Kapitel 14
Hermine versuchte mühsam ein Gähnen zu unterdrücken, als sie am Morgen nach der Willkommensfeier die Küche betrat. Sie trug nicht mehr als ihren bequemen Schlafanzug und den weißen Morgenmantel, sowie Schlappen an den Füßen, die beim Laufen so herrlich über den Boden scharrten.
Ohne wirklich zu bemerken, was sie tat, füllte sie Wasser in einen Kessel, entzündete ein Feuer auf dem Herd und stellte das Gefäß darauf ab.
„Was tust du da?"
Mit einem spitzen Schrei fuhr Hermine herum und musste sich hart an der Arbeitsplatte abstützen, um auf dem glatten Küchenboden nicht den Halt zu verlieren.
Während ihr Herz noch raste, als hätte sie gerade den Weg von Dumbledores Büro in Hogwarts bis in die Kerker in weniger als zehn Minuten zurückgelegt, breitete sich ein Grinsen auf Sirius' Gesicht aus.
„Guten Morgen!", flötete er. Es war ihm nicht anzumerken, dass er am Vorabend getrunken hatte.
„Ähm... ja", nuschelte Hermine. Hitze stieg ihr ins Gesicht, als ihr auffiel, dass ihr Morgenmantel ein Stück offen stand und den Blümchendruck des Flanellpyjamas enthüllte. Rasch band sie ihn zu.
„Und, was tust du da nun?", kam Sirius zu seiner Frage zurück.
„Tee kochen", erwiderte sie zerstreut. An ihr war der Alkohol nicht ganz so spurlos vorbei gegangen. Allerdings ging es ihr noch wesentlich besser als Harry, den sie mit dem Tee zu beglücken gedachte.
„Per Hand?"
„Ja, mein Zauberstab ist oben."
„Du könntest ihn holen", schlug der Animagus unverbindlich vor und schob die Tasse, die vor ihm auf dem Tisch stand, von einer Hand in die andere.
„Ach, ich glaube, Harry hat auch nichts dagegen, die traute Zweisamkeit mit der Kloschüssel noch ein bisschen zu genießen, bevor ich ihm seinen Tee bringe." Sie lächelte etwas schadenfroh, während heißer Wasserdampf durch die Kappe des Kessels zu strömen begann. Doch noch pfiff er nicht.
Sirius seinerseits stieß ein dreckiges Lachen aus. „Was treibt die Jugend von heute bloß, dass sie so wenig trinkfest ist?"
„Gegen Voldemort antreten, schätze ich", murmelte Hermine, hoffte im Nachhinein jedoch, dass Sirius es nicht gehört hatte. Und anscheinend hatte sie sogar Glück. Als sie ihm einen kurzen Blick durch den Vorhang ihrer wirren Haare zuwarf, starrte er zumindest seine Tasse an, nach wie vor verschwommen lächelnd.
Das leise, jedoch rasch lauter werdende Pfeifen des Kessels zerrte Hermine zurück ins Hier und Jetzt und ihr fiel auf, dass sie noch gar keine Teekanne bereit gestellt hatte. Rasch holte sie das Versäumnis nach, bestückte das Porzellangefäß mit drei Teebeuteln (weil Harry die Flusen des losen Tees verabscheute) und goss das heiße Wasser darüber.
„Du weißt schon, dass ihm von dem Tee nur noch schlechter werden wird, oder?" Sirius klang nicht, als ob er mit aller Macht verhindern wollte, dass Hermine Harry den Tee trotzdem einflöste.
„Ja, ich weiß", gab sie deswegen unberührt zu.
Er zog seine Augenbrauen in die Stirn. „Aber?"
Hermine zuckte mit den Schultern. „Aber er hat sich gestern wirklich unmöglich aufgeführt. Da ich ihm in diesem Zustand keine Standpauke halten kann und sowieso eine schlechte Position habe, was so was betrifft, muss ich auf andere Mittel zurückgreifen. Er wird denken, ich helfe ihm. Aber das tue ich nicht. Und weil er sich danach erst so richtig mies fühlen wird, wird er an ein kosmisches Gleichgewicht oder so glauben. Das heißt, natürlich nur, wenn er sich wieder an das erinnert, was er gestern getan hat, bevor er ohnmächtig wurde." Sie rümpfte die Nase. Dann fügte sie in resigniertem Tonfall hinzu: „Ich bin seine Freundin, ich muss ihm helfen. Eine wirklich vertrackte Lage."
Sirius nickte langsam, so als würden sie sich wirklich über ein ernstes Thema unterhalten. „Abgesehen davon, dass ich Harrys kleine Einlage gestern Abend als einen absoluten Höhepunkt betrachte... Ich bin sicher, dass du einen Ausweg finden wirst."
„Und wie kommst du zu dieser optimistischen Ansicht?", fragte sie, während sie die Beutel in das zunehmend aromatischer werdende Wasser tunkte.
„Du hast gestern mit mir getanzt und deinen Füßen geht es offensichtlich gut. Mehr muss ich nicht wissen, um beurteilen zu können, dass du immer einen Plan B hast."
Erneut stieg ihr Röte in die Wangen, als sie antwortete: „Manchmal komme ich sogar bis Plan H..."
Sein Grinsen wurde eine Spur breiter. „Hast du schon daran gedacht, dass du ihm einfach den Katertrank, der im Bad im Spiegelschrank steht – was Harry spätestens dann wieder wissen wird, wenn er den Tee vor der Nase hat – bis heute Nachmittag vorenthalten könntest?"
„Und den schönen Tee verwerfen?"
„Nein, natürlich nicht! Lass ihn hier, ich werde ihn trinken." Er zwinkerte ihr zu.
Und zu Hermines Erstaunen begann sie tatsächlich über diese Möglichkeit nachzudenken. „Du bist sein Pate", stellte sie nach einigen Momenten fest. „Du solltest ihm beistehen."
„Wenn er noch nicht mal eine halbe Flasche Feuerwhiskey durchhält, ohne Molly zu verärgern?" Er sprach den Namen der rundlichen Frau aus, als handele es sich dabei um die Jungfrau Maria (und dieser Gedanke ließ Hermine angesichts der sieben Weasley-Geschwister dümmlich grinsen).
„Das ist ein Argument", gestand sie dennoch und neigte abwiegend den Kopf. „Also gut." Mit diesen schlichten Worten stellte sie die Teekanne auf den Tisch, drehte sich um und lief die Stufen nach oben.
Als sie an der Tür zum Gästezimmer vorbeiging, in dem Harry die Nacht verbracht hatte, da Ginny ihn nicht mehr dazu hatte bewegen können, nach Hause zu gehen, klopfte sie zweimal an, steckte den Kopf durch einen schmalen Spalt und fixierte das gegenüberliegende Fenster, um das Elend im Bett übersehen zu können. „Wir haben keinen Beuteltee mehr."
Ein undeutliches Murren war die Antwort.
Hermine, die ungefähr wusste, worauf ihr bester Freund hinauswollte, fügte noch hinzu: „Und auch keinen Katertrank. Aber ich kann ja mal Snape fragen gehen, ob er dir welchen braut." Ein scheinheiliges Lächeln zupfte an ihren Mundwinkeln.
Dieses Mal bestand die Antwort aus einem gequälten Jaulen – anscheinend hatte Harry sich mittlerweile an das Ende des letzten Abend erinnert. Die Decke sackte ein Stück nach unten, als er tief seufzte, und Hermine zog ihren Kopf zurück und ging in ihr Zimmer, um sich ihren ausstehenden Hausarbeiten zu widmen.
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Etwa fünf Minuten später – nachdem der Tee lange genug gezogen hatte – betrat Sirius das Labor. Wie bereits am Tag zuvor ohne zu klopfen und so waren die Blicke, die Snape ihm über den Rand der gluckernden Kessel hinweg zuwarf, äußerst giftig.
„Türen sind dazu da, um andere aus einem Raum fernzuhalten, Black", informierte er ihn knatschig, doch es schien nicht, als ob er mit einem Kater zu kämpfen hätte. Sirius gab einen zufriedenen Laut von sich. Seine Generation ging einfach anders mit Alkohol um.
„Ich hab Tee", erwiderte er jedoch, ohne auf die Ermahnungen des Miesepeters einzugehen und hob Kanne und Tassen in die Höhe.
„Stell ihn ab und verschwinde!"
„Das hättest du wohl gerne..." Sirius zog sich einen Stuhl unter dem Labortisch hervor und setzte sich, bevor er ihnen beiden einschenkte.
„Allerdings", knurrte Snape derweil, löste sich jedoch von seinen Tränken, als der Geruch des Tees es endlich geschafft hatte, die Dämpfe seiner abstrusen Zutaten zu überdecken. „Das ist ja Beuteltee", stellte er dann fest, als er seine lange Nase über den Rand der Kanne hielt und Beweisstück A am Boden dümpeln sah (wo Sirius die Bänder hingerutscht waren, als er versucht hatte, sie vorher verschwinden zu lassen).
„Wir haben keinen losen mehr", log er prompt und ohne rot zu werden.
Was ihn jedoch wirklich erstaunte, war, dass Snape ihm Glauben schenkte: „Kaum ist man mal ein paar Wochen weg, versinkt dieses Haus in den Sünden der Zivilisation..." Dabei nippte er an dem heißen Getränk und verzog das Gesicht. „Widerliches Gesöff!"
„Was kochst du da?", entschied Sirius, dass es besser war, das Thema zu wechseln.
„Ich koche nicht, Black! Ich braue einen Trank."
„Meinetwegen. Und was für einen?"
Snape zog eine Augenbraue in die Stirn, wie nur er es konnte. Einen Moment schwieg er und schien Sirius' Mimik zu analysieren. Und so gleichgültig der Animagus auch zu wirken versuchte, er wusste, dass Snape finden würde, was er suchte, ja er spürte es sogar!
„Ich werde nicht mit dir ins Bett steigen, nur weil du mir schlechten Tee bringst und Interesse an meiner Arbeit heuchelst, Black", schnarrte er schließlich und es war sogar Sirius unheimlich, wie exakt der elende Besserwisser damit seine Absichten erfasst hatte.
„Einen Versuch war es wert", gab er sich achselzuckend geschlagen, schnappte sich seine Tasse und wollte gerade gehen, als Snape ihn mit einem scharfen „Ah, ah, ah!" zurückhielt.
„Nimm dieses Zeug mit, bevor es sich durch den Kannenboden frisst und meinen Labortisch ruiniert."
Schicksalsergeben tat Sirius auch das und während er die Treppen ins Erdgeschoss erklomm, dachte er bereits über einen Plan B nach – beziehungsweise über jemanden, der ihm bei einem Plan B behilflich sein könnte, wenn er es geschickt anstellte...
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„Hermine!", grüßte der Mann mit den dunklen lockigen Haaren, als ob er sie seit Jahren nicht mehr gesehen hätte. „Wie geht es meinem Patensohn?" Dabei drängte er sich unauffällig auffällig in ihr Zimmer und sah sich mit großen Augen um.
„Ähm... besser, vermute ich", antwortete die junge Frau irritiert, schob jedoch die Tür mit einem leisen Klicken ins Schloss. „Warum fragst du ihn nicht selbst?"
„Ich ignoriere ihn, um meiner Missbilligung Ausdruck zu verleihen", erklärte Sirius, beschrieb eine elegante Bewegung mit der Hand (dieses merkwürdige Rudern, dass er des Öfteren bei seiner Mutter gesehen hatte, wenn sie etwas ihr vollkommen Logisches erklären musste).
„Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob irgendjemand das falsche Alter in deinen Ausweis geschrieben hat."
„Ich besitze keinen Ausweis mehr, seitdem man mich verurteilt hat", erwiderte er ungerührt. „Insofern ist mein Alter nicht dokumentiert."
„Sehr geschickt", räumte Hermine ein.
Sirius grinste. Dann deutete er auf das Sofa, das unter dem Fenster stand. „Darf ich mich setzen?"
„Sicher." Sie folgte ihm zur Sitzecke und ließ sich in den einzelnen Sessel sinken, der leicht schräg zur Couch stand. „Was kann ich für dich tun?"
„Nichts."
„Das glaube ich dir nicht."
„Verdammt!" Dennoch entlockte er ihr damit ein zufriedenes Lächeln. Es war beinahe schade, dass er es mit seinen nächsten Worten zerstören würde: „Du und Ron."
Unmerklich versteifte Hermine sich. „Was ist mit ihm?"
„Und dir."
„Es gibt kein 'Ron und ich' mehr."
„Warum nicht?"
Nachdem Hermine zuerst sehr schnell geantwortet hatte, als hätte sie den Text auswendig gelernt, sackte sie nun in den Sessel und seufzte schwer. „Es hat nicht mehr funktioniert."
„Ich vermute mal, er ist da anderer Ansicht. Drüben hat er sich mit dem Gedanken an dich aufrecht gehalten. Er hat sich regelrecht daran festgeklammert", informierte Sirius sie und setzte sich ebenfalls bequemer hin.
„Das ist es ja!", begehrte Hermine auf und warf die Hände in die Luft. „Ron hat sich an mir festgeklammert, seitdem ich ihn das erste Mal geküsst habe. Und das meine ich nicht ausschließlich metaphorisch. Ich habe ihn seit der Schule mit mir herumgeschleppt. Ich hab ihn durch die Prüfungen geprügelt, durch die Ausbildung, sogar durch seine ganz normale Arbeitszeit! Jetzt reicht es. Ich kann das nicht mehr. Ich will meine Freiheit wieder haben!" Sie nickte abschließend, als müsse sie sich selbst von ihren Argumenten überzeugen.
Sirius nahm sich einen Moment, kniff die Augen zusammen und erweckte so den Eindruck, als würde er intensiv über ihre Worte nachdenken. Dann lehnte er sich nach vorne, so dass er sie ein bisschen von unten herauf ansehen konnte, und bemerkte mit einem verhaltenen Lächeln, wie sie ihm ebenfalls entgegenkam (vermutlich in der Erwartung einer allgemeingültigen Lösung, die ihr bisher entgangen war). Bevor er zu sprechen begann, befeuchtete er seine Lippen und ließ seinen Blick schweifen.
„Du suchst also nach einem Mann, der..." Er beschrieb mit der Hand einen Kreis in der Luft. „...selbstständig ist. Der auf seinen eigenen Beinen steht, sich den Umständen anpasst und auch in ausweglosen Situationen versucht, alleine zurecht zu kommen. Der äußeren Widrigkeiten trotzt und... nach jedem einzelnen Tiefschlag beweist, dass er ein Stehaufmännchen ist. Ein Mann, an dem du dich festhalten kannst und der trotzdem nicht einknickt wie ein Streichholz." Er sprach sehr langsam und vorsichtig und konzentrierte sich vollkommen auf Hermine.
Diese wiederum hatte mit jedem Wort mehr Mühe, ihre fünf Sinne beisammen zu halten. Ihr Blick wurde glasig, ihr Mund öffnete sich ein Stück. Als Sirius endete, wirkte sie ein bisschen wie unter Hypnose und er konnte es sich nur schwer verkneifen, vor ihrem Gesicht mit den Fingern zu schnippen.
„Jaah", antwortete sie schließlich. Ihre Stimme klang, als würde er ihr ein Glas Wasser unter die Nase halten, nachdem sie seit Tagen nichts zu trinken mehr bekommen hatte.
Einen Moment lang hielt Sirius ihren Blick noch fest, dann klatschte er unvermittelt in die Hände und sprang hoch. „Gut! Ich werde es so weiterleiten." Und noch bevor Hermine – perplex wie sie war – darauf irgendetwas erwidern konnte, hatte er das Zimmer bereits wieder verlassen.
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Als Severus am Abend sein Labor verließ, wurde er unerwartet Zeuge eines lautstarken Streits. Die beiden Stimmen, die undeutlich aus der Küche durch das ganze Haus klangen, konnte er innerhalb von Sekunden als die seiner ehemaligen Schüler Weasley und Granger identifizieren, was seine Stimmung nicht im Mindesten hob.
Einen Moment lang verweilte er vor der Tür im dunklen Flur und überlegte, ob er sich wirklich zwischen die beiden, sich fälschlicherweise als erwachsen bezeichnenden Hormonschleudern stellen musste, doch da sie sich ausgerechnet die Küche als Schlachtfeld ausgesucht hatten, führte kein Weg daran vorbei, sofern er seinem Hunger beikommen wollte.
Also straffte er seine Haltung, reckte die große Nase noch ein bisschen weiter nach oben und achtete darauf, dass sein Auftreten so genervt wie desinteressiert wirkte.
Tatsache war, dass das Gespräch nicht einmal eine kurze Pause fand, als er in Erscheinung trat. Die Luft selbst – die übrigens zum Zerreißen gespannt war – hatte eine größere Wirkung auf die beiden Streithähne als er, denn sie ging ihnen zunehmend aus.
„Wenn du irgendetwas über uns wissen willst, dann komm gefälligst selbst zu mir!", schnappte Granger in dem Moment, in dem Severus die Vorräte unter die Lupe nahm.
„Ich weiß überhaupt nicht, wovon du sprichst", erwiderte Weasley, die Stimme eine Nuance höher als gewöhnlich. Er klang ein bisschen wie Molly, wenn sie wütend war.
Diese Feststellung ließ Severus dreckig grinsen und da das Gespräch gerade interessant wurde und er ja ohnehin nicht zur Kenntnis genommen worden war, beugte er seinen Kopf noch etwas tiefer in den Küchenschrank und studierte der Tarnung halber die Aufschriften auf den Verpackungen.
„Jetzt tu' bloß nicht so, als könne dich kein Wässerchen trüben, Ronald Bilius Weasley! Ich finde es wirklich unmöglich, dass du dich noch nicht mal traust, mich persönlich zu fragen, warum ich mich von dir getrennt habe!"
Und mit noch hellerer Stimme (was von einer steigenden Verzweiflung zeugte), antwortete der Rotschopf: „Ich weiß, warum du dich von mir getrennt hast, Hermine. Ich muss niemand anderen zu dir schicken."
Granger schnaubte laut und Severus, der gespannt auf den Fortgang des Streits wartete, war so konzentriert dabei zu lauschen, dass er mit der Nasenspitze gegen eine magisch frisch gehaltene Birne stieß. Blinzelnd wich er ein Stück zurück. Wobei eine Birne sicherlich keine schlechte Vorspeise abgab...
„Als ob Sirius von sich aus zu mir kommen und mir solche Fragen stellen würde...", murmelte Granger jedoch, bevor Severus sich das Objekt seiner Begierde schnappen konnte.
‚Interessant', dachte der Tränkemeister. Das roch so penetrant nach einem weiteren von Blacks lächerlichen Versuchen, ihn – Severus – ins Bett zu kriegen, dass er die Nase darüber rümpfte. Eifersucht! Das war wirklich lächerlich...
Granger ihrerseits kam anscheinend zu dem Schluss, dass es keinen Sinn hatte, noch länger über dieses Thema zu diskutieren. Sie wirbelte auf dem Absatz herum und stürmte aus der Küche.
In der plötzlichen Ruhe, die sich über das Zimmer legte, wagte Severus es nicht, sich zu bewegen. Nicht, dass er eine Konfrontation mit Weasley nach so einem Gespräch scheute. Doch er nutzte allgemein jede Möglichkeit, seinen ehemaligen Schülern aus dem Weg zu gehen, seitdem er keine Punkte mehr abziehen konnte. Der Aufwand lohnte sich einfach nicht.
Als sich dann kurz darauf Schritte aus der Küche entfernten, griff Severus nach der Frucht und schloss die Schranktüren, ehe er sich mit einem sardonischen Lächeln umdrehte – nur um sich unvermittelt Molly Weasley gegenüber zu sehen.
„Molly!", stieß er überrascht aus, schaffte es aber gerade so eben noch, seiner Stimme den typisch entnervten Klang zu verleihen. Unauffällig ließ er seine Blicke an ihrem Körper hinab bis zum Boden gleiten und fand den Grund für ihr lautloses Anschleichen in einem Paar Filzpantoffeln in rot, die sich entsetzlich mit ihren pinken Socken bissen. Was immer sie auch hergetrieben haben mochte, es beschäftigte sie so sehr, dass sie nicht einmal daran gedacht hatte, sich andere Schuhe anzuziehen. Severus ahnte Böses.
„Severus", erwiderte sie, doch ihrer Stimme fehlte der lebhafte Unterton, der ihm sonst immer so furchtbar auf die Nerven ging. Dafür sah er, wie sie ihn gleichermaßen musterte und an der Birne in seiner Hand hängen blieb. Severus kam sich ein bisschen vor wie ein Junge, der Äpfel aus Nachbars Garten gestohlen hatte. Demonstrativ steckte er die Birne in eine der unzähligen Taschen seines Umhanges.
Da Molly dazu nichts sagte, schob Severus sich nach einigen Momenten an der Kante der Arbeitsplatte entlang zur Seite, bis er genug Platz hatte, um ihrer unmittelbaren Nähe zu entgehen. Seine Blicke immer fest auf das etwa dreißig Zentimeter unter ihm liegende Gesicht gerichtet, bewegte er sich um die rundliche Gestalt herum und verdrehte erst die Augen, als er ihr den Rücken zuwandte und die Rettung in Form der Küchentür ansteuerte.
Er hatte das schwarze Rechteck schon fast erreicht, als Molly seinen Namen erneut aussprach, dieses Mal jedoch, um ihn zurückzuhalten. Mit einem leidenden Gesichtsausdruck blieb der Tränkemeister stehen, fügte sich nach einem gedanklichen Abwägen der Vor- und Nachteile allerdings in sein Schicksal.
„Ja, Molly?" Er zog seine Augenbrauen in die Stirn und bemühte sich redlich, so distanziert wie möglich zu klingen. Deswegen umfasste er das rechte Handgelenk auch noch hinter dem Rücken mit der linken Hand und wippte auf seinen Füßen vor und zurück.
Molly ihrerseits würgte offensichtlich an einigen Sätzen, die ihr das Blut ins Gesicht trieben. Ob nun aus Scham oder aus kaum beherrschbarer Wut, konnte Severus nicht beurteilen. Jedenfalls klang sie, als würde sie einen auswendig gelernten Text rezitieren, als sie es endlich schaffte, den Mund zu öffnen (und die Wahrscheinlichkeit, dass Arthur ihn ihr zuvor diktiert hatte, war gar nicht mal so gering).
„Ich weiß, dass du ein sehr... direkter Charakter bist. Und ich weiß, dass du manche Dinge anders angehst, als man es erwarten würde."
„Ach ja?", warf Severus ein, während sie Luft holte.
Molly überging seinen sarkastischen Kommentar: „Ich hätte gestern Abend weniger harsch reagieren müssen. Du bist du und du hast meinen Sohn lebendig zurück gebracht. Dafür muss ich dir dankbar sein. Auch wenn... wenn..." Ihre Kiefer verspannten sich unter der Anstrengung, ihren Vortrag zu Ende zu bringen.
„Lass gut sein, Molly", knurrte Severus, als er es nicht mehr mit ansehen konnte. Und dann entschied er, dass er durchaus auch ein bisschen gemein sein durfte: „Ich weiß, dass du ein sehr... parteiischer Charakter bist. Und ich weiß, dass du von deinen Mitmenschen erwartest, Dinge so anzugehen, wie du es dir vorstellst." Ein sadistisches Lächeln breitete sich auf Severus' Gesicht aus, als Molly erbleichte.
Mit großen Augen knetete sie ihre Hände vor dem Körper und schluckte an etwas herum, das mindestens die Ausmaße einer Walnuss haben musste, so angestrengt, wie sie dabei wirkte.
„Aber das ändert nichts daran, dass dein geliebter Ziehsohn mindestens ebenso unmoralisch gewesen ist wie ich, indem er mir Geld anbot, um deinen Sohn... einen deiner Söhne... zu retten. Also versuch gar nicht erst, dich bei mir zu entschuldigen, bevor du ihm den Kopf gewaschen hast! Ich wünsche einen schönen Abend."
Bevor Severus sich umwandte, um endlich in sein Zimmer zu flüchten (und sich über die magere Ausbeute in seiner Tasche herzumachen), schaffte Molly es endlich, den Kloß in ihrem Hals zu schlucken und schnappte hörbar nach Luft. Die zuschlagende Tür schnitt ihr jedoch das Wort ab, noch bevor ihr Verstand dazu gekommen war, einen sinnvollen Satz zu bilden.
