Einen schönen vierten Advent allerseits und viel Spaß beim Lesen des vorletzten Kapitels. :)
Wesker und Anna hatten sich seit zwei Monaten nicht gesehen und sie hatten kein Wort mehr miteinander gesprochen. Zwei Monate hatten sie keinen Kontakt gehabt, zwei Monate war das Telefon stumm geblieben.
Seit der Trennung hatte sich Wesker in die Arbeit gestürzt. Er ging morgens früh aus dem Haus und kehrte abends spät zurück.
Er verbrachte den gesamten Tag im Büro, wo er Akten bearbeitete. Oft trainierte er bis spät in die Nacht und bis zur völligen Erschöpfung. Er schlief seit langem schlecht, manchmal mehrere Nächte hintereinander nur wenige Stunden oder gar nicht. Er litt unter Appetitlosigkeit und aß nur wenig.
Er stand unter permanenter Anspannung, weil er ständig in Alarmbereitschaft war. Er überwachte alle Geschehnisse im Information Department und prüfte die Aufträge seiner Kollegen.
Würde Umbrella bemerken, dass jemand Informationen nach außen getragen hatte?
In den letzten acht Wochen war keine Meldung gekommen, dass es ein Datenleck gegeben hatte, niemand hatte Wesker auf Anna angesprochen und es war auch kein Auftrag dergleichen an ihn oder sonst jemanden zugeteilt worden.
Er sollte Erleichterung verspüren, tat es jedoch nicht. Er fand keine Ruhe.
Vermutlich gab es aber noch einen anderen Grund, warum er nur noch mit seiner Arbeit beschäftigt war.
Es lenkte ihn von Anna ab und er musste nicht Zuhause sein. Er ertrug die Stille und Kälte in seiner Wohnung nicht.
Er war zuvor immer allein gewesen und es hatte ihn nie gestört, im Gegenteil, er hatte es immer als etwas sehr Angenehmes empfunden, nur für sich zu sein. Jetzt jedoch, ertrug er das Alleinsein überhaupt nicht mehr. Zum ersten Mal in seinem Leben überkam ihn das Gefühl von Einsamkeit.
Er hatte sich daran gewöhnt, dass es eine andere Person in seinem Leben gab und er hatte sie so in sein Leben eingeschlossen, dass er sie, ihre Treffen und ihre gemeinsamen Stunden vermisste.
Nachdem er ungefähr ein dutzend Mal alle rationalen Gründe gedanklich abgewogen hatte, wusste Wesker, dass er die einzig richtige Entscheidung getroffen hatte. Anna war in Gefahr und den Kontakt zu ihr abzubrechen war die einzige Möglichkeit gewesen, sie zu beschützen. Er musste jede Verbindung zu ihr auslöschen.
Nachdem seine Beziehung so ein unerwartetes Ende genommen hatte, hatte er sich vorgenommen, nicht mehr an Anna zu denken. Sie sollte der Vergangenheit angehören. Er hatte dringlichere Dinge zu erledigen.
Auch wenn er es nicht gerne zugab, sein Vorhaben, sie aus seinem Leben zu streichen, wollte nicht recht gelingen.
Er hatte schon viele Menschen in seinem Leben getroffen und alle waren genauso schnell wieder verschwunden, wie sie gekommen waren und er hatte nie wieder einen Gedanken an sie verschwendet. Wesker war grundsätzlich niemand, der in zwischenmenschliche Beziehungen viel Energie investierte; so etwas hielt er für blanke Zeitverschwendung. Mit Anna jedoch war es anders gewesen und die Gefühle, die er ihr gegenüber empfand waren neu und fremd für ihn.
Zum ersten Mal hatte er einen Menschen getroffen, dem er wirklich vertraut hatte, dessen Gegenwart ihm nicht zuwider war und den er nicht so einfach wieder gehen lassen wollte.
Ihr unglückliches, weinendes Gesicht verfolgte ihn oft in seinen Gedanken. Zum ersten Mal überkam ihn wirklich Reue für etwas, das er getan hatte. Er konnte es nicht ertragen, wie verletzt Anna gewesen war. Er hatte sie angelogen, denn natürlich war sie nicht nur eine kleine Abwechslung für ihn und die Monate nicht bedeutungslos gewesen.
Auch die Arbeit, die er sich zwanghaft als Ablenkung auserkoren hatte, konnte an der Tatsache nichts ändern, dass ihn die Situation sehr schwer belastete.
Weskers Verhalten blieb freilich nicht unbemerkt. Manchmal blieb er bis in die Nacht bei den Birkins im Labor, um ihnen bei ihrer Forschungsarbeit zu helfen und William hatte versucht, ihn auf seine Trennung anzusprechen. Wesker antwortete entweder gar nicht oder nur sehr diffus und kurz angebunden. Er ignorierte Kommentare zu Anna und sprach nur über ihre Forschungsergebnisse. Er wusste, dass William und Annette hinter seinem Rücken über ihn sprachen, aber er kümmerte sich nicht darum.
An einem Samstag Mittag wurde es William schließlich zu bunt. Wesker hatte schon den ganzen Tag schreckliche Kopfschmerzen gehabt und war schließlich erschöpft und kraftlos auf einem Stuhl zusammengebrochen. Er redete Wesker ins Gewissen, dass es so nicht weitergehen könne. Nach einem unfreundlichen Kommentar und einem lautstarken, aber sinnlosen Wortgefecht hatte Wesker das Labor am frühen Nachmittag verlassen und war in seine Wohnung gefahren.
Er knallte seine Autoschlüssel wütend auf die Ablage im Flur und machte sich nicht mal die Mühe, seine Jacke auszuziehen.
Zu allem Überfluss stellte er fest, dass er keinen Kaffee mehr hatte. Verärgert ließ er sich am Küchentisch nieder.
Seine Wohnung hatte wahrlich schon einmal bessere Zeiten erlebt, kein Wunder hatte er doch seit zwei Monaten praktisch nur noch bei Umbrella gelebt.
Auf der Ablage neben der Spüle stapelten sich schmutzige Teller und Besteck. Frische Tassen hatte er gar nicht mehr im Schrank. Der Kühlschrank war bis auf einen Liter Milch, den er wegkippen musste, weil er sauer geworden war, praktisch leer. Von einer Tube Tomatenmark konnte er nicht leben. Ein Stück vertrocknetes Brot und einen halben Sack ausgetriebener, vergammelter Kartoffeln entsorgte er in den überfüllten Abfalleimer.
Überall auf die Möbel hatte sich eine Staubschicht gelegt, im Bad türmte sich getragene Wäsche.
Er saß einige Zeit reglos da und betrachtete das Chaos um ihn herum, dann rief er seinen Vorgesetzten an und ließ sich für die kommende Woche wegen Krankheit freistellen.
Irons klang nicht begeistert, aber es war Wesker egal. Er war wütend und frustriert über die Situation mit Anna und noch wütender machte es ihn, dass William Recht hatte. Es konnte wirklich nicht so weitergehen. Er musste irgendetwas tun, er musste sich etwas überlegen.
Nachdem er am heutigen Tag keine andere Beschäftigung mehr haben würde, machte er sich widerwillig daran, seine Wohnung wieder auf Vordermann zu bringen.
Drei Stunden später trug Wesker seine Einkäufe in die Küche und begann, auf der Ablage auszuräumen und alles kalte in den Kühlschrank zu stellen. Als er den Küchenschrank auf der rechten Seite öffnen wollte, um Mehl darin zu verstauen, fiel sein Blick auf eine angebrochene Flasche Wein, die noch auf der Ablage herumstand, und er stutzte. Offenbar hatte er sie vorhin beim Saubermachen nicht bemerkt, denn sonst hätte er sie entsorgt.
Es war der Rotwein, den er und Anna getrunken hatten, als sie das letzte Mal in seiner Wohnung zu Abend gegessen und die Nacht verbracht hatten. Vor so langer Zeit wie es schien.
Er nahm die Flasche in die Hand und betrachtete sie. Kurz darauf setzte er sich mit einem Glas und verbrachte den restlichen Tag damit, die Weinflasche zu leeren.
Irgendwann am Abend überkam ihn schließlich, berauscht vom Alkohol, endlich die langersehnte Ruhe und Müdigkeit. Er legte den Kopf auf seine Arme und schlief am Küchentisch ein.
„Anna, iss doch bitte etwas", sagte Luise flehend und schob ihrer Freundin den Teller hin. „Das Baby braucht doch was."
Anna saß den Kopf gesenkt am Tisch und wollte nichts anrühren. Ihr Blick war ins Leere gerichtet. Eine Hand ruhte auf ihrem Bauch.
„Was ist denn heute passiert? Du bist schon den ganzen Abend so komisch", meinte Luise besorgt.
Anna holte tief Luft, dann sagte sie schwach: „Ich habe mit meinen Eltern telefoniert. Zum Glück ist meine Mutter rangegangen. Ich hab ihr alles erzählt."
„Sind sie arg sauer auf dich?"
„Nein", sagte Anna kopfschüttelnd. Sie nahm zögerlich den Löffel und rührte ein wenig im Essen herum. „Sie finden es gut, dass ich zurückkomme. Ich habe einfach gesagt, dass sie Recht hatten und dass ich einen Fehler gemacht habe. Sie sehen zwar sehr auf mich herab, aber ... wenigstens lassen sie mich wieder bei sich wohnen."
„Also haben sie dich nicht aus der Familie verstoßen? Was sagen sie zu ihrem Enkel?"
„Mama freut sich prinzipiell schon, aber ... mein Vater hat gewütet am Telefon. Wie ich es wagen könnte, mich erst gegen die Familie zu stellen und mir dann auch noch ein Bastardkind anhängen zu lassen, dass sie dann großziehen müssen."
Anna spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Das Gespräch mit ihren Eltern war so erniedrigend, ihre Worte so verletzend gewesen. Und sie hatte nicht mal eine Chance, es richtig zu stellen. Sie hatte ihren Eltern nichts von Albert und ihrer glücklichen Beziehung erzählt und so dachten sie, sie hätte sich von einem Dahergelaufenen ein Kind anhängen lassen. Die ständigen Vorwürfe, dass sie nicht wüsste, was gut für sie ist und dass ihre Eltern sie ja gewarnt hätten, hatten sie so tief getroffen, dass sie fast den ganzen Abend geweint hatte.
Luise erhob sich von ihrem Platz und setzte sich neben Anna um sie in die Arme zu schließen und zu trösten.
„Es tut mir so leid. Hast du ihnen nicht von Albert erzählt?"
Anna schüttelte den Kopf. „Nein, habe ich nicht. Es ist besser, wenn niemand etwas weiß."
Anna wusste, dass Luise ihre Ansicht nicht teilte und sich nur aus Respekt und weil sie Anna vertraute, zurückhielt. Es war schwer und belastend, die Wahrheit für sich zu behalten und sie sogar ihrer Familie und ihrer besten Freundin zu verschweigen, aber es war wichtig. Niemand durfte von Albert und seinem Leben erfahren und vor allem durfte niemand erfahren, was Anna wusste. Sie und ihr ungeborenes Kind waren in großer Gefahr, genauso wie Albert.
Sie wischte sich die Tränen vom Gesicht.
„Ich kenne die Wahrheit und das ist alles, was zählt", sagte Anna. „Ich muss stark sein. Für mein Kind."
Luise sah so aus, als wolle sie noch etwas sagen, doch sie schwieg und drückte Anna stattdessen fest, um ihr zu zeigen, dass sie für ihre Freundin da war. Anna war dankbar, nicht allein mit ihren Sorgen zu sein. Die beiden Frauen saßen einige Zeit schweigend nebeneinander.
„Ich hatte ja noch gar keine Gelegenheit dich zu fragen. Wie gefällt es dir eigentlich bei uns im Restaurant, Anna?", wollte Luise wissen. „Ist sicher ganz anders als im Hotel ..."
„Es ist in Ordnung. Hab noch mal vielen Dank dafür, Luise. Du warst meine letzte Rettung."
Nach ihrer Ankunft in New York und ihrem spontanen Einzug bei ihrer alten Schulfreundin war Anna händeringend auf der Suche nach einer neuen Arbeitsstelle gewesen. Niemand hatte eine Schwangere für ein paar Monate einstellen wollen. Luise hatte schließlich ihren Chef überzeugen können, Anna für die restlichen Monate bis zur Geburt ihres Kindes bei sich im Lokal arbeiten zu lassen. Sie musste noch Geld für den Umzug zurück nach Edonien zusammensparen und es war ihr wichtig, ihrer Freundin so wenig Umstände wie möglich zu machen.
„Das ist schön. Und wie war der Arzt? Ich weiß, es ist ein Mann, aber ..."
„Nein, das stört mich überhaupt nicht", sagte Anna. „Er ist sehr nett und ich finde es gut, dass er mich dann im Krankenhaus auch betreut."
Anna hatte kürzlich durch eine Empfehlung einer ihrer neuen Kolleginnen einen neuen Arzt gefunden. Dr. Silverman hatte seine Praxis unweit ihrer Arbeitsstelle und sie hatten bereits das Krankenhaus ausgewählt, in dem Anna in ein paar Monaten entbinden würde.
Sie hatte soviel, um das sie sich kümmern musste, dass sie den Schmerz über die Trennung zurückstellen musste und sie ließ sich nach außen möglichst wenig anmerken.
Doch in ihrem Inneren sah es anders aus. Nachts lag sie lange wach und sie quälte sich durch ihre Arbeitstage, sie konnte oft nichts essen und weinte viel. Luise versuchte ihr zu helfen, wo sie konnte, doch oft wies Anna sie zurück, weil sie allein sein wollte. Sie brauchte Zeit für sich, um über vieles nachzudenken und meist schwelgte sie dabei in Erinnerungen an die vergangenen, glücklichen Monate.
Sie fühlte sich einsam und allein ohne Albert und sie vermisste ihre gemeinsame Zeit. Sie vermisste ihre Treffen und ihre Gespräche. Sie sehnte sich nach seinem Körper, seinen Berührungen und seiner tiefen, samtigen Stimme.
In ihr breiteten sich Kälte und Leere aus und Trauer und Kummer. Dunkelheit hatte ihr Herz erfasst.
Vor allem plagten sie schreckliche Ängste über die Zukunft. Wie sollte es mit dem Kind weitergehen? Würde sie es schaffen, es allein großzuziehen? Dazu hatte sie schon jetzt Gewissensbisse. Die Tatsache, dass sie ihrem Kind, den Vater vorenthalten musste, belastete sie schwer.
Ein paar Mal hatte sie darüber nachgedacht, ihn anzurufen und es ihm doch zu sagen, doch jedes Mal, wenn sie vor dem Telefon stand, wenn sie den Hörer in die Hand nahm und die Nummer wählen wollte, rief sie sich ins Gedächtnis, was passiert war. Ihr Kind und sie waren in Gefahr, wenn sie ins Alberts Nähe blieb und er war in Gefahr, sollte Umbrella von Anna erfahren. Manchmal stand sie verzweifelt und weinend vor dem Telefon.
So schmerzlich die Tatsache auch war, sie musste es akzeptieren. Sie musste tapfer sein.
Sie wusste, dass sie Albert Wesker nie wieder sehen würde. Bei diesem Gedanken spürte sie jedes mal einen stechenden Schmerz in ihrer Brust. Ihr Herz war zerbrochen.
„Albert, bitte hilf mir!", flehte Anna mit schmerzverzerrtem Gesicht. Sie sah ihn an und streckte seine Hand nach ihm aus. Tränen liefen ihre Wangen hinab. Überall um sie war Blut und ein gesichtsloser Schatten kauerte über ihr ...
Wesker schrak aus seinem Traum hoch. Es war bereits heller Tag und die Sonne schien durch das Fenster herein.
Er brauchte einen Moment, bis er bemerkte, dass ihn das Telefon aufgeweckt hatte.
Verschlafen quälte er sich hoch und hob ab. Glücklicherweise hatten wenigstens die Kopfschmerzen vom Vortag nachgelassen. Ihm war nur vom Wein schwummrig zumute.
„Ja?"
„Albert, hier ist William. Geht es dir gut?"
„Ja. Alles in Ordnung."
„Wegen gestern ...", begann William, doch Wesker unterbrach ihn sofort.
„Ist schon gut. Ich hab mich ein paar Tage krankgemeldet."
„Das ist vernünftig. Schlaf dich aus und iss mal etwas. Du hast getrunken, oder?"
Wesker kommentierte dies nicht.
„Was willst du tun? Wegen Anna meine ich? So jedenfalls kann es nicht weitergehen."
„Ich denke noch darüber nach. Ich werde ... mich demnächst melden. Ich brauche nur etwas Zeit."
Wesker legte auf und würgte William ab. Er kehrte zurück in die Küche, wo er die Nacht am Tisch verbracht hatte. Sein Einkäufe standen noch da und mussten aufgeräumt werden.
Die Bilder des Traumes schoben sich vor sein geistiges Auge und ein kalter Schauer durchfuhr ihn.
Er hatte Anna gesehen, wie sie ihn weinend um Hilfe bat. Überall war Blut gewesen. Eine unbekannte Gestalt hatte ihr Leid zugefügt. Es war sofort klar, was und aus welchem Grund er etwas Derartiges geträumt hatte.
Er atmete tief durch, dann fasste er einen Entschluss. Er ließ alles stehen und liegen, zog sich an und nahm seine Schlüssel.
Er brauchte mit dem Motorrad eine knappe halbe Stunde, um zu Annas Wohnung zu gelangen. Als er durch die Eingangstür schritt und die Treppen nach oben erklomm, kam er sich dämlich vor. Und er fühlte sich miserabel. Was erhoffte er sich davon? Es war völlig irrational. Und Albert Wesker hatte noch nie irrational gehandelt. Aber er musste wissen, ob es Anna gut ging.
Was sollte er ihr sagen? Was passierte, wenn sie sich gegenüber standen? Eigentlich war alles geklärt. Sie konnten sich nicht wiedersehen und ihre Beziehung war zu Ende. Er hatte ihr zu Verstehen gegeben, dass es mit ihnen vorbei war. Dass sie nie wieder etwas miteinander zu tun haben würden.
Er war hart und kaltherzig zu ihr gewesen, hatte sie unglücklich gemacht. Sie hatte geweint und war völlig niedergeschlagen gewesen.
Wie würde Anna reagieren, wenn er auf einmal bei ihr auftauchte? Würde sie sich neue Hoffnungen machen? Würde sie ihn bitten, zu gehen? Wäre sie wütend auf ihn?
Er erreichte den Treppenabsatz, doch er hielt sofort inne. An Annas Tür fehlte ihr Namensschild.
Er klingelte, doch auch nach ein paar Minuten öffnete niemand. Verwundert klopfte er.
„Anna? Bist du da?" Er bekam keine Antwort.
„Suchen Sie jemanden?", ertönte auf einmal eine Stimme hinter ihm. Es war die alte Frau, die gegenüber von Anna wohnte. Wenn Wesker bei Anna gewesen war, war er ihr ein paar Mal im Treppenhaus begegnet.
„Ich möchte zu Anna Muller", sagte er.
„Ah, ich erinnere mich an Sie! Sind Sie nicht Annas Freund gewesen? Sie waren doch ein paar Mal hier, oder?" Ihre Miene hellte sich auf, als sie Wesker wiedererkannte.
„Ja. Wo ist Anna? Ist sie nicht da?", fragte er.
„Oh je, das tut mir jetzt sehr leid, aber sie ist vor zwei Monaten ausgezogen. Ich glaube, die neuen Mieter ziehen bald ein. Sie sagte, sie wolle in ihre Heimat zurück."
Wie bitte? Wesker dachte, sich verhört zu haben.
„Anna ist weg?"
„Ich kann es Ihnen zeigen. Ich habe noch den Ersatzschlüssel, den mir Anna gegeben hat. Warten Sie."
Die Frau schritt in ihren Flur zurück und holte einen Schlüssel, mit dem sie Wesker die Tür aufsperrte.
„Aber machen Sie schnell. Eigentlich ist das verboten. Ich hätte den längst abgeben müssen."
Wesker nickte nur, dann betrat er vorsichtig das kleine Appartement. Der Flur, die Küche, das winzige Wohnzimmer, alles war leer. Ein paar leere Umzugskartons standen herum. Niemand war hier.
Wesker schritt langsam alle Räume ab. Die Möbel und einige andere Gegenstände standen noch da, doch alles war ausgeräumt worden.
Es stimmte also, Anna war tatsächlich ausgezogen.
Hatte sie es wegen des Streit und der Trennung getan? Aber warum sollte sie alles, was sie sich hier aufgebaut hatte, aufgeben und in ihre Heimat zurückgehen? Hatte sie es seinetwegen getan und wegen der Dinge, die sie über ihn und Umbrella wusste?
Nachdenklich ließ er sich auf dem Sofa im Wohnzimmer nieder. Es war ein eigenartiges Gefühl in der Wohnung zu sein, sie so leer und leblos zu sehen, wo sie doch vor kurzem noch hier zusammen gesessen hatten, in der Küche gegessen hatten oder im Schlafzimmer die Nacht verbracht hatten. Sogar ihre erste gemeinsame Nacht hatten sie hier gehabt.
Wesker erinnerte sich an jedes Detail. Auf dem Fensterbrett in der Küche hatte sie einen Topf mit Petersilie stehen gehabt, auf der Kommode im Flur hatte sie immer ihre Schlüssel abgelegt, ein paar Bilder aus ihrer Heimat, von ihrer Familie, hatten an der Wand gehangen. Wenn sie zusammen auf dem Sofa gesessen hatten, hatte sie sich immer an ihn gelehnt. Manchmal hatte sie eine Kerze angezündet und auf den Tisch gestellt. Ein Mal hatte sie ihn überredet, mit ihr zu tanzen, doch weil sie zu viel Wein getrunken hatten, waren sie auf dem Teppich gelandet. Er hatte noch ihr herzliches Lachen in seinen Ohren. Er konnte sich sogar noch den typischen Geruch ihrer Wohnung ins Gedächtnis rufen.
Doch jetzt waren all dies nur Erinnerungen, Erinnerungen, die bereits verblassten. Die Wohnung war leblos und kalt und hatte das Leben, mit dem Anna sie erfüllt hatte, verloren. Auch in Weskers Inneren breitete sich Leere aus. Der Geruch von frischgestrichenen Wänden lag in der Luft und deckten das, was einmal war, zu. Die Zeit blieb nicht stehen. Es ging weiter.
Wesker erhob sich langsam und schritt in den Flur. Er warf noch einen letzten Blick zurück, dann ging er zur Tür.
Er war schon im Begriff, die Wohnung zu verlassen, als sein Blick auf einen Papierkorb fiel, der im Flur stand. Er war mit zerknülltem Papier gefüllt; offenbar hatte sich noch niemand die Mühe gemacht, ihn auszuleeren. Normalerweise hätte er sich keine Gedanken darüber gemacht, doch irgendetwas zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Oben auf lagen zwei hellblaue Zettel. Er bückte sich und fischte sie heraus.
Als er die Schrift darauf las, musste er tief durchatmen.
Es waren Theaterkarten.
Er erinnerte sich, dass sie eigentlich ins Theater hatten gehen wollen. Anna hatte gesagt, sie wolle die Karten besorgen. Sie hatte „Medea" ausgesucht.
Für einen kurzen Moment überlegte er schon, die Karten William und Annette zu geben, dann fiel ihm ein, dass sie ja bereits im Mai hatten gehen wollen. Die Karten waren lange abgelaufen.
Er warf sie zurück in den Mülleimer und verließ die Wohnung.
Er fuhr ein paar Stunden mit dem Motorrad und dachte nach. Als er nach Hause zurückkehrte, war er zu einer Entscheidung gekommen.
Anna war zurück in ihre Heimat und außer Reichweite von Umbrella. Niemand hatte das Datenleck bemerkt und die beiden waren außer Gefahr. Sie hatte richtig gehandelt.
Von nun an würde er den Namen Anna Muller nicht mehr erwähnen, er würde nicht mehr über sie nachdenken, sondern sich auf seine Arbeit konzentrieren, er würde sie aus seinem Leben streichen und dafür sorgen, dass sie sich nie wieder darin einnisten konnte. Und er würde ebenso dafür Sorge tragen, dass niemand anderes jemals ihren Platz einnehmen konnte. Anna Muller würde für ihn nicht mehr existieren. Nie mehr.
Von diesem Tag an war Weskers Herz wieder von Dunkelheit und Kälte beherrscht und das kleine, warme Licht, das Anna Muller in sein Leben getragen hatte, war entgültig erloschen.
