PS.: Dein Mitbewohner scheint ein merkwürdiger Zeitgenosse zu sein. Als ich die Treppe herunter kam, sah ich ihn, wie er reglos und irgendwie verkrampft in der offenen Tür stand und dich ansah. Ich habe ihn eine Weile beobachtet. Er schien mich erst zu bemerken, als ich hinter ihm zu stehen kam. Er wirkte erschrocken und ein wenig ertappt, drehte sich zu mir, hob die Augenbrauen und blickte hektisch hin und her. Dann lief er mit einem beinahe schmerzverzerrten Gesicht an mir vorbei die Treppe hinunter und verschwand.

Ich sah ihm kurz nach, drehte mich dann wieder dem Wohnzimmer zu, wo ich dich nackt und schlafend auf dem Sofa entdeckte. Ich fand sein Verhalten äußerst fragwürdig, aber ich kenne ihn ja auch nicht.

Leb wohl, John

Wieder und wieder las er sich die Worte durch, die Stella ihm in einem Post Skriptum hinterlassen hatte. Er versuchte die Bedeutung des Inhalts zu fassen zu kriegen, sah sich aber nicht dazu in der Lage. Der syntaktische Sinn drang zwar zu ihm durch, aber die Semantik der Wörter überstiegen seine emotionale Kapazität um Längen, ließen sie doch zu viel Raum für Interpretationen.

Er zerbrach sich noch eine Weile den Kopf darüber, während er seinen Weg zum Laden fortsetzte, ihn betrat und damit begann einen Einkaufswagen mit Lebensmitteln zu befüllen, als sich endlich ein Schalter in seinem Kopf umlegte.

Sicher, es war nur eine von vielen Interpretationsmöglichkeiten, aber es war die Eine, welche sein Herz höher schlagen ließ und ein Kribbeln durch seinen ganzen Körper sandte.

Er ließ den Wagen an Ort und Stelle stehen, wandte sich um und verließ eilends den Supermarkt. Er hatte nur noch ein Ziel vor Augen.

John konnte sich nicht erinnern nach seinem Aufenthalt in Afghanistan jemals wieder so gerannt zu sein. Als er nun 221b Baker Street erreichte, blieb er daher erst einen Augenblick an der Tür stehen um sich zu sortieren und wieder zu Atem zu kommen.

Er war im Begriff seinen Schlüssel ins Schloss zu stecken um einzutreten, da wurde sie Tür schon von Innen geöffnet und seine Vermieterin trat ihm entgegen und an ihm vorbei. John war sich sicher die Andeutung eines zufriedenen und wissenden Lächelns zu sehen, als sie sich mit einem „Schön das Sie endlich da sind!" abwandte und davon ging.

Etwas irritiert davon schüttelte er kurz den Kopf und trat dann über die Schwelle ins Haus, wo er die Tür schloss.

Er wurde von einem fantastischen Duft, nach Bohnen, Speck und Steak umfangen und warf einen sehnsüchtigen Blick zu Mrs Hudson Wohnungstür. Er hatte, wie er gerade merkte, einen riesigen Hunger und sein potentielles Abendessen lag in einem verwaisten Einkaufswagen bei Tesco.

Er ärgerte sich, dass er immer so kopflos und impulsiv handelte, während er die Treppe nach oben stieg.

Seltsamerweise nahm der appetitliche Duft nicht ab, sondern schien sich noch zu intensivieren, was John völlig aus dem Konzept (welches er im Moment eh nicht wirklich hatte) brachte.

Da aber Stellas Nachricht ohnehin sämtliche Logik aus seinem Kopf verbannt zu haben schien, beschloss er auch dieses Rätsel einfach auf sich zukommen zu lassen.

Er zog sich betont langsam die Jacke aus, um sich selbst noch ein wenig Zeit zu geben. Aber schließlich musste er die Wohnung irgendwann betreten und er wollte es doch schließlich auch. Wollte Sherlock zur Rede stellen, sich sein seltsames Verhalten erklären lassen und herausfinden, wohin das alles führen konnte.

Er holte noch einmal tief Luft und öffnete die Tür zur Küche.

Und er schloss sie wieder.

Ungläubig legte er den Kopf schief und öffnete die Tür ein zweites Mal. Diesmal jedoch stieß er sie so auf, dass er sich nicht einfach wieder zuziehen konnte.

Er konnte nicht glauben was er da sah. Sherlock in seinem besten Anzug (sogar ein Hemd für Manschettenknöpfe hatte er gefunden) an die Küchenzeile gelehnt, John zugewandt. Seine Hände aneinander gelegt unter seinem Kinn fixiert, ihm andächtig und mit Spuren von Unsicherheit und Neugier ansehend. Der Blick, den Sherlock ihm zuwarf, mit dem er ihn regelrecht gefangen nahm, war eindringlich, aber keinesfalls unangenehm. John erwiderte den Blick bis ihm die Spannung, welche sich zwischen ihnen aufbaute, unerträglich erschien und er sich vernehmlich räusperte.

Das Geräusch schien auch Sherlock wieder ins Hier und Jetzt zurück zu holen. Er blinzelte mehrfach, eh er sich von der Küche abstieß und einen Stuhl vom Tisch abrückte. Johns Stuhl.

„John", wandte sich Sherlock seinem Mitbewohner wieder zu, „setz dich, ich habe uns etwas zu Essen gekocht, du hast doch sicher Hunger". Er bedeutete John auf dem angebotenen Stuhl Platz zu nehmen und begann dann ihrer beider Teller aufzufüllen, eh er sich auf seinen eigenen Platz setzte.

John, der von der gesamten Situation noch völlig überrannt war, schaffte es gerade eben so zu nicken. Er nahm eine Gabel zur Hand und stocherte voller Skepsis in seinem Steak herum. Das Essen sah zum anbeißen aus, keine Frage, und auch der Hunger war stark genug, um mindestens eine Portion zu verspeisen, aber er traute dem Braten nicht so richtig.

„Nun iss schon, eh es kalt wird", forderte Sherlock ihn auf und schenkte ihnen beiden aus der Karaffe mit dem Rotwein ein.

„Mit dem Essen ist alles in Ordnung", setzte er noch nach, als er merkte, dass Johns Blick nach wie vor sehr skeptisch war.

Vollkommen überzeugte war er nicht, dennoch schnitt er mit dem Messer ein wenig von dem Steak ab und schob es sich langsam in den Mund.

Verblüfft stellte er fest, dass er das nicht erwartet hatte. Es schmeckte vorzüglich, nicht nur das Fleisch, sondern auch die Bohnen im Speckmantel, die Kartoffeln und die feine Sauce, die alles vollmundig umschmeichelte. Der Wein war perfekt dazu gewählt und hätte John vorher schon mehr als verwundert sein sollen, so wäre es nun an der Zeit gewesen, alles zu hinterfragen, so unwahrscheinlich war die ganze Situation. Aber John wunderte sich im Moment über gar nichts. Er genoss einfach.

Nachdem er auch seine zweite Portion gegessen hatte und Sherlock immerhin die Hälfte seiner einen, lehnte John sich satt und zufrieden auf seinem Stuhl zurück.

Er betrachtete seinen Partner, der ihn heute von Grund auf überrascht hatte und ihm viel wieder ein, dass er sich eigentlich etwas vorgenommen hatte, dass nun keinen Aufschub mehr duldete. Er griff nach seinem Wein, leerte das Glas und erhob sich, da er glaubte das folgende besser im Stehen ausführen zu können.

„Noch nicht, bitte". John sah überrascht auf und sah den eindringlichen Blick seines Freundes, den er nicht so recht verstand.

„Lass uns hier erst Ordnung machen und dann kannst du sagen, was du mir sagen möchtest. Ich habe auch ein Paar Dinge, die ich gerne mit dir besprechen würde".

John stand perplex und mit halb geöffnetem Mund (bereits zum Reden angesetzt) in der Küche und ihm schwirrte eine Frage im Kopf umher: Hatte soeben wirklich das Wort Ordnung Sherlocks Mund verlassen?

Doch schließlich nickt er ergeben und fragte sich dabei, wo das wohl noch hinführen sollte.

Was er sagen wollte wusste er, was Sherlock sagen wollte konnte er nur erahnen. Er dachte noch einmal an die Worte aus der Nachricht und in ihm keimte ein Hoffnung auf, die er sich selbst gerne verboten hätte. Aber diese Hoffnung verhielt sich wie ein Lauffeuer, gegen das er einfach nicht ankommen konnte, er war ihm nicht gewachsen.

So standen sie für eine Weile schweigend in der Küche und wuschen ab. Nebenbei fiel John auf, dass es hier oben keine schmutzigen Töpfe gab (hatte Sherlock doch nicht die Wahrheit gesagt?) allerdings gab es in der ganzen Küche auch nichts mehr, was den Eindruck erweckte es würde eher in ein Chemielabor, denn an einen solchen Ort gehören. Die Eindrücke waren aber zu beiläufig, als dass er sich groß darüber Gedanken gemacht hätte. Das passierte erst, als sie, fertig in der Küche, ins Wohnzimmer hinüber gingen. Dem hatte John, seit er wieder hier war, noch keine Beachtung geschenkt und nun fand er sich in einem völlig ordentlichen (naja, so ordentlich, wie es an so einem vollen Ort eben sein konnte) Raum wieder, in dessen Kamin ein beschauliches Feuer prasselte und dessen anheimelnde Ausstrahlung einfach überwältigend war. Er schaute verblüfft zu Sherlock, welcher sein zufriedenes fast selbstgefälliges Grinsen nicht ganz verbergen konnte, und wieder zurück in den Raum. Er kniff einmal fest die Augen zu und stellte nach dem Öffnen fest, dass es tatsächlich ihr Wohnzimmer war, eben nur in Ordentlich.

Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Sherlock hatte ihm heute Abend eine Überraschung nach der anderen präsentiert. Er hatte viele tolle Seiten, dessen Existenz John sich sicher war, die er aber zuvor noch niemals gesehen hatte. Nun hatte er sie offen gelegt und John etwas geboten. Und es bedeutete so viel, weil John sich sicher war, dass er keinen Menschen auf dieser Welt kannte, für den Sherlock freiwillig so etwas gemacht hätte.

Er spürte, wie sich ein Klos in seiner Kehle bildete und schluckte hart.

Jetzt war der Moment gekommen, sie würden nun die Karten auf den Tisch legen. Zumindest erhoffter er sich das von Sherlock. Von seiner Seite aus war er sich sicher.

Er beschloss es sich bequem zu machen und setzte sich auf seinen Sessel vor dem Kamin. Er saß da und starrte eine Weile gebannt in die Flammen, bis er wahrnahm, dass Sherlock sich, ihm gegenüber, auch gesetzt hatte.

Und dann sahen sich sich an. Tiefe, eindringlich Blicke in die Augen des Anderen. Suche nach Hinweisen, nach Antworten, nach Zustimmung. Gleichsam Angst vor Ablehnung.

Der hoffnungsvolle Blick des einen, wenn der andere zum Sprechen ansetzen wollte, die innere Lähmung, die es unmöglich scheinen ließ, auch nur einen Gedanken in Worte zu fassen.

John hatte das Gefühl der Spannung nicht mehr Stand halten zu können und wendete schließlich den Blick ab. Enttäuschung darüber machte sich auf dem Gesicht des anderen Mannes breit.

Sherlock hatte so gehofft, dass John die Initiative ergreifen würde, denn er hatte gespürt, wie sehr seinem Freund etwas auf der Seele brannte, das verzweifelt versuchte, sich an die Oberfläche zu kämpfen und endlich ausgesprochen zu werden.

Aber er erkannte, dass er ebenso in seiner Angst und Unsicherheit gefangen war.

Und es war klar, dass wenn sie noch länger umeinander herum tanzten ohne einen Schritt vorwärts zu machen, das Ganze in einer Katastrophe enden würde.

Es gab aber an diesem Punkt, an dem es nicht einmal wirklich einen Fortschritt zu Verzeichnen gab, längst keinen Weg mehr zurück. Es stand schon zu viel unausgesprochenes zwischen ihnen und es würde da auch nicht wieder verschwinden.

Sherlock sammelte alle Kraft, die er in sich finden konnte zusammen (interessant, wie man in solchen Momenten merkt, wie schwach man eigentlich ist) und Griff nach Johns Hand.