Kapitel 14 – Tor Nr. 2 und… Abseits!
ICH BRING DICH UM!
Diese und keine anderen Worte leuchteten ihm entgegen. Er kniff die Lippen zusammen.
„Meine Hochachtung, sieht man das so deutlich?"
Ganz nahe brachte er sein Gesicht an ihres und schaute über den Rand des Pergaments. Er war immer noch fassungslos und schwankte zwischen Frust und Wut. Wenn er nicht wüsste, dass sie eingeschlossen und gut versteckt waren, würde man dem Glauben anheim fallen, sie könnte Gedanken lesen.
„Oh ja", flüsterte sie zurück, „überdeutlich. Fast so, als hätten Sie es gesagt."
Aniram beließ es bei einem zaghaften Nicken, obwohl sie ihrer Begeisterung viel offener Ausdruck verleihen wollte.
Snape schnaubte. „Was macht ein Gentleman, der das Gefühl hat, soeben geschlagen worden zu sein?"
‚Ausgepeitscht ist wohl besser, ich lasse hier Nerven ohne Ende und dieses… diese…'
„Ich weiß es nicht. Wirklich." Sie wedelte mit seiner X-Akte unter seiner Nase herum.
„Zwei zu Null für Sie." Er deutete eine leichte Verbeugung an.
„Was – Sie wollen kein Kreuz machen?"
Ihre hellen Augen wurden immer größer und schienen zu lachen. Nicht einmal der kleinste Hauch von Enttäuschung schwang in ihrer Stimme mit. Es war lediglich eine Feststellung. Seine Akte beförderte sie wieder auf den Schreibtisch.
„Respekt, Professor, das bringen nicht viele fertig, über ihren eigenen Schatten zu springen. Aber ich muss jetzt weitermachen, sonst hängen wir in einem halben Jahr noch über diesem Trank."
Snape nickte knapp und ging federnden Schrittes zurück zu seinem Tisch – ausnahmsweise einmal froh, mit keinem Gegenstand abgeklopft zu werden. Dieses Mädchen hatte Ideen! Mit den letzten Worten hatte sie sich wirklich elegant aus der Affäre gezogen.
Wie so oft verfiel er in Grübelei. Spürte, ahnte oder roch sie, dass er soeben über seinen eigenen Schatten gesprungen war? Er unterstellte es ihr kurzerhand, weil sie ihn sonst nicht mit diesem Worträtsel, welches für ihn keins war, zurückgelassen hätte. Erst nach einer Weile kroch die Tatsache, dass sie ihn Professor genannt hatte, an die Oberfläche.
Bis heute weigerte sie sich konstant, ihn so zu nennen. Warum ausgerechnet jetzt? Seine Blicke bohrten sich Dolchen gleich in ihren Rücken. Unwillkürlich beschäftigte ihn der Gedanke, ob sie wohl auch mit Kategorien arbeitete, mit Schubladen.
Er machte keinen Hehl daraus – mittlerweile interessierte ihn alles, was sie betraf. Sogar brennend. In diesem Fall also würde er wirklich gern wissen wollen, wie und wonach sie einen Menschen einstufte und ab welchem Zeitpunkt sie sich zu einer respektvollen Anrede hinreißen ließ.
Die, wenn der Unterton ihn nicht täuschte, ehrlich gemeint war.
Dennoch, die Hausaufgaben warteten nicht.
Mit einem innerlichen Seufzen rollte er das nächste Pergament auf. Seine Augen wurden groß, als er seine Akte erkannte. Kurz schaute er auf und vergewisserte sich, dass sie nicht hersah. Dann senkte sich sein Blick wieder und er liebkoste beinahe diese vier Worte.
Um seine Mundwinkel begann es zu zucken. Ob er jemals so in Rage kam – mehr als in den vergangenen Wochen – dass er dort ein Kreuz machte? Falls dies der Fall sein sollte, dann würde sie etliche Tode sterben müssen.
Mit einer Hand fuhr er sich über das Gesicht, als könne er sein Verhalten zwei Menschen gegenüber in letzter Zeit, von denen einer vollkommen fremd und unerklärbar schien, abstreifen. Natürlich war das nicht so einfach zu bewerkstelligen. Er hatte wohl nicht mit der Sturheit seiner Haut gerechnet. Denn kaum hatte er sie losgelassen, fing das Spiel von neuem an.
Er konnte es drehen und wenden, wie er wollte. Etliche schlaflose Nächte und etliche Gläser Rotwein konnten ihn nicht dazu bringen, sich ihr gegenüber wie ein Gefrierschrank zu verhalten. Es erschien ihm unmöglich.
Jedes Mal war er zu dem Resultat gelangt, dass er ihre Anwesenheit genoss, sich nach ihren Sticheleien sehnte. Es waren nackte Fakten, die er analysierte und Verhaltensweisen, die er von keinem anderen duldete.
Sie war so impulsiv, sie war ehrlich und natürlich. Ihm gegenüber benahm sie sich wie nie jemand zuvor. Sie sagte, was ihr gerade auf der Zunge lag, ohne auch nur im Geringsten daran zu denken, vor wem sie stand und welche Konsequenzen ihre Fragen oder ihr Verhalten haben würden. Sie sorgte für Abwechslung und es würde ihn nicht im Mindesten wundern, wenn sie eines Tages mit einem munteren „Salve" in den Kerker gestürzt kam.
Mit anderen Worten: sie trug so viel Freude, Frohsinn und Wärme in sich, dass er beinahe Angst um sein Image hatte.
Seine Mundwinkel zuckten ein bisschen mehr, als er dieses Resümee zog. Sein Blick konnte sich noch immer nicht von der letzten Spalte lösen.
Wenn er ihren Starrsinn, ihre Respektlosigkeit, ihren nicht zu verleugnenden hohen Kenntnisstand, ihre Leidenschaft für die Zaubertrankbrauerei, die Tatsache, dass sie ihn einfach als normalen Menschen behandelte, der zufälligerweise Lehrer war – wenn man das alles in einen Topf warf und kräftig umrührte, erhielt man eine Essenz von der ein Mensch jahrelang zehren konnte. Das Elixier des Lebens.
Er wusste, schon allein der Gedanke daran, dass es ihm behagte, dass sie ihm gegenüber menschlich auftrat, war regelrecht ketzerisch und widersprach den Gesetzen.
Doch woher zum Henker hatte sie gewusst, was vorhin in ihm vorgegangen war? Er warf in diesen Topf noch ein bisschen Intuition, über die sie zweifelsohne verfügte, und konstatierte eine beinahe erschreckende Affinität.
„Darf ich an Ihrer Freude teilhaben oder grinsen Sie immer allein?"
Er wurde aufgeschreckt wie ein Kaninchen.
Pikiert gab er zurück: „Ich habe gegrinst? Sicherlich in Ihrer Einbildung."
„Sicher, ganz sicher, was glauben Sie, wie eingebildet ich bin."
Ungefragt, eben völlig uneuropäisch, setzte sie sich auf seinen Schreibtisch und stützte sich mit dem Ellenbogen fast vor ihm ab. Ihr Blick fiel auf das, was er in der Hand hielt und schlagartig erhellte sich ihr Gesicht.
„Ah, wusste ich es doch! Von wegen Zwei zu Null! Sie grübeln jetzt unter Garantie, wie viele Kreuze Sie DA machen. Oder ob sie eins machen."
Kritisch fasste sie ihn ins Auge, griff unter sein Kinn und zwang seinen Kopf herum.
„Und WIE ich sterben soll, was? Aber lassen Sie sich gesagt sein, Australier sind zäh. Das sind richtige Stehaufmännchen."
Sie drohte mit dem Zeigefinger, hüpfte mit einem Lachen vom Tisch und rannte schnell wieder zum Versuch.
‚Schau an, schau an, der Meister hockt hinter dem Tisch und grinst. Er denkt wohl, ich habe keine Augen im Hinterkopf. Hah, Australier haben überall Augen.'
Frohgemut machte sie sich wieder an die Arbeit. Gewarnt von seinem vorherigen schnellen und unerwarteten Auftauchen unterließ sie es diesmal, öffentlich zu feixen.
Über die verschiedenen Todesarten, die Professor Snape bevorzugen könnte, musste sie sich unbedingt mit Magdalena der Mimosenhaften unterhalten. Schließlich hing sie der Kerkertür am nächsten. Ihre Freunde da draußen, die sie wirklich nach diesen Wochen als Freunde bezeichnen konnte, hatten ihr schon manchmal den einen oder anderen heißen Tipp gegeben.
Mit den Fingern fuhr sie sich unter den Kragen ihrer Bluse. Hatte er es wieder mal mit der Heizung übertrieben? Aniram begann zu schwitzen und kurz setzte ihr Herz aus.
Immer noch geschockt von diesem unerwarteten Besuch auf seinem Schreibtisch, der eine gewisse Erinnerung wieder ans Tageslicht holte, kam er nicht einmal zu einer Antwort. Mit einem Satz, der mit „Äh" begann, wollte er nicht antworten. Sein Artikulationshorizont war eindeutig weiter gesteckt. Also ließ er sie lachen und hüpfen.
Seufzend legte er seine Akte ins Regal und widmete sich den richtigen Hausaufgaben. Er genoss die plötzliche Stille.
‚Was heißt hier genießen, dir fehlt doch was.'
Fragend hob er seinen Kopf. Miss Hawkwing und still? Das war so unvereinbar wie Feuer und Wasser, Pech und Schwefel oder Schwarz und Weiß.
Ohne weitere Überlegung schoss er wie der Blitz um seinen Schreibtisch herum. Hatte er die Zeit verpasst? Beinahe panisch fiel sein auf die Uhr, die ihm diesmal nicht gesagt hatte, dass er ihren Aufenthalt beenden sollte.
Er kam gerade rechtzeitig genug neben ihr an, um sie aufzufangen. Erschrecken machte sich in ihm breit, als er dieses schlotternde Bündel hielt und ansah.
Ihr Atem ging röchelnd und die Augen waren vor Entsetzen geweitet. Unmöglich konnten das dieselben Augen sein, die ihn vor wenigen Minuten aufforderten, in einer gewissen Spalte ein Kreuz zu machen. An ihre Stelle waren in zwei seelenlose, angstzerfressene Tunnel getreten. Diesmal hielt er sie in den Armen und war sich absolut sicher, dass sie zitterte. Seine Vermutung bestätigte sich damit.
„Aniram, sshh… Quatsch nicht, du blöder Dussel."
Sie würgte und stöhnte. Die Angst, die im Kopf begonnen hatte zu arbeiten, breitete sich fächerartig über ihren ganzen Körper aus und ließ sie zittern wie Espenlaub. Sie wollte etwas sagen, brachte jedoch nichts über die Lippen.
Hilflos und unfähig, sich zu bewegen, hing sie im Irgendwo herum und wusste, es war zu spät. Wie ein großes, dunkles Tier sprang die Panik sie an und kratzte ihr die Augen aus. Sie würde sterben.
Snape tat wohl das Unorthodoxeste, das er je in seinem Leben getan hatte. Ohne weitere Überlegung nahm er sie auf seine Arme, griff nach seinem Zauberstab und donnerte einen Öffnungszauber gegen die Tür, der nicht einmal die Buchstaben von „Alohomora" enthielt und trat die Tür auf.
Er dankte Merlin für seine langen Beine und rannte durch den Gang, als wäre der Teufel samt seiner Verwandtschaft hinter ihm her.
Die Gemälde, die sich auf einen kleinen verbalen Schlagabtausch mit der mittlerweile lustigen Besucherin freuten, froren regelrecht ein. Dann kam von einer Sekunde auf die andere Bewegung in alle gleichzeitig und sie begleiteten ihn durch den gesamten Kerkergang.
Irgendwann mussten die ersten zurückbleiben und riefen ihm unaufhörlich Fragen zu. Die Gemälde am Kerkerausgang rechneten sich immer noch die größten Chancen aus, eine handfeste Information in die Hand oder besser gesagt in den Rahmen zu bekommen.
Aber ein heiser gebelltes „Haltet die Klappe!" war alles.
Weniger die Tatsache, diesen Satz noch einmal hören zu müssen, verwirrte sie vollends. Dass er jemals aus der Richtung ihres selbsternannten Vorgesetzten, des Zaubertrankmeisters, kam, war ihnen absolut unerklärlich und so schlichen sie wieder zurück.
Professor Snape war in der Eingangshalle angelangt und stieß mit dem Fuß das Portal auf. Ins Freie stürmen genügte ihm selbst nicht. Also lief er noch weiter. Er wurde von dem Gefühl getrieben, dass ihr der Aufenthalt auf der Schlosstreppe bei Weiten nicht genügen würde.
Er lief so weit, bis er der Annahme war, den besten Platz gefunden zu haben. Zumindest war sie aus dem Schatten des Schlosses heraus. Er wusste, das war absolut irreal, nachts schien keine Sonne – aber wenn sie scheinen würde, dann würde Hogwarts keinen Schatten über sie werfen.
Die Wiese war groß genug und bald hatte er einen weit ausladenden Baum ausgemacht, unter dem er sie ablegte. Damit sie nicht fror, zog er seinen Umhang aus und wickelte sie hinein, schließlich war kein Hochsommer mehr
Erst jetzt, als er sie in Sicherheit wähnte, gestattete er seinen Gedanken zu arbeiten. So wie er neben ihr kniete kam er sich reichlich deplaziert vor. Am liebsten wäre es ihm, wenn er sich unauffällig zurückziehen konnte. Aber er konnte jetzt nicht einfach so gehen und sie allein lassen.
Doch dann schlug sein Alarmsystem an. Was, wenn sie Hilfe benötigte, sobald sie die Augen wieder öffnete? Er nahm an, dass sie von allein aus diesem merkwürdigen Krampfanfall oder was immer das war erwachte. Es lag aber durchaus im Bereich des Möglichen, dass sie zum Laufen zu schwach war.
Dann lag sie hier, niemand wusste davon, und erfror womöglich, während alle in ihren warmen Betten lagen. Obwohl er nichts tun konnte, entschied er sich fürs Warten.
Aufmerksam lauschte er auf ihren Atem, der nur langsam gleichmäßiger wurde.
„Sterne", hörte er es auf einmal neben sich flüstern. Natürlich hatte er sie nicht irgendwo in der freien Wildnis ins Gras gelegt. Er schüttelte mit dem Kopf, denn so schwach sie auch war, ihrer Beharrlichkeit tat das keinen Abbruch.
„Sterne."
Es war nur ein Hauchen, mehr nicht. Sorgsam hob er sie auf und trug sie ein Stückchen weiter weg.
In diesem selten unwirklichen Moment wurde ihm klar, wenn sie gesagt hätte, sie müsste den Mond in ihren Händen halten, er hätte ihn vom Himmel geholt. Sanft legte er sie ins Gras, kniete sich daneben und wartete, was weiter geschah. Das nächste traf ihn wie ein Peitschenhieb.
„Joaquin, wenn ich dich nicht hätte."
Er wollte davon stürzen, wollte nicht wissen, für wen sie ihn womöglich hielt. Zu seinem Erstaunen, ja sogar zu seinem Entsetzen tat es weh.
Nach mehreren tiefen Atemzügen, die befreiter klangen, öffnete sie ihre Augen und neigte ihren Kopf nach links.
„Man kann ihn fast sehen, meinen Stern. Weißt du, wie sehr ich ihn vermisse?"
Sie befreite sich aus seinem Umhang und ohne hinzuschauen schob sie ihre kleine Hand vertrauensvoll in seine. Nachdem sie sich einige widerspenstige Locken aus der Stirn gestrichen hatte, erstarrte sie.
Hier stimmte etwas nicht. Die Konstellation! Wo war sie gelandet? Sie furchte die Stirn und schaute ihn an.
Aniram brauchte einige Lidschläge, um sich zu erinnern. Sie spürte, dass er seine Hand zurückziehen wollte und hielt ihn mit unglaublicher Kraft fest. Und ohne die Hand loszulassen bedankte sie sich.
„Ich sag's doch", murmelte sie heiser, „wenn Sie nicht grade Schwarz bevorzugen würden, Sie hätten den Touch eines Engels."
Sie stemmte sich hoch und blieb noch einige Sekunden sitzen, um ihr inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Sie hoffte sehr für sich selbst und ihn, dass sie ihm Nebel nicht zuviel von sich gegeben hatte. Unsicher schaute sie ihn an.
In seinem Gesicht spiegelte sich ein Mix von Trauer, Enttäuschung und Verständnislosigkeit. Schlaff wie ein Mehlsack plumpste sie gegen seine Brust.
„Sorry, bin sonst nicht so anhänglich."
Wenn ihm dieser Augenblick nicht so unendlich traurig erschienen wäre, dann hätte er lauthals über diesen Satz gelacht. Schlicht und einfach deshalb, weil Hawkwing wieder nach Hawkwing klang. Er spürte, ihre Kraft reichte beileibe noch nicht aus, um sich aufrecht zu halten.
Also blieb ihm nichts anderes übrig, als sie hölzern und unbeholfen in die Arme zu nehmen. Er war der felsenfesten Überzeugung, dass jeder Besen mehr Eleganz bei dieser Tätigkeit aufbringen würde.
Aniram lag an seiner Brust und lauschte.
*babumm, babumm, babumm*
Sein Herz schlug regelmäßig und stark. Das verlieh ihr Kraft. Sie leckte sich über die trockenen Lippen und hauchte: „Und jetzt hab ich Durst. Echt."
Mit großen Glubschaugen schaute sie ihn an. „Gibt's in Europa was zu trinken?"
Dass sie so schnell wieder in die Realität zurückfand, verwirrte ihn und ließ ihn sprachlos zurück. Er hatte immer noch damit zu tun, dieses Geschehnis entsprechend zu verarbeiten.
„Wir können einen Deal machen", meinte er gedehnt. „Dann zeige ich Ihnen, wo es was zu trinken gibt."
„Jeden, jeden, nur bald."
„Können wir heute auf ein Kreuz beim Grinsen verzichten?"
Angestrengt stupste sie ihren Zeigefinger an die Schläfe, um dann enttäuscht den Kopf zu schütteln.
„Ich könnte mich nicht erinnern, heute etwas Derartiges gesehen zu haben."
Er legte den Kopf schief und betrachtete sie aufmerksam. „Können Sie laufen?"
„Hmhm, kann ich schon."
Erst jetzt nahm sie wahr, dass sie so etwas wie eine Figur vor sich sah. Körperumrisse. Ungläubig strich sie über den rauen Stoff seines Gehrocks.
„Wo ist denn Ihr Umhang?"
„Sie sitzen gerade darauf. Wenn ich um mein Eigentum bitten dürfte?"
Erinnerungsfetzen rissen auf und sie schloss die Augen. Dieselbe Situation, dieselbe Frage, dieselbe Antwort… nur in einer anderen Welt. Es war so realistisch, dass sie erschauerte. Bevor sie sich hoch mühen konnte, wurde sie noch einmal gebremst.
„Was war das eigentlich? Da unten?"
Diesem Vorfall einen Namen zu geben sah er sich außerstande. Wenn jemand Licht in das Dunkel bringen konnte, dann war das die vor ihm sitzende Person. Er MUSSTE es wissen. Er musste wissen, ob er bis heute mit seinen Vermutungen richtig gelegen hatte.
Aniram zuckte hilflos mit den Schultern und wagte einen zaghaften Blick zum Schloss.
„Die Mauern", sagte sie beinahe tonlos, „die Mauern machen mich fertig. Wir… wir haben keine zu Hause. Jedenfalls nicht solche. Eine Zeitlang geht es, aber dann muss ich raus, sonst…" Sie unterbrach sich kurz.
„Sie haben das geahnt, nicht wahr? Denn immer, wenn es darum ging, mich zu entlassen, legten Sie eine dermaßen ausgefeilte Ich-werf-dich-raus-Technik hin, dass Sie es sogar auf sich genommen haben, den Arbeitsplatz alleine aufzuräumen. Damit ich dort sitzen konnte."
Sie machte eine vage Handbewegung Richtung Treppe.
Das Beibehalten seiner steinernen Miene fiel ihm schwerer als gedacht. Sein Bauchgefühl bestätigt zu wissen, erleichterte ihn trotzdem ungemein. Dieses Hochgefühl hielt aber nicht lange an, denn dass sie ihn und seine Rauswurftechnik durchschauen könnte, hätte er nicht vermutet. Sie hockte vor ihm, sah ihm in die Augen und gab eine glasklare Analyse seines Verhaltens.
Fast erweckte es den Anschein, als ob sie ein Abziehbild von sich hinterlassen würde, wenn sie ging. Als wäre sie trotzdem noch im Kerker und würde ihn bei seinen Arbeiten beobachten. Ihn fröstelte. Dann klang ein leises Kichern an sein Ohr. Bevor er zur Frage ansetzen konnte, fühlte er sich angestupst.
„Na, kommen Sie schon, irgendwann müssen wir hier wieder weg, sonst kommt Professor Dumbledore noch runter und befriedigt seine Neugier."
Obwohl sie schwankte, kicherte sie weiter, schwang ihm seinen Umhang um die Schultern und versteckte sich darunter.
Völlig überrumpelt ließ er sich mitschleifen. Dann erst wurde ihm bewusst, dass sie eigentlich die Schwächere von beiden war und legte vorsichtig einen Arm um ihre Taille. Wie ein Stock lief er neben ihr. Vorhin, als sie nicht bei Sinnen gewesen war, hatte er ihre Nähe nicht so empfunden, nicht so intensiv wie jetzt.
„Dumbledore?" Wie kam sie auf Dumbledore? Und wie in Merlins Namen kam sie auf die Neugier?
„Ja, der Gute steht oben hinter dem Fenster und guckt runter."
Ihr Gesicht konnte er nicht sehen, aber er wusste, sie grinste breit. Das war den Worten deutlich zu entnehmen.
„Aha, guckt runter."
Da er sich sowohl über Satzbau als auch Reaktion ärgerte, ging er gnadenlos mit sich ins Gericht.
‚Mein Junge, deine rhetorischen Fähigkeiten lassen nach, sehr sogar.'
Aniram schaute vom Rasen auf und geradeaus. Sie wunderte sich. Es war wohl das erste Mal, dass er jemanden aus dem Bauch heraus in Sicherheit brachte. Darüber hinaus noch vom Direktor beobachtet zu werden war sicherlich peinlich. Obwohl sie selbst nichts Peinliches daran finden würde. Vor allem deshalb nicht, wenn sie an ihre eigenen Lehrer und den Umgang mit ihnen dachte.
Inzwischen waren sie an der Schlosstreppe angekommen und sie spürte, wie sein Schritt stockte. So gut es in der Dunkelheit ging hob sie ihren Kopf und ließ ein fragendes „Hm?" hören.
„Können Sie, ich meine, können Sie jetzt wieder da rein?"
Etwas zögerlich stellte er diese Frage, aber sie war von Bedeutung. Er stellte sich vor, wie viel Kraft jemand aufbringen musste, der sich in diesem Schloss mehr als unwohl fühlte. Es sprengte sein Vorstellungsvermögen und eine dumpfe Ahnung beschlich ihn, dass sie ihm noch längst nicht alles gesagt hatte.
„Na klar, das wird schon", kam es in der altbekannten Tonlage von unten. „Ich setz mich noch ein bisschen auf den Fensterstock. Mit einem Glas Wasser in der Hand."
Munter, als wäre nichts gewesen, stieß sie die Tür zu diesem selten dämlichen Schloss auf. Alles musste sie nun wirklich nicht ausplaudern. Dass sie noch weit davon entfernt war, wieder frohen Mutes diesen Sarkophag zu betreten, ließ sie sich ebenfalls nicht anmerken.
Die Helligkeit, die beide umfing, ließ sie erst einmal die Augen zusammenkneifen.
Snape öffnete sie zuerst wieder und sah ihr ins Gesicht. Er wusste nicht, was in diesem Moment geschah, aber er wollte für immer so stehen bleiben. Die Jahreszeiten überdauern, Wind und Regen und Schnee trotzen. Mit einem harten Schluckend befahl er sich, wieder auf den Boden der Realität zu kommen.
Sonst würde er zum Denkmal erstarren.
Und das nur, weil er jemanden achtete und respektierte. Nur? Welche Überwindung, welcher Mut mussten dahinter stecken, um nach diesem Zwischenfall wieder ein Gemäuer zu betreten. Schon das allein verlangte Respekt.
Fragend hob Aniram ihren Kopf und schaute ihn an. Ohne dass er etwas dazutun konnte, streifte er mit dem Daumen der freien Hand über ihre Wange.
„Kommen Sie gut nach oben."
Dann endlich brachte er es fertig, den Bann zu lösen, der ihn nahezu unbeweglich machte und holte ihr mit dem Aufrufezauber ein Glas Wasser herbei.
„Danke."
Das Glas leerte sie in einem Zug und hielt es ihm erneut hin, damit er es wieder füllte.
Mit dem vollen Glas in der Hand stellte sie sich auf die Zehenspitzen und hauchte einen zarten Kuss auf seine Wange.
„Sie sind wirklich ein Engel. Gute Nacht."
Zu schnell war sie seinem Gesichtsfeld entschwunden. Das Gefühl, sie immer noch in der Taille festzuhalten, war fast übermächtig. Träge, beinahe widerwillig wandte er sich um und sah zu, dass er in seinen Kerker kam. So berauscht, wie er sich eben gefühlt hatte, kippten sich zwei Dinge über ihm aus wie mehrere Liter eiskalten Wassers.
Die Kerkertür war die ganze Zeit offen gewesen! Und – heute hatte er zum ersten Mal Obliviate nicht aussprechen können. Weil er einfach nicht daran gedacht hatte. Würde sie das ausnutzen? Er gestand sich ein, dass es ihm von Abend zu Abend schwerer fiel, diesen Zauber anzubringen.
Die Grenzen dessen, was sie vergessen sollte und was nicht, ließen sich von Tag zu Tag schwerer festlegen und abstecken. Zu viel Eigenes war dabei. Ihre Worte, ihre Taten. Es wäre wohl nicht allzu sinnvoll, sie Abend für Abend in den Kerker zu bestellen, arbeiten zu lassen und den Rest zu löschen.
Er dachte ernsthaft darüber nach, ob er das überhaupt wollte. In logischer Konsequenz würde sie am nächsten Abend wieder bei Null beginnen.
So wie es jetzt war, konnte dieser Schlagabtausch jeden Abend eine Erweiterung erfahren. Es blieb nicht beim Status quo. Er grinste. Sie würde sich wohl sehr wundern, wenn er auf einmal eine Planche herbeizauberte oder auf irgendeine andere Bemerkung von ihr einging, die sie vergessen hatte.
Bis heute war er der Annahme gewesen, dass dieser spezielle Zauber eine nützliche Einrichtung wäre. Mittlerweile artete er jedoch regelrecht in Arbeit aus, so richtig mühselige Arbeit.
In bewährter Manier rauschte er durch den Gang und näherte sich unaufhaltsam seiner Tür. Die Gemälde warfen sich bedeutungsvolle Blicke zu, aber nur eines wagte sich zu einem Räuspern. Ach ja, das Geplapper.
Snape kam in den Sinn, wie sich alle, die hier hingen, gesorgt hatten, als er aus dem Schloss gestürmt war. Eigenartig. Da hatte er sich die bösartigsten und schrägsten Figuren der Zauberergeschichte ausgesucht und sie winselten und jammerten, was mit ihr sei. Normalerweise hingen sie da, um die Schüler auf dem Weg zum und vom Unterricht weg entsprechend einzustimmen. Jeder floh regelrecht durch diesen Gang. Na, Australier gehörten nicht in die Kategorie „Jeder".
„Ich weiß es nicht, bevor hier irgendjemand fragen will. Ihr war schlecht."
Die Gemälde wanderten wieder mit.
„Wie schlecht?"
„Sehr schlecht?"
„Ganz schlecht?"
Schon wollte er auffahren, um diesem Gejammer ein Ende zu setzen, als die Gemälde noch eine Steigerung auf Lager hatten. Sie sprachen mit sich selbst.
„Könnt ihr euch vorstellen, wenn unsere Kleine uns nicht mehr aufzieht?"
„Grauenvoll, ich darf gar nicht daran denken. Das wird mir fehlen wie die Luft zum Atmen."
„Ja", krähte das nächste, „und morgen bin ich mit der Titelvergabe dran. Oh nein!"
„Stimmt ja, morgen bis du dran. Ich platze schon seit einer Woche vor Ungeduld, welchen Titel sie dir verpasst."
Snape erstarrte und drehte sich einmal um sich selbst. „Kann mir vielleicht jemand sagen, was hier los ist?"
Sein Zischen brachte zwar alle zum Verstummen, hielt sie aber nicht vom Gestikulieren ab.
„War jemand im Kerker?" fragte er scharf. Diesmal kam es wie aus einem Mund.
„Nein."
Er drehte sich wortlos um und rauschte hinein.
Was sollte er als erstes tun? Kopf schütteln? Befreit aufatmen? Er wusste es wirklich nicht. Eins tat er aber zuallererst, seine Tür schließen! So langsam wurde sie ihm unheimlich. Wie es schien, war es nicht genug damit getan, dass sie ihm über den Mund fuhr, wie es ihr passte, nein, sie wusste oder ahnte, wie es in ihm aussah. Dass er wirklich, um ihr sozusagen die Flucht zu ermöglichen, ihren Arbeitsplatz aufräumte.
Aber vom Herumstehen wurde niemand klug und es räumte sich auch nicht alles wieder an Ort und Stelle. Einige Utensilien mussten schließlich auch noch gesäubert werden.
Locker stieß er sich von der Tür ab und pendelte nach vorn. Er stemmte die Hände in die Seiten und besah sich diesen Arbeitsplatz. Bevor er an das Zusammenräumen und Säubern ging, fiel sein Blick auf das Rezept. Diese Idee von ihr, den jeweils letzten Arbeitsschritt leuchtend hervorzuheben, gefiel ihm. Der letzten Zeile nach zu urteilen müsste der Trank jetzt über ein sattes Orange verfügen und ab und zu kleine Blasen schlagen.
Sein kritischer Blick wanderte zum Kessel. Er kniff die Augen zusammen und riss sie wieder auf. Was er vor sich sah, warf weder Blasen noch entsprach dieser Pastellton auch nur annähernd der Farbe Orange.
Vor ihm standen noch der Mörser und daneben eine Petrischale. Sein Finger fuhr die Zeile entlang. Das müsste getrocknetes Kobrablut sein. Danach sah der Trank orange aus. Er wusste, sie würde nie etwas vergessen. Er tippte eher darauf, dass sie das Kobrablut im heutigen Trubel nicht mehr hatte hinzufügen können.
Ungern wollte er ihr in die Parade fahren, in diesem Falle in diesen Trank, an dem sie nun schon seit einigen Tagen arbeitete. Allerdings war diese Zeile schon markiert und demzufolge würde sie sicher morgen davon ausgehen, sie wäre abgearbeitet. Sie musste es ja nicht erfahren. Es stand ohnehin in den Sternen, was sie an Erinnerung morgen noch aufbrachte.
Schnell kippte er die Petrischale über dem Kessel aus und wollte sich schon aus dem Staub machen, um sie zu reinigen, als er von dem Geschehen magisch angezogen wurde.
Denn wie es schien, hatte die Zutat enorme Schwierigkeiten, überhaupt dort hineinzugelangen. Als sie endlich die Oberfläche der Flüssigkeit berührte, schäumte diese zwar kurz auf, nahm für genauso kurze Zeit die vorgeschriebene Farbe an - um dann rückfällig zu werden. Pastellfarben. Atemlos verfolgte er diesen Vorgang.
Langsam kippte sein Kopf zur Seite und über sein Gesicht huschte ein anerkennendes Lächeln. Er wusste, was das war.
„Du kleines australisches Biest. Das glaub ich einfach nicht."
