Hi Leute! Vielen Dank für eure Reviews und viel Spaß beim Lesen! :) Ach übrigens, was mich mal interessieren würde, wie schnell wusstet ihr beim letzten Kapitel, wer der geheimnisvolle Angreifer ist? Wusstet ihr es schon in der Glücksspiel-Szene? Habt ihr euch von Sirius' Überlegungen verwirren lassen? Seid ihr gleichzeitig mit ihm auf die richtige Lösung gekommen?

Daniel Freund: Schön, dass es dir gefallen hat. :) Ja, es ist wirklich schwer, sich Gedanken über die Zukunft zu machen, wenn gerade die ganze Welt um einen herum zusammengebrochen ist...

Larry: Freut mich, dass dir die Briefe von den Potters gefallen haben. Es war wahnsinnig schwer, sie zu schreiben.^^ Und ich glaube, unter McGonagalls ruppiger Schale verbirgt sich ein weicher Kern... ;)


DISCLAIMER: WELT UND PERSONEN GEHÖREN J. K. ROWLING.


Der Mann im Schatten

„James, ich musst mit dir sprechen."

James sah von seinen Zaubertränkehausaufgaben auf. Seine Gesichtsausdruck verfinsterte sich, als er Sirius erkannte.

„Was willst du, Black?"

Sirius sah sich nervös über die Schulter. Er war sich sicher, dass der gesamte Gemeinschaftsraum sie beobachtete.

„Ich weiß, wer der geheimnisvolle Angreifer ist", sagte er mit gesenkter Stimme. James hätte beinahe sein Tintenfass fallen gelassen. Hätte nicht so viel auf dem Spiel gestanden, hätte Sirius gelacht. Aber der Quidditch-Kapitän hatte sich schnell wieder gefasst.

„Wenn das wieder einer von deinen miesen Scherzen ist, Black..."

Sirius schüttelte hastig den Kopf.

„Nein, ist es nicht. Ich meine es ernst."

James musterte ihn nachdenklich. Sirius zwang sich, seinen Blick zu erwidern.

„Na schön", sagte sein ehemaliger bester Freund schließlich. „Wenn Remus aus alte Runen kommt, treffen wir uns im Schlafsaal und besprechen alles."

Sirius nickte. Vor Erleichterung hatte er beinahe weiche Knie.

„In Ordnung."

Er wandte sich zum Gehen.

„Sirius!"

Sein Vorname ließ Sirius mitten in der Bewegung erstarren. James war aufgestanden und hatte ihn am Arm gepackt.

„Wenn das nur ein Trick ist... Wenn daran irgendwas faul ist..."

Er musste nichts weiter sagen. Sirius nickte stumm. Dann ging er nach oben und wartete.


Als die anderen in den Schlafsaal kamen, stand Sirius am Fenster. Er hatte sich erst auf sein Bett gesetzt, war dann im Raum auf und ab gegangen, hatte sich wieder auf sein Bett gesetzt und war schließlich erneut aufgestanden, um aus dem Fenster zu starren.

Remus ging direkt zu seinem Bett hinüber und suchte etwas in seinem Koffer, ohne Sirius eines Blickes zu würdigen. Peter blieb unsicher im Raum stehen. James baute sich vor Sirius auf und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Also?"

Sirius zwang sich, nicht auf den Boden zu sehen.

„Ich weiß, wer der geheimnisvolle Angreifer ist", wiederholte er seine Worte von vorhin. Jemand, vermutlich Remus, schnaubte verächtlich.

„So weit waren wir schon", bemerkte James kühl.

„Es ist Rabies. Der ehemalige Kommandant des Werwolf-Fangkommandos."

Einen Moment lang herrschte Schweigen, dann brach Peter in schrilles Gelächter aus. James' Gesichtsausdruck verdüsterte sich.

„Tut mir leid, Black, wenn ich dir das nicht so ganz glaube. Ich hatte den Eindruck, dass das Werwolf-Fangkommando bisher eher auf der Seite von Voldemort stand."

„Auf der Seite desjenigen mit den meisten Galleonen", korrigierte Sirius. „Rabies ist gefeuert worden, weil er die Notfalleinsätze bei den Werwolf-Angriffen letztes Jahr verzögert hat. Klar, er ist bestochen worden, aber er hat erwartet, dass die Todesser ihn davor schützen. Stattdessen haben sie ihn einfach fallen gelassen und jetzt rächt er sich an jedem, den er dafür verantwortlich macht."

James wollte etwas sagen, doch Remus kam ihm zu vor.

„Nette Geschichte, Black."

Seine Stimme klang so kalt, wie Sirius sie noch nie gehört hatte. Unwillkürlich machte er einen Schritt zurück.

„Kannst du das auch beweisen?"

Also erzählte Sirius ihnen, was in der Nokturngasse passiert war.

„Du willst uns also ernsthaft weismachen, du wärst mit dem Fahrenden Ritter nach London gefahren, hättest dich als wer anders ausgegeben, mit einem Dieb, einem Todesser, einem Quidditch-Spieler, einem Werwolf-Jäger und ein paar anderen komischen Gestalten Karten gespielt..."

„Würfel."

„Wie bitte?"

Remus' Stimme klang gepresst, als beiße er sich gerade auf die Zunge, um Sirius nicht etwas ganz anderes entgegen zu schleudern.

„Wir haben nicht Karten, sondern Würfel gespielt", stellte Sirius klar. Remus sah aus, als würde er sich jeden Moment auf ihn stürzen.

„Also, ihr habt Würfel gespielt, du wärst besagtem Quidditch-Spieler weiter in die Nokturngasse gefolgt, wärst von einem vermummten Mann niedergeschlagen und von einem Todesser bedroht worden, bist dann von Fletcher gerettet worden und ohne einen Kratzer und ohne erwischt zu werden, nach Hogwarts zurückgekehrt? Ja? Das willst du uns sagen? Soll ich dir mal was sagen, Black?", setzte er nach einer kurzen Pause hinzu. „Ich habe schon von Fünfjährigen überzeugendere Lügengeschichten gehört!"

Sirius spürte, wie sein Mund trocken wurde. Er hatte damit gerechnet, dass die anderen seine Motive in Frage stellen würden, aber er hatte nicht gedacht, dass sie ihn für einen Lügner halten würden, wenn er die ganze Geschichte erzählte.

„Wenn ihr mir nicht glaubt, könnt ihr Fletcher fragen", brachte er so ruhig wie möglich hervor. Aber Remus schnaubte nur verächtlich und wandte sich wieder seinem Koffer zu.

„Was ich nicht verstehe, Black, ist, inwiefern das Ganze unser Problem ist", mischte sich James ein.

„Er greift Unschuldige an", antwortete Sirius wie aus der Pistole geschossen. In dem Augenblick, in die Worte seine Lippen verließen, wusste er, dass er einen Fehler gemacht hatte.

„Dumbledore sagt das", fügte er eilig hinzu, aber es war schon zu spät.

„Dumbledore", zischte James, „steht hier nicht zur Debatte. Und bislang hat der Angreifer meines Wissens nach nur Todesser angegriffen – keine Unschuldigen."

Sirius hätte sagen können, dass Regulus unschuldig gewesen war, als der geheimnisvolle Angreifer ihn schwer verletzt hatte, egal, was er danach getan hatte. Aber er wusste, dass James dieses Argument nicht akzeptieren würde. Also sagte er das erste, was ihm einfiel: „Es war ihm völlig egal, dass ich enterbt worden bin oder mich die Todesser als Blutsverräter sehen. Für ihn war ich einfach nur ein Black und nicht..."

„Dann", unterbrach ihn Remus mit seiner kalten Stimme, „hat der Angreifer nicht willkürlich, sondern folgerichtig und konsequent gehandelt. Du bist ein Black. Und es war dumm von uns, jemals etwas anderes anzunehmen."

Damit knallte er seinen Koffer zu und verließ den Schlafsaal. Die anderen folgten nach kurzem Zögern. Sirius blieb fassungslos zurück und sah ihnen hinterher. Dann spürte er wie Wut in ihm aufstieg. Schön, er hatte einen Fehler gemacht, einer, der vermutlich unverzeihlich war, und es war in Ordnung, wenn niemand von ihnen mehr etwas mit ihm zu tun haben wollte, er verdiente nichts anderes. Aber das bedeutete nicht, dass er log. Sie hätten seine Geschichte mit Leichtigkeit nachprüfen können, aber sie hatten ihm noch nicht mal diese Chance gegeben.

Sirius packte den nächstbesten Gegenstand, der ihm in die Hand geriet (einen Schuh), und warf ihn mit aller Kraft gegen das Fenster. Es gab ein paar Risse, aber sonst passierte nicht viel, was Sirius beinahe noch wütender machte. Er holte aus und rammte seine Faust mit aller Kraft gegen das Glas. Die Scheibe ging mit einem befriedigendem Krachen zu Bruch und ein Windstoß wirbelte ins Zimmer.

Sirius' Knöchel waren aufgeplatzt und pochten dumpf und mehrere große Glasscherben ragten aus seiner Hand heraus. Sirius zog sie, ohne mit der Wimper zu zucken, heraus und achtete nicht auf das Blut, das von seinen Fingern auf den Boden tropfte. Er hatte schon Schlimmeres durchgestanden und wenn es ihm zu viel wurde, konnte er die Verletzung jederzeit heilen. Im Moment verschafften ihm die Schmerzen ein eigenartiges Gefühl der Befriedigung. Seine Hand pochte im Rhythmus seines Herzschlags. Wollten die anderen ihn nicht verstehen oder waren sie wirklich so dumm? Wenn es dem Angreifer egal war, dass Sirius enterbt worden war, dann würde er auch irgendwann nicht mehr zwischen den reinblütigen Familien unterscheiden. Dann würde er auch irgendwann die Potters oder Pettigrews angreifen.

Entmutigt ließ sich Sirius auf sein Bett fallen und fragte sich, was er eigentlich erwartet hatte. Bestimmt nicht, dass sie sich alle umarmen und danach Butterbier trinken gehen würden; aber ein kleiner, dummer, naiver Teil von ihm hatte gehofft, dass sich die anderen für seine Geschichte interessieren würden und dass sie, ganz vielleicht, zusammen rätseln könnten, was Mike Mishepp in der Nokturngasse zu tun gehabt haben könnte. Aber da hatte er sich gründlich geirrt.

Als Sirius Stunden später aufstand, um zu seiner Strafarbeit in die Bibliothek zu gehen, ließ er das Fenster kaputt zurück. Sollten sich doch die anderen darum kümmern. Er jedenfalls würde sie in Zukunft in Ruhe lassen.


„Ich habe mit Fletcher gesprochen."

Es war Montagabend und Sirius saß in der Bibliothek. Nicht lange und er würde sich wieder durch alte Ausgaben von Angewandte Zaubertrankkunde wühlen. James lehnte an einem Regal bei seinem Platz.

„Und?"

Sirius ließ seine Stimme betont gleichgültig klingen.

„Du hast die Wahrheit gesagt."

„Echt? Da erzählst du mir ja gerade was völlig Neues, Potter!"

Vermutlich versuchte James, nett zu sein, aber Sirius war immer noch wütend. Außerdem brauchte er kein Mitleid.

„Ich habe Fletcher außerdem gesagt, was du uns über den Angreifer erzählt hast", fuhr James fort, ohne sich an Sirius' Tonfall zu stören, „und ihm befohlen, es Dumbledore zu sagen."

Sirius warf James einen überraschten Blick zu.

„Gute Idee", musste er zugeben. Dumbledore konnte etwas unternehmen und da die Information von Fletcher kam, würde Sirius nicht zugeben müssen, dass er sich in die Nokturngasse geschlichen hatte.

James grinste selbstgefällig.

„Ich weiß."

Für einen winzigen Moment war alles wie früher. Dann erstarb das Grinsen auf James' Gesicht und er blickte zur Seite. Hastig senkte Sirius die Augen auf sein Buch.

„Wenn Rabies in den nächsten Tag festgenommen wird", sagte James in die Stille hinein, „dann wissen alle, dass du Recht gehabt hast."

Das Wort „alle" betonte er dabei eigenartig. Sirius runzelte die Stirn. Alle, das waren doch nur James, er selbst, Peter und...Remus. Meinte James damit „auch Remus"? Glaubte er ihm?

Sirius holte Luft – doch als er aufblickte, um seine Frage zu stellen, war James gegangen.


Sirius behielt Recht – Rabies wurde tatsächlich innerhalb der nächsten drei Tage festgenommen. Sirius wünschte nur, Remus hätte nicht gerade im Krankenflügel gelegen, als die Meldung im Tagespropheten kam; vielleicht wäre der Wolf dann etwas weniger gewalttätig gewesen. Als Moony sich bei Morgengrauen in den oberen Stock zurückzog, konnte Sirius kaum noch laufen. Irgendetwas stimmte mit seiner linken Schulter nicht und sein rechtes Bein war gebrochen und vermutlich auch ein paar Rippen. Winselnd schleppte sich Tatze den Geheimgang entlang und in Richtung des Verbotenen Waldes. Er hinterließ eine Spur blutiger Fußabdrücke. Muss ich später noch wegmachen, schoss es Sirius dumpf durch den Kopf. Darf keine Spur zu Moony führen...

Er hörte Hufe schlagen, etwas kam rasch näher. Tatze versuchte, schneller zu laufen, aber seine Beine knickten einfach unter ihm ein. Dann war plötzlich Krone neben ihm, der sich noch im Laufen zurückverwandelte. Tatze versuchte aufzustehen, aber seine Beine wollten ihm nicht gehorchen.

„Sshhh..." James kniete sich vor Tatze auf den Boden. „Halt still, du Idiot." Er richtete seinen Zauberstab auf Tatzes Hinterlauf und murmelte: „Episkey."

Ein scharfer Schmerz schoss durch Tatzes Bein, der Hund jaulte lauft auf, dann war der Knochenbruch verheilt.

James ließ erst zu, dass Sirius sich zurückverwandelte, als er jede Verletzung geheilt hatte, die er auf magischem Wege verarzten konnte. Trotzdem war Sirius so erschöpft, dass er kaum laufen konnte.

„Warum tust du das, James?", murmelte er, als James ihn den ganzen Weg zum Gryffindor-Turm stützte. James antwortete er nicht. Er half Sirius wortlos auf sein Bett und zog die Vorhänge zu. Als Sirius Stunden später aufwachte, war er allein.


Wäre Sirius nicht im Gryffindor-Turm aufgewacht, hätte er sich ernsthaft gefragt, ob er das Ganze nicht vielleicht nur geträumt hatte. Er wurde aus James' Verhalten nicht schlau. Auf wessen Seite stand er? Er hatte nicht nur Sirius' Verletzungen geheilt, er hatte anscheinend auch noch, als Sirius schon geschlafen hatte, seine Schulter versorgt, wo er von Moony gebissen worden war. Die Verbände waren durchgeblutet, aber inzwischen schien es aufgehört zu haben. Probeweise bewegte Sirius seine Schulter – und biss die Zähne zusammen. Das war um einiges unangenehmer als die Kratzspuren beim letzten Vollmond. Als er versuchte aufzustehen, wurde ihm für einen Augenblick schwarz vor Augen und er musste sich an seinem Bett festhalten. Sirius fiel die blutige Spur ein, die er hinterlassen hatte. Verdammt, wie viel Blut hatte er verloren?

Er war froh, dass Freitag war und er den Unterricht ohnehin schon verpasst hatte. So hatte er das ganze Wochenende, um sich zu erholen. Sirius warf einen Blick auf seine verzauberte Karte von Hogwarts und unterdrückte ein Stöhnen: Remus lag noch im Krankenflügel, aber James und Peter saßen im Gemeinschaftsraum. Keine guten Voraussetzungen, um sich unbemerkt in die Küche zu schleichen. Andererseits würde sie ihn vermutlich einfach ignorieren. In diesem Moment bewegte sich James' Punkt plötzlich quer durch den Gemeinschaftsraum auf die Treppe zu den Schlafsälen zu. Sirius fluchte. Für einen Moment zog er es ernsthaft in Erwägung, sich wieder schlafend zu stellen, aber dann entschied er sich dagegen. Erstens wäre es feige gewesen und zweitens würde er auf diese Weise nie erfahren, wo James stand.

„Wach?", fragte James, als er die Tür zum Schlafsaal aufstieß und Sirius auf seinem Bett sitzen saß. Er klang nicht unbedingt freundlich, aber auch nicht offen feindselig.

„Hmm. Danke übrigens."

Sirius gestikulierte in Richtung seiner Schulter. James zuckte mit den Achseln. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, wandte sich dann jedoch ab und begann, nach irgendwas in seinem Nachttisch zu suchen.

„Warum hast du mir geholfen?", wollte Sirius wissen.

„Wär's dir lieber gewesen, ich hätte dich blutend im Gras liegen gelassen?", kam es von James barsch zurück.

„Nein, aber..." Sirius stockte. „Du hast mir geglaubt", sagte er schließlich. „Die Geschichte mit Rabies."

„Ich habe geglaubt, was Fletcher bestätigt hat", korrigierte James kühl, „und ich habe Dumbledore vertraut." Er wandte sich zu Sirius um. „Anscheinend hat er deine Schlussfolgerungen für plausibel gehalten und den geheimnisvollen Angreifer tatsächlich für eine Gefahr."

Er drehte sich wieder um. Sirius presste die Lippen zusammen.

„Verstehe." Nach kurzem Zögern setzte er hinzu: „Aber du hast mir eine Chance gegeben."

James fuhr herum. Er sah jetzt wirklich wütend aus.

„Was soll das werden, Sirius? Ich stehe nicht auf deiner Seite und ich lasse mich nicht von dir manipulieren! Du hattest deine Chance, als der Sprechende Hut dich nach Gryffindor gesteckt hat. Und du hast sie verspielt!"

„Und trotzdem hast du dir die Mühe gemacht, mit Fletcher zu reden", beharrte Sirius. James rieb sich die Stirn und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.

„Ja, verdammt! Und vermutlich war das auch schon ein Fehler! Vermutlich hätte ich dich heute Morgen auch im Gras liegen lassen sollen!" Er unterbrach sich und fuhr etwas ruhiger fort: „Remus hätte es getan. Er hätte dich liegen gelassen. Du hast keine Ahnung, was du ihm angetan hast. Ich habe in noch nie so wütend gesehen!"

„Dann hättest du mich liegen lassen sollen", gab Sirius scheinbar gelassen zurück. James raufte sich die Haare und ließ sich auf sein Bett sinken.

„Du hättest nicht da sein sollen, Black. Beide Nächte nicht. Du hättest im Schlafsaal liegen und von Slytherin träumen und am nächsten Tag seelenruhig frühstücken sollen."

„Ich tue selten, was man von mir erwartet."

James warf ihm einen undefinierbaren Blick zu.

„Deine Schulter", sagte er, „ich hoffe, sie tut richtig weh. Es wird nämlich nicht besser werden...die Vollmondnächte, meine ich. Und vielleicht ist es irgendwann nicht deine Schulter, sondern dein Hals."

Sirius zuckte mit den Achseln – und verzog das Gesicht, als prompt ein scharfer Schmerz durch das verletzte Gelenk schoss.

„Das ändert nichts."

„Das dachte ich mir." James holte tief Lust. „Schätze, deshalb konnte ich dich nicht im Gras liegen lassen."

Und bevor Sirius noch etwas sagen konnte, war er aufgestanden und gegangen. Erst Minuten später fiel ihm auf, dass James gar nichts aus seinem Nachttisch mitgenommen hatte.


Remus wurde am Sonntagmittag aus dem Krankenflügel entlassen. Sirius sah es auf seiner verzauberten Hogwarts-Karte. Er ging mit James und Peter in die Große Halle, wo sie wahrscheinlich zu Mittag aßen; danach gingen die drei in den Gryffindor-Turm. Allerdings blieben sie nicht im Gemeinschaftsraum, sondern setzten sich in den Schlafsaal. Sirius fragte sich, ob sie nicht belauscht werden wollten und einen neuen Streich planten oder ob Remus vielleicht einfach noch müde von seiner Verwandlung war und die anderen im Gesellschaft leisteten.

Lustlos wandte er sich seinen Hausaufgaben zu und las danach etwas über Strategien gegen magieresistente Wesen; noch einmal würde er sich von jemandem wie Rabies nicht überrumpeln lassen. Er steckte gerade mitten in Mit dem Schwert in der Hand – heroische Taten tumber Zauberer, als eine Stimme fragte: „Hey, kommst du mit zum Abendessen in die Große Halle?"

Sirius sah auf.

„James?", fragte er ungläubig. Der genannte grinste.

„Der einzig wahre. Also, kommst du jetzt?"

Sirius zögerte. Natürlich hätte er gern mit James in der Großen Halle zu Abend gegessen, aber sein Gefühl sagte ihm, dass irgendetwas an dieser Situation nicht stimmte. James wirkte...unbekümmert. Als wenn nichts passiert wäre. Dabei hatte er erst vor zwei Tagen betont, dass er nicht auf Sirius' Seite stand.

„Ich glaube nicht, dass die anderen damit einverstanden sind", sagte er schließlich. „Aber danke für das Angebot."

James ließ sich auf den Stuhl an der anderen Seite des Tisches fallen.

„Remus hat versprochen, dich nicht zu verhexen. Er ist nicht gerade glücklich, aber...er hat zugestimmt."

Sirius biss sich auf die Lippe.

„Trotzdem", sagte er schließlich. „Es wäre nicht..."

„Was liest du da eigentlich?", unterbrach James ihn und streckte die Hand nach dem Buch aus. „Mit dem Schwert in der Hand...planst du etwas, worüber ich Bescheid wissen sollte?"

Das entlockte Sirius ein schwaches Lächeln.

„Es ist nicht besonders gut, aber es berichtet, wie manche Zauberer früher aufgrund ihres Ehrenkodex ohne Magie gegen Drachen gekämpft haben. Ein paar von ihnen haben sogar überlebt."

„Ah." James wirkte nicht sonderlich beeindruckt. „Und mit wie vielen Gliedmaßen?"

Sirius grinste.

„Meist nicht allzu vielen."

James nickte, als habe er nichts anderes erwartet.

„Und warum liest du das?" Er beantwortete sich die Frage gleich selbst: „Wegen Rabies, stimmt's?"

Sirius nickte.

„Es war dumm von mir. Wenn Fletcher nicht gewesen wäre..." Er verzog das Gesicht. „Erst dachte ich übrigens, es wäre Mishepp", setzte er nach kurzem Zögern hinzu. „Ich hatte ihn kurz vorher aus den Augen verloren und dachte, er wäre vielleicht zurückgekommen."

James nickte nachdenklich.

„Vielleicht hätte er sogar ein Motiv gehabt. Wenn er wirklich sein ganzes Geld bei diesem Freundschaftsspiel verloren hat... Wer weiß, gegen wen er gewettet hat."

„Oder bei wem er noch Schulden hatte", meinte Sirius nachdenklich. „Fletcher hat gesagt, dass mehrere Spieler weggeblieben sind, seit Gringotts keine Kredite mehr vergibt."

„Es würde jedenfalls erklären, warum Mishepp die Kobolde 'kleine grüne Giftzwerge' genannt hat", stimmte James mit amüsierter Stimme zu. Dann wurde er wieder ernst.

„Aber es würde mich wirklich interessieren, was Mishepp in der Nokturngasse zu suchen hatte..."

„Die anderen Spieler kannten ihn. Er scheint also öfter dort zu sein", meinte Sirius nachdenklich. „Aber was er dann später in diesem Trümmerfeld wollte – keine Ahnung. Ich dachte erst, er hätte vielleicht was mit den Todessern zu tun, aber ich wüsste nicht was. Und Pyrites und er schienen sich nicht näher zu kennen."

„Hmmm..."

James starrte nachdenklich vor sich hin. Dann warf er einen Blick auf seine Uhr und sprang plötzlich auf. „Mist! Wir wollten uns schon vor zehn Minuten in der Großen Halle treffen!"

Er war schon eine Regalreihe weiter, als ihm auffiel, dass Sirius ihm nicht gefolgt war. Er drehte sich um.

„Was ist?"

„James..."

Remus hatte jedes Recht, ihn nicht in seiner Nähe haben zu wollen. Er würde ihm seine Gesellschaft nicht aufzwingen.

James verdrehte die Augen.

„Hör zu, Black. Wir haben vorher darüber gesprochen, okay? Und wir haben alle zugestimmt, auch Remus. Also kommst du jetzt?"

Sirius zögerte einen Moment, dann klappte er sein Buch zu.

„Na gut."


Sirius war sich sicher, dass die gesamte Große Halle, einschließlich der Lehrer, sie beobachtete. Immerhin war es das erste Mal seit über zwei Monaten, dass man die Rumtreiber wieder zusammen sah. Allerdings sah es von außen vermutlich harmonischer aus, als es tatsächlich war.

Remus stach mit einer solchen Wut auf sein Essen ein und knallte seine Becher mit einer Wucht auf den Tisch, dass Sirius sich sicher war, dass er sich nur sehr mühsam beherrschen konnte, sich nicht auf ihn zu stürzen. James redete die ganze Zeit ohne Punkt und Komma über Quidditch, ohne dass ihm einer der anderen zuhörte, und Peter blickte unsicher zwischen James, Sirius und Remus hin und her und hatte offensichtlich überhaupt keine Ahnung mehr, was er von der ganzen Sache halten sollte. Sirius schwieg die meiste Zeit. Er wollte Remus nicht provozieren und er hatte keine Ahnung, was er zu Peter sagen sollte. Mit James zu sprechen war vorhin in der Bibliothek so einfach gewesen, aber angesichts Remus' Miene hatte Sirius das Gefühl, das schon der kleinste Laut seinerseits ihn zur Explosion bringen würde.

Nach dem Abendessen gingen James, Remus und Peter in den Gryffindor-Turm, während Sirius in die Bibliothek ging. Während er Zeitungen sortierte (seine Schulter protestierte jedes Mal schmerzhaft, wenn er in eine der oberen Regalreihen greifen musste), dachte er über den Abend nach. Es war keine dramatische Wiedervereinigung gewesen – nicht, dass er eine erwartet hätte – aber es war ein Anfang.


Sirius hatte nicht wirklich erwartet, dass die anderen am nächsten Tag zum Frühstück auf ihn warten würden, aber sie taten es. Es lief ähnlich wie das Abendessen zuvor, nur dass James, Morgenmuffel, der er war, diesmal nicht redete, sondern über seinem Kaffee brütete.

In Zaubertränke arbeitete Sirius mit Peter zusammen und James mit Remus, der jedes Mal zusammenzuckte oder etwas fallen ließ, wenn Sirius ihn ansprach. (Jede andere Arbeitsaufteilung hätte keinen Sinn gemacht, weil Peter in Zaubertränke eine Niete war und es das einzige Fach war, in dem Remus Schwierigkeiten hatte.)

In Geschichte der Zauberei spielten James und Sirius heimlich Zauberschnippschnapp unter der Bank, während Remus mit einem missbilligendem Gesichtsausdruck Notizen machte. Peter machte ebenfalls einen Versuch, Prof. Binns zuzuhören, schlief jedoch nach zehn Minuten ein.

Beim Mittagessen war James um einiges ausgelassener als beim Frühstück.

„Also, was unternehmen wir wegen Mishepp?", fragte er fröhlich in die Runde. Remus verschluckte sich an seinem Kürbissaft und Sirius blickte sich nervös über die Schulter, bis ihm einfiel, dass James irgendwo einen kleinen praktischen Zauber aufgeschnappt hatte, der bei allen Leuten in Hörweite ein Störgeräusch erzeugte, sodass man nicht belauscht werden konnte.

„Wir unternehmen gar nichts wegen Mishepp!", würgte Remus hustend hervor. „Hat er", er gestikulierte in Sirius' Richtung, „dich etwa auf diese bescheuerte Idee gebracht?"

„Nein, hat er nicht", antwortete Sirius für James, der nicht minder überrascht war. Remus tat, als hätte er ihn nicht gehört.

„James, das kann nicht dein Ernst sein", wandte er sich wütend an den Gryffindor. „In knapp drei Wochen sind Prüfungen. Unsere Ergebnisse bei den ZAGs entscheiden, welche UTZ-Klassen wir nehmen und welche Berufe wir später machen können. Und du willst irgendeinem Quidditch-Spieler hinterherspionieren? Ausgerechnet mit ihm?"

Er deutete mit dem Daumen auf Sirius. James verdrehte die Augen.

„Erstens kann ich den Stoff für die ZAGs schon lange, zweitens habe ich Sirius noch gar nicht gefragt, ob er mitkommen will, und drittens, bist du überhaupt nicht neugierig? Interessiert es dich gar nicht, was Mishepp in der Nokturngasse gemacht haben könnte?"

„Natürlich interessiert es mich!", schnappte Remus. „Aber in drei Wochen sind ZAG-Prüfungen, die über unserer künftiges Leben entscheiden! Hörst du mir denn gar nicht zu? Weißt du nicht mehr, was die letzten Male passiert ist, als wir unsere Nase in Dinge gesteckt haben, die uns nichts angehen?"

„Damals haben wir uns mit Voldemort angelegt, wir wussten, dass es gefährlich wird", hielt James dagegen. „Diesmal ist das anders. Wir gucken ein bisschen rum und verschwinden wieder. Es kann überhaupt nichts passieren."

„Ihr wollt in die Nokturngasse. Da kann alles passieren. Und wie wollt ihr überhaupt da hinkommen?", fuhr Remus fort, bevor James widersprechen konnte. „Nur falls du es vergessen hast, die Nokturngasse ist in London!"

James zuckte mit den Schultern.

„Wir könnten wieder das Flohnetzwerk manipulieren. Oder wir nehmen den Fahrenden Ritter."

„Wenn ihr den Fahrenden Ritter nehmt, braucht ihr länger, um zurückzukommen, falls etwas passiert."

„Gutes Argument!" James schlug Remus grinsend auf die Schulter. „Also nehmen wir das Flohnetzwerk."

Remus starrte James einen Augenblick ungläubig an, dann fauchte er: „Ich habe nie gesagt, dass ihr irgendwas nehmen sollt! Wann willst du das überhaupt machen? Wir haben Unterricht, der Gemeinschaftsraum ist ständig besetzt, weil die Leute für die Prüfungen lernen..."

„Wir schmeißen einfach ein paar Stinkbomben in den Raum..."

„...und dieses Jahr ist es nicht so wie vor zwei Jahren mit Hufflepuffs Becher! Diesmal weiß niemand, wo ihr seid, also muss jemand den Kamin überwachen, damit ihr zurückkommen könnt! Und ich glaube nicht, dass jemand das machen will, nachdem ihr Stinkbomben in den Gemeinschaftsraum geworfen habt!"

„Kopfblasenzauber."

James und Remus fuhren herum.

„Was?", wollte Remus barsch wissen.

„Wir nehmen einfach einen Kopfblasenzauber", wiederholte Sirius. „So kann jemand im Gemeinschaftsraum bleiben, selbst nachdem wir Stinkbomben reingeworfen haben."

Remus warf Sirius einen mörderischen Blick zu.

„War ja klar, dass du ihn unterstützt. Hast du nicht schon genug Schaden angerichtet? Warum hast du ihm überhaupt von deinem Ausflug in die Nokturngasse erzählt?"

Es schwang so viel Abscheu in Remus' Stimme mit, dass Sirius unwillkürlich zuückzuckte.

„Ich musste es jemandem sagen", verteidigte er sich. „Dumbledore..."

„Du hättest gleich zu Dumbledore gehen sollen und nicht zu James!"

„Aber dann..."

„...hätte er dich rausgeschmissen?", meinte Remus hämisch. „Ganz genau! Das hätte er nämlich schon vor Monaten tun sollen!"

Und mit diesen Worten packte er seine Tasche und marschierte aus der Großen Halle. Die anderen drei sahen ihm fassungslos hinterher, dann sprang James auf.

„Remus, warte..."

Damit blieben nur noch Sirius und Peter.

„Los, geh schon."

Mehr Ermutigung brauchte Peter nicht. Er sprang auf und lief den anderen hinterher. Sirius wartete ein paar Minuten, dann schob er seinen Teller weg und stand auf. Er hatte keinen Hunger mehr.


Es tat weh, viel mehr noch als am Anfang. Sirius fragte sich, wie er hatte so dumm sein können. Er hatte gewusst, dass das, was er getan hatte, unverzeihlich war. Wie hatte er da auch nur einen Augenblick glauben können, dass sich alles schon wieder zum Guten wenden würde?

„Puh, Flitwicks Aufsatz muss ja echt übel sein, so wie du aussiehst."

Sirius sah ungläubig auf.

„James?! Was machst du denn hier?"

„Dir Gesellschaft leisten offensichtlich", gab James zurück und begann, seine Bücher auszupacken. „So oft wie du in der Bibliothek bist, könnte man meinen, dass du tatsächlich für deine ZAGs lernst. Das ist schlecht für unseren Ruf als Rumtreiber."

Sirius konnte nicht lachen.

„Was willst du, James?", wiederholte er. „Wenn du hier bist, weil du dich dazu verpflichtet fühlst, dann gehst du besser. Remus kann deine Gesellschaft besser gebrauchen als ich."

James rieb sich die Stirn und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.

„Ich bin nicht hier, weil ich mich dazu verpflichtet fühle, Black. Ich bin hier, weil ich denke, dass du eine zweite Chance verdient hast."

Sirius runzelte die Stirn.

„Du hast gesagt, du stehst nicht auf meiner Seite."

„Tue ich auch nicht."

„Aber..."

„Ich stehe auf keiner Seite." Abermals rieb sich James die Stirn. „Merlin, warum ist das alles so kompliziert?" Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Schau mal, Sirius, du hast einen Fehler gemacht. Und ob du's glaubst oder nicht, ich bin immer noch stinksauer deshalb auf dich. Aber...ich kenne dich jetzt schon seit Jahren und ich weiß, dass du das nie einfach so gemacht hättest. Ich will keine Erklärungen hören", sagte er, als Sirius schon den Mund öffnete, „was passiert ist, ist passiert. Aber ich bin bereit, die Sache...nicht zu vergessen, aber ruhen zu lassen, okay? Und wenn dann alles wieder so wird wie früher, in Ordnung, und wenn nicht..." Er zuckte mit den Schultern. „Okay?"

Sirius nickte.

„Ich...danke", sagte er schließlich. „Aber Remus..."

„Ich weiß nicht, ob Remus dir jemals verzeihen kann. Aber das ist seine Sache. Ich stehe auf keiner Seite, schon vergessen?"

„Nein."

„Gut." James sah erleichtert aus. „Dann lass uns über was anderes reden." Er beugte sich nach vorne. „Willst du nicht auch rauskriegen, was Mike Mishepp in der Nokturngasse getan hat...?"


Sie planten die Sache für Samstagabend. Remus sprach mit kaum jemanden ein Wort, aber Peter erklärte sich einverstanden, im Gemeinschaftsraum zu bleiben und den Kamin zu überwachen. Im Notfall würden sie ihn über Sirius' Hälfte der Zweiwegespiegel kontaktieren. Nach kurzem hin und her entschieden sie sich auch dafür, ihm den Tarnumhang zu überlassen. Es wurde ohnehin immer schwerer für sie, zusammen unter den Umhang zu schlüpfen, und Sirius hatte inzwischen jede Menge Übung mit Desillusionierungszaubern. Außerdem würde es ziemlich verdächtig aussehen, wenn Peter als einziger mit einem Kopfblasenzauber im Gemeinschaftsraum saß und so tat, als lerne er für die ZAGs.

„Okay, die Luft ist rein", meldete Peter, als der Gestank von faulen Eiern die Treppe zu den Schlafsälen hinaufwaberte.

„Das will ich hoffen", sagte eine zweite Stimme. „Urgh, an diesen Gestank kann man sich nie gewöhnen!"

„Remus?", fragte James erstaunt. „Ich dachte, du wolltest nicht mitkommen!"

„Ich hab's mir anders überlegt", kam es knapp zurück. „Irgendeiner muss euch beide schließlich im Auge behalten. Also, kommt ihr jetzt?"

Das ließen sich Sirius und James nicht zweimal sagen.

„Nokturngasse!"


„Hier ist irgendwie mehr los als beim letzten Mal", murmelte Remus, als sie die durch die düstere Gasse liefen. Sie gingen eng beieinander, Zauberstäbe jederzeit bereit, die Gesichter unter den Kapuzen ihrer Reiseumhänge verborgen.

„Das letzte Mal hatten die Todesser alle verscheucht", erklärte Sirius leise. „So viel wie jetzt ist immer los."

Sie kamen an der Falschen Galleone vorbei und unwillkürlich zog sich Sirius seine Kapuze tiefer ins Gesicht. Er war froh, dass ihm an der Treppe diesmal keine Backenzähne unter die Nase gehalten wurden, dafür fand sich James plötzlich in den Armen einer Frau mit unnatürlich langen Eckzähnen wieder. Sie lachte laut auf, als James erschrocken zurücksprang, machte aber keine Anstalten, ihn anzugreifen oder sie zu verfolgen.

Allmählich wurde es dunkler, die Häuser rückten näher zusammen, es roch nach Moder und Schimmel und die schmutzigen Laternen wurden weniger.

„Nicht mehr weit", flüsterte Sirius. Die Gasse machte eine scharfe Wendung und wurde so eng, dass sie hintereinander gehen mussten. Sirius, der ganz vorne war, stellte mit Erleichterung fest, dass er diesmal keine verdächtig aussehende Pfütze überspringen musste. Dann wurde die Gasse wieder breiter und Sirius hob den Zauberstab.

„Lumos."

Vor ihnen lag im fahlen Licht des Zauberstabs das Trümmerfeld.

„Sind wir da?", wollte James atemlos wissen. Sirius nickte.

„Hier habe ich Mishepp verloren."

„Dann los!"

Vorsichtig schlichen sie weiter. Trotz des Zauberstabslicht stolperten sie immer wieder über Steine und Holzbalken, zwischen den Trümmern wuchsen Dornenranken und Unkraut. Manchmal glaubte Sirius zu sehen, wie sich etwas bewegte, aber das konnte auch das flackernde Licht gewesen sein. Oder Ratten.

Hinter sich hörte Sirius einen dumpfen Schlug und dann fluchte James laut, während Remus zischte: „Sssshhh!"

Mike Mishepp musste sehr häufig hier gewesen sein, denn er hatte sich ohne Probleme zwischen den Trümmern bewegt. Vielleicht hatte er eine Art Trampelpfad hinterlassen. Sirius hob den Zauberstab über den Kopf und sah sich um. Da! Hinter den verfallenen Resten einer Säule schien man etwas leichter laufen zu können.

„Kommt mit!"

Sie schienen auf dem richtigen Weg zu sein, denn nach der Säule kamen sie tatsächlich etwas leichter voran. Mishepps Pfad führte sie an schiefen Mauerresten vorbei und einer wackeligen Treppe, die ins Nichts führte, und endete in einem hallenförmigen Raum, dessen Decke zur Hälfte eingestürzt war und an dessen Wänden schwere rostige Ketten hingen. Mit einem Schaudern fragte sich Sirius, wofür dieser Raum wohl mal genutzt worden war. Vorsichtig ging er um die Trümmer der eingestürzten Decke herum, bis er an ein verbogenes Gitter kam, hinter dem einige Treppenstufen zu erkennen waren, bevor sie in der Finsternis verschwanden.

Sirius zögerte eine Sekunde, dann zwängte er sich durch eine Lücke zwischen Gitter und Wand hindurch. Die Treppenstufen gingen nach unten und verschwanden hinter einer scharfen Linkskurve.

„Das gefällt mir nicht", hörte er Remus leise murmeln und musste ihm Recht geben. Die Treppe war eng und sie konnten nicht erkennen, was sie hinter der nächsten Biegung erwartete. Wenn ihnen hier jemand auflauerte... Trotzdem stieg Sirius vorsichtig die glitschigen Treppenstufen hinab. Zu seiner Erleichterung ging es nicht besonders tief hinunter. Nach etwa einer vollen Wendung kamen sie an eine Tür. Versuchsweise rüttelte Sirius am Türgriff, aber wie erwartet war sie verschlossen. Er zückte den Zauberstab: „Alohomora!"

Zu seiner Überraschung schwang die Tür knarrend auf. Vorsichtig leuchtete Sirius in den Raum hinein. Er wusste nicht genau, was er erwartet hatte, vielleicht noch ein paar rostige Ketten oder eine alte Streckbank – aber jedenfalls keinen Schrank.

„Okay", sagte James laut, „ich weiß, dass manche von diesen alten Festumhängen echt peinlich sind, aber das ist wirklich übertrieben."

Sirius musste ein Lachen unterdrücken, hinter sich hörte er Remus schnauben. Er streckte die Hand aus, hielt jedoch im letzten Moment inne und schwang stattdessen lieber den Zauberstab. Mit einem leisen Quietschen sprangen die Schranktüren auf. Neugierig traten sie näher heran und hoben ihre Zauberstäbe – um sie dann enttäuscht wieder sinken zu lassen. Der Schrank war leer bis auf ein paar vertrocknete Laubblätter.

„Tja, das ist dann wohl Mishepps großes Geheimnis", stellte James enttäuscht fest. „Bist du dir sicher, dass wir hier richtig sind, Sirius?"

Sirius zuckte mit den Schultern (die linke spannte nur noch ein wenig, wenn er sie bewegte).

„Ich hab doch gesagt, dass ich ihn verloren habe. Er kann auch woanders lang gegangen sein."

„Na toll. Da können wir ja ewig suchen."

„Wartet", unterbrach sie da Remus, „was machen diese Blätter hier?"

James zuckte mit den Schultern.

„Was sollen sie schon da machen? Vermutlich hat der Wind sie reingeweht oder so."

Remus warf ihm einen Blick zu, der dem von Prof. McGonagall scharfe Konkurrenz machte.

„Reingeweht?", wiederholte er. „Durch die verschlossene Tür? In den geschlossenen Schrank?"

„Naja..."

„Außerdem habe ich draußen keine Bäume gesehen. Ihr etwa?"

Sirius und James mussten zugeben, dass sie das nicht getan hatten.

„Das ist kein Schrank", stellte Remus fest. „Das ist ein Verschwindekabinett."

James' Augen wurden groß.

„Dad hat mir mal davon erzählt! Man geht hinein und taucht dort wieder auf, wo das Gegenstück steht. Das bedeutet..."

„...wir haben den Eingang zu Mishepps Versteck gefunden", ergänzte Sirius. „Die Frage ist nur, was versteckt er?"

„Oder wen?", warf Remus ein, während James meinte: „Na, das werden wir gleich herausfinden!"

„James", sagte Remus, offensichtlich bemüht, ihn nicht gleich anzufahren, „ich glaube, es wäre besser, wenn wir das die Auroren oder die magische Strafverfolgungspatrouille herausfinden lassen."

„Wie bitte?" James schien seinen Ohren nicht zu trauen. „Wir sind so weit gekommen und du willst einfach wieder gehen?"

Außerdem ist es zwar seltsam, aber kein Verbrechen, ein Verschwindekabinett in einer Ruine in der Nokturngasse stehen zu haben, ergänzte Sirius in Gedanken, aber er sprach es nicht laut aus. Er wollte Remus nicht noch mehr reizen.

„Du musst nicht mitkommen", sagte er stattdessen, um einen freundlichen Tonfall bemüht. „Wir können auch alleine gehen."

Aus irgendeinem Grund schien Remus das nur wütender zu machen.

„Das würde dir wohl so passen, Black!" Dann wandte er sich an James. „Sag wenigstens Peter, wo wir sind und was wir als nächstes machen."

James verdrehte die Augen, holte aber gehorsam den Zweiwegespiegel hervor und erstattete Peter Bericht, der ihnen versicherte, im Gemeinschaftsraum sei alles ruhig und sie könnten jederzeit zurückkommen. Außerdem wollte er noch die Formal für den Aufheiterungszauber wissen.

„Das ist doch einfach, mal ehrlich, Wurmschwanz", sagte James, nachdem er ihm alles erklärt hatte und den Zweiwegespiegel wegsteckte. „Okay, bereit?", wandte er sich an die anderen.

Sirius kam sich etwas bescheuert vor, als er sich mit James und Remus in den Schrank quetschte. Wenigstens war die Wahrscheinlichkeit, hier versehentlich gefunden zu werden, sehr gering.

„Alles klar, los geht's", meinte James, bevor er die Schranktüren hinter ihnen schloss. Einen Augenblick lang passierte gar nichts, dann hatte Sirius plötzlich das Gefühl, den Boden unter den Füßen verloren zu haben. Er holte scharf Luft – und da war es auch schon vorbei.

„Äh...sind wir da...?"

„Wissen wir gleich.

James' Stimme klang, als würde sein Gesicht gegen etwas gedrückt. Dann gingen die Schranktüren auf und in grauem Dämmerlicht lag vor ihnen ein kahler, weiß getünchter Raum mit einem leeren Kamin. Vor dem Fenster hing eine dunkle Gardine, auf dem Dielenboden lagen einzelne vertrocknete Blätter.

„Wir sind da", hörte Sirius James überflüssigerweise sagen. Die Dielen knarrten laut unter ihren Füßen, als sie aus dem Veschwindekabinett kletterten.

„Hallo? Ist da jemand? Hallo?"

Sirius, James und Remus erstarrte vor Schreck. Es war nichts zu hören außer ein fernes Rauschen.

„Ich bin hier oben! Helfen Sie mir!"

Das löste die Erstarrung.

„Los!", rief James, aber Remus hielt ihn zurück.

„Es könnte eine Falle sein", sprach er Sirius' Gedanken aus. James nickte. Zu dritt schlichen sie mit gezückten Zauberstäben und so leise wie möglich eine schmale Holztreppe hinauf, James voran.

„Helfen Sie mir! Ich werde hier gefangen gehalten!"

Die Stimme klang rau, als würde der Gefangene sie nicht oft benutzen.

Sie gelangten in einen schmalen Flur, von dem drei Türen abgingen. Nur eine von ihnen war verschlossen.

„Alohomora", murmelte James und prompt sprang die Tür auf.

„Merlin sei Dank!", hörten sie die raue Stimme. „Sie haben mich gefunden. Endlich! Helfen Sie mir!"

Das Zimmer vor ihnen sah aus wie das unten, nur dass das Fenster von innen vernagelt war. Am Boden auf einer durchgelegenen Matratze saß ein Mann mit verwildertem Bart, verfilzten Haaren und langen, dreckigen Fingernägeln. Sirius erkannte auf den ersten Blick, dass sein schwarzer Seidenumhang mal sehr elegant und teuer gewesen sein musste, allerdings war er jetzt staubig und fleckig. Von dem Knöchel des ausgemergelten Mannes ging eine schwere Kette zur Wand.

„Wer sind Sie?", wollte James wissen, während Sirius den Zauberstab auf die Kette richtete und einen Aufspürungszauber murmelte.

„Wer hält Sie hier gefangen? Wie lange sind Sie schon hier?"

Sirius konnte keinen Bann erkennen. Irgendwie überraschte ihn das nicht.

„Alohomora."

Die Kette sprang auf.

„Merlin sei Dank", wiederholte der Gefangene, rieb sich den Knöchel und versuchte aufzustehen. Remus stützte ihn, als er schwankte.

„Ich bin Ferdinand Sharez. Ich arbeite für Gringotts." Er warf ihnen einen forschenden Blick zu und sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich leicht. „Und wer seid ihr? Ihr gehört nicht zum Zaubereiministerium oder zu Gringotts. Wie kommt ihr hierher? Was macht ihr hier?"

„Wir gehören nicht zu Ihren Entführern, Mr. Sharez", sagte Remus in demselben beruhigenden Tonfall, den er auch bei Erstklässlern mit Heimweh einzusetzen pflegte. „Wir sind nur zufällig auf Sie gestoßen. Ihr Fall war in den Zeitungen. Sie haben sich für die Koboldrechte eingesetzt, nicht wahr?"

„Ja, ja, diese ganzen Gesetze zur Beschränkung von Zauberwesen machen mir meine Geschäfte kaputt. Wir müssen hier weg! Er kommt bestimmt bald, um mir was zu essen zu bringen!"

„Wer?", wollte James wissen. Sharez warf ihm einen gereizten Blick zu.

„Mishepp natürlich! Er denkt, er kann sich so Galleonen erpressen, aber da kennt er die Kobolde nicht! Die machen für keinen Zauberer Gold locker. Was stehen wir hier immer noch rum? Ich habe doch gesagt, er kommt gleich!"

Während James und Remus Sharez die Treppe hinunterhalfen, ging Sirius mit gezogenem Zauberstab voran. Sie hatten die Hälfte der Strecke schon hinter sich, als ein roter Lichtblitz auf ihn zugeschossen kam.

„PROTEGO!"

Der Schockzauber prallte ab und Sirius sprang mit einem Satz die restlichen Treppenstufen hinunter. Er hechtete um die Ecke, wich dabei einem zweiten Schockzauber und brüllte noch im Abrollen: „EXPELLIARMUS!"

Mishepps Zauberstab flog in hohem Bogen in die Luft. Der Mann machte noch nicht mal den Versuch, ihn noch aus der Luft zu fangen. Stattdessen machte er einen gewaltigen Satz in Richtung des Verschwindekabinetts, doch Sirius war schneller.

„Incarcerus!"

Seile schossen aus der Spitze von Sirius' Zauberstab hervor und wickelten sich um Mishepp. Mit einem dumpfen Knall fiel der muskulöse Mann die Länge nach hin. In diesem Augenblick kamen die anderen um die Ecke.

„Hast du ihn erwischt?", wollte Sharez wissen. Dann fiel sein Blick auf die verschnürte Gestalt vor dem schwarzen Schrank.

„So, Mishepp."

Ehe Remus oder James etwas unternehmen konnten, hinkte der Gringotts-Mitarbeiter auf Mishepp zu.

„So gefällt mir unsere Geschäftsbeziehung doch gleich wieder viel besser. Du am Boden und ich über dir – kommt dir irgendwas daran bekannt vor? Willst du nicht anfangen, mich um ein paar Galleonen anzuflehen? Du wirst mich noch dein ganzes Leben lang anwinseln, Mishepp! Die Schulden, die du jetzt hast, wirst du nie wieder los!"

Mishepp, der bis jetzt unbeweglich da gelegen hatte, bäumte sich in seinen Fesseln auf.

„Aber das ist doch alles deine Schuld! Du hast mir immer noch einen Kredit gegeben! Du hast gesagt, ich kann das in Raten abbezahlen!"

„Dann hättest du deine Raten besser zahlen sollen. Du warst zwei Monate im Rückstand!"

„Das wollte ich ja", jammerte Mishepp, „ich hätte alles zurückgezahlt, aber dann ist alles schiefgegangen! Die Prides hätten gegen die Wespen gewinnen sollen, es war alles vereinbart! Und im letzten Moment hat Ludo natürlich die Nerven verloren und alles verdorben!"

Sirius, James und Remus warfen sich ungläubige Blicke zu. Die Wimbourner Wespen waren bestochen worden?

„Ach und da hast du gedacht, du könntest mich entführen und von Gringotts Geld erpressen?", zischte Sharez.

„Nein, nein, so war das doch gar nicht!" Mishepps Stimme klang verzweifelt. „Ich hatte keinen Knut mehr und Tausende Galleonen Schulden und die Kobolde saßen mir im Nacken und ein paar andere Leute. Und da war so ein Typ, der hatte Ludo auch schon mal geholfen, und der hat mir diesen Tipp gegeben. Er hat gesagt, alle würden denken, dass Malfoy es war, weil ihn da gerade eh alle für einen Todesser gehalten haben. Mich würde keiner verdächtigen und Gringotts würde zahlen, damit nichts an die Presse kommt!"

„Aber dann hat Gringotts nicht gezahlt", warf James ein und Mishepp nickte eifrig.

„Genau! Und die Kobolde saßen mir im Nacken, aber dieser Mann hat mir wieder geholfen. Er hat einen Teil meiner Schulden bezahlt und mir gesagt, ich muss Geduld haben. Aber dann ist immer mehr Zeit vergangen und Gringotts hat sich immer noch nicht gemeldet und die nächste Rate war fällig und ich hatte immer noch keinen Knut..."

Jemand klatschte in die Hände. Sirius fuhr herum und sah, dass es Sharez war.

„Was für eine rührende Geschichte und so ergreifend vorgetragen", bemerkte er höhnisch. „Ihr Spieler seid doch alle gleich. Nur am Winseln und Jammern und immer hinter dem großen Geld her! Die Dementoren in Askaban werden begeistert sein..."

„Als ob du besser wärst!", schoss Mishepp zurück. „Du hast doch auch Geschäfte mit ihm ihm gemacht!"

„Wer ist 'er'?", wollte James forsch wissen. „Wer ist dieser Mann? Wie heißt er?"

Sharez sah aus, als hätte er in eine Zitrone gebissen.

„Das kann ich nicht sagen."

„Mr. Sharez, ich denke, Sie wollen, dass dieser Mann gefasst wird", sagte Remus vernünftig. „Immerhin ist er mit schuld an Ihrer Entführung."

„Natürlich will ich das!", zischte Sharez. „Aber ich kann nicht!"

„Er lässt jeden einen unbrechbaren Schwur schwören", erklärte Mishepp vom Boden aus. „Niemand kann weitersagen, wer er ist."

Aber Sirius hatte plötzlich eine Idee.

„Sie haben gesagt, der Mann hat Ihnen wieder geholfen", sagte er. „Heißt das, Sie haben noch Kontakt zu ihm?"

Mike Mishepp nickte.

„Du kommst mir irgendwie bekannt vor, Junge..."

Sirius musste ein Grinsen unterdrücken. Mishepp erinnerte sich an Peter Fox.

„Können Sie uns zu ihm bringen?", wollte James wissen. „Das könnte sich positiv auf Ihr Urteil auswirken", setzte er hinzu, als er Mishepp zögern sah, woraufhin dieser eifrig nickte.

„Sirius, hast du die Lage unter Kontrolle?" An Remus' Stimme hörte Sirius, dass ihm die Richtung, die ihre Unterhaltung nahm, gar nicht gefiel. „Können James und ich dich für einen Moment allein lassen?"

Sirius nickte und stellte sich so hin, dass er beide, Mishepp und Sharez, im Auge hatte. Er traute keinem von ihnen über den Weg.

„Sirius...Sirius Black?", fragte Sharez mit einem etwas zu interessierten Unterton in der Stimme.

„Nicht mehr", gab Sirius knapp zurück. „Enterbt."

„Black?", echote Mishepp mit einem panischen Unterton. „Wie Bellatrix Black?"

Sirius biss die Zähne zusammen.

„Sie ist..." ...schon seit Jahren Bellatrix Lestrange, wollte er sagen, aber dann überlegte er es sich anders und schenkte Mishepp sein charmantestes Lächeln. Dieser wurde eine Spur bleicher.

„Genau, wie Bellatrix Black."

Wenn schon niemand seinen Namen vergaß, dann konnte er sich das wenigstens zu Nutze machen. Einen Augenblick später kamen James und Remus zurück. Sie schienen zu einer Einigung gekommen zu sein, jedenfalls stritten sie sich gerade nicht und keiner von beiden sah übermäßig verärgert aus. James wandte sich an Mishepp.

„Wie schnell können Sie diesen Mann kontaktieren, der Ihnen geholfen hat?"

„Ziemlich schnell. Ich treffe ihn um Mitternacht in der Falschen Galleone."

James und Sirius warfen beide einen Blick auf die Uhr. Das war in einer halben Stunde!

„Was ist der Plan?", wollte Sirius wissen.

„Remus bringt Sharez in Sicherheit", antwortete James. „Du und ich treffen uns mit diesem geheimnisvollen Mann und Mishepp lassen wir hier für die Auroren oder die Strafverfolgungspatrouille zurück."

„Seid ihr wahnsinnig?", schnarrte Sharez, während Mishepp jammerte: „Das könnt ihr nicht machen!"

James ignorierte sie beide.

„Sirius, wir gehen zuerst."

Sirius nickte. Er warf Remus einen letzten Blick zu, den der Werwolf mit einem knappen Nicken erwiderte, dann kletterte er mit James in das Verschwindekabinett. Kurze Zeit später fielen sie in die Dunkelheit.


„Ich habe Peter alles gesagt", keuchte James, während sie sich durch das Trümmerfeld kämpften. Dornenranken zerrissen ihre Umhänge und immer wieder stolperten sie über Steine oder blieben an spitzen Kanten hängen. Sirius hatte sich das Knie aufgeschürft und James hatte einen Riss über der rechten Augenbraue, wo ihm eine Dornenranke ins Gesicht geschlagen war.

„Er informiert Dumbledore und schickt notfalls eine Eule nach London. Wir müssen diesen Mann nur aufhalten, bis die Auroren da sind."

Sirius nickte. Das klang nach einem vernünftigen Plan. Sie wichen den letzten Trümmern aus, schlitterten durch die enge Kurve und rannten prompt in eine Horde Kobolde hinein, die ihnen ein paar fiese Knüffe versetzten, als Sirius und James durch sie hindurch stürmten. Sie kamen an einem Laden für magische Antiquitäten vorbei, sprinteten die Treppe hinauf – die Frau mit den langen Eckzähnen lachte – und rannten weiter an düsteren Geschäften und zwielichtigen Spelunken vorbei, bis sie schließlich schwer atmend vor der Falschen Galleone zum Stehen kamen.

„Noch eine Minute...bis Mitternacht", keuchte James und warf Sirius ein schiefes Grinsen zu. „Geschafft!"

Sie warteten einen Moment, bis sie wieder zu Atem gekommen waren, dann betraten sie die Spieler-Kneipe. James ging voran für den Fall, dass jemand Sirius erkannte. Sofort ergoss sich ein Schwall Geschrei, Gelächter und betrunkenes Gelalle über sie. Die Luft war heiß und stickig und es roch nach Fletchers Pfeifentabak.

Links vom Eingang befand sich der Tisch vom alten Gyp. Aus den Augenwinkeln konnte Sirius Pimple und Zottel erkennen. Hinter der Theke stand der dicke Wirt und wischte mit einem wenig Vertrauen erweckenden Lappen Gläser aus, während die Flaschen von alleine Gläser einschenkten. Rechts wurde Karten gespielt und in der dunklen Ecke dahinter saß ein Mann, der die Kapuze seines Umhangs genau wie Sirius und James tief ins Gesicht gezogen hatte. Das ist er!

Langsam, um den Mann nicht zu verschrecken, arbeiteten sich Sirius und James zu ihm vor. Doch der Mann war nicht dumm. Er warf einen Blick auf seine Uhr, ließ seinen Blick durch die verrauchte Spielhölle schweifen – und blieb an Sirius und James hängen. In diesem Augenblick brach unter den Kartenspielern plötzlich Streit aus. Es gab einen Lichtblitz und einen leisen Knall und einer der Spieler wurde mitsamt seinem Stuhl quer durch den Raum geschleudert. Sirius hatte gerade noch Zeit zurückzuspringen, die Kapuze rutschte ihm vom Kopf. Im selben Moment sprang der geheimnisvolle Mann auf. Er machte eine halbe Drehung, James warf sich noch vorne – und erwischte ihn gerade noch an seinem Umhang, bevor er disapparierte – und James mit ihm.

„JAMES!"

Für einen Augenblick konnte James nur auf die Stelle starren, an der James und der Mann verschwunden waren. Dann nahm er aus den Augenwinkeln plötzlich eine Bewegung wahr. Instinktiv sprang er zurück – und wo er eben noch gestanden hatte zog sich ein tiefer Riss durch den Boden.

„Ah, ah, ah, der Blutsverräter", sagte eine vertraute, aalglatte Stimme von der Seite. „Wer hätte gedacht, das wir uns so schnell wiedersehen..."

„Pyrites!"

„Ein und derselbe."

Der elegante junge Mann ließ seine weißen Seidenhandschuhe mit den roten Flecken aufblitzen. Sirius packte seinen Zauberstab fester. Vor diesem Gecken hatte er keine Angst!

„Dann kannst du deinem dunklen Lord und deinen Todesser-Kumpels eine Nachricht überbringen! IHR KÖNNT MICH MAL! STUPOR!"

Pyrites lachte und sprang auf den Tisch, während der Schockzauber einen Stuhl zersplittern ließ.

„Warum sagst du das meinen 'Todesser-Kumpels' nicht selbst?"

Es gab einen leisen Knall, dann noch einen, danach noch einen und wieder einen und ehe Sirius sich versah, hatte sich der Raum mit Gestalten in schwarzen Todesser-Umhängen und Masken gefüllt. Er fühlte, wie sein Mund trocken wurde. Das war gar nicht gut. Die Lestrange-Brüder, Dolohow, Yaxley, Crabbe, Goyle, Jugson, Travers...und Bellatrix.

Nur ein paar Minuten, dann sind die Auroren da. Sirius feuerte einen Schockzauber ab und wich einem Todesfluch aus. Nur ein paar Minuten...


Sirius' Hand war glitschig vor Blut, aber er wusste nicht mehr genau, wann er sich verletzt hatte und ob überhaupt alles sein eigenes war. Sein Atem ging schwer. Er hockte hinter einem Tisch, er brauchte nur seine Sekunde, um... Etwas traf den Tisch und warf Sirius der Länge nach hin. Im allerletzten Augenblick schaffte er es, sich zur Seite zu wälzen, bevor der Tisch an der Wand zerschellte.

„Siiiiiiiiiriii-Beeeeeebie komm raus spiiiiiiiieeelöööööööööön...!"

Sirius zwang sich aufzuspringen, ihm war schwindelig, alles war irgendwie unscharf. Wo er eben noch gelegen hatte, schlug ein Knochenbrecherfluch ein. Instinktiv blockte er einen Fluch ab und konterte mit einem Peitschfluch. Von rechts kam ein Schneidefluch, Sirius sprang zurück – und stolperte direkt in Bellatrix' Cruciatus-Fluch. Ihr gellendes Lachen hallte in seinen Ohren, während er sich unter Todesqualen am Boden wand.

„Ooooohhhh, tut das weeeeeeh? Schaut mal, das tleine Beeeebie schreit..."

Die Todesser lachten.

Du musst aus ihrer Reichweite, du musst aus ihrer Reichweite, du musst... Plötzlich hörte es auf. Sirius wusste nicht, ob er es geschafft, sich instinktiv Deckung zu suchen, oder ob Bellatrix den Fluch unterbrochen hatte. Er hatte keine Zeit darüber nachzudenken. Er richtete sich auf und brüllte: „CONFRINGO!"

Es gab einen Knall, ein Beben ging durch das Gebäude, Risse erschienen an der Decke und den Wänden, plötzlich war überall Staub und Steine flogen durch die Gegend. Die Druckwelle riss Sirius von den Füßen und er schlug hart auf dem Boden auf. Ein scharfer Schmerz schoss durch sein linkes Ellenbogengelenk, er musste husten, Staub brannte in seinen Augen, Menschen schrien. Ein paar Sekunden lang herrschte Chaos und Verwirrung – genau das, worauf Sirius gehofft hatte. Hinter die traurigen Überreste der Theke geduckt – wann war er hierhin gekommen? – richtete er seinen Zauberstab auf alles, was irgendwie nach Todesser aussah.

„STUPOR! FLAGELLO! CONSECTIO! IMPEDIMENTA!"

Allmählich legte sich der Staub und Sirius konnte sich gerade noch unter einem grünen Blitz weg ducken.

„DANEBEN!" Wingardium Leviosa!

Der Schwebezauber erfasste eine Deckenbalken und begrub einen schreienden Todesser mit einem befriedigendem Krachen unter sich. Sirius hatte keine Zeit, sich zu freuen. Etwas traf ihn an die Seite und schleuderte ihn gegen die Wand. Es knackte und Sirius spürte, wie etwas in seinem Arm brach. Der Schmerz ließ ihn würgen, aber er zwang sich, den Zauberstab zu heben.

„STUPOR!"

Er wusste nicht, ob er getroffen hatte, denn plötzlich hatte er das Gefühl, in Flammen zu stehen. Er schrie, undeutlich sah er jemanden über sich stehen – dann hörte es plötzlich auf und durch das flirrende Rot in seinem Gesichtsfeld sah er, dass es Bellatrix war. Sie richtete ihren Zauberstab auf ihn.

„Jetzt, Sirius, wird die Welt erfahren, was mit Blutsverrätern passiert! Ava..."

Sirius bäumte sich auf und trat ihr mit aller Kraft in den Bauch. Damit hatte Bellatrix nicht gerechnet. Wie ein nasser Sack fiel sie in sich zusammen. Sirius zwang sich auf die Füße.

„ST..."

Doch die Worte erstarben auf seinen Lippen. Er hatte plötzlich keine Kraft mehr, sie auszusprechen. Kleinen Flämmchen tanzten um seinen Brustkorb. Seine Beine gaben unter ihm nach, der Zauberstab fiel ihm klappernd aus der Hand. Die Welt wirbelte herum und drehte sich und dann lag Sirius plötzlich auf dem Boden. Durch die zerstörte Decke der Falschen Galleone konnte er den Sternenhimmel sehen. Jemand schrie seinen Namen. Oh, so ist das also, hatte er noch Zeit zu denken, das Sterben...