Oh. Mein. Gott.
Erstens: Ja, ich lebe noch.
Zweitens: Nein, die Story ist nicht abgeschlossen und auch nicht abgebrochen.
Drittens: I know, I know, I'm a lazyass. Vergebung, bitte???
Viertens: Seid ihr noch alle da?????
Also, wie ihr seht hab ich's endlich geschafft, hier ein neues Chapi gebacken zu kriegen. Und – Hurra! – es ist das längste, das ich zu dieser Story je geschrieben habe. Satte 3727 Wörter auf ganzen 4 Seiten. Immerhin.
Und da ihr ja nun wirklich schon lange genug gewartet habt: Los geht's!
Eine Kleinigkeit noch: Dieses Chapter ist einzig und allein Zuckerfee gewidmet, weil sie mich auf wundersame Art und Weise – keine Ahnung wie – wieder motiviert hat zu Schreiben. Danke dafür!!!
So, jetzt aber!
..:: Waiting and Wondering – Part 2 ::..
Als Kai die Augen aufschlug, war das erste, was er sah ein Mopp aus feuerrotem Haar. Tala. Aber… Das Schwindelgefühl ignorierend hob er den Kopf um sich besser umsehen zu können. Er war definitiv nicht mehr in der stinkenden Zelle, in die Boris ihn wie ein Stück Dreck geworfen hatte. Und er war noch am Leben – offensichtlich. Ein Blick nach links bestätigte seine Vermutung: Bryan saß, den Rücken an die Wand hinter sich gelehnt mit angezogenen Beinen da, die Stirn auf seine über den Knien verschränkten Arme gelegt, offensichtlich schlafend. Spencer saß in einem einfachen Holzstuhl neben seinem Bett, sein Schnarchen beinahe das Tysons übertönend, dessen weiß bestrumpfter Fuß alles war, was er von seiner Position im Bett aus ausmachen konnte. Allem Anschein nach lag der Rest von ihm am Fußende des Bettes am Boden, wo er auch Max vermutete, wenn der Flecken grellen Oranges als irgendein Hinweis gelten konnte. Rays ebenfalls schlafende Gestalt lehnte gefährlich nah neben der Tür, und Kai war sich ziemlich sicher sollte diese sich unverhofft öffnen, wäre Ray sicher der erste, der davon aufwachen würde.
Es war nicht schwer, zu rekonstruieren, was passiert sein musste. Offensichtlich hatten die Bladebreakers es geschafft, seine kodierte Nachricht zu entziffern – zweifellos Kennys Verdienst – und sich auf die Suche nach ihm gemacht. Vielleicht hatten sie Tala und die anderen informiert, aber das erschien ihm ziemlich unwahrscheinlich. Nein, vermutlich hatten sie irgendwie davon erfahren, dass Kai der BBA seinen Rücktritt verkündet hatte und die Geschichte einfach nicht geschluckt. Tala kannte ihn viel zu gut um tatsächlich zu glauben, dass er den Fehler von vor einem Jahr ein zweites Mal machen würde. Vermutlich waren sie es gewesen, die den Bladebreakers ihre Hilfe angeboten hatten und nicht umgekehrt.
Das erklärte auch, wie sie ihn so schnell gefunden hatten. Tala hatte ein Talent dafür, andere auszuspionieren und es gab so ziemlich nichts, was er mit einem Computer und einer Internetverbindung nicht herausfinden konnte. Und Bryan war ein geborener Stratege. Die Fähigkeiten der beiden Hitzköpfe kombiniert mit Spencers erstaunlichem Talent dafür, die beiden davon abzuhalten sich gegenseitig umzubringen hatten ihm vermutlich das Leben gerettet. Und danach zu urteilen, dass er sich im Moment fühlte als hätte ihn jemand durch den Fleischwolf gedreht, wären sie wohl um ein Haar zu spät gekommen.
Der Gedanke brachte ihn beinahe zum Lachen. Sie waren zu spät, oder nicht? Ein Jahr zu spät. Es war, wie Boris gesagt hatte: Indem er Black Dranzer gestartet hatte, hatte er sein eigenes Todesurteil unterzeichnet. Boris hatte zwar davon gesprochen, dass der Effekt rückgängig gemacht werden könnte, aber wenn er richtig vermutete, dann würde das nur passieren, wenn er sich erneut mit Black Dranzer vereinen würde… Dann lieber sterben!
„Hey, du bist ja wach."
Tala sah ihn mit freudig strahlenden eisblauen Augen an. „Wir haben uns echt Sorgen um dich gemacht… Alles okay?"
Kai nickte nur schwach. Eigentlich fühlte er sich alles andere als okay. Er war müde, allein nur die Augen offen zu halten kostete ihn schon seine ganze Kraft, und so sehr er sich auch konzentrierte, das gesamte Zimmer wollte einfach nicht aufhören, sich um ihn zu drehen. Ganz zu schweigen davon, dass er das Gefühl hatte, sein gesamter Körper stehe in Flammen, was vermutlich an den diversen Verletzungen lag, die Boris ihm mit satanischem Vergnügen beigebracht hatte.
Das schien auch Tala nicht zu entgehen. „Du bist ein miserabler Lügner, Hiwatari."
Kai unterdrückte mühsam ein Lächeln. Oh nein, er war ein hervorragender Lügner, dafür hatte sein Großvater schon früh genug gesorgt. Tala kannte ihn nur besser als all die anderen… Und genau da lag das Problem. Wenn Tala herausbekäme, was tatsächlich mit ihm los war, würde er alles nur Erdenkliche versuchen, um ihm zu helfen – und sich im Zuge dessen wahrscheinlich in große Gefahr bringen. Sich und wer weiß wen sonst noch. Auf keinen Fall würde er das zulassen!
„Kannst du mir mal sagen, was du dir dabei eigentlich gedacht hast?"
Er sah Tala verwirrt an.
„Du hast versucht, dich umzubringen, mein Lieber! Und erzähl mir jetzt nicht, dass Boris das getan hat. Er ist zu vielem fähig, aber dich umbringen – dafür bist du zu wertvoll für ihn. Also warum?"
Shit. Er hatte ja gewusst, dass er Tala nicht täuschen konnte. Und was jetzt? Fieberhaft suchte er nach einer Erklärung, die Tala zufrieden stellen würde, irgendetwas, das er ihm auch glauben würde. Etwas, das möglichst nahe an der Wahrheit war ohne die Wahrheit zu sein…
Als er den Blick hob, sah Tala ihn immer noch misstrauisch an.
„Es war der einzige Weg."
„Der einzige Weg wofür? Was wollte Boris von dir?"
Einfache Frage. Gut. Einfache Antwort: „Einen Schlüssel."
„Schlüssel? Was für einen Schlüssel?"
„Keine Ahnung."
Eine rote Augenbraue schoss Richtung Haaransatz.
„Ich weiß es wirklich nicht…"
Tala nahm besorgt zur Kenntnis, wie unglaublich müde Kais Stimme klang. Er betrachtete ihn aufmerksam. Dunkle Ringe unter den Augen, eine tiefe Platzwunde über der rechten Augenbraue deren Ränder blau verfärbt waren. Die Haut so fahl, dass er das Gefühl hatte, sie sei durchsichtig. Die blauen Strähnen klebten feucht an seiner vom Fieber heißen Stirn, und die dünne Decke hob und senkte sich alarmierend unregelmäßig. Es ging ihm nicht gut. Ganz und gar nicht. Und Tala fing langsam an daran zu zweifeln, dass der Blutverlust und die Spuren von Boris' Folter der einzige Grund dafür waren. Kai erholte sich in der Regel sehr schnell von solchen Dingen, zumindest war das früher so gewesen. Irgendetwas stimmte hier nicht, irgendetwas verschwieg Kai ihm. Er ließ seinen Blick noch einmal über das müde Gesicht seines Freundes schweifen, die Augen geschlossen, die Brauen unter dem Schmerz zusammengezogen. Seine Fragen würden warten müssen. Jetzt war es erstmal wichtiger, dass Kai sich ausruhte und wieder zu Kräften kam. Er strich ihm sanft das Haar aus der Stirn.
„Ruh dich erstmal aus. Wir reden später."
Er erhielt nicht mal mehr ein Nicken. Kai war bereits wieder eingeschlafen.
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Besorgt blickte Luca Stratoviç zu der verschlossenen Tür, hinter der es beunruhigend still war. Zu gerne wäre er in den Raum dahinter gegangen um mit Kai zu sprechen, doch als er es das letzte Mal versucht hatte, war das Ergebnis Bryans Messer an seiner Kehle gewesen. Die drei jungen Russen trauten ihm keinen Millimeter weit über den Weg, soviel hatte er in den letzten vier Tagen, die sie nun schon hier waren immerhin herausgefunden. Es war verständlich, einerseits. Seine ganze Geschichte war ziemlich unglaublich, im wahrsten Sinne des Wortes, und die Drei waren aus gegebenen Gründen äußerst mißtrauisch. Und wenn man bedachte, daß es Kai nach diesen vier Tagen kaum besser zu gehen schien, war deren übertriebener Beschützerinstinkt durchaus zu verstehen. Dennoch, er mußte mit Kai reden, je eher desto besser.
Von Tala hatte er erfahren, daß Kai offenbar tatsächlich nicht das Geringste wußte – weder von dem Schlüssel noch über die Bruderschaft. Da er aber davon ausgehen mußte, daß Balkov – und vermutlich auch Voltaire, denn er konnte sich nicht vorstellen, daß Balkov in dieser Sache allein handelte – nach wie vor hinter dem Schlüssel und damit hinter Kai her war, war der Junge in großer Gefahr. Und es war äußerst schwierig ihn zu beschützen, wenn er selbst nicht wußte, worum es bei dieser ganzen Sache ging. Ganz zu schweigen davon, daß Kai in seiner Unwissenheit etwas tun könnte, das der Bruderschaft und damit der Zukunft der Welt erheblichen Schaden zufügen könnte. Solange der Junge nicht wußte, wie wichtig der Schlüssel und sein eigenes Leben für die Bruderschaft waren, würde er womöglich noch einmal etwas so törichtes unternehmen, wie sich die Pulsadern aufzuschneiden.
Als Luca Kais Zustand an Bord des Helikopters in seiner Gänze hatte erkennen können, war ihm beinahe das Herz stehen geblieben. Nicht nur, daß er das Gefühl gehabt hatte, Anna und Victor noch einmal sterben zu sehen, er hatte in dem jungen Russen auch das Schicksal der Bruderschaft gesehen. Und das hatte ihm das Blut in den Adern gefrieren lassen. Solange er denken konnte, hatte er sein Leben der Bruderschaft und der Prophezeiung gewidmet. Doch in diesem kurzen Moment hatte er sie zum ersten Mal geglaubt.
Das Knarren der Tür riß ihn aus seinen Gedanken. Als er den Blick hob hatte er für einen kurzen Moment das Gefühl, Victors Geist stehe vor ihm. Zu sehr erinnerten ihn die blutroten Augen Kais an den feurigen Blick seines Freundes aus Kindertagen. Erst Kais leise Stimme holte ihn wieder in die Gegenwart zurück.
„Sie sind Luca." Eine Feststellung, keine Frage. Er nickte nur.
„Tala sagte, ich solle mich vor Ihnen in Acht nehmen." Der stechende Blick taxierte ihn von Kopf bis Fuß. „So gefährlich sehen Sie gar nicht aus."
Ein Lächeln stahl sich auf Lucas Gesicht. „Danke… schätze ich." Er erhielt nur ein schwaches Nicken, bevor Kai ihm den Rücken zuwandte und durch das einzige Fenster im Raum die russische Landschaft draußen beobachtete. Zum ersten Mal seit ihrer ersten… ‚Begegnung'… im Helikopter hatte Luca Gelegenheit, Kai genauer in Augenschein zu nehmen. Er verstand jetzt, warum er ihn im ersten Moment für Victor gehalten hatte. Dieselbe hochgewachsene Gestalt, die Statur schlank aber muskulös, dieselbe Haltung, die zugleich Ruhe und Kontrolliertheit ausstrahlte, jedoch unter der Oberfläche eine Stärke erahnen ließ, die nichts mit physischer Kraft zu tun hatte. Selbst sein Haar hatte dieselbe Farbe wie Victors, auch wenn es im Nacken in das tiefe Blauschwarz seiner Mutter auslief. Mit einem Mal wurde Luca klar, warum seine Freunde so standhaft zu ihm hielten. Aus demselben Grund, warum er immer an Victors Seite gestanden hatte…
„Du bist Deinem Vater sehr ähnlich." Die Worte waren über seine Lippen, bevor er sie zurückhalten konnte.
„Sie haben ihn gekannt?" Luca mußte sich anstrengen, die leisen Worte zu verstehen. Der Tonfall war neutral, ohne jede Gefühlsregung.
„Victor war ein guter Freund von mir." Diesmal erntete er nur stählernes Schweigen. Im Nachhinein wünschte er, er hätte Kais Gesicht sehen können, während er reglos am Fenster stand. Vielleicht hätte ihn die Traurigkeit hinter seinen nächsten Worten dann nicht wie ein Schlag ins Gesicht getroffen.
„Etwas, das ich nicht behaupten kann…"
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„Denkst du, es war ne gute Idee, Kai allein zu lassen?" Rays Stimme klang besorgt. „Ich meine, allein mit diesem Mann?"
„Luca ist in Ordnung", entgegnete Tyson gut gelaunt, wenn er auch eine gewisse Sorge nicht aus seiner Stimme verbannen konnte. „Außerdem hätten wir Kai ohne ihn gar nicht erst gefunden." ‚Jedenfalls nicht lebend', fügte er im Stillen hinzu.
Natürlich machte er sich genau wie Ray Sorgen um Kai. Aber Tala, Bryan und Spencer waren runter ins Dorf um Vorräte zu besorgen und Kai hatte deutlich klar gemacht, daß er es Leid war, ständig jemanden als Babysitter neben seinem Bett sitzen zu haben. ‚Wenn ihr mir wirklich helfen wollt, dann sucht euch nen Platz zum trainieren!' Die Worte klangen immer noch in seinen Ohren. Obwohl seiner Stimme die übliche Kraft gefehlt hatte, war die Autorität hinter seinen Worten nicht zu leugnen gewesen – was sie auch prompt dazu veranlaßt hatte, ohne Widerworte mit ihren Blades in der Tasche in das nahe gelegene Wäldchen zu verschwinden, wo sie inzwischen seit fast zwei Stunden ein Trainingsmatch nach dem anderen absolvierten. Was ihn wieder zu seiner momentanen Situation zurückführte. „Dragoon, hau ihn raus!" Auf sein Kommando reagierend schoß sein Blade mit enormer Geschwindigkeit auf Rays Driger zu.
Max beobachtete von seinem Platz auf einem umgestürzten Baumstamm aus, wie sich Rays Blade mit aller Kraft gegen Tysons Attacke stemmte. Eine Weile schien der Kampf ausgeglichen, doch dann begann Driger Millimeter für Millimeter vor Dragoon zurückzuweichen. Am Ende würde Tyson wieder einmal als Sieger hervorgehen. Und er würde den ganzen Nachmittag damit prahlen… Max' Blick glitt rüber zur Hütte, hinter deren hölzernen Wänden er Kai wußte. Wie sehr er sich wünschte er wäre mit ihnen hier draußen! Er würde Tyson in null komma nichts zur Raison bringen. Der Gedanke an seinen russischen Freund machte ihm Sorgen. Seit Tagen waren sie nun schon hier, aber Kai schien sich nur äußerst langsam zu erholen. Er schlief die meiste Zeit und wenn er doch mal aus dem Bett aufstand, mußte er sich nach kürzester Zeit wieder hinlegen, um nicht umzukippen. Er aß kaum und wurde praktisch von Tag zu Tag dünner. Dr. Yusow hatte ihn gestern noch einmal untersucht und festgestellt, daß sein Körper den Blutverlust inzwischen beinahe völlig ausgeglichen hatte. Wieso also ging es ihm nicht besser? Er wußte, daß sich Tala und die anderen beiden Demolition Boys dieselbe Frage stellten – und das machte ihm nur noch mehr Angst. Was war nur mit Kai los?
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Gegen seine eigene Traurigkeit bei Kais Worten ankämpfend beobachtete Luca lange Zeit die, obwohl von den Strapazen der letzten Tage gezeichnet, imposante Gestalt des jungen Russen. Er war so überwältigt gewesen von Kais Ähnlichkeit mit Victor, daß er beinahe vergessen hätte, daß Kai nun einmal nicht Victor war. Er würde aufpassen müssen, nicht in den Glauben zu verfallen, er hätte in Victors Sohn seinen alten Freund wiedergefunden. Victor war tot. Und Kai hatte nicht einmal genug Zeit gehabt, seinen Vater richtig kennenzulernen. Wenn er ihn zu sehr mit Victor verglich, würde er Kai damit am Ende nur weh tun.
Im übrigen gab es im Moment wichtigere Dinge. Tagelang hatte er auf eine Gelegenheit gewartet, allein mit Kai reden zu können. Hier war seine Chance!
„Kai…", begann er vorsichtig. Der Junge zeigte keine Reaktion. „Ich weiß, wir kennen uns kaum", fuhr Luca dennoch fort, „aber es gibt da einige Dinge, über die ich mit dir reden muß."
Nichts. Er hätte nicht einmal sagen können, ob Kai ihn überhaupt gehört hatte. Er wünschte, er würde sich umdrehen…
„Erzählen Sie mir von ihm."
Die Worte klangen so unvermittelt im Raum, daß Luca für einen Moment glaubte, er habe sie sich nur eingebildet. Doch dann drehte sich Kai mit beinahe erwartungsvollem Blick zu ihm um.
Luca zögerte nur einen Augenblick. „Er war ein ganz besonderer Mensch." Er sah Kai direkt in die Augen, die ihn so sehr an seinen alten Freund erinnerten. „Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wo ich anfangen soll zu erzählen. Er war dir sehr ähnlich, denke ich…"
Eine unausgesprochene Frage mischte sich in Kais Blick als er sich müde in den Sessel neben dem Fenster sinken ließ. Auf Luca wirkte es beinahe wie Unglauben.
„Als ich ihn kennenlernte, war er gerade so alt wie du jetzt. Das erste, was mir an ihm auffiel, waren seine Augen. Blutrot, genau wie deine, mit einem Glanz in ihnen als loderte dahinter ein Feuer. Und dieses Feuer konnte aus ihm herausbrechen, wann immer er etwas fand, wofür es sich lohnte zu kämpfen. Er war stark, vertrauenswürdig, absolut zuverlässig und seinen Freunden gegenüber loyal bis ins Mark."
„Dann sind wir uns nicht so ähnlich, wie Sie glauben…"
Ein Schatten legte sich über Kais Gesicht, der nicht nur von den blauen Strähnen herrührte, die seine Augen verdeckten als er den Kopf sinken ließ.
Luca hatte die Geschichte von Mr. Dickenson gehört. Die Geschichte mit Black Dranzer und Kais Verrat an seinen Freunden bei den World Championships im letzten Jahr. Er konnte nicht umhin zu lächeln, als ihm die Ironie in Kais Worten bewußt wurde.
„Genau das macht dich ihm ähnlich, weißt du…"
Kai sah ihn verständnislos an.
„Wärest du deinen Freunden gegenüber nicht ebenso loyal wie Victor es war, würdest du keinen Gedanken mehr an die Sache letztes Jahr verschwenden. Allein die Tatsache, daß du dir das immer noch nicht verziehen hast, ist genug Beweis dafür, daß du tief in deinem Innern deine Freunde nie wirklich verraten könntest."
Kai wirkte nicht wirklich überzeugt, schien aber über Lucas Worte nachzudenken.
„Ein loyaler Freund hätte es gar nicht erst soweit kommen lassen", kam schließlich das Ergebnis seiner Überlegungen über seine Lippen.
„Wir machen alle unsere Fehler, Kai. Wichtig ist nur, daß wir aus ihnen lernen und sie nicht wiederholen."
Es dauerte eine Weile, bis er ein schwaches Nicken zur Antwort bekam. Danach herrschte Schweigen.
„Kai…" Luca wartete, bis der junge Russe ihn ansah. „Haben dir deine Eltern je von der Bruderschaft des Phönix erzählt?"
Ein langsames Kopfschütteln.
„Weißt du etwas über diesen Schlüssel, von dem Balkov gesprochen hat?"
Erneutes Kopfschütteln. Luca konnte deutlich sehen, wie die Müdigkeit langsam wieder Besitz von Kai ergriff. Es schien ihn schon alle Kraft zu kosten, überhaupt nur die Augen offen zu halten. Doch auch wenn es ihm in der Seele weh tat, er mußte diese Dinge wissen. Das hier war vielleicht seine einzige Chance, mit Kai darüber zu sprechen.
„Dann werde ich dir jetzt erzählen, was ich darüber weiß."
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„Haben wir auch alles?"
Spencer ging in Gedanken noch einmal den Inhalt der Tüten durch, die er den holprigen Feldweg zur Hütte hinaufschleppte. Brot, Butter, Verbände, Schmerztabletten, Mineralwasser, Äpfel, Toilettenpapier, die Moskauer Tageszeitung und ein Transistorradio.
„Yup, alles da. Bis auf die Schokoriegel, die Tyson uns aufgetragen hat." Ein Grinsen stahl sich auf sein Gesicht, als er sich die Szene wieder vor Augen rief: Tyson bettelnd auf den Knien vor Tala, ihn förmlich anflehend, ihm etwas Süßes mitzubringen. ‚Ich kann nicht denken, wenn mein Zuckerspiegel sinkt!', hatte er gejammert. ‚Denken scheint mir ohnehin nicht zu deinen Stärken zu gehören, Tyson', war Talas Kommentar gewesen, und damit war für ihn dann auch das Thema beendet gewesen. Doch was wirklich unbezahlbar war, war Tysons Personifikation eines Goldfischs gewesen, die auf diese Worte gefolgt war.
„Die kann er sich von mir aus backen!", riß ihn Tala aus seinen Gedanken. „Sehen wir zu, daß wir zurück kommen. Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, daß Kai mit diesem Luca allein ist."
„Die Bladebreakers sind bei ihm, Tala."
„Ffhh!", brach es aus dem Rothaarigen bei Bryans Worten hervor. „Das soll mich wohl beruhigen, hu?"
„Aber mal ehrlich", meinte Bryan, Talas Ausbruch ignorierend, „findet ihr es nicht seltsam, daß es Kai immer noch so schlecht geht? Ich meine, gut, er erholt sich langsam, aber… ich weiß auch nicht… zu langsam."
„Hm." Tala betrachtete nachdenklich seine Füße. „Stimmt, das macht mir auch Sorgen. Für gewöhnlich ist er in null komma nichts wieder auf den Beinen. Die Wunden verheilen gut und alles, aber…"
„Er ist ständig müde, schläft die meiste Zeit, und wann immer er aufsteht hab ich ständig das Bedürfnis, hinter ihm zu stehen um ihn auffangen zu können, wenn er umkippt."
Bryan nickte zu Spencers Worten. Genau so ging es ihm ebenfalls. Noch nie hatte er Kai so schwach gesehen. Nicht einmal in den Tagen in der Abtei, nicht einmal nach der schlimmsten Folter, die oft tage- und nächtelang andauerte. Irgendetwas…
„Irgendetwas stimmt hier nicht", beendete Tala seinen Gedanken. „Und ich will verdammt sein, wenn ich nicht herausfinde, was!"
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Kai saß reglos da und ließ Lucas Geschichte sich erst einmal setzen. Seine Eltern waren also Mitglieder einer geheimen Bruderschaft gewesen, die eine Macht beschützte, die den Weltuntergang bedeuten konnte wenn sie in die falschen Hände fiel. Und Balkov und Voltair waren genau hinter dieser Macht namens Suzaku her. Und zu allem Überfluß schien er der einzige zu sein, der wissen konnte, wo sich der Schlüssel zu dieser Macht befand. Dumm nur, daß er nicht die geringste Ahnung hatte, wo sich dieser Schlüssel befinden sollte…
„Wie sieht dieser Schlüssel überhaupt aus?", fragte er leise. Denn – soviel hatte er verstanden – es war äußerst wichtig, dieses verdammte Ding zu finden. Vielleicht wußte er tatsächlich, wo der Schlüssel war, wußte nur nicht, daß es der Schlüssel war…
„Nur die Schlüsselwächter wissen das. Ich hatte gehofft, du wüßtest es…"
Luca sah alle Hoffnung schwinden. Kai schien tatsächlich weder von der Bruderschaft noch von dem Schlüssel auch nur irgend etwas zu wissen. Zum einen war das eine gute Nachricht. Egal, was Balkov auch noch versuchen würde, Kai konnte ihm nicht geben, was er nicht wußte. Andererseits war damit der Schlüssel und mit ihm auch alles, wofür die Bruderschaft seit ihrer Gründung gearbeitet hatte, für immer verloren. Aber vielleicht… Er mußte es genau wissen. Sein Mitleid für den Jungen ihm gegenüber wuchs mit jeder Sekunde, ebenso wie seine Sorge, doch er mußte ihn fragen.
„Kai, erinnerst du dich an die Nacht, in der deine Eltern starben?"
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„Ha!" Tyson riß triumphierend die Arme in die Luft. Er war der Beste! Der Beste, der Beste, der Beste! Fünf mal hatte er Ray geschlagen, danach hatte er Max bis an den Rand der Erschöpfung getrieben und war aus vier Kämpfen als Sieger hervorgegangen! Jetzt fehlte nur noch Kai!
Der Gedanke versetzte seiner Begeisterung einen herben Schlag. Die Gestalt seines Teamcaptains trat vor seine Augen, blutüberströmt, zusammengekrümmt in einer dunklen Zelle. Er wußte, dieses Bild würde ihn bis an sein Lebensende verfolgen…
„Wir sollten zurückgehen", durchbrach Rays Stimme seine Gedanken. Ein Blick in die Gesichter seiner Freunde zeigte Tyson, daß sie alle seine Gedanken teilten. Ray, Max, Kenny, alle hatten sie den Blick durch die Bäume auf die kleine Hütte gerichtet, und allen stand dieselbe Frage auf der Stirn: Wann würde ihr Captain wohl wieder mit ihnen gemeinsam trainieren?
Max erhob sich von seinem Platz im Gras und klopfte sich den Staub von den Kleidern.
„Ray hat Recht, laßt uns gehen. Auch wenn ich glaube, daß dieser Luca ganz in Ordnung ist – mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, daß er so lange mit Kai allein ist."
„Richtig", kam es von Kenny, „außerdem sind Tala und die anderen sicher bald zurück. Und gnade Gott, wenn sie herausfinden, daß wir Kai und Luca allein gelassen haben…"
Tyson steckte zur Antwort Dragoon in seine Tasche und drehte sein Cap mit dem Schirm zurück nach vorne. „Worauf warten wir dann noch?"
Tala sah die kleine Hütte in Sicht kommen. Endlich! Der Weg hatte sich ewig gezogen! Nur noch ein paar hundert Meter und er konnte sich davon überzeugen, daß Kai immer noch da und in Sicherheit war. Unwillkürlich beschleunigten sich seine Schritte, ebenso wie die seiner Freunde hinter ihm.
..:: oOo ::..
Stille.
Kai war aufgestanden und stand Luca nun beinahe drohend gegenüber. Die Frage hatte ihn unvorbereitet getroffen, soviel stand fest. Der Ausdruck in seinen Augen ließ Luca schaudern. Dieses Feuer hatte er seit Victors Tod nicht mehr gesehen. Und doch verbarg sich dahinter noch etwas anderes. Trauer, Entsetzen, Wut und… Erkenntnis. Kai wußte etwas. Luca wünschte nur, er würde etwas sagen, anstatt ihn mit diesem furchteinflößenden Blick zu fixieren. Zum ersten Mal erkannte er, daß Kai stärker war, als er bisher geglaubt hatte. Vielleicht sogar stärker, als sein Vater es je gewesen war…
„Die Spieluhr", kam es schließlich leise über Kais Lippen.
Dann schlossen sich seine Augen und er sank nach vorn, direkt in Lucas Arme. Exakt in dem Moment, in dem die Tür zur Hütte aufflog und den Blick auf einen geschockten Tyson und einen vor Wut lodernden Tala frei gab.
So, hoffe, es hat euch gefallen und ein wenig für die laaaaaaaaaaaaange Schreibpause entschädigt. Ich gelobe, euch diesmal nicht wieder 1 ½ Jahre auf eine Fortsetzung warten zu lassen!
Alles Liebe, und Dank an alle, die immer noch lesen hier!
Sil
