"Doktor, sind Sie da?", hörte das MHN die Stimme von Janeway hinter sich. Er drehte sich zur Kommunikationsanlage herum und drückte einen Button.
"Ja, Captain."
"Wir sind gerade in den Orbit eingetreten. Wie sieht es bei Ihnen aus? Sind Sie schon bereit hochgebeamt zu werden?"
"Nein, ich fürchte, Sie müssen noch etwas Geduld haben. Wir haben immer noch viele Kranke im kritischen Stadium und zu wenig Personal", erklärte das MHN.
"Soll ich den Regierungsvertreter kontaktieren und fragen, ob wir Ihnen Hilfspersonal runterschicken dürfen?", bot Janeway an.
Der Doktor überlegte kurz und meinte dann: "Ich glaube nicht, daß Sie dafür eine Genehmigung bekommen, Captain. Es geht auch so. Allerdings könnte ich Naomis Hilfe noch hier brauchen und sie hat da außerdem noch eine spezielle kleine Patientin, um die sich kümmern muß."
Janeway nickt. "Also gut, da wir im Orbit bleiben dürfen sehe ich da kein Problem. Sagen Sie Bescheid, wenn wir Sie hochbeamen können."
"Danke, Captain", erwiderte das MHN erleichtert.
"Doktor? Konnten Sie schon etwas über den Ursprung des Virus herausfinden? Wissen die Valuka schon von Ihrem Verdacht?", hakte Janeway nach.
"Nein, ich hatte einfach noch keine Zeit um dem genau nachzugehen. Aber vielleicht könnten sich Seven und Icheb meine Analysen ansehen, ich kann mich im Moment nicht darum kümmern."
"Ist gut, schicken Sie alle Unterlagen zur Krankenstation, ich werde die beiden informieren."
Das MHN tippte an seinem Computer auf einige Buttons und sagte dann: "Ich habe die Daten übermittelt."
Janeway nickte. "Brauchen Sie sonst noch etwas?"
"Nein, Medikamente und Instrumente sind zur genüge noch da. Ich melde mich wieder, wenn wir fertig sind. Geben Sie uns noch ein bis zwei Tage."
"Verstanden. Ich erwarte alle 24 Stunden Meldung. Janeway Ende."
Der Monitor wurde wieder dunkel und der Doktor machte sich wieder auf den Weg zu den Patienten.
Einige, die sich im ersten Stadium befunden hatten, hatten die Ärzte schon wieder Heim schicken können. In dem einen Tag, der seit der Massenimpfung vergangen war, hatten sich bei allen Valuka große Besserungen eingestellt. Vertreter der Regierung waren kurz vor Mitternacht gestern noch im Krankenhaus eingetroffen und hatten einen großen Vorrat an Impfstoff abgeholt, den sie nun an die restliche Bevölkerung verteilen mußten.
Mehr Pflege brauchten nur die Kranken, die sich im Endstadium befunden hatten, einige hatten innere Blutungen, die die Ärzte anhand kleinerer Operationen aber stillen konnten.
Auch Lia ging es inzwischen wesentlich besser und sehr zu Naomis Leidwesen sollte sie und auch die anderen Kinder hier in ein Kinderkrankenhaus in einem anderen Teil der Stadt verlegt werden.
Am nächsten Tag würden sie transportfähig sein und Naomi beschloß, heute noch so viel Zeit wie möglich mit ihr zu verbringen.
Am nächsten Tag war es dann soweit. Lia lag schon auf der Transportliege und es war Zeit für den Abschied.
"Leb wohl, Lia, ich werde Dich nie vergessen", sagte Naomi, umarmte das Kind vorsichtig und drückte ihr einen Kuß auf die Stirn. In ihren Augen glänzten Tränen, aber das war ihr jetzt egal. Lia ging es nicht besser, auch sie weinte.
"Ich Dich auch nicht, Naomi. Ich hab Dich ganz doll lieb."
Dann brachten zwei Pfleger sie hinaus in einen wartenden Gleiter und das letzte, das Naomi von Lia noch sah, war ihre kleine Hand, die ihr noch winkte, bis die Türen des Gleiters zu gingen.
Die junge Halb-Ktarianerin stand noch so lange da, bis der Gleiter verschwunden war, dann wischte sie sich einmal über die Augen und machte sich daran, dem MHN noch zu helfen.
Gegen Mittag waren beide im Labor, der Doktor las ein paar Scannerdaten aus und Naomi aß gerade etwas zu Mittag. Nach einer Weile schaute das MHN auf, denn Naomi war ungewöhnlich still.
"Ist alles in Ordnung, Naomi?", fragte er.
Das Mädchen schreckte aus seinen Gedanken und schaut den Doktor an. Dann seufzte sie leise und meinte: "Ich muß an Lia denken." Gedankenverloren stocherte sie in ihrem Essen herum und fragte dann: "Meinen Sie, Captain Janeway würde sie besuchen? Das hat sie sich so gewünscht."
Der Doktor schaute sie mitfühlend an und sagte dann: "Ich füchte, das wird nicht möglich sein. Wir können froh sein, daß die Voyager wenigstens in einem hohen Orbit kreisen darf, ein Besuch auf dem Planeten ist derzeit leider ausgeschlossen. Und wenn nichts dazwischen kommt werden wir beide morgen auch wieder an Bord der Voyager sein."
Naomi schaute traurig auf ihren Eintopf und schob den fast vollen Teller dann von sich weg.
"Ich verstehe", sagte sie nur.
Das MHN wollte sie etwas aufheitern und meinte deshalb: "Morgen siehst Du Icheb wieder, das sollte Dich doch wenigstens etwas freuen."
Jetzt huschte ein kleines Lächeln über Naomis Lippen und sie antwortete: "Glauben Sie mir, darauf freue ich mich wirklich."
Ein dumpf klingendes Geräusch irgendwo hinter einer Wand zog plötzlich die Aufmerksamkeit der beiden auf sich...
Auf der Voyager saß Kathryn zur selben Zeit gerade in ihrem Sessel und unterhielt sich leise mit Chakotay, als Tuvok meldete: "Captain, die Sensoren haben eine sehr große Explosion auf der Oberfläche registriert."
Kathryn stand alarmiert auf und auch die restliche Brückencrew hörte aufmeksam zu.
"Wo, Tuvok? Sind der Doktor und Naomi in Gefahr?", fragte Chakotay.
Der Vulkanier schaute von seiner Konsole auf und sagte dann nüchtern: "Ich fürchte, sie befanden sich mitten im Zentrum. Das ganze Krankenhausgebäude ist vollständig zerstört worden."
Kathryn hielt sich an dem Geländer fest, damit sie nicht hinfiel. Ihre Beine fühlten sich mit einem Mal wie Gummi an und sie faßte sich unbewußt an die Brust, so als ob ihr das Atmen schwer fiel.
Chakotay hatte sich ebenfalls auf seinem Sessel erhoben und starrte Tuvok ungläubig an.
"Überlebende?", fragte er und sah nach Kathryn. Sie hatte sich wieder gefangen und war zu Tuvok an die Station getreten, wohl um sich selber von den Daten zu überzeugen.
Tuvoks Finger flogen über die Buttons und dann sagte er: "Am Rande des Explosionsradius gibt es Überlebende, allerdings kann ich nur valukanische Lebenszeichen orten."
"Was ist mit den Kommunikatoren?", fragte Kathryn.
Wieder huschten Tuvoks Finger über die Konsole, doch er hatte scheinbar keinen Erfolg, denn er sagte: "Die Sensoren können nichts orten."
Für einen Moment herrschte auf der Brücke eine unheimliche Stille. Dann fügte Tuvok noch hinzu: "Captain, die Sensoren können die Kommunikatoren nicht eindeutig identifizieren, es gibt Interferenzen aufgrund der zerstörten Leitungen und der Hitze. Es wäre ratsam, ein Außenteam hinunterzubeamen, das nach dem Doktor und Miss Wildman sucht."
Die Worte bedeuteten für Kathryn, daß noch Hoffnung bestand, daher klammerte sie sich daran. Sie wandte sich an Harry Kim: "Ensign Kim, stellen Sie einen Kontakt zum Regierungsvertreter her."
"Ja, Captain", sagte Harry und stellte die gewünschte Verbindung her.
"Captain Janeway, es tut mir leid, aber im Moment ist es sehr ungünstig, es gab einen Zwischenfall und...", fing der Regierungsbeamte an, doch Janeway schnitt ihm das Wort ab.
"Zwei unserer Crewmitglieder waren in dem Krankenhaus", sagte sie brüsk, sie ärgerte sich über seine Wortwahl 'Zwischenfall'. "Ich werde ein Außenteam dort hinunterbeamen und nach unseren vermißten Crewmitgliedern suchen. Haben Sie damit irgendein Problem?"
Der Beamte schaut sie völlig verdutzt an, merkte aber, daß er in dieser Situation keinerlei Befugnis hatte, ihr das zu verbieten. Daher sagte er nur: "Schicken Sie Ihr Team runter, Captain, ich muß aber darauf bestehen, daß Sie sich nur innerhalb der zerstörten Zone aufhalten."
"Einverstanden. Danke, Minister. Janeway Ende."
Chakotay blickte Kathryn überrascht an, daß sie so zielstrebig sein konnte, wußte er zwar, aber es überraschte ihn, daß der Minister nicht einmal versucht hatte ein Veto einzulegen.
"Chakotay, Tuvok, Tom, sie suchen nach dem Doktor und Naomi."
Die drei erhoben sich und Chakotay blieb noch einmal dicht bei Kathryn stehen und raunte ihr zu: "Wir finden heraus, was mit ihnen passiert ist, verlaß Dich drauf."
Dann ging er zum Turbolift und die Türen schlossen sich hinter den drei Offizieren.
10 Minuten später rematerialisierten das Außenteam am Rand des ehemaligen Gebäudes.
"Mein Gott", sagte Tom, als er die Trümmer sah. Doch selbst das Wort 'Trümmer' schien nicht mehr angemessen zu sein, das Krankenhaus war buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht worden.
Keiner der Drei wollte es aussprechen, aber niemand glaubte mehr daran, der der Doktor oder Naomi noch lebte, bzw. im Falle des Doktors sein Programm nicht zerstört worden war.
Doch sie mußten wenigstens irgendetwas finden, das erklären konnte, was hier passiert war.
Nachdem sie sich eine gute halbe Stunde durch die Trümmer und ab und zu valukanische Überreste gekämpft hatten, rief Tom: "Commander, Tuvok, ich glaube, ich habe etwas gefunden."
Er kramte zwischen Steinen und Staub herum und als die anderen beiden bei ihm waren, erkannten sie, daß Tom einen der beiden Kommunikatoren gefunden hatte. Er war zerbeult und fast zu einer unkenntlichen Masse verschmolzen, daher war es kein Wunder, daß die Sensoren der Voyager sie nicht orten konnten.
Die drei Männer blickten sich schweigend an, bis Chakotay schließlich den Mut fand auf sein Combadge zu tippen.
"Chakotay an Voyager."
"Sprechen Sie, Commander", kam Janeways Stimme sofort.
"Wir haben einen der Kommunikatoren gefunden, aber er wurde in der Explosion fast bis zur Unkenntlichkeit zerstört."
Einen Moment lang herrschte Schweigen, dann sagte Janeway: "Verstanden. Suchen Sie weiter."
"Ja, Captain", antwortete Chakotay und wußte, daß Kathryn ebenso wie allen anderen klar war, daß diese Explosion weder Naomi noch das Programm des Doktors heil überstanden haben konnten.
Sie wollte den zweiten Kommunikator und Beweise, daß sie wirklich tot waren.
Da sie eins der beiden Combadges gefunden hatten suchten sie vom Fundort aus in kleinen Kreisen da sie annahmen, daß die beiden vermutlich während der Explosion in der Nähe zueinander gewesen waren und es dauert auch nicht lange, bis Chakotay den zweiten Kommunikator fand. Er hatte die Explosion ein wenig besser überstanden.
Als er ihn umdrehte sah er einige rote Rückstände.
"Tom", wandte er sich an den Piloten, "könnte das hier Blut sein?" fragte er und reichte ihm das Badge herüber. Tom holte den medizinischen Tricorder hervor, stellte eine Verbindung zur medizinischen Datenbank der Voyager her und scannte die Substanz. Es dauert nur ein paar Sekunden, bis er sagte: "Es ist Blut, und die DNA ist von Naomi Wildman."
Chakotay seufzte. Damit hatten sie ihren Beweis wohl. Doch bevor sie den Captain informierten suchen sie noch nach dem mobilen Emitter, gaben es aber bald auf da Tuvok darauf hinwies, daß die Komponenten vermutlich komplett zerstört sein müßten, da der Emitter weder Gold- noch Berylliumanteile enthielt, die die Explosion und gegebenenfalls die Hitze überstehen könnten.
"Also gut, lassen wir uns wieder auf das Schiff beamen", sagte Chakotay und tippte auf sein Combadge.
"Chakotay an Voyager, drei Personen zum Beamen."
Kurz darauf verschwanden die Offiziere in einem bläulichen Schimmer.
