XIV. Rationen - Optionen - Schritte

Sucht! - Kennen sie das, wenn man von etwas süchtig ist, wenn man ohne eine bestimmte Sache nicht mehr leben kann. Zumindest glaubt man das dann wohl. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch niemanden kennen gelernt, der derartig Kaffeesüchtig ist. Aber je mehr ich über diese Kaffeesucht erfahre, desto mehr lerne ich sie zu schätzen. Denn ihre Sucht verhilft mir zu "Spontan"-Gesprächen am Kaffeestand. Ich denke, ich muss nicht erklären mit wem ich mich dort so außerordentlich spontan treffe. - Ja, ganz genau. Mit Rory Gilmore! Durch Zufall habe ich festgestellt, dass sie sich täglich an einem bestimmten Kaffeestand ihre Rationen holt, wobei ich zu Anfang nicht wusste, dass es tatsächlich mehrere Rationen sind. Ich bin erst von einer ausgegangen, aber nein, denn an langen Tagen kommt sie auf vier Rationen. Ja, was ist ein langer Tag? Gute Frage und sie verlangt nach einer Antwort. Doch zuerst sollte ich verrraten, wie ich an diese Informationen heran gekommen bin. Eigentlich ist das eine peinliche Geschichte, aber wahrscheinlich nicht peinlicher als das ohnehin schon berichtete. Natürlich ist es nicht mehr nötig zu erwähnen, warum ich oder besser gesagt, durch wen oder was ich in diesen Zustand des untergebenen, winselnden, mich selbst bebauchpinselnden, treu doofen Hündchen geworden bin. Wohl wahr, das ist ein jämmerlicher Zustan, vor allem wenn man bedenkt, dass ich mal ein cooler, angesagter Typ war. Ich würde fast sagen James Bond ähnlich, denn wenns um Frauen geht, stand ich ihm in nichts nach. Sieht man mich jetzt an, ist von diesem Urzustand nicht mehr viel erkennbar. Kommen wir zurück zum Punkt "langer Tag". Also woher weiß ich das? Ganz einfach! Ein unabhängiger, lebensbewusster Mensch hat ja bekanntlich nichts besseres zu tun, als sich den kompletten Tag auf eine Bank zu setzen, die einem den unauffälligen Blickwinkel auf den, von meinem Beschattungsopfer vorgezogenen, Kaffeestand ermöglicht. Das macht man dann natürlich nicht einmal, sondern fünf Mal die Woche. Wenn sie glauben, dass sei schäbig, kann ich ihnen da gar nicht so richtig widersprechen. Nun gut, weiter im Text. Meine Ergebnisse dieser Beschattung haben ergeben, dass ich nun im Besitz ihres Arbeitstages bin und somit weiß, wann sie sich auf den Weg zum Kaffeestand macht. Naja, vielleicht sollte ich noch erwähnen, das ich diese Aktion gleich zwei Wochen durchgezogen habe, um auch sicher zu gehen, dass nicht irgendein Suchtgang ihrerseits zufällig entstanden ist.
So, der Blick auf meine Uhr verrät mir, dass es gleich schon soweit ist. Ich habe verschiedene Ablaufpläne ausgearbeitet um mich mit ihr "zufällig" zu treffen. Somit habe ich jetzt drei fertig. Mit diesen drei Verschiedenen hoffe ich meine Tarnung aufrecht halten zu können. Da sie wirklich gut sind und ich finde auch für alle möglichen Vorkomnisse einsetzbar sind, bin ich mal so nett und erläutere sie ausführlicher.

Voraussetzung: Man muss bis auf 30 Sekunden genau wissen, wann seine Zielperson den Kaffeestand erreicht.

1. Option: Zufallstreffen beim Kaffeekaufen (Zielperson kommt hinzu)

1. Schritt: In Tarnkleidung (in diesem Fall studentische Ausrüstung) zum erwarteten Zeitpunkt langsam und unauffällig zum Kaffeestand gehen.
Tipp: Wenn man Übung hat, kann man auch zügig zum Stand gehen. Fördert die Galubwürdigkeit.
2. Schritt: Nach einem prüfenden Blick nach der Zielperson, sich Kaffee oder Wunschprodukt bestellen.
Wichtig: Bestellung muss 10 Sekunden bevor die Zielperson eintrifft erfolgt sein. Mehr als 10 Sekunden verkürzt die Rendevousphase, weniger birgt die Gefahr der Enttarnung.
3. Schritt: Kontaktaufnahme Entscheidung treffen ob sie die Zielperson ansprechen oder warten wollen ob sie sie anspricht.
Tipp: Die Entscheidung variieren lassen. Im Idealfall spricht sie sie an.
4. Schritt: Überraschte Begrüßung mit unauffälligem Schwenk zu einem Gespräch.
5. Schritt: Plausch ausklingen lassen. Eventuell nach nächstem Zielort fragen um die Möglichkeit eines gemeinsamen Weges zu erfahren und somit mehr Gesprächszeit zu erlangen.
Tipp: Auch hier nicht zu oft nach Zielort fragen, da Enttarnung eintreten könnte. Weniger ist mehr!
6. Schritt: Freundliche Verabschiedung mit Entscheidungsfindung ob man nach einer Verabredung fragen sollte oder nicht. Dabei die Tagesform der Zielperson beachten.

2. Option: Zufallstreffen beim Kaffeekaufen (Zielperson kauft zuerst)

1. Schritt: Aus sicherem, unauffälligem Versteck zum Kaffeestand gehen, nachdem die Zielperson Kaffee bestellt hat. Tipp: Wenn man Übung hat, kann man hier auf das Versteck verzichten und direkt zum Zielort gehen.
2. Schritt: Zielperson freundlich ansprechen, dabei Hauptaugenmerk auf den Verkäufer richten. - Tarnungsaufbau garantiert.
3. Schritt: Gesprächsaufbau durch Zielperson erfolgen lassen. Wenn sie nicht will, leichter Aufbau oder Missionsabbruch.
4. Schritt: Nach Kaffeekauf Gespräch beenden. Keine Eigeninitiative. Zielperson entscheiden lassen ob späteres Treffen stattfinden soll oder nicht.

3. Option: Zielperson im Vorbeigehen ansprechen oder sich ansprechen lassen

1. Schritt: Entscheidung treffen, ob man der Zielperson vor dem Kaffeekauf begegnen will oder hinterher.
Tipp: Kommt sie eilig zum Stand, vorher ansprechen, da sonst kein längeres Gespärch drin ist.
2. Schritt: Sobald die Zielperson in Sichtweite ist und sich zum bzw. vom Stand bewegt, in normalem Tempo am Stand vorbei gehen, aber in einem Winkel, so dass sie sicher sein können, dass sie sie sieht. Falls sie sie pertu nicht sieht, ansprechen. Tipp: Hält man ein Buch in der Hand und tut so als würde man lesen, ist die Wahrscheinlichkeit einer Erstbegrüßung der Zeilperson höher. Falls sie sie jedoch nicht anspricht, aber man hat bemerkt, dass sie einen gesehen hat, weiß man das sie kein Interesse an einem Plausch hat.
3. Schritt: Freundlicher Gesprächsaufbau. Keine Scheu vor höflichen Gesten. Als Gentleman kann man auch ruhig mal einen Kaffee ausgeben.
4. Schritt: Gespräch ausklingen lassen oder Zielperson zu ihrem nächsten Zielort begleiten.

So, wer mir nun sagt, dass das keine guten Optionen sind, hat einfach keine Ahnung. Jetzt geht es auch schon los. Sehen sie zu und lernen dabei vom Meister persönlich.
Viertel vor Acht, pünktlich wie jeden Tag, macht sie sich auf den Weg zum Stand. Sie sieht gelassen und ruhig aus. Dann lassen wir sie sich doch erst mal an die Schlange anstellen. Zwei Personen sind noch vor ihr. Abwarten, wir haben noch Zeit. Nicht zu früh in die Bresche springen. Noch eine Person vor ihr. Es kann los gehen. Countdown bis zum Treffen kann starten.

10 - in Bewegung setzten
9 - Tempo dem Eifer des Kaffeeverkäufers anpassen
8 - die Person vor Rory erhält ihren Kaffee
7 - sie verabschiedet sich
6 - Tempo erhöhen
5 - Rory bestellt
4 - noch mal den Kopf frei machen
3 - abschätzen wie ihre Tagesform ist
2 - Rory holt das Geld aus der Tasche
1 - auf geht's

"Morgen Rory!", begrüße ich sie, als sie gerade ihren Kaffee gereicht bekommt.
"Guten Morgen Logan!", entgegnet sie indem sie sich zu mir wendet.
"Einen kleinen Kaffee, bitte.", bestelle ich, wobei ich Rory kaum einen Blick zuwerfe.
"Musst du auch schon so früh heute"
"Ja, lässt sich manchmal nicht ändern.", antworte ich, wobei ich noch ein "Mit etwas Milch, bitte.", für den Verkäufer ranhänge.
"Da hast du wohl recht"
"Zucker?", fragt der Verkäufer.
"Nein, danke"
Ich beobachte sie im Augenwinkel und man kann richtig sehen, wie sie überlegt, was sie als nächstes sagen könnte.
"Hast du heute länger?", fragt sie dann schließlich.
"Es geht"
"Bitte, ihr Kaffee"
"Danke." Er reicht ihn mir und als ich gerade Luft holen will um mich zu verabschieden, sagt sie: "Sollen wir uns vielleicht nachher in der Mensa zum Essen treffen"
"Ja, warum nicht? Um halb zwei?", schlage ich ihr vor und würde dabei am liebsten die Faust zum Sieg hochreißen.
"Okay, dann bis nachher"
"Bis dann.", verabschiede ich mich, wobei ich mich auch schon langsam in Bewegung gesetzt habe. Mit einem unauffälligen Seitenblick gehe ich noch sicher, dass sie sich auch auf den Weg macht hat und nicht doch noch was ergänzen möchte.
Besser hatte es doch gar nicht laufen können. Für alle die es nicht bemerkt haben, das war die 2. Option. Hach, was für ein genialer Morgen. Ich musste zwar früh aufstehen und gehe jetzt tatsächlich zu einer Vorlesung, die ich mir eigentlich eher selten antue, aber dafür habe ich nachher ein "Date" mit Rory Gilmore. Wem wäre das nicht die Sache wert?