Blutige Nächte
Fanfiction von Slytherene
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Good afternoon, ladies and gentlemen, da bin ich wieder. Das folgende Kapitel war eine harte Nuss, es gab heftige Diskussionen mit meiner Beta, die erheblich zur Qualitätsverbesserung beigetragen haben. Mal sehen, was Ihr so denkt…
Danke für die Reviews: Ewjena, Nicole und IceEgg.
Danke an TheVirginian und Textehexe fürs Betalesen!
Und jetzt für alle ein großes Glas Blaubeerwein, eine Portion blauer und einige Zentiliter roter Zaubertrank, und los geht's, featuring the unique, fantastic and uncomparable…aber lasst Euch überraschen ;-)
Musicus:
Let's go Sweden:
Abba: S.O.S.
Lena Andersson: Det bästa som finns
14. Trollstron
„Enervate!"
Rotes Licht explodierte hinter Remus' Augen, und eine Hand zog ihn unbarmherzig aus dem weichen, dunklen Nebel und der angenehmen Wärme, die ihn umgab. Er spürte seinen Körper, Arme, Beine, keine Schmerzen, aber etwas drückte auf seinen Brustkorb. Ein dumpfer Geruch, fern, nach Hund, überlagert von Sirius' Kastanienshampoo.
„Pads", rollte es mühsam über seine Zunge, und eine fremde Stimme sagte: „Da haben Sie ihn wieder, Sie grässlicher Quälgeist", und diese Stimme klang beruhigend unaufgeregt und zufrieden. Dieser Klang war es, der Remus schließlich die Augen öffnen ließ.
Ein Paar sehr sommerhimmelblauer Augen strahlte ihn an.
„Moony", rief Sirius mit unverhohlener Begeisterung. „Wurde auch Zeit, dass du aufwachst."
Remus sah sich um. Er befand sich weder im Grimmauldplatz noch in St. Mungos. Aber er lag in einem breiten, sauberen Bett, neben dem auf einem dunklen Pult allerlei Phiolen und dickbauchige Glaskolben mit Tränken in allen denkbaren Farben standen. Der Raum selbst bestand komplett aus Holz. Boden, Decke, Wände, aus denen Äste und Zweige ragten, die Regale, Truhen und sogar zwei Sessel bildeten. Sie alle trugen auch Blätter – sie lebten. Das beeindruckendste in der ungewöhnlichen Bleibe jedoch war das atemberaubende Panorama schroffer, auf den Gipfeln schneebedeckter Berge, die durch das riesige Fenster zum Greifen nah in einen wolkenlosen Himmel von intensivem Hellblau ragten.
„Wo sind wir?" fragte Remus atemlos und richtete sich auf.
„Trollstron", antwortete Sirius und grinste. „Tolle Aussicht, nicht wahr? Gegen den Pettersson-Stammsitz ist Malfoy Manor ein Dreck." Sirius feixte zufrieden.
„Schweden also", sagte Remus und ließ sich zurück in die Kissen sinken. Seine Gedanken fuhren bereits wieder Achterbahn. ‚Pettersson-Stammsitz', dies war Ingers Haus. Das letzte, an das er sich erinnerte, war die Kälte der Dementoren, die Erschöpfung in Ingers Stimme und sein Blut, überall. Ganz offensichtlich hatte er all das überlebt. Im nächsten Moment schoss sein Oberkörper wieder hoch.
„Inger", fragte er alarmiert. „Was ist mit ihr geschehen?"
Sirius grinste. „Dachte ich mir, dass du gleich nach ihr fragen würdest. Keine Sorge, Moony. Sie sitzt unten in der Halle mit Snape, Malfoy und ihrem Mann und brütet über irgendwelchen Zauberbannen."
Remus glaubte, sich verhört zu haben.
„Mit …Malfoy?"
„Ja. Er ist ziemlich clever, weißt du."
Sirius' Augen blitzten belustigt auf, als er die Verwirrung in Remus' Miene sah.
„Lass mich dich erlösen, Moony. Nicht der Malfoy. Marius Malfoy ist ein Cousin zweiten Grades oder so was, die Sippe ist verzweigt. Er ist ein guter Freund der Petterssons, also reg' dich ab."
Remus ließ sich ansatzweise beruhigt in die Kissen zurück sinken.
„Was tun wir hier, Sirius?"
Die Antwort verblüffte ihn nicht wenig.
„Ferien. Wir machen Urlaub. Ich dachte, eine Luftveränderung würde dir gut tun nach allem. Wie fühlst du dich?"
„Er fühlt sich den Umständen entsprechend wohl, das habe ich Ihnen doch schon erklärt, Sirius."
Die unaufgeregte Stimme von vorhin. Remus fühlte sich bemüßigt, nach der Sprecherin Ausschau zu halten, denn irgendwem musste die Stimme ja gehören. Sein Blick wanderte durch den Raum, am Pult hinunter, und dort gewahrte er schließlich eine äußerst seltsame Gestalt, die eifrig zwischen einem Kupferkessel in der hinteren Ecke des Raums und dem Pult hin- und herwuselte Sie mochte etwa einen Meter groß sein und war vollständig in bunte Stofftücher gewickelt. Sie drehte sich zu ihm um, und ihm stockte der Atem. Der Kopf und die großen, mit orangefarbenem Fell bedeckten Ohren erinnerten ihn entfernt an einen Hauselfen. Das kleine braune Gesicht bestand aus zwei großen grauen Augen und einer dicken kartoffelartigen Knollnase sowie einem breiten Mund mit ebenmäßigen weißen Zähnen. Diese konnte er gut sehen, denn das Wesen grinste. Seine Augen hatten einen freundlich resoluten Ausdruck.
„Darf ich vorstellen? Medeora, die Heilerin. Sie ist eine Bergelfe. Wenn du weißt, was gut für dich ist, widersprichst du ihr besser nicht", erklärte Sirius.
„Präziser hätte ich es auch nicht beschreiben können", nickte die Elfe und kletterte auf einen Schemel, um an das Bett heranzureichen. „Ihre Hand, Mr. Lupin."
Folgsam reichte Remus ihr seine Hand, und sie prüfte mit kurzen, braunen Fingern von weicher, lederartiger Konsistenz seinen Puls. Sie lächelte zufrieden.
„Sie dürfen aufstehen. Aber benutzen Sie Ihren Stock, sonst fallen Sie um. Diesen blauen Trank hier schlucken Sie alle drei Stunden, den roten vor dem Schlafengehen, aber nicht nach der elften Stunde. Was bedeutet, dass Sie nicht so lange aufbleiben dürfen wie die Lotterbande unten in der Halle das sicher gerne hätte. Alles andere erkläre ich Ihnen morgen. Keine Gewaltmärsche hier in der Burg, und schonen Sie sich. Ich sehe morgen wieder nach Ihnen." Sie wandte sich zu Sirius. „Sie sind mir für ihn verantwortlich, also geben Sie Acht auf Ihren Freund, sonst bekommen Sie Probleme mit mir. Haben wir uns verstanden, Sirius?"
„Absolut", knurrte der dunkelhaarige Zauberer, aber er grinste dabei.
Die Elfe hüpfte von dem Schemel und verschwand, indem sie sich in großer Geschwindigkeit um sich selbst zu drehen begann, einer bunten Windhose gleich, und ein paar Blätter auf dem ansonsten sauber gefegten Boden zurücklassend.
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„Ich brauche den Stock nicht mehr", sagte Remus, als Sirius ihm Madam Pomfreys Stab herüberreichen wollte.
„Ich fürchte doch", sagte Sirius mit betretener Miene. „Poppy konnte die ganzen Nerven und Sehnen an deinem Fußgelenk nicht mehr retten, du weißt ja selbst, wie schlecht mit Silber geschlagene Wunden bei dir auf Magie ansprechen. Sei froh, dass du noch beide Füße hast, die in St. Mungos wollten zwischenzeitlich amputieren.
„Sie wollten was?" keuchte Remus entsetzt auf.
„Am-pu-tieren. Abschneiden, du weißt schon."
Sirius beäugte einen Raben, der vor dem Fenster seine Kreise zog, und Remus hatte dadurch Gelegenheit, sich wieder zu fassen. Vorsichtig hob er die Bettdecke an.
„Noch alles dran?" fragte Sirius, aber es klang selbst für ihn irgendwie zu locker.
„Merlin", japste Remus nur. „Merlin sei Dank. Ja."
„Severus und Inger haben darauf bestanden, dass erst die Bergelfe konsultiert wird", fuhr Sirius fort. „Sie haben dich gegen Dumbledores Willen außer Landes gebracht, aber es war schon erstaunlich, wie gerne das Ministerium geholfen hat, dir Ausreisepapiere auszustellen. Die waren echt froh, als sie hörten, dass du Großbritannien tatsächlich verlässt. Medeora hat dich untersucht und beschlossen, der Fuß bleibt dran. Wow, du hättest sie toben hören sollen, das war ganz großes Kino. Die St. Mungos Heiler nähern sich dieser Burg hier besser nicht. Jedenfalls hütet sie deinen Schlaf seit fünf Tagen wie ein Cherubim. Inger war heute Morgen zweimal hier, um nach dir zu sehen, aber du hast geschlafen, und Medeora bestand darauf, dass du vor heute Nachmittag nicht geweckt wirst. Und ihr widerspricht hier nicht einmal die Hausherrin." Er beäugte Remus zwinkernd.
„Willst du aufstehen?"
„Ja. Ich muss mal wohin."
Sirius grinste wieder, reichte Remus den Stock und nahm dann ein meergrünes Stoffpaket von einem der blätterumwachsenen Regale. „Hier, deine Robe. Ist eine neue, die alte war nicht mehr zu retten."
„Wie habt ihr uns eigentlich gerettet?" fragte Remus, während er in die Unterwäsche schlüpfte, die in die Robe gewickelt gewesen war.
Er trat zuerst nur sehr vorsichtig auf, aber er merkte schnell, dass sein Fuß sich zwar irgendwie fremd und steif anfühlte, ihm die Wunde aber keine Schmerzen verursachte.
„Die Todesser waren ja so blöd, euch mit den Dementoren alleine zu lassen, wo doch jeder weiß, dass die Petterssons ihre Patroni stablos beschwören – na ja, ich habe gelernt, jeder hier in Schweden weiß das. Ingers Bär hat kurzen Prozess gemacht mit den zwei Dementoren, und ihr voriger hatte ihre Familie alarmiert. Dein lausiger Wolf hat es ja nur bis zu Dung geschafft, deshalb war auch der Orden so spät dran. Marina hatte nämlich die bescheuerte Idee, Albus per Eule zu informieren – und die ist abgefangen worden. Minerva hatte Tonks informiert, aber der Telegrammzauber ist im Ministerium mit einem Haufen von diesen Memopapierfliegern im Aufzug stecken geblieben. War echt lausiges Karma an dem Tag.
Jedenfalls, nachdem du uns in dieses Dimensionsloch geschickt hattest, sind wir in Hogsmeade wieder raus gekommen, vor dem ‚Eberkopf'. Aberforth hat uns gefunden, er hat Albus gerufen, und wir sind zurück zum Lagerhaus appariert. Wir kamen kurz nach Ragnar, Sigurd und den anderen aus dieser Sippe hier an, und gemeinsam haben wir den Todessern gezeigt, was es heißt, mit den ‚großen Jungs' zu spielen."
„Habt ihr sie noch erwischt?" fragte Remus sofort und ertappte sich für einen Moment, sich Lucius Malfoys Kopf auf einer Stange im Treppenhaus von Grimmauldplatz vorzustellen. Hastig atmete er gegen den plötzlichen Adrenalinschub an, den ihm die Wut durch die Adern trieb.
„Du bist ja ganz rot im Gesicht plötzlich", stellte Sirius erstaunt fest. „Aber ja, Moony, wir haben sie gejagt, und einige gefangen nehmen können, aber Malfoy und Dolohov sind uns entwischt. Trotz allem dauerte es noch eine Weile, bis Minerva mit Poppy zu euch konnte. In der Zeit wärst du fast drauf gegangen." Sirius sah plötzlich sehr ernst aus. „Merlin, diesmal war es knapp, Moony. Du warst schon mehr als halb tot. Und wir brauchten das Werwolfsblut und…
„Moment, halt, Sirius", unterbrach Remus den Redefluss seines Freundes. „Schalt bitte einen Gang runter. Was für Blut?"
„Weißt, du, du hattest ne Menge Blut verloren, und im St. Mungos meinten sie, du bräuchtest Neues. Ich hätte dir gerne etwas gespendet, aber sie sagten, es müsse Werwolfsblut sein. Also haben wir welches besorgt."
Remus starrte Sirius an. Bis hierhin all diese vielen Details, und nun ‚wir haben welches besorgt'?
„Wer ‚wir'? Woher?" fragte Remus.
„Das willst du gar nicht wissen", sagte Sirius bestimmt.
Als Remus von der Toilette zurückkehrte, forderte Sirius: „Komm, wir gehen erst einmal auf den Fried an der Burgmauer. Ist 'ne coole Terrasse mit fantastischer Aussicht."
Er ließ Remus gar keine Zeit zu widersprechen, er drückte ihm den langen Stock in die Hand und zerrte ihn neben sich her, aus dem Zimmer heraus und einen Gang entlang, dann durch ein Holztor nach draußen. Der Burgfried öffnete sich vor ihnen auf eine hochgelegene Terrasse, vor der sich ein atemberaubendes Bergmassiv öffnete. Die kühle, frische Luft war seidig und duftete nach nur Blumen und Tau.
„Cool, oder?" sagte Sirius, und es war mehr Feststellung als Frage.
„Beeindruckend", gab Remus zu. „Und jetzt sag es mir, Sirius. Woher hattet ihr das Werwolfsblut?" Er stützte sich schwer atmend auf den Stecken. Er fühlte noch immer
keine Schmerzen, doch das Laufen mit dem steifen Fuß hatte ihn angestrengt.
„Wie ich schon sagte, es wird dir nicht gefallen", wiederholte Sirius. „Severus kam wieder auf die Beine, die Todesser hatten ihn ja nur betäubt. Er wusste, wo Greyback zu finden war. Er hat mich dorthin geführt. Ich habe Fenrir geschockt und dann haben wir ihn ins Krankenhaus gebracht, an den Wachen und Heilern vorbei. Und dann…na ja… hat er Blut gespendet, bis keines mehr da war." Sirius betrachtet intensiv seine offenbar frisch manikürten Finger.
„Sirius!" Remus spürte Entsetzen, aber auch Ungeduld in sich hochsteigen. Warum verschwieg ihm Sirius, was wirklich geschehen war?
Sirius öffnete den Mund, schloss ihn wieder und gab sich dann sichtlich einen Ruck.
„Sigurd und Ragnar haben Greyback…'geschlachtet' beschreibt es wohl am ehesten."
„Oh Merlin!" rief Remus aus.
„Ich habe ja gesagt, frag besser nicht", seufzte Sirius.
Sie schwiegen eine Weile.
„Wer sind Sigurd und Ragnar?" fragte Remus schließlich.
„Ragnar ist Ingers Mann, und Sigurd ist…"
„Sirius! Professor Lupin!"
Der Ausruf kam von einer schmalen Gestalt mit wirrem schwarzem Haar, die in halsbrecherischem Tempo um den rechts von ihnen liegenden Turm geschossen kam, auf Remus und Sirius zuraste, zwei Meter vor ihnen abbremste und schließlich vom Besen sprang.
„Harry!" rief Sirius und strahlte. „Ist er nicht ein begnadeter Flieger, ganz so wie James?" grinste er Remus an.
„Wie geht es Ihnen, Professor?" erkundigte sich Harry, und sein Blick glitt von Remus' Gesicht über den langen Stock bis zu seinem bandagierten Fuß.
„Besser", antwortete Remus und versuchte sich an einem halben, flüchtigen Lächeln. „Was tust du hier, Harry?"
„Wir machen Ferien", erwiderte der Junge mit leuchtenden Augen. „Wir dürfen hier zaubern, so viel wir wollen, ist ja weit genug weg von England. Und wir spielen die ganze Zeit Quidditch. Das sind übrigens Thorvald und Findus." Er wies auf zwei hellblonde Jungen seines Alters, die eben mit einem Quaffel um den Turm bogen und unbefangen auf ihren Besen über dem Abgrund kreuzten. „Ron und Hermine sind auch hier. Sie sind in der Bibliothek. Die wird Ihnen gefallen, Professor. Sie ist nicht so groß wie die in Hogwarts, aber sie toppt die von Grimmauldplatz um Klassen!"
„So schnell wird man zur Nummer Zwei abgeschoben", grinste Sirius.
Die beiden anderen Jungs landeten jetzt ebenfalls.
„Hallo Sirius!", rief der kleinere. „Spielst du nachher wieder eine Runde mit?"
„Klaro", versprach Sirius und strahlte wieder. Remus sah ihn schon bildlich vor sich, wie er mit wehenden Haaren dem Quaffel hinterher jagte, von den leuchtenden Augen der Jungs verfolgt.
„Ich bin Thorvald Pettersson", sagte der ältere der beiden und reichte Remus die Hand. Er mochte etwa sechzehn sein, und es war sehr einfach, Ingers blaue Augen in seinem ernsten Gesicht wiederzufinden.
„Das ist mein Bruder Findus", stellte er den Jüngeren vor. Auch Findus hatte Ingers blonde Haare und ihr Lächeln, aber seine Augen waren grau wie Sturmwolken.
„Stimmt es wirklich, Sie sind ein Werwolf?", fragte er in aufgeregtem Schulenglisch.
Remus zuckte nur kurz, dann nickte er.
„Also wirklich, Findus", tadelte Harry.
„Wieso, ein echter Varge, das ist doch so cool!", widersprach der Junge.
„Trotzdem wäre es nett, wenn ihr Remus…Professor Lupin nicht wie ein zoologisches Wunder bestaunen würdet", meinte Sirius.
Die Jungen murmelten ein ‚okay', verabschiedeten sich und schwangen sich wieder auf ihre Besen. Sie hoben ab und rauschten durch die Luft davon.
„Ich bin schon vieles genannt worden, aber ‚cool' war bisher nicht dabei", konstatierte Remus.
„Du hast Heldenstatus bei den Jungs. Immerhin hast du ihre Mutter gerettet. Und du siehst aus wie Moody, den die Kinder auch immer bewundern. Du läufst mir noch den Rang ab", scherzte Sirius.
„Macht der gesamte Orden hier Ferien?" erkundigte sich Remus.
„Nein. Nur wir beide und die Kinder. Letztere zumindest dann, wenn Snivellus sie nicht gerade in Verteidigung unterrichtet. Oder, wie Harry immer behauptet, schikaniert. Aber ich habe mir das angesehen. Er ist gar nicht so übel. Seine Autorität leidet zugegebenermaßen sehr darunter, dass Ingers Jungs ihn ‚Severus' nennen und duzen." Sirius grinste. „Hermine ist bald der Mund offen stehen geblieben. Aber wie ich erfahren habe, hat er Ingers Kinder wohl auf den Knien geschaukelt, die haben sich sogar gefreut, als er hier auftauchte. Du hättest ihn sehen sollen, der personifizierte Zwiespalt zwischen nettem Onkel und gefürchtetem finsteren Pauker."
Remus musste tatsächlich lächeln, als er sich Severus' Miene anlässlich einer solchen Herausforderung vorstellte.
„Gibt es Sicherungsmaßnahmen?" fragte er.
„Keine besonderen", meinte Sirius achselzuckend. „Diese Burg ist sicher, soweit ich das beurteilen kann. Zumindest sind auch Inger und Snivellus davon überzeugt. Aber falls du dir Sorgen machst, Albus und Minerva reisen morgen an, zusammen mit einigen anderen vom Orden."
„Ebenfalls Ferien?" fragte Remus mit halbem Lächeln.
„Aber nein. Sie kommen zum Fest."
„Welches Fest?"
Sirius grinste. „Die Hochzeit."
„Wer heiratet denn?" erkundigte sich Remus mehr aus Höflichkeit denn aus echtem Interesse.
Sicher niemand, den er kannte.
„Oh, die berühmt-berüchtigte Familie Bertucci vereinigt sich mit dem noblen, altehrwürdigen Haus der Blacks. Getreu dem Motto: Toujours pure", verkündete Sirius mit scheinbar gleichmütiger Miene.
Remus starrte ihn an. Das konnte doch nicht wahr sein! Das Schweigen dehnte sich aus, bis es wirklich unangenehm zu werden drohte, dann räusperte sich Remus.
„Sirius! Das ist so…herzlichen Glückwunsch!" Er fiel dem Freund um den Hals. Er wusste, er hätte eigentlich Fragen stellen müssen, warnen: ‚Was, du willst einen Vampir heiraten? Sie ist eine wirklich zweifelhafte Kreatur, überlege dir das noch einmal, Pads' – aber in Remus war fast nur Freude.
„Ich bin froh, dass du jetzt keine tausend Fragen stellst oder in Kassandra-Rufe ausbrichst, Moony", sagte Sirius.
„Ich weiß, das sollte ich", erwiderte Remus ernst. „Aber um ehrlich zu sein, ich wünsche mir nichts mehr als einen Lichtblick im Moment – und du strahlst, als würdest du einen Engel heiraten anstatt eines Vampirs."
„Engel für einen Black müssen eben etwas dunkler ausfallen", griff Sirius das Bild auf.
„Mir ist erst bewusst geworden, wie viel sie mir bedeutet, als ich während der Beschwörung dachte, die Todesser hätten sie umgebracht", gab er zu.
„Und ihre ‚Ernährungsweise'?" stellte Remus die Frage nach der Ursache von Sirius' und Marinas heftigem Streit.
„Sie hat die Männer nicht ermordet", erklärte Sirius. „Das war Raduč. Er hat sie getötet und ausgesaugt. Adriana hat sie ausgesucht. Um zu vertuschen, dass es sich um vampiristische Taten handelte, haben sie einen Zauber angewendet, der die leeren Hüllen zu Fetzen zerriss. So sah es zuerst nach Dämonen aus. Später ließen sie es dann bewusst nach einem Werwolf aussehen. Sie sind in hohem Maße umsichtig gewesen. Marina war ihnen auf der Spur, sie hat sie gejagt."
Remus nickte. Ja, endlich ergab all das einen Sinn. Doch Sirius hatte damit nur einen Teil seiner Frage beantwortet.
„Wenn Marina die Männer nicht getötet hat, wovon lebt sie dann?"
Sirius schauderte leicht. „Es ist wie im Muggel-Film. Ihre Familie besitzt eine Blutbank. Sie muss nicht oft trinken, weil sie ebenso davon leben kann, Magie abzuziehen. Du erinnerst dich, dass du nach der Sache im Kühlhaus nur langsam wieder gesund geworden bist, ständig Kopfschmerzen hattest?"
Remus nickte.
„Sie konnte dein Blut nicht nehmen, aber sie hat deine arkanen Quellen angezapft. Es tut mir leid, Moony. Ich werde aufpassen, dass es nicht wieder geschieht. Sie hat außerdem versprochen, damit aufzuhören." Sirius sah betreten aus.
„Ich wusste, dass sie mich benutzt", erläuterte Remus. „Aber ich habe vermutet, dass sie zusätzlich Blut trinken muss."
„Du hättest mir etwas sagen können", begann Sirius.
„Ich habe dir ‚etwas' gesagt. Du warst drauf und dran, mich aus dem Haus zu werfen, Pads", erinnerte Remus. „Was immer ich gesagt hätte, du hättest doch nur Marina geglaubt."
„Es tut mir leid, Moony. Was kann ich sagen? Es hat mich ziemlich heftig erwischt."
Remus sah seinen Freund eine Weile an. Der Ausdruck in den Augen seines Freundes war der eines Hundes, der beim Diebstahl einer Salami vom Küchentisch ertappt wird. Wenn Remus darüber nachdachte, hatte er allen Grund, verletzt zu sein, aber letztlich hatten alle sich quergelegt, um ihn aus den Fängen des Ministeriums zu befreien – und Sirius war mit Sicherheit die treibende Kraft hinter all dem gewesen. Gianni Nero Don Giovanni…er konnte ihm einfach nicht böse sein.
„Ach, Pads", seufzte er.
Sirius begann zu strahlen, langte in seine Robe und holte ein kleines Kästchen daraus hervor. Er drückte es Remus in die Hand.
„Das sind die Ringe. Vergiss sie morgen nicht."
Remus starrte auf den kleinen Schmuckkasten. „Morgen schon?", fragte er perplex. Dann begriff er vollständig. „Sirius, aber…ich soll dein Trauzeuge sein?"
„Wer denn sonst, Moony? Ich kann mir keinen besseren vorstellen."
„Du hast aber bedacht, dass meine Unterschrift nicht anerkannt wird in England? Dunkle Kreaturen sind von derlei ‚Bürgerrechten' ausgeschlossen", gab Remus zu bedenken.
„Echt?" staunte Sirius. Dann schüttelte er seinen blauschwarzen Tintenschopf. „Hier in Schweden gilt deine Unterschrift. Alles andere interessiert mich nicht."
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Eine Stunde später kehrte Remus in sein Quartier zurück. Er schluckte den blauen Zaubertrank, fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und beschloss, zu duschen und sich zu rasieren. Irgendjemand hatte ihn zwar mit Magie einigermaßen gesäubert, aber er verspürte das intensive Bedürfnis nach einer langen, heißen Dusche. Eine entsprechende Kabine hatte er bereits vorhin in dem kleinen Badezimmer entdeckt, ein Rasierspiegel fehlte jedoch ebenso wie ein Messer und Schaum. Remus beschloss, erst einmal die Dusche auszuprobieren. Hoffentlich gab es heißes Wasser.
Als er nach einer Viertelstunde aus dem dampfenden Badezimmer trat, hatte jemand das Fenster weit aufgerissen und die frische, aber kalte Bergluft strömte herein.
„Sie haben sich gesäubert, sehr rücksichtsvoll", kommentierte die kleine Bergelfe, die in einem zusätzlichen Kessel etwas anrührte, das verdächtig nach Wolfbann roch. „Ihre Spezies verfügt über ein markantes Duftprofil."
„Ich weiß", räumte Remus ein, und es klang wie ein Knurren.
Medeora schmunzelte. „Wir tragen alle unser Kreuz, Mr. Lupin. Was glauben Sie, wie oft ich Haare aus den Tränken fischen muss. Sie wachsen mir sogar auf den Fingern. Ein Ärgernis, das Sie vermutlich nur von den Vollmondnächten her kennen, und da verlangt niemand von Ihnen präzise Brautätigkeit."
Remus musste entgegen seines ursprünglichen Willens lachen. „Haare sind derzeit auch ohne Mond mein Problem. Ich finde kein Rasierzeug."
„Ich könnte Sie ausnahmsweise bezaubern", bot die Elfe an.
„Das ist sehr freundlich", erwiderte Remus höflich, „aber ich würde eine konventionelle Nassrasur wirklich bevorzugen."
Sie nickte, rührte ein letztes Mal ihren Kessel um und verschwand.
Einige Minuten später brachte ein runzliger, älterer Hauself, der eindeutig eine Portion Trollblut in sich trug, einen altmodischen Rasiertisch mit Waschschüssel, Messern und Spiegel.
Remus setzte sich, sah in den Spiegel, und das Messer fiel ihm aus der Hand. Eine tiefe, hellrote Narbe zog sich von seinem äußeren Augenwinkel über seine Wange hinunter bis zu seinem Mund. Schmerzhaft erinnerte er sich plötzlich wieder an Lucius' Peitschenhieb, und er hörte Sirius' Worte von früher am Tage in seinem Kopf: ‚Du siehst jetzt fast aus wie Moody.' Remus hatte diese Worte auf seinen verletzten Fuß und die Notwendigkeit, einen Stab zum Laufen zu benutzen, bezogen. Tatsächlich fehlte ihm zu Moodys Aussehen jedoch nur noch ein magisches Auge.
Es klopfte, und als Remus nicht antwortete, wurde die Tür sachte aufgeschoben. Inger betrachtete ihn, blieb jedoch im Türrahmen stehen.
„Hallo Remus. Medeora sagte mir, dass du aufgewacht bist." Sie lächelte.
„Inger. Es ist gerade kein besonders geeigneter Zeitpunkt", erwiderte er düster und betrachtete mit Abscheu die Fratze im Spiegel.
„Schönheit liegt stets im Auge des Betrachters", sagte sie sanft. „Aber ich kann verstehen, dass du erschrocken bist. Das eigene Gesicht verändert zu sehen ist niemals leicht." Sie schwieg einen Augenblick, doch als Remus nicht antwortete, fragte sie: „Möchtest du lieber alleine sein?"
Er sah sie an, wie sie im Türrahmen lehnte. Eine lange blaue Robe verdeckte ihre Arme und Hände, und dunkle Ringe unter den Augen ließen sie wirken, als habe sie schlecht geschlafen.
„Dein Patronus hat mir das Leben gerettet", sagte er. „Ich sollte mich bei dir bedanken."
Sie gab seinen ernsten Blick zurück. „Wenn du nicht umgekehrt wärest, hätte Dolohov mich lange vorher getötet. Wir sind quitt, Remus. Ohne dich und deine Freunde hätte der Zirkel den Dämon nicht gebannt."
Er nickte nur. Natürlich waren sie nicht quitt. Jetzt war er Gast in ihrem Haus, weil ihre Heilerin sich um ihn kümmerte, weil Sirius hier heiraten würde und Harry in Sicherheit war. Und er schuldete nicht nur Inger, sondern auch ihrem Mann Ragnar sein Leben. Einem Mann, mit dessen Frau er geschlafen hatte. Er schämte sich.
„Darf ich dich etwas fragen, Remus?" riss sie ihn aus seinen Gedanken.
Er nickte.
„Warum bist du nicht mit Sirius und Marina geflohen? Ich hatte das Dimensionstor auch für dich geöffnet."
Er scharrte mit den bloßen Füßen auf dem warmen Holzboden.
„Es wäre nicht recht gewesen", sagte er schließlich. „Alleine wärest du getötet worden."
„Du hast geglaubt, du und ich könnten ein halbes Duzend zu allem entschlossene Todesser besiegen?" Ein Lächeln spielte um ihre Mundwinkel.
„Nicht wirklich", gab er zu. „Ich war am Ende meiner Kraft. Ich weiß nicht, was ich geglaubt habe in diesem Moment. Ich konnte nicht anders." Er hielt einen Augenblick inne und sammelte sich. Das hier war hart, aber er schuldete ihr anständiges Verhalten.
„Inger, ich habe vorhin deine Söhne getroffen. Es sind nette Jungs. Aber das mit uns muss hier und jetzt aufhören. Ich will und kann deine Familie nicht zerstören. Wie soll ich dem Vater deiner Kinder denn unter die Augen treten, hier in seinem Haus? Ich weiß nicht, was Sirius sich dabei gedacht, mich hierher zu bringen, vermutlich nichts, wie üblich."
„Aber Remus…", begann sie.
„Nein, bitte. Ich kann nicht nachvollziehen, was du an mir findest, und so sehr mir deine…Zugewandtheit auch schmeichelt, sieh bitte den Tatsachen – nein, sieh mir ins Gesicht. Ich bin ein Monster, und es gibt nichts, was ich dir bieten könnte. Ich bin zu arm und zu gefährlich, um dir auch nur ansatzweise gerecht zu werden."
„Du spinnst ja!" rief sie aus, einen undeutbaren Ausdruck im Gesicht.
Mit zwei unsicheren Schritten war er bei ihr. Alles in ihm schrie danach, sie in die Arme zu ziehen, aber er hatte sich in der Gewalt. „Hier geht es nicht mehr um eine gestohlene Nacht, Inger. Ich bin nicht so naiv, dass ich nicht bemerken würde, dass dir ernsthaft an mir liegt. Aber für mich war es nicht mehr als ein One Night Stand, mehr Gefühle kann ich mir nicht leisten."
Sie sah ihn ruhig an, die blauen Augen unergründlich. „Ist das so, Remus?"
Er holte tief Luft.
„Ja", log er und ignorierte die eisige Kälte in seinem Magen.
Merlin, wie sehr er sich dafür hasste, ihr so weh zu tun. Aber er schuldete es ihr, sich ehrenhaft zu verhalten und einen kühlen Kopf zu bewahren.
Inger betrachtete ihn, und Remus, der ihrem Blick nicht standhalten konnte, zählte wortlos die Astlöcher im Boden.
„Nichts, was du getan hast, hat jemals meine Familie gefährdet, Remus Lupin. Und diese lächerliche ‚zu arm, zu gefährlich'-Geschichte wird auch durch häufiges Wiederholen nicht richtiger. Ich habe gedacht, du wüsstest es besser, als dich selbst klein zu reden."
Sie ging. Ihre Schritte entfernten sich, die Tür fiel leise hinter ihr ins Schloss.
Remus blieb allein im Zimmer zurück und kämpfte gegen den Drang, ihr nachzulaufen und sich zu entschuldigen, nur um sie danach in seine Arme zu ziehen und einfach nicht mehr loszulassen. Es durfte nicht sein. Er hatte kein Recht dazu.
TBC
