Kapitel 14 : „The bitter end"

Larten Crepsley stand vor dem Spiegel und knöpfte sich das frische Hemd zu. Er hatte sich umziehen müssen, da sein Anzug mit Blut getränkt gewesen war.

Gillians Blut.

Er zog eine Weste über und seufzte. Er machte sich Sorgen, was die Zukunft bringen würde. Dieser Abend hatte alles verändert.

Der Vampir sah auf, weil jemand das Zelt betrat.

Gillians Anblick verschlug ihm den Atem. Sie trug ein elegantes tief ausgeschnittenes Abendkleid, das er noch nie zuvor an ihr gesehen hatte. Ihre Haut war von einem makellosen weiß und ihre schwarzen Haare umflossen sie, wie Wasser.

Als sein Blick an ihr herab glitt, blieb er an den Stiefeln hängen, die sie trug. Sein Herz klopfte, als er erkannte, dass es die waren, die er ihr geschenkt und die sie nicht einmal anprobiert hatte. Es machte ihn glücklich, zu sehen, dass sie sie jetzt trug. Und dass sie ihr scheinbar passten.

Gillian war stehengeblieben und betrachtete ihrerseits den alten Vampir. Bei seinem Anblick pochte ihr Herz wie immer angenehm. Sie errötete leicht, als sie bemerkte, wie er sie ansah.

Schnell ging sie über den Teppich auf ihn zu. Ein scharfer Geruch stieg ihr von dem Teppich aus in die Nase. Er war verklebt mit getrocknetem Blut.

Larten Crepsley sah, wie sie die Nase rümpfte. "Ich fürchte, der Teppich wird nie wieder der selbe sein."

Gillian lächelte: „Seine Zeit war abgelaufen."

Wortlos griff sie zu einem Halstuch und schlang es um Lartens Hals und half ihm, den letzten Knopf des Hemdes zu schließen.

Dabei berührten seine Finger ihre und ein angenehmes Kribbeln breitete sich in ihr aus.

Sie trat zurück und betrachtete ihr Werk. Der Vampir mit dem orangenroten Haarschopf und der Narbe quer über dem Gesicht, hatte sich nicht verändert. Nur das amüsierte Funkeln in seinen Augen schien ihr intensiver als sonst. Es machte ihn attraktiver als jemals zuvor.

Larten zog eine Augenbraue hoch und besah sich Gillian von oben bis unten. Er stieß einen anerkennenden Pfiff durch die Zähne. „Ihr seht umwerfend aus, Vampirin Gillian."

Gillians Herz klopfte. „Danke."

Er hob eine Hand und streichelte ihr über die Wange. Gillian schloß seufzend die Augen und genoß das Gefühl seiner rauen Hand in ihrem Gesicht. Sein Daumen strich über ihre Lippen. Als sie die Augen öffnete, stand er dicht bei ihr. Sie schmiegte sich an seine Hand, wie eine Katze. Es fehlte nicht viel, und sie hätte angefangen zu schnurren.

„Ich wollte nicht, dass es so abläuft." Lartens Stimme klang belegt.

„Dich trifft keine Schuld", hauchte Gillian.

„Doch. Ich hätte begreifen müssen, wie wichtig es dir ist. Ich hätte voraussehen sollen, wie weit du gehen würdest."

Gillian spürte einen Kloß im Hals. „Ich hätte nicht…ich war nur, so verletzt…ich hätte nie…"

Larten musterte sie aufmerksam. Seine Hand fasste sie unter das Kinn und zwang sie so, ihm in die Augen zu sehen. „Doch du hättest, Gillian", knurrte der Vampir.

Tränen schossen ihr in die Augen. „Ich…", stammelte sie. „Ich wollte…ich wollte doch nur, … dass du mich liebst." Ihre Stimme brach.

Larten hatte sie fest im Griff. Der Druck seiner Hand tat ihr weh. „Weißt du, warum ich dich nicht zu einem Vampir machen wollte?"

Gillians Herz klopfte. Ich kann das nicht…hatte er zu ihr gesagt, als sie mit Gavner Purl gegangen war. Was hatte er gemeint?

Ihr Atem ging schnell, als sie versuchte zu ergründen, was der Vampir gemeint hatte. Sein Blut floß in ihren Adern, und sie war ihm so eng verbunden gewesen wie noch nie. Sie hatte in seinen Gedanken lesen können wie in einem offenen Buch. Diese Verbundenheit hatte schon begonnen, nachzulassen. Verzweifelt bemerkte Gillian, dass sie begann, sich erneut von Larten zu entfernen.

Sie wühlte in ihrer Erinnerung. Was hatte Larten für sie empfunden? Was war es gewesen, dass sie in ihm lesen konnte, bevor der Schmerz alles klare Denken ausgelöscht hatte?

„Du hast mir nicht vertraut." Sie schluckte. Es tat weh, es auszusprechen.

Larten ließ sie los.

Sie konnte noch immer seine Finger um ihr Kinn spüren. Er hatte hart zugepackt.

Sie unterdrückte den Impuls, sich die Stelle zu reiben. Sie forschte weiter. „Aber jetzt…jetzt vertraust du mir doch?!", rief sie aufgebracht.

Larten drehte ihr den Rücken zu und ging zum Sessel.

„Larten!", rief Gillian erregt. Sie versuchte, zu ergründen, warum er ihr nicht vertraute. „Warum? Ich habe dir nie Anlass gegeben... Du…glaubst doch nicht…Du glaubst, ich hätte etwas Böses in mir?"

Larten Crepsley blickte über seine Schulter.

„Wegen meiner Fähigkeit, mich in Schatten zu hüllen?"

Der Vampir schwieg und griff zur Karaffe. Er goß sich etwas Blut in ein Glas und besah sich die rote Flüssigkeit.

„Das ist eine ungewöhnliche Fähigkeit, Gillian."

Gillian dachte an den Tag zurück, an dem sie die Dunkelheit das allererste Mal heraufbeschworen hatte. Es war auch der Tag gewesen, an dem Larten Crepsley sie eingeladen hatte, sich dem Circus anzuschließen…

Sie war dem Vampir das allererste Mal auf der Brücke begegnet. Larten Crepsley hatte die junge Frau auf dem Geländer gesehen, ihr ein Ticket für den Cirque du Freak überreicht, und war verschwunden.

Am nächsten Abend bei der Vorstellung entdeckte er sie im Zuschauerraum, und er hatte sich gefreut, dass sie gekommen war. Sie war also nicht gesprungen.

Nein, Gillian war nicht gesprungen. Das hatte sie auch gar nicht vorgehabt. Sie hatte nur das köstliche Kribbeln in ihrem Magen und das Adrenalin in ihrem Blut spüren wollen. Als der merkwürdige Mann mit der Narbe und dem orangeroten Haarschopf ihr das Ticket überreichte, war sie verblüfft gewesen.

Und war zur Vorstellung gegangen.

Als Larten Crepsley dann die Bühne betrat, hatte ihr Herz zu hüpfen angefangen. Das war der Mann, der so mysteriös aufgetaucht und wieder verschwunden war. Er wollte, dass sie sich diese Show ansah, und nun war sie hier. Fasziniert hatte sie der Show und ganz besonders dem Auftritt Mr Crepsleys zugesehen.

Wer war dieser Mann? Die Dressur seiner Spinne war einmalig, und auch wenn ihr ein Schauder über den Rücken lief, bei dem Anblick der scheußlichen Spinne, so fühlte sie sich doch umso mehr angezogen, von dem Mann der auf der Flöte spielte.

Larten Crepsley hatte Gillian ebenfalls interessiert betrachtet. Er spürte die ganze Vorstellung über, wie sie ihn anstarrte.

Nach der Show, hatte Gillian am Bühneneingang herumgelungert, in der Hoffnung, Mr Crepsley zu begegnen.

Doch er war nicht erschienen.

Verwirrt und traurig kehrte sie in ihre kleine kalte Wohnung zurück, und versuchte zu ergründen, warum ihr Herz bei dem Gedanken an diesen Mann so aufgeregt klopfte. Er war faszinierend!

Darum ging sie auch in der darauffolgenden Nacht zur Vorstellung des Cirque du Freak , und setzte sich ganz nach hinten in den Zuschauerraum.

Larten Crepsley entdeckte die junge Frau trotzdem, als er durch den Vorhang spähte. Sie war also wiedergekommen. Das war nicht gut. So hatte er das nicht geplant. Anscheinend hatte er nun einen kleinen Fan. Der Vampir seufzte.

Er beschloss, der jungen Frau aus dem Weg zu gehen, bis sich ihr Interesse an ihm gelegt hatte. Morgen würde die letzte Vorstellung des Cirque du Freak in dieser Stadt sein. Dann würde er weiterziehen, und die junge Selbstmörderin könnte ihn bald vergessen.

Er absolvierte seine Nummer, ohne Gillian eines Blickes zu würdigen, und verschwand nach der Vorstellung rasch, als er sah, dass sie wieder vor dem Bühneneingang nach ihm Ausschau hielt.

Gillian war verzweifelt gewesen. Sie wollte den ungewöhnlichen Mann unbedingt sprechen. Er hatte ihr das Ticket gegeben, er hatte sie in der ersten Vorstellung wiedererkannt, sie hatte gespürt, wie er sie ansah! Warum ging er ihr aus dem Weg? Es hatte doch einen Sinn gehabt, dass er sie hierher gelockt hatte!

Gillian kaufte ein Ticket für die Vorstellung am folgenden Abend. Sie wusste, es würde die letzte Vorstellung des Cirque du Freak sein.

Sie nahm sich fest vor, dieses mal mit Mr Crepsley zu sprechen.

In der folgenden Nacht betrat Larten Crepsley die Bühne, in dem er hinter dem Vorhang hervorflittete. Wie jedes Mal ging ein Raunen durch die Menge.

Er bemerkte die junge Selbstmörderin. Sie saß dieses Mal in der ersten Reihe, und starrte ihn aus brennenden Augen an.

Mr Creplsey begann mit seiner Nummer. Die ganze Zeit spürte er ihre Blicke auf sich. Zwar fand der alte Vampir es auch ein wenig schmeichelhaft, dass so ein junges Ding sich augenscheinlich in ihn verliebt hatte. Und diese da hatte zugegebenermaßen etwas Faszinierendes an sich. Sie war nicht nur jung und hübsch. Er hatte sie auch kämpfen sehen. Und er hatte sie verzweifelt gesehen, auf dem Geländer einer Brücke stehend, bereit sich herunterzustürzen. Aber gerade weil er spürte, dass er begann, sich zu dieser jungen Frau ebenfalls hingezogen zu fühlen, wollte er den Kontakt mit ihr auf jeden Fall vermeiden.

Das war das Letzte, was Larten Crepsley gebrauchen konnte. Das er sich wieder verliebte.

Er warf einen verstohlenen Blick zu der jungen Selbstmörderin. Fast hätte er gelacht. Es war köstlich mit anzusehen, wie ihr Gesicht ihre Gefühle widerspiegelte: sie war gleichzeitig fasziniert von dem Vampir und abgestoßen von der Spinne.

Da hatte Larten Crepsley plötzlich eine Idee.

Er setzte Madam Octa auf seine Schulter und verkündete, dass er für die nächste Nummer einen Helfer aus dem Publikum auf die Bühne bitten würde.

Im Saal wurde der Atem angehalten. Niemand wollte freiwillig auf die Bühne.

Larten grinste breit, machte ein paar tänzelnde Schritte nach vorne, und hielt vor der jungen Frau. Er deutete eine Verbeugung an, und streckte dann seine Hand zu ihr aus. Gillian hatte ihn aus schreckgeweiteten Augen angestarrt. Ihre Augen huschten zwischen Lartens Gesicht und der Spinne auf seiner Schulter hin und her.

Larten amüsierte sich köstlich.

Dann nahm Gillian seine Hand.

Er nickte ihr anerkennend zu und führte sie auf die Bühne.

Nachdem er dem Publikum erklärt hatte, wie gefährlich es sei, was er jetzt vor habe, und der jungen Frau auf der Bühne einschärfte, nicht zu schreien oder sich schnell zu bewegen, setzte er die Flöte an die Lippen.

Die junge Selbstmörderin war vor Angst wie erstarrt. Ihre Furcht und ihr Ekel vor der Spinne waren eindeutig größer als ihr Interesse an ihm.

Larten beglückwünschte sich innerlich selbst.

Nach dieser Vorstellung würden der jungen Frau nur die Angst und der Ekel in Erinnerung bleiben und sie würde ihre Verliebtheit in den albernen Zirkusclown bald vergessen.

Zufrieden mit sich selbst spielte Larten eine Melodie und ließ Octa langsam von seinem Arm auf Gillians Schulter wandern.

Aus dem Augenwinkel bekam er mit, wie Mr Tall hinter dem Vorhang ihm warnende Blicke zu warf, und ihm tonlos bedeutete, diese außerplanmäßige Nummer abzubrechen. Sie nahmen nie jemanden aus dem Publikum. Madam Octa war einfach zu gefährlich. Doch Larten bedeutete ihm, dass er alles unter Kontrolle hatte, und ließ die Spinne sich an dem Hals der jungen Frau hoch tasten.

Die Selbstmörderin war vor Angst erstarrt. Sie hatte den Atem angehalten, Augen und Lippen zusammengepresst und betete nur noch, dass es schnell zu Ende sei.

Als sie die kitzelige Berührung der haarigen Beine an ihrem Hals spürte, kroch Panik in ihr hoch.

Gillian wollte durchhalten, wollte keine Angst zeigen vor Mr Crepsley, wollte ihn beeindrucken, ihn nicht enttäuschen…Ihr war bewusst, dass sie im grellen Scheinwerferlicht stand und aller Augen auf sie gerichtet waren.

Ich bin nicht da, niemand sieht mich.

Sie begann ein altes Mantra aus ihrer Kindheit vor sich her zu beten. Ich bin nicht da, niemand sieht mich. Ich bin nicht da, niemand sieht mich. Ich bin nicht da, niemand sieht mich.

Gillian wurde ruhiger; es war, als würde sie sich von der Welt lösen, als schiebe sich ein Schleier zwischen ihr und ihre Umgebung. Auch die widerliche Spinne, die ihr den Kopf herauf kroch, war wie in weite Ferne gerückt.

Es ging sie nichts mehr an. Ich bin nicht da, niemand sieht mich.

Larten Crepsley hatte amüsiert zugesehen, wie die Frau mit geschlossenen Augen und angehaltenem Atem die Prozedur über sich ergehen ließ. Er musste zugeben, die Selbstmörderin hatte Mut. Und Selbstdisziplin.

Da änderte sich das Licht im Saal.

Dem Vampir war, als würden die Scheinwerfer gedimmt.

Er warf einen Blick nach oben, ohne die Lippen von der Flöte zu nehmen. Doch die Scheinwerfer schienen noch immer unverändert hell.

Jetzt ging ein Murmeln durch den Saal.

Er sah schnell wieder zu der Frau. Und traute seinen Augen nicht. Es war, als hätte ihr schwarzes Kleid sich verflüssigt oder wäre zu Rauch geworden. Da wo die Frau stand, wurde es immer dunkler, und ihre Gestalt verschmolz mit dem schwarzen Bühnenhintergrund. Nur dass das kein Bühneneffekt war.

Er sah zu Mr Tall, der aufgeregt Zeichen gab. Etwas ging hier vor sich.

Hastig änderte Mr Crepsley die Melodie auf der Flöte und pflückte Madam Octa von dem Kopf der Frau. Es war als griffe er in Tinte.

Er stopfte die Spinne in seine Manteltasche und rief: „Einen kräftigen Applaus für meine mutige Helferin, bitte!" Und machte Verbeugungen in alle Richtungen.

Zögernder Applaus brandete auf.

Mr Crepsley wartete ihn nicht ab, sondern ergriff den Arm der Selbstmörderin und zog sie durch einen Vorhang auf die Seitenbühne.

Augenblicklich wurde es wieder heller auf der Bühne, und Mr Tall beeilte sich, die nächste Nummer anzukündigen.

Auf der Seitenbühne war es dunkel, und selbst Mr Crepsleys Vampirsinne hatten Schwierigkeiten, die Frau in der Dunkelheit zu erkennen.

Er zog sie am Arm weiter mit sich, bis in seine Garderobe, wo er Madam Octa in ihren Käfig setzte.

Dann drehte er sich zu der Frau um. „Es ist gut, die Spinne ist fort." Vorsichtshalber warf er noch ein Tuch über den Käfig.

Die Frau hatte die Augen zwar wieder geöffnet, starrte ihn aber weiterhin so verängstigt an, dass Larten lachen musste: "Sie können jetzt wieder atmen!"

Die Frau atmete aus.

Larten lachte wieder leise. Er deutete auf seinen Sessel: „Bitte, setzen Sie sich."

Gillian war noch ganz benommen. Sie hatte nur am Rande mitbekommen, dass der Mann sie von der Bühne gezerrt hatte. Was war geschehen? Mit klopfendem Herzen erkannte sie, dass sie sich alleine mit ihm in seiner Garderobe befand.

Sie setzte sich zögernd hin und starrte den Mann an. Von nahem sah er noch faszinierender aus. Seine Haut war so weiß, und in seinen Augen lag ein merkwürdiger Glanz. Ihr Herz begann zu pochen, als sie sah, dass der Mann sie interessiert betrachtete.

„Was haben Sie da eben auf der Bühne gemacht?"

„Ich weiß nicht…habe ich etwas gemacht?"

„Ja. Sie haben eine Dunkelheit heraufbeschworen."

Gillian starrte ihn mit offenem Mund an. War der Mann verrückt? „Warum haben sie mich hierhergeholt?"

„In meine Garderobe?"

„Nein, in den Circus."

Larten Crepsley schwieg. Das war nicht gut. Die Frau suchte einen Sinn zum weiterleben. Sie suchte diesen Sinn in ihm. „Können sie sich an nichts erinnern, was auf der Bühne passiert ist?"

Gillian runzelte die Stirn. Was war denn gewesen? Sie hatte sich weg gewünscht; fort von den Blicken der Menschen. Sie hatte sich vorgestellt, sie wäre in Dunkelheit gehüllt und nichts und niemand könne ihr etwas anhaben.

Aber konnte sie das diesem merkwürdigen Mann sagen?

„Ich…", Gillian zögerte. "Ich habe mir vorgestellt, ich wäre in Dunkelheit gehüllt."

„Tun Sie das öfter?"

„Manchmal", murmelte Gillian verlegen.

Der Vampir betrachtete die Frau fasziniert. Er rieb sich mit einer Hand über die Narben in seinem Gesicht, wie er es öfter tat, wenn er nachdenken musste.

„Ich habe Sie in den Circus eingeladen, weil dies ein Ort ist, an dem Menschen unterkommen, die keinen anderen Platz im Leben finden."

Gillian sah zu ihm auf, und ihre Augen schimmerten.

„Im Cirque du Freak reisen Ausgestoßene, Heimatlose, Verkrüppelte, Waisen, Abenteurer auf der Suche nach einem Sinn und Menschen mit besonderen Begabungen."

Gillians Herz begann zu klopfen.

„Mir scheint, Sie haben eine ganz besondere Begabung."

Gillian stand rasch auf und stellte sich vor Larten Crepsley. „Heißt das…Heißt das, Sie bieten mir an, mit ihnen zu reisen? Ich meine, mit dem Circus?"

Der Vampir sah sie nachdenklich an. Warum nicht?

Er nickte.

Gillian strahlte. Ihr Herz pochte zum Hals.

„Heißt das, Sie haben Interesse?"

„Ja!"

„Das bedeutet aber, dass sie ihren Job, ihre Freunde und ihre Familie zurücklassen müssen. Wir werden viel unterwegs sein."

„Kein Problem", sagte Gillian rasch. „Ich habe Nichts davon."

„Keine Familie?"

Gillian schüttelte den Kopf.

Ausgezeichnet, dachte der Vampir.

„Dann gehen Sie und packen Sie ihre Sachen zusammen. Aber denken Sie daran, wir reisen mit leichtem Gepäck. Morgen Abend bricht der Cirque du Freak auf."

Gillian hatte eifrig genickt. Bevor sie ging, hatte sie sich noch einmal umgedreht, und versprochen: „Danke, Mr Crepsley. Ich werde sie nicht enttäuschen."

„Du hast mich in den Circus eingeladen, weil ich auf der Bühne Dunkelheit heraufbeschworen hatte", erinnerte Gillian sich. Sie und Larten standen in ihrem Zelt und Gillian versuchte zu ergründen, was den Vampir vor fünfzehn Jahren veranlasst hatte, sie zu sich zu nehmen.

„Das war ganz außergewöhnlich Gillian. Du warst damals noch ein Mensch."

Gillian runzelte die Stirn. Sie hatte nie darüber nachgedacht. Ihr war, als hätte sie die Fähigkeit mit den Schatten zu verschmelzen erst entwickelt, als sie halbvampirisches Blut in sich hatte. Aber jetzt erinnerte sie sich, dass das nicht stimmte. Da war vorher schon etwas gewesen. Schon als Kind hatten die Schatten ihr zugeflüstert.

Larten ging hinüber zu seinem Sessel und setzte sich. Nachdenklich rieb er sich die Stirn und überlegte lange, bevor er fragte: "Hast du jemals von der Königin von Luft und Dunkelheit gehört?"

Die Königin von Luft und Dunkelheit? Nein…was ist das?"

„Eine alte Legende." Der Vampir trommelte mit den Fingern auf der Lehne. „Eine sehr alte Legende, fast vergessen. Es heißt, sie war eine Zauberin. Und sie hatte Anhänger, die sogenannten „Schattentänzer". Über die Königin ist nicht viel überliefert, aber von ihren Anhängern heißt es, sie hätten eine Dunkelheit heraufbeschwören können, die Vampire bei Berührung verbrennen konnte, wie Sonnenlicht. Diese Fähigkeit lässt Vampire noch heute in Furcht von den Schattentänzern sprechen, auch wenn es seit Jahrhunderten niemanden mehr gibt, der welche gesehen haben will."

„Schatten, die wie Sonnenlicht brennen?" Gillian lief ein Schauder über den Rücken.

Larten nickte.

Gillian sah wieder vor sich, wie sie die Dunkelheit beschworen hatte, um sie zu einer Waffe zu formen, die Murlough verbrannte. Die Stelle an der Schulter, wo sie ihn getroffen hatte, hatte geraucht und ausgesehen, wie verbrannt. Wie Verbrennungen durch Sonnenlicht.

Gillians Hände begannen zu zittern.

„Darren sagte, er hätte gesehen, wie du Murlough mit einer Art Schattenpeitsche angegriffen hast." Lartens dunkle Augen sahen seine ehemalige Schülerin stechend an.

„Ja…", hauchte sie. „Ich habe das nicht bewusst getan…Ich habe mich nur verteidigt. Ich wusste nicht, was für eine Wirkung es haben könnte…Larten!", sie kniete sich zu Füßen des Vampirs und nahm seine Hand. „Was ist das für eine Fähigkeit?"

Er sah auf ihre Hand herab, ohne sie zu ergreifen. „Das weiß ich nicht. Ich habe dich all die Jahre beobachtet. Ich habe gesehen, wie deine Kräfte immer stärker wurden. Ich hatte nicht vor, dich zu einem Vampir zu machen, bevor ich dich dem Konzil der Vampire vorgestellt habe. Ich war mir nicht sicher, was aus dir werden könnte."

„Aus mir werden?", rief Gillian empört, und zog ihre Hand weg. „Was soll denn aus mir werden? Ich habe mich im Griff."

„Du wärest beinahe zu einer Vampaneze geworden!", knurrte der Meistervampir. „Nennst du das, dich im Griff haben?"

Gillian zog eine Grimasse. „Nicht das Blut macht einem zu einem Vampaneze, sondern die Taten. Das hast du selbst gesagt! Einst waren Vampaneze und Vampire dieselben gewesen. Bis manche aufgehört hatten, zu töten und andere nicht. Du selbst hast einst getötet, um zu trinken!"

Larten wurde wütend. „Und doch ist es das Blut unseres Meisters, das uns prägt! Du hast die Verwandlung jetzt erfahren! Wir sind miteinander verbunden. Hättest du solch eine Verbindung zu Murlough gewollt?!"

Gillian schossen Tränen in die Augen: "Nein, natürlich nicht. Das wollte ich nie."

Larten sprang auf, und stieß sie beiseite.

„Wie kann ich dir vertrauen?! Ich habe gesehen, wie du deine Fänge in seinen Hals geschlagen hast!"

Gillian wich alle Farbe aus dem Gesicht.

„Das war doch nur…ich habe mich doch nur verteidigt. Er hatte mich gebissen! Ich sah keinen anderen Weg, ihn zu töten!"

Verzweifelt blickte sie zu Larten Crepsley hoch, der wütend auf sie heruntersah.

„Ich habe dir nicht beigebracht, so zu kämpfen. Du wolltest dich verwandeln! Du wolltest Murloughs Blut!"

„Nein…", mumelte Gillian schwach. Sie fühlte sich elend und schaute zu Boden auf seine Stiefelspitzen. „Ich habe immer nur Eures gewollt."

Plötzlich griff er nach ihrem Haar und zwang ihren Kopf nach oben, so dass sie ihm in die Augen sehen musste: „Dann schwöre es", knurrte er.

Gillian schluckte.

„Schwöre, dass du immer auf meiner Seite stehen wirst."

Gillian sah aus brennenden Augen zu ihm hoch. „Ich gehöre dir, Larten. Ich bin immer schon Dein gewesen."

Die Worte taten Wirkung. Lartens Blick wurde sanfter.

Dennoch sagte er: „Ich bete, dass der Tag niemals kommen wird, an dem ich dich an diesen Schwur erinnern muß." Er ließ ihre Haare los.

Gillian ergriff seine Hand und hauchte ihre Lippen darauf. „Und ich bete, dass der Tag kommen wird, an dem ich Euch meine Treue beweisen kann."

Larten zog sie hoch.

Der Vampir und seine ehemalige Schülerin standen sich gegenüber.

„Ich habe Murlough getötet, Gillian. Es wird einen Krieg geben."

„Ihr hattet keine Wahl."

Larten Crepsley sah besorgt aus. Er rieb sich wieder über die Narbe und unwillkürlich fasste Gillian sich an ihren Brustkorb. Die Narben, die Murloughs Klauen ihr verpasst hatten, schmerzten.

Larten legte ihr eine Hand auf die Schulter und zog sie in seine Arme.

Gillian legte seufzend ihren Kopf auf seine Brust.

Sie lauschte seinem leisen Herzschlag. Eine Weile standen beide so schweigend beieinander. Larten fuhr ihr sanft durch das Haar.

„Deswegen hast du mich nie im Circus auftreten lassen? Du wolltest meine Fähigkeit geheim halten?", fragte Gillian.

Der Vampir nickte: "Ja. Ich hatte so etwas noch nie gesehen, und habe nachgeforscht. Es war nicht leicht, etwas zu erfahren, aber ich hörte von den Legenden von den Schattentänzern. Ich hatte dich schon zu einer Halbvampirin gemacht, und befürchtete nun, einen Fehler begangen zu haben."

Gillian lachte leise. „Und ich dachte, du fandest mich nicht gut genug, um mich auftreten zu lassen. Ich habe nächtelang geübt, um besser zu werden!"

„Ich weiß", sagte der Vampir zerknirscht. „Ich hätte dich einweihen sollen. Aber das Üben hat dir nicht geschadet."

„Nein, das nicht", knurrte Gillian wieder, und drückte ihr Gesicht in den Stoff seiner Weste.

„Ich hatte befürchtet, dass die Vampaneze Interesse an dir haben könnten."

Jetzt sah Gillian zu ihm hoch. „Das hast du nie gesagt!"

„Verzeih mir mein schwaches Herz. Ich wollte dir keine Angst machen. Außerdem hatte ich Angst, du könntest die Seiten wechseln. Deswegen war ich so außer mir, als ich dich mit Murlough sah…"

„War es das, was du gemeint hast?" Gillian sah aus großen Augen zu ihm hoch.

„Hm?", Larten verstand nicht, worauf sie anspielte.

„Das ist es, was du zu mir gesagt hast, als ich mit Gavner Purl weg gegangen bin! Verzeih mir mein schwaches Herz. Du… wolltest mich nicht an jemand anderes verlieren?"

Larten Crepsley schaute zerknirscht. „Gewiß wollte ich das nicht. Aber damals habe ich etwas anderes gemeint."

„Was?" Langsam schwirrte Gillian der Kopf. Was hatte denn noch alles dagegen gesprochen, sie zu einem Vampir zu machen?

Larten holte tief Luft. Er strich der zierlichen Vampirin zärtlich über das seidige schwarze Haar, und sah sie traurig an. „Ich kann deinem Leben keinen Sinn verleihen."

Gillian runzelte verständnislos die Stirn.

„Du hast in deinem Leben als Mensch keinen Sinn gesehen, und dein Dasein als Halbvampirin erschien dir ebenfalls sinnlos."

Gillian wollte protestieren, doch Larten unterbrach sie. „Doch Gillian, dein einziges Ziel war es, ein Vampir zu werden. Doch es tut mir leid dir sagen zu müssen, dass sich nichts ändern wird. Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte werden ins Land gehen und du wirst keinen Sinn finden. Die Unendlichkeit, die dir geschenkt wurde, macht alles nur noch schlimmer. Du glaubst mir jetzt nicht, du bist jung und noch erscheint dir alles aufregend und spannend. Aber eines Tages wirst du die Sinnlosigkeit all dessen sehen. Ich kann dir keine Antworten geben, Gillian. Ich konnte es damals auf der Brücke nicht, und ich kann es jetzt nicht. Der Tag wird kommen, an dem du Larten Crepsleys Blut in deinen Adern verfluchen wirst."

Gillian schlang ihre Arme um seinen Hals und lächelte ihn aus feuchten Augen an. „Das war es? Deswegen wolltest du mich nicht zu einem Vampir machen…?"

Larten schluckte. „Hauptsächlich, ja. Ich wollte dir das nicht antun."

„Larten…", hauchte Gillian. Endlich verstand sie alles. „Du Dummkopf!"

Der Vampir runzelte die Stirn. „Unser Dasein hat keinen Bedeutung, Gillian. Das Einzige, was auf dich und mich wartet, ist ein gewalttätiger Tod. Nicht einmal im Schlaf zu sterben ist uns vergönnt."

Gillian nahm das zerfurchte Gesicht des alten Vampirs in beide Hände und zog ihn zu sich heran. „Ich sehe da aber noch ein paar Dinge, für die es sich zu leben lohnt."

Sie küsste Larten zärtlich.

Der Vampir reagierte zunächst nicht. Dann wurden seine Lippen weicher und er erwiderte den Kuß zögerlich.

Nach einer Weile erst löste Gillian sich von ihm, und grinste ihn an.

In den Augen des Vampirs funkelte es.

Er räusperte sich. „Die Sonne geht bald auf."

Gillian konnte es ebenfalls spüren.

Larten sah zu seinem Sarg hinüber. „Wir müssen dir bald einen eigenen Sarg besorgen."

Gillian nahm seine Hand, und zog ihn zu seinem Sarg hinüber.

Sie lächelte verschmitzt, als sie den Deckel beiseite schob, und begann hineinzuklettern.

„Das eilt nicht."

Larten Crepsley grinste schief und stieg zu der Vampirin in den Sarg.

Der Deckel schloß sich über den beiden, während am Horizont die Sonne orangerot aufstieg und der Cirque du Freak langsam zum Leben erwachte.


… to be continued

The Vampires Student Teil III : „Vampire Mountain"