Es tut mir mal wieder sehr Leid, dass ihr so lange warten musstet, aber ich war sehr beschäftigt und dieses Kapitel hat mir einige Probleme bereitet, da ich, obwohl es schon vor mehreren Wochen fertig war, damit ziemlich unzufrieden war und ich ziemlich lange dafür gebraucht habe, es zu überarbeiten. Ich hoffe, es gefällt euch und ich bekomme mal wieder ein kleines Review?
Der Anfang vom Ende
"Vorsicht.", mahnte Ginny kichernd, als Harry versuchte, mit dem Schlüssel das Schloss zu treffen. Es war schwieriger, als er dachte, weil sich die Tür immer von ihm wegbewegte.
"Ich krieg das schon hin.", murmelte er überzeugt. "Ich krieg das schon hin. Schließlich habe ich den größten Zauberer aller Zeiten erledigt, dann werd ich ja wohl so ein lächerliches Schloss knacken." Er versuchte den Schlüssel einen halben Meter oberhalb des Schlosses in die Tür zu rammen.
"Ja sicher." Ginny wollte sich vor Lachen ausschütten. Sie hätten in dem Restaurant wirklich nicht so viel trinken dürfen, sie hatten Glück gehabt, dass sie sich beim Apparieren nicht zersplintert hatten. "Soll ich mal?", bot sie sich an und wankte zu ihm.
"Na wenn du meinst, dass du es besser tanzt ... ähm ... ne ... kannst.", lallte Harry.
Ginny nickte und klammerte sich an den Schlüssel. Gemeinsam schafften sie es nach fünf Minuten, ihn ins Schloss zu kriegen. Weitere zwei, bis die Haustür auch geöffnet war. "Huch!", rief Ginny und stolperte mit Harry in die Wohnung. "Vorsicht. Da steht irgendeine dünne Frau ... Was machen Sie in meiner Wohnung, huh?", fragte sie den Garderobenständer. "Antworten Sie gefälligst!"
"Sie haben meine Freundin gehört!", sagte Harry nun auffordernd und verschränkte die Arme. Finster starrte er den Garderobenständer an-
"Hände hoch, ich bin bewaffnet!", hörten sie eine bedrohliche Stimme und fuhren herum. Ginny verlor das Gleichgewicht und landete auf Harrys Füßen.
"Aua!", rief er erschrocken. "Wer ist da?"
Sam tauchte aus dem dunklen Wohnzimmer mit erhobenem Zauberstab auf. "Ach ihr seid das.", sagte er überrascht und senkte den Stab. "Seid ihr immer so laut?" Er hatte eigentlich gehen wollen, aber er wusste nicht, wo er hin sollte und so hatte er sich entschlossen, diese Nacht auf der Couch zu verbringen und sich morgen ein Zimmer in einem Hotel oder einer Pension zu suchen und zu versuchen, sich mit Rebecca wieder zu vertragen. Sie hatten sich schließlich schon oft gestritten und sich in Null Komma Nix auch wieder vertragen. Sam war überzeugt, dass es diesmal nicht anders sein würde. Es konnte gar nicht anders sein. Rebecca würde schon verstehen, warum er das gesagt hatte.
"Wieso laut?" Harry sah verwirrt zu seiner Freundin, die immer noch auf seinen Füßen saß.
"Keine Ahnung.", erwiderte sie und ließ sich von Sam hoch helfen. "Gehen wir ins Bett", schlug sie vor und grinste Harry an.
Er nickte. "Gute Idee, Schatz." Langsam stolperten sie in Richtung Schlafzimmer, nicht, ohne noch eine Tischlampe umzustoßen und in der Abstellkammer zu landen. Aber schließlich hatten sie es geschafft und die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss.
"Sag mal, was machst du hier für einen Krach?!", rief Rebecca wütend und riss ihre Zimmertür auf. "Diese Wohnung gehört dir nicht! Außerdem wohnen in diesem Haus noch andere Menschen." Sie strich sich einige ihrer unordentlichen Haare aus der Stirn und funkelte Sam an, der sie mit offenem Mund anstarrte. Als er nicht antwortete, schaute sie an sich herunter und wurde rot. Sie zog ihr enges Shirt beschämt nach unten, das sie zum Schlafen trug.
"Das war ich nicht! Harry und Ginny sind nach Hause gekommen und waren ziemlich betrunken.", verteidigte sich Sam nach einigen Sekunden. Was dachte sie eigentlich von ihm? Als ob er nicht wusste, wie er sich in einer fremden Wohnung zu verhalten hatte!
"Oh", murmelte Rebecca, drehte sich auf dem Absatz um und schloss die Tür ohne ein weiteres Wort hinter sich wieder. Frustriert lehnte sie sich mit geschlossenen Augen an ihre Zimmertür und fuhr sich durch ihre unordentlichen Haare. Warum? Warum nur?
/-/
Sam seufzte. Er hatte sie wirklich verärgert. So sauer war sie noch nie auf ihn gewesen und er glaubte nach dieser Konfrontation zwischen ihnen, die gerade stattgefunden hatte, nicht, dass sie ihm das so schnell wieder verzeihen würde. Dabei hatte er ihr nur seine Meinung gesagt! Und er war überzeugt, dass seine Meinung richtig war. Er hatte sie immer beschützen müssen, schon damals, als sie im Kindergarten Ärger mit einigen größeren Kindern gehabt hatte, die ihr immer ihren Lunch geklaut hatten. Und vor allem jetzt musste er sie doch beschützen! Wer wusste schon, was ihr Vater für ein Mensch war! Mensch! Wie lachhaft. Ein Werwolf war er. Rebecca konnte doch nicht vergessen haben, was sie in der Schule über diese Kreaturen gelernt hatten. Sie konnte doch nicht all diese Berichte in den Zeitungen vergessen haben, die so anschaulich beschrieben, zu was diese Monster alles fähig waren. Sie konnte doch nicht die Trauer und den Schmerz der Familien vergessen haben, deren Mitglieder den grausamen Rudeln in Amerika zum Opfer gefallen waren. Das konnte sie doch nicht alles vergessen haben! Vielleicht war das Grauen, das die Werwölfe verbreiteten, in Großbritannien nicht so schlimm wie bei ihnen zu Hause, aber trotzdem! Wie konnte sie diesem Werwolf so leichtfertig vertrauen? Wie? Ihr Vater mochte sie getäuscht haben, aber mit ihm schaffte er das nicht! Er würde auf Becky aufpassen, ob sie wollte, oder nicht!
Entschlossen und doch sehr deprimiert zog er sich auf das Sofa zurück, auf dem er es sich bequem gemacht hatte, so gut es ging. Er hatte sich gefreut Rebecca endlich wieder zu sehen. In den letzten drei Monaten hatte er sie mehr vermisst, als er erwartet hatte und es hatte ihn sehr gekränkt, dass sie sich nicht bei ihm gemeldet hatte und er erst von ihrer Großmutter hatte erfahren müssen, dass es ihr gut ging und sie vorerst in London bleiben würde. Er hatte schon befürchtet, dass sie ihn völlig vergessen hatte und war unglaublich erleichtert, dass dies nicht so war. Dass sie sich über ihr Wiedersehen so gefreut hatte wie er.
Und jetzt? Sie waren nicht mal seit zwölf Stunden wieder vereint und schon hatten sie sich gestritten. Sie, die sich fast nie stritten. Die zusammen hielten, egal, was passierte... Aber er konnte sie nicht einfach so in ihr Unglück rennen lassen, er konnte nicht zulassen, dass sie so enttäuscht wurde. Er musste sie beschützen. Das war er ihr schuldig, nach allem, was sie erlebt hatten, nach allem, was sie für ihn getan hatte.
Er musste auf sie aufpassen.
Erschöpft schloss er die Augen.
/-/
"Ich hätte nie gedacht, dass mein Kopf mal so weh tun würde.", murmelte Ginny beim Frühstück und trank etwas Kaffee aus ihrer Tasse. Sie kniff die Augen zusammen, als das strahlende Sonnenlicht auf ihr Gesicht fiel. Ihr Kopf brummte als würden tausend Hummeln in ihrem Kopf herumschwirren.
"Ein Schädelbruch ist nichts dagegen.", stimmte Harry zu. "Zumindest, wenn man von Madam Pomfrey behandelt wird. Das waren noch Zeiten gewesen, als er im Krankenflügel gelegen hatte, meist ohne größere Schmerzen. Er hatte das nie so richtig zu schätzen gewusst, fiel Harry jetzt auf.
Rebecca lächelte. "Tja, das kommt davon, wenn man sich hemmungslos besäuft.", meinte sie leicht schadenfroh. "Das sollte euch eine Lehre sein!" Sie selbst hatte den Fehler auch schon das eine oder andere Mal gemacht und sich immer am nächsten Morgen geschworen, es nie wieder zu tun.
"Danke, Mum.", erwiderte Ginny augenverdrehend und trank den Rest der Tasse in einem Zug aus. "Wo ist eigentlich Sam hin?" Sie sah sich suchend um. Als Harry und sie gestern Abend die Wohnung verlassen hatten, war er da gewesen. Sie versuchte angestrengt, sich daran zu erinnern, ob er auch noch hier gewesen war, als sie in der Nacht wieder zurück gekommen waren, aber da, wo die Erinnerung hätte sein sollen, war nur ein schwarzes Loch. Nicht ganz schwarz, denn sie meinte sich noch an Stimmen erinnern zu können, aber schwarz genug. "Hat er nicht hier übernachtet? Denn mir war so, als wäre er in der Nacht, als wir nach Hause gekommen sind, noch hier gewesen. Natürlich kann ich mich auch getäuscht-"
"Nein.", unterbrach Rebecca und biss in ein Brötchen. "Nein, er hat hier übernachtet. Zumindest glaube ich das." Sie war in ihrem Zimmer geblieben, nachdem Harry und Ginny wieder nach Hause gekommen waren. Als sie heute morgen aufgestanden war, war er bereits verschwunden gewesen. Nur eine zerwühlte Decke deutete darauf hin, dass er die Nacht über in der Wohnung gewesen sein konnte.
"Und warum ist er dann nicht geblieben?", erkundigte sich Harry interessiert und legte den Tagesproheten beiseite, den er versucht hatte, zu lesen. Es war doch viel einfach für Rebecca und Sam, wenn er bei ihnen übernachtete. Es war billiger und sie konnten mehr Zeit miteinander verbringen. Nach allem, was er von Rebecca über ihn gehört hatte, waren sie sehr gute Freunde und Harry war sich sicher, dass er, wenn er Hermine seit Monaten nicht mehr gesehen hätte und sie für ein paar Tage besuchen könnte, so viel Zeit wie möglich mit ihr verbringen wollte. "Wenn er ein paar Nächte hier bleibt, stört uns das nicht." Ginny nickte bekräftigend. "Die Wohnung ist schließlich groß genug für uns alle."
"Nein.", lehnte Rebecca ab und schüttelte den Kopf. "Nein. Das will ich nicht." Dann würde sie ihm ja gar nicht aus dem Weg gehen können!
"Und warum nicht? Wir haben wirklich nichts dagegen."
"Ich weiß, Ginny, ich weiß. Aber wir haben uns gestern Abend gestritten und ich glaube, dass ich seinen Anblick im Moment nur sehr schwer ertragen kann.", gestand Rebecca. Sie musste mit jemandem sprechen und Harry und Ginny waren ihre Freunde. Es fühlte sich gut an, mit jemandem über seine Probleme zu sprechen und nicht alles in sich hinein zu fressen. Sam hatte sie so unglaublich enttäuscht. Sie wusste, dass Werwölfe in Amerika noch unbeliebter waren als hier in England, Sie hatte ja selbst nicht die beste Meinung von ihnen gehabt und war geschockt gewesen, als sie erfahren hatte, dass ihr Vater einer war... Aber Sam konnte ihrem Urteil doch vertrauen! Wenn sie Remus vertraute, dann würde er das doch wohl auch können! Das war doch nicht zu viel verlangt, oder?
"Worüber habt ihr euch denn gestritten? Ich dachte, ihr habt euch so gefreut, euch endlich wieder zu sehen und dann zerfleischt ihr euch direkt am ersten Abend?" Ginny war das unerklärlich, als sie und Harry gestern Abend gegangen waren, hatten sich die Beiden noch blendend verstanden. Und ihrer Meinung nach war Rebecca niemand, der sich so schnell mit jemandem stritt.
"Es ging um Remus. Sam ist völlig ... ausgerastet, als er erfahren hat, dass er ein Werwolf ist. Als ob mein Dad sofort über mich und jeden anderen Menschen herfallen würde, sobald sie in sein Blickfeld kommen." Sie verdrehte die Augen. Ginny und Harry warfen sich einen Blick zu. "Ich hätte nie gedacht, dass Sam jemand mit Vorurteilen ist, noch dazu mit so starken. Er hat mir überhaupt nicht richtig zugehört, als ich ihn vom Gegenteil überzeugen wollte." Deprimiert senkte sie ihren Blick. Dass Sam nicht auf sie hörte machte ihr mehr zu schaffen als die Vorurteile, die er gegen Remus hatte.
Ginny nickte verstehend. "Wundere dich nur nicht darüber, Becky. Viele Leute reagieren so, wenn sie erfahren, was er ist. Manche denken, er sei sogar ansteckend und würden ihn am liebsten gar nicht anfassen und wenn überhaupt, dann auch nur mit Handschuhen. Das ist normal, Becky. Und man kann ihnen eigentlich keinen Vorwurf machen, nach allem, was man all die Jahrhunderte über von den Werwölfen gehört hat. Ich hatte sie auch, um ehrlich zu sein und nur weil ich Remus kannte, habe ich sie über Bord geworfen. Und du genauso."
"Aber das stimmt doch gar-"
"Erinnerst du dich noch daran, wie du reagiert hast, als du davon erfahren hast? Du warst schockiert.", wandte Harry ein. Rebecca blickte schuldbewusst zu Boden. Ihre eigene Reaktion zu Remus' Dasein hatte sie schon völlig vergessen. Oder besser gesagt: verdrängt. Sie war ihr peinlich, weil sie schon am gleichen Tag gemerkt hatte, dass ihre Angst und Abscheu gegenüber Werwölfen bei ihrem Vater komplett ungerechtfertigt war. Merlin sei Dank hatte er ihr nie einen Vorwurf deshalb gemacht. Und jetzt, nachdem sie schon so viel Kontakt mit ihm hatte, war ihr diese Reaktion mehr als peinlich. "Und nur, weil du ihn schon getroffen hattest und er dein Dad ist, hast du keine Angst vor ihm gehabt."
"Aber ... aber ...", stotterte Rebecca. Des Gespräch hatte sich anders entwickelt, als sie erwartet hatte. Sie war überzeugt davon gewesen, dass Harry und Ginny auf ihrer Seite standen. Schließlich kannten sie Remus schon seit Jahren. Wie konnten sie Sam nur verteidigen?
"Sam kennt Remus nicht. Er weiß nicht, wer er ist. Und er macht sich Sorgen um dich. Also ich kann sehr gut nachvollziehen, dass er so reagiert hat, selbst wenn es dich sehr gekränkt haben sollte.", meinte Harry. Es war nicht gut, was Sam getan hatte, aber dennoch verständlich. Er wusste, wäre er an Sams Stelle gewesen und mit Horrorgeschichten über Werwölfe aufgewachsen, dann hätte er sich bestimmt auch Sorgen gemacht. Seine Unwissenheit über die Zaubererwelt war manchmal wirklich mehr als praktisch. Er hatte viele Vorurteile nie gekannt.
"Das denkst du wirklich?", fragte Rebecca ungläubig. "Das ist dein Ernst?"
"Mein voller", nickte Harry. "Ich nehme an, dass er dich nur beschützen will, weil er dich wahrscheinlich als kleine Schwester ansieht. Und solange er Remus nicht besser kennt - oder überhaupt - wird er seine Meinung auch nicht ändern. Wenn er erstmal weiß, wer Remus ist, dann lösen sich seine Vorurteile schneller in Luft auf, als du Werwolf sagen kannst. Da bin ich sicher."
"Aber du kennst Sam doch gar nicht.", widersprach Rebecca. Sogar sie selbst hatte ja im Moment das Gefühl, ihren Besten Freund nicht zu kennen.
"Wir kennen ihn aus deinen Erzählungen. Er scheint nicht der Mensch zu sein, der steif und fest an seiner Meinung festhält und sich nicht von anderen überzeugen lässt. Aber du darfst ihm auch nicht vorwerfen, dass er vorsichtig und misstrauisch gegenüber einem Menschen ist, den er überhaupt nicht kennt."
"Er hat gesagt, dass Remus kein Mensch ist.", murmelte Rebecca zweifelnd. Er hatte sie so sehr verletzt, wie sie es nie für möglich gehalten hatte. Sie konnte ihm noch nicht verzeihen. Remus war ihre Familie. Abgesehen von ihrer Großmutter war Remus ihre ganze Familie. Er war die einzige Verbindung zu ihrer Mutter, er war der einzige, der sie persönlich kannte, der ihr sagen konnte, wie sie gewesen war. Der einzige, der ihr wirklich helfen konnte, Sarah nahe zu sein. Und er sah das nicht in Remus. Er sah nur ein blutrünstiges Monster in ihm, keinen Menschen mit Gefühlen, keinen Vater.
"Weil er ihn nicht kennt!", beharrte Ginny. "Nur deswegen. Verurteile ihn doch nicht, nur weil er wie ein Mensch handelt!"
"Das ist nicht so einfach, Ginny.", erwiderte Rebecca kopfschüttelnd. Sie blickte traurig auf ihren Teller. "Er hat mich verletzt. Indem er meinen Vater beleidigt hat und ihm misstraut, misstraut er auch mir. Ich kann ihm das nicht so einfach verzeihen, das geht nicht."
"Er ist extra aus Amerika gekommen, um dich zu sehen. Wer weiß, wie lange er bleibt. Willst du dir das wirklich kaputt machen, nur weil er so blöd war, etwas vorschnell mit seinen Gedanken herauszuplatzen?", fragte Harry ungläubig. Das konnte sie doch nicht machen! Sie war immer so verständnisvoll. Ausgerechnet in dieser Situation musste sie so stur sein?
"Nein. Nein, das will ich natürlich nicht. Aber so einfach geht es trotzdem nicht.", erwiderte Rebecca. Warum verstanden sie das nicht einfach? "Und jetzt muss ich zur Arbeit, Tom wartet sicher schon auf mich.", unterband sie jede weitere Diskussion und stand auf. Sie griff sich noch ihren Toast und ging dann ins Badezimmer, um sich fertig zu machen. Sie hatte gehofft, Harry und Ginny würden ihr zustimmen, würden ihren Schmerz verstehen, ihre Enttäuschung über Sams Reaktion. Vielleicht hatten sie ja Recht und sie sollte Sam wirklich verzeihen... Aber so einfach war es nicht.
Ginny sah zu Harry, doch der zuckte nur mit den Schultern und wandte sich dann wieder der Zeitung zu.
"Warum muss man es sich nur so schwer machen?", murmelte Ginny kopfschüttelnd.
/-/
"Schmeckt's?", fragte Dora und blickte Remus gespannt an. Der versuchte, möglichst ohne eine Miene zu verziehen, das Rührei zu verzehren, das seine Frau ihm zubereitet hatte.
"Wie viel Salz hast du da denn reingekippt?", fragte er schließlich mühsam und versuchte, das Essen herunterzuschlucken. Der Bissen schien immer größer zu werden, je länger er ihn kaute.
Doras Lächeln verblasste leicht. "Ist es etwa zu wenig?", fragte sie besorgt und griff nach dem Salzstreuer. Remus konnte sie gerade noch davon abhalten. Nicht auszudenken, wenn sie noch mehr von diesem Teufelszeug auf die armen Eier kippte!
"Nein! Nein, bloß nicht!", rief er hektisch und unterdrückte im nächsten Moment den sehr starken Impuls, sich eine Hand vor den Mund zu schlagen. Er machte sich innerlich wieder auf eine ihrer tränenreichen Stimmungsschwankungen gefasst. Sie blickte ihn zunächst aber nur verwundert an. Der Salzstreuer schwebte bedrohlich über seinem Teller. "Da ist sicherlich nicht zu wenig Salz drin, vertrau mir. Eher zu viel.", erklärte er schließlich, auf das Schlimmste vorbereitet.
"Zu viel?", fragte sie enttäuscht. Sie musste dringend kochen üben, bevor das Baby auf die Welt kam. Was würde es denn von seiner Mummy denken, wenn sie sein Essen immer ungenießbar zubereitete? Eine Träne kullerte über ihre Wange, als sie nach der Gabel griff, um selber zu probieren. Sie hasste diese Stimmungsschwankungen genauso sehr wie Remus, aber sie konnte sie nicht aufhalten. Dabei war sie immer ein Mensch gewesen, der sich weigerte, zu weinen. Ihr Beruf war hart, deshalb musste sie es auch sein. Kein Wunder, dass Kingsley sie immer diese Wochenberichte schreiben ließ, wenn sie ständig Gefahr lief, bei wichtigen Einsätzen in Tränen auszubrechen und anstatt den Gegner zu schocken ihm Blumen in die Hand zauberte.
Remus seufzte. Er hatte es mal wieder geschafft, sie zum Weinen zu bringen. Dämliche Hormone! Konnte eine Schwangerschaft nicht einfacher ablaufen? Er gab sich ja schon große Mühe, sie bei Laune zu halten und ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen und mit ihren Launen zurecht zu kommen, weil sie wirklich eine von diesen Klischeeschwangeren war, aber es passierten immer wieder Kleinigkeiten, die sie dann völlig aus der Fassung brachten.
Aus diesem Grund hatte er auch das Thema Rebecca nicht mehr angeschnitten, seit er ihr im Krankenhaus das Versprechen gegeben hatte, seine Tochter nicht mehr zu sehen. Er hatte ihr viel zugemutet, hatte dafür gesorgt, dass sie während eines Einsatzes so abgelenkt gewesen war, dass sie leicht hätte getötet werden können, wenn Harry nicht in der Nähe gewesen wäre. Er hatte nicht nur sie in Gefahr gebracht sondern auch ihr ungeborenes Kind und das wollte er auf keinen Fall ein zweites Mal tun. Sie war eine Risikoschwangerschaft und das nur, weil er ein Werwolf war. Er konnte sich glücklich schätzen, dass sie ihn liebte. Dass sie sein Kind bekommen wollte. Er wusste, dass sie auch Rebecca akzeptieren würde, wenn die Zeit gekommen war.
"Also ich finde, das ist definitiv zu wenig.", murmelte sie, nachdem sie prüfend mehrere Bissen gekaut hatte.
Remus schüttelte den Kopf. Da war mindestens ein Kilo Salz drin und ihr war das nicht genug? Die Schwangerschaft hatte wohl auch ihre Geschmacksnerven angegriffen. "Also eine Sterne-Köchin solltest du in dem Zustand nicht werden.", scherzte er, um die Stimmung etwas aufzulockern und seine trüben Gedanken zu vertreiben. Er konnte froh sein, so ein Leben zu haben und nicht alleine in einer Bruchbude ohne Strom und Kontakt zu anderen Menschen zu hausen.
"Soll ich das Zeug wegschmeißen?", fragte Dora schließlich seufzend.
"Nein. Ich bin nicht wählerisch, eine zeitlang habe ich mich doch auch nur von Ratten ernährt. Da ist versalzenes Rührei noch eine Delikatesse, glaub mir.", versicherte Remus ihr und legte seine Hand auf Doras. Seine Missionen für den Orden waren wahrlich nicht komfortabel gewesen, auch wenn er nicht so lange Ratten verzehrt hatte wie Sirius, als der wegen Harry in der Nähe von Hogwarts in einer Höhle gelebt hatte.
"Na wenn du das sagst.", lächelte sie. "Ich habe heute Nachmittag einen Termin beim Muggelarzt. Kommst du mit?", wechselte sie das Thema.
Er nickte. "Gerne." Die Ärztin würde wieder einen Ultraschall machen. Im Mungos machten die Heiler das nicht, die waren von dieser Technik längst noch nicht überzeugt und hielten sie für unnötig, da Zauberer ganz andere Möglichkeiten als Ultraschall hatten, um Herztöne abzuhören, Auffälligkeiten zu finden und das Geschlecht festzustellen. Aber Remus mochte dieses Muggelgerät, durch das er sein Kind sehen und hören konnte. Außerdem liebte er das Gefühl, ganz normal behandelt zu werden. Als ob er nur ein werdender Vater war und kein Ungeheuer. Er liebte dieses Gefühl der Normalität. Und er betete, dass es anhielt. Dass alles normal verlaufen würde. Aber wenn er eines wusste, dann war es, dass er in seinem Leben nie lange Glück hatte. Irgendwas ging irgendwann immer schief. Er hoffte nur, dass er diesmal der Einzige war, der leiden würde, wenn dieser Zeitpunkt wieder einmal da war.
/-/
"Hey Tom!", begrüßte Rebecca ihren Chef, der gerade den Tresen mit einem Lappen sehr sorgfältig säuberte und dabei versuchte, die leere Kneipe zu ignorieren. Manche Vormittage waren wirklich frustrierend. Und dabei war die Zeit vorbei, in der keiner mehr bei ihm etwas essen oder trinken wollte, weil es viel zu gefährlich war. In der Zeit von Voldemorts Rückkehr hatte er wirklich riesige Umsatzeinbußen gemacht. Er konnte von Glück reden, dass er nicht pleite gegangen war. Aber die Verbindung von der Zauberer- zur Muggelwelt, die sein Laden darstellte, war glücklicherweise viel zu wichtig und seit Harry Potter den Dunklen Lord entgültig vernichtet hatte, kamen die Gäste auch wieder zurück. Trotzdem hatte er die dunklen Jahre nicht vergessen und diese Vormittage ohne Gäste erinnerten ihn nur allzu schmerzlich daran. Und dann half es auch nicht, dass er so übermotivierte Kellnerinnen hatte wie Rebecca Sanford.
Obwohl das eine Übertreibung war. Rebecca war die einzige übermotivierte Kellnerin, die er hatte. Bei den anderen konnte er froh sein, wenn sie überhaupt pünktlich zur Arbeit erschienen. Obwohl er sich darüber seit Rebeccas Einstellung auch kaum Gedanken machen musste, weil die Kleine nur zu gerne Überstunden machte. Wenn Tom ehrlich war, konnte er überhaupt nicht verstehen, warum sie ihre Zeit bei ihm verschwendete. Sie hatte schließlich einen sehr klugen Kopf auf den Schultern und könnte es im Ministerium oder im St Mungos beispielsweise bestimmt weit bringen. Etwas anderes hätte er von der Tochter von Remus Lupin und Sarah Sanford auch nicht erwartet. Die beiden waren schließlich nicht dumm. Aber er beschwerte sich nicht über ihren Arbeitseifer. Solange sie bei ihm arbeiten und den Tropfenden Kessel mit Leben füllen wollte, würde er sie nicht davon abhalten. Auch nicht jetzt, wo so überhaupt nichts los war. Sie musste ihn nur anlächeln, während ihre Augen voller Eifer funkelten und schon wischte er mit sehr viel mehr Elan den Tresen als vorher. Ach, wenn er doch nur 60 Jahre jünger wäre...
"Was kann ich tun?", wollte sie wissen. Tom schaute sie prüfend an. Ihre Stimme klang traurig und bei näherem Hinsehen erkannte Tom dunkle Ringe unter ihren Augen. Was war dem Mädel bloß über die Leber gelaufen? Gestern Abend hatte sie doch noch mehr gestrahlt als der leuchtendste Zauberstab. Aber dann fiel ihm ein, wen er heute Morgen hier vorgefunden hatte und er hatte seine Erklärung.
"Ich weiß, dass du gerne hier arbeitest, aber findest du nicht, dass du etwas übertreibst? Du bist erst für heute Nachmittag eingeteilt, warum genießt du nicht deinen freien Vormittag?", versuchte er, seine beste Mitarbeiterin etwas aufzumuntern.
Rebecca schüttelte den Kopf. "Es wäre mir lieber, wenn ich arbeiten könnte. Das würde mich ablenken." Sie wollte nicht über Sam, ihren Dad und die Diskussion mit Harry und Ginny nachdenken. Die Arbeit hier lenkte sie ab. Und auch wenn im Moment keine Gäste da waren, die die Verdrängung ihrer Gedanken einfacher machten, würde sie hier bestimmt irgendetwas anspruchsvolles finden, das sie effektiv ablenken konnte.
Tom schaute sie schief an. "Na wenn es dir hilft ... Aber nicht, dass du dich überarbeitest, das würde mir gerade noch fehlen, meine beste Kellnerin arbeitsunfähig ..."
Rebecca lächelte geschmeichelt, drehte sich um und wollte im Hinterzimmer verschwinden, um sich ihre Schürze anzuziehen. Auch wenn niemand wirklich verstand, warum sie ausgerechnet hier arbeitete und keine Ausbildung machte, was bei ihrem Abschluss wirklich ein Leichtes gewesen wäre, mochte sie diesen Job. Sie wurde von ihrem Chef gelobt, die Bezahlung war gut, das Trinkgeld an manchen Tagen mehr als hoch und, obwohl sie es sich selten eingestehen wollte, sie war ersetzbar. Ihre Stelle war ersetzbar und sie verpflichtete sich in diesem Job zu nichts. Sie konnte jederzeit kündigen, was weitaus schwieriger wäre, wenn sie im Ministerium arbeiten würde. Und das war, als sie vor einigen Monaten Arbeit gesucht hatte, eine ihrer wichtigsten Bedingungen gewesen. Sie wollte sich nicht dazu verpflichtet fühlen, in England zu bleiben, sollte das mit Remus nicht funktionieren und er sich doch plötzlich dazu entscheiden, nichts mehr mit ihr zu tun haben zu wollen. Jetzt hatte sich diese Befürchtung von ihr zwar verflüchtigt, aber sie hatte ihre Arbeit hier so zu schätzen gewusst, dass sie einfach nichts anderes mehr machen wollte.
Sie stieß beinahe mit einem Gast zusammen, der die Treppe herunterkam, die zu den Zimmern im oberen Stockwerk führte. "Entschuldigung.", murmelte sie. Sie hatte gar nicht gewusst, dass sie Übernachtungsgäste hatten, aber vielleicht war der Gast ja erst mitten in der Nacht oder am frühen Morgen hier aufgetaucht. Dann konnte sie natürlich nichts von ihm wissen. Sie schaute dem Mann ins Gesicht. Ihr blieb der Mund offen stehen. "Sam? Was machst du denn hier?"
Er zuckte mit den Schultern. "Irgendwo muss ich ja auch schlafen."
"Aber ausgerechnet hier!", erwiderte Rebecca erhitzt. War ihm nicht klar, dass sie ihn nicht sehen wollte? Zumindest nicht, solange er diese Einstellung gegenüber Remus hatte! Das hier war ja wohl nicht die einzige Möglichkeit in ganz London, ein Zimmer zu mieten! Wie blöd war Sam eigentlich? Erwartete er, dass sie ihm das abkaufte?
"Oh, Entschuldigung! Ich wusste nicht, dass das hier verbotenes Territorium für mich ist. Aber hier ist es billig, die Zimmer sind gut und die Einkaufsmöglichkeiten hervorragend. Also Verzeihung, aber ich werde nirgendwo hingehen." Wütend funkelte er sie an. Sie konnte sich zwar weigern, mit ihm über ihren sogenannten Vater oder sonst etwas zu sprechen und ihn zu sehen, aber sie konnte ihm nicht befehlen, wo er zu schlafen hatte und wo nicht. So weit kam es noch! Er konnte genauso stur sein wie sie! Er würde nirgendwo hingehen! Und irgendwann würde sie ihm schon noch zuhören und verstehen, warum er gesagt hatte, was er gesagt hatte.
"Ach komm, erzähl mir doch nichts!" Rebecca stemmte die Hände in die Hüften. "Du weißt genau, dass ich hier arbeite! Und du weißt genau, dass ich jetzt nicht mit dir reden möchte!"
"Tja, dann hast du wohl Pech!", erwiderte Sam, ebenso aufgebracht. Selbst wenn er diese Dinge wusste, sie würden ihn nicht dazu bringen, seinen Schlafplatz zu wechseln. Er würde hier so lange bleiben wie nötig, und wenn es einen Monat dauerte, bis sie ihm zuhörte! Das war sie ihm wert. Das war ihm ihre Freundschaft wert. Er würde warten, er würde versuchen, mit ihr zu sprechen und er würde sie beschützen. Ganz egal, was sie sagte. Sie war schon viel zu lange auf sich alleine gestellt gewesen. Der größte Beweis dafür war ja wohl, dass sie einen Werwolf für ihren Vater hielt. Und ihre sogenannten neuen "Freunde" nichts gegen die Gefahr unternahmen, in der sie sich befand.
"Was ist denn los?", fragte Tom, der mit einem Tablett leerer Gläser herangekommen war. Er hatte die beiden unauffällig von der Bar aus beobachtet und war mehr als verwundert. Er hätte nicht gedacht, dass Rebecca so ein Temperament hatte und so schreien konnte. Und er fragte sich, was in aller Welt dieser Junge angestellt haben konnte, um es zu spüren zu bekommen. Gestern Abend wirkten die zwei doch noch so harmonisch. Tom überlegte ernsthaft, ob er das Bürschchen nicht einfach auf die Straße setzen sollte, er sah wahrlich nicht so aus, als würde er nicht alleine zurecht kommen. Aber dann schweifte sein Blick über die leeren Tische und er überlegte es sich anders. Das Privatleben seiner Kellnerin ging ihn schließlich wirklich nichts an.
Rebecca winkte ab. Es reichte, dass Harry und Ginny eingeweiht waren. Je weniger, desto besser. Sie wusste nicht, wie viele Menschen von Remus' Problem wussten. Und selbst wenn Tom informiert sein sollte, ging es ihn nichts an. Eigentlich ging es auch Sam nichts an. Aber er war ihr Freund und Rebecca hatte weiß Gott nicht mit so einer Reaktion von Sam auf das Geheimnis ihres Vaters gerechnet. "Also wenn ihr zwei euch streiten wollt, dann doch bitte im Hinterzimmer. Es könnte ja der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass tatsächlich Gäste kommen..."
Rebecca nickte, ergriff Sams Arm und zog ihn in das besagte Hinterzimmer. Sie legte erst ihre Jacke ab und drehte sich dann wieder zu ihrem Freund um. "Also, was soll das?" Sie versuchte so ärgerlich zu klingen wie möglich. Sam schien leider unbeeindruckt zu sein.
"Ich dachte, das hätte ich dir gerade eben gesagt. Aber wenn du unter Gedächtnisschwund leidest, kann ich es gerne noch einmal wiederholen: Hier kann man sehr billig übernachten."
"Du willst mir also weismachen, dass das der einzige Grund ist?" Rebecca musterte ihn mehr als misstrauisch. Sie war schließlich nicht von gestern und sie kannte ihren besten Freund. Nie im Leben war er hier wegen billiger Preise. Seine Familie war nicht gerade arm, also war es nicht so, als ob Geld eine große Rolle spielen würde.
"Denkst du, es geht immer nur um dich? Ich bin gekommen, weil ich dich sehen wollte, meine beste Freundin, die sich seit Monaten nicht mehr bei mir gemeldet hat, das stimmt. Aber da du ja keinen Wert auf meine Anwesenheit legst, werde ich mich dir sicher nicht aufzwingen. Ich dachte nur, es wäre schön, wenn wir uns mal wieder sehen!" Sam drehte sich um und wollte das Zimmer verlassen. Es tat ihm mehr weh, als er zugeben wollte, dass ihr Wiedersehen mit dem größten Streit, den sie jemals gehabt hatten, geendet hatte. Er hatte sich den ganzen Flug über darauf gefreut, seine beste Freundin wieder zu sehen, in ihre strahlenden Augen zu blicken, sie in seinen Armen zu halten und jetzt gifteten sie sich nur noch an, als ob sie sich überhaupt nichts mehr bedeuten würden. Als ob er ihr nichts mehr bedeuten würde. Als ob sie ihn in den letzten Monaten überhaupt nicht vermisst hätte. Als ob ein Werwolf wichtiger wäre als alles andere.
"Das wäre es auch, wenn du nicht gegen meinen Vater wärst!", rief Rebecca ihm nach. Es war schließlich nicht so, als ob sie sich nicht freuen würde, ihn wieder zu sehen. Aber sein Verhalten war einfach unentschuldbar. Als ob er sich nicht aufregen würde, wenn sie mit irgendeinem völlig unbegründeten Vorurteil seine Eltern schlecht machen würde! Sam wandte sich wieder um.
"Er ist doch gar nicht dein Vater.", sagte er leise. Wie konnte er das denn schon sein?
"Bitte!?", rief Rebecca und schaute ihn verwirrt an. Was hatte das denn jetzt zu bedeuten? Wusste er etwas, das sie nicht wusste? Aber woher sollte er wissen, ob Remus ihr Vater war oder nicht? Er hatte ja nicht mal gewusst, dass er ein Werwolf war. "Was meinst du?"
"Du kennst diesen ... diesen ... ihn doch erst seit ein paar Wochen. Er kann nie im Leben dein Vater sein! Selbst wenn es dein biologischer Erzeuger sein sollte, was ich übrigens bezweifle, da deine Mutter sich sicher nie mit so jemandem eingelassen hätte, er war doch über zwanzig Jahre nicht für dich da. Er kann nie im Leben dein Vater sein!", erklärte Sam aufgebracht. Wie konnte er? Sam wusste, wie sehr Becky sich immer einen Vater gewünscht hatte, wie sie sich immer vorgestellt hatte, wie er wohl war... Sie konnte unglaublich impulsiv sein, handelte gerne mal, ohne nachzudenken und wurde deshalb schon mehr als einmal enttäuscht. Sam konnte sehen, wie tief sie schon in dieser Geschichte drinsteckte und er wusste, er wusste einfach, dass das niemals gut ausgehen konnte. Er wollte nicht, dass sie schon wieder enttäuscht wurde. Er konnte nicht einfach zusehen, wie sie sich ins Unglück stürzte. Das war er ihr schuldig.
"Er ist mein Vater, Sam. Er ist mein Vater. Und ich habe ihn sehr gerne, egal, wie misstrauisch du ihm gegenüber bist und für wie gefährlich du ihn hälst, er ist mein Vater und ich bin froh, ihn endlich gefunden zu haben. Und das lasse ich mir von dir nicht kaputt machen, ganz egal, wie besorgt du um mich bist und wie sehr du mich beschützen willst. Also akzeptier es! Ich werde meine Meinung über ihn ganz sicher nicht ändern, also änderst du deine lieber oder unsere Freundschaft ist - leider - beendet.", schrie Rebecca schon beinahe. Nach dem letzten Satz hielt sie jedoch erschrocken inne. Hatte sie das gerade wirklich gesagt? Hatte sie das ernst gemeint? Wollte sie das wirklich, Remus oder Sam? Ihren besten Freund oder ihren Vater?
Aber als sie ihn so sah, wie er sie mit weit aufgerissenen Augen schockiert anstarrte, wurde ihr klar, dass diese Entscheidung nicht bei ihr lag sondern bei ihm. Sie wollte beides und es lag in seiner Hand, ob sie es auch bekommen würde. Es lag an ihm, ob er seine Vorurteile beiseite räumen konnte, ob er ihrem Urteil vertrauen konnte, ob ihm nicht einfach klar sein konnte, dass sein Vater nie im Leben eines von diesen Monstern sein konnte, weil er sonst nie so eine Tochter wie sie haben könnte. Es lag an ihm. Nur an ihm.
Sam starrte sie lange mit offenem Mund an. Er hatte sich verhört, er hatte sich bestimmt verhört, ganz sicher. Das war nicht ihr Ernst, das konnte überhaupt nicht ihr Ernst sein. "Das meinst du nicht so.", sagte er leise. Das konnte sie nicht so meinen. Sie kannten sich seit ihrer Geburt, waren durch dick und dünn gegangen, durch sie war er der Mensch, der er war. Sie konnte doch nicht im Ernst einen Werwolf, den sie erst seit ein paar Monaten kannte, über ihre lebenslange Freundschaft stellen. Das war nicht möglich. Das war einfach nicht möglich! Erstarrt beobachtete er, wie sie nickte. Er spürte, wie im Tränen in die Augen stiegen und tat sein bestes, um sie zu unterdrücken. Sie sollte nicht sehen, wie verletzt er war.
Er weinte selten und wenn, dann hatte es ihn noch nie gestört, wenn sie es gesehen hatte, weil sie normalerweise diejenige war, die ihn tröstete, aber jetzt... Rebecca war noch nie diejenige gewesen, die ihm wehgetan hatte.
"Ich fürchte doch.", widersprach sie und senkte den Blick. Er hatte es getan. Er hatte es nicht gesagt, aber sie wusste es trotzdem. Und sie konnte es nicht glauben. Sie konnte nicht glauben, dass er... dass er wirklich... dass er...
Sam schluckte, drehte sich jetzt entgültig um und verließ den Raum. Rebecca starrte mit Tränen in den Augen auf die Tür, die gerade hinter ihm zugefallen war. War das gerade wirklich passiert?
/-/
Sam stand so unter Schock, das er gar nicht bemerkte, dass er direkt in eine schwangere Frau mit bonbonrosa Haaren hineinlief, die in einer Hand ein Schokoladeneis hielt und in der anderen eine Banane. Verzweifelt versuchte er seine Tränen zurück zu halten, bis er in seinem Zimmer war. Und dorthin wollte er so schnell wie möglich, auch wenn er im Moment nicht wusste, wo dieses verdammte Zimmer war. Er hatte die Nummer vergessen. Aber er würde jede einzelne Tür im oberen Stockwerk ausprobieren, wenn es sein musste. Er wollte so schnell wie möglich weg von Rebecca. Von London. Aber zuerst musste er versuchen, sich damit abzufinden, seine beste Freundin verloren zu haben. Seine einzige wirkliche Freundin. Sie würde ihn wahrscheinlich nicht mal vermissen, sie hatte schließlich Harry und Ginny, die seine Rolle nur zu gut ausfüllten und einen Werwolfvater. Was brauchte sie ihn schon? Sie hatte ihn in den letzten Monaten auch nicht mehr gebraucht, es war ja anscheinend nicht so, als ob sie ihn großartig vermisst hätte... Er hatte sie verloren. Er hatte sie in dem Moment verloren, in dem sie nach England gegangen war, um dieses Monster zu suchen. Er war nur zu feige gewesen, um sich das einzugestehen. Er hatte sich eingeredet, dass sie ihn vermisste, dass sie ihn wiedersehen wollte, dass sie ihn als besten Freund noch brauchte, aber wenn sie so einfach eine Bestie über ihre Freundschaft stellen konnte, dann... Es war vorbei. Es war endgültig vorbei. Er hatte sie verloren, seine beste Freundin. Für immer.
"Entschuldigung.", murmelte er, als er bemerkte, dass die schwangere Frau immer noch vor ihm stand. Er hoffte, er hatte ihr nicht irgendwie weh getan. Sie schien jedoch in Ordnung zu sein, auch wenn sie mit erstarrter Miene auf seine Brust starrte. Sein Blick wanderte nach unten und er erkannte, dass das Schokoladeneis, was sie Sekunden zuvor noch in der Hand gehalten hatte, direkt auf seinem weißen Pullover gelandet war. Er schluckte. Der Pullover war Beckys Geschenk zu seinem letzten Geburtstag gewesen. Es passte nur allzu gut, dass er jetzt auch ruiniert war.
"Das tut mir schrecklich Leid.", sagte die Frau, die den Tränen nahe zu sein schien, nachdem sie aus ihrer Trance erwacht war und ihre Taschen nach einem sauberen Tuch durchsuchte. "Das wollte ich nicht."
"Macht doch nichts.", erwiderte Sam. Jetzt war es auch egal. Es war zu spät, er war nicht mehr zu retten, die Frau musste sich keine Mühe machen. Sie würde auch nichts mehr ändern können. "Ich hab schließlich Sie angerempelt. Es ist meine Schuld."
Die Frau hatte ein Taschentuch gefunden und begann, den Pullover zu reinigen. Das heißt, reinigen war das nicht wirklich, eher ein Verschmieren der Schokolade. Aber sie schien entschlossen, ihr Missgeschick wieder gut zu machen.
"Dora?", hörten beide eine Stimme. Sam sah auf. Ein nett aussehender Mann kam auf sie zu. Er war schätzungsweise Mitte oder Ende vierzig, auch wenn er älter wirkte. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen, aber seine Augen selbst strahlten. Augen, die Sam irgendwie bekannt vorkamen, die er aber nicht einordnen konnte. Und letzten Endes war es auch völlig egal. Was kümmerte ihn dieser Mann schon? "Wo bleibst du denn?"
Die Frau namens Dora blickte schuldbewusst drein. "Entschuldige. Tom hat mir nur noch etwas zu essen gegeben, ich wäre wirklich gleich gekommen, aber..." Sie deutete auf Sam und seinen eingesauten Pullover.
Der Mann betrachtete das Ganze amüsiert. Wahrscheinlich war er solche Sachen mit dieser Frau gewohnt. "Dir ist schon bewusst, dass du das Ganze so noch schlimmer machst?", merkte er an und zog seinen Zauberstab.
Dora schaute ihn mit aufgerissenen Augen an. "Merlin, bin ich bescheuert.", murmelte sie. Sam nickte. Ihm hätte das eigentlich auch einfallen können. Zumindest solche Probleme konnte die Zauberei lösen. Wenn doch alles so einfach wäre...
Der Mann richtete den Zauberstab auf den immer größer werdenden Fleck, sagte "Ratzeputz!" und schon war die Schweinerei beseitigt.
"Danke.", sagte Sam und versuchte, den beiden, offensichtlich einem Ehepaar, zuzulächeln. Er schaffte es nicht. "So ging es wirklich schneller - und wesentlich effektiver."
"Keine Ursache", erwiderte er und ergriff die Hand der Frau. "Und jetzt komm, Dora. Molly wartet schon auf uns und du weißt, wie sie werden kann, wenn man sie zu lange warten lässt. Außerdem wollte sie noch zu Fred und George, da ist sie doch auch immer etwas aufgebrachter."
Dora nickte und lächelte Sam noch kurz zu. "Ja, wir sollten gehen." Sie kniff die Augen zusammen. Ihr bonbonrosa Haar veränderte sich, wurde länger und dunkler. Sam starrte sie überrascht an. Hatte er jetzt schon Halluzinationen? Warf ihn der Vorfall mit Rebecca so sehr aus der Bahn? Vielleicht hatte er sich das alles ja nur eingebildet und er wachte gleich aus diesem üblem Albtraum auf. Ja, wahrscheinlich war es das. So etwas grausames konnte ihm und Rebecca in Wirklichkeit gar nicht passieren. Ihre Freundschaft war stark genug, alles zu überstehen, so etwas würde sie nie im Leben zerstören können. "Unsere Bekannte mag das lieber.", erklärte sie und zog ihren Mann dann zum Eingang der Winkelgasse.
"Metamorphmagus.", sagte er noch schnell und deutete auf seine Frau. Sam nickte. Das erklärte das. Es war also doch keine Halluzination. Das wäre letzten Endes natürlich auch viel zu einfach gewesen. Und wann war in seinem Leben denn schon mal irgendetwas einfach gewesen? Die Frauen, die ihm am meisten bedeuteten, taten ihm immer weh. Das war wahrscheinlich sein Schicksal. Er nickte dem Ehepaar zum Abschied zu und wandte sich zur Treppe um. Langsam ging er hinauf. Nette Leute, dachte er. Die hatten sicher keine Probleme und waren nicht im Begriff, ihre besten Freunde zu verlieren. Das Leben konnte so ungerecht sein.
/-/
Flashback Anfang
Lachend purzelten Sarah und Remus in die Wohnung. Sie waren nicht mehr ganz nüchtern und klammerten sich hilfesuchend aneinander. Der Raum schien sich um sie zu drehen.
"Tolle Hochzeit", sagte Sarah und ging langsam in die Küche, nachdem das Zimmer stehen geblieben war. "Eine sehr schöne Abwechslung in diesen dunklen Zeiten." Sie nahm ein Glas aus einem der Küchenschränke und füllte es mit Wasser.
Remus nickte. "Da hast du völlig Recht.", stimmte er ihr zu. Er setzte sich an den Esstisch und schüttelte den Kopf. "Ich kann es immer noch nicht glauben. Lily und Prongs haben es wirklich und wahrhaftig geschafft. Hoffentlich wachen sie nicht morgen auf und bereuen alles."
"Ach Quatsch", erwiderte Sarah, trank einen Schluck und setzte sich zu ihm. "Jetzt werden sie ihre Meinung sicher nicht mehr ändern. Wenn eines feststeht, dann, dass sie sich lieben."
Remus nickte. "Wir wissen das"
"Und sie sicher auch. Ihr Temperament überkommt sie nur manchmal ein kleines bisschen."
"Ein kleines bisschen ist gut.", lachte Remus. "Die sind im Stande, ihr ganzes Haus zum Einsturz zu bringen, wenn sie sich streiten."
"Tja, damit werden sie wohl fertig werden müssen", lächelte Sarah, beugte sich vor und gab ihm einen kurzen Kuss. "Ich bin froh, dass es bei uns ruhiger zugeht."
Ihr Freund nickte. "An Vollmond lasse ich so die Sau raus, dass es für uns beide für einen Monat reicht." Sarah wusste nicht, ob sie lachen sollte, entschied sich aber dagegen. Sein Schicksal war alles andere als zum Lachen. "Entschuldige", sagte er und strich ihr zärtlich eine Haarsträhne aus der Stirn. "Ich hätte es nicht erwähnen sollen." Ihr Blick hatte sich anscheinend verdüstert. Sie schloss die Augen und genoss seine Berührungen.
"Schon in Ordnung", murmelte sie. "Es bestimmt schließlich dein Leben."
"Trotzdem", beharrte er. Er hasste es, das diese Tatsache sein Leben bestimmte. "Außerdem ... es bestimmt jetzt auch dein Leben ... zum Teil zumindest."
Sarah schlug die Augen wieder auf. Er zog seine Hand zurück. "Du hast Recht.", erwiderte sie. Sie hatte es fast vergessen ... aber eben nur fast. Jetzt war sie wieder daran erinnert worden. Sie hatte sich heute so für Lily gefreut, die endlich den Mann ihrer Träume heiratete, die endlich wunschlos glücklich war. Jetzt fiel Sarah ein, dass sie wohl nie dieses Glück verspüren würde, das Lily heute erleben durfte.
"Ich würde es verstehen.", sagte Remus, mitten in ihre Gedanken hinein.
"Was?", fragte sie verwirrt.
"Wenn du dein Leben nicht mehr davon bestimmen lassen möchtest. Du hast die Wahl, ich nicht."
Sarah schüttelte den Kopf. "Ich habe keine Wahl, Remus. Das weißt du ganz genau."
Remus seufzte. Was hatte er nur für ein Glück mit ihr... "Sarah, wenn du das nur für mich tust-"
"Du bist aber sehr egoistisch, weißt du das?", unterbrach sie ihn lächelnd. Er schaute sie fragend an. "Ich tue das für dich genauso wie für mich, Remus. Ich liebe dich. Ich würde nicht im Traum daran denken, dich zu verlassen."
"Sarah-"
"Nein! Nicht schon wieder, Remus John Lupin! Ich liebe dich, ich bin glücklich mit dir. Diese Beziehung bedeutet mir unglaublich viel und ich werde sie nicht zerstören wegen einigen lausigen Gesetzen, die irgendwann sowieso geändert werden."
Er nahm ihre Hand in seine und blickte ihr tief in die Augen. "Bist du dir sicher, Sarah? Wirklich sicher? Bist du dir auch über die Konse-"
"Beim Merlin! Remus! Wie oft hatten wir dieses Thema jetzt schon? Warum willst du immer denken, dass ich nicht glücklich mit dir bin?", brauste Sarah auf und entzog ihm ihre Hand.
"Zu viele Leute habe ich schon ganz plötzlich verloren. Meine Großeltern, meinen Dad ... Falls ich dich auch noch verlieren sollte, will ich vorbereitet sein, Sarah, will ich wissen, dass es zu Ende ist bevor es zu Ende ist, nicht erst hinterher. Ich könnte es nicht ertragen, eines Morgens aufzuwachen und du bist plötzlich nicht mehr da."
Sarah seufzte und schob ihren Stuhl zurück. Sie stand auf und ging zu ihm. Sie ließ sich auf seinem Schoß nieder und schlang die Arme um ihn. "Ich verspreche dir, ich werde dich nie verlassen, Remus."
Er lächelte leicht und zog sie noch näher zu sich. "Ich habe wirklich ungeheures Glück mit dir. Ich liebe dich."
Sie lachte. "Endlich hast du das verstanden." Er stimmte in ihr glockenhelles Lachen ein, bis er sich plötzlich zu ihr lehnte und sie küsste.
"Du weißt, wenn ich könnte, würde ich dich sofort heiraten.", murmelte er, als sie den Kuss unterbrachen. Sie nickte nur und zog ihn wieder zu sich. In diesem Moment dachte Sarah, dass niemand glücklicher als sie sein konnte, selbst Lily nicht.
Flashback Ende
/-/
"So, vielen Dank für deine Hilfe, Becky, aber du solltest jetzt wirklich gehen.", sagte Tom entschlossen, als Rebecca die Tische mit einem Lappen abwischte. "Es ist bereits nach zehn Uhr, normalerweise bin ich alleine hier. Wenn ich dir all deine Überstunden bezahlen müsste, dann wäre ich längst pleite." Diese Frau war wirklich unglaublich. Sie war am frühen Vormittag hier aufgetaucht und hatte fast ohne Pause durchgeschuftet. Während der Mittagszeit waren erfreulicherweise viele Gäste gekommen und seitdem war immer etwas zu tun gewesen. Rebecca war wirklich eine großartige Hilfe im Vergleich zu der Schnarchnase von einer Kollegin, die sie hatte. Und obwohl sie so eifrig war wie immer, vermisste er das Funkeln in ihren Augen, das sonst immer da war. Ihre Bewegungen waren nicht so voller Tatendrang wie sonst, ihr fröhliches Lächeln wirkte aufgesetzt und Tom war sich ziemlich sicher, dass sie sich das eine oder andere Mal eine Träne aus dem Augenwinkel gewischt hatte. Oh, wie gerne würde er diesen jungen Mann vor die Tür setzen, der ihr dieses Leid zugefügt hatte! Denn er war sicher, dass dieser Bursche daran Schuld war. Aber er hatte kein Recht sich einzumischen und außerdem das Temperament von Rebecca mit eigenen Augen sehen können und er wusste, dass sie nicht unbegabt mit dem Zauberstab war. Also lieber nichts provozieren, er war schließlich nicht ihr Vater.
"Es macht-"
"-dir aber nichts aus, jaja, ich weiß. Aber trotzdem, genug ist genug!", sagte er so autoritär wie er nur konnte. Langsam bekam er wirklich Angst, dass das arme Mädchen sich überarbeitete. "Zwing mich nicht, den Zauberstab zu ziehen!", drohte er schließlich, konnte ein Lächeln aber nicht unterdrücken. Rebecca grinste, auch wenn es sehr gezwungen aussah. "Ich bin besser, als du mir zutraust.", sagte er empört, auch wenn sein Zaubertalent sich mehr auf die Zubereitung von Speisen bezog als auf Kampfkunst. "Hätte ich nicht den Laden hier, die Auroren würden mich mit Kusshand nehmen!", versicherte er ihr. "Wirklich!", rief er laut, als sie immer noch nicht aufhörte zu grinsen und nicht die Spur verängstigt war. "Ach mach doch, was du willst!", sagte er schließlich frustriert und verschwand in der Küche. Sie hätte wenigstens so tun können, als ob sie ihm glaubte!
Rebecca lächelte leicht. Sie hatte wirklich Glück mit einem Arbeitgeber wie ihm. Als sie auf Arbeitssuche gewesen war, hatte sie schon das Schlimmste befürchtet, aber Tom war wirklich toll. Auch wenn er auf den ersten Blick etwas erschreckend aussah, hatte er ein wirklich gutes Herz und die Arbeitsatmosphäre im Tropfenden Kessel war sehr angenehm. Selbst jetzt hatte er es geschafft, sie ein bisschen von dem Schmerz abzulenken, der nicht weggehen wollte seit diesem verhängnisvollen Gespräch mit Sam. Sie würde wohl damit leben müssen, auch wenn sie sich das im Moment nicht vorstellen konnte. Auch wenn sie in den letzten Monaten mehrere tausend Kilometer voneinander getrennt hatten, konnte sie sich ihr Leben ohne ihn nicht vorstellen. Sie hatte immer gewusst, dass er für sie da war, wenn sie ihn brauchen würde, dass er ihr bei jedem Problem so gut helfen würde, wie er konnte. Dass er sie verstehen würde. Verstehen! Sie hatte ja erst heute gesehen, wie verständnisvoll ihr bester Freund doch war! Er hatte noch nie ihre Meinung angezweifelt, hatte sie zumindest respektiert, wenn er sie schon nicht geteilt hatte! Dass ihre Freundschaft einmal wegen so etwas beendet sein würde, hätte sie sich in ihren wildesten Träumen nicht ausgemalt. Da hatte sie sich weitaus andere Szenarien überlegt, die Sam beinhalteten... Aber von denen hatte sie sich schon vor Jahren verabschiedet, so schwer es ihr auch gefallen war. Sie hatte es geschafft. Und sie würde es auch schaffen, sich von ihrer Freundschaft zu Sam verabschieden. Egal wie lange das dauern würde. Er hatte es so gewollt, sie würde damit leben müssen und sie wäre nicht Rebecca Karen Sanford, wenn sie das nicht auch schaffen würde. Sie konnte ohne Sam leben, sie würde ohne Sam leben!
Sie musste.
Rebecca wollte sich gerade wieder um das Säubern der Tische kümmern, als ihr Handy klingelte. Verwundert griff sie danach. Wer rief sie um diese Zeit an? Harry oder Ginny? Eher nicht. Remus? Für ihn war das schon zu spät. Ihre Großmutter wartete immer darauf, dass sie sich selbst meldete, um nicht in einem unpassenden Augenblick zu stören.
Dann wurde ihr heiß und kalt. Sie musste sich tatsächlich an der nächsten Stuhllehne abstützen. War es möglich, dass vielleicht... dass Sam anrief? Er hatte ein Handy, er hatte ihre Nummer... Er war den ganzen Tag nicht aus seinem Zimmer gekommen. Das wusste sie sicher, sie hatte extra so gearbeitet, dass sie die Treppe immer im Blick hatte. Vielleicht hatte er es sich anders überlegt, vielleicht hatte er sich doch dazu entschieden, ihr zu vertrauen. Vielleicht war ihm ihre Freundschaft so wichtig wie ihr, zu wichtig, um sie wegen so einer Kleinigkeit wegzuschmeißen. Vielleicht wollte er ihr das am Telefon mitteilen, weil es so sicherer war, weil sie sich so nicht so leicht streiten konnten, weil... Eigentlich war ihr der Grund scheißegal, sie wollte nur von ihm hören, dass es ihm Leidtat und dass er Remus akzeptierte, ob er ihr das per Eule mitteilte, via Flohpulver oder von Angesicht zu Angesicht.
Rebecca atmete tief durch und nahm das Gespräch mit einem leichten Lächeln auf den Lippen an. "Hallo?", fragte sie gespannt. Einen Moment später machte sich große Enttäuschung in ihr breit. Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang alles andere als nach Sam. "Caroline? Was gibt's denn so wichtiges?" Augenblicke später wurde sie weiß wie ein Laken und krallte sich jetzt so fest an der Stuhllehne fest, dass es weh tat. Sie schwankte und wäre beinahe gefallen, wenn sich nicht zwei starke Arme um ihre Hüfte geschlungen hätten, die sie auffingen. Ein Geruch trat in ihre Nase, den sie überall wieder erkannt hätte und der das Einzige war, das dafür sorgte, dass sie nicht das Bewusstsein verlor.
/-/
Sam hatte den Tag damit verbracht, aus dem Fenster zu starren. Seit dem Streit mit Becky und dem Zusammenstoß mit diesem sympathischen Ehepaar hatte er sich, seit er sein Zimmer betreten und sich auf sein Bett gesetzt hatte, nicht mehr gerührt. Er hätte nicht gewusst, was er sonst hätte tun sollen. Nach Hause fliegen wollte er noch nicht und ein weiteres Mal mit Becky sprechen konnte er noch nicht. Aus diesem Grund hatte er das Zimmer auch nicht wieder verlassen. Die Angst, auf seine ehemals beste Freundin zu treffen war zu groß. Die Tatsache, sie verloren zu haben war zu schmerzlich.
Aber jetzt, gut zwölf Stunden nach diesen Vorfällen, begann sich sein Magen so stark zu melden, dass er ihn nicht mehr ignorieren konnte. Er hoffte inständig, dass Rebecca schon gegangen und Tom noch da war, sonst würde er wohl oder übel in irgendein Restaurant im Muggellondon gehen müssen. Auch nicht die schlechteste Wahl, wenn auch meistens etwas teuer. Vielleicht war ja ein Fast Food Restaurant in der Nähe.
Er seufzte, stand auf und wartete einen Moment darauf, dass das Blut wieder in seine steifen Gleider zurückkehrte. So langes Sitzen war alles andere als komfortabel gewesen. Schließlich ging Sam zum Nachttisch und holte seinen Geldbeutel aus der Schublade. Er öffnete ihn, um zu überprüfen, wie viel englisches Muggelgeld er bei sich hatte und überlegte, ob er vielleicht nicht doch lieber eine Bar aufsuchen sollte. Sich zu betrinken war wahrlich nicht die schlechteste Option, die er momentan hatte und er hatte erst in der letzten Nacht gesehen, wie unbeschwert Harry und Ginny nach ein paar Gläsern Alkohol gewesen waren. Sowas brauchte er jetzt auch.
Bevor er seinen Geldbeutel wieder schloss, fiel sein Blick auf das Bild, das er immer bei sich trug. Es war mit einer Muggelkamera aufgenommen worden, für den Fall, das Muggel es einmal zufällig sahen. Es zeigte ihn und Rebecca bei ihrem Abschluss. Strahlend lächelte Rebecca ihn an, er hatte einen Arm um sie geschlungen, ihre Diplome hielten sie fest in der Hand. Er hatte damals gedacht, dass das einer der schlimmsten Tage in seinem Leben sein würde, aber sie war nicht von seiner Seite gewichen, hatte ihn abgelenkt und war entschlossen gewesen, ihn aufzumuntern. Es hatte geklappt. Dank ihr war der Tag längst nicht so qualvoll gewesen, wie er befürchtet hatte, und dafür, das hatte er sich geschworen, würde er ihr ewig dankbar sein.
Sam schluckte, verschloss die Brieftasche, nahm seine Jacke von der Stuhllehne des einzigen Stuhls im Zimmer und verließ den Raum. Auf der Treppe verharrte er schließlich unwillkürlich, als er eine ihm nur allzu bekannte Stimme hörte. Sie war also immer noch da. Verdammt! Er konnte sie jetzt nicht sehen, mit ihr reden, streiten, oder was sie sonst tun würden. Vielleicht war diese Wahl als Unterkunft doch nicht die Beste gewesen, aber er hatte doch nicht ahnen können, dass sich die Dinge so entwickeln würden...
Er hatte sich gerade dazu entschlossen, zurück in sein Zimmer zu gehen und in einer halben Stunde noch einmal zu versuchen, den Tropfenden Kessel zu verlassen, als er hörte, wie ihr Handy klingelte. Er hörte, wie sie überrascht Carolines Namen aussprach und wie sie kurz darauf erschrocken nach Luft schnappte und ein "Was?!" herauspresste.
Ohne zu überlegen, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, eilte Sam die Treppe herunter, zu Rebecca, und kam gerade noch rechtzeitig um zu verhindern, dass sie auf den kalten Boden fiel. Das Handy allerdings konnte diesem Schicksal allerdings nicht entgehen, es fiel ihr aus der Hand und schlug auf den harten Fußboden auf. Das Geräusch war unnatürlich laut in der nächtlichen Stille und doch hatte Sam es nicht gehört, als er besorgt auf Rebeccas Gesicht hinabblickte.
"Was ist los?", fragte er besorgt. Sam hatte am Rande mitbekommen, dass sie mit Caroline gesprochen hatte, einer guten Bekannten ihrer Großmutter. "Was ist passiert?", fragte er drängender, als sie nicht reagierte. Er hoffte, dass es nicht das war, was er dachte. Es würde Rebecca zerstören. Er bugsierte sie sanft auf den nächsten Stuhl und schaute besorgt in ihr kalkweißes Gesicht. Ihre Augen waren vor Schreck weit aufgerissen. Sam graute es vor der Antwort.
"Grandma...", hauchte sie tonlos, bevor ihre Stimme versagte.
"Deine Großmutter?", wiederholte Sam drängend. Nein. Nein, nein, nein, nein, nein... "Was ist mit ihr? Ist ihr irgendetwas passiert?"
"Sie ...", sagte Rebecca langsam. Es schien sie viel Kraft zu kosten. Sam hob seine Hand und legte sie an ihre zarte Wange. Mit seinem Daumen fuhr er über ihre weiche Haut. Er schluckte, als er spürte, wie sein Daumen nass wurde von stummen Tränen. "Sie ... Caroline meint, dass ... es ... Sie ist ... schwer krank geworden ... plötzlich ... und ... es ... also ..." Sie atmete tief durch, bevor sie weitersprach. "Caroline meint, dass sie die Nacht vielleicht nicht überleben wird."
TBC...
