten, dass der Täter uns findet. Nein, ich will ihn in die Defensive bringen. Für George."
„Okay... so wie Sie sprechen, muss ich annehmen, dass Sie mehr über das Epitaph wissen, als ich."
„Das ist richtig. Es ist mir erst in diesem Jahr aufgefallen, doch ich denke, dass ich weiß, wo die geliebte Heimat meines Vaters lag."
„Dann ist es nicht Odawara?"
„Niemals. Vater hat seine Zeit dort gehasst... Jedoch gibt es einen Ort, an den er immer gute Erinnerungen gehabt hatte. Taiwan."
„Taiwan ist groß", bemerkte Shinichi das Offensichtliche.
„Das bedeutet nur, dass wir mehr Flüsse zur Auswahl haben... und einen Atlas brauchen.
Tut mir leid, dass ich nicht mehr habe, aber das ist der einzige Hinweis, den ich habe. Über den Rest des Rätsels bin ich trotz all der Jahre immer noch nicht schlauer."
„Nein, nein, das ist großartig. Der Startpunkt ist alles, was mir gefehlt hat. Ich denke... ich denke, wir können es hinkriegen."
„Genau das wollte ich hören, Kudo-san."
„Sag, Genji-san: Wo können wir hier einen Atlas finden? Einen möglichst alten, der Rest des Rätsels wird wahrscheinlich aus antiken Wortspielen bestehen."
Der Butler musste nur kurz nachdenken.
„Es dürfte mehrere in Kinzos Bibliothek geben. In der zweiten, in die alle Bücher kommen, die er nicht mehr in seinem Studierzimmer haben wollte."
„Dann führ uns bitte dorthin."
Bevor er sich der Gruppe anschloss, wagte Shinichi einen letzten Blick zurück zum Studierzimmer mit den acht Menschen, die bereits an diesem Ort gestorben waren.
Nur weil ich mich an dem Epitaph versuchen werde, heißt das nicht, dass ich diesen Fall ruhen lassen werde. Beatrice... Es gibt nur eine Wahrheit! Und ich werde sie finden!
