Kapitel 13: Borderline

5. Oktober 2010 - Sioux Falls, South Dakota

Als Dean mit einem Bier aus der Küche kam, waren Bobby und Sam gerade fertig damit, Kendra auf den Stand der Dinge zu bringen und sie sah nachdenklich aus dem Fenster.

„Ein ganz schöner Brocken", sagte sie nach einer Weile des Schweigens.

Dean setzte ich an den Tisch und setzte die Bierflasche mit einem vernehmlichen Knall auf der Tischplatte ab.

„Und? Haben wir unser Wissen jetzt geteilt?", fragte er in schärferem Ton, als er es eigentlich beabsichtigt hatte. Er konnte sich nicht helfen, die Frau und der Umgang der beiden mit ihr machten ihn aggressiv.

Kendra wandte sich ihm zu und hob die Augenbrauen. Einen Moment lang glaubte er, sie würde etwas sagen, das ihm die Gelegenheit gab, ihr seine Meinung zu sagen, aber sie schwieg, als ahne sie, was die falschen Worte jetzt auslösen konnten.

Dann seufzte sie leise und rieb sich mit der Hand über die Augen.

„Kendra war bisher noch etwas zurückhaltend, was ihre Seite des Wissen teilen angeht", bemerkte Bobby und Dean spürte eine leichte Genugtuung, dass auch Bobbys Tonfall eine gute Portion Misstrauen verriet.

„Ich habe mich zurückgehalten, was mein Wissen angeht, weil ich dachte, es wäre besser, zu warten, bis alle Beteiligten anwesend sind", sagte sie.

„Was ja jetzt der Fall ist", fügte sie mit leicht amüsiertem Unterton hinzu und warf Dean ein ironisches Lächeln zu.

Dean schnaubte, riss sich dann aber zusammen im Wissen, dass es wenig Sinn haben würde, sich mit der Frau zu streiten, wenn sie weitaus dringlichere Sorgen hatten. Vielleicht konnte sie ja etwas beitragen, das sie noch nicht wussten und auch wenn er fest entschlossen war, ihr weder zu vertrauen, noch sie in irgendeiner Weise in ihr kleines Team zu integrieren, war er doch pragmatisch genug, ihr zuzuhören. Information war Information und solange man im Hinterkopf behielt, wer die Quelle war, konnte man sie durchaus verwerten.

„Na, dann mal los", sagte er. „Was weißt du und woher weißt du es?"

„Sehr viel Konkretes ist es nicht", gestand sie ein. „Ich weiß, dass es etwas gibt, das das Gleichgewicht der Natur durcheinander bringt. Etwas so Gravierendes, dass die Grundfesten der natürlichen Ordnung erschüttert werden. Etwas, das neu erschaffen wurde und das noch nicht lange existiert."

„Na wunderbar", knurrte Dean. „Das ist ja herrlich vage. Für mich klingt das wie esoterischer Schwamm, perfekt, um uns einzulullen und auszufragen."

Zu seinem Erstaunen nickte Bobby nun und sah seinerseits die Frau ungeduldig an. Selbst Sammy schien jetzt unsicher, ob sie ihr zu früh vertraut hatten.

Und doch war da noch Castiels Reaktion gewesen. Auch wenn er Kendra ganz offensichtlich eine tiefe Abneigung entgegen brachte, hatte er nicht einen Augenblick gezögert, seine Zustimmung zu geben, sie einzuweihen. Wäre dieser Punkt nicht gewesen, hätte Dean von Anfang an darauf bestanden, sie gefangen zu halten und ihr kein Wort zu verraten.

Es war dieses Band des Vertrauens zwischen Castiel und ihm, das trotz ihrer häufigen Differenzen und Auseinandersetzungen so stark war, dass Dean nicht zögerte, wenn der Engel seine Position klar machte. Es gab nur wenige Menschen, oder in diesem Fall Wesen, denen er so sehr vertraute. Genau genommen waren das nur Sam, Bobby und Castiel. Und wenn einer von diesen dreien von ihm verlangte, zu springen, dann fragte er nicht lange nach, sondern sprang. Dass er später den Grund dafür noch ausführlich diskutieren und hinterfragen konnte, stand auf einem anderen Blatt, aber wenn es darauf ankam, war er bereit, ihnen mit seinem Leben zu vertrauen.

Kendra riss ihn aus seinen Gedanken, als sie fortfuhr. „Natürlich ist das alles sehr vage. Was hast du denn erwartet? Dass die Ereignisse um euren Hybriden in der Hexenzeitung stehen? Dass ich auf den Punkt genau weiß, wann ein Ereignis stattfindet und dazu noch den präzisen Ort?" Sie lachte freudlos. „Ich bin eine Hexe, kein Orakel oder Seherin."

„Dafür bist du aber ziemlich präzise hier aufgetaucht", warf Sam ein, dessen Stimme nun auch voller Zweifel war. Er hatte die Stirn gerunzelt, als frage er sich, wieso sie gerade noch so offen mit der Frau gesprochen hatten.

Die Stimmung war gekippt, erkannte Dean und ein Gefühl der Selbstzufriedenheit machte sich in ihm breit. Also waren seine Zweifel und seine Ablehnung doch nicht so unberechtigt gewesen und er hatte das angenehme Gefühl, der einzige gewesen zu sein, der die Frau durchschaut hatte.

Sie seufzte erneut, auch sie schien zu merken, dass die Atmosphäre am Tisch sich verändert hatte.

„Nun gut. Ich schätze, ich muss euch mehr erzählen, als ich vorgehabt hatte. Vielleicht sogar mehr, als gut ist. Aber vielleicht ist es auch gut so. Das wird wohl nur die Zeit zeigen."

Bobby brummelte etwas Unverständliches und trotz eines kurzen Zögerns fuhr sie fort, bevor auch Sam oder Dean noch etwas zu ihren kryptischen Äußerungen sagen konnten.

„Ich kann euch das, was wir wahrnehmen nicht genauer beschreiben, so gerne ich es auch wollte. Es muss euch einfach genügen, zu wissen, dass die Erschaffung des Hybriden nicht unbemerkt geblieben ist. Etwas so profund Unnatürliches, eine derartige Perversion des Lebens ist etwas, das nicht unbemerkt bleiben kann, denn es widerspricht allem Natürlichen. Ich wusste nicht, dass es ein Hybrid aus Dämon und Engel ist, aber dass es eine Monstrosität ist, das war unübersehbar.

Was nun mein Auftauchen an diesem Ort angeht, so ist die Erklärung vielleicht nicht weniger kryptisch, aber deutlich nachvollziehbarer. Es gibt eine uralte Prophezeiung, die besagt, dass die aus einem Blut geborenen, dem Abgrund entrissenen, die Macht besitzen werden, das in Verderbtheit Geeinte zu bezwingen."

Sie machte eine kleine Pause und musterte die Verwirrung auf den Gesichtern ihrer Zuhörer sichtlich zufrieden. Ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie weiter sprach.

„Ja, so ähnlich habe ich auch geschaut, als ich die Prophezeiung das erste Mal gehört habe, aber mit dem Wissen, das ich heute erlangt habe, wird sie endlich völlig klar.

Die aus einem Blut geborenen seid ihr, das wissen wir schon lange. Auch, dass ihr beide dem Abgrund entrissen wurdet, ist schon länger bekannt. Zumindest Deans Rettung aus der Hölle ist eine Legende geworden und Sams Rückkehr aus dem Gefängnis des alten Feindes hat diesen Teil der Prophezeiung bestätigt. Und was nun das in Verderbtheit Geeinte betrifft, das war uns lange Zeit ein Rätsel. Es wurde klarer, dass das Erscheinen der Störung im Gleichgewicht zu dieser Zeit, als sich der erste Teil der Prophezeiung bewahrheitet hat, wohl den zweiten Teil der Prophezeiung bedeutet. Doch was genau es war, habe ich erst heute erfahren. Das in Verderbnis Geeinte muss euer Hybride sein."

„Es ist nicht unser Hybride und außerdem hat sie einen Namen. Hope", warf Sam ein, doch Kendra lächelte nur und sprach unbeirrt weiter.

„Ich bin zu euch gekommen, als klar war, dass ihr es seid, die die Prophezeiung benannt hat, denn wenn ihr die einzigen seid, die das Unheil abwenden können, dann muss ich euch allen Schutz bieten, den ich aufbringen kann."

Ein langes Schweigen folgte ihren Worten, dann sprach Bobby ruhig. „Nichts von dem, was du erzählt hast, kannst du nicht irgendwo erfahren haben. Sehen wir mal ganz von dem ab, was wir dir gerade erzählt haben. Nichts an deinen Worten kann mich davon überzeugen, dass deine Absichten wirklich die sind, die du uns sagst. Und ich beginne mich zu fragen, warum wir dir überhaupt so weit vertraut haben."

„Ihr habt meine Hexenbeutel gefunden und ganz richtig erkannt, welchem Zweck sie dienten. Wenn auch etwas zu spät", erwiderte Kendra mit einem leicht gequälten Gesichtsausdruck. „Außerdem habe ich ein ausgesprochen gewinnendes Wesen und kann sehr überzeugend sein, wenn ich es will." Sie lachte leise, dann sagte sie mit einem Augenzwinkern: „Ein wenig positive Magie umgibt mich, wenn ich möchte, dass Menschen mir vertrauen."

„Und du glaubst, wirklich, dass es sinnvoll ist, Menschen zu manipulieren, wenn du möchtest, dass sie dir vertrauen?", fauchte Dean, der es hasste, manipuliert zu werden.

„Ich wollte nur, dass ihr euer Wissen mit mir teilt, dass ihr mir zuhört. Glaubst du ernsthaft, in einer Stimmung, wie sie jetzt herrscht, hättet ihr mir etwas von dem Hybriden erzählt? Wie lange dauert es normalerweise, bis du einem Menschen soweit vertraust, dass du ihn in eure Geheimnisse einweihst, Dean? Macht euch bitte eines klar. Wir stehen auf einer sehr dünnen Grenzlinie zwischen Rettung und völliger Zerstörung und es ist noch keineswegs geklärt, auf welche Seite der Linie wir stürzen werden. Wir haben keine Zeit für langwierigen Vertrauensaufbau oder für lauschige Kennlern-Wochenenden. Zeit ist ein entscheidender Faktor und ich bin nicht bereit, etwas davon zu verschwenden, nur damit du dich besser fühlst."

Dean starrte sie ungläubig an, konnte sich der Logik ihrer Worte aber nicht entziehen. Seufzend nickte er.

Auch Bobby nickte nun, aber seine Miene zeigte noch immer Misstrauen.

Plötzlich lächelte Kendra breit. „Ich habe noch einen Trumpf im Ärmel", sagte sie, während sie Bobby ansah. Vorsichtig zog sie einen kleinen Gegenstand aus einem ledernen Beutel, den sie am Gürtel trug. Dean erkannte das Stück Kreide, mit dem sie schon die Runen an der Hauswand angebracht hatte. Sie schloss einen Moment die Augen, dann begann sie ein verschlungenes Zeichen auf den Tisch zu malen. Bobbys Augen weiteten sich, als das Muster eine Gestalt annahm. Schließlich legte sie schließlich die Kreide aus der Hand und begann mit leisem Murmeln eine Handfläche über dem Symbol kreisen zu lassen, bis dieses schließlich in einem matten Orange zu leuchten begann.

Bobby starrte darauf, als hätte er einen Geist gesehen und murmelte, wie zu sich selbst: „Das ist nicht möglich!"

-tbc