Auf dem Weg zum Shuttlehangar ging Kon hinter seinen Gefangenen her und trieb sie mit Flüchen und Stößen an, schneller zu gehen. Spock stand offensichtlich immer noch unter Drogeneinfluss und gehorchte mechanisch auf alles, was ihm gesagt wurde. Kirk leistete ebenfalls keinen Widerstand, es war ohnehin aussichtslos angesichts seines Zustands und der Bewaffnung des Romulaners. Außerdem, was auch immer sie auf dem Shuttleflug erwartete, so wie er Xenos verstanden hatte, würden sie allein fliegen und er sehnte sich danach, Kons Dunstkreis zu entkommen. Der Mann stank bestialisch und bedachte Kirk ausgiebig mit schmierigen Sprüchen und anzüglichen Blicken.

Schließlich betraten sie eine Schleuse, die zum Hangar führte. Sie war eigentlich nur für eine Person gedacht, aber da Kon seine Gefangenen nicht allein lassen wollte, quetschte er sich mit ihnen hinein. Natürlich nutzte er die Gelegenheit, Kirk ausgiebig zu betatschten. Kirk setzte gerade dazu an, dem Widerling sein Knie mit aller Kraft zwischen die Beine zu stoßen, egal was das für Folgen gehabt hätte.

Doch in dem Moment öffnete sich die Schleusentür und eine weibliche Stimme sagte scharf: „Kon, hör auf damit! Du weißt, dass Xenos so etwas auf seinem Schiff nicht duldet!" Kirk spürte erleichtert, wie der Mann von ihm abließ und musterte seine 'Retterin'. Eine hochgewachsene Romulanerin stand vor ihnen und wischte ihre ölverschmierten Hände gerade an einem Tuch ab. Ihr verdreckter Arbeitsanzug, an dem zahlreiche Werkzeuge baumelten, wies sie eindeutig als Schiffsmechanikerin aus. Im Gegensatz zu den Männern an Bord hatte sie ihre Haare nicht abgeschoren, sondern nur kurz geschnitten und trug ein einzelnes, dezentes Tattoo auf der Stirn.

„Ach komm Jenua, der Süße hier lebt doch sowieso nur noch eine halbe Stunde, warum lässt du mich nicht noch ein wenig Spaß mit ihm haben, das wäre doch sonst Verschwendung!"

„Du bist ekelhaft, Kon." Sie schüttelte den Kopf. „Mach dass du von meiner Station kommst!"

Der Romulaner warf ihr einen wütenden Blick zu, räumte dann aber das Feld. Offenbar war seine Stellung an Bord die eines Handlangers, der sich den Anweisungen der anderen Besatzungsmitglieder beugen musste. Kirk war froh, dass es nicht andersherum war, er wollte sich lieber nicht vorstellen, was in dem Fall mit ihm passiert wäre.

„Also gut, dann kommt mal mit.", sagte die Romulanerin zu Kirk und Spock und führte sie zu einem der Shuttle, die in dem kleinen Hangar in einer Reihe standen. Kirk erwog einen Moment lang einen Fluchtversuch, denn die Frau war nicht bewaffnet. Doch sie waren nicht allein, sondern mindestens ein Dutzend Personen liefen auf dem Deck herum und viele von ihnen trugen zumindest ein Messer am Gürtel. Gefesselt und mit einem geistig abwesenden Spock an seiner Seite, waren die Erfolgsaussichten äußerst gering. Und selbst wenn sie es schaffen würden, aus dem Hangar zu fliehen, wo sollten sie dann hin? Ein romulanischer Kreuzer war nicht unbedingt ein Ort, an dem man sich gut verstecken konnte.

Das Shuttle, neben dem sie schließlich stehen blieben, war offensichtlich vulkanischer Herkunft. Allerdings war es ein ziemlich altes Modell. Vermutlich hatten die Romulaner es vor längerer Zeit gekapert. Die Romulanerin öffnete eine Luke des Shuttles, nahm die Leine um Spocks Hals und manövrierte ihn hinein. Dann winkte sie Kirk zu sich. „Mach keine Dummheiten!", riet sie ihm, drückte seinen Kopf runter und schob ihn ebenfalls durch die Luke.

Danach folgte sie den beiden und begann, verschiedene Knöpfe an der Steuerung zu drücken. „So, ich habe einen Kollisionskurs in den Autopiloten eingegeben und die Konsole geblockt. Ihr braucht euch keine Mühe zu geben, ohne Zugangscode könnt ihr daran nichts ändern." Sie drehte sich zu den beiden Männern um, die am Boden des Shuttles saßen, blutend und mit zerrissener Kleidung. Ihre grünbraunen Augen trafen Kirks und er erahnte einen Schimmer Mitgefühl darin. Hatten sie vielleicht doch noch eine Chance?

Aber dann wandte sich die Romulanerin wieder von ihnen ab und griff nach einem Funkgerät, das an einer der Schlaufen ihrer Hose hing. „Jenua an Poven. Das Shuttle ist startbereit. Soll ich die Abflugsequenz einleiten?"

„Poven hier. Wir befinden uns in 6 Minuten und 24 Sekunden außerhalb der Sensorenreichweite der vulkanischen Späher. Starten Sie dann das Shuttle. Ende."

„Jawohl. Jenua Ende.", bestätigte die Romulanerin.

Sie drehte sich zu Kirk um. „Ich gehe jetzt, die Abflugsequenz wird vom Leitstand aus aktiviert." Sie zögerte einen Moment, bevor sie weitersprach. „Ich nehme nicht an, dass es etwas ausmacht, wenn ihr eure Fesseln los seid. Die Steuerungen im Shuttle sind ohnehin alle geblockt. Und die letzten Momente im Leben sollte man meiner Meinung nach zumindest seinen Freund im Arm halten können. Deiner hat es auf jeden Fall nötig." Sie wies auf Spock, der inzwischen unkontrolliert zitterte. „Versuch gar nicht erst, mich anzugreifen, ich mag nicht so aussehen, aber meine Nahkampffähigkeiten sind ausgezeichnet, sonst wäre ich nicht an Bord dieses Schiffes."

Kirk nickte und legte alle Vertrauenswürdigkeit in seinen Blick, zu der er nur fähig war. Was auch immer diese Frau sagte, ungefesselt hatten sie zumindest den Hauch einer Chance, das Shuttle unter Kontrolle zu bekommen, wenn sie erstmal unterwegs waren.

Die Romulanerin zögerte erneut, nahm dann aber eine Art Cutter aus ihrem Werkzeuggürtel und durchschnitt Spocks und Kirks Fesseln. Sie hielt den Cutter weiterhin fest, während sie sich rückwärts durch die Luke nach draußen schob. Dann schloss sie mit einem Ruck das Shuttle und Kirk hörte, wie es gleich darauf verriegelt wurde.

Sobald sie allein waren, griff Kirk nach Spocks Schultern und drehte ihn zu sich herum. „Spock kannst du mich hören?", fragte er besorgt und schüttelte ihn vorsichtig. Aber der Vulkanier murmelte nur ein paar unverständliche Worte in seiner Muttersprache. Sein Blick war nicht mehr so glasig wie auf der Brücke, aber es fiel ihm immer noch schwer, ihn zu fokussieren. Er zitterte vor Kälte und den Nachwirkungen der Drogen. Kirk zog Spock eng an sich und strich ihm beruhigend über den Rücken. Durch die Berührung spürte er etwas von dem Chaos, das in dem Vulkanier herrschte. Es fühlte sich an, als wäre er in einem Meer aus Schmerz und Verwirrung versunken und würde immer wieder verzweifelt versuchen, an die Oberfläche zu gelangen, um nach Luft zu schnappen.

Kirk behielt Spock weiter fest in seinen Armen und rede sanft auf ihn ein. Währenddessen beobachtete er über dessen Schulter hinweg, wie das Shuttle anfing, in Richtung des geöffneten Schotts zu gleiten. Es gewann an Höhe und verließ schließlich den Hangar. Im nächsten Moment war von dem romulanischen Schiff nichts mehr zu sehen - offenbar hatten sie die Tarnvorrichtung durchquert. Stattdessen näherten sie sich langsam, aber stetig Vulkan II.

Kirk lehnte Spock behutsam gegen die Wand und wickelte ihn in eine Decke, die in einer Ecke des Shuttles lag und wohl als Unterlage bei Reparaturarbeiten gedient hatte. Er sah ihn noch einmal an und sein Herz verzog sich schmerzhaft bei dem traurigen Anblick. Doch dann riss er sich zusammen und ging zur Steuerkonsole hinüber. Er hatte keine Zeit abzuwarten, bis es Spock wieder besser ging. Wenn sie überleben wollten, musste er sofort handeln.

Es sah allerdings nicht gut aus. Die Romulanerin hatte nicht übertrieben, das gesamte Computersystem des Shuttles war durch einen Hochsicherheitscode abgeriegelt, den er unmöglich ohne Hilfsmittel knacken konnte, erst recht nicht innerhalb von ein paar Minuten. Die Anzeige des Funkgeräts blinkte rot vor sich hin, es bestand keine Möglichkeit, einen Notruf abzusetzen, zumal man ihnen die Kommunikatoren abgenommen hatte. Mehrere Leitungen waren überbrückt worden, so dass das Schutzschild kurz vor dem Zusammenbruch stand. Wenn das Shuttle in dem Zustand in die Atmosphäre des Planeten eintrat, würde es sofort explodieren.

Da solche Schildausfälle bei älteren Shuttles öfter vorkamen, war dies die perfekte Methode, einen Unfalltod vorzutäuschen. Von ihren Leichen würde dabei nicht genug übrig bleiben, um festzustellen, dass sie vor ihrem Tod gefoltert worden waren. Niemand käme auf die Idee, dass Romulaner ihre Hand im Spiel hatten.

Schweißperlen bildeten sich auf Kirks Stirn. Hektisch ging sein Geist eine Lösungsmöglichkeit nach der anderen durch, doch keine davon hatte Aussicht auf Erfolg.

***

Sarek beobachtete T'Pa-nosh, die nach seinen Worten sehr in sich gekehrt wirkte. Er konnte sich vorstellen, was in ihr vorging, doch er glaubte nicht, dass sie erneut verlassen worden war. Natürlich machte auch er sich Sorgen um Spock, aber er vertraute darauf, dass sein Sohn wusste, was er tat. Er neigte ganz und gar nicht zu unüberlegten Handlungen, auch wenn ihm das aufgrund seiner Abstammung oft unterstellt wurde.

„Darf ich Semrik halten?", fragte Sarek dann. „Meine Anwesenheit könnte ihn mental stabilisieren."

T'Pa-nosh zögerte kurz, legte ihm dann aber das kleine Deckenbündel in den Arm. „Achte bitte auf seinen Kopf." Ihre Stimme klang besorgt, auch wenn ihr Gesicht unbeteiligt wirkte.

„Natürlich.", antwortete Sarek in beruhigendem Tonfall. Er wusste, wie intensiv die Bindung einer Mutter zu ihrem Kind war, besonders so kurz nach der Geburt. Aber es war schließlich nicht das erste Mal, dass er ein Neugeborenes im Arm hielt. Er stützte mit einer Hand Semriks Hinterkopf und blickte in sein kleines, zartes Gesicht. Durch die blauen Augen sah der Junge seinem Vater auf den ersten Blick nicht besonders ähnlich, aber wenn man auf die Details achtete, erinnerte doch vieles an Spock.

Sareks Mundwinkel hoben sich unmerklich und er schickte einen Gedanken an Semrik: „Willkommen auf der Welt, mein Enkelsohn." Die Unruhe des Jungen legte sich und Sarek spürte, wie sich eine Antwort in ihm bildete. Sie bestand nicht aus Worten, nur aus Emotionen, aber diese waren erstaunlich klar für ein Kind diesen Alters. Zuneigung und ein Gefühl der Sicherheit tröpfelten durch ihre Verbindung.

Plötzlich surrte Sareks Funkempfänger und zerstörte den kostbaren Moment. Unwillig reichte er Semrik wieder an seine Mutter zurück und ging hinüber in Spocks Arbeitszimmer, um die Verbindung auch visuell annehmen zu können.

„Ich grüße Sie, Untersuchungsleiter Sintal", sagte Sarek, als er den Mann auf dem Bildschirm wiedererkannte. Er war nicht überrascht, von der Polizei kontaktiert zu werden, aber er konnte nicht leugnen, dass sich eine gewisse Nervosität in ihm ausbreitete. Seine Miene spiegelte jedoch nichts davon wider.

„Botschafter Sarek." Sintal senkte kurz grüßend den Kopf. „Ich muss ihnen leider mitteilen, dass James T. Kirk aller Wahrscheinlichkeit nach Vulkan II verlassen hat. Er hat sich seines Ortungsgeräts entledigt und ist nicht über Funk zu erreichen. Wir suchen jetzt den umliegenden Weltraum nach ihm ab. Die durch Sie geleistete Kaution verfällt somit."

Sarek zuckte mit keiner Wimper, obwohl ihm klar war, dass er dadurch den Großteil seines Vermögens verlor. Es kostete sehr viel Geld, einen wegen mehrfachen Mordes Angeklagten aus der Untersuchungshaft freizukaufen. Außerdem war dafür ein einwandfreier gesellschaftlicher Ruf des Bürgen Voraussetzung. Auch dieser würde zweifellos darunter leiden, dass er für einen flüchtigen Verbrecher gebürgt hatte.

„Darüber hinaus habe ich gerade einen Haftbefehl auf ihren Sohn Spock ausgestellt."

Sareks Gesicht wurde zu Stein. „Mit welcher Begründung?"

„Er wurde zusammen mit Kirk gesehen, als sie sich in einem Solarmobil aus der Stadt entfernt haben. Er steht daher unter dringendem Verdacht, Fluchthilfe zu leisten. Außerdem sprechen mehrere Indizien dafür, dass er an dem Virenanschlag beteiligt war."

„Warum sollte Spock so etwas tun? Er gehört zu dem Volk, das ausgelöscht werden sollte."

„Nur zum Teil, soweit mir bekannt ist."

Sareks Augen verengten sich. „Wollen Sie damit andeuten, dass mein Sohn aufgrund seiner halbmenschlichen Abstammung..." Seine Stimme wurde zunehmend lauter.

Sintal hob beschwichtigend die Hand. „Es tut mir leid, Botschafter, ich nehme die Aussage zurück, denn sie war unsachlich. Aber die gegen Spock vorliegenden Fakten sind absolut ausreichend für einen Haftbefehl." Er ordnete fahrig ein paar Unterlagen auf seinem Schreibtisch, das einzige Anzeichen dafür, dass auch ihn die Unterhaltung nicht unberührt ließ.

„Haben Sie mir noch etwas mitzuteilen?", fragte Sarek mit kalter Stimme.

„In der Tat. Wir haben die Gegend, wo Kirk zuletzt geortet wurde, gründlich abgesucht. Dabei sind wir auf ein Versteck gestoßen, in dem sich Botschafter Spock aufgehalten hat."

Sareks Augenbrauen schnellten nach oben. „Er wird seit Monaten vermisst! Wie geht es ihm?"

„Sehr schlecht.", antwortete Sintal. „Er ist schwer verletzt, wurde misshandelt. Wir ermitteln noch, wie es dazu kam. Leider kann uns Botschafter Spock keine Auskünfte geben, da er sich in einer tiefen mentalen Trance befindet. Natürlich wurde er in medizinische Behandlung überstellt, aber wir haben noch keine Kenntnis davon, ob er überleben wird oder nicht. Bitte wenden Sie sich an das örtliche Krankenhaus für weitere Auskünfte."

Sarek brachte kein Wort heraus und nickte nur, als sich Sintal höflich verabschiedete.

Als der Bildschirm ausging, bedeckte er sein Gesicht mit den Händen und stöhnte. Innerhalb weniger Minuten war das scheinbar feste Gebäude seines Lebens eingestürzt und alles, was ihm etwas bedeutete, schien unter den Trümmern begraben zu sein.