Kapitel zwölf: Shopping
Der Rest der Fahrt war echt unangenehm. Wir vier Homunkuli und der Alchemist waren froh, als wir endlich an der Einkaufspromenade ankamen.
Charity parkte das Auto, dann fing sie Streit mit so 'nem Arsch an, der wohl dachte, dass sich über unser Aussehen lustig zu machen, eine gute Art wäre zu sterben. Der nannte nämlich mich eine billige Nutte (das schon wieder!), Humility ein Geisterkind und Chastity eine hochnäsige Eiskönigin. Letzteren beiden war es offensichtlich egal, die waren das wohl gewöhnt, aber ich hätte diesen Wurm am liebsten zerfetzt! Bevor aber einer von uns was tun konnte, wurde Charity sauer, rammte dem Wichser das Knie in den Bauch und würgte ihn, bis er sich endlich entschuldigte.
Wow … Greed hatte nicht gelogen, Goldlocke konnte echt gruselig sein! Und wie der Gutmensch der sie war, hatte sie sich noch zurückgehalten. Es war klar, dass sie ihn hätte zerfetzen können, doch das tat sie nicht. So waren die Tugenden – die mit ihrer Gnade, Güte und all dem Mist.
Nach diesem bescheuerten Zwischenfall trennten wir uns auf.
Charity wollte fürs Abendessen einkaufen und Kindness's Rezepte besorgen, Chastity und Edward wollten Bücher kaufen und Humility wollte mir … menschliche Kleider besorgen. *schauder*
Bevor wir uns trennten, tippte ich Edward auf die Schulter und er drehte sich zu mir um.
„Äh, dein Mantel", sagte ich verlegen und hielt ihn dem Alchemisten hin.
Edward lächelte: „Du kannst ihn mir wiedergeben, wenn wir zuhause sind. Behalt ihn erst mal an, ich finde er steht dir gut."
Er findet, sein Mantel steht mir gut!
Ich habe kein Herz, aber ich könnte schwören, mein Stein der Weisen hätte einen Sprung gemacht.
Irgendwie schaffte ich es, diesmal nicht rot zu werden. „Oh … danke, Elric."
„Lass den Elric-Mist. Nenn mich einfach Edward", gluckste der Blondschopf.
Oh nein! Der Name würde für besondere Anlässe reserviert sein! Aber mir war gerade der beste Spitzname aller Zeiten eingefallen...
„Aha. Wie du meinst, Ex-Knirps."
Edward wollte gerade in seine putzigen Nenn-mich-nicht-klein-Tiraden verfallen, als ihm dämmerte, dass ich anerkannt hatte, dass er kein Knirps mehr war.
Er grinste: „Okay, dann bis später!"
Dann raufte er mir plötzlich die Haare und rannte weg, um mit Chastity Bücherläden auszurauben. Einen Moment lang stand ich da wie angewurzelt – ich meine, mir hat noch nie jemand die Haare gewuschelt! – bis Humilitys sanfte Stimme mich wieder aufschreckte.
„Envy? Envy! Erde an Envy! Wir haben was vor, weißt du noch?"
Ich blinzelte und nickte dann abwesend. Wortlos zog ich den viel zu großen Mantel wieder an und folgte Humility, immer noch benebelt nach dem, was gerade passiert war
*Edwards Blickpunkt*
Drei Stunden später hatten Chastity und ich so viele Bücher gekauft, wie in unsere Rucksäcke passten und nun liefen wir die Straße hinunter und suchten die anderen. Irgendwann sahen wir in einem teuren Kleiderladen einen weißen Schopf, den wir überall erkannt hätten und gingen hin.
Als die Türglocke klingelte, sah Humility vom Stuhl auf, auf dem sie saß. „Ach, da seid ihr zwei ja! Envy ist in der Umkleidekabine und probiert die Sachen an, die wir zusammen ausgesucht haben. Vorhin haben wir uns gestritten, weil er nur Schwarz tragen will, was gar nicht in Frage kommt."
„Schnauze!", kam Envys kratzige Stimme um die Ecke, „Schwarz ist die einzig dezente Farbe!"
„Schwarz ist keine Farbe, Envy", seufzte Humility.
„Tja weißt du was, Weiß ist es auch nicht!"
Ich runzelte die Stirn. Das nenne ich mal kleinlich. Aber das war halt Envy...
„Das ist wahr", stimmte Humility zu, „Aber Weiß ist netter als Schwarz. Es macht dich vertrauenswürdiger. Außerdem ist Schwarz eine Trauerfarbe."
„Ich bin eine Todsünde, ich soll nicht nett aussehen! Außerdem bist du nur sauer, weil Schwarz mich sexy macht und Weiß dich dick aussehen lässt!", kam die bockige Antwort.
Wow … ich wusste, dass Envy wahnsinnig eitel war, aber das hier war doch Blödsinn...
Chastity hob eine Augenbraue, offensichtlich dachte sie das Gleiche.
Zum Glück nahm Humility es nicht krumm und lachte: „Ich bin eine Tugend, ich soll nicht 'sexy' aussehen. Und Envy, das ist auch gut so. Trage ich Schwarz, so sieht jeder wie dürr ich bin und das nervt. Dieses Kleid soll mich dick aussehen lassen, das ist der Punkt! Also, bist du fertig?"
„Nur noch eine Minute", zischte Envy, dann hörten wir ihn leise schimpfen, wegen der Schuhe.
„Bist du echt so dünn?", fragte ich Humility. Wenn es stimmte, dann musste sie ja spindeldürr sein. Humility seufzte schwer und hob ihr Kleid etwas hoch. Zum Vorschein kamen so dürre Beine, dass ich mich fragte, wie die Tugend überhaupt stehen und laufen konnte. So hatte Als Körper damals ausgesehen. Bei der Erinnerung blutete mir das Herz.
Sie ließ ihr Kleid los. „Es ist wirklich frustrierend. So habe ich schon immer ausgesehen, das hat sich nie geändert, egal wie viel ich esse oder trainiere. Bevor du fragst, Edward, ich bin nicht krank oder unterernährt. Aber die Leute denken das immer und dann bemitleiden sie mich. Auf die Dauer nervt es, deshalb trage ich diese schlabbernden weißen Kleider. Ich werde auch schnell müde."
„Stimmt", warf Envys Stimme ein, „Wir mussten mehrmals sitzen, weil ihr die Beine weg geknickt sind. Das hat genervt. Jedenfalls, ich bin fertig."
„Dann lass dich anschauen", verlangte Chastity.
„Vergiss es! Ich sehe bescheuert aus!", protestierte Envy.
Jetzt war wohl der Zeitpunkt gut, auch was zu sagen. „Envy, komm schon! Du musst sie ja nicht im Haus tragen, nur draußen, bloß … zeig uns diese verdammten Kleider."
„Okay, okay, na gut!" Ein Vorhang raschelte und Envy kam um die Ecke.
„Wow, du siehst doch gut aus! Alle Frauen werden dir hinterher gucken!"
Er trug hautenge schwarze Hosen, ein dunkelviolettes Hemd und schwarze Halbschuhe.
Kurz, er sah fantastisch aus. Scheiße, Winry würde mir ewig in den Ohren liegen, wenn sie von meinen Gedanken wüsste … und was würde Al sagen? Oder Mei! Verdammt, sie hasst Envy wahrscheinlich am meisten. Und dazu hat sie auch das Recht...
Ich riss mich von meinen Gedanken los und sah Envy mich angrinsen.
„Ach, danke, Ex-Knirps! Und die Männer?"
Warum fragte er mich das? War er schwul oder so? Oh halt – ging das überhaupt, hatte er eigentlich ein Geschlecht? Er war ein Gestaltwandler, da spielte es wahrscheinlich keine Rolle.
Moment mal, flirtete er gerade mit mir?! Niemals, das war Envy, wir waren Feinde gewesen, der fuhr doch nicht auf mich ab, wir wohnten seit gerade zwei Tagen zusammen, das wäre so schräg, zudem hatte ich Frau und Kinder, das wäre auf jeder Ebene falsch...
Ich ließ mir nichts anmerken: „Klar doch, wieso nicht?"
Sein Grinsen wurde breiter.
„Die Singles jedenfalls", fügte ich hinzu.
Den Bruchteil einer Sekunde lang flackerte sein Grinsen kaum merklich, bevor er sich wieder fing. Hätte ich ihn nicht so genau beobachtet, hätte ich es nicht bemerkt.
Hm … der Hinweis darauf, dass ich verheiratet bin, hatte ihm wohl nicht gefallen...
*Envys Blickpunkt*
Fuck. Blöder Elric. Du musstest mir unter die Nase reiben, dass du verheiratet bist, was? Wieso stört mich das überhaupt...
Ich schaffte es, mir nichts anmerken zu lassen und weiter zu grinsen.
„Ich bin geschmeichelt! Und Verheiratete werden mich automatisch nicht bemerken?", kommentierte ich sarkastisch.
Chastity griff ein: „Sieh es so: Humility ist recht fies, statt dieser schicken Männerkleider hätte sie dich auch zwingen können, rosa Kleider zu tragen – mit Rüschen!"
Ich traute meinen Ohren nicht. Sie würde doch nicht? Oh mein Gott, dieses Grinsen – sie würde doch! Der Gedanke ließ mich vor Angst schaudern.
Und dann fingen die zwei auch noch an zu kichern! Selbst dieser Scheißkerl Elric grinste!
„Keine Angst", lachte Humility, „Das war nur ein Witz!"
„Von wegen Tugenden!", zischte ich, „Ihr zwei seid verfickt bösartig!"
Chastity zuckte die Schultern: „Nur weil wir die Sieben Himmlischen Tugenden sind, sind wir nicht eitel Sonnenschein! Los, kaufen wir dir diese Klamotten, suchen Charity und gehen heim."
„Warum darf ich mir nicht einfach welche an verwandeln?", maulte ich und zupfte am Hemd.
„Weil ihr leben werdet wie Menschen", kam Charitys Stimme von der Tür und als wir rüber schauten, kam Goldlocke mit vier prall vollen Einkaufstüten in den Laden. „Also nix mit an verwandeln", fügte sie hinzu. Na vielen Dank auch. Ich ging zurück, um die Kleider endlich auszuziehen, kam zurück und legte sie der Geisterfrau in die Arme.
„Da bist du ja", begrüßte Chastity ihre Mittugend, während Humility zur Kasse ging um zu bezahlen. „Hast du alles?"
Charity grinste: „Yep. Da ist ein neuer Laden, und wisst ihr was, ich war die erste Kundin! Ich habe alles zum halben Preis gekriegt, also hab ich so viel gekauft, wie ich tragen konnte! Aber Mann, der Apotheker! Ich hätte ihm fast eine reingehauen! Aber sobald ich ihm Kindness's Rezept gezeigt habe, ist er sofort aufgesprungen! So ein Schleimer! Wie Kindness ihn ertragen kann, ist mir schleierhaft. Oh hi, Envy!"
„Hi", erwiderte ich lustlos.
Humility kam zurück. „So, ich habe bezahlt. Hi, Charity. Envy, zeig ihr doch deine neuen Kleider!"
„Was, ich soll schon wieder-"
„Oh ja", rief Charity aufgeregt, „Bitte! Ich würde sie so gerne sehen!"
„Ach kommt schon!", protestierte ich, „Ich habe sie doch gerade erst ausgezogen!"
„Ja, damit ich sie bezahlen kann", konterte Humility, „Jetzt sind es deine. Warum gehst du also nicht und ziehst die von eben wieder an? So gehst du mir nämlich nicht mehr auf die Straße."
„Ich hasse euch, Leute", murrte ich, nahm aber die Tüte und ging um mich wieder umzuziehen.
Naja, wenigstens war Charitys Reaktion auf meinen neuen Aufzug gut für mein Ego.
Sie pfiff beeindruckt: „Wow, du siehst scharf aus! Jeder wird dir auf der Straße hinterher pfeifen! Wer hat die Kleider ausgesucht, du oder Humility?"
„Gebt ihm das Lob", antwortete Humility und nahm mir die leere Tüte ab, „Er sollte nicht nur Schwarz tragen, aber Kombis waren okay und wie es aussieht, hat er einen guten Geschmack."
Warum sagte sie das? Fast die Hälfte der Teile hatte sie ausgesucht! Diese weißhaarige Spinnerin...
*Edwards Blickpunkt*
Wir gingen voll bepackt zum Auto zurück. Alle starrten uns hinterher, vor allem Envy und Charity (wohl weil ihr Wickelkleid so tief ausgeschnitten war). Und sie hatte recht; es pfiffen ihm wirklich ein Haufen Leute hinterher. Den schwarzhaarigen Homunkulus schien das nicht zu stören, womöglich genoss er es sogar. Nach einer Weile hatte ich aber die Blicke, die man dem androgynen Teen zuwarf, satt und bat ihn, meinen Trenchcoat wieder anzuziehen. Envy sah mich verständnislos an, fügte sich aber trotzdem. Ich grinste. Das Teil stand ihm wirklich. Es ist befriedigend, wenn auch komisch, dass ich jetzt größer bin als er. Mein Mantel war zu groß für ihn! Also, Envy, wer ist jetzt hier der Knirps?
Und jetzt bekam er auch weniger Pfiffe. Schon viel besser. Leider gab es umso mehr davon, als wir nach Hause kamen. Allen schien Envys neue Garderobe zu gefallen und er genoss das Lob offensichtlich. Es nervte mich, wie diese Palme in der unverdienten Aufmerksamkeit badete. Sogar Al und Mei gaben dem Homunkulus Komplimente über sein Outfit und Greed gratulierte seinem Bruder/Schwester dazu, endlich richtige Kleider zu tragen.
Seufzend verließ ich den Salon und ging ins Krankenzimmer. Als ich reinkam, hatte ich nur Augen für die Gestalt im Krankenbett. Bei ihrem Lächeln fühlte ich mich gleich besser.
„Hey, Winry."
Sie schaute mich an und ihre blauen Augen waren voller Liebe. „Hey, Ed."
…
Ich: Und Envy kriegt neue Kleider! Hurra!
Envy: Klappe. *zupft an seinem Shirt*
Ich: Komm, du siehst doch heiß aus!
