1997

„Kannst du dieses Feuerchen bitte löschen? Ich verbrenne nur ungern.", sagte er ruhig. Die Flammen erstickten augenblicklich.

„Sei so gut und sag mir, welchen Grund meine Brüder und Schwestern gehabt hätten, seinen solchen Zauberstab in Umlauf zu bringen? Wozu Spielchen spielen? Wir warten einfach, denn wir haben Zeit, sehr viel Zeit und Geduld. Wir bekommen immer, was wir wollen. Auf die eine oder andere Weise, bekommen wir es." Sie schritt langsam zurück zu ihrem Sofa und schlug das Buch wieder auf.

„Immer!", sagte sie noch einmal mit Nachdruck und sah ihm dabei kalt in die Augen.


Es war spät am Nachmittag, als es leise an der Tür klopfte. Helia hielt sich im Arbeitszimmer des Dunklen Lords auf und las in einem Muggelgeschichtsband Von der Weimarer Republik zum Dritten Reich - Wirtschaftliche Krisen und Rassenhass, lautete der Titel. Helia wunderte sich darüber, dass es auch unter den Muggeln scheinbar einige gab, die sich für gleicher als andere hielten. Sie verstand nicht viel von ihnen. Früher einmal vielleicht, aber sie war nie wirklich für Muggel zuständig gewesen. Man sollte meinen, der Tod mache dort keinen Unterschied aber doch, er tat es. Das hatte aber ganz praktische Gründe, da die Vorstellungen von Leben und Tod einfach sehr weit auseinander gingen und Zauberer und Hexen zum Beispiel, nur wenig für Religion übrig hatten.

Sie legte das Buch in den Schoß und richtete sich etwas auf.

„Herein!", bat der Dunkle Lord. Ein Mann mit blondem Haar, trat mit tief gebeugter Haltung ein. Yaxley. Helia konnte ihn nicht ausstehen. Er war eine ziemlich falsche Gestalt in ihren Augen. Opportunistisch, dumm und in keinster Weise vertrauenswürdig. Seitdem der Dunkle Lord das Ministerium in seiner Hand hatte, war er zum Leiter der Abteilung für magische Strafverfolgung aufgestiegen.

„Mylord.", grüßte er.

„Was gibt es, Yaxley?", frage der Dunkle Lord, ohne von seinen Unterlagen aufzusehen.

„Mylord, es ist etwas vorgefallen." Das war Helias Zeichen. Langsam erhob sie sich und ging zur Tür hinüber. Egal was jetzt kommen mochte, sie wollte es lieber nicht sehen, oder sich auch nur in der Nähe aufhalten. Wenn der Leiter der Abteilung für Magische Strafverfolgung hierher kam, um von einem Vorfall zu berichten, konnte das kein gutes Zeichen sein. Yaxley machte eine krampfartige Bewegung, die wohl einer Verbeugung ähneln sollte, als sie an ihm vorbei schritt. Sie lief nach unten in den Salon, in der Hoffnung Narzissa anzutreffen. Sie wusste bestimmt schon, was vorgefallen war. Entgegen ihrer Erwartung, fand sie jedoch nicht Narzissa im Salon vor, sondern Lucius, der dem Whiskey wieder einmal sehr zugesprochen hatte.

„Madame.", grüße er und nahm einen großen Schluck. Er klang nicht erfreut sie zu sehen.

„Stört es dich, wenn ich dir Gesellschaft leiste?", fragte sie und setzte sich ihm gegenüber.

„Macht es denn einen Unterschied?", fragte er provozierend zurück und sah sie erzürnt an.

„Nein, du hast recht. Es macht keinen Unterschied, ob du Gesellschaft möchtest oder nicht." Sie lehnte sich entspannt zurück. „Also, was will Yaxley hier?", fragte sie unumwunden. Lucius sah sie durchdringend an.

„Was interessiert es dich?" So, so, sie waren also beim Du angekommen.

„Ich möchte einfach wissen, worauf ich mich einstellen muss."

„Potter wurde heute im Ministerium gesehen." Er lallte schon, was Helia sehr anwiderte. Eine erbärmliche Gestalt saß dort vor ihr, für die sie nicht mehr als tiefe Abscheu empfinden konnte. Es war schon beinahe peinlich, was aus ihm geworden war.

„Er konnte entkommen. Yaxley hatte ihn fast, aber er ist ihm entwischt.", erklärte er und nahm erneut einen Schluck aus seinem Glas.

„Was hat er dort gewollt?", fragte sie mehr zu sich selbst, als an ihn gerichtet.

„Das weiß niemand. Er hat eine Verhandlung gestört und ist dann geflohen." Helia konnte sich keinen Reim darauf machen, aber sie war sicher, dass Tom eine Ahnung haben würde. Gedämpfte Schreie waren bis in den Salon zu hören. Yaxley wurde für sein Versagen gestraft, was sie herzlich wenig kümmerte. Sie wollte einfach nur wissen, was der Junge dort gewollt hatte. Sollte sie jemals die Gelegenheit dazu haben, mit ihm zu sprechen, würde sie sie sich nicht entgehen lassen, das stand für sie fest. Sie würde nur zu gerne einmal persönlich mit diesem Jungen sprechen.

„Lass den Whiskey sein, Lucius.", sagte sie während sie aufstand.

„Was kümmert es dich?", fragte er genervt und leerte sein Glas.

„Tut es nicht, aber vielleicht deinen Sohn? Deine Frau?", fragte sie und tiefe Abscheu lag in ihren Worten. „Ich wäre nur ungern mit einem erbärmlichen, nach Whiskey stinkenden Schatten des Mannes zusammen, den ich einst geheiratet habe. Sieh zu, dass du ihr nicht peinlich wirst, Lucius. Du hast eine gute Frau. Enttäusche sie nicht." Er schnaubte verächtlich bei ihren Worten.

„Denk darüber nach, wasch dich und tu etwas sinnvolles." Damit verschwand sie. Die Schreie hatten aufgehört und das Zimmer lag ruhig und verlassen da. Der Dunkle Lord war verschwunden, ebenso Yaxley. Helia wunderte sich, empfand sein Verschwinden aber als wesentlich angenehmer, als seine üble Laune ertragen zu müssen.


Er kam spät zurück an jenem Abend. Er wirkte sehr unzufrieden, aber nicht wütend, wie in den letzten Tage. Seine Suche nach dem Elderstab war bisher nicht von Erfolg gekrönt gewesen.

„Und?", fragte Helia. Sie war noch auf, hatte gelesen und gehofft, dass er mit guten Nachrichten zurück käme.

„Gregorovich hatte ihn nicht mehr, aber ich habe gesehen, wer ihn gestohlen hat.", sagte er müde. Dahin war er also verschwunden.

„Immerhin. Kennst du ihn?", fragte sie und schlug das Buch zu.

„Nein.", antwortete er. „Aber vielleicht ja du?" Er sah sie an. Sie wusste, dass sie nur in ihn hinein blicken musste, um das Bild des Mannes zu sehen. Er hatte blondes Haar und ein verschmitztes Lächeln lag auf seinen Lippen.

„Nein, leider nicht. Aber ich werde die Augen offen halten.", versprach sie.

Die Tage wurden merklich kürzer und Tom war immer öfter unterwegs. Er war auf der Suche nach dem Elderstab viele Abende fort, irgendwo in der Welt unterwegs, den kleinsten Hinweisen folgend. Er hatte den alten Olllivander so oft gefoltert, dass Helia gar nicht daran denken mochte. Ihr Mitgefühl für Menschen im Allgemeinen war zwar nicht ausgeprägt, aber sie erfreute sich auch nicht gerade am Leid der anderen. Die Langweile war geblieben und sie hatte sich zur Ablenkung die Biographie von Albus Dumbledore besorgen lassen, obwohl sie ohnehin das Meiste schon wusste, daher legte sie sie schnell wieder bei Seite und konzentrierte sich auf die wichtigeren Dinge. Greifer machten die Zaubererwelt unsicher. Tom hoffte immer noch, dass sie ihm irgendwann den Potterjungen bringen würden. Bis jetzt waren aber immer nur kleine Fische und Muggelstämmige dabei gewesen. Er hatte Nagini in Godrics Hollow platziert, in der Hoffnung, dass er dort auftauchen würde. Helia hielt den Jungen zwar nicht gerade für die hellste Kerze auf der Torte, aber so dumm würde er kaum sein. Er konnte sich schließlich denken, dass an allen für ihn wichtigen Orten Späher positioniert waren. Auch in Hogsmeade patrouillierten Todesser, so wie in der Winkelgasse. Nach Hogwarts würde er kaum gehen. Dort würde er schneller entdeckt werden, als er drei Mal Acromantula sagen könne. So stufte Helia die Chancen als relativ gering ein, den Jungen einfach so in die Finger bekommen zu können. Aber man sollte niemals nie sagen.


„Severus, ich will fort.", sagte und sah von ihrem Tee auf, den er gekocht hatte. Sie hatte ihn in den Herbstferien besucht. Er zog es vor in Hogwarts zu bleiben. Spinners End war für ihn nie ein Zuhause gewesen. Sie hatte schon früh bemerkt, dass er keine besondere Verbindung zu seiner Familie oder seinem Heimatort hatte. Wenn er eine Heimat, ein Zuhause hatte, so war es vermutlich immer Hogwarts gewesen und nun lehnte ihn selbst sein Zuhause ab. Die Situation konnte für ihn nicht leicht zu ertragen sein, das wusste sie wohl, aber er ließ es sich nicht anmerken. Dafür war er zu stolz.

„Und wohin möchtest du?", fragte er und sah sie mit einer hochgezogenen Augenbraue an. Sie überlegte einen Moment.

„Ich weiß es nicht. Einfach fort.", antwortete sie.

„Aha.", sagte er stirnrunzelnd.

„Ans Meer.", sagte sie nach wenigen Minuten des Schweigens.

„Ans Meer? Helia es ist Herbst, es ist kalt. Was willst du am Meer?", fragte er verwirrt.

„Seeluft.", war ihre knappe Antwort und sie streckte ihre Hand aus. Er wusste, dass es ihr möglich war von hier aus zu appariere, schließlich war sie auch so hierher gelangt. Zögerlich reichte er ihr seine Hand und vollkommen geräuschlos waren sie verschwunden.

Das Meer toste ohrenbetäubend und der Sturm peitschte die Wellen an den kleinen weißen Sandstrand. Graue Wolken hingen bedrohlich am Horizont und die weißen Kreidefelsen hoben sich strahlend gegen den noch blauen Himmel ab.

„Wo sind wir hier?", fragte er gegen den Sturm anrufend.

„Genau zwischen Seafort und Eastbourne." rief sie zurück. Der Wind peitschte ihr das Haar ins Gesicht.

„Aha.", war seine ganze Antwort.

„Genieß' es, Severus, wer weiß ob wir noch einmal die Gelegenheit dazu haben.", sagte sie ernst und ließ sich in den Sand fallen. Sie starrte in den Himmel über sich. Möwen jagten über ihren Köpfen daher und schrien gegen den Sturm an. Sie schloss für einen Moment die Augen und atmete die reine Seeluft ein, die so kalt war, dass es in ihrer Lunge brannte. Das Tosen der Wellen, die reine Seeluft, das Schrein der Möwen, es fühlte sich an, als sei dies alles, was sie jemals gewollt hatte.

„Ist es das, was du wolltest?", fragte er und zog den Umhang enger um sich. Sie lächelte ihn an.

„Ja, genau das wollte ich." Er grummelte etwas unverständliches als Antwort. Sie seufzte und richtete sich wieder auf.

„Lass uns ein Stück gehen.", sagte sie. Manchmal vergaß sie, dass nicht alle Menschen so kälteresistent waren, wie sie. Hielt er sich nicht die meiste Zeit seines Lebens in kalten, zugigen, Kerkern auf? Machte ihm da ein kleiner Strandspaziergang etwa wirklich so zu schaffen?

„Er hat sich verändert.", sagte sie schließlich, nachdem sie eine Weile schweigend neben einander her geschritten waren.

„Inwiefern?", fragte er.

„Wie soll ich das beschreiben? Er ist besessener? Obsessiver." Sie sah ihm nicht in die Augen. Ihr war die Veränderung des Dunklen Lords schon einige Male aufgefallen. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm, aber sie konnte es unmöglich benennen. Ja, er war schon früher ungehalten und leicht zu erzürnen gewesen, aber in letzter Zeit war es schlimmer geworden.

„War er das nicht immer schon?", fragte er unberührt.

„Ja, Severus aber nicht so. Ich will gar nicht wissen, was er mit Yaxley angestellt hat. Oder mit Lucius oder mit Olivander. Jedes noch so kleine Zeichen von Versagen, jede Abweichung von seinem Plan, wird sofort mit dem Cruciatus beantwortet."

Er sah sie eine Weile verwirrt an. Für ihn war das alles nichts neues. Er war doch schon früher so gewesen, zumindest soweit er sich daran erinnerte. Schließlich hatte es einen Grund, dass Todesser wie Karkaroff das Weite gesucht hatten, als seine Rückkehr absehbar war, dass alle Welt Angst vor ihm hatte.

„Kann es sein, dass es dir früher nur nicht aufgefallen ist? Ihr verbringt mehr Zeit miteinander als früher.", gab er nachdenklich zurück.

„Nein, er ist paranoider und aggressiver als früher, da bin ich mir sicher. Severus! Ich musste ihm heute drei Mal genau erklären, was ich vor habe, wen ich treffe und wozu."

„Und das wollte er früher nicht von dir wissen?", fragte er verwundert. Er war immer davon ausgegangen, dass er immer ganz genau wusste, wo sie war, was sie tat und mit wem sie sich traf. Es wunderte ihn ohnehin, dass er sie so oft allein weggehen ließ. Er musste ihr sehr vertrauen.

„Nein, nie. Er ist mein Mann. Er weiß, dass ich ihn niemals verraten würde. Zumindest wusste er es einmal."

„Hm..." gab er nur als Antwort zurück.

„Irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Irgendetwas ist anders, ich kann es fühlen, Severus." Sie waren am Ende der kleinen Bucht angekommen und vor ihnen türmten sich die Felsen, gegen den immer dunkler werdenden Himmel, auf. Sie lehnte sich an die kühlen Felsen, um sich eine Zigarette anzuzünden.

„Vielleicht misst du dem Ganzen zu viel Bedeutung bei, Helia.", sagte er schließlich „Er ist sehr beschäftigt. Er muss immer ganz genau wissen wer was tut, wer sich mit wem trifft und was besprochen wird, da er nicht an allen Orten zugleich sein kann. Er muss die Kontrolle behalten. Vielleicht färbt das nur auch ein bisschen auf dich ab."

„Hm.", gab Helia nur unzufrieden als Antwort zurück. Was sollte sie auch groß dazu sagen? Er würde nicht verstehen, was sie meinte, was sie fühlte, aber sie war sich sicher, dass irgendetwas anders war.