Kapitel 14: Bibliothek der Vampire

Gillian betrat die Bibliothek der Vampire.

Sie war ganz anders, als sie sie sich vorgestellt hatte. Es gab keine meterhohen Bücherregale, keine ledergebundenen Folianten und keine erkennbare Ordnung.

Es handelte sich um eine große, trockene Höhle, deren Decke in der Dunkelheit über ihr verschwand. Überall, in Nischen, Felsvorsprüngen und auf dem Boden lagen Rollen Pergaments, alte mit schwarzer Tinte beschriebene Folianten und sogar Steinplatten, in die unbekannte Schriftzeichen eingeritzt waren.

Gillians Herz sank.

Es konnte Jahre dauern, hier etwas zu finden.

Kopfschüttelnd betrachtete sie das Durcheinander.

Sie rümpfte die Nase.

Niemand schien sich um diesen Schatz zu kümmern, ihn zu studieren und zu sortieren.

Dämliche Vampire.

Eure Sporthallen haltete ihr besser in Schuß, als das Vermächtnis an Wissen der Jahrhunderte, dachte Gillian angewidert.

Sie durchschritt die Höhle und steuerte auf einen grobgezimmerten Tisch zu.

Es war das einzige Möbelstück in dem ganzen Raum.

Jemand schien sich erst vor kurzem hier eingerichtet zu haben: es standen zwei Schemel bereit, sowie Kerzen und ein Tintenfass.

Gillians Herz begann aufgeregter zu klopfen.

Auf dem Tisch lag ein einziges Dokument: eine aufgerollte Schriftrolle.

Gillian griff danach und rollte sie hastig auf: Die Schrift war in Latein.

Doch ein Wort sprang ihr sofort ins Auge: "Umbra".

Das war es, wonach sie gesucht hatte!

Sie steckte die Pergamentrolle ein.

Gavner, du bist ein Goldschatz!

Schnell machte sie sich auf den Rückweg; sie hatte nicht viel Zeit.

Mit einem letzten bedauernden Blick auf die Bibliothek der Vampire, huschte Gillian zurück in die Tunnel.

Und stand Arra Sails gegenüber.

Die Vampirin versperrte breitbeinig den Durchgang zu dem einzigen Tor, das von der Bibliothek fortführte.

Sie hatte ihre Stange dabei.

Und sah zu allem entschlossen aus.

„Wußte ich doch, dass du hierher kommen würdest", Arra kräuselte triumphierend die Lippen.

„Geh beiseite, Arra Sails", knurrte Gillian.

Arra lachte. „Du befiehlst mir? Ausgerechnet Larten Crepsleys feiger Abkömmling. Sogar der Halbvampir hat mehr Mumm in den Knochen wie du."

Sie legte den Kopf schief. „Ich frage mich, wie Larten auf die dumme Idee kam, dich anzuzapfen."

Sie will dich nur provozieren, Gillian, fall nicht darauf rein, dachte sie und machte ein paar Schritte auf das Tor zu.

Arra straffte die Schultern und spannte sich an. Sie behielt Gillian scharf im Auge. „Keinen Schritt weiter!"

Gillian blieb stehen. „Geh beiseite!", knurrte sie wieder.

Arra hob die Stange und packte sie fester mit beiden Händen.

Scheiße, dachte Gillian.

„Der alte Larten…", höhnte Arra Sails. „Er hat echt kein Händchen für Frauen."

„Sei still", zischte Gillian, die fieberhaft überlegte, was sie tun sollte.

Sie hatte nicht viel Zeit.

Das Arra hier war, bedeutete, dass ihre Flucht wahrscheinlich schon entdeckt worden war.

„Er ist mir damals hinterher gelaufen wie ein kleiner Hund." Arra grinste. „Was sollte ich machen? Man kann einen kleinen Hund doch nicht vor die Tür setzen?"

Gillian fletschte die Zähne.

Kalte Wut kroch in ihr hoch.

Sie will dich nur provozieren… sie schindet Zeit, bis die Wachen kommen…

„Halts Maul, Arra!", fauchte Gillian und zog einen Dolch aus ihrem Stiefelschacht.

Die Klinge schimmerte kalt im Schein der Fackeln.

Den Dolch hatte Gillian sich vor ein paar Jahren zugelegt, anstelle ihres alten Klappmessers. Sie wollte nicht mehr unbewaffnet sein, wenn sie jemals wieder jemand angriff.

Die Klinge war etwa so lang wie ihr Unterarm und sah gefährlich aus.

Arra blickte auf den Dolch und fletschte ebenfalls die Zähne.

„Warum? Willst du das nicht hören?".

Die beiden Frauen begannen sich zu umkreisen.

Arra schwang ihren Stab zischend durch die Luft, so dass er einen Halbkreis bildete, und Gillian wich instinktiv zurück.

Arra stieß spielerisch mit der stumpfen Spitze des Stabes nach Gillians Gesicht, und Gillian wich ein paar weitere Schritte zurück.

Der Schlag war kaum ernst gemeint gewesen, ihm war viel zu einfach auszuweichen.

Gillian begriff, dass Arra dieselbe Taktik anwendete, wie auf den Planken: sie trieb Gillian in die Enge.

In diesem Fall zurück in die Bibliothek.

Gillian tänzelte seitwärts, und als Arra merkte, dass Gillian ihre Taktik durchschaut hatte, schlug sie blitzschnell zu.

Gillian war nicht schnell genug. Mit Wucht traf der Stab sie an der Seite, und Gillian keuchte auf, als ihr die Luft weg blieb.

Sofort attackierte Arra mit einer Kombination schneller harter Schläge, denen Gillian nicht allen ausweichen konnte. Der Stab traf sie mehrmals an Armen und am Oberkörper, bevor Gillian es schaffte über den heransausenden Stab zu springen, der auf ihre Kniekehlen gezielt hatte, und gewann Abstand.

Mit einem triumphierenden Grinsen wirbelte Arra Sails den Stab herum, so dass er auf ihrem Rücken zu liegen kam; in kampfbereiter Pose.

Außer Atem sah Gillian ihre Gegnerin an.

Scheiße, der Stab hat eine zu große Reichweite, ich komme nicht an sie heran.

Arra lachte.

Diese Gillian war keine Gegnerin.

Sie war ihr haushoch überlegen.

Bis die Wachen eintrafen, würde sie sie grün und blau geschlagen haben, so dass Larten sein hübsches Püppchen nicht wiedererkannte.

Eine böse Befriedigung überfiel Arra.

Ihr Gesicht, dachte sie.

Vor allem ihr viel zu hübsches Gesicht, musste noch ein paar Treffer abbekommen.

„Erbärmlich", spie Arra aus. „Ich hätte gedacht, Larten hätte was seine Wahl an Frauen angeht dazu gelernt, seid er diese Narbe erhalten hat."

Gillian knurrte. „Was meinst du?"

Arra grinste: "Weißt du das etwa nicht? Woher Larten seine Narbe hat?"

„Er hat sie im Kampf erhalten. Murlough hat sie ihm verpasst…"

Arra lachte höhnisch: "Hat er dir das etwa erzählt?"

Gillian runzelte die Stirn: "Ja."

„Nein", sagte Arra Sails genüsslich. "Nicht Murlough hat sie ihm verpasst. Er hat sie von einer Frau bekommen, als er versucht hat, sie zu küssen."

Einer Frau? Meinte Arra damit sich selbst?

„Hast du das etwa nicht gewusst?", fragte Arra in gespielter Überraschung.

Ein roter Schleier schob sich vor Gillians Augen.

Keine Zeit für einen fairen Kampf, dachte Gillian, und knurrte.

Arras Lächeln erstarb.

Endlich, sie hatte es geschafft, das Püppchen wütend zu machen. Sie würde angreifen. Der Spaß konnte beginnen.

Gillian fletschte die Zähne, und schoß vor.

Arra holte aus, und zielte.

Da wurde es mit einem Wimpernschlag dunkel.

Arra ließ den Stab heruntersausen, wo Gillian sich eben noch befunden hatte.

Doch der Stab sauste durch leere Luft und schlug auf den Boden.

Es war stockdunkel, dunkler als Arra es je erlebt hatte, sie hätte ihre Finger nicht sehen können, wenn sie ihre Nasenspitze berührt hätte.

Sie zog den Stab zurück und stieß probeweise in die Luft.

Sie konnte die Gegnerin vielleicht nicht mehr sehen.

Aber Arra Sails verließ sich nie ausschließlich auf ihre Augen.

Langsam drehte sie sich im Kreis und lauschte auf das kleinste Atmen, den leisesten Luftzug.

Gillian hatte nach links angetäuscht und dann im Bruchteil einer Sekunde Dunkelheit heraufbeschworen, um sich im selben Moment nach rechts zu werfen.

So schnell gehorchten die Schatten Gillian nur hier im Berg der Vampire, wo es Orte gab, an denen es noch nie Sonnenlicht gegeben hatte. Die Dunkelheit war komplett, obwohl Fackeln nach wie vor im Raum brannten, gab es nicht das allergeringste bisschen Licht.

Doch Gillian konnte sehen.

Für sie bestand Dunkelheit nicht einfach nur aus Schwärze.

Für sie war schwarz eine Abfolge von Millionen Grautönen.

Die Dunkelheit umfloß sie, wie Wasser und wirbelte sich zu kleinen Strömungen auf, wo Bewegung herrschte.

So war die Gestalt Arra Sails deutlich zu sehen.

Gillian war hinter sie gehuscht und machte jetzt geräuschlos jede ihrer Bewegungen mit.

Sie stand direkt hinter ihr.

Gillian flittete, und Arras Sinne nahmen den Bruchteil einer Sekunde zu spät eine Berührung an der Kehle war.

Da hatte Gillian den Dolch schon durchgezogen.

Gillian versetzte Arra in aller Seelenruhe einen tiefen langen Schnitt am Hals, so dass ein Schwall Blut herausschoß, und trat dann einen Schritt zurück.

Arra Sails ging in die Knie und fiel dann vorne über.

Gillian wartete nicht ab, ob die Vampirin sich vielleicht noch einmal bewegte, sondern flittete sofort durch das Tor.

Hinter ihr gab Arra Sails ein gurgelndes Geräusch von sich.

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