Kapitel 9

Unendlichkeit verrinnender Augenblicke

Abermals waren Stunden scharfen Galopps vergangen, als Thranduil sein Pferd zügelte und nach einer scheinbaren Ewig­keit wieder ein Wort fiel. Der König wandte sich an Aragorn und sagte:

„Laut Aussage der Wachen an der Grenze Düsterwalds hat Legolas das Reich über Dol Guldur verlassen und die Richtung zum Fangorn eingeschlagen. Er war aber nicht nach Westen ge­gangen, auf den Anduin zu, sondern hatte den Weg auf die Berge der Braunen Lande hin gewählt. Da er schon einmal von Orks angegriffen worden war, wollte er vielleicht nicht über die freie Ebene gehen, sondern durch die Täler der Hügellandschaft, die sich in dieser Richtung bis zum Fangorn erstreckt."

Aragorn blickte den König an und fragte:

„Ihr konntet aber über die Hügel hinweg keine Spur von ihm entdecken?"

Aranhathel meldete sich zu Wort und sprach:

„Als wir Rast machten, sah ich diesen Weg zurück und beobach­tete ihn lange, aber ich konnte keine Bewegung eines Reisenden ausmachen."

Sie befanden sich nun am Onodlo Sindarin: Entwasser, der im Nebelgebirge entsprang und hier seinen Weg aus dem Fangorn kommend durch die Ebene nahm. Sie durchquerten ihn und rit­ten weiter durch eine sanfte Hügellandschaft bis zum Limklar, der in den Anduin floß. Legolas hätte den Fluß an den Nördli­chen Stromschnellen überqueren müssen, wenn er von Dol Guldur den eingeschlagenen Weg beibehalten hätte. Das konnte sich Aragorn nicht vorstellen, war doch die Überquerung ohne Boot dort nicht möglich. Er ging eher davon aus, daß Legolas entlang der Ausläufer des kleinen Gebirges zum Anduin gegan­gen war. Der Anduin floß in diesem Bereich sehr behäbig, weil ein weiter Bogen die Fließgeschwindigkeit hier abbremste. Es gab dort eine Stelle, an der man den Fluß gut schwimmend überque­ren konnte. Diese Stelle war fast als Furt zu bezeichnen, weil sie auch mit Tie­ren gut zu passieren war. Von dort war es nur eine kurze Strecke zum Limklar und dieser hatte, da er durch die Ausläufer des Hü­gellandes seinen Weg fand, mehrere überquer­bare Furten.

Aragorn wandte sich nochmals an den König:

„Wie weit können Eure Wachen das Land einsehen, in der Rich­tung, in der Legolas Düsterwald verließ, mein Herr? Bis wohin müssen wir zurück, daß es Sinn macht eine Spur zu suchen?"

„Das Land ist einsehbar bis zur Anhöhe Indorans. Dort beginnt die Hügellandschaft, die sich bis zu den Bergen erstreckt und nur durch den Anduin durchschnitten wird", entgegnete Thranduil.

Aragorn hätte diese Frage nicht stellen müssen, denn er kannte das Land wie die Elben selbst, aber dem König war klar, daß Aragorn so die Menschen Galens und die junge Königin in ihre Überlegungen mit einbeziehen wollte. Aragorn nickte stumm und sprach dann:

„Wir reiten zur nächsten Furt und durchqueren den Fluß. Ihr be­gebt Euch zum Treffpunkt. Ich werde mit Aranhathel und Toben den Anduin queren und bis zur Anhöhe Indorans reiten und eine Spur suchen. Nach unseren Ahnungen gehe ich davon aus, daß Legolas in Gefangenschaft geraten ist. Ein Überfall wird nicht so nahe dem Düsterwald geschehen sein, weil die Wachsamkeit der Grünwaldelben, die enge Bewachung Eurer Grenzen bekannt ist, zudem wäre ein Rückzug durch den Anduin zu schwierig gewe­sen. Ich will aber Sicherheit erlangen und den Weg prüfen. Vor Abend werden wir am Treffpunkt zu Euch stoßen."

Thranduil nickte. Er fand diesen Vorschlag sinnvoll, aber er er­widerte dennoch:

„Sollten meine Soldaten eine Spur gefunden haben, werden wir dieser folgen, euch aber Nachricht und Zeichen hinterlassen, da­mit ihr aufschließen könnt."

„Nefhithwen, sendet Eure Reiter zu beiden Seiten Eures Weges aus. Sie sollen Ausschau nach Spuren oder Zeichen halten. Euer Weg zum Treffpunkt ist nicht der, den ich für Legolas annehme, aber besser ist es, wenn Ihr dennoch die Umgebung gut beo­bachtet. Ich werde nach dem Anduin den Weg wählen, den ich für Legolas vermute. In Höhe des Treffpunktes werde ich dann zum Lager einschwenken und Euch berichten", wandte sich Aragorn dann noch an die junge Königin.

Nefhithwen nickte ernst. Sie war gerne bereit sich den Anwei­sungen von Aragorn zu beugen. Seine Fähigkeiten als Fährtensu­cher und Waldläufer waren in ganz Mittelerde bekannt und sie befand sich hier auf einem Gebiet, das sie nicht kannte. Die bei­den Männer zu ihrer Seite hingegen waren erfahrene Führer und Kenner des Landes.

Aragon nickte noch einmal zum Gruß und spornte dann sein Pferd in Richtung Indoras an. Aranhathel und Toben schlossen sich schweigend und ohne weitere Aufforderung an. Ihre Pferde flogen nur so dahin und bald verschwanden sie aus den Augen von Nefhithwen und Thranduil und beide hofften, daß diese Männer eine Spur von Legolas fanden. Sie selbst machten sich auf den Weg zum Treffpunkt. Nachdem sie den Anduin passiert hatten, gab Nefhithwen, wie Aragorn ihr geraten hatte, den Be­fehl gefächert zu reiten und in der Umgebung nach Zeichen eines Kampfes Ausschau zu halten. Die ruhige Kaltblütigkeit, mit wel­cher der König von Gondor die Suche nach seinem besten Freund in Angriff nahm, gab ihr etwas Zuversicht und sie war froh, daß sie sowohl ihn als auch Legolas' Vater an ihrer Seite hatte, weil sie nicht wußte, wie sie reagieren würde, wenn sie den Prin­zen fanden und ihre Hoffnungen zerbrachen.

Sie ritten langsamer als zuvor, ließen den Pferden etwas Scho­nung angedeihen, legten aber keine Rast ein, um ihre nassen Kleidungstücke zu trocknen. Es dauerte dennoch nicht lange und sie trafen auf die durch den Fangorn ausgeschickten Elben. Celebril trat auf seinen König zu und schüttelte nur schweigend den Kopf. Die Niedergeschlagenheit war ihm anzusehen. Er fragte nicht, aber sein Blick zeigte, daß ihm aufgefallen war, daß zwei Reiter des Trupps fehlten.

Thranduil saß ab und Nefhithwen tat es ihm gleich. Alle Reiter versorgten zunächst ihre Tiere und begaben sich dann an das Feuer, das die Elben für die Reiter zum Trocknen ihrer nassen Kleidung entzündet hatten. Alle Neuankömmlinge nahmen um das Feuer Platz, während die Elben die Wache übernahmen. Thranduil winkte Celebril zu sich und berichtete von ihrem Zu­sammentreffen mit Aragorn, seiner Vermutung und seinem Vor­gehen. Celebril kannte Aragorn gut und nickte nur. Die Vorge­hensweise des ehemaligen Waldläufers machte durchaus Sinn und hatte die meisten Aussichten auf Erfolg. Auch stimmte er seiner Annahme zu, daß Legolas gefangengenommen worden sein mußte, und dafür kamen derzeit nur die herumstreunenden und plündernden Horden von Wilden Menschen und Orks in Frage. Da diese Horden aber irgendwo in den Bergketten ihre Verstecke hatten, würde es nicht leicht sein, derer habhaft zu werden. Celebril war froh, daß Aragorn zu dem Suchtrupp ge­stoßen war. Sein Spürsinn und die Fähigkeit, kleinste Fährten und Zeichen zu lesen, waren unübertroffen. Wenn jemand Legolas fand, dann war er es.

Und so warteten sie am Feuer auf die Rückkehr Aragorns. Sie würden erst am folgenden Tag weiterreiten können, da Aragorn seine Rückkehr frühestens für den Abend versprochen hatte. Keine Spur, die bereits erkaltete, war in der Nacht zu verfolgen. Die Zeit zerrann ihnen zwischen den Fingern und jeder Augen­blick, den sie untätig warten mußten, ließ die Qual der Ungewiß­heit stärker an ihren Nerven zerren.

Einsame Finsternis

Es war bitter kalt und absolut finster, als Legolas' Bewußtsein wieder in die Wirklichkeit zurückfand. Sein Mund war trocken und die Zunge fühlte sich geschwollen an. Er spürte seine Arme und Hände nicht mehr, aber die Schmerzen der Schulter waren dafür kaum zu ertragen. Er wagte es nicht, auch nur einen Mus­kel zu bewegen, wenn er es überhaupt gekonnt hätte, aber er war noch immer auf die Streckbank gebunden. Langsam kehrten die Erinnerungen an die Qualen der letzten Stunden zurück. Er hatte kein Zeitgefühl mehr und wußte nicht, wie lange er hier schon lag oder wie lange die Pein angedauert hatte. Irgendwann hatte er geschrieen, solange den Schmerz hinausgeschrieen, bis seine Stimme ihm versagte. Er sah das widerliche Gesicht von Morkas vor sich, den es erfreute, wenn die Kraft und der Widerstand des Elben brachen, und er sein Ziel erreichte. Eine Träne lief Legolas aus dem Augenwinkel. Er wußte nicht, wie lange er dies noch ertragen würde. Er dachte an Nefhithwen, seinen Vater, die Mutter und Aragorn, aber auch an seinen nörgelnden Freund Gimli. Irgendetwas, vielleicht war es seine tiefe Freundschaft zu den letzten beiden, sagte ihm, daß sie auf der Suche nach ihm waren und er durchhalten mußte, aber er war so müde, müde und schwach. Er wünschte sich nur den ewigen Schlaf und er­neut schlossen sich seine Augen. Tiefe Dunkelheit umfing ihn, schwarz und ohne jeglichen Grund, und er fiel und fiel ...

Aragorn schreckte aus seinem Schlaf nahe des Feuers auf und griff sich entsetzt ans Herz.

Legolas! Mellon nîn! Bleib! Ich bitte dich, bleib!'

Seine Gedanken riefen nach Legolas und all seine Liebe richtete er auf den Freund, suchte ihn, griff nach ihm, versuchte, seine Seele zu berühren.

Gib nicht auf, mein Bruder, gib mir eine Chance, dich zu finden! Halte durch!'

Aragorn war mit Aranhathel und Toben wie versprochen am Abend zum Lager gestoßen. Sein Gesicht war ernst, die Lippen schmale Striche und die Bewegungen steif. Seine Schultern hin­gen herunter und die Augen zeigten seinen ganzen Schmerz.

Er hatte eine Spur gefunden und war ihr mit seinen Begleitern gefolgt. Schließlich erreichten sie das Tal, in dem Legolas ver­zweifelt um sein Leben gekämpft hatte. Unzählige tote Orks la­gen dort. Sie waren einfach zurückgelassen worden. Die Spuren des Kampfplatzes erzählten Aragorn die ganze Geschichte des Geschehens, und dann hatte er den so kunstvoll geschnitzten Bo­gen der Galadriel gefunden, den Legolas beim Abschied aus Caras Galadhon von der Hohen Herrin erhalten hatte, als sie sich vor langer Zeit auf den Weg nach Mordor machten. Der wunder­schöne und exzellente Bogen, Legolas' ganzer Stolz, war gesplit­tert und auch die Klingen der Kurzschwerter, die Legolas so vortrefflich zu führen vermochte, waren kurz unter dem Heft ge­brochen. Die Spuren zeigten Aragorn, daß Legolas gefangenge­nommen wurde und lebte, aber selbst nicht mehr auf den Beinen stand, als die Überlebenden der Rotte nach diesem Kampf ihren Weg zu ihrem Versteck antraten. Es waren nur Orks gewesen und wie diese zu den Elben standen, war bekannt. Die Chancen Legolas noch lebend zu finden, wären um einiges besser gewe­sen, wenn Menschen ihn aufgegriffen hätten.

Sie berichteten von dem, was sie gefunden hatten. Sie waren der Spur ein gutes Stück gefolgt, bevor sie zum Treffpunkt umkehr­ten. Aragorn würde am nächsten Morgen ohne weiteres die Spur wiederfinden. Im Moment aber war eine Verfolgung ausge­schlossen, weil noch jederzeit die Richtung von der Rotte geän­dert worden sein konnte. Die Verfolger würden dann diesen Richtungswechsel in der anbrechenden Dunkelheit verpassen. Si­cher war aber, daß die Spur irgendwohin in die Berge führte. Als Aragorn seinen Bericht abgeschlossen hatte, sahen sich alle ent­setzt an. Sie alle dachten das Gleiche. Legolas in den Händen von Orks - wenn sie ihn lebend wiederfinden sollten, mußten sie da­mit rechnen, daß er gefoltert worden war. Keiner wagte sich vor­zustellen, wie weit dies gegangen sein mochte und jeder von ih­nen dachte an die Bilder, die sie in ihren Träumen gesehen hatten und eine eisige Faust schloß sich um ihre Herzen und ließ sie zittern.

Aragorns Gedanken gingen zurück zu jenen Tagen, in denen ihre Freundschaft so tief und nachhaltig geworden war. Nach vier Jahren Kampf gegen die Korsaren war Legolas in Saurons Hände gera­ten. Thranduil und er hatten ihn aus den Kerkern dort be­freit, aber Legolas war schwer verwundet und sein Wille fast ge­bro­chen. Die Erinnerung an jene Tage, an den verzweifelten Kampf um Legolas' Leben und seine mühsame Rückkehr zu sich selbst, ließen Aragorn erbeben. Ein Gedanke tiefer Verzweiflung keimte ihn ihm:

Selbst wenn wir Legolas noch lebend finden, wäre es vielleicht gnädiger ihm den Weg zu bereiten und ihn gehen zu lassen.'

Aragorns Augen suchten fragend Thranduils Blick und sahen seiner gequälten Miene an, daß Legolas' Vater den gleichen furchtbaren Erinnerungen nachgehangen hatte. Lange und schweigend blickten sie sich an, dann sprach er tonlos:

„Ich weiß, Aragorn, daß Ihr mehr Bruder als Freund meines Soh­nes seid und diese schwere Aufgabe übernehmen würdet, um ihm Frieden zu geben, aber er ist mein Sohn. Es ist meine Auf­gabe, und auch wenn ich mir selbst damit gleichwohl das Messer in die Brust ramme, werde ich ihn nicht aus falsch verstandener Vaterliebe leiden lassen, wenn es keine Hoffnung mehr gibt."

„Keine Hoffnung!" Nefhithwen schrie auf. „Was habt Ihr vor, mein Herr!"

Thranduil nahm die junge Frau in seine Arme und sprach leise:

„Ich werde Legolas zu den Grauen Anfurten schicken und seinen Geist erlösen, wenn ich erkennen muß, daß der Lebenswillen meines Sohnes bereits erloschen ist. Ich werde ihn nicht unnötig leiden lassen, wenn wir zu spät kommen, mein Kind. Aber glaube mir, solange Hoffnung besteht, würde ich mir lieber selbst das Herz aus der Brust reißen, bevor ich meinen Sohn aufgebe."

Nefhithwen zitterte am ganzen Leib, ihr liefen die Tränen in endlosen Strömen die Wangen nieder und Thranduil fragte sich, ob es gut war, wenn sie mitkam. Würde sie verkraften, was sie zu sehen bekommen würden? Aber er sah hinter den Tränen auch ih­ren starken Willen und erkannte, daß nichts in der Welt sie da­von abhalten würde nach dem Manne, den sie von ganzem Her­zen liebte, zu suchen. Vielleicht waren auch ihre Liebe und Stärke das Einzige, was Legolas um sein Leben kämpfen ließ, wenn sie ihn erst mal aufgespürt und befreit hatten.

Sie versuchten, zumindest etwas Schlaf zu finden, denn der mor­gige Tag würde eine harte Verfolgung werden, aber die Ruhe, die sie fanden, war nicht erholsam, und Aragorn, aufgeschreckt von den entsetzlichen Bildern in seinen Gedanken, stand auf und fachte das Feuer erneut an. Ein fahler Streifen am Horizont zeigte das Kommen des neuen Tages an. Es war nach der Spur, die Aragorn gefunden hatte, der fünfte Tag, seit Legolas sich in der Gewalt der Orkmeute befand.

Aragorn hatte die unendliche Müdigkeit und Erschöpfung von Legolas gespürt, dessen qualvolle Schmerzen. Still fragte er sich, wie lange sein Freund noch durchhalten konnte.

Aragorn sah Thranduil auf einer Anhöhe stehen und in die an­brechende Morgenröte blicken. Er ging zum König und stellte sich schweigend neben ihn.

„Ihr habt es auch gespürt, nicht wahr, Aragorn? Er zerbricht. Seine Kraft schwindet. Haben wir noch eine Chance ihn zu fin­den, ihn zu erreichen, bevor es zu spät ist?" stellte Thranduil mit bebender Stimme Aragorn die quälende Frage, ohne ihn anzu­blicken.

Aragorn ließ seinen Kopf sinken und blickte eine ganze Weile zu Boden, bevor er antwortete:

„Solange wir ihn spüren, egal wie entsetzlich das Erfühlte auch sein mag, solange hat er noch Kraft uns zu erreichen und ist am Leben. Wir können uns nur eilen und hoffen, daß er auch unsere Gedanken spürt. Mögen sie ihn erreichen und ihm Kraft geben durchzuhalten."

Thranduil nickte bedächtig, blickte dann Aragorn an und sprach:

„Habt Dank für Eure Worte, die mir Mut machen. Ich weiß, daß Ihr ebenso leidet wie ich."

Dann blickte er zum Lager zurück und auf die junge Königin, die ein wenig Schlaf gefunden hatte, nachdem Aragorn ihr einen Trunk mit Kräutern gereicht hatte, die den Geist beruhigten. Leise meinte er dann zum König von Gondor:

„Für sie wird es vielleicht am schwersten. Uns allen würde der Verlust von Legolas großes Leid bringen, aber sie ist noch so jung und hat doch schon so viele Menschen, die sie liebte an die Orks verloren. Achtet auf sie, Aragorn. Sie darf nicht unter dem An­schein, alle Hoffnung sei dahin, zerbrechen. Wenn Legolas über­lebt, wird er sie brauchen, um wieder in das Leben zurückzufin­den. Nicht nur sein Leib muß von der Folter genesen, auch sein Geist wird die Erinnerung daran erst überwinden müssen."

Aragorn nickte schweigend. Den gleichen Gedanken hatte auch er schon gehegt.

Dann sprach er:

„Und Ihr, Herr? Ich weiß, wie sehr Ihr Legolas liebt. Werdet Ihr es verkraften oder werdet Ihr zerbrechen?"

Thranduil berührten diese Frage und die mitschwingende Sorge zutiefst und er erwiderte:

„Unser Volk kehrt langsam heim, Aragorn. Ich weiß, daß man von mir allgemein annimmt, daß ich wohl der letzte Elbenkönig sein werde, der Mittelerde verläßt. Aber ich weiß nicht, ob ich den Schmerz ertrage. Wenn Legolas stirbt, wird Elena Mittelerde verlassen und ich denke, ich werde mit ihr gehen. Ich bin diesem Land verwurzelt, und ich liebe es, aber mein Heim und mein Herz liegen im leuchtenden Blau von Legolas' Augen, in der Anmut seiner Bewegungen, in seiner melodischen Stimme. Dü­sterwald und Mittelerde würden ohne ihn ihre Farben verlie­ren, die Luft würde eisig werden und das Wasser fahl schmecken."

Thranduil ließ seinen Kopf sinken und bekannte:

„Aragorn, ich habe immer gedacht Mittelerde und der Düster­wald seien mein Leben, aber hier und heute habe ich erkannt, daß dies alles nichts ist, ohne meinen Sohn. Der Schmerz, den ich in mir spüre, ist Ausdruck der Qual, die ich bei dem Gedanken empfinde, daß er vielleicht ohne das Wissen von uns geht, wie sehr ich ihn liebe."

Aragorn blieb einen Moment stumm. Diese Offenbarung der Ge­fühle Thranduils erschütterte ihn. Erst nachdem eine geraume Weile verstrichen war, sprach er vorsichtig:

„Herr, ich weiß, daß Legolas Euch ebenso liebt. Düsterwald seid Ihr in seinen Augen, und wenn er davon spricht nach Hause zu­rückzukehren, dann meint er damit nicht den Düsterwald, son­dern Euch."

Thranduil blickte Aragorn an, forschte in seinem Gesicht nach der Wahrheit dieser Worte und erwiderte dann:

„Ich sehe und kann spüren, daß dem so ist, wie Ihr sagt. Aber mit meinen letzten Worten habe ich ihn fort geschickt, ihn des Dü­sterwaldes und seines Zuhauses verwiesen. Mehr noch, ich habe ihn als Sohn verleugnet. Wenn er mit diesem Gedanken in den Tod geht, kann ich mir das niemals vergeben und auch in dem Land unserer Ahnen werde ich keine Ruhe finden. Ich danke Euch für Eure Worte, Aragorn, aber ich habe meinem Sohn ge­genüber große Schuld auf mich geladen und kann nur inständig hoffen, daß mir die Valar noch eine Chance geben, die Vergebung meines Sohnes zu erhalten."

Nach diesen Worten ging Thranduil mit hängenden Schultern hinunter zum Feuer.

Inzwischen waren alle bereits wach und dabei die Tiere zu sat­teln. Es wurde ein kurzes Frühstück eingenommen und mit dem ersten Licht, das stark genug war, Aragorn die Fährte erkennen zu lassen, ritten sie los, in der bangen Hoffnung, bald die Orks aufzustöbern, die Legolas in ihrer Gewalt hatten.

Aragorn verlor nicht einmal die Spur aus den Augen und sie konnten ihr in einem scharfen Galopp von einem Hügeltal zum nächsten ohne Probleme folgen. Sie ritten den ganzen Tag nur mit einer kurzen Rast, um die Tiere an einem kleinen Teich trin­ken zu lassen. Es wurde kaum gesprochen, jeder hing seinen Ge­danken nach. Das Nebelgebirge kam rasch näher und in Aragorn keimte Hoffnung, weil der Trupp der Orks nicht die Richtung änderte. Das bedeutete, daß sie in diesem Teil des Nebelgebirges blieben. Das Gestein dort war besonders porös und viele Pfade waren aufgrund der Feuchtigkeit mit Schlamm und Flechten be­deckt, auf denen sich Spuren für einen Waldläufer nur zu deut­lich abzeichneten. Aragorn hatte schon Sorge, daß er eventuell auf dem Gestein der Bergkette die Spur verlieren könnte. Es wurde bereits dunkel, als sie endlich am Fuß des Nebelgebirges ankamen und die sanften Hügel des grasbedeckten Vorlandes in mehr und mehr steiniges Felsgewirr überging. Aragorn suchte einen Rastplatz, an dem sie noch einmal ein Feuer entzünden konnten, ohne eventuelle Wachen oder Späher zu warnen. Denn wenn sie erst einmal in die Berge eingedrungen waren, konnten sie sich diesen Luxus nicht mehr leisten. Sie durften dann nicht mehr riskieren entdeckt zu werden, zu früh und unnötig in Kämpfe verwickelt zu werden oder gar den Trupp, der Legolas gefangen hielt, frühzeitig zu warnen.

Wachen wurden eingeteilt und der Rest versuchte Ruhe zu fin­den, aber nicht alle fanden Schlaf. Aragorn rauchte eine Pfeife und Gimli setzte sich zu ihm. Nach langem Schweigen brach Gimli die Stille:

„Aragorn, glaubst du, Legolas hat die Kraft dies durchzustehen?"

Aragorn blickte Gimli verwundert an, gab keine Antwort, son­dern fragte statt dessen zurück:

„Warum fragst du dies, Gimli? Du kennst doch Legolas ebenso wie ich. Haben wir nicht unzählige Kämpfe zusammen durchge­standen?"

Gimli rutschte auf seinem Platz unruhig hin und her und zögerte, aber dann sprach er doch:

„Dies ist etwas anderes. Im Kampf habe ich einen Gegner, dem ich mich stellen kann. Der bessere wird siegen, aber es liegt in meiner Macht das Schicksal zu wenden. Wenn Legolas gefoltert wird, ist er ausgeliefert, machtlos, dem Schmerz gnadenlos un­terworfen. Wie stark ist Legolas wirklich, Aragorn? Du kennst ihn länger als ich. Bitte antwortet mir."

Aragorn schwieg einen Moment, dann antwortete er:

„Was soll ich dir antworten, Gimli? Soll ich dir Hoffnung ma­chen, wo sie mir selbst fehlt? Legolas war schon einmal in einer solchen Situation und hat es überlebt. Mehr noch, er ist stärker als zuvor daraus hervorgegangen, aber was bedeutet das für die­ses Mal? Wird ihm dieses Wissen Kraft geben oder ihn eher zer­mürben, weil er um die Schmerzen weiß, die eine Folter bedeuten können? Und dann ist da Nefhithwen. Seine Liebe zu ihr könnte ihn retten. Aber der Gedanke daran, sie vielleicht nie wieder zu sehen, könnte ihn auch noch schneller zerbrechen lassen. Ich kann dir auf deine Frage keine Antwort geben, Gimli. Mich quält der Gedanke, Legolas zu verlieren, ebenso wie dich."

Aragorn schwieg einen Moment, dann sprach er weiter:

„Legolas war immer an meiner Seite, wenn ich in Gefahr war. Er ging immer mit mir, auch wenn sonst niemand mehr den Weg mit mir teilen wollte. Er hat mir unzählige Male das Leben ge­rettet und soviel über die Natur und das Wesen der Tiere beige­bracht. Er war mir Lehrer und Freund, und doch ist er mir immer mehr der kleine Bruder gewesen, als der weise Elb, der er auf­grund seiner Jahre eigentlich ist."

Die Stimme von Aragorn versagte und er brauchte einige Zeit, bevor er weitersprechen konnte:

„Mittelerde ohne Legolas ist für mich nicht vorstellbar und neben Arwen ist er das Wesen in meinem Leben, für das ich mein Leben ohne zu zögern geben würde, Gimli. Ich weiß nicht, was werden soll ohne ihn, ohne seine Ruhe und Stärke. Ich spüre, wie seine Präsenz immer schwächer wird und fühle dabei eine tiefe Leere und Kälte in mir."

Gimli blickte Aragorn an. Er hatte den Freund noch nie so emo­tional gesehen, außer zur Hochzeit mit Arwen. Er sah die Träne, die Aragorn über die Wange lief und den Schmerz in seiner gan­zen Haltung. Er sah das Zittern Aragorns Hände. Gimli, dem der Gedanke an den möglichen Verlust des Freundes selbst großen Schrecken einjagte, wußte mit einem Mal, wie er die Freund­schaft Legolas' in Ehren halten konnte. Hier neben ihm saß ein Mann, den er für seine Stärke, Ruhe und Loyalität zutiefst schätzte und bewunderte. Gimli wurde in diesem Moment be­wußt, daß ihre Freundschaft so tief war, daß Aragorn ihn einen Blick auf seine Schwäche werfen ließ, und für ihn war klar, daß es der Wunsch von Legolas sein würde, dessen Platz an der Seite dieses Mannes einzunehmen. Sie waren Freunde und sollten ein­ander beistehen, egal was geschah und so erwiderte er und legte dabei seine Hand auf den Arm Aragorns:

„Ich hätte nie gedacht dies einmal zu sagen, aber Legolas ist mein bester Freund, und selbst unter meinem Volk habe ich keinen, der meinem Herzen näher steht als er oder du, mein Freund."

Mit diesen Worten stand Gimli auf, ging zu seinem Lager und versuchte nun auch noch ein wenig Schlaf zu bekommen, wäh­rend Thranduil zu Aragorn ans Feuer trat. Leise und mit einer Stimme, die seinen ganzen Gefühlen Ausdruck verlieh, sprach er nun zu dem Mann, auf dem seine Hoffnung ruhte, Legolas wie­derzufinden:

„Die Freundschaft, die Ihr und Gimli für meinen Sohn hegt, be­wegt mich zutiefst und gibt mir Kraft. Ich kenne Euch schon lange und sehe auch Gimli Glóinssohn immer gerne als Gast im Düsterwald, aber ich habe mich immer gefragt, was meinen Sohn so an Euch bindet. In den letzten zwei Tagen durfte ich Euch beobachten. Ihr zeigtet offen Eure Gefühle und mir wurde die Tiefe Eurer Freundschaft bewußt. Nie im Leben hatte ich ge­glaubt, daß diese Intensität möglich wäre, aber ich spüre die Ver­bindung, die Ihr zu meinem Sohn habt und verstehe nun auch, warum er, auch wenn der letzte Elb gegangen wäre, hier in Mit­telerde ausharren würde, bis Eure Zeit gekommen ist."

Aragorn blickte von seinem Sitzplatz aus, über das Feuer hinweg, den König der Grünwaldelben erstaunt an. Die Äußerung über Legolas' Empfinden berührte ihn sehr. Zunächst erwartete er, daß Thranduil weitersprach, aber dann erwiderte er leise:

„Mein Herr, ich liebe Legolas, wie ich sonst nur Arwen, meine Gemahlin, von Herzen liebe. Er ist mir so nahe, daß ich im Mo­ment nicht weiß, wie ich seinen Verlust verkraften soll und ich kann den Valar nur dankbar sein, daß sie mir die Liebe Arwens geschenkt haben. Diese Liebe wird mir helfen, aber sie könnte niemals die Lücke schließen, die Legolas in meinem Herzen hin­terlassen würde. Hätte ich einen Bruder gehabt, er hätte mir nicht näher sein können. Aber noch will ich mich der Trauer nicht hin­geben, noch lebt er, das spüre ich. Und solange ich ihn erreichen kann, werde ich ihn suchen und nicht eher ruhen, bis er aus den Händen seiner Häscher befreit ist, und wenn ich dafür mein Le­ben geben müßte."

Thranduil blickte Aragorn über die züngelnden Flammen hinweg an und nickte nur stumm. Dann drehte er sich um und ent­schwand in das Dunkel. Er wollte etwas alleine sein. Die Aussage von Aragorn entfachte die Flamme der Hoffnung in ihm neu und der stille Neid, den Thranduil manchmal empfunden hatte, wenn er Legolas mit Aragorn zusammen beobachtet hatte, war ver­schwunden. Obwohl Thranduil der Elbenkönig war, der noch am meisten den Menschen zugewandt war und regen Kontakt mit ihnen hielt, hatte er immer einen Stich darüber verspürt, daß Legolas sich einem Menschen so eng befreundet hatte und diesen immer wieder in die Weite von Mittelerde begleitete. Ihm wäre es lieber gewesen, Legolas wäre mehr im Düsterwald geblieben. In den letzten Tagen aber hatte Thranduil erkannt, daß zwischen den beiden sich von Anfang an ein Band wob, das weit über Freundschaft hinausging. Aragorn wie Legolas sahen in dem an­deren einen Bruder, nicht des Blutes, aber der Gesinnung, des Wesens und der Liebe zu Mittelerde und seinen Völkern. Dieses Band zwischen ihnen war so stark, daß der Verlust des anderen, dem Verlust eines Teiles der eigenen Seele gleich kam. In der Dunkelheit vergoß Thranduil leise Tränen über diese tiefe Ver­bundenheit seines Sohnes mit Aragorn, sowie über das Leid, das sie seinem Sohn bringen würde. Selbst wenn sie Legolas retten konn­ten würde Aragorn eines Tages seine letzte Reise antreten und sie würden sich nie wiederfinden. Legolas würde auf ewig einen Teil seiner Seele verlieren. Die Tränen, die Thranduil verlor sah nie­mand.

Aragorn ließ seinen Kopf müde gegen den Felsen sinken und bemerkte nicht die wissenden Blicke von Celebril und Aranhathel. Beide Elben waren schon so lange Zeit an der Seite von Thranduil, daß sie, auch ohne die Worte zu verstehen, die der König zu Aragorn gesprochen hatte, aus der Mimik und der Reaktion des Herrschers erkennen konnten, daß dieser sich Aragorn gegenüber offenbart hatte. Sie hatten Legolas auf ihren Armen getragen, ihn viel seiner heutigen Fertigkeiten gelehrt und ihm immer den Vater ersetzt, wenn dieser in den Kampf ziehen mußte. Einer war immer bei dem Jungen geblieben. Es war ihre Pflicht ihn zu beschützen, wenn sein Vater dies nicht selbst tun konnte, aber Legolas hatte es ihnen immer zur Freude gemacht. Sie sahen, wie er aufwuchs, wie der Stolz seines Vaters gleichsam folgte. Sie konnten beobachten, wie sich die freundschaftlichen Bande zu Aragorn entwickelten, denn einer von ihnen war es oft, der Legolas, noch in jungen Jahren durch Mittelerde als Leib­wächter begleitete. Sie hatten Ereignisse und Geschehnisse mit­bekommen, die Thranduil verborgen geblieben waren, aber sie liebten Legolas zu sehr, als daß sie alles seinem Vater berichtet hätten. Sie wahrten seine Geheimnisse, wie sie sein Leben schützten, bis er nicht mehr ihrer Fürsorge bedurfte, weil er selbst zu einem gewandten und weisen Kämpfer gereift war. Sie waren dankbar für die Freundschaft Aragorns, denn sie hatte auch des­sen Entwicklung verfolgt. Nun, wo sich der König direkt an Ara­gorn gewandt hatte, war ihre Zeit des Schweigens vorüber. Sie mußten kein Geheimnis Legolas' mehr wahren, denn der König hatte endlich die Freundschaft zwischen seinem Sohn und dem Menschen als die tiefe Zuneigung zweier Wesen mit Seelenver­wandtschaft erkannt und akzeptiert. Eine solche Verbindung kam nicht oft vor und war etwas ganz Besonderes.

Die beiden Elben waren sich sicher, daß sich die Gefühle zwi­schen Aragorn und Legolas, die Thranduil bislang als Geheimnis seines Sohnes empfand, sich ihm nun von selbst erschließen würden. Mit diesem beruhigenden Gefühl wandten sie sich ab, suchten sich einen Platz zum Schlafen und nur die Wachen ließen ihre Aufmerksamkeit nicht sinken und behielten auch den König im Dunkeln im Blick.

Es war still im Lager geworden, das Feuer brannte nieder und der Morgen kam mit dichten Nebelschleiern, die so bleiern auf den Bergen lagen, daß die Fährtensuche und die Verfolgung nur mühsam voran gingen. Der Nebel, die gespenstischen Schatten und der hohle Klang ihrer Schritte auf dem Pfad erschienen ih­nen wie höhnisches Kichern der Geister verlorener Seelen und zerrten an ihren Nerven. Sie hatten die Pferde im Lager mit zwei Wachen zurück gelassen und waren zu Fuß in den Bergen un­terwegs. Aragorn hatte die Spur nie ganz verloren, aber bei den vielen Wegen in unterschiedliche Täler, kam die Suche nach neuen Zeichen immer wieder ins Stocken und die Zeit verrann im Flug, während ihre Hoffnung mehr und mehr schwand und Verzagtheit an ihren Herzen nagte.

Legolas verspürte einen qualvollen Schmerz durch seinen Körper zucken. Sein Geist war noch so weit von der Wirklichkeit ent­fernt, daß er sich noch immer weigerte zu begreifen, daß dies kein Traum war. Legolas' Gedanken hielten sich eisern daran fest. Er hatte gesehen, wie Nefhithwen in ihrem Traum gelitten hatte und erst der heraufziehende Morgen hatte sie aus den Fän­gen ihres Alptraumes befreit. Der junge Prinz klammerte sich an die Hoffnung, daß dies ein Traum war und irgendwann auch für ihn der Morgen kam, aber ein erneuter, unerträglicher Schmerz, der durch seine Schultern zog, ließ ihn aufschreien, und seine ei­gene Stimme holte ihn in die düstere Wirklichkeit der Folter­kammer zurück und ließ seine Hoffnungen zerplatzen.

Die beiden Helfer Morkas' hatten Legolas' Handgelenke von der Streckbank befreit und seine Arme statt dessen ausgestreckt an einen Balken gebunden, den sie unter seine Schultern geschoben hatten. Die neue Lage seiner aus ihren Gelenken gerissenen Arme verursachte Legolas so starke Schmerzen, daß er nur noch rö­cheln konnte. Er hatte in seinen Armen und Händen kein Gefühl mehr, aber die Schultergelenke fühlten sich so an, als wären sie völlig zerschmettert.

Legolas, der in diesem Moment mehr mit der tiefen Enttäu­schung und der Verzweiflung in sich kämpfte, daß dies alles kein Traum war, schloß ergeben die Augen und versuchte nochmals in sich Kraft zu finden, um die den Elben eigenen Selbstheilungs­kräfte anzustoßen. Er war erschöpft und sein Körper ein Hort der Qual, aber noch hatte er nicht aufgegeben, flehte die Valar um Hilfe an und schickte mit seiner erlahmenden Kraft seine Gedan­ken zu Aragorn.

Legolas hatte nicht wahrgenommen, daß der Brustgurt der Streckbank abgeschnallt und die Fesselung seiner Beine an der Streckbank gelöst wurde. Aber dann hörte er die Stimme Morkas', der befahl den Balken unter seiner Schulter anzuheben und mit einem Ruck wurde sein Rücken von den scharfen Klin­gen und Haken der Streckbank, welche die Muskeln in seinem Rücken bei der Dehnung bereits zerfetzt hatten, gelöst und die Wunden neuerlich aufgerissen. Legolas stöhnte gequält auf. Die beiden Helfer trugen ihn, hängend an dem Balken unter die Kette, an der er bereits zur Auspeitschung aufgehängt worden war. Die Qua­len in seiner Schulter wurden nicht stärker, denn Morkas hatte ihn mit zusätzlich um die Brust geschlungenen Riemen an dem Balken aufhängen lassen, so daß nicht sein gan­zes Gewicht an den Schultern hing. Dies war jedoch keineswegs ein Akt der Gnade. Der Ork wollte nur verhindern, daß der junge Elbenkrie­ger zu schnell an den Schmerzen zerbrach. Morkas war ein erfah­rener Foltermeister, der, wenn er guter Laune war, sich lange mit einem Opfer beschäftigen konnte, und dieser Elb faszi­nierte ihn. Einmal hatte er ihn schon zum Schreien gebracht, aber das, was er ihm entlocken konnte, stand in keinem Verhältnis zu dem, was er für einen Aufwand dafür hatte betreiben müssen. Der Elb war viel stärker als seine äußere Erscheinung es vermu­ten ließ. Aber gerade diese Diskrepanz und der Widerstand, den der Elb ihm leistete, erregten den Ork und sorgten für seine gute Laune. Er würde behutsam vorgehen und seinem Opfer Gele­genheit geben, sich an den Schmerz zu gewöhnen. Auch wußte er, daß Elben sich selbst heilen konnten, wenn die Verwundung nicht zu groß, und die Kraftreserven nicht zu stark ausgebeutet waren. Nur diese Überlegungen waren der Grund, warum Legolas nicht an seinen Schultern allein am Balken hin. Morkas trat näher und hängte die Kette jeweils an den Balkenenden in eine Öse ein, ließ dann Legolas so hoch ziehen, daß seine Knie etwa zwei handbreit über dem Boden hingen. Morkas nahm eine Schale, goß eine bräunliche Flüssigkeit hinein und nötigte Legolas diese Flüssig­keit zu schlucken. Legolas spürte, wie Wärme durch seinen Kör­per floß und ihm dieses scheußliche Ge­bräu Kraft zurückbrachte. Als er dies nach den ersten widerwilli­gen Schlucken merkte, trank er das Gefäß ohne weitere Verwei­gerung ganz aus. Morkas grinste hinterhältig und sprach:

„Elblein, du merkst, wie dir das Gesöff wieder etwas Wärme in deine Gliedmaßen zurückbringt, nicht? Und wie du an Kraft ge­winnst. Was glaubst du, wird dir das bringen? Ich werde mich noch eine Weile länger mit dir vergnügen können, aber du? Bist du so naiv, daß du vielleicht hoffst, daß irgendjemand zu deiner Rettung herbei eilt und dich hier unten findet? Wenn dich diese dumme Hoffnung länger durchhalten läßt, nur zu, aber du wirst bald merken, daß es für dich Schwerstarbeit bedeutet meinen Wünschen zu widerstehen, und daß niemand kommen wird."

Morkas gab seinen Gehilfen ein Zeichen weiter zu machen und sie nahmen Legolas' Knöchel, legten Fesseln um sie und zogen sie soweit zum Balken hoch, daß der Elb die Fersen an seinem Gesäß spürte. Sie schlangen das Seil um den Balken und Legolas' Gewicht lag nun doch überwiegend auf seinen Schultern, auch wenn der Brustriemen vermied, daß seine Schlüsselbeine bra­chen. Die Pein war so groß, daß Legolas Tränen die Wange hin­unter liefen, aber er preßte seine Lippen fest aufeinander um kei­nen Schmerzenslaut von sich zu geben. Dann fühlte er, wie um seine großen Zehen je eine Schlinge gelegt wurde. Mit Hilfe die­ser Schnur wurden nun seine Fußsohlen nach unten gezogen, bis er sie nicht mehr bewegen konnte. Die Schnüre wurden an dem Ring festgebunden, an dem schon zu Beginn der Folter seine Knöchel angebunden waren.

Nun trat Morkas, der still die Qual des Elben genossen hatte, an ihn heran. Er fuhr sanft durch dessen Haare, dann zog er an ih­nen Legolas' Kopf heftig in den Nacken und begann mit seiner Zunge über dessen Lippen zu fahren. Legolas stöhnte angewidert auf und versuchte seinen Kopf wegzudrehen, aber der Ork hielt ihn unerbittlich fest. Mit seiner Zunge drang er gnadenlos tief in den Mund des Elben ein. Legolas würgte und biß zu. Mit einem Aufschrei ließ Morkas Legolas' Haare los und schlug ihm mit der flachen Prankenrückseite hart ins Gesicht. Legolas schmeckte Blut auf seinen Lippen, aber er freute sich darüber, denn es war sein Blut, nicht der widerliche Speichel des Orks. Morkas, dem diese Freude nicht entgangen war, trat erneut an den Elben heran und sprach überaus leise aber bedrohlich:

„Das wirst du mir büßen, Elb. Und einen Vorgeschmack will ich dir gleich geben," und damit griff er nach einer brennenden Pechfackel und fuhr Legolas über den Bauch, bis kurz vor seine Männlichkeit. Legolas schrie gequält auf und Morkas lachte dreckig und sprach:

„Das nächste Mal, wenn ich von dir kosten will, wirst du es nicht nochmals wagen, dich mir zu verweigern. Glaube mir kleiner Elb, ich bekomme was ich will."

Er winkte den beiden anderen Orks und sie nahmen glühende Haken aus dem Feuer. Sie traten jeweils an eine Seite des Elben und warteten auf den Befehl ihres Anführers. Der trat noch näher vor Legolas und fuhr ihm mit seiner Pranke über die Brust und dann über den verbrannten Bereich seines Bauches. Legolas stöhnte. Morkas gab seinen Männern mit einem Kopfnicken das Zeichen anzufangen und beide begannen ganz langsam die glü­henden Haken in das Fleisch eine Handbreit oberhalb des Knies zu treiben. Morkas zog Legolas mit beiden Pranken an der Taille tief nach unten, so daß er sich nicht wehren konnte. Er blickte ihm in das Gesicht und sah so jede Regung. Ihm gefiel, was er sah. Legolas warf seinen Kopf nach hinten und versuchte den Schmerz, den die glühenden Eisen durch seine Beine, über das Becken in den ganzen Körper schickten, auszublenden, aber er blieb und wurde immer stärker und schließlich brach sich ein Schrei von seinen Lippen Bahn und sein Kopf sank auf die Brust. Bewußtlosigkeit nahm ihm für einen kurzen Augenblick den Schmerz, bis ihn ein Schwall kalten Wassers wieder zurückholte. Morkas fuhr ihm noch einmal mit seinen Fingern über die rechte Wange und meinte mit einem ekelhaften und lüsternen Grinsen im Gesicht: "Mein hübscher, starker, braver Elbling ist wieder erwacht, dann können wir ja unser anregendes Spiel fortsetzen und dich weiter lehren mir zu geben, was ich von dir fordere!"

Die beiden Helfer von Morkas zogen nun an den Haken Legolas' Knie auseinander und banden sie mit gespannten Seilen an den Balken in ihrer Position fest. Die glühenden Eisen hatten die Wunden wieder versiegelt und wie bei den Eisen an der Hüfte war die Verletzung überaus qualvoll, aber keineswegs lebensbe­drohlich für den Elben. Nur seine Erschöpfung, der dauernde Schmerz, der Wasser- und Nahrungsmangel, sowie die Dunkel­heit hier unten, würden ihn langsam auslaugen, und irgendwann würde ihn der Tod erlösen. Es würde länger als bei einem Men­schen dauern, und darüber freute sich Morkas besonders.

Nun sprach er mit einer Stimme, die Legolas einen Schauer über den Rücken laufen ließ:

„Es müssen nicht immer die groben Dinge sein, die einen vor Schmerz zum Wahnsinn treiben, mein Freund," und er fuhr mit seiner Hand sanft über die Männlichkeit des Elben. Legolas stöhnte auf. Mehr noch als die Schmerzen, nagte die Scham an ihm, wenn der Ork seine intimsten Stellen berührte und dies auf eine Weise tat, daß er, trotz aller Qual und Abscheus, erregt wurde. Morkas sah die Reaktion von Legolas und lachte gehässig auf.

„Es gibt einen Weg mein Freund, dir diese Empfindungen aus dem Leib zu reißen und ich werde dabei voll Genugtuung bei ei­nem Becher Wein zusehen," erwiderte er Legolas' Stöhnen.

Sein Gelächter klang hart und gemein. Er gab seinen Helfershel­fern einen Wink und sie begannen Legolas' Fußsohlen mit einer Paste dünn zu bestreichen und dann dasselbe Zeug auch an seine Schenkelinnenseiten bis in seine Behaarung zwischen den Beinen zu schmieren. Legolas ahnte nicht, was dies sollte. Die Berührun­gen waren unangenehm und die Paste fühlte sich kalt an. Wäh­renddessen begann Morkas mit einer Feder Legolas' rechtes Ohr zu umkreisen, zog dann mit der Feder weiter zu seiner Stirn bis zum anderen Ohr, an der Wange entlang und dann langsam über die Kehle des Elben. Legolas verspürte ein unangenehmes Kitzeln und konnte sich nicht vorstellen, daß dies alles bleiben sollte, denn er hatte die Grausamkeiten des Orks schon zu Genüge zu spüren bekommen. Morkas' Grinsen wurde immer breiter, als Legolas bei der zwei­ten Runde, die er die Feder so kreisen ließ, anfing den Kopf hin und her zu wenden, in dem Versuch sich der Feder zu entziehen. Als seine Helfer fertig waren, meinte er: "Mein Junge, heute wirst du erfahren, das ich dich auch mit Liebkosungen zum Winseln und Flehen bringen kann!"

Dann nahm Morkas etwas von der Paste an Legolas Beinen und fuhr damit grob in Legolas Mund.

„Hier, damit du weißt, was da an deiner Haut klebt. Und wenn ich mich nochmals in deinen Rachen versenke, wirst du daran denken, was dir deine Verweigerung brachte."

Morkas lies anschließend die Feder langsam über die Seite und die Brust des Elbenprinzen gleiten. Setzte den Weg dann fort in seinen Bauchnabel, über die verbrannte Bauchdecke bis über seine Männlichkeit, wo er sich lange und genüßlich mit der Feder aufhielt. Legolas begann immer schneller zu atmen und ver­suchte sich zu winden, während ihn der Ork verhöhnte: "Siehst du, wie gut dir das tut? Ist doch angenehmer als die Schmerzen, oder!" Er fuhr mit der Feder um die Einstichstelle der Eisen an Legolas' Hüften und der Juckreiz, der dort entstand, quälte den Elben in ganz anderer Weise. Morkas war immer drauf bedacht, die Feder nicht mit dem Blut des Elben zu verunreinigen, das jetzt leicht an den Rändern der, in das Fleisch getriebenen Eisenstangen, her­vorsickerte, weil das Winden des Elben sein Fleisch von den Ei­senstäben löste. Als der Ork nun den Elben an seinen Zehenspitzen mit der Feder bearbeitete, empfand Legolas diese Berührungen als immer un­erträglicher. Es schien ihm fast, daß der Schmerz eher zu ertragen war als dies und ihm entfuhr ein leises Stöhnen, das er nicht mehr unterdrücken konnte.

Morkas sah ihm daraufhin mit gespielt betrübter Miene ins Ge­sicht und meinte:

"Mein kleiner Elb, ich dachte du hättest mehr Spaß an der Sache und könntest dich so richtig amüsieren. Glaube mir, mein Star­ker, du wirst flehen und betteln, wenn dich die etwas härtere Form meiner Zärtlichkeit in den Wahnsinn treibt, wie viele Men­schen, Elben und Zwergfrauen schon vor dir, magst du bislang auch mehr Stärke aufgebracht haben als sie."

Mit diesen Worten trat er von Legolas zurück und setzte sich in einen der Schatten. Seine beiden Männer öffneten die Kerkertüre und verschwanden für einen kurzen Moment aus Legolas' Blick­feld. Legolas schmeckte das Salz in seinem Mund und spürte den Durst, den es hervorrief.

Dann kamen die beiden Orks zurück und führten mehrere Zie­gen herein. Sie banden zwei von ihnen so an, daß sie an seine Fußsohlen kamen und dieses Angebot ließen sie sich nicht entge­hen.

Ihre kleinen, rauhen Zungen fingen an, das Salz abzulecken, wo sie es fanden. Das Kitzeln an den Füßen verwandelte sich bald in gnadenlose Pein, weil seine Fußsohlen durch die Riemen um seine großen Zehen so gespannt waren, daß er nicht einmal, mit den Zehen zucken konnte. Legolas hatte so keine Möglichkeit, die Reizung, die sich immer mehr aufstaute, durch eine Gegenreak­tion wieder abzubauen. Die Orks weideten sich an seiner Folter. Legolas befürchtete, wirklich den Verstand zu verlieren, als die Ziegen das Salz sogar zwischen seinen Zehen wegleckten. Er glaubte, sie würden nun aufhören, nachdem die, für sie so be­gehrte Köstlichkeit zuende war, aber er hatte sich getäuscht und sie ließen ihre Zungen stetig weiter über seine Sohlen gleiten, auf der Suche nach mehr. Legolas stöhnte und zuckte. Morkas kam zu Legolas und flü­sterte in das Ohr des Elben: "Siehst du, ich habe dir gesagt, wir werden Spaß haben. Und jetzt möchte ich dich winseln hören. Ich will, daß du mich bittest, dir lieber glühende Eisen durch dein Fleisch zu treiben, oder dich gar zu töten. Ich werde dich für jeden meiner Krieger, den du getötet hast, leiden lassen, und mir Genugtuung bei dir holen, für die Schmach zweimal einen Kampf gegen dich verloren zu haben. Morkas band nun selbst die anderen Ziegen an den Ring unter Legolas und die Tiere konnten sich der Leckerei Salz ganz und gar widmen und gelangten ungehindert an alle Stellen, die mit Salz bestrichen waren Nach kürzester Zeit warf Legolas seinen Kopf in den Nacken, sein Körper bebte, die Muskeln in seinen Schenkeln zuckten und seine Lenden waren gespannt, als wollten sie gleich bersten. Aber Legolas wollte nicht flehen. Sehr lange hielt er dieser Folter stand, aber irgendwann ertrug er es nicht mehr. Und so entrang sich ihm schließlich: "Gnade!" Morkas lachte, trat an Legolas heran, griff ihm ins Haar und zog seinen Kopf hart nach hinten. Endlich konnte er sein Vorhaben wahr machen und den Prinzen dadurch erniedrigen, daß er mit seiner Zunge in den Mund des Elben einbrach. Er fuhr tief in den Rachen des jungen Kriegers. Legolas würgte, und der Ork wütete in seinem Hals, bis hinunter zu seiner Kehle, daß er röchelnd hu­stete. Morkas ließ erst von Legolas ab, als er selbst keine Luft mehr bekam. Dann ließ er den Kopf des Prinzen los und sprach leise und gefährlich gemein: „Wenn ich zurückkomme, wirst du mich um mehr anflehen." Dann verließ er den Raum mit seinen Helfern ungeachtet der Ziegen, die ihre Folter fortsetzten, bis die Haut aufgerissen und blutig war. Aber Legolas nahm davon nichts mehr wahr. Sein Kopf war mit einem Schluchzen auf die Brust gesunken und sein Geist begann sich in die Dunkelheit einer gnädigen Bewußtlosig­keit zurückzuziehen. Mit einem letzten Gedanken ‚Aragorn, mellon nîn, vergib mir.' schloß Legolas die Augen und gab auf.

- 25 -