Trotz der Umstände hatte sich Estel am Ende doch dazu entschieden, nach Annúminas zu gehen und dort den königlichen Sitz des nördlichen Königreiches einzunehmen. Schon lange war hier kein König mehr gewesen, es wurde Zeit, dass Estel dies änderte.
Earendur hatte sich als würdig seines neuen Amtes erwiesen und würde in Fornost zurückbleiben, um dort alle weiteren Angelegenheiten zu regeln. Nun endlich würde der Wiederaufbau der Stadt in angemessenem Maße vorangetrieben, sowie weitere Mittäter Valandils ausfindig gemacht wurden. Nun endlich würde alles ins rechte Licht gerückt werden.
Nachdem Estel erst seinen Entschluss zum Verlassen Fornosts gefasst hatte, war alles recht schnell gegangen. Die Truppen der Stadt beließ er in dieser, seine eigenen, die er aus Gondor mitgebracht hatte, würde er jedoch nach Annúminas abziehen. Danach waren ihre Sachen rasch gepackt und ein Bote zur Stadt am Abendrotsee geschickt worden, mit der Kunde, der König käme in die Stadt, um dort für die Dauer des Krieges seinen Sitz zu nehmen.
Elrond saß auf seinem Pferd und ritt an der Seite seines Ziehsohnes, während hinter ihnen ihr kleines Heer aus der Stadt zog. Er sichtete diverse Dokumente und vertraute darauf, dass sein Pferd schon von allein dem Estels folgen würde.
Es grenzte an ein Wunder, dass er bemerkte, wie Ceomon zu ihm geritten kam und mit einigen Pergamentseiten wedelte. „Ich habe das nächste Kapitel Eurer Biographie fertig, Herr Elrond!", erklärte er mit einem breiten Strahlen.
Elrond unterdrückte ein Seufzen, bemerkte aber, wie Estel neben ihm vor sich hin grinste, auch wenn er immerhin den Anstand besaß, seine Erheiterung nicht allzu offen zu zeigen.
„Und du willst jetzt, dass ich mir wieder einmal durchlese, was du geschrieben hast?", wandte er sich an Ceomon.
Dieser nickte. „Das wolltet Ihr doch auch selbst so."
„Und besser ist es", murmelte der Halbelb und nahm die Seiten entgegen. Es handelte sich um ein weiteres Kapitel aus seiner Kindheit. Ein verträumtes Lächeln zierte mit einem Male seine Lippen, als er an die Jahre in Ossiriand zurückdachte. Seine Kindheit und Jugend. Seine Heimat. Allzu lang war dies nun schon her!
Nur ein Satz ließ ihn stutzen: „Herr Elrond hatte später immer behauptet, sein Bruder sei wesentlich talentierter mit der Musik als er, aber das stimmt nicht. Sie beide waren und sind wundervolle Sänger und Harfenisten", las er vor. „Streich das. Das ist Humbug. Elros war viel besser als ich, daran gibt es nichts zu rütteln."
„Aber …!", wollte Ceomon protestieren, wurde aber von einem strengen Blick Elronds zum Schweigen gebracht.
„Aber es stimmt, du könnest durchaus öfters nicht nur für dich spielen", mischte sich Estel ein. „Selbst ich und meine Brüder haben dich kaum spielen und singen gehört. In den Genuss kam meist Arwen."
„Schlaflieder gab es allerdings zuhauf", erinnerte Elrond ihn. „Da kannst du dich nicht beschweren. Ohne wolltest du nie einschlafen. Du warst überhaupt ein unmögliches Kind, was das Schlafen betraf."
„Doch nichts ging über Gwailins Geschichten!", kommentierte Estel. „Die habe ich wirklich geliebt."
Elrond konnte nicht anders als zu grinsen. Gwailin war ein Grünelb aus Ossiriand, den er als Kind beim Spielen mit seinem Bruder durch Zufall gefunden hatte. Er hatte rasch mit ihm Freundschaft geschlossen, vielleicht tatsächlich wegen seiner Geschichten. Gwailin besaß ein beachtliches Talent zum Erzählen, und auch wenn Elrond schon Romanen kaum etwas abgewinnen konnte, so hatte er Gwailins Geschichten doch über alles geliebt. Stets, wenn er krank gewesen war (und das war in seiner Kindheit häufig der Fall gewesen), hatten ihn diese Geschichte wieder aufgebaut. Später hatten auch seine eigenen Kinder diese Geschichten nur allzu oft hören dürfen, und auch bei ihnen hatten sie sich größer Beliebtheit erfreut.
„Ich kann dir schon jetzt sagen, dass auch meine Kinder diese Geschichten hören werden", sagte Estel.
„Gwailins Geschichten werden noch zu unsterblichem Ruhm gelangen", scherzte Elrond. „Ob er sich dessen bewusst ist?"
Neben ihnen kritzelte Ceomon hastig etwas auf einen Notizzettel, wurde aber nicht weiter beachtet.
„Oh! Sogar Felaroth ist erwähnt worden!", rief Elrond aus. „Aber du musst unbedingt erwähnen, was für ein Biest er war, Ceomon!"
„Seid nicht so gemein zu ihm", hielt Ceomon dagegen. „Ihr ward noch ein Kind und habt ihn als viel schlimmer wahrgenommen, als er in Wirklichkeit war."
„Onkel Maglor hat ihn des Hauses verwiesen, das sagt wohl alles", konterte Elrond. „Dieser garstige Elb hat mit Sicherheit mit Absicht dafür gesorgt, dass ich noch am nächsten Tag Zahnschmerzen hatte. Gwailin hatte es immerhin geschafft, diese im Handumdrehen zu beseitigen. Felaroth hat mit Absicht gepfuscht."
„Jetzt klingt Ihr wie das Kind, das Ihr damals gewesen ward." Ceomon musste schmunzeln.
„Oh, und Katze wird auch erwähnt!" Elrond war hin und weg, Felaroth war schon vergessen.
„Katze?", fragte Estel nach.
„Ja, Herr Elros war ebenso kreativ mit seinen Namen wie sein Bruder", witzelte Ceomon. „Außerdem hatte er Katzen schon immer gemocht, seit ihm in seiner Kindheit ebenjene Katze zulief, und sich bis zum seinem Tod diese Tiere gehalten. Mit dieser einen speziellen Katze nahmen jedoch so einige Dinge ihren Laufen. Herr Elrond hatte vorausgesehen, was diese Katze tun würde, wenige Augenblicke, bevor sie tatsächlich bei einem Ausflug aus einem Gebüsch gesprungen und einen kleinen Vogel gejagt hatte."
„Onkel Maglor hatte mir sogar erlaubt, diesen Vogel zu behalten, bis er wieder gesund gepflegt war. Ich hatte ihn Pieps genannt." Elrond fühlte sich nun in der Tat wieder wie ein Kind, als er daran zurückdachte. „Nun, jedenfalls erfuhren wir so, dass ich die Gabe der Voraussicht besitze. Onkel Maglor kontaktierte daraufhin Círdan und bat ihn um Hilfe, denn uns war freilich bekannt, dass auch er diese Gabe besitzt. Er ist allerdings, wie du weißt, Estel, weitaus talentierter als ich oder gar Frau Galadriel."
Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Text zu und musste einige Absätze später erneut innehalten. „Du schreibst hier von Unart, Ceomon?", ereiferte er sich. „Hatten sie beispielsweise wieder einmal mit Herrn Maglor das Musizieren geübt und der Herr ihn für seine guten Fortschritte gelobt, schob er stets seinen Bruder vor, dass dieser doch viel besser sei. Offen gesagt ist das durchaus eine Unart, aber sie ist ihm einfach nicht auszutreiben. Das ist eine Lüge! Das hatte wir soeben doch schon."
Nun war es an Ceomon, ihm einen strengen Blick zu widmen. Offenbar verfiel Elronds Freund soeben wieder in seine alten Manieren, der Ersatz für Maglor zu sein und damit auch teils die Erziehung Elronds übernehmen zu müssen. Gegen seinen Willen musste der Herr Bruchtals den Kopf einziehen und schweigen. Dass nun er der Fürst war und Ceomon sein Gefolgsmann, hieß noch lange nicht, dass er vergessen hatte, wer ihm in seiner Kindheit auch einmal die Kehrseite versohlt hatte, wenn er nicht gespurt hatte.
Ihre Gespräche über seine Kindheit jedoch hatten unweigerlich auch all die bittersüßen Erinnerungen wachgerufen. Die Erinnerungen daran, was er doch alles in seinem Leben verloren hatte. Begonnen hatte es mit seinen geliebten Ziehvätern, mit Elros und Celebrían hatte sich dies fortgesetzt. Und an die Verluste, die ihm noch bevorstanden, wollte er lieber erst gar nicht denken.
Einmal in seinem Leben hatte ihn seine Voraussicht im Stich gelassen und er hatte die falsche Wahl getroffen. Es hätte die seines Bruders werden sollen.
Estel warf einen kurzen Blick über die Schulter, dass auch niemand in unmittelbarer Nähe ihn hören konnte, dann ritt er näher zu Elrond. „Vater", sagte er sanft, denn er hatte wohl Elronds Gedanken erraten. „Denk nicht mehr daran."
„Es ist so schwer, nur allzu schwer", erwiderte Elrond leise und geknickt. „Elros hat mir alles bedeutet, mein Leben. Ich war am Ende, als er gestorben war. Mit Celebrían war es nur unwesentlich besser. Ich wünsche dir um nichts auf der Welt, dass du solche Erfahrungen ebenso machen musst, denn sie sind grausam."
Er sagte nichts mehr dazu und trieb sein Pferd an, damit er ein wenig vor den anderen ritt. Er wollte allein mit sich und seinen wehmütigen Gedanken sein.
Gute Neuigkeiten: Es werden sich nicht mehr viele daran erinnern, aber ich habe eine Longfic begonnen (eine von vielen), die ebenfalls »Kindheitserinnerungen« heißt und vieles von dem, was hier angesprochen wird, und noch mehr behandelt, als Elrond und Elros 10 Jahre alt waren. Sie liegt seit Jahren brach, aber in letzter Zeit habe ich zumindest latente Lust und Ideen, daran weiter zu arbeiten, was mehr ist, als seit bestimmt vier Jahren. Immerhin. Also falls das noch wer kennt: Es besteht die Aussicht, dass es langfristig da weiter geht.
