John wurde im Nacken gepackt, und der Kragen des Shirts schnitt ihm in die Kehle. Doch er konnte nichts dagegen unternehmen, wie ein nasser Sack auf die Beine gezogen zu werden und von kräftigen Händen gestützt die Rampe wieder hinunter und durch einen anderen Gang geschleift zu werden. An der Rothaarigen vorbei und zu einem Tisch.
Den Aufprall von Rücken und Kopf spürte er und verzog schmerzhaft das Gesicht. Wenigstens bekam er jetzt wieder Luft. "Wie geht es ihrer Hand..."
"Viel besser ..."
Die Wraith stand in ihrer vollen Größe vor ihm. Nun konnte er die grobporige blasse Haut genauer sehen, die durch das Gebiss und die Schlitze in den Wangen verzerrten Gesichtszüge. Dennoch wirkte sie aus der Nähe betrachtet bedrohlich - wie eine Vampirin, eine Nosferatu. Sie schien seine Furcht zu riechen, denn sie hob genüßlich ihre Hand und präsentierte sie ihm, während sie ihre Verletzung heilte.
Siehe Mensch, damit werde ich dir das Leben langsam und qualvoll nehmen. Niemand widersetzt sich uns. Nicht für immer und nicht für lange ...
Sie hatte die Worte nicht ausgesprochen, aber John meinte genau das in ihren Schlangenaugen und ihrem Gesicht lesen zu können.
Fremdartigen Zügen ... die sich plötzlich veränderten und gar nicht mehr so unheimlich waren. Die Wraith verwandelte sich in einem mittelgroßen Mann mit braunen Haaren und einem freundlichen Gesicht mit wachen, neugierigen Augen. In der erhobenen Hand hielt er ein Gerät, das beruhigendes silberfarbenes Licht ausströmte.
John hingegen wurde nicht mehr von einer Wraithpranke niedergedrückt, es war der Schmerz, die unendlich brennende Qual der Verbrennungen und Verstümmelungen, die er erlitten hatte.
"Ich kann dich nicht mehr heilen, dir aber den Schmerz nehmen, damit du noch einmal zu mir sprechen kannst, Fremder." Die Stimme des Mannes war mitfühlend, aber zugleich auch interessiert. "Du bist keiner von uns. Aber du bist auch keiner der Menschen, die unter diesen Sternen leben. Woher kommst du?" Wissenschaftliche Neugier stand in seinem Blick, während das Licht John die Schmerzen weit genug nahm, dass er die Kraft sammeln konnte, um den Kopf ein Stück zu heben. "Elisabeth, Radek... Was ist mit Ihnen. Sie..." Die Hand, die er in das Gewand des Antikers krallte, war nur noch eine blutbefleckte Kralle mit schwarz verkohlter Haut. Fleischfetzen und Muskelstränge hielten die Knochen gerade eben noch so zusammen. Es war schwer, sich zu bewegen, zu sprechen und zu atmen. Ein starrer Panzer lag um seinen Leib. Das war die Uniform. Das Kunststoffgewebe hatte sich in seine Haut eingebrannt.
Trotz seiner eingeschränkten Sicht wusste John, wie er aussah. Und mit dieser Erkenntnis verließ ihn die Kraft weiter zu kämpfen. Er sank zurück, tat einen letzten kraftlosen Atemzug und starb.
Wie ein Ertrinkender nach Luft ringend fuhr John aus dem Schlaf und kam sofort auf die Beine, denn es war ihm jetzt ein Greuel, lang ausgestreckt wie auf einer Bahre zu liegen.
Er war nicht tot, kein verbrannter und verwüsteter Torso, der nur noch duirch ein Gerät der Antiker am Leben gehalten wurde. Nein, er war unbeschadet und atmete! Er lebte! Und doch wollte sein Geist es zunächst nicht glauben, dass er sich sicher in seinem Quartier in Atlantis befand.
Besorgt hob er den Arm und starrte auf die unversehrte Haut. Nur die feinen Härchen standen ab, sie schienen sich wie er gegen die Eindrücke zu wehren, die noch immer in ihm tobten.
Die Beine. Sie waren nicht mehr... John musste sich an der Wand abstützen, als seine Knie plötzlich weich wie Pudding wurden. Er klammerte sich an den Streben fest und brauchte eine Weile, um das haltlose Zittern in den Griff zu bekommen.
Wie blind starrte er auf das Bett.
Die erste Nacht außerhalb der Krankenstation und schon ereilte ihn wieder ein Alptraum? Und dann noch einer, in dem er seinen eigenen Tod sah - nein, körperlich miterlebte?
Würde er dazu verdammt sein, den Rest seines Lebens unter Medikamenten zu stehen?
John wusste, was das bedeutete, und genau das machte ihm panische Angst. Spätestens, wenn sie wieder Kontakt zur Erde hatten, würde er seine Pilotenlizenz verlieren, er würde sich endlosen psychologischen Behandlungen und einer besonderen Medikation unterziehen müssen, und am Ende...
Nein, nein und nochmals nein.
John schüttelte sich und holte mehrfach tief Luft. Entweder er gab auf und zog die letzte Konsequenz - die Beretta lag nicht weit von ihm entfernt - oder er kämpfte weiter darum, dieses Problem schleunigst in den Griff bekommen. Und wenn er auch nur lernte, damit so umzugehen, dass es ihn nicht jedesmal aus dem Bett riss und eine schlaflose Nacht bescherte, wenn ihn wieder einmal ein Albtraum ereilte. Wie schnell sich das auf seine Gesundheit auswirkte, hatte er ja schon miterlebt.
Sein pochendes Herz beruhigte sich langsam und das Zittern ließ nach. Dennoch konnte er sich jetzt nicht hinlegen und versuchen, weiter zu schlafen. Dazu war er jetzt einfach zu wach und zu aufgeregt.
John blickte auf die Sportbekleidung, die er achtlos über einen Kistenstapel geworfen hatte, und zog kurz entschlossen das Shirt und die Hose wieder an, schlüpfte danach in die Turnschuhe. Ein kleiner Spaziergang würde vielleicht seinen Kopf ein wenig klären und die Bilder aus seinem Geist fegen.
Leise - nicht zu schnell und nicht zu langsam - folgte er dem Gang, der die Quartiere mit einer Halle verband. Von dort aus führten die Gänge in verschiedene Bereiche der Stadt. Dort traf er auch zum ersten Mal auf einen Menschen.
Die Wache nahm Haltung an, aber John schüttelte den Kopf. "Lassen Sie sich von mir nicht stören, Lievermann! Ich mache nur einen Spaziergang." Ohne weiter auf den Deutschen zu achten, oder eine Antwort zu erwarten, ging er weiter. Denn auch nach einem Gespräch war ihm jetzt nicht.
Erst als er vor einer Treppe stand, stellte er fest, dass er unbewusst den Weg zur Jumper-Basis eingeschlagen hatte. Er blieb unschlüssig vor dem Aufgang stehen. Der Weg würde ihn auch am Kontrollraum vorbeiführen. Dort war sicher der ein oder andere Techniker und Wissenschaftler, denn die hatten sich in Schichten aufgeteilt, um das Herz von Atlantis rund um die Uhr zu betreuen. Wenn man ihn dort bemerkte...
Moment.
John schüttelte den Kopf. Er vergaß immer wieder, welche Position er seit Sumners Tod hier einnahm. Als kommandierender Offizier des militärischen Kontingents war er jetzt niemandem mehr Rechenschaft schuldig. Ausgenommen Dr. Weir.
Also konnte er in gewissem Rahmen tun und lassen, was er wollte. Auch wenn es natürlich Fragen aufwerfen würde, wenn er nachts die Raumschiffe besuchte.
Dann runzelte er die Stirn.
Was wollte er überhaupt dort?
"Mich ablenken!" murmelte er. Es gab noch ein paar Dinge, die er ausprobieren wollte, ohne dass ein neugieriger Wissenschaftler dabei war. Außerdem fühlte er sich dort wohl. Schon seit er zum ersten Mal hinter den Kontrollen gesessen hatte, hatte er die kleinen Raumschiffe in sein Herz geschlossen.
Gut, vielleicht sahen sie nicht so schnittig aus wie es sich mancher Kampfpilot wünschen würde, aber bei ihrem ersten Einsatz hatte er gesehen, zu was sie fähig waren. Sie übertrafen jeden Überschalljäger, jedes Space-Shuttle und sie reagierten schneller, als es jedes irdische Flugzeug konnte.
Wie von selbst ging er die Treppe hoch. Dabei hielt sich in der Höhe des Kontrollraums in den Schatten, damit ihn ja niemand bemerkte. Aber er nahm sich die Zeit, einen Blick über den Bereich zu werfen, den er einsehen konnte. Die Männer und Frauen schienen ohnehin zu beschäftigt und zu müde, um irgend etwas in ihrer Nähe zu bemerken. Selbst der wachhabende Marine.
John lächelte und verschwand in das nächste Stockwerk. Jetzt weinte er nicht mehr der verschenkten Chance nach, nicht in das Space-Shuttle Programm der NASA aufgenommen worden zu sein. Die direkte und sehr deutliche Absage hatte er immer als größeren Rückschlag in seiner Karriere empfunden als seine Degradierung nach der Befehlsverweigerung in Afghanistan.
Und er hatte bis heute nichts davon vergessen.
Zwar hatte er damals - vor einer halben Ewigkeit, als das Raumfahrtprogramm nach dem Challenger-Unglück langsam erst wieder anzulaufen begann - unter den Bewerbern die besten fachlichen und körperlichen Voraussetzungen mitgebracht, die Verantwortlichen hatten jedoch am Ende einen schlechter qualifizierten und um fünf Jahre älteren Captain vorgezogen, nur weil dieser die Disziplin wesentlich ernster genommen hatte. Über Jahre hatte ihm das weh getan. Aber jetzt war der stille Groll vollkommen verschwunden.
Ein paar Schritte weiter stellte John überrascht fest, dass er fror, und rieb sich die Arme. Er hatte den nächtlichen Temperaturabfall in der Stadt doch unterschätzt und war im kurzärmligen Shirt losgezogen. Die Jacke lag weit weg n seinem Quartier. Es musste eben auch so gehen, denn so nahe vor dem Ziel wollte er nicht mehr zurück.
Schließlich stand er vor der Bucht, in der Lizzy angedockt hatte. Wie immer öffnete sich die Heckklappe automatisch, das Licht sprang erst im hinteren, dann im vorderen Teil an.
Doch bevor er seine Hand auf das Aktivierungsfeld legen konnte, sprangen die Konsolen im Cockpit schon von alleine an und empfingen ihn mit einem aufgeregten Summen.
John stutzte. Das war ja etwas ganz Neues. Wenn jemand dabei war, machte sie das nicht.
"Hallo Lizzy", sagte er leise und ließ sich auf den Pilotensitz sinken. "Du freust dich wohl, mich zu sehen." Er ließ die Hand sanft über den Steuerknüppel gleiten, während er sich wieder einmal fragte, wie ausgeprägt das Bewusstsein des Schiffes eigentlich war. Jedenfalls nicht so schwach oder gering, wie er zunächst gedacht hatte.
"Lizzy" besaß eine Persönlichkeit, die genauso neugierig auf ihn war, wie er auf sie. Und die sehr wohl spürte, wenn er durcheinander oder unkonzentriert war, denn jedes Feld, jeden Regler, den er berührte und bewegte, sprang danach wieder auf seine Ausgangseinstellung zurück.
John seufzte. "Hör mal, Kleines, ich brauche ein bißchen Ablenkung, damit ich diese verdammten Bilder aus meinem Kopf bekomme. Wenn ich deiner Meinung nach nichts machen soll ... hast du einen besseren Vorschlag?"
Auf der Frontscheibe erschien ein Bild. John lehnte sich zurück, denn das waren nicht die Aufzeichnungen, die er während der Rettungsaktion gemacht hatte. Sie mussten vor langer, langer Zeit gemacht worden sein, denn das Bild zeigte einen Planeten voller Lichtpunkte. Das Schiff tauchte in die Atmosphäre ein und flog über eine unberührte Landschaft, bis es schließlich eine Stadt voller bizarrer Architektur erreichte.
Dort reihte es sich zwischen andere Schiffe ein, brach munter wieder aus und tanzte ausgelassen unter Verbindungsbrücken her, dann schlug es einen Looping, machte eine scharfe Wende und schrammte haarscharf an einer Wand vorbei.
John lehnte sich zurück, während das Licht im Jumper automatisch schwächer wurde und die Farben des Bildes auf der Scheibe dafür leuchtender.
Das war besser als Achterbahnfahren und Kino zusammen. Er genoss den rasanten und wilden Flug, während ein gleichmäßiges Vibrieren seinen Körper massierte.
Warum wurden seine Augen plötzlich so schwer und waren immer schwerer zu öffnen, wenn sie ihm einfach zufielen? Weshalb musste er plötzlich so herzhaft gähnen?
Und er fror auch nicht mehr. Eine angenehme Wärme breitete sich in seinem Körper aus. Sehr angenehm, sehr ... einschläfernd.
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In der Jumper-Basis von Atlantis
früher Morgen am siebten Tag nach der Ankunft
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Dr. Radek Zelenka rückte seine Brille gerade, als er die Jumper Basis betrat, und sah sich um. Die Schiffe faszinierten ihn, auch wenn er sich niemals vorstellen konnte, in einem mit zu fliegen. Selbst eines zu steuern, das erledigte sich schon von selbst, denn er hatte das ATA-Gen nicht.
Das hinderte ihn aber auch nicht daran, sich die antikische Technik genauer anzusehen und dann einen Weg zu finden, sie mit der irdischen zu verknüpfen. Und das tat er gerne auch einmal ohne einen Kollegen an seiner Seite, der ihn ständig mit seinen klugen - oft auch weniger förderlichen Kommentaren ablenken würde.
Dr. McKay mochte ja die Koryphäe auf diesem Gebiet sein, aber er war anstrengend, laut und beredt, ließ kaum andere Meinungen neben sich gelten. Vor allem nicht, wenn man einen ganz anderen Ansatz als er wählte. Und dass lenkte unnötig vom Wesentlichen ab.
Deshalb hatte der Tscheche es vorgezogen, den frühen Morgen auszunutzen und sich seinen praktischen Forschungen zu widmen, ohne dass ihm einer dazwischen redete. Er wusste, dass Dr. McKay wieder die halbe Nacht in seinem Labor verbracht hatte und mit Sicherheit noch schlief. Und die anderen steckten voll in ihren eigenen Projekten.
Inzwischen hatte er die Buchten im zweiten Stock erreicht und blieb erstaunt stehen, denn eine Heckklappe war ausgefahren. Sofort verdüsterte sich sein Gesicht. War ihm etwa schon jemand anderes zuvor gekommen. Vielleicht Dr. Kusanagi? Nein, die redete sehr oft mit sich selbst, wenn sie sich alleine glaubte.
Aber auf der anderen Seite hörte er keinerlei Geräusche außer einem gleichmäßigen und sehr beruhigenden dunklen Summen.
Merkwürdig, wo kam das her?
Vorsichtig trat der Tscheche näher und trat auf die Rampe.
Im nächsten Moment erklang ein warnendes Zischen.
Radek machte erschreckt einen Satz rückwärts und verlor bald sein Datentablett aus den Händen. Im letzten Moment fing er das empfindliche Gerät auf. und hielt es mit pochendem Herzen vor seine Brust.
"Psst!"
Ein zweites Mal zuckte er heftig zusammen, seine Augen weiteten sich.
Hatte er das jetzt richtig verstanden?
Zaghaft und vorsichtig wagte er sich noch einmal einen, dann zwei Schritte vorwärts.
Wieder machte es "Psst!"
Diesmal aber war er auf den Laut vorbereitet, wich nicht wieder zurück und konnte endlich einen Blick auf das Cockpit erhaschen. Die Konsole war zwar aktiv, aber ihre Beleuchtung, wie die in der Decke stark herunter gefahren. Schmale, langgliedrige Hände lagen auf den Steuerelementen und im Pilotensitz selbst ruhte eine hochgewachsene Gestalt in halb sitzender, halb liegender Haltung.
Der Kopf Major Sheppards war halb zur Seite, halb auf die Brust gesunken. Deshalb konnte er nicht mehr als den strubbligen Pony und die entspannt wirkende Mundpartie sehen. Der Mann schien tief und fest zu schlafen, wie er an den regelmäßigen und tiefen Atemzügen erkannte.
Nun identifizierte Radek auch den Ursprung des Summens. Das ging von der Konsole aus und hörte sich wie eine sehr beruhigende und dabei einschläfernde Melodie an.
Dem Wissenschaftler klappte die Kinnlade hinunter.
Doch noch ehe er etwas unternehmen konnte - zum Beispiel den Schlafenden zu wecken, schloss sich die Verbindungstür zwischen Cockpit und Fracht-/Passagier-Raum und zwang ihn dazu wieder einen Schritt zurückzuweichen.
Der Tscheche stand noch einen Moment verdattert vor der geschlossenen Tür und versuchte zu realisieren, was er da gerade mitbekommen hatte: Der Puddlejumper sang dem schlafenden Major ein Lied vor und schien sorgsam darauf bedacht zu sein, dass auch ja niemand ihn weckte.
Das war unheimlich...
Nein, das war beängstigend!
Der Tscheche schüttelte sich.
Ehe ihm noch mehr gruselte, verließ er lieber den Jumper und suchte sich einen anderen, der selbst noch selig und friedlich schlummerte, weil ihn bisher kein Gen-Träger aktiviert hatte. Denn Radek war von Natur aus ein vorsichtiger Mensch und das erschien ihm wesentlich sicherer.
E n d e
