Wochen vergingen, ohne, dass es zwischen mir und Severus eine Annäherung gegeben hätte. Inzwischen kämpfte ich nicht mehr mit den Tränen, wenn ich es nicht vermeiden konnte, ihm nahe zu sein. Ich ignorierte ihn und versuchte, eher wütend als traurig zu sein. Wut war einfacher. Trotzdem stahlen sich manchmal Gedanken in meinen Kopf wie: „Heute sieht er ziemlich gut aus." Dann war ich kurz davor, mich selbst zu ohrfeigen. Lass das, Enya! Vergiss ihn endlich! Lerne, ihn zu hassen, für das, was er dir angetan hat!
Aber ich konnte es nicht. Ich konnte Severus Snape nicht hassen.

Severus Snape war kurz davor, ein Alkoholiker zu werden. Aus dem einen Glas Scotch jeden Abend wurde eine halbe Flasche. Morgens wachte er dann verkatert auf, noch schlechter gelaunt als sonst. Und das alles wegen einer Frau.
Aber er konnte nicht anders. Er wollte sie ignorieren. Sie am liebsten vergessen. Sie aus seinem Leben ausradieren. Aber das war schwierig, wenn er sie jeden Tag sah. Wenn er sogar bei den Mahlzeiten neben ihr sitzen musste. Der Duft ihres blumigen Parfums zu ihm herüberwehte. Sie anderen Menschen ihr wundervolles Lächeln schenkte.
Aber das mit Abstand schlimmste war, als sie angefangen hatte, mit Lockhart zu flirten. Mit Lockhart! Zunächst hatte sie sich nur ein wenig mit ihm unterhalten und über seine lahmen Witze gelacht, aber als sie gesehen hatte, wie Severus ihnen dunkle Blicke zuwarf, hatte sie noch heftiger mit diesem eitlen Gockel geflirtet. Sie hatte ihn eifersüchtig machen wollen. Und das hatte auch funktioniert. Er musste sich ziemlich zusammen reißen, um Lockhart nicht das arrogante Grinsen aus dem Gesicht zu wischen und sie nicht anzuschreien, warum sie das tat und ihn damit so folterte.
Eigentlich sollte er froh sein, dass sie mit anderen Männern flirtete. Aber das war er nicht, und das lag nicht nur an Lockhart.

An einem Mittwochabend hatte ich Aufsicht in der Großen Halle. Dort war jeden Abend eine Ruhezone, in der Schüler Hausaufgaben machen, lernen oder leise Zauberschach spielen konnten. Diesen Abend jedoch war es anders. Die Schüler hatten immer noch nicht aufgehört, über Harry zu tuscheln, und nun drehten sie sich oft nach ihm um und starrten ihn an. Dem Jungen war das sichtlich unangenehm. Er rutschte nervös auf der Bank herum und konnte sich nicht auf seine Aufgaben konzentrieren.
Die schlimmste war jedoch ein Mädchen aus seinem Jahrgang, sodass ich nun eingreifen musste: „Miss Abbott, wären Sie so gütig und würden ihre Konzentration auf Ihre Aufgaben richten und nicht auf Ihre Mitschüler?"
Das Mädchen wurde rot, nickte, und beugte sich über ihr Pergament.
„Das gilt auch für die anderen.", fügte ich hinzu.
Doch kaum wandte ich mich wieder den zu korrigierenden Aufsätzen der Viertklässler zu, schauten sich wieder einige Schüler nach Harry um, der schließlich genug hatte, seine Sachen nahm und die Große Halle verließ.
Wenige Minuten später stürmte jedoch Filch in die Halle hinein und rief mir zu: „Professor, Sie müssen mitkommen!". Ich stand auf, warnte die Schüler, dass ich es mitbekommen würde, wenn sie Quatsch machten, und folgte Filch hinaus. Er lief, erstaunlich flink für sein Alter, einige Gänge entlang und blieb dann stehen. Als erstes sah ich den Fast Kopflosen Nick wie erstarrt im Gang schweben und dann den offensichtlich ebenfalls versteinerten Justin Finch-Flechtley auf dem Boden.
„Ich habe ihn auf frischer Tat ertappt!", sagte Filch und zeigte auf Harry, der an der Wand stand und ebenso schockiert wirkte wie ich.
„Professor, ich war das nicht! Bitte, das müssen sie mir glauben!", flehte er.
Resigniert sagte ich: „Ich fürchte, das liegt nicht mehr in meiner Hand. Folgen Sie mir, Mr. Potter."
Dann brachte ich ihn zu Professor Dumbledore. Harry wirkte immer noch verängstigt. Ich beugte mich zu ihm herunter und sagte: „Harry, ich weiß, dass du das nicht warst. Die Wahrheit wird herauskommen. Und du weißt, dass Dumbledore ein gerechter Mann ist." Der Junge nickte und stellte sich in den Eingang zu Dumbledores Büro, woraufhin ich das Passwort sagte und der große Steinadler Harry eintreten ließ.

Als ich Harry einige Tage später in einem leeren Gang traf, sprach ich ihn an: „Harry, wie war das Gespräch mit Professor Dumbledore?"
„Er glaubt mir, dass ich das nicht war. Ich meine, wie auch? Ich bin ein Zweitklässler, ich weiß gar nicht, wie man jemanden versteinert."
Ich lächelte erleichtert. „Natürlich. Ist ansonsten alles in Ordnung?"
„Ja.", sagte er etwas zu schnell.
„Ist da irgendetwas, das du mir sagen willst, Harry?"
„Warum fragen mich das alle?", fragte er genervt, „Nein, es ist alles in bester Ordnung."
„Gut, dann lasse ich dich jetzt in Ruhe.", sagte ich und ließ ihn stehen.

Am Abend hatte ich eine Nachhilfestunde mit Neville Longbottom. Ich gab einigen meiner Problemschüler Nachhilfe, da ich nicht wollte, dass sie mit Lücken in die Vorbereitung ihrer ZAGs gingen. Das fing schon im zweiten Schuljahr an.
Neville war einer meiner … spezielleren Schüler. Sehr unsicher und ungeschickt, aber keinesfalls dumm. Wenn man ihn in seinem Tun bestärkte zeigte er sich als mutiger und intelligenter Junge. In den drei Monaten, die wir hier jeden Freitagabend zusammenkamen, hatte er bereits einige Zauber gelernt, die er nach eigenen Worten „niemals allein hingekriegt hätte". Anfangs hatte er mich mit seinem Expelliarmus noch quer durch den Klassenraum geschleudert, sodass ich oft am nächsten Tag mit Schmerzen in den Unterricht ging, aber das war vorbei. Er hatte zu seinen Mitschülern aufgeschlossen und kannte sogar ein paar Kniffe mehr.
Als die heutige Stunde vorbei war, kam er noch einmal zu mir.
„Professor...", begann er schüchtern, „Ich habe mich gefragt, ob Sie mir vielleicht auch ein wenig Nachhilfe in Zaubertränke geben könnten. Ich weiß, das ist nicht Ihr Fachgebiet, aber das ist das Fach, in dem ich am meisten Hilfe brauche."
„Mr. Longbottom, dafür müssen Sie zu Professor Snape gehen. Nur der Fachlehrer kann Ihnen Nachhilfe geben.", erklärte ich wohlwollend.
Der Junge sank förmlich in sich zusammen. „Das kann ich nicht..."
Ich legte den Stapel Pergamente, den ich gerade sortiert hatte, zur Seite, lehnte mich an mein Pult und verschränkte die Arme vor der Brust. „Warum denn nicht? Professor Snape ist ein guter Lehrer."
„Natürlich. Das Problem ist nur..." Der Junge stockte, als traute er sich nicht, fortzufahren.
„Mr. Longbottom, Sie sollten wissen, dass Sie mir alles sagen können. Ich bin Vertrauenslehrerin und Ihre Hauslehrerin. Ich werde niemandem davon erzählen... Vor allem nicht Professor Snape."
Neville sah wieder zu mir auf. „Ich habe Angst vor ihm..."
„Warum?"
„Er... er ist so streng. Wenn ich etwas falsch mache, was ständig der Fall ist, dann fährt er mich an. Das macht mir Angst. Und er macht sich vor den anderen über mich lustig. Ich habe immer Angst, zu seinem Unterricht zu gehen. So sehr, dass sich mein Magen zu verdrehen scheint und mir schlecht wird. Ich bin sein Lieblingsopfer. Nie macht er jemanden so sehr zur Schnecke wie mich. Er hasst mich."
Ich war für einen Moment sprachlos. Ich wusste, dass Severus kein guter Lehrer war und oft unfair und fies zu den Schülern war, selbstverständlich nur zu den Nicht-Slytherins. Aber dass es so weit ging, dass Schüler Angst vor ihm und seinem Unterricht hatten, hatte ich nicht gewusst. Ich würde ernsthaft mit ihm reden müssen und wenn das nicht besser wurde, würde ich mit Dumbledore reden müssen.
„Und es ist schlimmer geworden. Seit ein paar Wochen ist er unerträglich. Ich glaube, es hat an einem Montag angefangen. Der Tag, an dem Sie … etwas aufgelöst wirkten und beim Frühstück aus der großen Halle gelaufen sind."
Es lag an mir? Wegen mir war er noch fieser zu den Schülern?
„Ich werde mit ihm sprechen, Mr. Longbottom. Und ja, natürlich kann ich Ihnen auch Nachhilfe in Zaubertränke geben. Ich werde Ihnen Bescheid geben, wann ich Zeit habe."
Neville nickte strahlend, verabschiedete sich und verließ den Klassenraum.

In der Woche darauf war ein Quidditch-Spiel angesetzt. Die komplette Schule hatte sich bereits versammelt und die Spieler sollten in wenigen Minuten auf das Feld kommen, da eilte Minerva auf mich zu.
„Enya! Wir müssen das Spiel absagen!", sagte sie.
„Was? Warum?"
„Eine weitere Schülerin ist versteinert aufgefunden worden. Hogwarts ist nicht mehr sicher. Sie müssen es den Spielern Ihres Hauses sagen."
„Wer ist es?", fragte ich schockiert.
„Hermine Granger."

Ich trat vor die Spieler, die gerade die Umkleide verlassen wollten.
„Das Spiel ist abgesagt. Zieht euch wieder um.", sagte ich laut.
Oliver Wood protestierte sofort: „Warum das denn? Sie können das Spiel nicht einfach absagen!"
„Doch, das kann ich, Mr. Wood! Eine weitere Schülerin ist versteinert gefunden worden. Alle Schüler sollen sofort in ihre Gemeinschaftsräume."
Die Spieler gingen murrend wieder zurück in die Umkleide, aber Harry hielt ich auf. „Harry, hol Ronald und komm mit mir."
Der Junge wirkte verwirrt und lief dann los, um seinen besten Freund zu suchen. Wenige Augenblicke später kam er mit dem Weasley-Jungen, ganz in rot und gold gekleidet, zurück und die beiden folgten mir wortlos zum Schloss, wo ich sie zum Krankenflügel führte. Dort lag Hermine Granger blass und versteinert in einem der Betten.
„Hermine!", rief Harry entsetzt und rannte zu ihr. Ronald wirkte ebenso schockiert.

Eine Stunde später waren alle Gryffindors in ihrem Gemeinschaftsraum versammelt und sahen mich erwartungsvoll an. Ich schluckte und sagte dann mit lauter Stimme: „Die jüngsten Überfälle auf Schüler haben die Schulleitung dazu veranlasst, neue Regeln aufzustellen. Diese sind absolut verbindlich und dringendst einzuhalten, denn sie dienen zu Ihrer Sicherheit. Erstens: Ab 19 Uhr haben sich alle Schüler in ihren Gemeinschaftsräumen aufzuhalten. Zweitens: Die Schüler gehen ausschließlich in Begleitung ihres Lehrers zum Unterricht. Drittens: Es gibt keine Ausnahmen von Regel eins und zwei." Mit einem Schwung meines Zauberstabs ließ ich diese Regeln auf einem Bogen Pergament an der Wand des Gemeinschaftsraums erscheinen.
„Professor?", fragte eine Schülerin schüchtern, „Was passiert, wenn der Angreifer nicht gefunden wird?"
„Dann...wird die Schule wahrscheinlich geschlossen."