Kapitel 11

Am frühen Nachmittag kam es zu einem Aufruhr in Bruchtal, als Radagst mit seinem Hasenschlitten in den Hof geschossen kam. Nachdem er die Warge abgelenkt und wieder auf dem Weg nach Rosgobel gewesen war, fiel ihm ein, weshalb er sich überhaupt auf die Suche nach Gandalf gemacht hatte und er kehrte sofort um, bevor er es wieder vergaß. Viel mehr erfuhren Thorins Gemeinschaft allerdings nicht, da alle Gespräche der Zauberer über Dol Guldur hinter verschlossenen Türen abgehalten wurden, aber es musste etwas wichtiges sein, denn Hermine erfuhr, dass der Weiße Rat einberufen wurde, und es war stark anzunehmen, dass es mit Radagasts Botschaft zu tun hatte. Beim Mittagessen hatten Elladan und Elrohir ihr dabei geholfen eine Liste mit Sätzen und Formulierungen in Sindarin zusammenzustellen, die ihr nützlich vorkamen. Darunter befanden sich neben Begrüßungen, Anreden und der Aussage, dass sie nur wenig Sindarin sprach insbesondere auch eine Entschuldigung für ihre starrköpfigen Begleiter. Sie war sich sicher, dass sie eine solche nötig haben würde, wenn sie daran dachte, wie die Begegnung zwischen Elben und Zwergen im Buch verlaufen war. Auf ihre Bitte hin hatten die Zwillinge die Liste nicht nur in der Allgemeinschrift, sondern auch in elbischen Runen und in der Allgemeinschrift entsprechend ihrer Aussprache aufgeschrieben. Von Lautschrift hatten sie noch nie gehört, fanden das Prinzip aber durchaus interessant, um jemanden das Erlernen einer neuen Sprache zu vereinfachen. Während sie nun mit Bilbo zusammen in der Bibliothek saß und versuchte sich und auch ihm den Inhalt dieser Liste beizubringen, trat ein ihr unbekannter Elb zu ihnen an den Tisch. Wenn ihn die Zusammenstellung ihrer Kleidung wunderte, so war er geschickt darin, es sich nicht anmerken zu lassen,

"Lord Elrond lässt euch ausrichten, dass sich der Weiße Rat zusammen finden wird und bei der Gelegenheit auch über Möglichkeiten eurer Heimkehr beraten wird." Noch während Hermine dem Elben dankte und er sich entfernte, machten sich Sorgen in ihr breit. Was, wenn sie einen Weg fänden? Würden sie ihr gestatten, länger zu bleiben, um den Zwergen beiseite zu stehen, oder würden sie sie drängen, Mittelerde zu verlassen? Sie mussten wirklich dafür sorgen, dass sie und die Zwerge bereit waren, beim Anzeichen von Schwierigkeiten Bruchtal zu verlassen, am besten ohne, dass die Elben sofort auf ihr Vorhaben aufmerksam wurden. Sie müssten Vorräte einpacken und die Zwillinge fragen, ob sie ihr Reisekleidung und eine Tasche oder einen Rucksack besorgen könnten, die Größe konnte sie dann selbst korrigieren, den Zauber hatte sie für Harry schon im dritten Schuljahr gelernt. Sie entschuldigte sich und bat Bilbo, auf sie zu warten oder die Pergamentbögen mit zu nehmen, falls sie zu lange weg war und er die Bibliothek verlassen wollte, damit sie nicht verloren gingen.
Da die Zwillinge aber anscheinend nicht in ihren Gemächern waren, blieb Hermine nichts anderes übrig als sie suchen zu gehen. Sie hatte Glück, da die beiden ihr nach kurzer Zeit entgegen kamen, aber so tief ins Gespräch vertieft, dass sie sie beinahe übersehen hätten. Da sie Sindarin sprachen, konnte Hermine sie leider nicht verstehen, ihren Gesichtsausdrücken nach zu urteilen war es aber ein ernstes Thema. Aus diesem Grund machte sie nur zögerlich auf sich aufmerksam, sie wollte nichts wichtiges unterbrechen. Die Elben sahen jedoch fast froh über Ablenkung aus.

"Wie können wir dir helfen?", wollte Elladan wissen. "Sind dir weitere Formulierungen eingefallen, um das Benehmen der Zwerge zu entschuldigen?" Verneinend schüttelte Hermine den Kopf und schalt sich innerlich dafür, dass sie rot wurde. Es war ihr unangenehm, ständig mit Hilfsgesuchen an die beiden heran zu treten, insbesondere da sie grundsätzlich nur ungern um Hilfe bat. Sie war aber realistisch genug zu wissen, dass sie diese Hilfe in Mittelerde dringend brauchte.

"Wäre es möglich für mich, irgendwie in den Besitz von geeigneter Reisekleidung zu gelangen? Die Sachen müssen auch nicht passen, es gibt einen Zauber, mit dem Dinge sehr gezielt geschrumpft und vergrößert werden können. Ich wundere mich immer, wieso unsere Schneider überhaupt Maß nehmen, aber wahrscheinlich geht es einfach ums Prinzip, dass passend geschneiderte Kleider einen besseren Ruf genießen als selbst angepasste." Sie verstummte abrupt, als sie merkte, dass sie zu plappern begonnen hatte. Langsam hatte sie wirklich die Befürchtung, diese Angewohnheit nie los zu werden, obwohl sie inzwischen wusste, wie die Informationen auf andere wirken konnten "Entschuldigung", fügte sie daher murmelnd hinzu, ehe sie die amüsierten Gesichter der Elben sah.

"Natürlich können wir dir dabei behilflich sein. Bruchtal hat nicht umsonst seinen Ruf als letztes heimisches Haus diesseits vor dem Nebelgebirge. Viele Durchreisende , die von den Bergen kommen oder dorthin unterwegs sind, bedürfen neuer Ausrüstung, die wir gerne bereit sind, ihnen zu geben. Was benötigst du alles? Geeignetes Schuhwerk auf jeden Fall und da du eine Hose getragen hast, als du hier her gekommen bist, würdest du eine solche für die Reise vermutlich vorziehen?" Fragen zog er eine Braue in die Höhe und Hermine nickte. Sie wusste, dass es hier alles andere als üblich war, aber Hosen waren nun mal deutlich praktischer als Kleider oder Roben. "Am besten du kommst einfach mit und suchst dir aus, was du brauchst. Wir werden dich gerne beraten, wenn du unsicher bist, was für eine Reise geeignet ist."

Die nächste Stunde verbrachter Hermine mit Elladan und Elrohir in einem Raum, der einem begehbaren Kleiderschrank entsprach. Kleider in verschiedenen Größen und Farben und anscheinend auch sehr unterschiedlicher Herkunft bedeckten die Wände. Auf ihren fragenden Blick hin erklärte Elrohir ihr, dass die Reisenden, die erneut bei ihnen Rast machten, oftmals selbst eine komplette Ausrüstung zurück ließen, damit anderen ebenso geholfen werden konnte. Am Ende hatte sie nicht nur einen Rucksack, eine Decke und bequeme, aber feste Reisestiefel, sondern auch eine komplette Reisegarnitur. Darunter befanden sich eine braune Hose aus Wolle - die Zwillinge erinnerten sie daran, dass es nur noch kälter werden würde und sie dafür planen sollte, sollte es ihr zu warm werden, hätte sie schließlich noch ihre eigenen Sachen -, ein rotbraunes, langärmeliges Hemd und eine Art Jacke aus grobem Material, jedoch mit Wolle gefüttert und daher angenehm zu tragen, die sie vor Wind, Regen und Kälte schützen sollte. Außerdem ließen die Zwillinge sie nicht gehen, ohne ihr ein paar Armschützer aus Leder zu übergeben, die einen Einschub hatten, der eigentlich für einen dünnen, kurzen Dolch gedacht waren, den sie aber zur Verwahrung ihres Zauberstabs nutzen könnte. Dankbar brachte sie alle Sachen in ihr Zimmer und verzauberte dort den Rucksack so, wie sie es mit ihrer Umhängetasche gemacht hatte, sodass er viel mehr Platz bot, aber nicht schwerer wurde.
Nachdem sie ihre alten Sachen in den nun größeren Rucksack gestopft hatte, erstarrte sie. Die Zwerge würden sie hassen. Wieso hatte sie nicht daran gedacht, ihr Gepäck zu erleichtern, nachdem sie durch die Trolle erfahren hatten, dass sie eine Hexe war? In all der Aufregung war ihr der Gedanke nie gekommen, aber jetzt würde sie ihnen das Leben deutlich leichter machen.


Da es inzwischen schon wieder Abend geworden war, verzichtete sie auf einen Abstecher in die Bibliothek sondern suchte direkt den großen Saal auf, in dem Bilbo wenig überraschend schon an dem gedeckten Tisch saß. Einige der anwesenden Elben hatten Hermine an diesem Tag noch nicht gesehen und die, die den Zwergenumhang erkannten, sahen dezent irritiert aus. Sie würden niemals etwas über ihre Gäste sagen, auch nicht über Zwerge, kamen aber nicht umhin sich darüber zu wundern, warum eine Frau zwergische Kleidung über einer schönen elbischen Robe trug. Hermine ignorierte die Blicke so gekonnt, wie sie die Hänseleien der Slytherins ignoriert hatte, da sie davon ausging, dass die Elben sich schnell an ihren Anblick gewöhnen würden, und ging geradewegs zu Thorin. Dabei nahm sie sich die Zeit, nach Bilbo Ausschau zu halten und ihm zu zu lächeln, als sie ihn neben Ori entdeckte. Es schien ganz so, als würde die Tatsache, dass er für den Notfall lernte, mit einer Waffe umzugehen, ihn tatsächlich leicht im Ansehen der Zwerge heben - auch wenn sie ihn immer noch für nutzlos hielten, so unterstellte ihm zumindest keiner mehr, er würde ihre Reise nicht ernst nehmen.

"Thorin?" Zögern legte sie eine Hand auf seinen Arm, unsicher, wie er sie unter den Augen der Zwerge und Elben behandeln würde. Sie hätte sich keine Sorgen machen müssen.

"Hm?" Seine Antwort war zwar nur ein undeutliches Brummen, aber als er zu ihr sah, wirkte er deutlich jünger, da sich seine Züge völlig entspannten. Sie brauchte kein Lächeln von ihm, um zu erkennen, dass sie sehr willkommen war. Dass sie die Bitterkeit und Sorge für einen Moment vertreiben konnte, war ihr Zeichen genug.

"Ich würde nach dem Essen gerne mit der ganzen Gruppe sprechen. Ich muss euch etwas gestehen und mich entschuldigen", erklärte sie zerknirscht. Harry und Ron hatte sie nie so enttäuscht, die beiden hatten sich immer darauf verlassen können, dass sie an alles dachte. Thorins Augen verengten sich misstrauisch, doch angesichts ihres offenen Blicks und dem Anflug von Scham fiel es ihm schwer, ihr Verrat zu unterstellen.

"Wir werden in Bomburs Zimmer sein. Er hat die Küche gefunden und wird das Abendessen angemessen ergänzen." Für einen Moment sah es so aus, als würde er lächeln, doch ging es so schnell, dass Hermine sich nicht sicher war. Allzu abwegig war es allerdings nicht, da Thorin neben Balin der einzige Zwerg war, der nie über das elbische Essen gemosert hatte. Er legte seine Hand auf die ihre und drückte sie vorsichtig, ehe er sie von seinem Arm entfernte. "Geh zu dem Halbling, bevor deine Elbenfreunde denken, sie müssten dich vor uns ungehobelten Zwergen retten." Seufzend tat Hermine, wie ihr geheißen, war aber nicht sicher, ob es ein Seufzen der Enttäuschung war war über die anhaltende Feindschaft war, oder seinen Grund im Klang seiner Stimme fand und dem Verlust seiner Nähe fand.

Darauf bedacht, ihren Kopf hoch zu halten und den Elben, die ihr nun erst recht seltsame Blicke zuwarfen, mit unbewegter Miene zu begegnen und die Zwerge - Gloin, Nori und Bombur, - die über sie zu schienen, zu ignorieren, setzte sie sich neben Bilbo. Sie wusste, dass die Zwerge es nicht böse meinten, sondern einfach zu unsensibel - und offensichtlich auch nicht respektvoll genug gegenüber Thorin - waren, um sich nicht wie Raufbolde zu benehmen. Trotzdem könnte sie gut darauf verzichten, ihren Namen aus der Ecke zu hören, und sie wollte gar nicht wissen, was die drei zum Lachen brachte.

Die Zwerge verließen wenig später lärmend den Tisch, da sie genug Grünzeug gegessen hatten, wie Bombur laut verkündete. Hermine und Bilbo unterdessen aßen sich lieber in Gesellschaft der Elben satt, da man nie wissen konnte, ob einem beim Anblick Bomburs beim Essen nicht der Appetit verging. Als auch die beiden schließlich aufgegessen hatten und den Gang betraten, auf dem ihre Gästezimmer lagen, war unschwer zu überhören, welches Zimmer die Zwerge belagerten; die Trinklieder drangen weit über den Flur.
Da ein Klopfen vermutlich ohnehin überhört worden war, traten sie ohne Aufforderung ein. Sofort wurde es still im Zimmer, sie waren erwartet worden.

"Thorin sagte, du hättest uns etwas mitzuteilen?", wollte Balin auf seine leicht großväterliche Art wissen. Mehr hatte ihr Anführer ihnen nicht sagen können oder wollen, wobei Balin selbst ersteres vermutete, da er Thorin gut genug kannte, um dessen Anspannung zu übersehen.

Hermine schloss die Tür hinter sich und zog ihren Zauberstab, um den Raum gegen Lauscher zu sichern. Sie erwartete nicht, dass irgendeinem Elb so langweilig wäre, dass er an der Tür horchen würde, doch bei ihrem unglaublich guten Gehör würde es womöglich schon ausreichen, wenn zufällig einer im falschen Moment den Gang hinunter lief. Es würde ihnen nur helfen, wenn die Elben sie für unvorbereitet hielten, daher mussten sie nicht alles erfahren, und sie war es Thorin schuldig, dafür zu sorgen, dass ihre Reise erfolgreich verlief. "Ich muss mich bei euch allen entschuldigen", begann sie dann und sah von einem zum anderen, verwirrte Blicke erntend. Entschuldigungen waren im rauen Umgangston der Zwerge selten, sofern jemand nicht etwas wirklich schlimmes angestellt hatte. "Ich hätte euch einiges an Arbeit, oder genauer gesagt Last, ersparen können, wenn ich schon früher daran gedacht hätte. Ich beherrsche einen Zauber, der das Gewicht von Gegenständen stark reduziert und einen Zauber, der das Innere von Taschen vergrößert, was den Transport des Reisegepäcks deutlich erleichtert hätte." Sie ließ den Zwergen einen Moment, um das gehörte zu verarbeiten. Zu ihrer aller Erheiterung war Bombur der erste, der darauf reagierte, da er nicht lange darüber nachdachte, was sie für seltsame Dinge beherrschte.

Stattdessen hielt er ihr sofort seinen Rucksack entgegen und bat sie mit breitem Grinsen: "Kannst du es uns zeigen?" Natürlich wollte er es auch sehen, aber insbesondere wollte er, dass sein Rucksack mehr Platz für Vorräte bot. Hermine nahm das Gepäckstück entgegen und reichte ihn zwei kurze Zaubersprüche später wieder zurück.

"Wenn du zu viel hinein tust, besteht allerdings die Gefahr, dass du einzelne Sachen nicht mehr wieder findest. Falls du Hilfe brauchst etwas zu finden, kann ich dir mit einem Aufrufezauber helfen. Ja, wir haben für so ziemlich alles einen Zauber", fügte sie amüsiert hinzu, ehe einer der Zwerge auf die Idee kommen konnte, etwas zu sagen.
Die Zwerge versammelten sich um den Rucksack, mussten aber feststellen, dass sie keine Änderung feststellen konnten. Zumindest nicht, bis Thorins Stimme durch die Aufregung dran. Der Zwergenprinz hatte sich nicht an dem Trubel beteiligt, sondern Hermine im Auge behalten, die anscheinend wirklich auf alles vorbereitet war. Irgendwann würde sie ihm genaueres darüber erzählen müssen, was in ihrer Welt geschehen war, dass eine junge Frau dazu brachte, sich an einem Krieg in solchem Ausmaß zu beteiligen, wie sie es anscheinend getan hatte. Allerdings wollte er sie auch nicht unbedingt daran erinnern, dass sie eigentlich nicht hierher gehörte, denn sie schien gut darin, Gedanken daran zu verdrängen, was sie zurück gelassen hatte, und er war wollte sie nur ungern gehen lassen, so wie die Dinge gerade standen.

"Steckt Kili in die Tasche", schlug er den Zwergen daher vor, in der Hoffnung, Hermine zum Lachen zu bringen. Dieser Wunsch sollte ihm auch sogleich erfüllt werden, denn als Dwalin und Gloin seine Worte in die Tat umsetzten und nur noch Kilis Kopf aus der Tasche ragte, waren die Zwerge sehr beeindruckt und Hermine sichtlich amüsiert. Kopfschüttelnd, aber mit strahlendem Lächeln sah sie zu Thorin.

"So war das eigentlich nicht gedacht, aber wenn ihr statt mehr Ausrüstung lieber Mitglieder der Gruppe tragen wollt, melde ich mich freiwillig", erklärte sie scherzend. Sie würde sich nicht einfach tragen lassen, außer sie wäre wirklich nicht mehr in der Lage, selbstständig zu laufen. Alles andere würde ihr Stolz nicht zulassen. "Wenn ihr mir eure Taschen bringt, würde ich sie alle verzaubern. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir nicht mehr lange bleiben sollten.." Thorin und Balin waren die einzigen, die ihren letzten Worten Beachtung schenkten, und auch die einzigen, die Kili aus Bomburs Tasche halfen, da die anderen Zwerge nach dem ersten Satz aus dem Raum gepoltert waren, um ihr Reisegepäck zu holen.

Kili lies es sich nicht nehmen, seinem Bruder den Unmut über den Verrat, ihn einfach zurück zu lassen, deutlich zu machen, und es wäre fast zu einer Rauferei gekommen, während Hermine eine Tasche nach der anderen mit den beiden Zaubern belegte. Die eher misstrauischen Zwerge wie Nori, der keinem mit seinen Habseligkeiten traute, und Gloin, der um sein Gold fürchtete, beobachteten sie sehr argwöhnisch und kontrollierten den Inhalt der Taschen sofort, nachdem sie sie zurück erhalten hatten. Natürlich mussten sie feststellen, dass Hermine ihnen nichts entwendet hatte und Nori hatte sogar den Anstand, ihr mit einem verschmitzten Grinsen zu danken; Hermine beschlichen deutliche Zweifel ob es eine so gute Idee gewesen war, dem zwielichtigen Zwerg mehr Stauraum für 'Souvenirs' zu verschaffen - ihn auszuschließen wäre aber auch keine gute Idee gewesen.

Nachdem wieder Ruhe eingekehrt war und alle Platz genommen hatten - hauptsächlich auf dem Boden um den Kessel Bomburs herum, um noch einen letzten Nachschlag zu erhaschen - ergriff Thorin das Wort. "Wie ihr wisst", und dabei überging er schlicht die Tatsache, dass weder Hermine noch Bilbo über die Mondrunen auf der Karte informiert worden waren, "ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis wir endlich weiter ziehen können. Genau genommen", mit diesen Worten holte er die Karte hervor und entfaltete sie. Er trat zum Fenster und hielt die Karte gegen das Mondlicht, sodass die silbrigen Zeichen sichtbar wurden. Mit hoffnungsvollem, aber die Enttäuschung erwartendem Blick studierte er die Zeichen für eine Weile, ehe er sich wieder umdrehte und zwischen die Zwerge trat. "Wir könnten noch heute Nacht aufbrechen. Es ist nicht gut lesbar, aber es handelt sich eindeutig um Khuzdul." Während die meisten Zwerge angesichts dieser Neuigkeit laut jubelten, trat Balin still zu Thorin.

"Lass mich auch einen Blick darauf werfen. Ich weiß, du willst weiter, aber", Thorin unterbrach ihn, indem er ihm die Karte gab und in Richtung des Fensters deutete. Er wollte keine Belehrungen hören, und der Anblick der Runen sollte Balins übermäßige Vorsicht zerstreuen. Der brauchte nicht lange, um zum gleichen Schluss zu kommen wie sein Anführer, doch sein Gesichtsausdruck gefiel Thorin dennoch nicht - zumal inzwischen auch Hermine neben ihn getreten war und darauf zu warten schien, sich in die Unterhaltung einzumischen. "Du hast Recht, es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Runen etwas anderes als Khuzdul enthalten. Trotzdem, so schnell sich ihre Lesbarkeit nach nur einem Tag verbessert hat, kann es nicht mehr lange dauern. Lasst uns noch einen Tag bleiben."

Dem stimmte Hermine sofort zu: "Das würde uns auch mehr Zeit geben, genug Vorräte einzupacken, ohne dass es offensichtlich werden würde, was wir planen. Außerdem wurde mir gesagt, dass ich der Weiße Rat treffen würde und unter anderem versuchen würden, mir zu helfen." Thorins Mund kam einem dünnen Strich gleich, als er die Kiefer aufeinander presste. Sie hatte doch gesagt, dass sie bleiben würde! Ihr Herz schlug schneller als sie sah, dass ihm die Aussicht auf ihre mögliche Abreise nicht gefiel und ohne den Blick abzuwenden tastete sie nach seiner Hand und verschränkte ihre Finger mit seinen. Seine Gesichtszüge entspannten sich wieder und er ließ sie fortfahren. "Ich würde nicht gehen. Aber das Wissen um die Möglichkeit würde mich sehr erleichtern. Aber das ist nur zweitrangig. Wichtiger ist, das der Weiße Rat entscheiden könnte, dass euer Vorhaben zu riskant ist, auch wenn Elrond es nicht gesagt haben mag und seine Söhne Bilbo und mich unterstützen, er weiß ganz bestimmt, was das wirkliche Ziel der Reise ist. Aber ich fürchte, dass eure Meinung über die Elben in diesem Fall durchaus begründet ist."

Schließlich ließ Thorin sich von Hermine und Balin überzeugen, den Aufbruch noch einen Tag auf zu schieben, nur um ganz sicher zu gehen und um ihnen die Möglichkeit zur Vorbereitung zu geben. Es gefiel ihm zwar ganz und gar nicht, dass es sie nötigte, direkt unter den Augen des Weißen Rates verschwinden zu müssen, aber eine Demonstration des Desillusionierungszaubers überzeugte ihn davon, dass ihre Abreise trotzdem ungestört verlaufen würde. Die Hoffnung, sie würden Unterstützung oder zumindest Neutralität durch den Rat erfahren, hegte keiner von ihnen, auch wenn Hermine es nur sehr ungern zugab.


Den nächsten Tag verbrachten sie damit, ihre Habseligkeiten in den verbesserten Taschen zu verstauen und über den Lauf des Tages hinweg in kleinen Gruppen oder einzeln die Küche aufzusuchen, für 'einen kleinen Happen zwischendurch'. Da es sich um Zwerge und einen Hobbit handelte, kam es niemandem seltsam vor, wenn diese kleinen Mahlzeiten enorme Ausmaße annahmen.

Hermine und Bilbo verbrachten wieder ein paar Stunden mit Elronds Söhnen, wobei sie diesmal von Kili und Fili beobachtet wurden, die von Thorin den Auftrag erhalten hatten, ihr Training nach dem Aufbruch aus Bruchtal fortzuführen. Da sie ihren Onkel stolz machen wollten und ihnen nicht entgangen war, wie Hermine am Abend zuvor seine Hand ergriffen hatte, nahmen sie diese Aufgabe ernst und versuchten, die Übungen der Elben nachzuvollziehen. Wenn ihrem Onkel tatsächlich etwas an der Frau lag - was ihnen beiden nicht zusagte, da es ihnen wieder jegliche Möglichkeit auf weibliche Nähe während der Reise nahm - konnten sie nicht riskieren, ihr Wohlergehen während eines Kampfes nicht so gut sicher zu stellen, wie sie nur konnten.

Als sie vorige Nacht in ihr eigenes Zimmer zurück gekehrt war, hatte Hermine Thorin seinen Umhang zurück gegeben, hatte aber den Impuls, ihn zu umarmen, aufgrund der Anwesenheit der anderen Zwerge unterdrückt. An diesem Morgen hatte sie ihre neue Reisekleidung angezogen und die elbische Robe zusammen mit ihren alten Sachen in ihrer Tasche verstaut. Die Hose hatte ihr beim Schwerttraining geholfen, sich besser bewegen zu können, aber die Jacke hatte sie nach einiger Zeit wieder abgelegt und sich gefragt, wie die Zwerge es in ihren Kleidern aushielten, denn ihr wurde sehr schnell unglaublich warm. Nachts hingegen würde sie sehr froh sein - die Aussicht auf die Rückkehr in die Wildnis war nichts, worauf sie sich wirklich freute.
Die Anspannung nahm mit jeder Stunde des Tages zu, bis sie schließlich am Abend ihren Gipfel erreichte.

Sie war zusammen mit Bilbo nach dem Essen auf einen der Balkone getreten, um noch einen letzten Blick auf Bruchtal zu werfen, als sie Gandalf und Elrond den Weg entlang gehen sahen. Aus Elronds Worten wurde deutlich, dass er tatsächlich von ihrem Plan wusste, und insbesondere, dass er ihr Vorhaben nicht guthieß.

"Weshalb verschließt ihr die Augen vor der Wahrheit? Thror ist dem Wahnsinn verfallen, ehe der Drache sie vertrieb, Thrain ist verschwunden, von dem selben Irrsinn ergriffen. Ihr Blut ist es, dass in den Adern Thorins fließt. Mächtige Verbündete im Nordosten wären eine Bereicherung, doch selbst wenn sie ihr Ziel erreichen und den Drachen nicht vorfinden sollten - er würde ebenso wie seine Vorfahren enden. Thorin Eichenschild wird ebenso wie seine Vorfahren fallen." Hermine konnte nicht glauben was sie hörte. Ging der Zwiespalt zwischen Elben und Zwergen wirklich so tief, dass ein edler Elbenlord solche herablassenden Worte ohne Zögern zu sprechen vermochte? Ein leises Knirschen hinter ihr ließ sie herumfahren und als sie sah, wer dort stand und den Türrahmen so fest umklammerte, dass seine Knöchel weiß hervortraten, flog ihr Herz ihm geradewegs zu.

"Bilbo, geh und sag den anderen Bescheid. Sie sollen alles einpacken, wenn sie es noch nicht getan haben und sich mit ihren Sachen in Thorins Zimmer versammeln." Bei keinem der gepressten Worte nahm sie ihren Blick von Thorin und war dem Hobbit dankbar, als er sich ohne zu fragen sofort auf den Weg machte. Dann erst rührte sie sich und trat zu Thorin, dessen Gesicht fahl war und wie in Stein gemeißelt aussah. "Thorin?"

Er reagierte nicht auf sie, er konnte nicht. Es überraschte ihn, wie sehr die Worte eines Elben ihn treffen konnten, aber sie taten es. Die Elben würden ihnen niemals trauen und ewig auf sie herabsehen, nur weil sie die Schätze der Erde mehr zu schätzen wussten als die oberirdische Natur. Aber Wahnsinn? Wie kam der Elb dazu, ihnen einen schwachen, kranken Geist zu unterstellen, nur weil sie ihre Heimat und ihre Schätze zurück erobern wollten? Er mochte verzweifelt sein, dass er mit einer so kleinen Gruppe los gezogen war, aber das bedeutet doch nicht, dass er besessen war. Oder lastete tatsächlich ein Fluch auf ihnen als Strafe für etwas, dass einer seiner Vorfahren getan hatte?
Bevor Zweifel beginnen konnten, sich einen Weg in seine Gedanken zu bahnen, wurde er durch eine Hand an seiner Wange aufgeschreckt. Er brauchte einen Moment um zu begreifen, dass Hermine dicht an ihn heran getreten war und ihn mit besorgter Miene musterte, während ihre Finger sanft sein Gesicht berührten. Reglos blieb er stehen und ließ sie gewähren, ihr nun direkt in die Augen sehend.

Hermine konnte seinem durchdringenden Blick nur schwer stand halten. Sie hatte ihm moralische Unterstützung bieten wollen, da er vollkommen erschüttert gewirkt hatte, aber jetzt war sie sich dessen nicht mehr so sicher. Würde er sie nur auslachen und sagen, dass er nichts auf die bedeutungslosen Worte eines Elben gab? "Es tut mir leid", flüsterte sie schließlich, denn lauter wollten ihr die Worte nicht über die Lippen kommen. "Er hat kein Recht, auf solche Weise über dich zu reden. Er kennt dich nicht."

"Und du denkst, dass du das tust?" Seine Worte waren ebenfalls gedämpft, aber dadurch nicht minder fest, und wurden begleitet durch ein leichtes Emporziehen seiner Brauen. Die Hexe kannte ihn erst seit kurzem und die meiste Zeit hatten sie damit verbracht, sich zu ignorieren oder zu streiten - woher nahm sie ihr scheinbares Vertrauen? Hätte er gewusst, dass Hermine wusste, dass Elrond damit Recht hatte, anzunehmen, er würde dem Wahn des Arkenstein verfallen, wie es Thror getan hatte, würde er es noch weniger verstehen.

Hermine selbst hingegen wollte verhindern, dass es jemals dazu kam. Den Gedanken daran, dass Thorin, dessen innere Stärke solchen Eindruck auf sie gemacht hatte, wegen eines Edelsteins wahnsinnig werden könnte, empfand sie als unerträglich. Es war daher umso wichtiger, ehrlich mit ihm zu sein. "Wahrscheinlich nicht. Aber ich habe Vertrauen in dich. Ihr mögt goldgierig sein, so wie die Elben es sagen, und unfreundlich Fremden gegenüber, aber ich habe auch gelernt, dass Zwerge Ehre und Loyalität schätzen. Warum sind sind dir diese zwölf gefolgt, während andere dir ihre Hilfe versagt haben? Warum ist Bilbo euch gefolgt, obwohl er Angst hat und du ihm deutlich machst, dass er nicht zu euch gehört? Warum werde ich mit euch gehen, statt hier auf eine Möglichkeit zur Heimkehr zu warten?" Da er sie weiterhin anstarrte, die selbe Frage, die sie gerade ausgesprochen hatte, deutlich in seinen Augen lesbar, ließ sie ihre Hand sinken. Stattdessen machte sie noch einen Schritt auf ihn zu, überwand damit die letzte Entfernung zwischen ihnen und umarmte ihn. Er versteifte sich, machte aber auch keine Anstalten, sie von sich zu schieben, was Hermine als gutes Zeichen wertete und fortfuhr. "Weil wir deine Stärke sehen können - und damit meine ich nicht deine Fähigkeiten im Kampf. Wir glauben, dass wir es schaffen können und dass du dem Königreich unter dem Berg ein guter König wärst und dich nicht durch den dort lagernden Reichtum verändern wirst." Ihren Kopf leicht drehend, lehnte sie ihre Wange gegen seine und drückte ihn an sich.
Dies riss Thorin aus seiner düsteren Gedankenwelt und er erwiderte die Umarmung so heftig, dass Hermine um ihre Rippen fürchtete und um Atem ringen musste. Aber sie ließ ihn gewähren und er lockerte seinen Griff, sobald ihm ihre flache Atmung bewusst wurde. Ob er sich entschuldigt hätte oder sich für ihre moralische Unterstützung bedankt hätte, wollte Hermine nicht herausfinden, da es sie nicht wundern würde, wenn er es nicht täte, was eine seltsame Stille herbei führen könnte. Stattdessen löste sie sich wieder von ihm, drückte ihm einen Kuss auf die Wange und lächelte ihn an. "Lass uns von hier verschwinden."


4404 Wörter, ha, das ist sogar noch ein bisschen länger als das letzte Kapitel. Ich mache Fortschritte.
Und falls sich jemand gewundert hat (mit mir redet ja keiner, also kann ich nur vermuten :p) warum ich die Mondrunen-Eigenschaften geändert habe: Es war mir einfach zu viel Zufall, dass sie Elrond die Karte genau am richtigen Tag gegeben haben. Und weil der Mond sich doch so sehr langsam "ändert", dachte ich wäre es nicht zu weit hergeholt, wenn die Runen langsam sichtbar werden.
Und.. biiiiitte redet mit mir. Es würde mich wirklich freuen und das nächste Kapitel beschleunigen, dass in Konkurrenz zu Klausurvorbereitungen recht niedrige Priorität hat.