Snapes Groll
CarynSonnabend, 3.3
An diesem Hogsmeade-Tag war Caryn bereits nach dem Frühstück ins Labor gekommen, weil Severus einen langwierigen Trank mit ihr gemeinsam herstellen wollte. Der Inhaber dieser Räume war jedoch nicht da, wie sie nach einem Besuch in seiner Wohnung feststellte. Nun ja, er würde sich bestimmt freuen, wenn sie mit der Arbeit anfing. Anhand der Aufzeichnungen in ihrem gemeinsamen Notizheft hatte sie bereits den Versuchsaufbau bewerkstelligt, als sie Severus endlich kommen hörte. Schon an seinen Schritten auf dem Gang draußen erkannte sie, daß er extrem wütend war, jedoch versuchte, die Wut einigermaßen im Zaum zu halten. Die Labortür wurde von ihm heftigst geöffnet und an die Wand gestoßen (wie er es mit der Klassenraumtür regelmäßig zu tun pflegte, was dort jedoch Teil seiner Show war). Caryn blickte sich zu ihm um. Angesichts seiner angespannten Züge entschied sie, ihn lieber nicht anzusprechen.
Zerstreut nahm er ihre Anwesenheit wahr, nickte nur in ihre Richtung, um dann gedankenverloren mitten im Raum stehenzubleiben. Als er sprach, tat er es eher mit sich selbst.
„Dieser unerträgliche Bengel führt wieder mal etwas im Schilde, ich bin SICHER, und das gerade am Hogsmeade-Tag! Was könnte das anderes sein, als aus dem Schloß auszubrechen? Mal wieder ein kleines ABENTEUER, Hauptsache, man hat SPAß!"
„Von wem redest Du?" entfuhr es Caryn.
„Von dem POTTERjungennatürlich!" spie er aus. Seine Stimme war schneidend-sarkastisch, von einem unterschwelligen Haß getragen, der Caryn eine unangenehme Gänsehaut über den ganzen Körper jagte.
„Potter, der sich SELBSTREDEND einen feuchten Kehricht darum schert, daß alle hier im Schloß sich ein Bein ausreißen, um ihn vor diesem Bastard Black zu schützen. Nachdem der nun schon zum zweiten Mal in den Gryffindor-Turm eingedrungen ist. Der GARANTIERT hier ganz in der Nähe geblieben ist. Aber das INTERESSIERTden kleinen Potterprinzen nicht. KEINESWEGS! James Potter Junior kann allein entscheiden, was für ihn gut ist. Und wenn er in Not gerät, kann er immer noch zum Helden mutieren. Und zur Not sind da immer noch der allmächtige Dumbledore oder der böse Snape, um ihn zu retten!" Mit diesen Worten wirbelte er herum, um auf demselben Weg wieder zu verschwinden. Sprachlos starrte Caryn ihm nach.
Daß Professor Snape HarryPotter nicht ausstehen konnte, war in Hogwarts allgemein bekannt. Allerdings auch, daß er ihm damals während des Qidditchmatches das Leben gerettet hatte. (Im darauffolgenden Gryffindorspiel, wo Snape zum Schutze Harrys den Schiedsrichter gemacht hatte, war Caryn zum allerersten Mal aufgefallen, daß ihr Meister der Zaubertränke eine durchaus ansprechende Figur auf dem Besen gemacht hatte... Unwillkürlich ergriff ein Lächeln ihren Mund. Damals war sie gerade sechzehn gewesen...)
Warum entfachte Harry Potter einen dermaßen großen Zorn in Severus? Das war genauso überraschend wie seine heftige Reaktion auf diesen entflohenen Häftling Black...
Caryn stieß einen ungehaltenen Seufzer aus und bezähmte ihre Neugierde vorerst und nahm den Faden ihrer Arbeit wieder auf.
Als Snape gegen Mittag ins Labor zurückkehrte, schien er sich ein Stück weit beruhigt zu haben. Diesmal begrüßte er Caryn mit einer Umarmung und blieb darin stehen, während er sich mit ihr dem Arbeitstisch zuwandte und anerkennend den Zustand ihres Trankes begutachtete.
„Verzeih mir, daß ich Dich mit der Arbeit alleingelassen habe. Aber ich mußte mich um Potter kümmern." Er entließ sie aus seinem Arm und beugte sich über das Notizbuch.
„Inwiefern?" hakte Caryn nach.
„Zuerst mußte ich Minerva davon in Kenntnis setzen, daß der Junge wahrscheinlich vorhatte, sich eigenmächtig in Gefahr zu begeben. Was diese nicht ernst nahm, zumal sie gerade im Begriff war, zu irgendeinem Teekränzchen aufzubrechen – mit einer ihrer whiskeytrinkenden Jugendfreundinnen vermutlich", schnaubte er verächtlich. Dennoch hörte er sich nicht mehr sauer an, vielmehr fast befriedigt. Er hatte, wie es schien, alles im Griff. „Minerva erklärte sich dann doch gnädigerweise bereit, im Gryffindorturm nachzusehen, wo sie sich von Longbottom das Märchen von Potter in der Bibliothek auftischen ließ. Wo der selbstverständlich nicht war. Wohl aber ein Exemplar Der Ortskundige in Hogwarts in der Lehrerbibliothek, wo ich nach einigem Suchen die Beschreibung des betreffenden Geheimgangs Richtung Hogsmeade fand, den Potter gerade im Begriff war zu benutzen, als ich ihm heute früh bei der einäugigen Hexe in die Quere kam." Er war regelrecht außer Atem wegen seiner unendlichen Bandwurmsätze, grinste aber in gehässiger Genugtuung. „Daraufhin habe ich Hagrid aufgesucht und ihm aufgetragen, in Hogsmeade nach dem Rechten zu sehen. – Tja, und zum Schluß habe ich einen meiner Schüler auf die Lauer geschickt, um die einäugige Hexe im Auge zu behalten, damit ich ihn auf frischer Tat ertappen kann, wenn er heute Nachmittag von seinem Kreuzzug heimkehrt." Diesen Trumpf unterstrich er mit einer ausladenden Geste.
„Und DAS tut Dir gut", fragte Caryn ohne Fragezeichen.
„Der Junge muß einfach lernen, daß er sich nicht alles herausnehmen darf. Vor allem nicht sein Leben auf's Spiel setzen, welches von uns mit großem Aufwand geschützt wird. – Siehst Du nicht, welche unglaubliche Arroganz hinter dieser Haltung steckt?!" Er blitzte sie an.
„Hinter Deiner Haltung Potter gegenüber muß aber auch irgendetwas stecken..." murmelte Caryn, eher vor sich hin, um nicht wieder den Zorn herauszufordern, den er heute Morgen nach seiner ersten Begegnung mit Potter gezeigt hatte.
Mittagstisch
Caryn
Severus zögerte unmerklich, erwiderte dann doch nichts darauf. Stattdessen sah er auf die Uhr und fragte:
„Möchtest Du zuerst zum Mittag hochgehen?"
Unwillkürlich schürzte sie die Lippen.
„Können wir nicht heute ausnahmsweise zusammen...?"
„Caryn, selbst wenn wir heute offiziell zusammen arbeiten, ist es doch unlogisch, die Tränke unbeaufsichtigt zu lassen. Wir müssen uns abwechseln."
„Aber wir KÖNNENden Trank gleich eine Stunde allein lassen!"
„Das wissen die Leute oben aber nicht."
„Es sind heute sehr wenige Leute da", startete Caryn einen weiteren Versuch, den Kopf auf die andere Seite neigend. „Minerva und Flitwick wissen doch eigentlich, daß wir durchaus MANCHMAL zusammen ESSEN, und selbst wenn der Rest… Dumbledore ist doch sowieso informiert…"
Severus' Lippen kräuselten sich in einer Weise, die nicht unbedingt als geringschätzend interpretiert werden mußte.
„Ist Dir das so wichtig?"
„Seite an Seite mit Dir vor allen Anwesenden die Große Halle betreten..." schwärmte sie gedankenvoll.
„Wenn Du dabei SO guckst, können wir gleich Verlobungskarten verschicken!" lachte er, plötzlich schon fast übermäßig gut gelaunt. Caryn lächelte voller Dankbarkeit, daß er sie so lieb ärgerte und ergab sich seufzend in ihr gewohntes Schicksal der heimlichen Geliebten.
„Du hast recht, es ist ein unnötiges Risiko."
Wie er, leise auflachend, in der Bewegung seines Kopfes verharrte, ließ sie aufhorchen.
„Seit wann geben SIE so schnell auf, Miss Willson?" wunderte sich jetzt ihr Lehrer mit von Zungenschnalzen begleitetem Kopfschütteln. Caryn errötete unwillkürlich, ihr Körper hatte da anscheinend etwas mißverstanden... Als sie jedoch die schwarzen Augen dieses Mannes auf ihr für eine volle Sekunde noch schwärzer werden sah, während sein Mund diesen gewissen Zug bekam, ließ das keinen Platz für alle Interpretationen außerhalb ihrer Begierde nach ihm. Sie WAR ihre Begierde nach ihm. Stand still in seinen Augen, getrennt von ihm durch einen endlosen Meter, alles stand still in der Sekunde, bevor er sie zu sich kommen lassen würde durch das, was er als nächstes tun würde. Egal WAS er als nächstes tun würde. ALLES was er als nächstes tun würde, würde das bewirken. Caryn unentrinnbar zu ihm holen. Getrieben von ihrer Gier, alle Distanz zwischen ihnen zu schmelzen. Mit diesem Mann zu verschmelzen, der sie regelmäßig dazu brachte, nach noch MEHR Nähe zu ihm zu gieren, egal wie nahe sie ihm bereits gekommen war, noch mehr von IHM zu begehren, egal wie viel sie von ihm bekommen hatte.
In diesen Sekunden gab er nichts von sich preis. Sah sie ungerührt, unBERÜHRT an, SIE auseinandernehmend, ihr seinerseits nicht eine Spur all dessen zeigend, was Caryn in IHM auslöste. Seine Macht, die ihm das über sie gab, berauschte sie beide gleichermaßen in diesem Moment, denn Caryn WUßTE, wie symmetrisch diese seine schauspielerisch inszenierte einseitige Überlegenheit in Wahrheit war.
Dies, was sie hier miteinander hatten, war die Triebfeder aller Schritte, die er je auf sie zu gemacht hatte. War das, was ihn dazu gebracht hatte, sie so weit in sein Leben zu lassen, wie er es getan hatte. Das, was sie miteinander teilten, gab ihm die Sicherheit, die er brauchte, sich jederzeit auf dieses Gebiet zurückziehen zu können, auf welchem er die Macht innehatte, wo ER bestimmte – scheinbar – wie weit Caryn sich ihm näherte. SCHEINBAR, denn letztendlich BEKAM Caryn ihn. Letztendlich mußte Severus sich SEINER Begierde nach IHR ergeben. Letztendlich katapultierte dieses künstliche Machtgefälle sie beide in eine Nähe, in ein Vertrauen, in ein Geben und Nehmen, das über die Nähe aus allen normalen erotischen Begegnungen hinausging.
Snape verengte die Augen und setzte einen spöttischen Gesichtsausdruck auf, welcher – wie Caryn so oft erfahren hatte... – dazu diente, sich über sie zu stellen, ihn unantastbar erscheinen zu lassen, sein eigenes Verlangen zu verstecken. Die Braue war natürlich unvermeidlich. Ihre Lippen auseinandernehmend, atmete Caryn bemüht unhörbar aus.
„Sie scheinen da etwas für mich zu haben, was ich näher in Augenschein nehmen muß, Miss Willson", stellte Snape in seinem typisch desinteressierten Lehrertonfall fest. Er zog seinen Zauberstab und führte eine Beschwörung aus. Ein Tisch materialisierte sich in der freien Mitte des Labors. Die Woge des wohligen Entsetzens nahm ihr den Atem. Interpretierte sie ihn richtig? GABes den Grund für die heißen Wellen Blutes in Wangen und Scham? War ihm die schamhafte Verlegenheit entgangen, die sie in ihren Augen wohl nicht hatte verstecken können? Wußte er, wie sehr er sie in der Hand hatte? Sie dazu bringen konnte, sämtliche ihrer Grenzen über den Haufen zu werfen, nur für IHN? Wie gefährlich prickelnd es sich anfühlte? Wie unerträglich erregend es war? Und wie sehr sie ihm vertraute, um das alles geschehen zu lassen, was auch immer er für sie erdacht hatte?
Sie ließ ihn nicht aus den Augen. Mittels einer beiläufig-lässigen Geste bedeutete er Caryn, sich auf den Tisch zu legen. Sie mußte sich zwingen, den Sauerstoffaustausch mechanisch aufrecht zu erhalten, während sie mit weichen Knien, klopfendem Herzen und einer schwimmenden Weichheit zwischen den Beinen seinem Befehl folgte. Die Freude streifte sie, daß sie sich heute Morgen – nur für den Fall – für ihren weiten Rock entschieden hatte, dessen Saum Severus jetzt mit einer Hand einen Zentimeter hochschob, noch einen, unaufhaltsam, nicht verharrte, während seine andere Hand seinen Zauberstab zwischen ihre Beine richtete. Caryn damit unfähig machte, den nächsten Atemzug zu tun. Wie hypnotisiert folgte sie der Bewegung der Spitze seines Stabes. Im folgenden Moment umwehte sein Zauber ihren Unterleib, und ihr Höschen löste sich in Luft auf. Der süße Schreck sowie die magische Druckwelle an ihrem erwartungsvollen Geschlecht machten sie erschaudern, unwillkürlich Luft in ihre Lungen saugen, und dann hatte seine andere Hand zielsicher den Weg in ihre nasse Spalte gefunden. Ihr Aufstöhnen war sehr groß. Erst danach war Caryn in der Lage, ihre Augen wieder zu öffnen, einen schnellen Blick auf Severus' Gesicht zu werfen, worin ausschließlich Konzentration zu sehen war. Gekonnt verteilte er ihre Nässe auf ihren Schamlippen und ihrem pochenden Kitzler. Gekonnt, ja… Bevor jedoch der nächste Seufzer ihren Mund auch nur verlassen hatte, war die Berührung vorbei. Nachdem er seine Hand beinahe sofort wieder zurückgezogen hatte, brachte er sie einmal kurz an seine Nase und prüfte anschließend durch Aneinanderreiben seiner Finger die Konsistenz ihrer Feuchtigkeit.
„Das hatte ich erwartet", stellte er wie routiniert fest. Seine Miene war unergründlich geblieben. Er machte eine bedeutungsschwere Pause, bevor er sich mit nebensächlichem Interesse erkundigte: „Und was soll ich jetzt damit anfangen, Miss Willson?"
Seine Stimme raubte ihr erneut die Kontrolle über ihren Körper. Mit weit aufgerissenen Augen und stoßweise gehendem Atem starrte sie ihm ins Gesicht, in dem sein gesamter distanzierter Spott zu Tage getreten war. Das war alles, was ER ihr geben würde, SIE sollte aktiv werden, sich äußern, sich ihm offenbaren. Offenbaren, was sie beide wußten: Daß ihr Körper in ihrer Feuchtigkeit für IHN schwamm. Daß Severus sie dazu zwingen wollte, das offen auszusprechen, brachte diese Feuchtigkeit zum Überfließen, sorgte dafür, daß sie sich in ihrem gesamten Inneren ausbreitete, sie aushöhlte zu einem Gefäß für IHN allein. Ohne Grenzen, ohne Bereiche, die ihm verwehrt waren, ohne Bedürfnisse, an denen er keinen Anteil hatte.
„Ich warte!"
„Ich... brauche..."
Ihr Mund war trocken, es forderte zu viel von ihr, sich zu überwinden, sie brauchte sein Erbarmen. Welches er ihr verweigerte.
„Ich höre?"
Ein verkrampftes Luftholen. Ein Husten. Erneutes Einatmen.
„Ihre Hand..."
„Dieses Bedürfnis hat sie anscheinend vergessen lassen, wer ich bin."
Ausatmen. Herzklopfen. Schüchtern:
„Sir...?"
„Das meinte ich. – Und was meinten Sie?"
Severus, ich bitte Dich! Er sah mit hohen Brauen auf sie herab. Ich brauche Dich jetzt! Ein selbstgefälliges Nicken von ihm. Kein Erbarmen. Caryns Scham kribbelte im gesamten Bauchraum.
„Könnten Sie Ihre Hand, ... Sir..."
„WASsoll ich mit meiner Hand, Miss Willson?" fragte er, jetzt eine Prise Ungeduld beimischend. „Sie sind doch sonst nicht um Worte verlegen, wenn ich mich recht erinnere!"
Ihr Zwerchfell zog sich zusammen und ihre Wangen brannten, auch wenn all ihr Blut sich zwischen ihren Beinen zu befinden schien. Die bodenlose Verlegenheit, die er mit überlegen schadenfrohem Lächeln wahrnahm, steigerte ihre Erregung ins Unermeßliche. In dem Maße, in dem sich ihr die Kehle zuschnürte, wurde ihre Scheide weiter. Jeder übrige Millimeter ihres Körpers war genauso wie dieses Zentrum zum ZIEL geworden. Zu SEINEM Ziel. Seinem ALLEINIGEN Ziel. Für IHN ALLEIN. Und daß SIE ihn dorthin führen mußte, ihn einladen, sich zu diesem Ziel zu begeben und ZU IHR zu kommen; daß SIE es war, die es in diesem Moment in der Hand hatte, ihn dazu zu bringen, sie wenigstens in den Genuß seiner Hand zu bringen – indem er sie jedoch zu etwas zwang, das ihr so ungemein schwer fiel, das sie ihm ausliefern würde, ihm alle Macht über ihre Würde anvertrauen – überwältigte sie. Setzte sie ihrem eigenen Verlangen aus, das er in ihr weckte, das er ihr DIKTIERTE, von ihr verlangte, FÜR SICH verlangte. Er verlangte SIE, forderte alles, was sie ihm geben konnte, ob sie wollte oder nicht. Und natürlich WOLLTE sie. Wollte IHN um jeden Preis. Der Preis war SIE. Aber sie würde IHN dafür bekommen. Sie BESAß ihn bereits.
„Berühren Sie mich", krächzte sie heiser, nicht in der Lage, ihn anzusehen. „Bitte!" Auf einen ungehaltenen Laut seinerseits hin ergänzte sie rasch das verlangte „Sir!"
„WO soll ich Sie berühren?" fragte er ölig.
Nein, das KONNTE sie nicht sagen. Wie nah DIESE Einsicht sie an fühlbare körperliche Lust brachte, tat schon beinahe weh. Ich brauche Dich in mir, Severus, mehr als alles, jetzt! Und aus diesem Grund würde sie es trotzdem TUN.Es aussprechen mit Lippen, die ebenso zitterten wie ihre Stimme. Und er sah und hörte das. Wußte, daß es ihre Sucht nach ihm war, die sie dazu brachte, über diese Grenze zu gehen. Und es gefiel ihm.
„Zwischen... meinen Beinen, Sir... Bitte..."
Unbeteiligt. Kühl. Höhnisch:
„Warum sollte ich das tun?"
So unerschütterlich seine Stimme geklungen hatte, so verräterisch zitterten auch seine Hände. Weil Du es willst, frohlockte Caryn. Weil Du MICH willst! Und WIE Du mich willst! Weil Du Dich nicht mehr lange unter Kontrolle haben wirst! Diese Gewißheit machte sie stark.
„Weil... ich es… brauche, Professor, ich..." Die Worte kamen, brachten sie gefährlich nahe an den Rand der Lust, die sie doch nur mit ihm zusammen wollte, aber vorerst würde er ihr nur seine Hände geben, damit mußte sie sich abfinden. Wobei sie sich mittlerweile in einem Zustand befand, in dem ihr alles recht war, ALLES was ER nur tun würde. Tu etwas, Severus! Irgendetwas! „Bitte, fassen… Sie mich an... Sir…"
Ihr Stottern schien ihm gefallen zu haben, zumindest war seine Hand in der nächsten Sekunde an der von ihr gewünschten Stelle. Nun mußte sie jedoch die Augen schließen, als er begann, mit seinen Fingern genüßlich ihre feuchten Schamlippen entlang zu fahren, sacht ihre angeschwollene, nun fast schmerzhaft pochende Klitoris zu tasten, sie sanft zu umstreichen, zwischen seinen Fingerspitzen zu drücken. Caryns gesamte Wahrnehmung war jetzt darauf konzentriert. SIE in SEINER Hand. Sie wand sich unter seiner Geschäftigkeit, welche beinahe auf der Stelle die höchsten Wellen der Lust sich in ihr Geschlecht zauberten. Auch wenn ein nachdrückliches Sehnen danach, von ihm ausgefüllt zu werden, sich mehr und mehr dazwischendrängte, ausgehend von ihrer – von seinen Zuwendungen anscheinend wohlbeabsichtigt übergangenen – unberührten Vagina. Desungeachtet mußte Caryn erst einmal den Atem an-halten und kurz seine Hand fest, um nicht zu nahe an den Höhepunkt zu geraten – was ihm ein spöttisches Grinsen entlockte.
„Augenscheinlich agiere ich zu ihrer Zufriedenheit, liebe Miss Willson?"
Ein unregelmäßiger Atemzug nebst neuerlichem Erröten war ihre Antwort. Severus stand ungerührt und aufrecht und sorgte mit seiner natürlichen Autorität – und dadurch, daß er keinen Zweifel bestehen ließ, daß er ansonsten NICHTS mehr mit ihr tun würde – dafür, daß sie ihm in die Augen sehen mußte. Er unerreichbar weit entfernt. Severus! Nimm mich endlich! Ich halte es nicht mehr aus! Auf ihren qualvollen Blick hin erbarmte er sich, ihr zu helfen:
„Wie heißt das Wort?"
„Mehr!" flüsterte Caryn. Sie wollte NOCH VIEL mehr, und das wußte er auch, aber vorerst wurde sie auf der Stelle durch die Rückkehr seiner geübten Finger mundtot gemacht, welche sie fast auf der Stelle wieder an jenen Punkt zurückbrachten.
Ihr „Stop!" ließ ihn leise lachen und noch einen Moment weitermachen, bis sie ihren ganzen Körper verkrampfen mußte und auf der Tischplatte weiter hoch rutschen, um seinen sie umfangenden Reizen zu entkommen. Er lachte wieder. Überheblich. Heiser. Mußte sich zuerst räuspern, um hämisch genug zu klingen.
„Worauf warten Sie, Miss Willson? Wollen Sie mir etwa den Anblick ihres totalen Kontrollverlustes bei einem wohlverdienten Höhepunkt vorenthalten? Dabei fiele mir nichts leichter, als Sie auch GEGEN Ihren Willen dorthin zu führen, nur durch einen kleinen Fingerzeig…"
Aufreizend leicht entzog er ihr seine Hand, die sie krampfhaft umklammert hielt, und brachte sie ungeachtet ihres leisen und halbherzigen Protestes wieder in ihre nasse Spalte
„Nein! Bitte! Severus…!"
Ein strenges „MISS WILLSON!" begleitete den postwendenden Entzug seiner Hand – was sie auch wiederum nicht ertragen konnte.
„Verzeihung, äh… Professor Snape…"
Er ließ seine Hand ein weiteres Mal zu ihr, nur daß Caryn diesmal ihren Po drängend seiner Hand entgegenhob, um ihn dazu zu bringen, seine Finger in ihren Eingang gleiten zu lassen, ihn damit vielleicht dazu zu bringen, sich endlich von seinem eigenen Verlangen einfangen zu lassen. Er MUßTE doch ihr Verlangen teilen, endlich mit seinem Glied in sie einzudringen, das doch ebenfalls unerträglich steif sein mußte, das sich doch danach verzehren mußte, endlich in sie zu stoßen, endlich, sie endlich auszufüllen, sie endlich mit seinem Samen zu füllen, endlich…. Severus vereitelte derartige Pläne jedoch, indem er mit seiner freien Hand ihren unteren Bauch nachdrücklich auf die Tischplatte drückte, um ihr Becken daran zu hindern, ihm ihre hungrige Scheide aufzudrängen. Ohne daß ihr schmerzhaft offener Eingang auch nur eine einzige Berührung von ihm bekommen hätte, mußte sie ihn erst wieder stoppen, um dem Sog des Orgasmus zu widerstehen. Severus, ich kann wirklich nicht mehr! Du mußt doch sehen, daß ich nicht mehr kann… Abschätzig musterte er sie, während er in aufreizend posierender Weise seine Arme vor seiner Brust verschränkte, und fragte mit arrogantem Hochbrauenblick:
„Wollten Sie mich noch um etwas bitten, Miss Willson?"
Caryn schluckte trocken. Bekam nur ein Wimmern heraus. Schluckte wieder. Er blickte befriedigt. Das kann nicht sein, Du lügst, Severus! Nimm Deine Arme runter, damit ich Deine Hände zittern sehe! Überheblich schüttelte er ansatzweise den Kopf. Wartete demonstrativ.
„Sie haben…" Sie mußte sich räuspern. „Sie haben eine... wichtige Stelle… vergessen, Sir", murmelte sie schließlich verschämt.
„Sie wollten sagen, eine bedürftige Stelle?" schlug er voll geduldiger Überheblichkeit vor.
„Ja..." stöhnte Caryn, als er seinen Finger prompt in ihr versenkt hatte.
Er nahm ihn weg.
„Wie war das?"
„Ich... bitte Sie, Sir..."
„Zwischendurch vergessen Sie ständig die gegebenen Umgangsformen, meine Liebe", stellte er mißbilligend fest, sich jetzt allen Ernstes entspannt auf dem Tisch aufstützend. Scheinbar entspannt, SCHEINBAR! „Ich werde zu gegebener Zeit Maßnahmen ergreifen müssen. Vorerst bemühen Sie sich bitte um eindeutige und höfliche Ausdrucksweise!"
Caryn konnte nur noch quengeln.
„Sie sind so weit weg, Professor!"
„Ich sprach von eindeutigen Äußerungen, Miss Willson!" urteilte er ungerührt.
Severus, bitte…!
„Ich möchte, daß… Sie... in… mich… eindringen. Bitte. Sir."
„WIE soll ich das tun?"
Verzweifelt stöhnte sie in der Gewißheit, daß er es nicht tun würde, wenn sie es nicht ausspräche. Sie biß sich auf die Lippen. Nahm sie weit auseinander, wie um sie zu lockern. Schluckte. Severus Blick lag beinahe wohlwollend auf ihrem Gesicht. Er betrachtete mit tiefer Genugtuung die Macht, die er über sie hatte und die sich darin zeigte, wie sie um den Mut rang, das Geforderte über ihre Lippen zu bringen. Mit seiner unerbittlichen Überlegenheit trieb er ihr wiederum die flammende Röte in die Wangen. In seinen Augen ließ er sie NICHTS sehen. Ich begehre Dich wahnsinnig, hieß das aber, das WUßTE sie. Es hieß: Sprich aus, was ich verlange, damit wir beide es hören und Du noch feuchter für mich wirst! Sag es, damit ich es ENDLICH tun kann!
„Nicht mit der Hand…" versuchte sie.
Er zog seine Braue hoch und spitzte mißbilligend die Lippen. Auf eine spontane Idee hin preßte sie IHRE Hand gegen seinen Schritt, was er sofort vereitelte, indem er sie am Handgelenk faßte. Festhielt. Wieder einen ironischen Ton der Mißbilligung hören ließ.
„Miss Willson, ich möchte die WORTE dafür!" Das zärtliche Verständnis war ironisch verdreht. Sie hatte keine Chance.
„IchwillDeinGliedinmir!" hastete ihre Zunge, und ENDLICH sah sie ihn aus seiner Distanz stürzen, sah, wie er sich ENDLICH gestattete, seine Augen zu schließen, seinen Mund kurz zu öffnen, um eines unkontrollierbaren Luftstroms Herr zu werden. Seine Schwäche tat Caryn so gut, daß sie ihm weitere Unterwerfung schenken konnte:
„Ich bitte Sie, Professor, BITTE!" hauchte sie. „Ich kann es wirklich nicht mehr länger aushalten…"
Seine Hand zitterte tatsächlich, als er sie hob, um die Spange seines Umhangs zu lösen. Dieser rutschte von seinen Schultern, doch Severus griff zu, bevor er ihm ganz entgleiten konnte. Ohne seine sie fixierenden Augen von Caryn zu nehmen – er gebot ihr, in diesem Zustand ihres Sehnens nach ihm zu verharren –, ging er kurz in die Knie, um den Stoff des Umhangs ordentlich auf dem Boden abzulegen. Beinahe demütig, durchfuhr es sie in diesem Moment. Er tat das für SIE, für Caryn. Es hätte vollständig genügt, einfach seine Hose zu öffnen. Er MÜßTE sich nicht ausziehen, schon gar nicht hier, mitten im Labor, am hellichten Tag, während Caryn fast vollständig angezogen vor ihm auf diesem Tisch lag, auf die Ellenbogen gestützt, ihre Augen an ihm festgesaugt, jedes Detail seines Anblickes in sich aufnehmend. Jetzt, ohne den Umhang, konnte sie seine Brust sich heben und senken sehen, und der sie verzehrende Hunger danach, endlich seinen Herzschlag an ihrem Busen zu spüren, zog ihr Zwerchfell empfindlich zusammen.
„Oh komm, Severus, komm!" kam automatisch aus ihrem Mund, das Professor-Spiel war meilenweit weg. Bewegungslos stand er eine Sekunde, zwei, drei… bestehend nur aus seinen schwarzen Augen, die sie so sehr berührten und die ihr zu gleicher Zeit so schmerzlich zeigten, daß er sie – noch – nicht berührte. Unwillkürlich kniff sie einen kleinen Moment die Augen zusammen, um den Druck in ihrem Innern aushalten zu können. Aber sie wollte ihn SEHEN! Ersatzweise ihre Hände über ihrem Bauch aufeinanderpressend, verfolgte sie atemlos, wie er jetzt ganz langsam seine Hände an seine Brust führte und begann, die Knöpfe seiner Robe zu öffnen. Die Ärmelsäume waren umgeklappt, und seine schmalen Handgelenke waren seine erste Nacktheit, die er ihr schenkte.
Ich brauche Dich GANZ, Severus, JETZT endlich, ENDLICH jetzt… SIE mit seinem Blick festhaltend, befreite er einen Knopf nach dem anderen aus seinem Loch, und Caryn konnte kaum atmen, weil die Begierde, endlich die nackte Haut seiner Brust zu berühren, keinen Platz für so etwas wie eine Lunge in ihrer Brust übrigließ. Severus, bitte! BITTE mach schnell… Für eine laute Äußerung wäre Luft vonnöten gewesen, und so bleib ihr nichts als zu warten, zuzusehen, zu warten… Severus Snape, der Mann, der sich der Öffentlichkeit an den heißesten Sommertagen ausnahmslos in voller Montur zeigte, der Mann, der sogar seine Handgelenke am liebsten verhüllt ließ, war bereit, sich hier und jetzt vor IHR, Caryn, auszuziehen. Und er verlangte, daß sie das zur Kenntnis nahm, es annahm, es auskostete.
Caryn rang nach Atem – so überwältigend, ihn dort vor ihr stehen zu sehen, nackt, mit steil aufgerichtetem Penis, unglaublich respekteinflößend mitten in dieser Geste seiner Auslieferung an SIE. Dies war dasselbe Vertrauen, das SIE zuvor IHM bewiesen hatte, auch er konnte sich leisten, sich ihr auf diese Weise hinzugeben. Sie waren gleich.
Einen langen Moment noch blieb er erstarrt, sah sie nur an mit seinem schwarzen, brennenden Blick. Wie kannst Du uns das antun, NOCH länger zu warten?! Keiner von ihnen atmete. Im nächsten Augenblick dann waren sie am Ziel. Ohne weitere Zeit zu verlieren, schob er mit einer vehementen Heftigkeit seinen stehenden Penis tief in ihre vernachlässigte Scheide und schenkte ihr endlich seinerseits ein tiefes Stöhnen. Ihr eigenes erleichtertes Aufseufzen nahm sie kaum wahr, zu intensiv durchfluteten sie die Reize seiner grenzenlosen Härte, die ihren Bauch endlich innerlich begrenzte, die sie endlich in die Lagen versetzte, sich ihm entgegen zu drängen, alles von ihr gegen ihn zu pressen, sich um ihn zu schlingen, um endlich alle Distanz zwischen ihnen zu VERschlingen, sich schließlich von ihm verschlingen zu LASSEN. Wild küssend bewegten sie sich miteinander dem so nahen wie ersehnten Höhepunkt entgegen –
und wurden plötzlich und unsanft und erbarmungslos vom Alarmklicken aus ihrem gemeinsamen Rausch gerissen. Abrupt verharrten sie ineinander. Daß der Eindringling auf dem Weg zu Snape war, stand außer Frage; sollten sie einfach vortäuschen, nicht da zu sein?
„Mindestens die Vertrauensschüler und Minerva und Filius wissen, daß ich heute den ganzen Tag im Labor sein wollte. Für Potter ist es noch zu früh, daher kann es Derek nicht sein…", überlegte er laut und zog sich widerstrebend aus ihr zurück. „Wir sehen uns gleich hier wieder?" raunte er in ihr Ohr, als der Besucher an seine Bürotür klopfte.
„Aber Du darfst mich dann nicht mehr quälen" verlangte Caryn vorwurfsvoll, was ihn zu einem langsamen, zärtlichen Kuß bewog, während er gleichzeitig nach seinem Zauberstab angelte und seine Kleidung per Schlenker an seinen nackten Körper zurückbeförderte. Dann löste er seinen Mund von ihrem, suchte kurz ihre Augen und lief hinüber in sein Büro, die Tür zum Labor hinter ihm – geräuschlos – ins Schloß fallen lassend. So konnte Caryn sich ohne Hast aufrichten und vom Tisch herunterklettern. Ihre Scheide fühlte sich nicht bedeutend glücklicher an als vorhin, und unwillkürlich sorgte sie dort mit ihrer Hand für Halt. Gleich würde er ohne Verzögerung dorthin zurückkehren…
Ob derjenige hier herüber kommen würde? – Wenn, dann müßte der Tisch verschwinden. Die Gelegenheit, die Zauberkraft ihres Evanesco im richtigen Leben zu testen! Wo war ihr Zauberstab? – Auf dem Arbeitstisch. – Oh nein, der Trank! Bevor er eine Stunde hätte sich selbst überlassen werden können, hätte die Borkenkäferlarven hinzugefügt werden müssen! Nun hatten die Engelspilzsporen sich stattdessen mit dem Pfeilgiftfroschextrakt verbunden. Verdammt, alles noch einmal! Es war nicht nur ihre Schuld, immerhin hatte Severus ausdrücklich kontrolliert, an welcher Stelle sie gewesen war, bevor er…. Aber Caryn bezweifelte, daß er sich auf ihre Verabredung einlassen würde, solange sie die Arbeit eines ganzen Tages vor sich herschoben. Schon untypisch genug, daß er den Trank vorhin wirklich vergessen hatte…
Sie spitzte die Ohren und hörte Severus nebenan mit einer jungen männlichen Stimme reden. Anscheinend würde er ihn nicht mit hierher nehmen müssen. Daß er ihn nicht sofort an der Tür abgefertigt hatte, wies allerdings auf eine längere Störung hin. Seufzend ließ sie den Inhalt ihres Kessels verschwinden und begann den Trank von vorn.
Die beiden Potters
Caryn
Nach nicht einmal fünf Minuten hörte sie, wie Snape den Besucher herauskomplimentierte und mit ihm zusammen selbst hastig das Büro verließ. Seine rennenden Schritte entfernten sich hallend den Kerkergang entlang nach oben. Ein Notfall – oder HARRY POTTER, dachte Caryn grimmig. So allmählich würde sie wirklich anfangen zu bohren, um endlich zu verstehen, was da vor sich ging! Diesmal brauchte sie nicht länger als etwa zehn Minuten zu warten, bis sie das Alarmklicken vernahm und wenig später die Bürotür. Caryn konnte Schritte hören und wie ein Stuhl in Position gebracht wurde. Anscheinend hatte er Caryns Stuhl bemüht. Also etwas Langwierigeres.
Setzen Sie sich." Severus' Stimme war laut und schneidend, so daß sie die geschlossene Verbindungstür durchdrang. Sollte Caryn extra weghören? Ach was, dazu war sie viel zu neugierig. Außerdem wußte Severus doch, daß sie hier war. Wenn er nicht wollte, daß sie ihn hörte, würde er ja wohl leise sprechen.
„Mr Malfoy war eben bei mir, und er hat mir eine merkwürdige Geschichte erzählt, Potter", sagte Snape. Snape war er in diesem Augenblick; ihr Severus, der vor ein paar Minuten zärtlich zu ihr gesprochen hatte, war nicht anwesend. Diesem Harry Potter gegenüber war er um ein vielfaches gehässiger und härter, als sie ihn jemals – auch früher – ihr und ihrer Klasse gegenüber erlebt hatte. In dieser Situation kam es Caryn wirklich wieder so vor, als gäbe es zwei verschiedene Männer, Snape und Severus. Was einerseits faszinierend war. Andererseits sie mit der irrationalen Panik erfüllte, daß ihr Geliebter vielleicht für immer verschollen bleiben könnte. Daß gleich Snape zu ihr hereinkommen würde, sie nur kalt mustern und knurren: Was tun sie hier, Miss Willson, lassen Sie mich gefälligst allein! Die daraus erwachsende Sehnsucht machte sie beklommen. Und BEGIERIG nach ihm. Danach, den ECHTEN Severus wiederzubekommen. Aber auch gierig nach diesem anderen, vergangenenTeil von ihm, den sie nicht verstand. Den er ihr weiterhin vorenthielt, unabhängig davon, wie nah sie einander mittlerweile gekommen waren.
Noch immer hatte Caryn von seinem zweiten Besucher keinen Laut vernommen. Auch Snape schien seine Stimme gesenkt zu haben, zumindest hörte sie seine nächsten Sätze nur als verwaschene Laute. Enttäuscht fuhr Caryn mit ihrem nächsten Arbeitsschritt fort, als erneut verständliche Worte an ihr Ohr drangen.
„Sie sind Ihrem Vater geradezu unglaublich ähnlich, Potter", sagte Snape in einem melancholisch-sinnendem Tonfall, der bei allen, die ihn kannten, allerhöchste Alarmstufe auslöste. Caryn konnte seine Augen geradezu glitzern sehen. „Auch er war über die Maßen arrogant. Ein gewisses Talent auf dem Quidditch-Feld ließ ihn glauben, er stehe über uns anderen. Ist mit seinen Freunden und Bewunderern umherstolziert ... Diese Ähnlichkeit zwischen Euch beiden ist geradezu unheimlich!"
„Mein Dad ist nicht umherstolziert", platzte es aus Harry heraus. „Und ich auch nicht."
Snape sprach leider zu leise weiter, aber aus der Art, wie Harry schrie:
„Schweigen Sie!", schloß Caryn, daß er weitere unfreundliche Dinge über diesen James von sich gegeben hatte.
„Sie sollen aufhören, über meinen Vater zu reden!" brüllte Harry auch schon weiter. „Ich weiß die Wahrheit, okay? Er hat Ihnen das Leben gerettet. Dumbledore hat es mir gesagt! Sie wären nicht einmal hier ohne meinen Dad!"Caryn fragte sich gerade, ob sie ihre instinktive Antipathie gegenüber Potter senior zugunsten tiefer Dankbarkeit für das Leben ihres Liebsten revidieren sollte, als das Gemurmel von drüben noch lauter anschwoll:
„...falschen Vorstellung von Ihrem Vater herumlaufen, Potter! Haben Sie sich vielleicht eine glorreiche Heldentat vorgestellt? Dann muß ich Sie leider enttäuschen!" Als Severus' Stimme zwischendurch leiser geworden war, war Caryn unwillkürlich nahe an die Tür geschlichen. „Ihr heiliger Vater und seine Freunde spielten mir einen höchst amüsanten Streich, der zu meinem Tode geführt hätte, wenn Ihren Vater nicht im letzten Augenblick die Angst gepackt hätte. NICHTS daran, was er getan hat, war mutig. Er rettete seine eigene Haut ebenso wie meine. Wenn ihr Scherz Erfolg gehabt hätte, wären sie von der Schule geworfen worden."
Die Vorstellung, daß IHR mächtiger, respekteinflößender Liebster früher Opfer dummer Gryffindor-Slytherin-Intrigen gewesen war, erfüllt Caryn mit leidenschaftlicher Wut. Klar, er war ein Junge gewesen. Und kein glücklicher. Sevi zu dem Zeitpunkt lange tot, und der junge, ungeliebte Severus auf dem Weg zu dem, der später hatte Todesser werden wollen. Natürlich war ihr klar gewesen, daß er geschwächt worden sein mußte. Gedemütigt sogar. Wer genau ihm das angetan hatte, darüber hatte sie nie im einzelnen nachgedacht. Die Gryffindors, die er heute am meisten haßt, dachte Caryn grimmig. Die Gryffindors, von denen dieser Sirius Black einer war und auch James Potter. Die Gryffindors, die ihrem geliebten jungen Severus das Leben zur Hölle gemacht hatten…
Plötzlich schnellte der Lautstärkepegel seiner Stimme aus heiterem Himmel in die Höhe:
„Leeren Sie Ihre Taschen aus, Potter!" blaffte er Harry plötzlich an und seine kalte, schneidende Stimme erinnerte Caryn unsanft daran, daß auch Severus selbst sich gewiß an diesen Intrigen ebenso beteiligt hatte. Daß auch ER Verantwortung dafür trug, wie die anderen ihn behandelt hatten. Erschrocken war Caryn wieder an ihren Arbeitsplatz zurückgesprungen. Jetzt ging es anscheinend nur noch um den Beweis, daß Harry tatsächlich in Hogsmeade gewesen war. Caryn verschloß ihre Ohren nach außen und ihre Neugier in sich und begann endlich, den Kessel mit den Ausgangssubstanzen zu erhitzen.
In welcher Stimmung er wohl zu ihr zurückkehren würde später? Ihre Verabredung konnte sie wohl vergessen. Erinnerungen an seine sonst am besten verdrängte Vergangenheit KONNTE seine Laune nur unerträglich machen. Caryn blieb nur zu hoffen, daß er bei dieser Angelegenheit mit Potter die Oberhand behielte und alles nach seinen Vorstellungen ablaufen würde. Gut, daß sie ein stichfestes Argument hatte hierzubleiben: Schließlich wollten sie heute endlich diesen Trank brauen – und auch wenn sie dabei seine schlechte Laune ertragen müßte, so wäre sie wenigstens in seiner relativen Nähe.
Daß er Lupin hinzubeorderte, bekam Caryn nur am Rande mit, weil sie gerade dabei war, ihre Umrührbewegungen zu koordinieren. Der Trank hatte genau acht Minuten später – auf 180° temperiert – die erforderliche violette Färbung, ihn vom Feuer zu nehmen und auf 50° abkühlen zu lassen, um dann mit dem nächsten Schritt weiterzumachen – als sie Snape? Severus? das Labor betreten hörte.
Er hatte keine Augen für sie oder den Zustand des Trankes. Sich reckend, um seinen verspannten Nacken zu entlasten, ließ er sich auf ihrem – vor dem beruflichen Zwischenspiel so intensiv genutzten (und für heute wohl überflüssig gewordenen, ergänzte Caryn seufzend im Geiste) Tisch – nieder und blieb dort eine lange Weile einfach in sich selbst versunken sitzen. Dies mit einem allerdings relativ entspannten Gesicht, wie Caryn erstaunt mittels eines unauffälligen Kontrollblickes feststellen konnte. Gab es vielleicht doch noch Hoffnung? Ohne ihn ihrerseits zu beachten, fuhr sie in ihrer Arbeit fort.
Irgendwann fühlte sie, wie er zu ihr herüber sah. Möglichst unaufdringlich wandte sie sich ihm zu.
„Hast Du es mitgekriegt?" erkundigte er sich, und Caryn registrierte mit ehrfürchtiger Verwunderung, daß sich die kalte, gefährliche Stimme wieder in die ihres vertrauten Geliebten zurückverwandelt hatte. Am liebsten wäre sie ihm vor überglückliche Erleichterung um den Hals gefallen, so extrem hatte sie seine Abwesenheit anscheinend doch beunruhigt. Ersatzweise lächelte sie ihn kurz an, bevor sie ernst antwortete:
„Ich konnte nicht umhin, Eure lauten Worte zu hören. Daß dieser Malfoy derjenige war, der Dich mir entrissen hat, habe ich mitbekommen. Und daß Malfoy Harry Potter in Hogsmeade gesehen haben muß, folgt wohl daraus." Severus nickte bestätigend.
„Malfoy hatte in Hogsmeade Harry Potters Kopf gesehen, nachdem er von einem Nichts mit Schneematsch beworfen worden war, während der jüngste männliche Weasley sich in der Nähe herumdrückte", erläuterte er voller Verachtung. „Was sagst Du dazu?"
„Ein mißglückter Tarnzauber? – Wäre eine ziemlich starke Leistung für einen Drittkläßler!"
„Nicht schlecht! – Hier handelt es sich allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit um einen verrutschten Tarnumhang. Und dazu braucht der Junge nicht einmal zu zaubern."
„So etwas Wertvolles besitzt Harry Potter? Einen echten Tarnumhang? Wie in dem Zauberermärchen? Die Heiligtümer des Todes?!"
„Was weißt Du von Zauberermärchen?"
„In Muggelkunde haben wir Märchen aus der Muggelwelt mit denen der Zaubererkinder verglichen."
„Deine Nächstenliebe-Tante scheint ja allerhand auf dem Kasten zu haben..."
„Sag' ich doch! – Aber hat Harry Potter jetzt einen echten oder nicht?"
„Sein Vater besaß einen Tarnumhang, den er benutzte, um alle Schulregeln zu brechen, die er auftreiben konnte. Und da dieser sich... in Dumbledores Besitz befand, wird der ihn mindestens untersucht haben... Das wäre wieder einmal typisch! Eine solche Kostbarkeit einem oberflächlichen Kind ohne die mindeste Vernunft zu überlassen!" Severus hatte sich erhoben und lief vor dem Tisch auf und ab. „Und der Kleine eifert seinem herumstromernden Vater seit nunmehr zweieinhalb Jahren nach! – Wobei der es heute an Unreife auf die Spitze getrieben hat! Wie kann man nur so DÄMLICHsein und sich SO präsentieren, wenn man weder zeigen darf, daß man dort ist, noch daß man einen Tarnumhang besitzt?! – Ich begreife Albus nicht, daß er ihm all das durchgehen läßt... Da wiederholt sich die gleiche Haltung, die er James und seinen Leuten gegenüber früher an den Tag gelegt hat! Und dann hat er die Stirn, das abzustreiten..."
Hügel im Sturm
Caryn
Diese wütende Stimmung, in die er sich jetzt wieder hineingeredete hatte, war genau die, in der sie ihn eigentlich zurückerwartet hätte. Jetzt galt es, sich selbst rasch dazwischen zu schieben, damit sie wenigstens nicht ausgeschlossen wurde von dem, was in ihm vorging. Außerdem war es vielleicht auch wirklich an der Zeit, daß er sie vollständig einweihte in jene Zusammenhänge, aus denen er sie jetzt schon so lange konsequent heraushielt!
„Warum haßt Du Harry Potter so sehr?" entschied sich Caryn, von ihm zu erfahren zu verlangen. Severus blieb alarmiert stehen.
„Das habe ich doch gerade ausgeführt!"
„Da steckt mehr dahinter, Severus. Du klingst genauso außer Dir wie damals, als es um Sirius Black ging!" Snape sah sie scharf an. Manchmal lagen seine beiden Persönlichkeitszustände eng beieinander.
„Das ist alles dieselbe unerfreuliche Geschichte."
„Die Harry Potter kennt und ich nicht?" Sie ärgerte sich über den Vorwurf in ihrem Tonfall. So war für ihn offensichtlich, daß egoistischen Bedürfnisse es waren, die sie dazu trieben, dieses Gespräch mit ihm zu suchen. Bevor sie jedoch etwas hätte hinzufügen können, reagierte Snape.
„Potter kennt die Geschichte natürlich NICHT!"stellte er schroff richtig. Er setzte sich wieder auf die Kante des Tisches und besah sich seine Hände. Unschlüssig. Abwägend. Severus jetzt. Ohne Zweifel. Ihre Wärme für ihn wischte in diesem Augenblick sämtlichen Egoismus beiseite. Sie wollte bei ihm sein. Mit oder ohne Vergangenheit. Nur nah bei ihm. Dem Impuls zu ihm hinüberzulaufen und ihn zu berühren, gab sie dann doch nicht nach. Augenscheinlich überlegte Severus tatsächlich, ob er sich auf das unangenehme Thema einlassen solle. Sollte wahrhaftig endlich DER Moment gekommen sein? War er endlich dazu bereit, diesen Schritt in der Entwicklung ihrer Beziehung weiterzugehen? Caryn beschloß, alles zu versuchen.
„Harry Potter verkörpert für Dich für seinen Vater!"
„Hm." Severus' Bereitschaft hielt sich hörbarer Weise noch in Grenzen.
„Und so wie Du diesen Namen vorhin ausgespuckt hast, haßt Du ihn ebenso sehr wie Harry. Du hast ihn also gekannt, wie Du Black gekannt und gehaßt hast." Ihr Ton und Blick waren gleichermaßen herausfordernd. Egal, es war zu spät, jetzt noch eine andere Taktik einzuschlagen. Und er machte nicht den Eindruck, als wolle er im nächsten Moment aufspringen und flüchten. So sprach Caryn nicht minder fordernd weiter: „Mittlerweile habe ich gehört, daß Sirius Black es war, der Harry Potters Eltern verraten hat. Aber was hat das mit DIR zu tun? Wieso bringt Dich das dazu, diesen Typen wirklich zu HASSEN? Wo Du außerdem die Potters anscheinend genauso haßt?"
Von Severus kam noch immer keine Reaktion. Allmählich wurde sie doch sauer. Warum enthielt er ihr so wichtige Dinge vor?! War er ihr nicht allmählich wirklich Offenheit an dieser Stelle schuldig? Wenn ihre Beziehung ihm wirklich wichtig war? Und so fühlte sie sich für sie AN. Caryn FÜHLTE sich als seine Partnerin, auch wenn er das noch immer nicht explizit zugegeben und bestätigt hatte.
„Ihr wart alle zusammen hier in Hogwarts? Potter, Black und Du?" Severus schnaubte frustriert, nachdem er Caryn während ihrer Rede angestarrt hatte, erhob sich vom Tisch und setzte sich auf einen Hocker so weit entfernt wie möglich von ihr, wie ihr schien. Er stützte seine Ellenbogen auf die Oberschenkel und legte seinen Kopf in seine Hände. Wollte sich Halt geben, dachte Caryn und hätte ihn so gerne selbst festgehalten. War sich jedoch im Klaren darüber, daß er sie in dieser Situation von sich stoßen würde. Also zog sie sich ebenso einen Hocker heran, setzte sich dort, wo sie war, darauf und sah ihren Geliebten abwartend an.
Erst einige lange, stille Minuten später begann er zu erzählen. Er sprach jetzt ruhig, mit ruhiger Entschlossenheit. Caryn verbarg ihre erwartungsvolle Spannung in sich, so gut sie konnte und konzentrierte sich auf den Inhalt seiner Worte, während sie nicht umhin konnte, zu gleicher Zeit dem Klang seiner geliebten Stimme zu lauschen. So hörte sie ihn so oft im Klassenzimmer – erreichbarer war er jetzt und hier auch nicht. Es war nicht wirklich SIE, zu der er sprach. Er duldete lediglich, daß sie ihm bei seinem Selbstgespräch zuhören durfte. Selbst das jedoch war für Severus Snape ein immens großes Zugeständnis.
Severus
Warum nicht jetzt? Irgendwann hatte er ihr davon erzählen wollen. Wenn nicht heute, dann müßte er sie hier erneut explizit zurückweisen wie bereits an Halloween. Und das, obwohl von seiner Vergangenheit zu erfahren ihr wirklich wichtig war. Caryn glaubte, daß ihre Unwissenheit zwischen ihnen stehe, wenn er ihr das Wissen an dieser Stelle bewußt vorenthielt. Außerdem war es ihm angenehm und richtig vorgekommen in den Weihnachtsferien, sie an Einzelheiten seiner frühen Kindheit teilhaben zu lassen.
Also: Jetzt.
So begann er schließlich zu berichten. Von seiner all die Schuljahre gewachsenen Feindschaft zum Quartett Lupin, Black, Potter und Pettigrew. Von Sirius' bösem Streich, der ihn durch den Geheimgang zur Heulenden Hütte um ein Haar in die Fänge eines Werwolfes geschickt hätte, wenn Potter es sich nicht im letzten Moment anders überlegt hätte. Von Dumbledore, der zu dem Zeitpunkt und all die Jahre hindurch bis heute diesen Gryffindors immer eine Sonderstellung eingeräumt hatte.
Anfangs hatte er nicht direkt zu Caryn gesprochen. Vor sich hin stattdessen, hatte auf seine Hände, auf den Boden gesehen. Erst nach und nach ließ er seine Augen dann und wann für einen einzelnen Blick zu ihr hinüber schweifen. Sah sie vollständig auf ihn konzentriert. Jedes seiner Worte aufsaugend. Ohne Distanziertheit. Ohne Bewertung. Caryn war ausschließlich BEI IHM, wie er es so oft erlebt hatte. Ihr Gesichtsausdruck – und ihre Emotionen, als er diese sich jetzt aufzunehmen bemühte – spiegelten SEINE Wahrnehmungen, SEINE damaligen Empfindungen, SEINE PERSPEKTIVE. Ihre eigene Person hatte Caryn in den Hintergrund gestellt, um sich ganz auf IHN einzulassen. Das tat so ungeahnt gut. Über sich selbst – sein früheres Selbst – zu sprechen mit einer Person, die IHMzugewandt war, die auf SEINERSeite stand. Die ihn mitfühlend ansah und auf deren Gesicht an den richtigen Stellen seiner Rede seine EIGENE Abscheu und sein EIGENER Zorn sichtbar wurden. Diese Erkenntnis brachte ihn regelrecht in Fahrt. So erzählte er weiter. Lily kam ihm noch nicht über die Lippen. Aber er sprach von seiner Jugend mit all ihren Feindschaften, Zurückweisungen, mit all ihrer Einsamkeit. Bis hin zur schlimmen öffentlichen Demütigung durch die Potter-Clique nach den ZAG-Prüfungen – wobei er wiederum Lilys Part erst einmal ausließ.
Caryn
An dieser Stelle hatte Caryn es nicht mehr ausgehalten und war zu ihm gekommen. Hatte sich auf seinen Schoß geschoben, sich von seinen Armen umschließen lassen, während er weiterredete. Ihr schwammen die Augen vor Tränen um diesen tief verletzten jungen Mann, den das Leben, seine Mitmenschen wieder und wieder so grausam behandelt hatte. Der sich so hatte behandeln LASSEN. Was mußte dem vorangegangen sein, bis ein Junge sich derartig isoliert und von allen verlassen fühlte, daß er den einzigen Weg im totalen Rückzug sah? So daß er zu dem Mann ohne zwischenmenschliche Bedürfnisse hatte heranwachsen können, wie sie ihn kennengelernt hatte? Noch auf ihrem Photo war er ein unglückliches, aber STARKES Kind gewesen, hatte seinem schlimmen Leben die Stirn geboten, hatte einen Menschen, seine Granny GELIEBT – bevor das Schicksal und seine verbliebenen Angehörigen ihm das anscheinend konsequent und nachhaltig ausgetrieben hatten. Caryn blutete das Herz. Severus selbst blickte einfach ruhig vor sich hin.
Severus
Er war erschöpft. Hatte seine Arme um Caryn gelegt und genoß ihre Nähe, die ihn sich sicher fühlen ließ und irgendwie abschirmte vor den Empfindungen, die an diese ihn umgebenden Erinnerungen gekoppelt waren. Die Emotionen schlugen sich in seiner Erschöpfung nieder, ohne daß sie wirklich an ihn herankamen und ihn bedrohten. In Caryns Gegenwart war ihm etwas möglich, was er niemals für möglich gehalten hätte: Er sprach über diese Demütigungen, die sein Ich ausgemacht hatten, ohne vor Scham zu sterben. Vielmehr spürte er, wie zornig Caryn auf James und Black und sogar dem tatenlosen Lupin war. Wie sie mit dem Jungen, der er, Severus gewesen war, fühlte, als ob sie es SELBST wäre, ohne daß es sich wie Mitleid anfühlte. Nein, es war wie Balsam. Auf diese Narben, die all die Zeit latent geschmerzt hatten.
Wie gerne hätte er sich mit dieser seiner Schutzfrau in sein Bett zurückgezogen, um sich dort mit ihr zu verkriechen. Solange bis er ihr gesagt hätte, daß er sie liebte. Andererseits war er zum Kern seines Schmerzes noch nicht vorgedrungen. Caryn hatte ihre Wange an seine gelegt und bewegte ihren Kopf ganz sacht hin und her. Noch nie hatte er sich in seiner innersten Identität so absolut und vorbehaltlos ANGENOMMENgefühlt. Und daß sie es liebte, ihre zarte Haut von seinen Bartstoppeln zerkratzen zu lassen, war nur EIN Bild dafür. Caryn liebte ihn so, daß er ihr diese Liebe glauben konnte. Darauf VERTRAUEN. Diese Frau hatte es verdient. Sie sollte das Puzzlestück kennen, das all die Zeit eine solche Schlüsselrolle in seinem Leben und in seiner Persönlichkeit gespielt hatte. Severus straffte sich und hob zu sprechen an.
„Aber die Hauptsache ist folgende..." Caryn rückte eine Idee von ihm ab und sah ihn gespannt an:
„Als ob das nicht gereicht hätte für eine lebenslange Feindschaft!"
„Ich habe Dir noch nicht von Lily erzählt."
„Lily?"
„Das Mädchen, die Frau später, die... mir am meisten auf der Welt bedeutet hat. Viele Jahre lang..." Atemlos verfolgte die Frau auf seinem Schoß jedes Wort, das er aussprach, jede Bewegung in seinem Gesicht, jede Verzögerung eines seiner Herzschläge. Severus beschrieb, wie er Lily kennengelernt hatte, wie sie nach Hogwarts gekommen waren, sich in den verschiedenen Häusern immer weiter voneinander entfernt hatten. Wie er immer tiefer in die Schwarze Magie abgedriftet war. Wie Lily ihn immer wieder gebeten hatte, die Dunkle Seite zu verlassen. Wie er nach der öffentlichen Demütigung die Nerven verloren und sie als Schlammblut beschimpft – und damit das Faß zum Überlaufen gebracht hatte. Und Lily verloren. Er machte eine Pause.
Caryn schmiegte sich NICHTan ihn. Sie war nicht länger selbstlos bei IHM. Es tat ihr weh, von der anderen Liebe seines Lebens zu hören. – Daran hatte er nicht gedacht. Hatte jetzt auch keine Energie, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Lehnte nur seine Stirn an sie, weil er seine Hände nach wie vor um ihren Körper geschlungen hatte. Sie ließ es geschehen, blieb bewegungslos auf seinem Schoß sitzen. Schwieg, in eigene Gedanken versunken, die er sich nicht bemühte zu erschließen. Stattdessen fuhr er fort zu erzählen, wollte zum Ende kommen, es endlich hinter sich haben.
„Schließlich erfüllte sich, was ich immer gewußt hatte: Sie verliebte sich in James Potter." Caryn zuckte auf seinem Schoß zusammen.
„Lily... Potter. Du hast Harrys Mutter geliebt?!"
„Und er sieht aus wie James."
„Dafür kann er nichts! – Du haßt ihn, weil er nicht DEINSohn ist, nicht wahr?" Das Ausmaß ihrer Bitterkeit erschreckte ihn. Ohne sich um Behutsamkeit zu bemühen, rappelte sich Caryn von seinem Schoß auf. Einen Augenblick lang sah es so aus, als ob sie wirklich gehen würde.
DIESE Wahrheit schien sie NICHTaushalten zu können, und Severus registrierte bei sich die Mischung aus hilfloser Wut und Panik und Verbitterung darüber, daß er hatte MORDEN und FOLTERN und VEGEWALTIGEN können, ohne daß sie mit einer Wimper gezuckt hatte. Aber die Tatsache, daß er GELIEBThatte, was ihn gerettet, am Leben erhalten, schließlich von den Todessern weggebracht: DIEertrug sie NICHT. Wie unreif sie wirklich noch war! Wie besitzergreifend ihre sogenannte LIEBE! Wie schwach! Er machte sich nach außen undurchdringlich. Hart.
Du wirst mich nicht treffen, wenn Du gehst! Seine innere Stimme klang nach Enttäuschung, und das war die vergangene – über Lily – die sich mit der gegenwärtigen – über Caryn – mischte. Keine Frau konnte ihn lieben.
Caryn jedoch ging nicht.
Caryn
Warum mußte das so weh tun? Er hatte als junger Mann ein Mädchen geliebt. Tolle Offenbarung! Was hatte sie denn erwartet? Daß sie in achtunddreißig Lebensjahren der erste Mensch war, den er liebte?
Nein. – Doch, aber egal! – Nein!! Das IST es nicht.
Es war die Intensität seines Hasses, seines GEGENWÄRTIGEN Hasses auf Harry Potter. In Caryn zog sich alles zu einem unendlich ausufernden Schmerzpunkt zusammen. Dieser Haß war es, welcher ihr überdeutlich machte, daß diese Lily keineswegs eine Reliquie der Vergangenheit war.
SIE hat er sein ganzes Leben geliebt. SIE hat er früher geliebt, und SIE liebt er immer noch. SIE wird bleiben, wenn er mich schon lange fortgejagt hat! LILY POTTER ist die FRAU SEINES LEBENS.
Caryn fühlte, wie sie diese Gewißheit versteinerte. Für immer gefühllos machen würde. Hart. Ungeliebt. Nie mehr liebenswert. Nie mehr bereit zu lieben. DESWEGEN hatte er ihr diese so wichtige Begebenheit seines Lebens bis heute verschwiegen! Caryn hatte ihn gefragt: Liebst Du eine andere Frau? Und er hatte sie nicht preisgegeben. An Halloween hatte er ihr seine Vergangenheit ausdrücklich und bewußt vorenthalten. Lily mußte allein dadurch noch eine große Rolle spielen, wenn sie ihm heute noch derart weh tat! Lily Potter war nicht einfach ein Teil seiner Vergangenheit – sie war ein Teil seines gegenwärtigen Lebens. DER TEIL, der Severus' Gegenwart BESTIMMTE. Seine REALITÄTEN.
SIE TUT SO WEH!
Am liebsten wäre Caryn weggelaufen. Hätte sich in ihrem Bett verkrochen und geschlafen, bis dieser Schmerz wie von Zauberhand von ihr entfernt worden wäre.
So einfach ist das nicht.
Der Schmerz würde bleiben, und Severus würde nicht kommen, um sie zu trösten. Er würde sie gehenlassen und sich im Stich gelassen fühlen. Er hätte garantiert nicht das geringste Verständnis dafür, daß eine Frau, die längst tot war, Caryn weh tun könnte. Zumal er ihr aus freien Stücken von dieser Anderen erzählt hatte. – Immerhin kam er jetzt IHREMWunsch nach, seine Vergangenheit mit ihr zu teilen. Sie hatte gefragt, und wie kam sie jetzt dazu, seine Antwort nicht auszuhalten?! Er hatte gewagt, sich ihr anzuvertrauen! Wie konnte sie sein Vertrauen zurückweisen, sich zurückziehen, ihn allein lassen! Mit Sicherheit tat ihm seine unerwiderte Liebe von damals weh. Hatte er ihr, Caryn, nicht unmißverständlich zu verstehen gegeben, daß er sie WOLLTE, daß er sie eigentlich LIEBEN WOLLTE, es nur nicht schaffte, weil… er eben eine andere Frau lieber gehabt hatte? Eben hatte er seinen Kopf an ihren gelehnt, weil er Halt gebraucht hatte. Und was tat sie? – Ließ ihn allein in seinen schmerzvollen Erinnerungen, anstatt ihm den Rückhalt zu geben, den sie ihm ständig versprach.
Du liebst ihn doch OHNE VORBEHALTE! Dazu gehört aber auch zu ertragen, daß er eine andere Frau mehr liebt. ER LIEBT EINE ANDERE, aber DU bist hier. Bei ihm. DIR erzählt er davon. Und DU hast ihm versprochen, ihn nie zurückzuweisen.
Jeder Atemzug tat weh. Die bleierne Härte in ihrer Brust bekam sie nicht weg, aber sie wandte sich ihm wieder zu und sah ihn vorsichtig an. Er saß noch dort und blickte mit verschlossenem Gesichtsausdruck in eine andere Richtung. Natürlich war er enttäuscht von ihr. Vor den Kopf geschlagen. Er, dem sie bei jeder Gelegenheit versicherte, wie sehr sie ihn liebte und daß sie ihn niemals verlassen würde. Nie wieder würde er ihr glauben!
Sie schlang ihre Arme um sich selbst und ließ sich auf ihrem Hocker von eben nieder. Keine Notiz nahm er von ihr. Das Schweigen zwischen ihnen breitete sich in sämtliche Winkel des Weltraumes, der sie von ihm trennte. Nach einer unendlich langen Weile blickte er auf. Caryn zwang sich, seine Augen nicht zu meiden. Resignation konnte sie darin sehen. Enttäuschung. Verletztheit. Oh, Liebster, es tut mir so leid, ich will Dich nicht im Stich lassen, verzeih mir… Gern hätte sie ihm offen signalisiert, daß sie wieder für ihn da sein wollte, doch ihre Gesichtsmuskeln gehorchten ihr nicht. So erwiderte sie nur seinen Blick, aber nicht so offen, wie sie sich gewünscht hätte. Hatte er ihre Reue dennoch wahrnehmen können? Prüfend musterte er ihr Gesicht. Keine Gefühlsregung mehr in seinem. Seine Stimme kam unerwartet.
„Als Lily James heiratete, war ich schon Todesser." Seine Sachlichkeit klang erzwungen. Er war auf der Hut. Caryn verzog keine Miene. Alles von sich konnte sie ihm nicht mehr zeigen. Ihm schien dies jedoch vorerst zu genügen. Jedenfalls fuhr er fort: „Eines Tages belauschte ich eine Prophezeiung. Die einzige, die Trelawney je gemacht hat. Sie bezog sich auf ein Kind von zwei Mitgliedern des Ordens des Phönix, DER Widerstandsbewegung gegen Voldemort damals. Unter Dumbledores Leitung. Das Schicksal dieses Babys sollte mit dem Voldemorts verknüpft sein, so daß der eine nicht leben könne, solange der andere überlebt. Dieses Kind sollte die Macht haben, den Dunklen Lord zu stürzen."
„Harry Potter", überwandt Caryn sich auszusprechen. Severus nickte.
„Um welches Kind es sich handelte, habe ich verfluchter Weise erst zu spät erfahren. Ich habe einfach blind, wie meine Pflicht war damals, die Informationen an Voldemort weitergegeben. Und Voldemort hatte nichts Dringlicheres zu tun, als auf der Stelle Jagd auf Harry Potter zu machen. Die Potters zu suchen." Severus verstummte. Mußte sich allem Anschein nach extrem überwinden nicht jetzt aufzuhören. Daß Caryn ihre Arme sinken ließ, um sich weiter in seine Richtung zu lehnen, war reiner Reflex. „Ich war ihm nahe genug, um das mitzubekommen", krächzte er und räusperte sich mehrfach. „Und ich habe ihn... ANGEFLEHT, Lily zu verschonen", seine Stimme erstarb wieder, und diesmal war die Eifersucht in Caryns Herzen verschwunden. Ausschließlich von Mitgefühl war sie erfüllt, hätte nun alles dafür gegeben, ihn wieder umarmen, festhalten, trösten zu können. Jetzt allerdings war ERvor IHRverschlossen. Unerreichbar. Eingeigelt in sein Schneckenhaus, das ihn vor diesem verheerenden Schmerz schützen sollte. Sein Gesicht verzerrt. Vollkommen trocken seine Augen, auch wenn sein Körper sich um das unterdrückte Schluchzen herum zu verkrampfen schien. Gepreßt auch seine Stimme, als er sich zwang weiterzusprechen.
„Ich war schuld, daß Voldemort sie suchte, und ich war machtlos, konnte Voldemort mit nichts, was ich sagte oder tat oder WAR, davon abbringen. Wieder ein Fehler, den ich nicht rückgängig machen konnte. Und diesmal hing Lilys Leben davon ab. Ich konnte nichts mehr tun. Durch meinen Verrat war ich bereits zu IHREM Mörder geworden." In Caryn hatte sich alles in genau derselben Ohnmacht verkrampft. Das stimmt nicht, Severus! ER hat sie umgebracht! Aber das Du kannst nichts dafür!, das ihn gerettet hätte, konnte sie ihm nicht guten Gewissens geben, und er hätte ihr das natürlich auch nicht geglaubt. Verdammt, ich WILL es Dir geben, ALLES will ich Dir geben, Severus, Liebster…! Damit Du all das hier zurücklassen kannst…!
Ihre Reaktion auf Lily kam ihr plötzlich beschämend vor, kindisch, unreif. Hier ging es nicht nur um LIEBE, hier ging es um SCHULD, um Severus' SELBSTHAß, um sein LEIDEN! Severus ging es so schlecht, und sie war so absolut egoistisch, angesichts seines Leidens EIFERSÜCHTIG zu sein! Severus, verzeih mir, ich bin bei Dir, ich will Dir helfen, bitte glaub mir… Er hatte sein Gesicht in seinen Händen vergraben und blieb so zusammengesunken sitzen. Caryn selbst litt jetzt dieselben Höllenqualen. Noch niemals hatte sie ihn so abgrundtief trauernd erlebt und war zutiefst verunsichert. Sollte sie ihn stützen? Oder brauchte er gerade in solch einer Verfassung seine Unberührtheit? Wollte er überhaupt, daß sie ihn so sah? Würde er sie gleich fortjagen und sie von sich stoßen wie früher? – Gerade als sie sich letztendlich dazu durchgerungen hatte, zu ihm hinüberzugehen und zu umarmen, tauchte er aus seinem aufgewühlten Inneren auf. Erhob sich von seinem Hocker, bemühte sich sichtlich darum, seinen Emotionen zu entfliehen. Machte ein paar automatische Schritte. Verharrte. Kehrte um. Setzte sich wieder. Einige Minuten saß er nur da. Wieder unter Kontrolle. Seine Züge entspannt. Aber leer. Das, was er in diesem Moment war, war INNEN. WEIT innen. In seinen Gedanken war er meilenweit fort von hier.
Severus
Am Rande des Bodenlosen hatte er sich durch den Schmerz hindurchgeredet und war einmal mehr entkommen. Langsam stabilisierte er sich wieder. Holte Luft. Öffnete die Augen. Caryn war wieder bei ihm. Sah ihn besorgt an mit einem von echtem Mitgefühl erwärmten Blick. Ohne triefendes, klebriges Mitleid. Sie fühlte sich wie eine Stütze an. Severus konnte sich wieder setzen und seinen Augen erlauben, Caryns zu besuchen, ehe er sich erneut auf sich selbst konzentrierte und allen verfügbaren Mut zusammenraffte, um weiterzugehen durch den wirren Dschungel seiner nunmehr gefährlichsten Erinnerungen.
„Aber der Dunkle Lord dachte nicht daran, seinem getreuen Gefolgsmann einen Wunsch zu erfüllen", fuhr er nun fort. Verwundert stutzte er. Der Sarkasmus gegen sich selbst – gegen die Person dieses erbärmlichen jungen Mannes, der er einst gewesen war und der so DUMM gewesen war, sein Herz an den falschesten aller Menschen zu hängen – der Sarkasmus, mit dem er all die Jahre versucht hatte, seinen Schmerz über Voldemorts Zurückweisung in den Griff zu bekommen und den er seinen Worten hatte beimengen wollen, schien unterwegs verloren gegangen zu sein. Seine Stimme hatte sachlich geklungen. Nur eine Erkenntnis hatte er da ausgesprochen, eine Tatsache, die er nicht mehr ändern konnte. Die er offenbar zwischenzeitlich gelernt hatte zu akzeptieren, als gegeben hinzunehmen. Wo WAR sein Schmerz über Voldemorts Verrat? – Um diese Erkenntnis zu bestätigen, um dieses fehlende Gefühl in seiner Beständigkeit zu testen, sprach er vorsichtig weiter:
„Er sagte, er würde sie trotzdem töten, egal wie sehr ich ihn anflehte. Es sei zu meinem Besten, meine Prüfung, der Beweis für meine bedingungslose Loyalität. Er sagte, er hätte ihr gar nichts getan, aber jetzt würde er sie töten, FÜR MICH. So hat er mir die Schuld an ihrem Tod aufgebürdet. Und MIR damit bewiesen, daß ich ihm einen SCHEIßDRECK bedeutete." Eine neue Wut streifte ihn flüchtig, eine Wut, die vorher alle Zeit ausschließlich Selbsthaß gewesen war. Diese Demütigung durch Voldemort auszusprechen, die ihn jahrelang von innen heraus verzehrt hatte, tat nicht mehr weh. ES TUT NICHT MEHR WEH, dachte er voller Erstaunen. Seine Schuld an Lily war schlimm, nach wie vor. Daß Voldemort seine Liebe nicht erwidert hatte, schien jedoch die zerstörerische Wirkung auf sein Ich verloren zu haben. ICH BIN DARÜBER HINWEG. Ohne es bemerkt zu haben. Fast hätte er gelächelt.
„So sehr er auch ausgerechnet MICHgewollt hatte als seinen Thronfolger, als seinen SOHN... so wenig bedeutete ich ihm wahrhaftig. NICHTS." Severus wurde still. Ließ diese neue Gewißheit auf sich wirken. Daß Voldemort ihn nicht geliebt hatte, war ihm gleichgültig. WAHRHAFT gleichgültig. Sieh mich an, Mylord, ich bin Dumbledores Mann! Da war keine Rechnung mehr offen mit Voldemort. Das Bedürfnis nach Rache war fort. Er war schließlich ganz auf Dumbledores Seite angekommen, ohne sie lediglich zu benutzen als Plattform für seinen Haß auf seinen Dunklen Lord, der ihn zurückgewiesen hatte. Ohne sie lediglich als Asyl zu betrachten, weil er von der dunklen Seite verstoßen worden war.
Dumbledore.
„Voller Wut und Angst und Haß lief ich weg von Voldemort damals. DAMIT hatte er mich verloren. Erst DANN. Dann aber habe ich keine Sekunde überlegt, wohin ich gehen sollte."
Hier war es plötzlich anders. Die Worte, spontan hervorgezogen aus dem Ozean seiner Erinnerungen, zogen Empfindungen nach sich, die auf ihn einströmen wollten wie der Inhalt eines Fischernetzes, das mit einem Schwall Wasser an Bord geholt wird.
In diesen Momenten ist nichts real – nichts jenseits dieser Sekunde, in der er wie betäubt in seiner Vergangenheit, in jenem reißenden Sturm versinkt und sich krampfhaft konzentrieren muß, er mußte sich konzentrieren, oben zu bleiben, den Kontakt mit dem Boden seines normalen Lebens nicht zu verlieren. Doch der Sturm ist so stark, stärker, als alle, die er je erlebt hat, und ihm ist fast unmöglich, sich auf den Beinen zu halten, dem entgegenzustreben, den er braucht, den er so unerträglich schnell BRAUCHT, denn er versinkt in diesem Sturm, er kann nicht atmen in dieser aufgewühlten, ihn umtosenden Luft, er kann nicht mehr weiter, er kann nicht mehr… Mit aller Kraft und seinen langjährig erprobten Methoden bemühte er sich verzweifelt, die mit diesen Erinnerungen verknüpften Emotionen außer sich zu halten. Die Erinnerungen, die er normalerweise mit großem Energieaufwand in sich unbedeutend hielt. Es existiert nichts als die wogenden Luftmassen um ihn herum, das ihn verschlingende Tosen der gepeitschten Bäume, das Knirschen der Stämme, die doch einfach auf ihn krachen sollen, IHM endlich ein Ende machen, endlich… Aber er muß doch zu IHM, zu IHM endlich, dem einzigen, der sie noch retten kann, wo er versagt hat, versagt, das Recht, auf der Erde zu sein, verwirkt, zu IHM muß er noch, zuerst, zuletzt… Was hatte es für einen Sinn, all das in seinem Kopf zu dulden, es war doch sicher gewesen, sicher verschnürt und am Boden seines Bewußtseins, schon dort schlimm genug, aber was sollte das alles?! Wozu tat er sich das an? Weshalb nicht einfach nachgeben, weglaufen, alles hinschmeißen, sich verkriechen und warten, bis es aufhört?
Da war eine Hand auf seiner Schulter. Diese Hand auf seiner Schulter holte ihn gänzlich zurück. Holte ihn zurück und bewies ihm, daß er hier in seinem Labor saß. Daß er hier saß und daß Caryn diejenige war, der er all das berichtete. Er spürte ihre Wange an seiner. Die weiche Wange DER Frau, die ihm so viel gab und noch geben wollte. Und dafür genauso viel forderte. Unter anderem, das hier zu wissen. Seine Vergangenheit. Nicht um ihn zu schwächen. Nicht, ihm sein Versagen vor Augen zu führen. Sondern um ihn zu verstehen. Seine Entwicklung nachzuvollziehen. IHM NAH ZU SEIN. Und das WOLLTE er. Er wollte sie in seiner Nähe. AUCH JETZT. Er wollte Caryn nahe sein. Und war bereit, immer mehr dafür zu zahlen. AUCH DIES. So seufzte er gebeutelt und zergliederte das Chaos, das er selbst war, nach sinnvollen Zusammenhängen, übersetzte Bilder in Sprache, suchte nach passenden Worten für eine der schwärzesten Nächte seines Lebens – bevor er geahnt hatte, daß diese DER Wendepunkt in eben diesem Leben sein würde.
„Dumbledore würde mir helfen, dessen konnte ich sicher sein. Er hatte ja die Potters immer besonders gemocht. So brauchte ich nicht zu fürchten, daß er mir meine Bitte, ihnen zu helfen, abschlagen würde. – Und das tat er auch nicht. Selbstverständlich war er bereit, Lily zu schützen." Severus atmete tief durch. „ER hat SEIN Bestes gegeben, damit sie leben würde."
„ER hat getan, worum Du Voldemort gebeten hattest..." hörte er Caryn murmeln, und die Selbstverständlichkeit in ihrer Stimme ließ ihn das Kuriose daran wahrnehmen.
„Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern", ergänzte er. „Und er hätte es auch getan, wenn ich mich nicht auf seinen Handel eingelassen hätte. Aber er sagte: „Und was wirst Du mir dafür geben?" Und ich habe das gedacht: Er tut es auch, wenn ich „NICHTS" antworte."
„Und was hast Du gesagt?"
„ALLES."
Seine Stimme erstickt. Er schluckt. Sieht wieder diesen dunklen Hügel mitten im Sturm, er IST wieder auf diesem Hügel und Lily in Todesgefahr und er schuldig, machtlos, voller Entsetzen, voller Angst.... Ekel vor SEINEM DUNKLEN LORD, Ekel vor sich selbst, und selbst da noch in all seinem Haß gefangen. Im Haß auf James Potter, dem er nur den Tod wünschen kann. Dem er den Tod WÜNSCHT. Haß auf Potters Sohn mit IHR, den ER, Severus, nicht hat haben dürfen.
Und dann die bittere, niederschmetternde Gewißheit: DU BIST LILYS NICHT WÜRDIG. WERTLOS. Egal wieviel er zu geben bereit ist, es genügt nicht, selbst ALLES von ihm ist in Wirklichkeit NICHTS.
Dort will er nicht sein. Nicht in dieser Vergangenheit. In dieser Ausweglosigkeit gefangen: Sein ganzes Leben verfahren, eine falsche Entscheidung an die nächste gereiht, eine gescheiterte Beziehung nach der anderen, er unfähig, sich anders zu verhalten, auch während er bereits unmißverständlich spürt, daß etwas ganz schrecklich verkehrt läuft....
DU BIST DAZU VERDAMMT, DEIN SCHICKSAL ZU ERFÜLLEN. DU HAST DIE FÄHIGKEITEN NICHT, ANDERE ENTSCHEIDUNGEN ZU TREFFEN, FEHLER WIEDER GUT ZU MACHEN, DICH ZU VERÄNDERN. DU BIST FALSCH. DEIN GANZES LEBEN IST FALSCH.
Und genau wie damals Dumbledore legt nun der Mensch, der ihn trotz allem LIEBT, den ER liebt, immer geliebt hat, die Glocke der Stille über sich und ihn, sperrt die sturmgepeitschte Nacht aus und ermöglicht Worte zwischen ihnen.
Das holte ihn in die Gegenwart zurück. Überhaupt nicht wahrgenommen hatte er, wie er mit schmerzverzerrtem Gesicht hier in seinem Labor saß und ihm Tränen über die Wangen liefen, bis sich diese vertrauten Arme so fest wie möglich um ihn legten und ihn mitzogen auf den harten, kalten Boden. Er hob den Kopf und sah Caryn an, wie sie ebenfalls weinte, ihre Hand an ihren Mund gepreßt und mit schmerzverzerrtem Gesicht.
„Es tut mir so weh, wenn Du so traurig bist", murmelte sie entschuldigend, und Severus richtete sich auf und nahm nun seinerseits SIE in die Arme. Sie erwiderte seinen Druck, und so hielten sie sich und sorgten dafür, daß er nicht auf diesen Hügel zurück mußte. In dieser Gegenwart konnte er bleiben, und der Schmerz verebbte.
Caryn
Er ließ einen Arm um ihre Schulter gelegt, während er mühevoll aufstand und sich wieder auf den Hocker setzte, Caryn auf seinen Schoß ziehend. Sie hatte ihn wieder. Es war ihr gelungen, ihn aus seinem Schmerz herauszuziehen. Er hatte zugelassen, daß sie ihn berührte, festhielt, beschützte. Er hatte sich ihrem Schutz anvertraut, und sie hatte ihn gehalten. Ihn davor bewahrt, an seinem verzehrenden Schmerz zu zerbrechen. Welcher IHR selbst ebenso unendlich weh getan hatte. So daß dann ER SIE gehalten hatte. Getröstet. Sie hatten sich GEGENSEITIG getröstet, und sie waren sich maximal nah gewesen. Waren es jetzt noch. Würden es immer sein.
Und wieder fühlte es sich so überdeutlich nach LIEBE an, was sie von ihm bekam. So SICHER wie nie zuvor war sie jedoch, daß IHRE Liebe bei ihm angekommen war, daß er ihre Liebe BRAUCHTE, SIE, Caryn, brauchte, und da war es vollkommen belanglos, was sie dafür zurückbekam. Gut, er liebte nicht SIE, dafür hatte sie heute endlich den Grund erfahren, aber sie fühlte den Schmerz darüber nicht mehr, so daß das Wissen darum unbedeutend schien. SIE WOLLTE SEVERUS. Er ließ sie, so nah es irgend möglich war, an sich heran, und da kam ihr Lilys Existenz abstrakt vor, beinahe so, als habe sie DOCH keinen wirklichen Einfluß. Caryn bekam so viel von diesem Mann, und damit wollte sie sich zufrieden geben. EINMAL im Leben WAHRHAFT altruistisch sein. IHN SELBSTLOS LIEBEN, auch wenn sie nur einen Teil von ihm bekam. Wobei DAS, wie gesagt, ein Wissen ohne Kontakt zu ihrem Gefühl war. Ihr Gefühl SAGTE ihr, daß er GANZ bei ihr war. Und auch zum ersten Mal war da die Andeutung einer Überzeugung in ihr, daß DAS womöglich reichte. Daß es darüber hinaus unwichtig war, wie ER das definierte, was zwischen ihnen war, solange sie sich geliebt FÜHLTE. Denn sie WAR glücklich. Sie WAREN sich nah. Er hatte sich ihr WIRKLICH geöffnet. So saßen sie eine lange Weile still.
Irgendwann hatte er wohl das Bedürfnis weiterzusprechen:
„Dumbledore hat meine Bitte, ohne zu zögern, erfüllt. Und nicht nur das. Er hat MICH aufgenommen. Was ich nie zu hoffen gewagt hatte. Aber er hat MIR eine Chance gegeben. Trotz all meiner Schuld." Die Ungläubigkeit in seiner Stimme, das schlechte Gewissen darüber, daß ihm diese Gnade zuteil geworden war, tat Caryn zutiefst weh. Es war ein Wunder, daß er sie dennoch angenommen hatte. Oder vielmehr… Albus Dumbledore. „Er hat meine Schuld ANERKANNT und mich dazu verpflichtet, sie zumindest theoretisch abzutragen, indem er mir diesen Handel anbot."
„Er wußte, daß er Dir es damit leichter machte. Indem Du BUßE tun konntest. Deine SCHULDwieder gut machen!" Ihre Stimme klang eifrig. Seine dagegen enthielt noch seine Traurigkeit, als er mit Nachdruck richtig stellte:
„Ich KANN meine Schuld nicht WIEDER GUT MACHEN. Das ist UNMÖGLICH!" Er mußte sich räuspern. Caryn schüttelte den Kopf, aber er glaubte ihr natürlich nicht. Sie wiederholte bei sich ihre erste Erkenntnis: Dumbledore hatte sein Erbarmen getarnt als Bedingung ihres Handels. Almosen oder Barmherzigkeit oder auch nur Nächstenliebe anzunehmen, war Severus damals nicht fähig gewesen. Und Dumbledore hatte das erkannt. Und dem jungen Mann eine goldene Brücke gebaut. In all ihrer sich allmächtig anfühlender Liebe zu dem Mann in ihren Armen war Caryn ebenso von der Liebe zu ihrem Schulleiter erfüllt, der es gewesen war, der ihrem Mann sein zweites Leben, einschließlich IHRER SELBST, ermöglicht hatte – auf die einzige Weise, die Severus hatte annehmen können: Indem er gleichzeitig Buße tun, indem er sein Leben als Spion auf's Spiel hatte setzen dürfen gegen denjenigen, der seine Schuld bedingte. Anders hätte dieser bis zur Selbstverachtung stolze Mann sich niemals erlaubt, seinen von ihm lange schon als falsch empfundenen Weg zu verlassen und umzukehren.
Plötzlich lachte Severus auf, jetzt aber beinahe zärtlich:
„Aber der gute Albus hat ja auch seine spezielle Art an sich, sofort alle für sich einzuspannen."
„Und in Dir hatte er den idealen Spion."
„Genau. Er war mit Sicherheit sehr zufrieden damals... Und ich war plötzlich ein wichtiger Mann im Orden des Phönix. An Dumbledores Seite, und zwar unmittelbar. Auf der Seite der Guten." Dieselbe Ungläubigkeit. Die Überzeugung, das eigentlich nicht verdient zu haben. Dabei war doch dieser Mensch dazu bestimmt gewesen, zu den Guten zu gehören! Wie konnte er so an sich zweifeln, wo Caryns Überzeugung von seinem guten Wesen so tief war?
„Denn Du LIEBTEST Lily, und Du LIEBTESTDumbledore", stellte Caryn jetzt frei von schmerzhaften Assoziationen fest, Snape jetzt lächelnd von der Seite ansehend. „Du GEHÖRTEST nicht zu Voldemort!"
Sie war für ihn da, und sie würde es bleiben, trotz allem. Er brauchte sie. Das wußte sie jetzt mit letzter Endgültigkeit. Er brauchte sie, damit sie all das verstand und es ihm verzieh, um ihm zu ermöglichen, sich irgendwann selbst zu verzeihen. Und vielleicht… vielleicht war seine Liebe zu Lily in ihm so stark, weil er sich so schuldig an ihrem Tod fühlte. Vielleicht könnte er sich von ihr lösen, wenn es ihm gelang, seine Schuld endlich zu verarbeiten. Vielleicht WÜRDE er Caryn irgendwann WIRKLICH lieben. Denn daß er sie im Sommer davonjagen würde, schien jetzt, nach diesem Nachmittag, geradezu absurd. Er hatte sich ihr geöffnet, und er würde ungeschützt offen zurückbleiben, wenn sie ginge. Das könnte er nicht, dessen war sie in diesem Moment zumindest sicher.
„Ich habe auch den Dunklen Lord geliebt, Caryn", berichtigte er sie mit großer Ehrlichkeit. „Und da ER im Gegensatz zu allen anderen Personen meine Liebe zu erwidern schien, war das eine heftige Leidenschaft. Für die ich alles zu tun bereit war, im wahrsten Sinne über Leichen ging. Bis zu dem Abend, da er meine Liebe zu Lily mit Füßen trat. Und mir erbarmungslos klar machte, daß LIEBEoder auch nur Achtung oder Respekt oder Zuneigung für Voldemort nicht existieren. Er tut NICHTS für NIEMANDEN. Und tat das auch nicht für MICH, dem er immer wieder gesagt und gezeigt hatte, wie WICHTIG ich ihm sei. – Damit, erst DAMIT, Caryn, hat er meine Liebe zu ihm zerstört. ERST DANN."
Irgendwie spürte sie, wie eben schon, daß seine Enttäuschung über Voldemorts Verrat an ihm Severus nicht mehr in seinem Innersten erschütterte. Grenzenlose Erleichterung durchflutete sie: Er LEIDET nicht mehr wirklich darunter, daß sein Dunkler Lord ihn zurückgewiesen hat.
Wut war da noch. Bittere Wut. Und das war doch GUT! Wenn er sich nur gestatteten könnte, diese nicht in den mörderischen Haß auf sich selbst zu verkehren, wenn er schaffen könnte, auch Voldemort DESSEN Teil der Verantwortung zuzubilligen! AUF IHN wütend zu sein, der er ihm das angetan hatte! Dann wären sie einen Schritt weiter. Schon jetzt ließ ihn dieser Verrat der Person, die er als junger Mann einmal geliebt hatte, nicht als wertloses Elend zurück. Er müßte nur in der Lage sein, noch einen kleinen Schritt weiter zu gehen. Den Schluß ziehen, daß TÄTER nicht alles war, was er in seiner Jugend gewesen war. Daß er sich durch eigenes Verschulden, durch seine Schwäche – wenn er unbedingt streng mit sich ins Gericht gehen wollte – in diese Situation begeben hatte. Daß er danach aber auch selbst OPFER gewesen war. Dann würde er sich ein Stück weit vergeben können. Dann wäre die Schuld, an der er trug, ein wenig leichter. Severus HATTE mit seinem Verrat dieser Prophezeiung dazu beigetragen, daß Lily ermordet worden war. Aber Voldemort hatte es GETAN. ER war nicht Lilys Mörder. Er hatte sie GELIEBT und sie zu schützen versucht. Hätte ALLES dafür gegeben. Sogar den Traum, seinem Dunklen Lord nahe zu sein. Darüber dachte sie nach.
„Du hast einen Vater gesucht, nicht wahr? Dumbledore hatte zu viel mit dieser Gryffindor-Potter-Clique zu tun. Bei Voldemort glaubtest Du dann, er würde Deine Liebe erwidern. Aber er hat Dich mißbraucht, und als Du das erkanntest, kamst Du zu Dumbledore zurück."
„Mit Liebe zu ihm hatte DAS nichts zu tun."
„Jedenfalls hast Du vorhin gesagt, Du habest ALLESTUN wollen für Lord Voldemort. Und letztendlich hast Du Dumbledore diese Antwort gegeben. Für Lily. Aber auch für ihn."
„Alles."
„Und ERhat es angenommen."
Severus
Sprachlos starrte er diese Frau auf seinem Schoß an, welche noch ein Mädchen war eigentlich, und schüttelte ungläubig den Kopf über diese Schlüsse, die sie ihm darlegte. Die ihn verwirrten, weil sie so naheliegende Interpretationen waren und doch eine Weisheit enthielten, die auf irgendeine Weise mit der emotionalen Gabe dieser Frau dort zusammenhängen mußte. Caryn bewegte sich durch den Dschungel menschlicher Gefühle und zwischenmenschlicher Strukturen mit einer geradezu schlafwandlerischen Sicherheit, die ihn regelmäßig sprachlos machte...
Er versank in zusammenhanglose Gedanken, als ihm plötzlich bewußt wurde, wie müde und wie hungrig er war. Caryns nächste Worte ließen ihn zusammenzucken.
„Und daher haßt Du Sirius Black so sehr. Weil er Lily an Voldemort verraten hat", dachte sie laut.
„Jetzt weißt Du alles", erklärte er statt eines Kommentars, indem er abrupt aufstand, Caryn jedoch weiter festhielt, so daß sie jetzt umarmt neben diesem – unendlich weit entfernten, heute vor unendlich langer Zeit von ihm beschworenem Tisch standen. „Das wolltest Du doch. An Halloween."
„Ja, das wollte ich. Ich danke Dir. Für Dein Vertrauen. Für Deine Nähe. Und... verzeih mir, daß ich..." Er verstärkte den Druck um sie.
„Es ist gut. Ich habe es ein zweites Mal überlebt. Ich danke Dir, daß Du bei mir geblieben bist." Jetzt drückte sie ihn fester.
„Ich liebe Dich, Severus!"
Was sollte ICH ANDERES tun, Caryn. Ich habe es überlebt, weil Du bei mir bist. Sprach er nicht aus. Sah sie nur an und verbarg dieses Gefühl nicht vor ihr. Aber aussprechen konnte er es nicht.
Caryn
Er sah sie vollkommen OFFEN an, und das war schon wieder einer jener Augenblicke, in denen sie davon überzeugt war, daß er sie liebte. Ihre Liebe erwiderte. Auf ebenso tiefe Weise wie sie. Lily existierte nicht in seinem Blick. Da WAREN nur sie und er, und sie beide würden darin bleiben. Diese Liebe würde nicht aufhören. Für Caryn nicht, wenn sie an Lily stieß. Für Severus nicht, wenn der Sommer kam. SIE LIEBTEN SICH.
Allerdings würde er das niemals aussprechen, und morgen würde sie an ihrer Interpretation dieses Augenblickes zu zweifeln beginnen. Doch JETZT war sie glücklich. Er hatte sie WIRKLICH an sich herangelassen. Ihr das von sich gezeigt, was ihm am schwersten fiel. Seine Schwäche. Seine Trauer. Seine Schuld. Er hatte zugelassen, daß er schwach war in ihrer Gegenwart. Daß sie ihn schützte. Weder war er mittendrin geflohen noch jetzt, da das Gespräch beendet war. Er wußte, daß sie bei ihm bleiben würde, auch wenn ihr etwas – Lily – wirklich weh tat. Und sie wußte, daß auch er für sie über seine Grenzen gehen würde. So wie er es auf erotischem Gebiet von ihr zu verlangen liebte. Und diese Grenzüberschreitungen waren möglich, weil sie einander uneingeschränkt vertrauten. EINANDER. Symmetrisch. Gleich.
Dieses Glücksgefühl umgab sie beide, dessen war Caryn sich so sicher wie selten. Vielleicht war es Einbildung, aber sie spürte Severus' geistige Präsenz so deutlich wie nie zuvor in ihr selbst. Sie stellte sich plastisch vor, daß er wirklich IN ihr war, daß es ihr möglich wäre, ihn gänzlich in sich aufzunehmen, weil sie ihn in sich brauchte, um vollständig zu sein. Und weil sie ihm auf diese Weise alles von sich, all ihre Stärke geben konnte, die ER von IHR brauchte. Sie hoffte so sehr, daß er dieses Gefühl teilte, daß womöglich er es war, der das Bild vervollständigte, wenn sie sich in diesem Augenblick von ihm absolut erfüllt fühlte bis in ihren hintersten Winkel, wie er es sonst mit seinem Samen zu tun pflegte.
Wenn sie miteinander schliefen, WAREN sie so voneinander erfüllt, und das war die Ursache dafür, daß Sex im Mittelpunkt ihrer Beziehung stand. Weil sie dort das lebten, was ihre Beziehung WAR. Außerhalb von Sex geschah diese Realität bisher nur dann, wenn ER es trotz seiner üblichen Kontrolle zuließ. Und DAS tat er jetzt hier. ER LIEß ES ZU. Er liebte sie in Wahrheit, und das hatte sie immer gewußt.
Irgendwann lösten sie sich voneinander, und diesmal Caryn war wirklich satt. Gesättigt von Severus' seelischer Nähe. Gestärkt, wieder als einzelner Mensch zu existieren. Im Vertrauen, daß sie zueinander zurückkehren würden früher oder später.
Das WIRD er, hab keine Angst.
Seltsamerweise wäre es vollkommen überflüssig gewesen, Worte zu Hilfe zu nehmen, um all das, was zwischen ihnen passiert war, zu kommunizieren. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben verspürte Caryn nicht den Drang, sich mit Worten dessen, was sie fühlte, zu versichern. Es WAR Menschen nicht möglich, einander zu hundert Prozent nah zu kommen – aber näher als sie sich Severus nach diesem Tag fühlte, GING es nicht – auch Worte hätten diese Nähe nicht vergrößern können. Oder auch ihr Wissen, daß auch er sich IHR nahe fühlte. Zumal ER es war, der jetzt ihre Augen suchte. Eine Weile lang sahen sie sich noch still an, so als müßten sie sich noch sammeln, ehe sie das normale Leben wieder beginnen lassen wollten. Erst dann löste Severus den Blick und sagte, und er klang sehr müde dabei:
„Ich werde uns aus der Küche etwas zu essen besorgen."
Plötzlich mit Eintritt in die reale Welt durchfuhr sie die Erkenntnis.
„Oh nein!"
„Was hast Du?"
„Der Trank!"
„Von heute Morgen?!"
„Der von heute Nachmittag. Der zweite..."
„Demnach sind heute zwei Produkte Deiner alleinigen fleißigen Arbeit meinen… seelischen Abgründe zum Opfer gefallen", stellte Severus trocken fest, indem er einen prüfenden Blick in den Kessel mit der gänzlich abgekühlten und somit unbrauchbar verklumpten grauen Pampe warf. „Darf ich Dir meine Hochachtung aussprechen, daß Du es geschafft hast, jeden schlimmeren Schaden zu verhüten?"
Es war seltsam, nach dem absoluten Moment eben über etwas so Alltägliches zu lachen.
„Du bist krank!" neckte sie ihn unsicher. „Professor Snape würde toben vor Wut!" Er sah sie nachdenklich an.
„Professor Snape wohl schon."
Caryns Augen hingen gebannt an Snape. Severus jedoch nahm sie bei der Hand und führte sie in seine Wohnung, ohne vorher auch nur den mißglückten Trank zu entfernen.
Körper und Seele
Caryn
Nachdem sie ihren Hunger auf Nahrung in einvernehmlichem Schweigen gestillt hatten, fühlte Caryn seine Augen aus heiterem Himmel auf sich. ANDERS JETZT. Nachdenklich. Abschätzend. Gedankenvoll. So als lasse er Bilder dessen an seinem inneren Auge vorbeiziehen, was sie miteinander hatten. Normalerweise. Immer. Was sie miteinander TATEN. Ganz anders als eben in jenem emotionalen Sturm… Jetzt plötzlich auf der anderen Ebene. Verbindend. Vertraut. DADURCH verheißungsvoll, lockend, leicht… – Würde das immer so sein? Daß ein Blick von ihm sie in haltloses, unentrinnbares Verlangen stürzte? Egal in welcher Stimmung sie vorher gewesen war, ob sie müde war oder gar total erschöpft, so wie jetzt: Alles außer ihm war auf der Stelle vergessen, alles außer dem unaufschiebbaren Hunger nach dem, was ER für sie war.
„Wie überaus erstaunlich, daß seelische Erschöpfung die Lebendigkeit unsere Körper sogar noch zu verstärken scheint…",fragte er sich gerade in einem Tonfall, der sich in seiner verkopften Nachdenklichkeit direkt in ihrem Bauch fortsetzte und tiefer, wo immer noch kein Höschen mehr war, um die sich wiederum unentwegt neu bildende Feuchtigkeit aufzufangen. Wußte er das? Roch er…? Voll von ALL DEM fixierte er Caryn, deren Augen groß an ihm hafteten, während er sich langsam erhob, um den Küchentisch herumschritt und ihr seine Hände hin hielt. Caryn ließ sich hoch auf die Füße ziehen, weiter in seine Arme und noch ein Stück höher, bis sie seine angekündigte Lebendigkeit an ihrem Oberschenkel spüren konnte. So mußte sie ihre Hüfte nur ein wenig an ihm drehen, bis seine Erektion direkt zwischen ihren Schenkeln zu liegen kam, alleinig getrennt von dem weichen Stoff ihres weiten Rockes. Nie wieder würde sie einen anderen Rock tragen! Automatisch spreizte sie ihre Beine und sorgte mit einem Katzenbuckel dafür, daß er an ihre empfindsameren Regionen gelangte. Diesmal dachte er nicht daran, sich ihr zu entziehen, vielmehr schob er ihr seine Hüften entgegen und verstärkte so den Druck, mit dem ihre sehnsüchtigen Bereiche sich aneinanderrieben. Das Stöhnen im Raum war zweistimmig.
Severus
Der Stoff über ihren köstlichen Pobacken schien so dünn zu sein wie nie, und sein Glied schwoll weiter an, während Caryn an ihm entlang rutschte, bis er in die weiche Kuhle zwischen ihren Schenkeln gelangte. In der selben Sekunde war die abgebrochene Lust von heute Mittag zurück, und als die stöhnend an ihm hängende Caryn die Beule in seiner Hose durch den Stoff ihres Rockes hindurch massierte und mit ihren feuchten Schamlippen benetzte, war er bereits nahe daran, sie auf den Steinboden seines Wohnzimmers niederzulegen. Hastig schob er seine Hand unter ihren Rock – und erstarrte im nächsten Moment.
„Ich habe vergessen, Dein Höschen wieder heraufzubeschwören..." murmelte er mit verwaschener Stimme. Caryn rutschte nun an ihm hinunter und bugsierte ihn – nicht fähig zu sprachlicher Artikulation, aber das würde er gleich auch nicht mehr sein – mit einer erstaunlichen Stärke, der er nicht das geringste entgegenzusetzen hatte, hinüber ins Wohnzimmer. Während sie sich mit beiden Händen durch die Stoffbahnen seiner Roben wühlte, schubste sie ihn vor sich aufs Sofa, um endlich mit hastigen Bewegungen seine Hose zu öffnen und ohne Umschweife auf seinen Schoß zu klettern. Das einzige, was er dazu beitrug, war, daß er ihren Rock aus dem Weg zerrte, bevor diese köstliche Frau sich mit einer einzigen gleitenden Bewegung auf seinem steil stehenden Glied niederließ. Vollständig nahm sie ihn in sich auf, preßte sich zusätzlich mit aller Kraft auf ihn, ehe sie sich wieder ein Stück an ihm hinaufgleiten ließ, um das Spiel zu wiederholen. So sorgte sie dafür, daß seine Eichel von allen Seiten direkt vom Druck ihrer Scheide massiert wurde. Er konnte gar nicht verhindern, daß er ihre Bewegungen vorwegnahm. Heraus kamen ungestüme gemeinsame Stöße, und sie beide waren viel zu ungeduldig, als daß sie einen harmonischen Rhythmus hätten finden können. Caryns fast unmittelbar folgender Höhepunkt mitsamt ihren sich so herrlich um seinen Schaft zusammenziehenden Muskeln nahm ihn willenlos mit, und ENDLICH ergoß er sich mit nicht enden wollenden Kontraktionen in sie. Noch während der letzten Samenspritzer fühlte er, wie Caryns noch schwer atmender Mund seine Lippen suchte. Ohne seine Augen zu öffnen holte er Luft und erwiderte ihren weichen Kuß, der aber viel ZU weich, viel zu feucht wurde, um sie beide zur Ruhe kommen zu lassen.
Würde das immer so sein? Daß er nicht satt war, selbst unmittelbar nachdem er seinen gesamten verfügbaren Samen in sie gebracht hatte? Daß sein erschlaffendes Glied von seinem im selben Tempo weiterpumpenden Herzen mit ebenso viel Blut versorgt wurde, daß sein ungestillter Hunger fast sofort wieder Form und Gestalt annahm?
Außer Atem unterbrach Caryn ihren Kuß und legte ihren Kopf in seine Halsbeuge, während sie ihre Handfläche an sein rasch klopfendes Herz legte. Plötzlich schwang in Caryns fortwährendem Sehnen nach ihm Wehmut mit, die Erinnerung an Schmerz. SEINEN Schmerz? Den er ihr aufgebürdet hatte? Den sie ertragen hatte, das schon. Die Erinnerung an Caryns schmerzverzerrtes Gesicht ließ ihn die Augen schließen. Nein, er wollte nicht, daß sich dieser Anflug von Melancholie bei ihr in Trauer verwandelte. Caryn sollte nicht mehr traurig sein. Lächeln sollte sie. Ihn Küssen. Sich daran erinnern, wie sie diesen Tag miteinander begonnen hatten, ehe all dieser Schmerz über sie beide gekommen war. Würde es ihm gelingen, sie mit seiner üblichen Strategie aus dieser Stimmung herauszureißen, bevor diese sie beide ganz vereinnahmen konnte?
„Das war sehr kurz", kommentierte er mit nachdenklicher Augenbraue. „Und ich konnte Deine... besondere Zugänglichkeit gar nicht wirklich auskosten ..."
„Was meinst Du?" wollte Caryn sofort neugierig wissen, und ihre Stimme zeugte bereits davon, daß er der seinen den richtigen Unterton verliehen hatte und sie alles Traurige vergessen. Faszinierend, dachte er voller Genugtuung. Ich kann sie aus jeder Stimmung herausholen. Sie wieder einfangen. Zu mir zurückholen… Wie beiläufig erkundigte Severus sich:
„Hatte ich Dir nicht heute Mittag angekündigt, daß ich spezielle Maßnahmen ergreifen müßte, wenn Du Dir etwas zu schulden kommen lassen würdest? Und man bedenke, was da heute zusammenkommt... ZWEImißlungene Tränke... ganz zu schweigen von Deiner zu wünschen übrig lassenden Höflichkeit auf jenem TISCHheute Mittag." Caryn hing atemlos gespannt mit sich weitenden Pupillen und leicht geöffneten Lippen an seinen, bevor sie sich auf die Unterlippe biß. Zu behaupten, Deine Macht über sie wäre einseitig, wäre doch ein BIßCHEN dreist, Severus! Er mußte sich sammeln, um die folgenden Worte kühl über seine sich verdächtig heiß anfühlenden Lippen bringen zu können. „Ich erwarte Dich morgen zum Mittagessen in der Großen Halle, wo ich Dich nur von ferne sehen kann – aber ich will WISSEN, daß Du unter diesem Rock NACKT bist, so wie jetzt. Hast Du verstanden?" Stumm nickte sie, ihre Augen groß. Oh Caryn… „Du wirst zu spät kommen und im Mittelgang Deinen Zauberstab fallenlassen. Und ihn aufheben. Wobei Du darauf achten wirst, daß mir der Anblick gefällt. Klar?"
Wieder ein Nicken. Ihr Mund weit offen. Ihr Atem heftiger. Ihr Unterleib den Kontakt zu seinem wieder verstärkend. Natürlich konnte er ihr SO nicht vorgaukeln, daß er unbeteiligt blieb. Aber er hatte nicht vor, sich jetzt in seiner Erregung zu verlieren. Noch IHR das zu gönnen. Eine Weile ließ er zu, daß Caryn sich erneut Lust auf ihm und ihm in ihr verschaffte, doch sobald sie das Plateau der Lust erreicht hatte, schob er sie unnachgiebig von seinem Schoß und stand auf.
„Morgen sehen wir uns eigentlich erst nach dem Abendessen", dachte er laut, während er seine Kleider in Ordnung brachte. „Und ich werde den Nachmittag und den Abend damit zubringen, Aufsätze mehrerer Klassen zu korrigieren. Falls Du es nicht aushalten kannst nach unserem kleinen geheimen Zwischenspiel mittags und Dich erdreistest, zu früh zu mir zu kommen, werde ich mich erneut gezwungen sehen, Dich zu bestrafen. Habe ich mich klar ausgedrückt?" Sein Ton war perfekt streng, aber Caryn sah ihm in die mit seiner Wärme für sie gefüllten Augen und verstand ihr neues Spiel, wie er sich legilimentisch vergewisserte. Dennoch konnte er sich nicht verkneifen, ihr etwas später beim Abschied an seiner Tür – nach einem nassen, fordernden Kuß auf ihre Brüste durch den dünnen Blusenstoff hindurch – ins Ohr zu raunen:
„Ich erwarte Dich morgen FRÜHER..."
„Ich halte es ja schon jetzt nicht mehr aus..." erwiderte sie wispernd. Severus küßte sie so lange und zärtlich auf den Mund, daß sie sich bereits wieder an ihm wand, bevor er Luft holen mußte. Wie konnte das sein, daß sie ihm jede Kontrolle raubte? Heftig preßte er sie gegen die Wand, ließ sie hastig seine Hose öffnen und schob sie hoch, bis er in sie eindringen konnte. Ihr zweistimmiges Keuchen erfüllte den Kerkergang, und sie konnten von Glück sagen, daß es wiederum so schnell ging und so dieses unglaublich leichtsinnige Unterfangen sogleich der Vergangenheit angehörte. Mit zu allererst wieder ordnungsgemäß geschlossener Hose drückte er sie noch einmal an sich.
„Darf ich... Ich meine, gilt unser Spiel morgen trotzdem?" fragte sie leise.
„Hegst Du Zweifel daran, daß ich in der Lage sein werde, Dir morgen wieder zur Verfügung zu stehen?" entgegnete Snape arrogant. „Erst nachdem Du mir zur Verfügung gestanden hast, versteht sich."
„Nichts werde ich lieber tun."
Mit diesen Worten schritt Caryn ein wenig breitbeinig von dannen. Severus sah ihr noch nach, bis sie die Treppe erreicht hatte und aus seinem Blickfeld verschwand.
Was hast Du getan, daß DIESE Frau Dir gehören will?
Gedankenverloren kehrte er in seine Wohnung zurück. Ging gleich ins Badezimmer und blieb vor seinem Spiegelbild stehen. Es war dasselbe Gesicht, mit dem er damals auf jenem Hügel Dumbledore gegenübergestanden hatte. Mit dem er vorher aus Voldemorts Nähe geflüchtet war mit einem wiederum gebrochenen Herzen. Wohin er seine Liebe auch gewendet hatte, sie war verschwendet gewesen. Wertlos. Gefährlich. Zerstörerisch. Für den geliebten Menschen ebenso wie für ihn selbst. Das war auch ein Grund dafür, daß er in der Gegenwart dieser Liebe zwischen Caryn und ihm so zwiespältig gegenüberstand. Hatte er einen Grund anzunehmen, daß sie anders verlaufen würde als alles in seiner Vergangenheit?
Er TAT es aber. Er NAHM das an. Hatte begonnen zu VERTRAUEN. Und je mehr Zeit verging, desto weniger Sinn machte es, damit aufzuhören.
Wieder waren Caryn und er miteinander einen Schritt weitergekommen auf ihrem gemeinsamen Weg. – Ja, es gab ihn: diesen GEMEINSAMEN WEG. Den er niemals verlassen wollte. Den er würde verlassen MÜSSEN. Wobei die Chance nicht gering war, daß noch etliche Jahre ins Land gehen würden, ehe der einzig WIRKLICHE Anlaß dazu eintreten würde. Jahre, in denen er sich FREI wähnen könnte. Womöglich so viele, daß sie das Ende seiner Freiheit nicht einmal mehr erleben würden...?
Er hatte Caryn heute den Gefallen getan, ihre Fragen zu seiner Vergangenheit zu beantworten. Und es fühlte sich – bei aller Schmerzhaftigkeit – im Nachhinein gut an. Erleichtert fühlte er sich, ungeahnt erleichtert. Und ZUFRIEDEN. Ruhig und zufrieden. BERUHIGT.
Aus diesem gemeinsamen Erleben heute war eine Nähe zwischen ihm und Caryn erwachsen, die er… doch, die er eigentlich schon erwartet hatte. Das war womöglich das wirklich Merkwürdige daran: Daß diese überwältigende Verbundenheit, die Caryn und er heute miteinander geteilt hatten, im Grunde schon lange DA gewesen war. Allem, was bisher zwischen ihnen geschehen war, ZUGRUNDE gelegen hatte. Besonders in ihrer Erotik. Was ihn auch erstaunt hatte: Daß sie beide nach dieser emotionalen Höllentour überhaupt an Sex hatten DENKEN – geschweige denn, dermaßen dazu hatten GETRIEBEN werden können. Sie gehörten zusammen, das bedeutete das – körperlich und seelisch – was DAS wiederum bedeutete, das vermochte er jedoch nicht mehr zu erfassen. Heute nicht mehr.
Jetzt kam die gesamte Erschöpfung über ihn. Gerade in Verbindung mit der Schwere seines voll auf seine Kosten gekommenen Körpers. Konnte er es wagen, sich ins Bett zu legen? Er horchte in sich hinein. Müde WAR er, erschöpft, ausgepumpt. Er tickte die Erinnerung an den Hügel an. Nein, er landete nicht wieder dort. Als hätte er diesen Schritt hinter sich. Stattdessen lächelte er in Gedanken an das Wunderbare, das er mit Caryn teilte. Nein, IHR fühlte er sich nah, Lily war wieder weit weg. Augenscheinlich hatte er heute genug aufgearbeitet. Zufrieden putze er seine Zähne und ging ins Schlafzimmer. Morgen versprach in eben erwähnter Hinsicht ein erfreulicher Tag zu werden.
