I C – Illogical consequence

Kapitel 14

Die Verzweiflung, die in seinen Augen lag, setzt sich auch in seinem Bett noch durch, während wir innig aneinander geklammert miteinander schlafen. Fast die ganze Zeit halten wir dabei den Blickkontakt zueinander aufrecht, streicheln und küssen uns. Es ist das erste Mal, dass wir uns so langsam auf den Höhepunkt zubewegen, dass es vor lauter Emotionen schon fast unerträglich schmerzt. Obwohl es mir fern liegt, mich gehen zu lassen und ihm meine Sorge zu zeigen, kann ich nicht länger so tun, als würde mich das alles nicht kümmern. Das, was er vorhat, belastet mich zu sehr. Aber auch er scheint wie verwandelt. Sein Gesicht, so verschlossen es die meiste Zeit über sein mag, spricht nun offen zu mir, wie nie zuvor. Ich höre seine kehlige Atmung tief in mein Inneres vordringen und bin derart gefesselt von seinem Anblick und seinem Handeln, dass mir schier unzählige Tränen aus den Augenwinkeln laufen. Wieder küsst er mich und will den Schmerz von mir nehmen, obwohl er wissen dürfte, dass es sinnlos ist, solange wir nicht wissen, was mit uns geschehen wird.

Am Ende kann ich es nicht länger hinauszögern. Er bringt mich dazu, selbst die Ungewissheit unserer Zukunft für einen Moment lang zu vergessen; ich lasse los. Unmittelbar darauf folgt er mir. Dann liegen wir gemeinsam beieinander und halten uns fest, nass bis auf die kleinste Pore, zufrieden und traurig zugleich.

„Wann wird Dumbledore es Harry sagen?", frage ich nach einer halben Ewigkeit, gedankenverloren mit meiner Hand über seinen Arm streichend.

Er antwortet nicht und ein komisches Gefühl überkommt mich, als ich den Kopf hebe um ihn anzusehen und er die Augen schließt.

„Er - er wird es ihm doch sagen, oder?"

„Albus glaubt, dass es besser ist, wenn er es nicht erfährt."

„Was? Das kann unmöglich sein! Harry wird ausrasten, wenn er denkt, du hast Dumbledore vorsätzlich ermordet. Das ist dir doch klar, oder? Er wird mir niemals glauben, dass es Dumbledore sein sollte, den du töten musstest. Du hast ihn selbst erlebt! Er wird denken, dass alles nur ein Trick von dir war, um mich um den Finger zu wickeln ..."

Er nimmt die Hände hoch und fährt sich nachdenklich in langen Bahnen damit durch die Haare.

„Dann lass ihn, Hermine. Wenn er immer noch nicht begreifen will, worum es hier geht, können wir nichts tun. Vielleicht soll es ja so sein. Vielleicht hilft es ihm, voranzukommen."

Entgeistert setze ich mich auf. „Ist dir klar, was du da sagst? Es wird schon schwer genug sein, alle anderen davon zu überzeugen, dass ..."

Sein Blick trifft mich wie ein direkter Schlag ins Gesicht. In dem Moment wird mir bewusst, dass weder er, noch Dumbledore vorhat, irgendjemandem die Wahrheit zu erzählen.

„Das könnt ihr nicht machen!", fahre ich ihn ungehalten an. „Das ist reiner Wahnsinn!"

Er zuckt belanglos mit den Achseln. „Warum nicht? Es ist die beste Möglichkeit, euch Zeit zu verschaffen, ohne das Risiko einzugehen, dass etwas nach außen durchsickert, was weiter niemand wissen sollte."

„Zeit?"

„Mach dir nichts vor, Hermine, wir beide wissen, dass Potter von Dumbledore unterrichtet wird, damit er auf das vorbereitet wird, was vor ihm liegt. Er hat eine Aufgabe zu erfüllen. Und die kann er unmöglich allein bewältigen."

„Dann heißt das also, ihr wollt Voldemort den Triumph gönnen, ohne Wenn und Aber in die Schule einzuziehen, damit Harry, Ron und ich das vollenden können, was Dumbledore im Schilde führt?"

„Das ist, soweit ich weiß, sein Plan."

„Wenn ich dabei aber nicht mitmache, was dann?", sage ich gehässig. „Was, wenn ich nicht zusehen will, wie die ganze Welt dich als Dumbledores Mörder abstempelt?"

Er schlägt hart die Kiefer aufeinander. „Wenn du so darüber denkst, solltest du dich ernsthaft fragen, was wichtiger ist, Hermine. Der Versuch, ihn zu Fall zu bringen, ist unsere einzige Chance, ihn aufzuhalten. Viele sind bisher daran gescheitert und haben dabei ihr Leben gelassen. Aber wenn Albus Recht behält, gibt es vielleicht diese eine Möglichkeit."

„Aber", setze ich verständnislos an, „hast du nicht gesagt, Harry hat keine Chance gegen ihn?"

Ich kann und will nicht begreifen, dass er das wirklich tun möchte. Wenigstens der Orden sollte informiert werden, McGonagall, die Weasleys...

„Das ist richtig, ja."

„Wozu willst du es dann auf dich nehmen, den Hass der gesamten Zaubererschaft auf dich zu ziehen?"

Er setzt sich auf und streicht mir sanft mit dem Daumen über die Wange. „Wir lügen und betrügen, führen uns selbst hinters Licht und spielen anderen etwas vor. Für mich ist es Alltag, Hermine -"

„Für dich vielleicht", wende ich kopfschüttelnd ein.

Er lächelt sarkastisch. „Jetzt sieh mich an und sag mir, du würdest es anders machen."

Ich muss blinzeln. Es hat keinen Sinn, mir oder gar ihm etwas vorzumachen. Er kennt mich. Allzu oft habe ich mit den Jungs zusammen unter einer Decke gesteckt und etwas ausgefressen.

„Du hast Recht. Manchmal führt kein Weg daran vorbei, Severus. Aber das, was ihr vorhabt, ist reiner Selbstmord. Wenn Voldemort dahinterkommt, dass das alles nur geplant war, ist die Schule in noch größerer Gefahr als sie es ohnehin schon ist."

„Und wie sollte er es merken?", fragt er mich eindringlich und klingt dabei so überzeugend, dass ich mir dumm vorkomme.

Natürlich weiß ich inzwischen, wie geübt er darin ist, Voldemort mit den Informationen zu füttern, die Dumbledore ihm aufgetragen hat. Aber auch ein Severus Snape hat seine Grenzen. Es wird immer ein Risiko bleiben, eines Tages aufzufliegen.

„Du bist dir wohl ziemlich sicher, dass du es weiterhin schaffen kannst, ihn hinters Licht zu führen", stelle ich wenig begeistert von seinem Verhalten auf meine Reaktion hin fest.

„Ja."

Noch während ich versuche, herauszufinden, ob er mir nur etwas vorspielt, um mich bei Laune zu halten, beugt er sich über mich und drückt mir einen Kuss auf die Lippen.

„Schlaf jetzt, Hermine", sagt er leise; als ob ich das so einfach könnte. Dann legt er sich seufzend mit dem Rücken zu mir gewandt aufs Bett.

Ich bin noch lange danach wach und grüble vor mich hin, als ich vermute, dass er schon längst eingeschlafen ist. Es muss eine Lösung für alles geben, ohne dabei diesen Weg einzuschlagen. Doch je mehr ich mich damit befasse, umso mehr beschleicht mich das Gefühl, dass Dumbledore sich diesen Schritt wohl überlegt hat. Er weiß, was ihm bevorsteht. Seine einzige Hoffnung, alles so über die Bühne gehen zu lassen, wie er es wünscht, ist Severus. Aber bin ich wirklich bereit dazu, Teil dieses Plans zu werden, wenn ich dafür den Menschen aufgeben muss, der mein Leben von Grund auf so drastisch verändert hat? Noch vor kurzem war ich an dem Punkt angelangt, alles hinzuschmeißen. Die Zustände an Hogwarts und die Veränderungen, die ich aufgrund meiner Herkunft zu spüren bekommen habe, hätten mich fast dazu gebracht, einfach aufzugeben. Es war Snape, der mir geholfen hat, wieder einen Sinn in allem zu sehen, nachdem ich so verloren war. Er hat mir gezeigt, wie wunderbar es sein kann, nicht alleine sein zu müssen oder jemandem vertrauen zu können, dem man unter anderen Umständen niemals nähergekommen wäre. Wie kann ich ihn also jetzt aufgeben?

Leise schlage ich die Decke zurück und will aufstehen, da fährt er so plötzlich herum und greift nach meinem Arm, dass mir fast das Herz stehenbleibt.

„Wo willst du hin?", fragt er mit einem abschätzigen Ausdruck in den schwarzen Augen, die mir durch seine Strähnen hindurch entgegen funkeln.

Überrascht setze ich mich zu ihm an die Bettkante und streiche mit meiner freien Hand über seine raue Wange, will uns beide damit beruhigen.

„Ich denke, es hat keinen Sinn, zu versuchen, dich umzustimmen", sage ich ernst.

Er zieht die Brauen zusammen und wirkt aufgrund meiner Äußerung weitaus mehr betroffen, als ich es ihm zugetraut hätte.

„Nein."

Ich nicke. So etwas in der Art habe ich mir schon gedacht. Trotzdem tut es weh, nicht die Stelle einnehmen zu können, den offenbar seine Arbeit innehat.

„Du wirst also tun, was sie von dir verlangen, richtig? Du wirst weitermachen und für Dumbledore arbeiten, auch dann, wenn er tot ist. Und du wirst tun, was Voldemort dir aufträgt, obwohl es dich den Kopf kosten könnte."

„Hermine ..."

Angestrengt fahre ich dazwischen, noch ehe er zu Wort kommen kann. „Ich kann dich nicht davon abhalten, Severus. Du musst selbst wissen, was du tust. Aber ich werde nicht tun, was ihr von mir erwartet. Ich kann das nicht. Ich bin nicht so mutig wie du oder Harry, obwohl ich mir nicht einmal sicher bin, ob das nicht alles eher eine große Dummheit ist. Ich habe genug. In den vergangenen Monaten habe ich unzählige Male hilflos mitansehen müssen, wie Voldemort seinen Einfluss geltend macht, um Leuten wie mir das Leben zur Hölle zu machen."

Etwas ungläubig sieht er mich an. „Leuten wie dir?", wiederholt er mit einer erhobenen Braue.

„Du weißt, was ich meine. Ich will das nicht mehr. Solange es ihn gibt, werde ich in der Gesellschaft der Hexen und Zauberer ja doch nicht akzeptiert werden. Ich habe es versucht. Aber ich kann nichts tun, um den Lauf der Dinge aufzuhalten."

Wie von Schmerz durchzogen schürzt er die Lippen. „Du weißt, dass das nicht wahr ist."

„Und wenn schon. Ich möchte keinesfalls mitansehen müssen, wie ihr euch alle ins Verderben stürzt. Du, Harry ..."

„Was hast du also vor, Hermine?", fragt er steif, mich eindringlich mit seinen irren schwarzen Augen fixierend. „Willst du einfach aufgeben?"

„Ich werde Hogwarts hinschmeißen und mit meinen Eltern zusammen das Land verlassen. Wir werden verschwinden und wie Muggel leben. Sieh mich nicht so an. Du weißt schon, was ich meine. Wir könnten irgendwo untertauchen und …"

Mir ist ganz kalt bei der Vorstellung davon, das Leben als Hexe aufzugeben. Aber irgendwie glaube ich, habe ich nicht die Kraft, Harry weiter zur Seite zu stehen.

„Vielleicht gehöre ich ja nicht in deine Welt, Severus, sondern in die andere", fahre ich leise fort.

Er schüttelt den Kopf. Beinahe denke ich, dass er enttäuscht darüber ist, wie ich mich entschieden habe.

„Mit anderen Worten, du willst verleugnen, dass du eine Hexe bist."

Meine Wangen scheinen zu glühen. Begreift er denn nicht, dass ich genug davon habe, von den Slytherins herumgeschubst zu werden, wenn ich durch einen der Korridore von Hogwarts streife? Aber auch, dass es mich ebenso quält, ihm und meinen Freunden den Rücken zuzukehren?

Der Trotz, den ich in seiner Gegenwart schon so oft zuvor verspürt habe, kehrt zurück und will mich auf seine Seite ziehen, weg von Severus und meinen zerstörten Träumen.

„Wieso wundert dich das? Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass du selbst vor nicht allzu langer Zeit wild darauf warst, mich von dir zu weisen und mich sogar von deinem Unterricht ausschließen wolltest."

„Das hatte seine Gründe, Hermine", sagt er forsch. „Und die kennst du nur zu gut."

„Mag sein. Jedenfalls glaube ich, dass ich es langsam mal auf meine Art versuchen sollte."

Er setzt sich auf und fährt sich mit den Händen durch die Haare, erschöpft und niedergeschlagen.

„Das kann unmöglich das sein, was du willst. Deine Talente, deine Freunde ..."

„Harry hat mich verraten, Severus. Er hat mir gezeigt, dass er Dumbledores Urteil mehr traut als mir. Er hat Ron. Er braucht mich nicht. Außerdem hast du selbst gesagt, dass nicht jeder haben kann, was er will."

Stumm sieht er mich an. Seine blasse Haut wirkt gespenstisch und leblos. Beinahe frage ich mich, wie es nur dazu kommen konnte, dass sich alles zwischen uns so entwickelt hat. Die Gedanken, die ich zu Beginn hatte, als ich spüren musste, dass irgendeine Veränderung im Gange ist, werden wieder wach. Meine Frage, ob man jemanden wie Snape lieben kann, verlangt nach einer Antwort, die nichts mit Gefühlen zu tun hat, sondern vielmehr mit Logik und Vernunft. Aber dann, als er den Arm um mich legt und mich an seine Brust zieht, kann ich seine Wärme spüren. All die vertrauten Gesten fallen unbarmherzig über mich herein, sein unverwechselbarer Geruch ... es schmerzt.

Unbeholfen kralle ich meine Finger in seine bloßen Schultern und halte mich an ihm fest wie ein weinerliches Kind, das auf der Suche nach Liebe und Zuneigung ist.

„Ich kann hier nicht länger bleiben, Severus", bringe ich mit schwacher Stimme hervor. „Wenn sich unsere Wege wirklich trennen sollen, gibt es keinen Grund mehr für mich, länger hierzubleiben."

Meine Augen brennen fürchterlich und ich ziehe die Nase hoch.

„Ich weiß, wie du dich fühlst, Hermine", sagt er leise in meine wirren Locken hinein. „Vielleicht hast du Recht und diese Welt ist nicht die deine. Du bist zerrissen und durcheinander."

Vorsichtig mache ich mich von ihm los und sehe ihn an, das Gesicht voller Tränen. Weiß er das wirklich? Slytherin ist das Haus, das die meisten Übergriffe auf muggelgeborene Schüler zu verbuchen hat. Es ist sein Haus. Er ist für seine Schüler verantwortlich und sollte zusehen, dass der Spuk ein Ende nimmt. Auch dann, wenn er genug um die Ohren hat und sich um Draco zu kümmern hat, wäre es seine Aufgabe, in seinem Haus für Ruhe und Ordnung zu sorgen, anstatt uns Gryffindors wegen Belanglosigkeiten Punkte abzuziehen.

Als ich ihm das sage, lächelt er schmal.

„Es wundert mich nicht, dass du so reagierst. Die wenigsten Schüler hier würden mir zutrauen, dass ich einen meiner eigenen bestrafe. Glaub mir, ich habe oft genug mit Minerva darüber diskutiert."

Und dann fängt er an, von seiner Kindheit zu erzählen; und sofort regt sich ein schlechtes Gewissen in mir, als ich davon erfahre, wie sein Vater, der selbst ein Muggel war, ihn misshandelt hat. Der Severus Snape, den ich kennengelernt habe, hat so die Angewohnheit, nichts auszulassen, wenn er erst einmal dazu bereit ist, etwas aus seinem Leben mit einem zu teilen. Offen heraus berichtet er mir alles, was er glaubt, das ich wissen sollte, so auch, wie er durch seine Mutter von Hogwarts erfuhr und daraufhin alles daran gesetzt hat, um von zuhause wegzukommen oder wie er das allererste Mal Lily begegnet ist.

Ich kann nicht sagen, dass es mich sonderlich überrascht, dass er jetzt damit aufwartet. Manche Dinge wusste ich bereits von Harry. Andere konnte ich mir selbst über ihn zusammenreimen. Dennoch bin ich froh, dass er es mir sagt, denn so weiß ich wieder, wie gut es mir bei meinen Eltern ergangen ist. Mein ursprünglicher Plan, einfach des Nachts still und heimlich davonzuschleichen, wird immer drängender. Selbst wenn ich keine Ahnung habe, wie ich bei all den Sicherheitsvorkehrungen das Schloss verlassen soll, bin ich sicher, dass ich einen Weg finden werde. Ich bin es schließlich gewohnt, so etwas zu tun. Warum zögere ich also noch? Warum bin ich noch hier?

Die Antwort ist kurios und verstörend. Ich weiß, dass das mit uns keine Zukunft hat. Trotzdem möchte ich nicht gehen. Seinetwegen.